Lyrik und Gedichte

Der Autor Andreas Altmeyer will mit seinen Gedichten in Sachen Genre auch neue, hinsichtlich seiner Biografie eigentlich alte Wege beschreiten. Denn Lyrik, beeinflusst insbesondere durch die Texte von Marie Luise Kaschnitz, Heinrich Böll und Thomas Bernhard, lag ihm schon immer am Herzen und hat  ihn stetig auf seinem Weg begleitet. Bei dieser Auswahl handelt es sich um neuere Texte, die stetig um ältere erweitert werden sollen.

Alles dreht
Es dreht sich, in und um herum,
in einem Taumel der unendlichen Schwere,
in mir, an mir, über mir.

Und doch,
stehe ich in einem Raum, in Wänden, die brechen,
auf mich fallen, mich bestürzen.

Und doch,
fühl ich, spür ich, bin ich,
durch eben das Außen auch innen.
Fühl durch das Brechen die ganze Leere,
das ganze Scheitern im äußeren Schmerz nach innen.


Zwischengelagert

Logsgelöst von jeder Form,
von jeder Konstanz, und doch Teil von ihr.
Zeit vor und nach, hin und her,
ein zirkulierender Kreis,
bevor das Werdende, ins Seiende aufgeht,
nachdem das Seiende war und das Werdende ist.

Unsetetig und beständig.
Zwischen Raum. Zwischen Zeit. Zwischen-Zeit.
Der Ursprung des Möglichen.
Die Chancen des Wirklichen.
Das Potential zu gebären und zu ersticken.
Leben zu geben und nehmen.
Alles liegt darin. Alles.


Alles

Alles könnte, wenn es wollte.
Alles ginge, wenn es sollte.
Alles wäre, wenn es könnte.
Wenn es könnte, wie es könnte.

Doch es tut nur wie es kann.
Und ist deshalb schlechter dran,
macht, nur, ab und an,
oder fängt erst gar nicht damit an.



Tulpen
Die Tulpen wehen im Wind.
Der Fink kreist am Horizont,
am blauen, tiefen Firmament.

Der Duft von Regen liegt im Raum.
Entfaltet eine seltsam leichte Schwere,
ist`s wirklich oder ist es Traum?

Wenn Tropfen auf den Gehweg rinnen.
Zerfallen in ein Nichts herab,
zerbersten in ein feuchtes Grab.

Dann entspringt die Form zu Neuem,
einzig in Struktur gebannt,
stetig anders, doch bekannt.


Nebelbank
Die Welt erwacht in Nebelschwaden.
Weit weg ist die Nähe von einst.
Weit weg ist das, was du suchtest.

Näher als nah sind die Schatten.
Größer noch die Splitter im Fleisch.
Weit weg ist das, was du suchtest.
Schmerz ist an Wonne so reich.

Schmerz kann betäuben und herrschen,
wo einst die Leere regiert.
Schmerz kann ersetzen und täuschen,
was nur das Außen negiert.

Weit geht die Flanke der Schwaden,
vom flachen Wiesental bis an die Hügel empor.
Reicht herein, reicht hinein,
bis das Außen sein Innen verlor.

Auf ein Wort.
Mein Wort ist deins.
Und Deins ist meins.
Es ist doch alles eins.

Mein Wort ist seins.
Und meins ist deins.
Ist wirklich alles eins?

Faustisch
Dring vor, hinein in die klaren Wasser.
Dring ein in die Welten des Irdischen,
um das Überidische unmenschlich zu entdecken.
Erhebe dich, potenziere Dich,
sei ein Webender, Strebender, Einziger,
von vielen.

Fremdbestimmt, aber mit Bestimmung,
wissend, unwissend, heraus aus der Knechtschaft,
hinein ins Gefangen-sein,
nur dass Engelschöre dich begleiten und flankieren,
nur dass du als Versuchter zur Versuchung wirst.

Von Höherem getrieben, zu Höherem gerufen,
von Höherem missbraucht und zerrieben,
zwischen den Malsteinen der Gestirne,
zwischen den Ewigen ein unendlich, unendlich
fiebernder Geist.

Auf der Strecke vollstreckt,
auf der Strecke geblieben.


PHÖNIX

Das hölzerne Klavier verstummt.
Entklingt am bleiernen Ort, am Ort,
wo einst die Welt begann, wo einst,
die Welt begann und endet heut.
Hier steh ich nun gefangen,
gefangen in der Monotonie des Gewesenen,
möcht schreien gar, doch bin gefangen,
befangen in mir, ruhe, obwohl es,
nicht mehr weit ist, da die Entflammung kommt,
sie sich mir bemächtigt, ohnmächtig, mich
werden lässt, obgleich ich über mich wachse,
übermenschlich gar, einem Phönix gleich,
der aus der Asche sein Leben zieht, sein
Leben nimmt, entschwebt, in unbekannte Ferne.

Zerrbild
Eine Antwort ersehnend schaust du mich an,
doch das, was ich seh, wirft mehr Fragen auf.
Es ist eine einzige Frage, ein blickender Monolog,
ein fade gewordener Kaffee am Morgen, lauwarm nur.
So siehst du, du bist, dass du bist, wie du bist.
So betrachtest du, blickst du, stierst du hinein.

Und zerrinst bei der Frage, verlierst deinen Boden,
bist nah an Dir, doch siehst, siehst nicht das Wahre,
das Tiefe, das Innenliegende Offenkundige,
das Dir Innenwohnende, das dich lebendig Haltende, das Feuer.

Nein, das, das siehst du nicht, denn du bist fern, dir fern,
bist Odysseus gefolgt, hinab zu den Sirenen, in den Garten,
wo der Weg zum Felsen führt, wo die gelben Narzissen blühen.
Dort blickst du an, bist du, wie du bist. Unbegreiflich.


Dort
Dort, wo ewig der Holunder blüht.
Dort, wo ewig die Hoffnung grünt.
Dort, wo Du mich einst empfangen.
Dort will ich Ewigkeit erlangen.

Dort, wo ewig klare Bäche fließen.
Dort, wo ewig wilde Rosen sprießen.
Dort, wo sich Traum die Wahrheit nennt.
Dort will ich sein, doch bin ich fremd.

Hinab.
Weggerissen steht er, wartend nur auf den Moment.
Weggerrissen. Fortgerissen. Aller Halt.
Kein Halten mehr, kein Greifen mehr, kein Begreifen mehr.
Weggerissen. Fortgerissen. Aller Halt.
Kein Wollen mehr, kein Haben mehr, kein Denken mehr.
Weggerissen. Fortgerissen. Aller Halt.
Kein Wissen mehr, kein Fühlen mehr, kein Lachen mehr.

Erwürgt
Wohligwarme, enge Nähe, beglückend,
fixierend, umwunden, gewunden, gewoben.
Erschnürende Nähe, zerschnürende Nähe, zepressende Nähe.
Zerquetschend, vermengend, betrogen.

Bar
Was du verstehst, aber nicht siehst,
die zahllosen Ungereimtheiten zwischen den Zeilen
der Worte, zwischen dem nächsten Drink, dem nächsten
Reden und Sprechen, zwischen dem ‚Hallo‘ und dem ‚Tschüss‘.

Ein zäher Zwischenraum, angefüllt mit Plattitüden,
mit Nichtigkeiten des Vergänglichen, angekratzt erzählt,
aber nicht tiefgründig verstanden, zwischen dem nächsten Drink,
dem nächsten. Hörst du dir zu?

Was du erzählst, dass du erzählst, die Worte formst,
sie weit verströmst im Raum verteilst, verwirbelst,
bis sich das eine um die anderen dreht, und
der Barkeeper den Glenmorangie ausschüttet.

Klebrig goldgelb legt er sich nieder, da im Glas.
Die Melange wird zäher, du wirst klebriger,
Wort an Wort, verdreht sich das, was du meinst,
mit dem, was da ist zu einem Film, hinein in eine Szene.

Alles Sehen ist perspektivisch, sagt Nietzsche, denke ich,
während du sprichst, aber doch nichts sagst bis der Whisky,
meine Lippen benetzt und ich die Bedeutung dessen, was gemeint
sein könnte, in einem schweren Konjunktiv herunterschlucke.

Der Barkeeper lacht verlegen, du auch, und ich bin bei mir,
du sprichst weiter und ich entscheide mich zu gehen.


SIRENE
Du gabst mir alles und nichts,
gerade so viel, dass ich mehr davon wollte.
Fern von Nähe, nur nah am Verzicht,
eine Sirene, der ich Tribut zollte.

Die Stimme umfing mich und schuf jene Träume,
die brennend und bebend erstrahlten.
Doch abseits der Täuschung war ich nur die Beute,
war einer von vielen, die zahlten.

Was Feuer berührt, das verbrennt es meist auch,
so ist stets der Lauf der Welt.
Wo Flammen einst züngelten, jetzt schwarzer Rauch,
und schmerzende Haut, die mich quält.

Ein Kommen ein Gehen, ein Sein nur im Schein,
der Preis für Enttäuschung ist hoch.
Ein Leben mit mir, ein Leben allein,
ein Leben im ‚Könnte‘, im ‚Bloß‘.

Was bleibt, ist der Blick auf die Banalitäten,
im Boot aus geliehener Zeit.
Was bleibt, ist das Fallen in maligne Sphären,
zum Sterben für immer bereit.

INSEL
Wünschen wir uns nicht alle eine Insel?
Eine Insel, die uns auffängt, an der wir stranden,
an der wir anlanden können, von warmen Wellen getragen,
ins paradiesische Abseits des Daseins, ins verführerische,
sonnenverwöhnte Hier und Jetzt. Heraus aus der Tristesse der
Sozialversichernummern, der quälend langsamen Schritttempo-Fahrten,
der von Kälte durchzogenenen Zwangsmomente,
der geplanten Einöde inmitten von imaginären Fallnetzen,
deren letzte verblühten Maschen uns in der Illusion der stummen Realität
zurücklassen. Eine Insel, die uns umarmt, uns wahr- und annimmt.
Eine Insel brauchen wir alle.

SEITEN
Die gelben Seiten im Buch
blättern sich schwer, sind vergilbt und
kleben aneinander. Es ist mein Buch, dessen Inhaltsverzeichnis
ich zu kennen glaube,
dessen Lettern ich aufgesogen habe,
samt dem betäubenden Duft der schweren dunklen Druckerschwärze.

Manche Wörter sind verblasst, andere versal im Vordergrund stehend, scheinbar
beliebig gesetzt, willkürlich formatiert, eingefügte Wörter, teils mit Kapitälchen, die zusammengereiht zu Satzreihen, zu Kapiteln werden, und, einem Strom gleich,
an unbekannten Ufern vorbeifließen, angetrieben, angefacht vom Erleben,
vom Leben selbst,
wirbelnd, tosend, gemächlich,
alles zugleich, die umliegenden Lande formend, prägend, schleifend.

Bis die Satzglieder der Erosion preis- und dem Strom ganz übergeben werden,
sich akkumilieren am Grunde.
Zeugen einer an ihnen vorbeiziehenden Gegenwart,
Zeugnisse der Vergangenheit,
verwässernd verrotten,
Fußnoten auf den vergilbenden Seiten.

DER DOLCH.
Der goldene Dolch durchdrang die Wasser,
durchdrang sie und tauchte in sie ein,
verlor die Wärme der taghellen Sonne,
die noch hoch am Himmel thronte und darüber strahlte,
wie er aus dem Bewusstsein, aus der Welt heraus,
ins schimmernde Purpur der Kühle und Schwere
entschwinden konnte, ohne sich umzudrehen,
ohne zu zögern. Zog er fort.

Worte.
Eine Sammlung von Sprüchen und Weisheiten.

In einer oberflächlichen Welt des Scheins ist für tiefes Sein kein Platz mehr.
Das ist das tragische, aber eigentlich lösbare Problem unserer Zeit.

Kritik wird dort zur Satire, wo sie Teil einer von der Mehrzahl geteilten Meinung ist.

Bei allem Übel müssen wir glauben. An was auch immer. Sonst sind wir verloren.

Der Herrschaftsanspruch, Religion in Institutionen zu bannen, ganz egal ob diese Kirche oder Moschee heißen, steht dem echtem Glauben diametral gegenüber. Der echte Glaube ist unfassbar.

Wir leben in einer vernetzten Welt, doch durch die Maschen des Netzes fallen zu viele hindurch.

Miteinander zu reden und Diskurs zuzulassen, dieses Wagnis wird belohnt werden.