Hey Joe: Der Abgang des Vorzeige-Kapitalisten

Am Ende wurde er ein Opfer der Geister, die er selber gerufen hatte: Josef Ackermann, Deutsche Bank-Chef und Kapitalismus-Gesicht par excellence, wird wohl demnächst seinen Hut nehmen (müssen). Nicht die Medien, nicht die Kapitalismus-Gegner oder die Politik gar führten den Schweizer ins Aus – nein: Vielmehr die größenwahnsinnigen Gewinn-Ziele, die der Sepp ausgegeben hatte, waren es, die ihn das Genick kosteten. Während „Joe“ nämlich immer noch von einer Eigenkapitalrendite von 25 Prozent tönte, raste die Deutsche Bank im allgemeinen Marktvergleich immer rasanter in unterirdische Kellerregionen. Nun haben die Aktionäre endgültig die Nase voll – Vorstandsposten ade – spätestens im Jahr 2013 ist in Sachen Deutsche Bank Schluss für den Schweizer. Wir werden dich nicht vermissen, Josef.

Karikatur Copyright by Pit Hammann

Zurück auf die Straße

Auf New Yorks Straßen entlädt sich schon seit einigen Wochen der Unmut der Massen. Zu Tausenden postuliert hier eine stets heterogene Gruppe von Menschen ihren Unmut über die Banken-Willkür. So weit ist dieses Phänomen nicht neu. Was den Protest in den USA jedoch genuin von den Willensbekundungen der Menschen in anderen Ländern unterscheidet, ist dessen stringente Vernetzung über die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Strukturen hinweg. Hier geht der Lehrer genau so auf die Straße, wie die enttäuschte Krankenschwester oder der arbeitslose Akademiker. Was sich on the road manifestiert, ist der Unmut der Mittelschicht, des Bürgertums und das ist stets etwas Besonderes.

Der Motor dieser Frustrations-Entladungen wird geschmiert von linken Idealen und entlarvt somit die Radikalität des Kapitalismus. Den Straßenkämpfern geht es um eine gerechtere Gesellschaftsordung, um die Veränderung des großen Ganzen und es scheint, als würde man gerade im Mutterland des Neoliberalismus erwachen, um erschreckt festzustellen: Wir haben verstanden. Umso hoffnungsvoller, wenn mediengerechte Charaktere zu einer Unterwanderung der konservativen Haushalte weichgespülter US-Vororte beitragen können. Naomi Klein, das Sprachrohr dieser Protestbewegung, ist so eine Figur: Attraktiv und intelligent wird sie von den Kameras geliebt und ist das Zentrum der sogenannten: „Occupy Wall Street“-Bewegung. In ihren kurzen aber mitreißenden Reden versteht sie es, den Nerv der Massen freizulegen und schonunglos ins Licht der Erkenntnis zu zerren.

In der Vergangenhheit hatte die 41-Jährige mit ihrem Buch „No Logo“ viel Erfolg und avancierte schnell zur Leitfigur der Anti-Globalisierungsbewegung. Die Besetzung des Parks im Süden von Manhatten mündete kurzehand in die Errichtung einer kompletten Zeltstadt, die von tausenden Menschen bevölkert wird – immer streng flankiert von Hundertschaften der Polizei, die jeden Regelverstoß der Demonstranten schonungslos mit voller Staatsmacht ahnden. Waren die Emanzipations-Tendenzen im Orient zumindest gefühlt weit weg, zeigen uns diese Menschen in den Straßen von New York, dass es auch in unserem westlichen Kulturkreis durchaus revolutionär zugehen kann.

Begonnen hat die Protest-Aktion übrigens am 17. September mit dem eher ironisch gemeinten Aufruf der kanadischen Zeitschrift „Adbusters“. Mittlerweile karren alle großen US-Gewerkschaften ihre Mitglieder in den Big Apple, das kraftvoll schlagende Herz der amerikanischen Finanzbranche. Bleibt zu hoffen, dass die Demonstranten durchhalten, denn der New Yorker-Winter hält bald Einzug – dann wird es verdammt kalt. Aber ich bin recht zuversichtlich. Schon Frank Sinatra sagte ja bekanntlich über die Stadt am Hudson River: „If you can make it there, I’ll make it anywhere.“

Die Freiheit nehm‘ ich mir…

Eigentlich ist diese Sache mit den Finanzen ganz einfach. Als ich meine Tochter (9 Jahre) vor einiger Zeit befragte, was sie sich denn am Liebsten von ihrem Geld kaufen würde, erhielt ich die prompte Antwort: “Ein Fahrrad.“ Das war für mich kein sonderlich großes Problem, denn immerhin hatte sie lange dafür gespart. Obendrein hatte ihr der Gang zur 1. hl. Kommunion ein respektables Finanzpolster verschafft. Unglaublich, was man da für„Einmal ein weißes Kleidchen anziehen und hübsch aussehen“ bekommt. Wenn man das mal auf einen Stundenlohn runter rechnet, wird schnell klar: Glauben lohnt sich – und zwar in diesem besonderen Falle auch finanziell. Gut, dachte ich mir,dann hat’se aus diesem Erlebnis ja was für’s Leben gelernt. Will sagen: Das Kind fand heraus, dass sie entsprechend sparen muss, wenn sie sich etwas Schönes gönnen möchte. Ein einfaches, fast parabel-artiges Erlebnis. Erst sparen – dann Belohnung. Stimulus – Reaktion. Eigentlich ganz einfach.

So hatte auch ich das bereits von meinen Eltern gelernt. Ok,
werden Sie sagen,jetzt kommt wieder das Gespräch von der harten Schule des Lebens, durch die nun jeder mal durch muss. Nö, falsch gedacht, denn das meine ich damit nicht. Vielmehr geht es mir darum, ein uraltes Prinzip zu verdeutlichen: Nur das, was ich habe, kann ich auch ausgeben. Wissen Sie, womit die Finanzkrise wirklich erst eingeleitet werden konnte, wie es wirklich los ging? Ausgelöst wurde die nämlich schon viel früher – und gesehen hat es JEDER. Wenn wir es uns als Adoleszente mit unseren Eltern gemeinsam vor dem Fernseher bequem gemacht hatten, dann schlug sie zu, die Verführung, mit all Ihren Waffen. Können Sie sich noch daran erinnern? Eine halb nackte Frau springt ins Meer, Sonne, Strand, sie schwimmt, die Wassertropfen perlen von ihrem gebräunten Körper ab. Bevor Sie sich nun in den von mir (zugegebenermaßen) provozierten Bildern verlieren, komme ich besser wieder auf die Storyline zurück.

Nun gut – diese Schönheit steigt aus dem Wasser und geht in einen Strand-Shop. Was haben wir Männer damals gedacht? Natürlich:Vielleicht hat sie ja was mit dem Typen da.. Aber nein! Nachdem die Dame ein wenig herum gestöbert hat, greift sie zu eine Sonnenbrille und zieht zum Bezahlen aus ihrem Badeanzug lässig ’ne Visa-Karte raus. Spätestens da war die Werbe-Massage auch bei uns Männern angekommen und wir wussten:Die Freiheit nimmt die sich – wenn nötig auch mit Sugar-Daddy’s Platin-Card. Ja: Dieser Werbespot war die Wurzel allen Übels.

Was damals also mit einem nett gemachten Werbefilmchen begann, das trug in den Köpfen einiger Adressaten Früchte. Sehen Sie sich die Werbeprospekte der großen Techno-Discounter an. Ohne eine Null-Prozent-Finanzierung geht da nix mehr. Der Stückchen-Kauf wird quasi zur Religion erhoben. Die Du kannst alles haben und zwar jetzt-Philosophie, pervertiert dargestellt im Wirtschaftsraum USA, greift nicht nur der Einzelhandel, sondern nehmen auch Banken dankend auf. Als ich beispielsweise vor Kurzem einen Einrichtungsgegenstand kaufte, den ich, wer hätte das gedacht, sofort bezahlte, erklärte mir ein leitender Angestellter ohne Zögern: “Und wenn Sie mehr [mehr = mehr Einrichtungsgegenstände]kaufen wollen, kein Problem, ich räume ihnen sofort einen Kredit von 5000 Euro ein.“ Dass dieser Kredit nicht wirklich für 0-Prozent zu haben war, das verschwieg der gute Mann mir natürlich. Vielmehr gab er mir zu verstehen, dass „gleich bezahlen“, heutzutage eher die Ausnahme darstellt. Verstehen Sie mich nicht falsch – in der Wirtschaft ist es wohl kaum möglich, etwas ‚Größeres‘ ohne eine finanzielle Spritze von Außen auf die Beine zu stellen – und das ein oder andere Mal gilt dies sicherlich auch im Privaten. Aber was ist, wenn ein privater Haushalt völlig aus dem Wohlstand auf Pump besteht? Vom Fernseher über die Couch bis hin zum Bett…

Banken und Großkonzernen kann man da zwar eine gewisse Teilschuld zu sprechen. Diese geben schließlich die Kreditangebote erst heraus und sind, en gros, sehr schlampig in Sachen Bonitätsprüfung.

Aber eigentlich geht es um etwas anderes. Es geht um das Erlernen einer neuen Genügsamkeit und des vernünftigen Wirtschaftens. Wieso stellen sich immer mehr Menschen unter das Diktat des Konsums, obwohl sie es (laut ihren Kontoauszügen) nicht dürften? Die Flucht in die neue Materialität in das Haben wollen hat viele Ursachen, die ich, zumindest in diesem Artikel, nicht alle untersuchen kann.

Allerdings sind für mich 3 Hauptprinzipien erkennbar:

  • Durch zunehmenden Werteverlust (z. B. in Glaube u. Religion) findet eine Entwurzelung der Individuen statt, die scheinbar nur mittels Konsum kompensiert werden kann.
  • Über gesellschaftlichen sowie medialen Druck wird das Bedürfnis nach dem ‚Glück‘ im Konsum gesteigert.
  • Durch mangelnde familiäre und pädagogische Einflussnahme wird es versäumt, ein grundlegendes Verständnis von nachhaltigem Wirtschaften überhaupt aufzubauen.

Was wir also erlernen und letztlich auch weitergeben müssen, ist das Wissen um die eigene materielle Begrenztheit. Es ist nun mal normal, dass sich nicht jeder alles leisten kann. Und das ist eigentlich so einfach, dass das auch schon ein 9-jähiges Mädchen ohne Probleme verstanden hat…