Ein Kind der 80er

Als Kind der Achtziger Jahre des vorherigen Jahrhunderts – mein Gott wie old-fashioned das klingt – frage ich mich oft, ob damals alles besser war. Dann fallen mir wieder die Tage ein, an denen meine Freunde und ich draußen spielten. Ja, so etwas machte man früher tatsächlich. Wir streiften durch die umliegenden Wiesen, die für uns ein magischer Erlebnis-Dschungel waren. Ob es regnete oder die Sonne schien, war uns einerlei. Meine Welt war damals eine kleine, und reichte nur einen Kilometer herum um unser Haus. Doch hier spielte sich das Leben ab, gab es fantastische Riesenschlangen, die in Straßenkanälen lauerten, Banden (das meinte damals noch was anderes als „Gang“) und jede Menge Freunde. Handys gab es noch nicht.

Nachdem die Schulaufgaben erledigt waren und gestärkt mit dem Mittagessen im Bauch, wartete ich für gewöhnlich darauf, dass einer meiner Kumpel bei uns zu Hause klingelte. Auch ganz ohne Handy und WhatsApp – einfach an der Haustür. Draußen sein, das hieß für uns frei zu sein, Kind sein zu dürfen. Damals sah man tatsächlich noch Kinder auf der Straße spielen – ein Bild, das man heute kaum noch kennt. Im Sommer kickten wir nebenan Fußball bis die Sonne unterging, bauten Staudämme und brausten mit unseren Skateboards die Straßen des Wohngebiets hinab. Wisst ihr: Wir verletzten uns auch manchmal, schlugen uns die Knie und Ellenbogen auf, und obwohl wir mit acht Jahren schon ganz schön harte Kerle waren, lief uns manchmal eine salzige Träne die Wange hinab, was natürlich keiner sehen durfte.

Die Garagen unserer Eltern waren unsere geheimen Stützpunkte, unsere eigene Area 51. In Regalen lagerten unsere Schätze. Ja, damals hatten wir sogar Plastik-Gewehre, und schossen uns damit im Spiel ab. Für pädagogisch unklug hielt das nämlich keiner. Neben mit Steinen gefüllten Marmeladen-Gläsern, Plastikringen und Fußbällen in allen erdenklichen Größen gab es damals noch Rollschuhe und orangene Kettcars, mit denen wir uns wilde Verfolgungsjagden in der Garagen-Einfahrt lieferten. Aber das Wichtigste, das wirklich Wichtigste, stand ganz weit hinten an die Wand gelehnt: Das eigene Fahrrad, unsere Rakete, unser Helfer, mit dem wir schnell wie der Wind von A nach B brausten. Wer von euch spielte auch mal nach Michael Night zu sein, und hat in seine Uhr rein gesprochen, nur um KITT zu rufen, der dann natürlich nicht kam?

Auch wenn wir heute als Erwachsene wissen, dass Songs wie „99 Luftballons“ unmittelbar auf den Kalten Krieg anspielen: Wir Kinder (nicht: Kids!) fanden die Melodie schön (nein: nicht cool!) und mochten die Luftballons über die das junge Mädchen mit dem Stirnband sang. Und wenn das auch empirisch nicht ganz nachzuweisen ist: Ja, ich hatte das Gefühl, dass die Sommer damals heißer und die Winter kälter waren. Vielleicht lag es ja auch am Wetter, dass wir noch auf den Straßen Federball und Tennis spielten, und im Winter Schlitten fuhren.

Dann, Ende der 80er, gab es die ersten Rechner – groß, klobig und völlig leistungsschwach. Und wollte man ein Spiel spielen, musste man Zeit mitbringen, denn der Floppy lud und lud, blinkte uns machte komische Geräusche. Wer kennt das noch: „Insert Disk 2“? Und manchmal stürzte das Ding sogar ab. Aber Spaß gemacht hat’s trotzdem. Wir zockten damals mit Joystick, der hatte zwei fette rote Knüpfe und musste manchmal erst „justiert“ werden: Falcon, Giana Sister, Maniac Mansion. Ach, die gute alte Zeit eben.

Und erst das TV: Damals eröffnete sich mir mit RTL eine völlig neue Welt. Denn vorher hatten wir nur drei Programme: in Worten D.R.E.I. Und sogar Hans Meiser war jung zu der Zeit. Samstags sahen wir bei meiner Oma immer Schwarzwaldklinik, und ich konnte als Kind echt nicht verstehen, was an Sascha Hehn so Besonderes sein soll. Sonntag Abend saß dann die komplette Familie vorm Fernseher und hat „Ein Tag wie kein anderer“ oder „Der große Preis“ mit Wim Tölke geguckt. Wenn man damit auch heute keinen Blumentopf gewinnen würde: Hey, damals waren das echte TV-Highlights. Und dann die Serien: Knight Rider, Ein Colt für alle Fälle, Hart aber herzlich, Ein Engel auf Erden. Wie hab ich die geliebt und den Soundtrack dazu hab ich heute noch im Ohr.

Nun ist aber genug mit der romantischen Gefühlsduselei, oder? Ich meine, was war denn damals anders? Nun, ich glaube, die Welt war keine andere. Vielleicht waren es einfach andere Zeiten auf die wir heute mit einem Hauch Melancholie schauen. Es war schwer, mindestens so schwer wie heute, der Kalte Krieg schwebte als latente Gefahr immer in der Luft. Die USA und die Sowjets übten sich im Wettrüsten und die atomare Bedrohung machte mir als Kind damals schon Angst. Pershing-Raketen, der Name war mir bekannt, wenn ich auch nicht wusste, was das genau war, so war es wohl nichts Gutes. Genau so, wie die Militärkonvois, die über die Autobahnen rollten nichts Gutes sein konnten – laut, in Tarnfarben und irgendwie gespenstisch.

Doch rückwirkend würde ich sagen, dass das, was ich da erlebte, die schönste Kindheit war, die man sich vorstellen kann. Ein großes Abenteuer, die kindliche Entdeckung der Welt. Und gerade deshalb macht es heute noch Spaß in dieses Zauberreich einzutauchen, Kind sein zu dürfen, ganz nach dem Motto eines 80er-Jahre-Slogans: „Ich will so bleiben, wie ich bin.“

Veritas Temporis Filia – Ein kleiner nostalgischer Ausflug in die 1980ger

Wie sagte Aulus Gellius so teffend: Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit. Und so streben wir in unserem Alltags-Trott fort, pendeln zwischen Arbeitsstelle und Zuhause hin und her – bereisen zwei, drei oder mehr Lebenswelten, die für viele längst nur noch zu Durchgangs-Stationen geworden sind. Doch die Zeit entrinnt und schlimmstenfalls erleben wir uns schon längst nicht mehr als aktiv Handelnde. Der Soziologe Fritz Schütze würde wohl sagen, dass man in diesem Moment zum passiv Erleidenden Subjekt wird, dessen sogennante Verlaufskurve tendenziell negativ verläuft.

Es geht, so scheint es mir, darum, die eigene Umwelt, das, was uns umgibt aktiv warzunehmen – immer und jeden Tag. Das hat wenig mit den Verheißungen der sogenannten Ratgeber-Literatur zu tun, als vielmehr mit einer Form der inneren Ausgeglichenheit und Ruhe. Haben wir uns als Kinder nicht genau in der uns umgebenden Lebenswelt ausgekannt? Damals, als wir mit unseren Fahrrädern nur bis zum Punkt X fahren durften, da wussten wir noch, wenn gegenüber eine neue Familie einzog und nahmen auch wahr, wenn die Wiesen, auf denen wir spielten, einen frühlingshaften Duft verströmten. Die Jahreszeiten waren für uns in dieser Zeit noch unmittelbar wichtig, denn ob es kalt oder warm war oder regnete und schneite, entschied unmittelbar darüber, ob wir draußen toben durften oder eben nicht.

Und die Welt draußen, die hatte wirklich viel zu bieten und war unser kleiner großer Kosmos, in dem wir Staudämme bauten und auch so manches Ungeheuer unter alten Kanaldeckeln wähnten. Diese mystische Kinderwelt hatte vielleicht einen Radius von drei Kilometern – sie war aber unsere unmittelbare Lebenswirklichkeit, in der wir erfuhren, was Freundschaft, Freude und Glückseligkeit heißt. Strukturiert wurde diese Zeit vom Rhytmus der Mahlzeiten und den abendlichen Besuchen des Eismanns, der mit einem alten grün-roten VW-Bus die Viertel der Stadt bereiste. Das Geläute seiner Glocke deutete uns an, dass der Tag bald vorüber sein würde.
Eine echte Kassette!
Eine echte Kassette: So hörte man damals Musik.
Auf der Wiese, auf der wir zuvor Fußball gespielt hatten, fanden sich nun einige Erwachsene ein, die sich im Lichte der letzten Sonnenstrahlen noch ein paar Bälle zukickten. Und die Großfamilie von gegenüber feierte mit Schlagern, die man von einer Kassette (sowas gab’s damals noch) abspielte, den Abend und beschallte zum Leidwesen einiger (Spieß-)Bürger die Umwelt.

Sommerhit des Jahres 1987 – Die Berliner Band ‚The Other Ones‘ mit ,Holiday‘
Der Abenteuer-Spielplatz, auf dem ich aufwuchs, hatte aber noch weit mehr zu bieten. So verbrachten wir Wochen damit, die wenig befahrenen Straßen mit unseren Skateboards herunterzubrausen, mit unseren Kettcars die Garagen-Einfahrten der Nachbarschaft unsicher zu machen, Löcher zu buddeln und vieles mehr.

All meine kleinen Anekdoten sollen Ihnen zeigen, dass sich alles im Leben ändern kann, keine Variable ist konstant. Keine – außer die der Zeit – die uns unaufhöhrlich entrinnt – und in deren Schatten uns irgendwann unsere Lebensbilanz präsentiert wird… Wie es Michael Ende, der Schöpfer der zeitsuchenden Momo, treffend formuliert: „Wenn wir ganz und gar aufgehört haben, Kinder zu sein, dann sind wir schon tot. “ Da hat er recht…