Das Recht zur Faulheit

Die Menschheit wächst, die Jobs werden dennoch in vielen Bereichen weniger. Was tun mit einer neuen Klasse, die nicht mehr arbeiten kann, muss bzw. darf?

Der französische Frühsozialist Paul Lafargue übte in seinem Aufsatz „Le Droit a la paresse“ Kritik am ideologischen, bürgerlichen sowie kapitalistischen Arbeitsbegriff. Dabei geht es ihm, anders als es der Titel seine Buches vermuten ließe, weniger darum, ein Recht zur Faulheit zu etablieren, als vielmehr um eine grundsätzliche Kritik an den bestehenden kapitalistischen Produktionsverfahren. Aktueller denn je wird die Diskussion um eben diese Produktionsverfahren jedoch dann, wenn wir uns die sich entwickelnden Arbeitsverhältnisse en detail ansehen. Genau so wird nämlich offensichtlich, dass ein Großteil von uns früher oder später zur Faulheit „verdammt“ sein wird.

Während nämlich faktisch die Produktivitätsrate in den letzten Jahren gestiegen ist, blieben nicht nur die Arbeitszeitmodelle seit Jahrzehnten weitestgehend unverändert, so auch die älteste Forderung der Arbeiterbewegung: der 8-Stunden-Tag aus den 1850er Jahren.

Und das, obwohl heutzutage für die gleiche Menge Arbeit immer weniger Menschen benötigt werden. Innovative Verfahren wie die Automatisierung und Digitalisierung potenzieren diesen Effekt weiter und verändern die Arbeitswelt bis ins Jahr 2050 soweit, dass diese nicht mehr viel mit der heutigen gemein haben dürfte. Einen Großteil von ihr wird es dann wohl nicht mehr geben, zumindest wird den noch vorhandenen Segmenten die menschliche Komponente fehlen. Sie wird also quasi „inhumanisiert“. Dies führt unweigerlich zur Entstehung einer neuen „Kaste“, eines Standes oder einer Klasse von Menschen, die schlicht und einfach nicht mehr arbeiten kann, um ihren Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Auch innovative Jobs im Sektor der Informationstechnologien können dies nicht ändern, denn die Relation zwischen Arbeitslosen und der benötigten Arbeitskraft verläuft inkongruent.

Wir werden uns also letztlich in naher Zukunft damit anfreunden (müssen), von unserem derzeitigen Arbeitsbegriff und der damit verbundenen Arbeitsmoral abzurücken. Geht doch der davon aus, dass der redliche Mensch nur dann redlich ist, wenn er redlich arbeitet. Sicher: Um die kapitalistischen Besitz- und Produktionsverhältnisse zu wahren, war dieses Topos einst von Nöten. Besonders als die Agrargesellschaft, getrieben von bahnbrechenden Innovationen, im Zuge der industriellen Revolution in eine Arbeitergesellschaft überging. Genau diese Revolution war es, die eine Legitimation der Lohnarbeit als „sinnstiftend“ und „erfüllend“ unumgänglich machte, um die Herrschaft der wenigen Fabrikbesitzer über die Horde von Arbeitern zu sichern und ihren Widerstand – und letztlich ihr Klassenbewusstsein – zu brechen.

Doch Arbeit ist keineswegs gleich Lohnarbeit. Arbeit kann das Erarbeiten von Erkenntnis sein, das Streben nach Wissen, das Verfolgen eines Hobbys. Und nein: Das ist nicht verwerflich. Denn Neugier und die Verfolgung unserer Interessen, die jenseits vom Erwirtschaften von Kapital für andere liegen, entsprechen unserer Natur.

Gerade die althergebrachte Arbeitsethik wollte uns das Gegenteil glauben machen und hat sich im Common Sense verfestigt. Wie wäre die stillschweigende Unterordnung des Arbeiters (damit meine ich auch Dienstleisters) anders zu erklären? Dabei ist die Erwerbsarbeit eigentlich als artifizielles Konstrukt doch zutiefst unnatürlich, da sie ihre heutigen Zeitmodelle uralten Forderungen entlehnt hat, gleiches gilt für ihre stets wiederkehrenden Abläufe.

Die Etymologie des französischen Wortes „traivail“ macht das sehr deutlich, denn es stammt vom lateinischen Begriff „tripalium“ ab, einem mittelalterlichen Folterwerkzeug und offenbart uns unverblümt den Charakter von Lohnarbeit.

Bevor wir also handlungstheoretische Aspekte für neue Arbeitswelt-Konzepte ableiten, kommen wir keineswegs umhin, neue moralische Kategorien für Arbeit zu entwickeln. Dabei werden wir uns zwangsläufig vom Gedanken verabschieden müssen, dass Erwerbsarbeit zu uns gehört wie der Deckel zum Topf, denn so war es eigentlich nie, abgesehen von den letzten 200 Jahren. Sicher: Dieser Gedanke setzt die Entkopplung von Lohnarbeit und Existenzsicherung voraus und geht mit einem neuen Verteilungsschlüssel einher. Doch genau das wird gerade auch im Hinblick auf die Entwicklung der Weltbevölkerung unumgänglich werden. So betrug diese zum Jahreswechsel 2016-17 7,47 Milliarden Menschen, jährlich kommen weitere 78 Millionen dazu.

Auch bei zunehmender Komplexität der gesellschaftlichen Strukturen und der dafür benötigten Arbeitsprozesse werden durch die oben genannte Digitalisierung und Automatisierung nicht all diese Menschen in Arbeit gelangen können (und müssen), vorausgesetzt, dass endlich eine Verteilungspraxis „von oben nach unten“ Einzug hält.

Konzepte bedarf es vor allem auch für solche obsoleten Finanzierungssysteme wie dem der Rentenversicherung. Denn wenn immer weniger Menschen durch weniger vorhandene Arbeit in soziale Sicherungssysteme einzahlen, so werden sich dieses System sozusagen von selbst eliminieren.

Schon 2050 wird es 9,7 Milliarden Menschen geben. Neben den immer knapperen Ressourcen wird sich dann die Frage nach der globalen Wettbewerbsfähigkeit insofern neu stellen, als dass in Asien, vor allem China (derzeit 1,396,98 Mio. Menschen), ob seines rasanten Bevölkerungswachstums der Niedrig-Lohn-Sektor anwachsen wird, weil schlicht die Ressource Mensch dafür vorhanden ist. Parallel dazu wird sich global ein neuer Finanzadel etabliert haben, der selbst nicht arbeitet, da er es nicht braucht. Dieser Finanzadel, dessen Vermögenswerte jenseits der 100 Millionen-Dollar-Marke liegen, ist es, der mittels Mikrosteuern auf entsprechende Finanztransaktionen das „Futter“ zur Finanzierung der nicht-arbeitenden Bevölkerungsschichten bereit hält.

Doch zuvor wird die aktuell herrschende Hegemonialmacht USA versuchen, ihre Macht zu sichern. Freihandelsabkommen auf der einen und Strafzölle auf der anderen Seite sind erste Anzeichen dieses sich vollziehenden Wandels, der mit dem Verlust der wirtschaftlichen Hegemonie der westlichen Staaten einhergehen wird. Da der von Herrn Trump eingeschlagene Isolationskurs jedoch nicht von Erfolg gekrönt sein wird, weil die Welt eben vernetzt ist, stellt sich die Frage, ob er oder einer seiner Nachfolger offen oder verdeckt einen Krieg mit China vom Zaun brechen. Diese Gefahr besteht meiner Meinung nach durchaus. Zunächst jedoch wird sich das Interesse der USA auf die näheren Ressourcen-Märkte, insbesondere auf den Iran, richten. Der Iran ist gleichwohl von einer wichtigeren geostrategischen als ressourcen-orientierten Bedeutung für die USA, da er durch seine Lage das Bindeglied zwischen Orient und Okzident darstellt.

Der Hegemon muss langfristig planen. Schließlich darf man nicht vergessen, dass sie, wollen die USA ihren Wirtschaftsmotor am Laufen halten, täglich Öl in der Größenordnung von 47 Tankern bedürfen.

Global betrachtet wird Europa wohl seine Nische finden, allein fehlt es an langfristigen Visionen dafür, wie diese letztlich aussehen kann. Problematisch vor allem ist, dass es Europa noch immer keine gemeinsame Politik macht, föderal strukturiert mit einem echten Parlament (und nicht den Brüsseler- und Straßburger-Lobbyisten), das jenseits von Lobbyinteressen agiert. Gerade die bräuchte es dringend, um global gesehen nicht unter die Räder zu kommen. Noch ist Europa jedenfalls nichts weiter als ein verknöcherter Wunschtraum von Eliten, die als Marionetten vor den USA buckeln und dabei eigene Interessen unter den Teppich kehren. Ein trauriges Beispiel dafür ist Monsieur Macron, der trotz seiner Wahlversprechen eine Politik für die Eliten macht, ein anderes ist das neu entflammte Feindbild Russland, das niemand (!) anderem als den USA nutzt!

Dabei kann Europa nur fortschrittlich sein, wenn es Schritt hält. Das betrifft eine gemeinsame Sicherheitspolitik, die eigenen Interessen dient genauso wie dem Technik- und Industriesektor, natürlich immer unter der Wahrung der nationalen Identität jedes einzelnen Landes. Ein Beispiel: Gerade in der Automobilindustrie, einst das Flaggschiff der deutschen Ingenieurskunst, sehe ich die Gefahr, den globalen Anschluss zu verpassen. Doch auch wenn sich dieser vollzogen hat, werden dort unzählige Arbeitskräfte freigesetzt. Eben so hart wird es die gesamte Mobilitätsbranche (Fern-, Bus- und Taxifahrer), die Baubranche und viele andere Teilbereiche treffen. Negativspeispiele für solche Wandlungsprozesse sehen wir in der Gettoisierung von ehemaligen Industriestädten allenthalben. All das sind Fakten, denen sich unsere Herren und Damen Politiker stellen müssen. Allein: Es fehlen ihnen Antworten und Konzepte!

Grundsätzlich gilt: Wo Arbeitsabläufe generalisierbar sind, dort wird man dies mittels Automation tun, während überall dort, wo zwischenmenschliches Feingefühl gefragt ist, auch weiterhin die Komponente Mensch erhalten bleiben wird. Immer mehr Menschen, das bedeutet letztlich auch, dass immer mehr Menschen umsorgt, geschult und erzogen werden müssen. Empathie und Human-Know-how (z. B. in der Pflege) werden somit zu den neuen kostbaren Gütern. Gerade in den sozialen Berufen werden sich mit diesem neuen „Social Boom“ weitere Differenzierungen (z. B. weitere Berufsbilder), aber auch neue Professionalisierungstendenzen ergeben.

Und trotz alledem wird die Erwerbslosigkeit zu dieser neuen Gesellschaft untrennbar gehören. Und sind wir ehrlich: Wir können sie uns doch leisten, die Kaste der Erwerbslosen. Nämlich dann, wenn die Eliten, die von den sich vollziehenden gesellschaftlichen Verwerfungen wirklich profitieren, für diese neue Klasse in die Pflicht genommen werden. Vielleicht profitieren dann jene, die nicht mehr arbeiten müssen, von den Vorzügen eines Lebens, das von vorherigen Generationen hart erkämpft werden musste.

Die Armut der Anderen

Ist es nicht so, dass das, was wir gerade auf unserer Welt sehen und dessen Teil wir werden, ein Echo ist? Ist es nicht so, dass wir die sind, die dieses Echo verantworten? Ist es nicht so, dass Deutschland als drittgrößter Waffenexporteur der Welt die Krisenherde auf allen Kontinenten Tag für Tag aufs Neue anheizt? Ist es nicht so, dass das, was man als kleine Flamme anheizt, auch zu einem Flächenbrand führen kann? Ist es nicht so, dass die Massen von Menschen, die jetzt unter Einsatz ihres Lebens zu uns, ins gelobte Deutschland kommen, zu Recht ihren Teil des Wohlstands einfordern? Ist es nicht so, dass in einer Welt, in der der Wert eines börsen-notierten Unternehmens von heute auf morgen um ein Drittel einbricht und dadurch Existenzen bedroht sind, nichts mehr echten, wahren Bestand hat? Ist es nicht so, dass wir, die wir alle in tendenziellem Wohlstand geboren sind, keine Ahnung haben von existentieller Not? Ist es nicht so, dass es nicht schlimm wäre, mal laut zu sagen, dass uns das alles Angst macht? Ist es nicht so, dass wir uns langsam mal verabschieden müssen von unserer unserer Dekadenz – mit SUV in der Garage und jährlichem Urlaub am Mittelmeer? Ist es nicht so, dass wir die ganze Zeit dachten „Schau die im Fernsehen doch mal an. Denen geht es schlecht. Doch wir, wir, sind so weit weg. Gott sei Dank.“? Ist es nicht so, dass der westliche Wohlstand auf der Armut der Anderen fußt? Ist es nicht so, dass der Kapitalismus, nach dessen Doktrin wir handeln, nur einen Zweck, den Selbstzweck, hat? Ist es nicht so, dass der neue Volkswagen-Aufsichtsratsvorsitzende ehemaliger IG-Metallchef war und mit dem Bezug des Vorstandspostens all die Ideale aufgab, für die er einst eintrat?

Ich denke, wir werden uns verabschieden müssen von unserem hedonistischen Drehen um uns selbst. Die letzten vier Jahrzehnte haben uns Deutsche faul werden lassen. Wir konnten uns in unseren Ohrensesseln nach Feierabend genüsslich zurücklehnen und an die Stelle eines Homo Politicus trat in gewissem Maße eine Entpolitisierung. Spätestens nach dem pubertären Aufbäumen der 68er und deren geglückter Vergesellschaftung in die neo-liberale Ordnung gab es in Deutschland keine Begeisterung für die politische Sache. Die Entpolitisierung der Menschen war eine vom System gewünschte Conditio sine qua non, die die Bewahrung des Status Quo und gleichwohl die Manifestierung der kapitalistischen Doktrin erst zuließ. Kämen die großen Volksparteien auf jene Wahlergebnisse, wenn sich das Gros der Wählerinnen und Wähler mit den Inhalten jener Parteien, und dem, was sie wirklich erreichten, beschäftigen würden? Ich glaube kaum.

Was jetzt passiert, wird uns im Mark erschüttern. Und zwar nicht, weil uns Flüchtlinge aus fernen Ländern aufsuchen und wir damit nicht fertig werden, sondern weil wir das erste Mal nach dem zweiten Weltkrieg erkennen müssen, mitten drin und nicht weit weg zu sein. Sie kommen zu uns, durchqueren das Mittelmeer und erwarten Hilfe.

Doch sind wir Wohltäter, wenn wir unsere Pforten öffnen? Nein. Das Öffnen der Schranken ist selbstverständlich. Denn die Flüchtlingsströme gehen auch auf unser Konto, genauer: auf das, der Regierenden der letzten 30 Jahre. Denn aufgrund unserer USA-affinen Politik einerseits und aufgrund unserer Waffengeschäfte andererseits sind wir nicht nur verantwortlich, sondern gemeinsam mit den USA die direkten Urheber für Leid und Tod in Syrien, Somalia und in anderen Krisengebieten dieser Welt. Es hat schon so etwas von Goethes „Zauberlehrling“:

„Und sie laufen! Naß und nässer. (…)
welch entsetzliches Gewässer. (…)
Herr, die Not ist groß.
Die ich rief, die Geister
Werd ich nun nicht los.“

Europa spürt angesichts dieser Krise, die im soziologischen Sinne eine normale Migrationsbewegung darstellt, dass es alles andere ist als einig. Und sind wir mal ehrlich: Über diese Heterogenität der europäischen Staaten können auch längst keine offenen Grenzen und erst recht keine einheitliche Währung hinwegtäuschen. Aber ist es nicht normal, dass jedes Land unterschiedlich auf die Fragen dieser Zeit antwortet und reagiert? Dass sich das eine abschotten möchte, während das andere bereitwillig seine Grenzen öffnet? Ist der Grundgedanke des geeinten Europa nicht ein idealisiertes Topos, das schlimmsten Falls der Aufgabe der eigenen landestypischen Identität gipfelt?

Gleichschaltung statt Akzeptanz des Einzelnen und seiner Identität, so geht Kapitalismus m iKleinen und im Großen. Mercedes-Chef Zetsche sieht in den Migranten verwehrtbares Humankapital, mit dem man den Produktionsprozess verbessern und beschleunigen könne, zum Mindestlohn versteht sich. Der SPIEGEL verklärt Miss Merkel derweil zur Mutter Theresa. Welch schöne, neue Welt wir doch haben. Doch mit Flüchtlingen lässt sich eben Quote machen, noch jedenfalls. Und sollte das nicht mehr so sein, dann wird Angie ihre Meinung ändern und sie drehen, wie das Fähnchen im Wind sich dreht. Das war ja damals beim Atomausstieg schon so. Während wir heute noch die großen Gastgeber sind, können wir morgen schon wieder die bösen Deutschen sein. Das hat man eben von einem Wachstum, das auf dem sandigen Fundament der Armut der Anderen wurzelt und damit die Anderen entwurzelt.

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