Das Recht zur Faulheit

Die Menschheit wächst, die Jobs werden dennoch in vielen Bereichen weniger. Was tun mit einer neuen Klasse, die nicht mehr arbeiten kann, muss bzw. darf?

Der französische Frühsozialist Paul Lafargue übte in seinem Aufsatz „Le Droit a la paresse“ Kritik am ideologischen, bürgerlichen sowie kapitalistischen Arbeitsbegriff. Dabei geht es ihm, anders als es der Titel seine Buches vermuten ließe, weniger darum, ein Recht zur Faulheit zu etablieren, als vielmehr um eine grundsätzliche Kritik an den bestehenden kapitalistischen Produktionsverfahren. Aktueller denn je wird die Diskussion um eben diese Produktionsverfahren jedoch dann, wenn wir uns die sich entwickelnden Arbeitsverhältnisse en detail ansehen. Genau so wird nämlich offensichtlich, dass ein Großteil von uns früher oder später zur Faulheit „verdammt“ sein wird.

Während nämlich faktisch die Produktivitätsrate in den letzten Jahren gestiegen ist, blieben nicht nur die Arbeitszeitmodelle seit Jahrzehnten weitestgehend unverändert, so auch die älteste Forderung der Arbeiterbewegung: der 8-Stunden-Tag aus den 1850er Jahren.

Und das, obwohl heutzutage für die gleiche Menge Arbeit immer weniger Menschen benötigt werden. Innovative Verfahren wie die Automatisierung und Digitalisierung potenzieren diesen Effekt weiter und verändern die Arbeitswelt bis ins Jahr 2050 soweit, dass diese nicht mehr viel mit der heutigen gemein haben dürfte. Einen Großteil von ihr wird es dann wohl nicht mehr geben, zumindest wird den noch vorhandenen Segmenten die menschliche Komponente fehlen. Sie wird also quasi „inhumanisiert“. Dies führt unweigerlich zur Entstehung einer neuen „Kaste“, eines Standes oder einer Klasse von Menschen, die schlicht und einfach nicht mehr arbeiten kann, um ihren Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Auch innovative Jobs im Sektor der Informationstechnologien können dies nicht ändern, denn die Relation zwischen Arbeitslosen und der benötigten Arbeitskraft verläuft inkongruent.

Wir werden uns also letztlich in naher Zukunft damit anfreunden (müssen), von unserem derzeitigen Arbeitsbegriff und der damit verbundenen Arbeitsmoral abzurücken. Geht doch der davon aus, dass der redliche Mensch nur dann redlich ist, wenn er redlich arbeitet. Sicher: Um die kapitalistischen Besitz- und Produktionsverhältnisse zu wahren, war dieses Topos einst von Nöten. Besonders als die Agrargesellschaft, getrieben von bahnbrechenden Innovationen, im Zuge der industriellen Revolution in eine Arbeitergesellschaft überging. Genau diese Revolution war es, die eine Legitimation der Lohnarbeit als „sinnstiftend“ und „erfüllend“ unumgänglich machte, um die Herrschaft der wenigen Fabrikbesitzer über die Horde von Arbeitern zu sichern und ihren Widerstand – und letztlich ihr Klassenbewusstsein – zu brechen.

Doch Arbeit ist keineswegs gleich Lohnarbeit. Arbeit kann das Erarbeiten von Erkenntnis sein, das Streben nach Wissen, das Verfolgen eines Hobbys. Und nein: Das ist nicht verwerflich. Denn Neugier und die Verfolgung unserer Interessen, die jenseits vom Erwirtschaften von Kapital für andere liegen, entsprechen unserer Natur.

Gerade die althergebrachte Arbeitsethik wollte uns das Gegenteil glauben machen und hat sich im Common Sense verfestigt. Wie wäre die stillschweigende Unterordnung des Arbeiters (damit meine ich auch Dienstleisters) anders zu erklären? Dabei ist die Erwerbsarbeit eigentlich als artifizielles Konstrukt doch zutiefst unnatürlich, da sie ihre heutigen Zeitmodelle uralten Forderungen entlehnt hat, gleiches gilt für ihre stets wiederkehrenden Abläufe.

Die Etymologie des französischen Wortes „traivail“ macht das sehr deutlich, denn es stammt vom lateinischen Begriff „tripalium“ ab, einem mittelalterlichen Folterwerkzeug und offenbart uns unverblümt den Charakter von Lohnarbeit.

Bevor wir also handlungstheoretische Aspekte für neue Arbeitswelt-Konzepte ableiten, kommen wir keineswegs umhin, neue moralische Kategorien für Arbeit zu entwickeln. Dabei werden wir uns zwangsläufig vom Gedanken verabschieden müssen, dass Erwerbsarbeit zu uns gehört wie der Deckel zum Topf, denn so war es eigentlich nie, abgesehen von den letzten 200 Jahren. Sicher: Dieser Gedanke setzt die Entkopplung von Lohnarbeit und Existenzsicherung voraus und geht mit einem neuen Verteilungsschlüssel einher. Doch genau das wird gerade auch im Hinblick auf die Entwicklung der Weltbevölkerung unumgänglich werden. So betrug diese zum Jahreswechsel 2016-17 7,47 Milliarden Menschen, jährlich kommen weitere 78 Millionen dazu.

Auch bei zunehmender Komplexität der gesellschaftlichen Strukturen und der dafür benötigten Arbeitsprozesse werden durch die oben genannte Digitalisierung und Automatisierung nicht all diese Menschen in Arbeit gelangen können (und müssen), vorausgesetzt, dass endlich eine Verteilungspraxis „von oben nach unten“ Einzug hält.

Konzepte bedarf es vor allem auch für solche obsoleten Finanzierungssysteme wie dem der Rentenversicherung. Denn wenn immer weniger Menschen durch weniger vorhandene Arbeit in soziale Sicherungssysteme einzahlen, so werden sich dieses System sozusagen von selbst eliminieren.

Schon 2050 wird es 9,7 Milliarden Menschen geben. Neben den immer knapperen Ressourcen wird sich dann die Frage nach der globalen Wettbewerbsfähigkeit insofern neu stellen, als dass in Asien, vor allem China (derzeit 1,396,98 Mio. Menschen), ob seines rasanten Bevölkerungswachstums der Niedrig-Lohn-Sektor anwachsen wird, weil schlicht die Ressource Mensch dafür vorhanden ist. Parallel dazu wird sich global ein neuer Finanzadel etabliert haben, der selbst nicht arbeitet, da er es nicht braucht. Dieser Finanzadel, dessen Vermögenswerte jenseits der 100 Millionen-Dollar-Marke liegen, ist es, der mittels Mikrosteuern auf entsprechende Finanztransaktionen das „Futter“ zur Finanzierung der nicht-arbeitenden Bevölkerungsschichten bereit hält.

Doch zuvor wird die aktuell herrschende Hegemonialmacht USA versuchen, ihre Macht zu sichern. Freihandelsabkommen auf der einen und Strafzölle auf der anderen Seite sind erste Anzeichen dieses sich vollziehenden Wandels, der mit dem Verlust der wirtschaftlichen Hegemonie der westlichen Staaten einhergehen wird. Da der von Herrn Trump eingeschlagene Isolationskurs jedoch nicht von Erfolg gekrönt sein wird, weil die Welt eben vernetzt ist, stellt sich die Frage, ob er oder einer seiner Nachfolger offen oder verdeckt einen Krieg mit China vom Zaun brechen. Diese Gefahr besteht meiner Meinung nach durchaus. Zunächst jedoch wird sich das Interesse der USA auf die näheren Ressourcen-Märkte, insbesondere auf den Iran, richten. Der Iran ist gleichwohl von einer wichtigeren geostrategischen als ressourcen-orientierten Bedeutung für die USA, da er durch seine Lage das Bindeglied zwischen Orient und Okzident darstellt.

Der Hegemon muss langfristig planen. Schließlich darf man nicht vergessen, dass sie, wollen die USA ihren Wirtschaftsmotor am Laufen halten, täglich Öl in der Größenordnung von 47 Tankern bedürfen.

Global betrachtet wird Europa wohl seine Nische finden, allein fehlt es an langfristigen Visionen dafür, wie diese letztlich aussehen kann. Problematisch vor allem ist, dass es Europa noch immer keine gemeinsame Politik macht, föderal strukturiert mit einem echten Parlament (und nicht den Brüsseler- und Straßburger-Lobbyisten), das jenseits von Lobbyinteressen agiert. Gerade die bräuchte es dringend, um global gesehen nicht unter die Räder zu kommen. Noch ist Europa jedenfalls nichts weiter als ein verknöcherter Wunschtraum von Eliten, die als Marionetten vor den USA buckeln und dabei eigene Interessen unter den Teppich kehren. Ein trauriges Beispiel dafür ist Monsieur Macron, der trotz seiner Wahlversprechen eine Politik für die Eliten macht, ein anderes ist das neu entflammte Feindbild Russland, das niemand (!) anderem als den USA nutzt!

Dabei kann Europa nur fortschrittlich sein, wenn es Schritt hält. Das betrifft eine gemeinsame Sicherheitspolitik, die eigenen Interessen dient genauso wie dem Technik- und Industriesektor, natürlich immer unter der Wahrung der nationalen Identität jedes einzelnen Landes. Ein Beispiel: Gerade in der Automobilindustrie, einst das Flaggschiff der deutschen Ingenieurskunst, sehe ich die Gefahr, den globalen Anschluss zu verpassen. Doch auch wenn sich dieser vollzogen hat, werden dort unzählige Arbeitskräfte freigesetzt. Eben so hart wird es die gesamte Mobilitätsbranche (Fern-, Bus- und Taxifahrer), die Baubranche und viele andere Teilbereiche treffen. Negativspeispiele für solche Wandlungsprozesse sehen wir in der Gettoisierung von ehemaligen Industriestädten allenthalben. All das sind Fakten, denen sich unsere Herren und Damen Politiker stellen müssen. Allein: Es fehlen ihnen Antworten und Konzepte!

Grundsätzlich gilt: Wo Arbeitsabläufe generalisierbar sind, dort wird man dies mittels Automation tun, während überall dort, wo zwischenmenschliches Feingefühl gefragt ist, auch weiterhin die Komponente Mensch erhalten bleiben wird. Immer mehr Menschen, das bedeutet letztlich auch, dass immer mehr Menschen umsorgt, geschult und erzogen werden müssen. Empathie und Human-Know-how (z. B. in der Pflege) werden somit zu den neuen kostbaren Gütern. Gerade in den sozialen Berufen werden sich mit diesem neuen „Social Boom“ weitere Differenzierungen (z. B. weitere Berufsbilder), aber auch neue Professionalisierungstendenzen ergeben.

Und trotz alledem wird die Erwerbslosigkeit zu dieser neuen Gesellschaft untrennbar gehören. Und sind wir ehrlich: Wir können sie uns doch leisten, die Kaste der Erwerbslosen. Nämlich dann, wenn die Eliten, die von den sich vollziehenden gesellschaftlichen Verwerfungen wirklich profitieren, für diese neue Klasse in die Pflicht genommen werden. Vielleicht profitieren dann jene, die nicht mehr arbeiten müssen, von den Vorzügen eines Lebens, das von vorherigen Generationen hart erkämpft werden musste.

Die Armut der Anderen

Ist es nicht so, dass das, was wir gerade auf unserer Welt sehen und dessen Teil wir werden, ein Echo ist? Ist es nicht so, dass wir die sind, die dieses Echo verantworten? Ist es nicht so, dass Deutschland als drittgrößter Waffenexporteur der Welt die Krisenherde auf allen Kontinenten Tag für Tag aufs Neue anheizt? Ist es nicht so, dass das, was man als kleine Flamme anheizt, auch zu einem Flächenbrand führen kann? Ist es nicht so, dass die Massen von Menschen, die jetzt unter Einsatz ihres Lebens zu uns, ins gelobte Deutschland kommen, zu Recht ihren Teil des Wohlstands einfordern? Ist es nicht so, dass in einer Welt, in der der Wert eines börsen-notierten Unternehmens von heute auf morgen um ein Drittel einbricht und dadurch Existenzen bedroht sind, nichts mehr echten, wahren Bestand hat? Ist es nicht so, dass wir, die wir alle in tendenziellem Wohlstand geboren sind, keine Ahnung haben von existentieller Not? Ist es nicht so, dass es nicht schlimm wäre, mal laut zu sagen, dass uns das alles Angst macht? Ist es nicht so, dass wir uns langsam mal verabschieden müssen von unserer unserer Dekadenz – mit SUV in der Garage und jährlichem Urlaub am Mittelmeer? Ist es nicht so, dass wir die ganze Zeit dachten „Schau die im Fernsehen doch mal an. Denen geht es schlecht. Doch wir, wir, sind so weit weg. Gott sei Dank.“? Ist es nicht so, dass der westliche Wohlstand auf der Armut der Anderen fußt? Ist es nicht so, dass der Kapitalismus, nach dessen Doktrin wir handeln, nur einen Zweck, den Selbstzweck, hat? Ist es nicht so, dass der neue Volkswagen-Aufsichtsratsvorsitzende ehemaliger IG-Metallchef war und mit dem Bezug des Vorstandspostens all die Ideale aufgab, für die er einst eintrat?

Ich denke, wir werden uns verabschieden müssen von unserem hedonistischen Drehen um uns selbst. Die letzten vier Jahrzehnte haben uns Deutsche faul werden lassen. Wir konnten uns in unseren Ohrensesseln nach Feierabend genüsslich zurücklehnen und an die Stelle eines Homo Politicus trat in gewissem Maße eine Entpolitisierung. Spätestens nach dem pubertären Aufbäumen der 68er und deren geglückter Vergesellschaftung in die neo-liberale Ordnung gab es in Deutschland keine Begeisterung für die politische Sache. Die Entpolitisierung der Menschen war eine vom System gewünschte Conditio sine qua non, die die Bewahrung des Status Quo und gleichwohl die Manifestierung der kapitalistischen Doktrin erst zuließ. Kämen die großen Volksparteien auf jene Wahlergebnisse, wenn sich das Gros der Wählerinnen und Wähler mit den Inhalten jener Parteien, und dem, was sie wirklich erreichten, beschäftigen würden? Ich glaube kaum.

Was jetzt passiert, wird uns im Mark erschüttern. Und zwar nicht, weil uns Flüchtlinge aus fernen Ländern aufsuchen und wir damit nicht fertig werden, sondern weil wir das erste Mal nach dem zweiten Weltkrieg erkennen müssen, mitten drin und nicht weit weg zu sein. Sie kommen zu uns, durchqueren das Mittelmeer und erwarten Hilfe.

Doch sind wir Wohltäter, wenn wir unsere Pforten öffnen? Nein. Das Öffnen der Schranken ist selbstverständlich. Denn die Flüchtlingsströme gehen auch auf unser Konto, genauer: auf das, der Regierenden der letzten 30 Jahre. Denn aufgrund unserer USA-affinen Politik einerseits und aufgrund unserer Waffengeschäfte andererseits sind wir nicht nur verantwortlich, sondern gemeinsam mit den USA die direkten Urheber für Leid und Tod in Syrien, Somalia und in anderen Krisengebieten dieser Welt. Es hat schon so etwas von Goethes „Zauberlehrling“:

„Und sie laufen! Naß und nässer. (…)
welch entsetzliches Gewässer. (…)
Herr, die Not ist groß.
Die ich rief, die Geister
Werd ich nun nicht los.“

Europa spürt angesichts dieser Krise, die im soziologischen Sinne eine normale Migrationsbewegung darstellt, dass es alles andere ist als einig. Und sind wir mal ehrlich: Über diese Heterogenität der europäischen Staaten können auch längst keine offenen Grenzen und erst recht keine einheitliche Währung hinwegtäuschen. Aber ist es nicht normal, dass jedes Land unterschiedlich auf die Fragen dieser Zeit antwortet und reagiert? Dass sich das eine abschotten möchte, während das andere bereitwillig seine Grenzen öffnet? Ist der Grundgedanke des geeinten Europa nicht ein idealisiertes Topos, das schlimmsten Falls der Aufgabe der eigenen landestypischen Identität gipfelt?

Gleichschaltung statt Akzeptanz des Einzelnen und seiner Identität, so geht Kapitalismus m iKleinen und im Großen. Mercedes-Chef Zetsche sieht in den Migranten verwehrtbares Humankapital, mit dem man den Produktionsprozess verbessern und beschleunigen könne, zum Mindestlohn versteht sich. Der SPIEGEL verklärt Miss Merkel derweil zur Mutter Theresa. Welch schöne, neue Welt wir doch haben. Doch mit Flüchtlingen lässt sich eben Quote machen, noch jedenfalls. Und sollte das nicht mehr so sein, dann wird Angie ihre Meinung ändern und sie drehen, wie das Fähnchen im Wind sich dreht. Das war ja damals beim Atomausstieg schon so. Während wir heute noch die großen Gastgeber sind, können wir morgen schon wieder die bösen Deutschen sein. Das hat man eben von einem Wachstum, das auf dem sandigen Fundament der Armut der Anderen wurzelt und damit die Anderen entwurzelt.

Im Gleichschritt, Marsch!

Ach, was ist das schön! Wir alle leben in einer Zeit, in der wir es uns leisten können, abends ins Fitness-Studio zu gehen, morgens dann vor der Arbeit noch schnell eine Runde durch den Wald zu joggen, um dann, nach der Arbeit, die sauer verdienten Kröten im H&M, C&A oder im A&O wieder auszugeben. Im Zeitalter des sozialen Netzwerkelns sind wir alle ein bisschen mehr zu Individualisten geworden, oder? Wir lassen die anderen teilhaben an unserem Online-Leben, bescheren ihnen quasi voyeuristische Einblicke in unsere Lebenswelt, nur um dafür ein „Gefällt mir“ zu ernten. Der eine hat gerade zehn Liegestützen gemacht, der andere ist gerade 20 Kilometer Rad gefahren – alles live übetragen, via App. So weit, so gut. Aber wissen Sie: Ich denke, dass hinter all dem individualistischen Getue in Wahrheit nichts anderes steckt als das tiefe Bedürfnis des Menschen, den anderen ähnlich zu sein, es ihnen gleich zu tun, dazu zu gehören. Verzeihen Sie, wenn ich nun einen kleinen Ausflug in die Soziologie unternehme, aber dort kennt man dieses Phänomen unter dem Begriff der „Selbstähnlichkeit“.

Menschen haben wohl ein Streben nach Kohärenz in sich, den Wunsch, etwas zu hinterlassen in dieser Welt. Die Ironie an der Sache ist, dass sie, in dem sie das tun, anderen Menschen wieder gleich sind. Man nennt das die Dialektik vom Allgmeinen und Besonderen – ach, wie hochtrabend, nicht wahr? Ein Beispiel gefällig? Wenn ein Patient im Krankenhaus die Diagnose „Blinddarmentzündung“ gestellt wird, geht es dabei zwar immer um einen höchst individuellen Fall des Patienten X, gleichzeitig ähnelt Fall B immer in seiner Struktur Fall A, da Blinddarme nun mal von Natur aus gleich sind und erst durch die Selbstähnlichkeit der Strukturen ein individuelles Muster zur Intervention, sprich: zur Behandlung, angeboten werden kann. Das wiederum ist die Grundlage jeder Profession. Der allgemeine Fall, der durch ein individuelles Muster zu etwas Besonderem wird. Der Arzt muss ja schließlich wissen, wo sich das Organ befindet, welche Dinge es zu beachten gilt und so fort.

Auch auf menschliche Verhaltensmuster lässt sich das Phänomen der Selbstähnlichkeit anwenden. Beispiel Fitness: Wir bleiben fit, um einem gewissen Ideal zu entsprechen und erleben uns dabei vielleicht sogar als zufrieden und ausgeglichen. Dem „Besonders fühlen“ des Einzelnen liegt allerdings eine allgemeine Struktur zugrunde. Beziehen wir das mal auf das Sujet Fitness-Studio, so wird klar: Der Einzelne fühlt sich durch das regelmäßige Trainieren mehr oder minder gut, entspricht aber in seiner Verhaltensstruktur den Wertforderungen der Gesellschaft, die durch das Gesund- und Vital-Sein zur allgemeinen Prämisse erhoben hat.

Überspitzt könnte man sagen, je freier sich das Individuum innerhalb vorgebener Gesellschaftsstrukturen sieht, desto mehr entspricht es der gesellschaftlichen Tendenz zurUniformierung menschlicher Bedürfnisse. Wir shoppen und fühlen uns beim Kauf glücklich, entsprechen damit aber der gesellschaftlichen Prämisse des Konsums. Wir kaufen uns Kleider, die wir nicht brauchen, nur, um abends in der Disco hundert anderen Menschen ähnlich zu sehen, die einen ähnlichen Kapuzenpulli anziehen. Selbst Subkulturen wie Punks und Co. transportieren in ihrem Protest immer ein Stückchen von dem System mit, das sie so verabscheuen, denn ohne das System und im Protest gegen es, hätten auch sie ihre Daseinsberechtigung verloren. Echter Individualismus fällt auf, kostet Anstrengung und Kraft und nur wenige halten ihn aus.

Natürlich wird uns der Wunsch nach Selbstähnlichkeit in die Wiege gelegt. Wir werden sozialisiert, unsere Eltern erklären uns die Welt und dann, mit Zwanzig spätestens, merken wir, dass doch alles ganz anders läuft. Die große Revolution und so. Der Phase der Adolseszenz wieder entkommen, bauen wir uns dann ein Leben auf, das wir noch zehn Jahre zuvor nicht mal mit einem Schleifchen dran geschenkt haben wollten. Ja ja, vertrauen auf altbewährte Werte werden Sie sagen und so ganz Unrecht haben Sie damit wohl nicht. Wir nähern uns im Alter wieder der Systemschnittmenge an, werden mit der allgemein gültigen Struktur der Gesellschaft selbstähnlich. Ein bekannter Soziologie, der sich mit der Markenbildung in Unternehmen beschäftigt, beschrieb Selbstähnichkeit so: „Wenn Sie sich die Form eines Porsche ansehen, ist die immer ähnich. Egal, ob 911er oder Cayenne, Sie wissen, wenn ich hier einsteige, kann ich auf Porsche-Feeling vertrauen“.

Genug der Werbung. Aber genau das Vertrauen in Altbewährtes macht den Vorzug der Selbstähnlichkeit aus. Wir spüren intuitiv, dass wir anderen ähnlich sind, dass wir wollen, was sie wollen, begehren, was sie begehren. Das gibt uns Sicherheit. Auch in der Systemtheorie ist der Wille der Systeme zum Ausgleich, zur Homöostase, bekannt. So bewegen wir uns in einem latenten Gleichschritt in eine bereits vorgegebene Richtung, ohne uns dessen immer bewusst zu sein, möchten individuell wahrgenommen werden und sind doch immer zutiefst uniform. Solche Bahauptungen aufzustellen, das sieht mir mal wieder ähnlich, oder?

Überlegungen zur Sozialisation im kapitalistischen Gesellschafts-Kontext

In einem von Nebelschwaden durchzogenen, trüben und feuchten 25. Dezember finde ich nun also doch noch ein gewisses Maß an Ruhe und Entspannung. Es ist eine Form der Zeitlosigkeit, oder vielmehr, das Aus-der-Zeit-Gelöst-Sein, was mich zwischen meinen Büchern und denen sich aus ihnen entfaltenden Gedankenwelten ein wenig zur Ruhe kommen lässt. Ob man das nun besinnlich nennen mag, das wage ich zu bezweifeln. Vielmehr ist es eine Art des über das Jahr hinweg stets verlorenen geglaubten Egozentrismus, der Besinnung auf das Eigene, auf das Selbst, das endlich nicht von einem künstlichen Tagesablauf determiniert wird und sich nun endlich von der schalen, bröckelnden Fassade einsozialisierter Konventionen und Normen befreien darf.

Schade nur, dass sich dieser fragile Charakter der Freiheiten, die sich aus dem temporären Auf-der-Stelle-Treten-Dürfen ergeben, wohl nicht über das nächste Jahr hinweg bewahren lassen. Und ich denke an Marx, der sinngemäß schrieb, dass Menschen zwar ihre eigene Geschichte machten, dass diese, die Geschichte selbst, sich aber immer nur unter bereits vorgegebenen Umständen vollziehe*. Gesellschaftstheoretisch lässt diese Ansicht leider nicht viel an emanzipatorischem Potential zur Verwirklichung der eigenen Persönlichkeit zu, da die Windungen des Lebensweges demnach ja schon biographisch angelegt sind, aber ich teile sie mehr als die existenzphilosophischen Ansichten eines Martin Buber oder die oft selbstgefälligen Omnipotenz-Phantasien mancher Konstruktivisten, die einer Begegnung oder dem Selbst mehr schöpferisches Potential zuschreiben, als beispielsweise einer Überweisung des Arbeitsamtes am Monats-Ersten.

Gesellschaftlich Ungleichheit lässt Menschen arm werden – materiell und geistig. Geistig insofern, als dass die materielle Armut oder auch die materielle Abhängigkeit dazu beitragen, ein systemkonformes Verhalten an den Tag zu legen. Eben das Arm-Sein ist es, aus dessen Klauen sich Betroffene aus eigener Kraft oft nur schwer befreien können, da sie eben das gesellschaftliche Korsett daran hindert. Wo materielle Ungleichheit als gelebtes Paradigma die Lebenswirklichkeit und die Lebenswelt der Menschen bestimmen, dort ist wenig Raum zur persönlichen Verwirklichung. Wo monotone Arbeitswelten eine rein mechanische Tätigkeit fordern, sind keine abschweifenden Gedanken gefragt und wo Arbeiter und Arbeiterinnen sich in dem immer komplexeren Produktionsprozess verlieren, geht auch ein wichtiger Aspekt der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit selbst, das Bewusstsein ihrer gesellschaftlichen Relevanz für das Gesamtsystem, verloren. Die Wurzeln der gesellschaftlichen Ungleichheit sind dabei schon zu finden in den primären Sozialisations-Instanzen, namentlich schon in der dyadischen Beziehung zwischen Mutter und Kind, dem Elternhaus und später der Schule, indem diese Instanzen es sind, die das Kind auf die für die Gesellschaft so wichtige Form der späteren Unterordnung im kapitalistischen Produktionsprozess vorbereiten. Erst durch diese, dem Grundverständnis nach subtile Formen der Sozialisation, wird das Individuum empfänglich für konformistische Perspektiven, wird es gefügig und internalisiert in ihnen den Glauben an die Notwendigkeit einer Unterwerfung, um materielle Sicherheit erlangen zu können.

Das Opfer, das es dabei erbringt, ist hoch. So reift in ihm durch derlei Sozialisationsstrukturen schon früh der Irrglaube in die mangelnde, eigene gesellschaftliche Relevanz und fördert vice versa die Perspektive des Wir-da-unten und Die-da-oben.

Um den Kreis zu schließen: Oft haben Menschen nicht den Luxus erfahren, ihren eigenen Gedanken nachhängen zu dürfen. Und genau darin liegt die Crux: Denn indem einer Vielzahl von Menschen systematisch die eigene Begrenztheit eingeredet wird, sind diese zwar für den kapitalistisches Produktionsprozess das wertvollste Gut, wissen aber nicht um ihre systemrelevante Bedeutung und finden sich auf dem Boden der harten, materialistischen Realität wieder. Dort sind es die offenen Rechnungen, die überteuerten Schuhe für die Kinder, die die Lebenswirklichkeit bestimmen und die die Dependenz zwischen Arbeit, Geld und Arbeitgeber zu einer unausweichlichen, kapitalistisch-determinierten Trias erwachsen lassen, die dem Einzelnen tagtäglich vorwurfsvoll suggeriert, es sei das Höchstmaß an Glück, für sieben Euro Stundenlohn am Fließ-Band zu stehen, während sich die Konzernbosse Milliarden-Gewinne in ihre Taschen stopfen. Welch neurotisches Fundament, auf das der Kapitalismus doch fußt…

*Das ursprüngliche Zitat stammt aus der von Marx im Mai 1852 veröffentlichten Schrift „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ und soll der Vollständigkeit halber hier aufgeführt werden:

„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorhandenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“

Hey Joe: Der Abgang des Vorzeige-Kapitalisten

Am Ende wurde er ein Opfer der Geister, die er selber gerufen hatte: Josef Ackermann, Deutsche Bank-Chef und Kapitalismus-Gesicht par excellence, wird wohl demnächst seinen Hut nehmen (müssen). Nicht die Medien, nicht die Kapitalismus-Gegner oder die Politik gar führten den Schweizer ins Aus – nein: Vielmehr die größenwahnsinnigen Gewinn-Ziele, die der Sepp ausgegeben hatte, waren es, die ihn das Genick kosteten. Während „Joe“ nämlich immer noch von einer Eigenkapitalrendite von 25 Prozent tönte, raste die Deutsche Bank im allgemeinen Marktvergleich immer rasanter in unterirdische Kellerregionen. Nun haben die Aktionäre endgültig die Nase voll – Vorstandsposten ade – spätestens im Jahr 2013 ist in Sachen Deutsche Bank Schluss für den Schweizer. Wir werden dich nicht vermissen, Josef.

Karikatur Copyright by Pit Hammann

Überlegungen zur gesellschaftlichen Ungleichheit

Ich glaube, wir brauchen einmal eine neue Begriffdefinition davon, was Reichtum im eigentlichen Sinne des Wortes überhaupt bedeutet. Ich meine, es ist doch so, dass sich unsere Welt in unglaublichen Polaritäten und Gegensätzen repräsentiert. Wie kann es denn sein, dass es in einem Teil dieser Welt das höchste Ziel ist, einen Teller Suppe zu ergattern, während in einem anderen die Sucht nach übertriebenem Pomp und Luxus herrscht? Die Frage ist an dieser Stelle nicht populistisch gemeint, sondern in ihrer ganzen Brutalität formuliert. Es ist doch eine Welt der Ungleichheiten, in der das „Geboren-Sein in“ immer noch über die kollektive Stellung und die gesellschaftliche Daseinsberechtigung entscheidet. Ich meine das nicht fatalistisch. Doch grundlegend scheint für den daraus resultierenden gesellschaftlichen Determinismus des Einzelnen, der Kapitalismus Rechnung zu tragen, indem nämlich die Auswirkungen dieses Systems eine Maschinerie in Gang setzen, die sich vom niedrigen Lohn der Einen und der Profitgier der Anderen schmiert. Das, was das System des Kapitalismuns am erfolgreichsten in den letzten Jahrzehnten praktiziert hat, ist die ständige Ausbreitung seiner selbst unter dem Paradigma des Wachstums und der Gewinnmaximierung. Der Kapitalismus dominiert unsere westliche Sphäre auch, weil er rein strukturell jedem Einzelnen das Trugbild des tendenziellen materiellen Reich-Werden-Könnens vorgaukelt – ganz nach amerikanischem Vorbild.

Der Kapitalismus macht sich dabei das Prinzip der tendenziellen Belohnung zu Nutze. In dem Versprechen der möglichen, allgegenwärtigen Bedürfnisbefriedigung und des materiellen Reichtums werden aber essentielle, kollektive Problemstellungen weniger wahrgenommen, haben keinen Stellenwert. Das System des Kapitalismus kennt keine soziale Komponente und reagiert lediglich non-human auf das sich ständig wandelnde Verhältnis von Angebot und Nachfrage.

Auch die Medien entziehen sich seinen suppressiven Auswüchsen nicht, lenken sie doch einen Großteil ihrer Nachtrichtenströme zunehmend einseitig. Wann haben Sie das letzte Mal eine Meldung über die Not in Afrika im Radio oder in Zeitungen vernommen? In Europa, und in kapitalistisch geprägten Ländern überhaupt, ist die öffentliche Wahrnehmung meist vollends auf den eigenen Deutungshorizont beschränkt. Selbiger wiederum ist geprägt von einer fast schon redikulös wirkendenden Wechselhaftigkeit: Die Wichtigkeit einer Nachrichtenmeldung scheint sich gänzlich an deren Aktualität zu bemessen und der eigentliche Inhalt, die Quintessenz, wird scheinbar zur Nebensache degradiert. Unser Weltbild, die Art des gesellschaftlichen Erlebens, prägt unser Denken und Handeln – das ist längst nicht neu. Und zwar in der Form, dass sich Fragen über gesellschaftliche Ungleichheit für die meisten von uns überhaupt nicht stellen.

Gesellschaftliche Not lindern wir im Einzelnen, wenn überhaupt, nur punktuell. Natürlich geben wir gerne – an Weihnachten oder bei der Kollekte in der Kirche. Aber ist es nicht so, dass wir alle – im Vergleich zu anderen Menschen auf dieser Welt – reich sind und oftmals mehr geben könnten – materiell und sozial gesehen? Haben die Meisten von uns nicht mehr als sie brauchen und ist eben das nicht eine Form von Reichtum? Unsere individuelle und kollektive Gendankenwelt widmet sich jedoch, im Stile infantilen Egozentrismus, ganz und gar sich selbst und scheint en gros kein Bewußtsein von einem empathischen Miteinander zu entwickeln. Wir machen uns täglich Gedanken um das eigene Dasein, die Welt in und um uns und verlieren dabei ein Wesentliches, ein Essentielles, aus den Augen: die Anderen.

Tut es nicht Not einen neuen, einen utopischen Gesellschaftsbegriff zu entwickeln, der humanen Idealen wieder deutlicher Rechnung trägt? Ganz egal, wie man es nennt, sei es Altruismus oder Agape: Es geht doch darum, die Formen der gesellschaftlichen Ungleichheit aufzudecken, um ihre Wurzeln zu entkräften. Das beginnt auch schon im Kleinen. Es geht um eine Form des Widerstandes, um einen Ausdruck der Empörung, die sich vom Einzelnen quasi systemisch fortsetzt und kanalasisiert. Sicher: Wir alle sind Teil des Systems und können uns insofern nicht gänzlich von gewissen sachlichen und existentiellen Zwängen freisprechen. Allerdings können wir zumindest versuchen, der Welt offener einseitig entgegen zu treten, uns weniger um uns selbst zu drehen und bemerken dann vielleicht, wie wirklich barbarisch unsere gegnwärtige gesellschaftlich Hackordnung schon geworden ist.

Die bittere Essenz des Kapitalismus

Heute möchte ich Euch ein kleines Highlight aus der Welt des politischen Kabaretts präsentieren. Wenn Ihr immer schon immer einmal wissen wolltet, was der Kapitalismus mit dem Märchen „Der Fischer und seine Frau“ (die pommersche Variante lautet „Von dem Fischer un syner Fru“) zu tun hat, und warum das Billy-Regal ein Muster-Beispiel für moderne Sklaventreiberei ist, der sehe sich dieses Video an.