TV aus der Retro-Konserve

Ich frage mich wirklich manchmal, in welchem Licht wir später auf unsere heutige Zeit blicken werden, auf das Hier und Jetzt. Medial scheinen wir uns jedenfalls ausnahmslos im Rückblende-Modus zu befinden – zumindest in den zahlreichen Retro-Shows, die gefühlt an jedem Arbeit über die Mattscheibe – pardon – den Flachbildschirm flimmern. Da wird in schwärmerischem Pathos von irgendwelchen D-Promis über pseudo-nostalgische Gefühle gefaselt, die besagte Personen mit Musik-Hit X oder Ereignis Y verbinden, nichtssagend, beliebig. Es ist gerade dieser permanente Wunsch nach Rückbesinnung, der in der Illusion des „Früher war doch alles besser“-Wahns gipfelt, der mich ein wenig nachdenklich werden lässt. Haben wir das nötig, uns ununterbrochen umzudrehen und über unsere Schultern zu gucken? Ist das Ganze nicht ein wenig verklärend? Oder drückt die Verklärung der Vergangenheit nicht vielleicht sogar aus, wie überdrüssig die Menschen der Gegenwart geworden sind? Während es früher die großen, aufwendig inszenierten Unterhaltungs-Shows waren, die die Zuschauer aus der Realität in einen weichgespülten Unterhaltungs-Kosmos beamten, scheint für eine Realitätsflucht heutzutage weniger auszureichen, was die Produzenten solcher Shows sehr freuen dürfte. Immerhin wird so ein Maximum an Quote mit minimalem Einsatz erreicht – ökonomische Effizienz nennt man das wohl. Olli Geissen und Co. dürften uns wohl noch weiter erhalten bleiben, und das nicht zuletzt auch deshalb, weil wir die kleine Entführung ins Reich der romantischen Jugend oder des Erwachsenwerdens so lieben. Wirklich neuartige Sende-Konzepte mit echtem Gegenwarts-Bezug bleiben dabei vorerst auf der Strecke, leider…

Die motzige Motsi

Gestern Abend war es wieder einmal so weit: Das Supertalent lockte Millionen sensations-hungriger TV-Junkies vor ihre Flachbildschirme. Ich muss gestehen: Mich auch. Also ließ ich mich von dem nett gemachten Vorspann einlullen und begann mich gemütlich auf der Couch zurückzulehnen. „Harren wir mal der Dinge, die da kommen“, war mein Credo. Und sogleich stellte sich mir da eine Frage: Wer zur Hölle ist eigentlich Motsi Mabuse? Gesagt – gegoogelt: Motsi Mabuse war demnach mehrmals Finalistin bei Weltranglisten-Tanzturnieren. Na toll. Also wieder einmal so ein D-Klasse-Promi-Jury-Mitglied. Noch dazu wirkt diese Dame alles andere als sympathisch – eher muffig und oftmals angewiedert. Das könnte ihr zwar grundsätzlich niemand verübeln, immerhin bekam sie wirklich allerhand Trash zu sehen: Vom Donald Duck-Verschnitt bis hin zum Ekel-Grimassen-Schneider. Aber wie kann man sich denn bitteschön so geekelt von einem eigentlich ganz niedlichen Äffchen abwenden, Frau Mabuse? Selbst Herr Bohlen fand das putzige Kerlchen ok.

Immerhin hatten sich 42.000 (!) Menschen bei dem Castings für das TV-Format beworben – mehr als je zuvor. Mein persönlicher Favorit der ersten Folge steht übrigens fest: Sebastian Stamm bewies eindrucksvoll und gewaagt sein Können an der Chinesischen Stange. Leider wurden solch einzigartigen Entertainment-Momente dann hin und wieder durch Auftritte à la Ekel-TV getrübt. So spielten Ingo Frasch und Stefan Häusler ihr Penis-Klavierstück mit ihrem ‚besten Stück‘ und ließen uns so teilhaben an einer seltsam-anmutenden Unten-Ohne-Einlage. Unweigerlich musste ich da an die Klötentaler Bimmelbuam denken…

Dass man auf dem Klavier auch echte Klangwunder vollbringen kann, bewies dann der junge Schweizer Punk Jörg Perreten, der mit seinen Klaviervariationen einen zauberhaft-samtigen Klangteppich webte und damit wohl millionen Menschen verzauberte. Auch Sven Müller zog mit seiner eindrucksvoll-einfühlsamen Stimme die Menschen in seinen Bann: Bei „Can you feel the love tonight“, wussten wir: Ja Sven, das können wir.

Was bleibt also von dieser ersten Show der 5. Staffel? RTL setzt wieder auf ein alt-bewährtes Konzept: Auf die Lust der Massen nach Sensationen. Der Kölner Sender vermischt dabei gekonnt Privates der Künstler mit ihrem Können oder Nichtkönnen und verzahnt somit den TV-Auftritt zu einem emotionalen Gemisch, dem sich wohl leider nur die Wenigsten entziehen können. Die Intros scheinen noch emotionaler, die Zeitlupen-Einstellungen noch ausgeprägter und leider machen sie die Gesamtheit der einzelnen Auftritte leider brüchiger.

Alles zielt auf die Gefühlsregung der Zuschauer ab – gleich ob diese angewiedert oder fasziniert sind – was zählt, ist die große Emotion. Das krampfhafte Bemühen der Kölner, bei den TV-Rezipienten eine Reaktion zu erhaschen, geht dabei zulasten der Künstler, denn diese kehren nicht nur ihr Innerstes vor einem Millionenpublikum nach außen, sondern ziehen ihre Begabung und sich selbst in ein persönliches Zerrlicht. Das drängt die Wahrnehmung der ZuseherInnen schon vor dem Auftritt danach, eine Kategorisierung zu treffen. Noch dazu sind die Talente, wenn überhaupt vorhanden, so unterschiedlich, dass sie sich ihrer Natur nach garnicht erst vergleichen lassen. Also sehen wir die Show doch besser als klassischen Lean-Back-Device und tun das, was wir am besten können: zurücklehnen, entspannen und teilhaben am Fegefeuer der Peinlichkeiten.

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