Die motzige Motsi

Gestern Abend war es wieder einmal so weit: Das Supertalent lockte Millionen sensations-hungriger TV-Junkies vor ihre Flachbildschirme. Ich muss gestehen: Mich auch. Also ließ ich mich von dem nett gemachten Vorspann einlullen und begann mich gemütlich auf der Couch zurückzulehnen. „Harren wir mal der Dinge, die da kommen“, war mein Credo. Und sogleich stellte sich mir da eine Frage: Wer zur Hölle ist eigentlich Motsi Mabuse? Gesagt – gegoogelt: Motsi Mabuse war demnach mehrmals Finalistin bei Weltranglisten-Tanzturnieren. Na toll. Also wieder einmal so ein D-Klasse-Promi-Jury-Mitglied. Noch dazu wirkt diese Dame alles andere als sympathisch – eher muffig und oftmals angewiedert. Das könnte ihr zwar grundsätzlich niemand verübeln, immerhin bekam sie wirklich allerhand Trash zu sehen: Vom Donald Duck-Verschnitt bis hin zum Ekel-Grimassen-Schneider. Aber wie kann man sich denn bitteschön so geekelt von einem eigentlich ganz niedlichen Äffchen abwenden, Frau Mabuse? Selbst Herr Bohlen fand das putzige Kerlchen ok.

Immerhin hatten sich 42.000 (!) Menschen bei dem Castings für das TV-Format beworben – mehr als je zuvor. Mein persönlicher Favorit der ersten Folge steht übrigens fest: Sebastian Stamm bewies eindrucksvoll und gewaagt sein Können an der Chinesischen Stange. Leider wurden solch einzigartigen Entertainment-Momente dann hin und wieder durch Auftritte à la Ekel-TV getrübt. So spielten Ingo Frasch und Stefan Häusler ihr Penis-Klavierstück mit ihrem ‚besten Stück‘ und ließen uns so teilhaben an einer seltsam-anmutenden Unten-Ohne-Einlage. Unweigerlich musste ich da an die Klötentaler Bimmelbuam denken…

Dass man auf dem Klavier auch echte Klangwunder vollbringen kann, bewies dann der junge Schweizer Punk Jörg Perreten, der mit seinen Klaviervariationen einen zauberhaft-samtigen Klangteppich webte und damit wohl millionen Menschen verzauberte. Auch Sven Müller zog mit seiner eindrucksvoll-einfühlsamen Stimme die Menschen in seinen Bann: Bei „Can you feel the love tonight“, wussten wir: Ja Sven, das können wir.

Was bleibt also von dieser ersten Show der 5. Staffel? RTL setzt wieder auf ein alt-bewährtes Konzept: Auf die Lust der Massen nach Sensationen. Der Kölner Sender vermischt dabei gekonnt Privates der Künstler mit ihrem Können oder Nichtkönnen und verzahnt somit den TV-Auftritt zu einem emotionalen Gemisch, dem sich wohl leider nur die Wenigsten entziehen können. Die Intros scheinen noch emotionaler, die Zeitlupen-Einstellungen noch ausgeprägter und leider machen sie die Gesamtheit der einzelnen Auftritte leider brüchiger.

Alles zielt auf die Gefühlsregung der Zuschauer ab – gleich ob diese angewiedert oder fasziniert sind – was zählt, ist die große Emotion. Das krampfhafte Bemühen der Kölner, bei den TV-Rezipienten eine Reaktion zu erhaschen, geht dabei zulasten der Künstler, denn diese kehren nicht nur ihr Innerstes vor einem Millionenpublikum nach außen, sondern ziehen ihre Begabung und sich selbst in ein persönliches Zerrlicht. Das drängt die Wahrnehmung der ZuseherInnen schon vor dem Auftritt danach, eine Kategorisierung zu treffen. Noch dazu sind die Talente, wenn überhaupt vorhanden, so unterschiedlich, dass sie sich ihrer Natur nach garnicht erst vergleichen lassen. Also sehen wir die Show doch besser als klassischen Lean-Back-Device und tun das, was wir am besten können: zurücklehnen, entspannen und teilhaben am Fegefeuer der Peinlichkeiten.

Mälzer und Co. – Fernsehköchen auf die Finger geschaut

Der Hype der Kochshows scheint noch immer ungebrochen. Was finden nur so viele Menschen daran, den verschiedenen Herdakrobaten bei der Zubereitung ihrer Speisen zuzusehen? Einer im Auftrag des Fernsehsenders VOX schon im Jahre 2007 durchgeführten Studie entnehme ich, dass damals immerhin mehr als jeder zweite Deutsche dem fröhlichen Treiben in den Studioküchen zusah. Von denen, die sich da am Bildschirm Anregungen holten, kochten immerhin 69 Prozent gar täglich. 72 Prozent derer, die mehr als 3mal wöchentlich in eine Kochsendung zappten, probierten regelmäßig neue Rezepte aus.

Interessant scheint mir der im Jahre 2007 noch äußerst mittelmäßige Bekanntheitsgrad eines Horst Lichter: Mit 19 Prozent kannte den damals nämlich gerade mal nur jeder fünfte Deutsche – das dürfte sich mittlerweile wohl geändert haben. Was ist es nun, was die Attraktivität der Kochshows ausmacht? Wenn wir in der jüngeren Fernsehgeschichte wühlen, lässt sich der Trend vom Solo-Cooking eines meist mit Sternen dekorierten Patrons à la Witzigmann hin zum gemeinsamen Kollektiv-Erlebnis mit Show-Faktor und ganzer Koch-Armada erkennen.

Kennen Sie beispielsweise noch die Sendung „Essen wie Gott in Frankreich“ mit Eckart Witzigmann? Deren größtes Manko bestand darin, dass man – wollte man das, was da gekocht wurde selber nachkochen – die in der Sendung präsentierten durchaus vorzüglichen Rezepte möglichst schnell auf einen Block abkrizzeln musste, denn sie wurden nur relativ kurz eingeblendet. Bedenken Sie: Das Internet war noch unbekannt und einen frankierten Rückumschlag an die Sendeanstalt schicken? Das Geld wollte man sich sparen… Eckart Witzigmann steht als „Koch des Jahrhunderts“ ohnehin über den Dingen.

Nachdem der Gault Millau ihm diesen Titel zuteil werden ließ, fand er sich fraglos wieder in einer Reihe mit den größten Köchen dieser Welt. Vor ihm hatten diesen Adelsschlag übrigens nur Paul Bocuse, Joel Robouchon und Fredi Girardet erhalten. 1979 wurde Witzigmanns legendäres Münchener Lokal „Aubergine“ als erstes Restaurant in Deutschland mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet. Nun aber zurück in die Welt des TVs.

Alfred Biolek reformierte das Fernsehkochen als solches, indem er aus dem formals singulären Erlebnis ein duales werden ließ: Weit weg vom Normalzuseher war man freilich noch immer, denn wer da mitkochen durfte, der war prominent oder man hielt ihn dafür. Die wichtigste Erkenntnis dieser Sendung war die, dass zum Kochen auch der richtige Küchenwein gehört. Ich frage mich ernsthaft, ob dieses Wort mittlerweile schon im Duden aufgenommen wurde. Biolek rückte also langsam, aber sicher, ab von der gediegenen Seriosität der großen Meister und fokusierte, statt Kochhandwerk, in seiner Sendung auf die Konversation mit und um den Gast.

Schließlich nahmen sich auch die privaten Sender dem Thema Kochen an und das, was dem geneigten Fernsehzuschauer zunächst vorzugsweise nachmittags serviert wurde, kam noch mal mit jüngeren Gesichtern daher: Ralf Zacherl, Tim Mälzer und der Brite Jamie Oliver brachten frischen Wind in verstaubte Küchen und erschlossen den privaten Medienkonzernen längst verlorenen geglaubte neue, junge Zielgruppen. Credo: Mit einfachen Mitteln, Leckeres kochen.

Das fand Anklang – auch bei den mikrowellen-geschädigten Geschmacksknospen der damaligen Twens – und Kochen als solches wurde langsam trendy. Scheinbar sensibilisierte diese junge Kochschule mit ihren coolen Lehrenden die Menschen wieder für eine kulinarische Lust am Genießen, was nicht zuletzt auch einem gut inszinierten Auftritt zu schulden ist. Die alte Kochmütze – vormals Statussymbol ganzer Koch- und Köchinnen-Generationen – hatte ausgedient und es folgte das Bruzzeln in nett anzusehenden Klamotten.

Die Küchenmeister sind mittlerweile aber auch zu echten Restaurant-Managern und gar Marketing-Experten geworden, die dann kommen, wenn die Hütte und die Kasse leer bleiben. Das Mantra „Frisch-Ist-Besser-Als-Konserve“ beten sie allesamt vor sich her und dass die Dunstabzugshaube einer Großküche mal sauber gemacht werden muss, das habe auch ich verstanden. Es drängt sich die Frage auf, was denn die unzähligen Restaurantbetreiber gemacht haben, als es noch keine gut bezahlten Task-Force-Einheiten für Kochanfänger oder Nichtkönner gab…

Ich persönlich denke, wir finden in den verschiedenen Sendeformaten rund ums Thema Kochen eine gewisse appolaustische Ablenkung von den Wesentlichen Dingen des Lebens. Unsere Augen erblicken auf dem Bildschirm das, was wir eigentlich gerne essen würden, aber vor uns steht noch immer meist die Tiefkühlpizza – bei 12 Minuten auf 220 Grad erwärmt.

Mit der medialen Aufbereitung des Phänomens Kochen findet auf mehreren Ebenen dessen gleichzeitige Trivialisierung statt, die sich einerseits auf die immer einfacheren Gerichte, und andererseits in der Pseudo-Witzelei der TV-Köche am Herd zeigt.

Wohlgemekt: Mit Sterneküche hat das, was da gezeigt wird, selten etwas zu tun. Kochshows rangieren in ihrer intellektuellen Anspruchslosigkeit gleich hinter dem Sommerfest der Volksmusik. Ungern erinnere ich mich da an die krampfhaft-humoristischen Einlagen eines Herrn Lichter, der sich mit Johann Lafer verbale Pseudo-Gefechte lieferte – banal, dümmlich, vorurteilsbelastet. Jedoch: Das Studiopublikum grölte vor Lachen und ich dachte unweigerlich an das römische Credo panem et circenses, Brot und Spiele, das wohl noch immer Gültigkeit besitzt…

Vielleicht, ja vielleicht, sind diese Sendungen auch deshalb für den Durchschnittsbürger so wichtig, um damit zurecht zu kommen und zu kompensieren, dass er den Eingang in echte Gourmet-Tempel à la Wohlfahrt oder Bourgueils selten oder wohmöglich nie finden wird – alleine schon des dafür benötigten finanziellen Polsters wegen. Merklich nimmt auch die echte Sterneküche fühlbare Distanz zu dem ein, was den Massen da via die verschiedenen Kochanimateure serviert wird. Man bleibt unter sich, schweigt und widmet sich dem, was Kochen wirklich ausmacht: Der Leidenschaft für die Sache selbst.