Quo vadis Deutschland?

von Andreas M. Altmeyer

Eine Regierung, die auf die Spaltung der eigenen Bevölkerung und eine Politik setzt, die dieser nachweislich mehr schadet als nutzt, sollte ein Grund für jene Bevölkerung sein, das Verhalten eben jener Regierenden zu reflektieren. Umso schwerer verständlich ist es, wenn sie dies nicht tut. Wo kommt er her, der deutsche Wille zur Bequemlichkeit und Passivität?

Spätestens seit „Mutti-Merkel“ werden uns, der geneigten Bevölkerung,  im Top-Down-Prinzip bestimmte politische Entscheidungen als alternativlos verkauft. Dies war schon bei der Bankenrettung so – Sie erinnern sich vielleicht noch –, aber auch bei den Ereignissen der jüngsten Geschichte. Ob steigende Energiekosten, massive Aufrüstung oder Solidaritätsbekundungen gegenüber der Ukraine mittels Waffenlieferungen: All das scheinen, folgt man dem gängigen Mainstream-Flow, unausweichliche Handlungsmaximen zu sein, die, dem Hegel’schen Gesetz des Weltgeistes gleich, zwangsläufig geschehen müssen.

Ungeachtet einer interessengeleiteten Politik, die natürlich immer auch mit nationalstaatlichen Interessen einherginge, da nur auf jene Weise der nationale Zusammenhalt, aber auch die Souveränität des Landes und seine wirtschaftliche Leistungskraft gewahrt bleiben, scheint die aktuelle Bundesregierung losgelöst der Volksinteressen zu agieren. Anders ist es leider nicht zu erklären, dass eine pseudo-ethische-Handlungsmaxime beim Ukraine-Krieg zur ersten Bürgerpflicht erklärt wurde, während im Land selbst weite Teile der Bevölkerung in ein wirtschaftliches Zwangskorsett gepresst werden und sich sogar die Mittelschicht mit einer drohenden ökonomischen Notlage konfrontiert sieht. Gleiches gilt für eine Reihe mittelständischer und teilweise sehr traditionsreicher Unternehmen, die mit dem Gedanken spielen, aus Deutschland abzuwandern oder es bereits getan haben.

Es ist eine Politik der Reichen für wenige Reiche, bei der Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden. Ein zutiefst neoliberales Mantra also, zu dessen willigem Erfüllungsgehilfen sich die rot-grüne Regierung längst gemacht hat. Wie Schröder zuvor, ist auch Scholz ein „Genosse der Bosse“, nur sitzen diese für Scholz nicht bei VW, sondern bei der Warburgbank in Hamburg und wohlweißlich auf der anderen Seite des Atlantiks.

Warum, so darf die Frage lauten, machen wir Deutschen das überhaupt mit? Wieso lassen wir es zu, dass eine Clique von machtbesessenen Lobbyisten ein Deutschland konzipiert, in dem die Interessen der Bevölkerung keineswegs vertreten werden.

Warum, so muss man auch fragen, lassen wir uns mit 9-Euro-Ticket-Trostpflastern und kurzzeitigen Benzin-Preis-Almosen „abcanceln“, während auf der anderen Seite Rüstungs- und Ölkonzerne die echten Kriegsgewinner sind? Wieso lassen wir uns überhaupt in die spalterische und hetzerische Attitüde der Mainstream-Journaille hineinziehen, die endlich ungehemmt ihre russophoben Neigungen ausleben kann, flankiert von einem administrativen EU-Patronat aus Lobbyisten und Speichelleckern, die ausschließlich auf ihre eigenen Vorteile bedacht sind? Wir sollten und müssen uns dagegen wehren.

Da nutzt es auch nichts, wenn wir mit vielen teilweise sehr treffsicheren Kommentaren Facebook befüllen. Es geht, und das muss die wahre Erkenntnis der vergangenen zwei Jahre sein, darum, dass uns diese politische Kaste nicht regiert, sondern lediglich als Befehlsempfänger reagiert. Dies müssen wir begreifen, müssen wir verstehen, und dann entsprechende Schlüsse daraus ziehen. Es ist eine Kaste der politischen Kurzstreckenläufer, die sich freiwillig einer transatlantischen Beugehaft unterzogen hat, um sich selbst und uns alle zu geißeln, ohne Fachkompetenz, ohne Skrupel, ohne Werte, dafür mit viel ideologisch inspirierten Ideen und einem Öko-Faschismus, der die Mittelschicht ausbluten lässt.

Glauben Sie, eine Annalena Baerbock hätte sich vor ihrem willkürlichen  Amtsantritt in Geostrategie verstanden oder je etwas von einem der wichtigsten US-Chef-Strategen namens Brzeziński gehört? Es wäre wünschenswert, auf alle Fälle, denn immerhin darf diese Frau die außenpolitischen Fäden der „noch“ bedeutendsten Wirtschaftsmacht Europas ziehen.

Stattdessen poltert sie wie eine „loose cannon on a rolling deck” vor den Mikrofonen der westeuropäischen Leitmedien herum. Dramatisch. Daneben die sorgenvolle Miene eines in seiner Rolle ebenso überforderten Wirtschaftsministers, der nur abrücken müsste von einer transatlantischen Doppel-Moral und die Schleusen von Nordstream I und II öffnen müsste, um die Bedenken der Bevölkerung, den wirtschaftlichen Einbruch und die Abwanderung von Unternehmen zu verhindern. Dann noch ein Kanzler, der am Warburg-Syndrom, aka post-monetäre Amnesie, leidet. Glauben Sie, dieses Dreigestirn holt uns irgendwo raus und hilft uns weiter, irgendwie?

Der deutsche Michel sitzt währenddessen vor dem PC und regt sich auf. Schweigend und in sich gekehrt – zumindest im Reallife, wie man es heute nennt. Einem Volk, das keine Revolution möchte, kann man sie nicht aufzwingen.

Benommen und mit Gleichgültigkeit sitzen wir in unseren Stuben, und hoffen: auf die Monotonie unserer kleinen Leben mit ihren kleinen Fluchten. Den Grillfesten am Abend, den Urlauben an der Nordsee. Auch das ist menschlich – aber längst keine Rechtfertigung zur Passivität. Wir erdulden ein Verhalten unserer führungspolitischen Kaste, das weder hinnehmbar, noch ertragbar ist. Genau diese Kaste sonnt sich im Schoß der wirtschaftspolitischen Vollversorgung und lässt für uns ein paar Krümel übrig – wenn überhaupt. Und viele von uns geben sich damit zufrieden!

Vielleicht ist es mit der spätrömischen Dekadenz vergleichbar, von der ja Westerwelle schon sprach, die zu dieser Passivität einlädt. Das Leben in einer maroden Gesellschaft, der Verknappung von Sozialleistungen, der „flexiblen“ Jobs und der konsumierenden Maßen.

Eine Masse, die sich dem ideologischen Diktat von Minderheiten und ihren Partikulär-Interessen unterordnet, die sexuelle Vielfalt mit neurotischen Sprachauswüchsen verwechselt und für die sich die Selbstverwirklichung im Tragen von schriller Unterwäsche und in der Verwendung von Wortsilben zur Geschlechterkennzeichnung erschöpft.

Es ist eine Gesellschaft der Zersplitterung und Zerfaserung, in der das individuelle Glück und die Definition dessen, was das überhaupt ist, sich lediglich auf der persönlichen Ebene abspielen. Das ist potentiell nazistisch.

Es scheint ein Prozess der Selbstgeißelung zu sein, der sich da vollzieht, die „Entkörperung“ von Sprache und Geschlechtlichkeit, eine Art Gesellschaftsneurose der Abspaltung des Seins – vom individuellen Denken zur reinen Definition über die Gruppenzugehörigkeit. Jeder, der keiner Minderheitengruppe zugeordnet ist, ist „out oft he game“, ist konservativ, rassistisch und böse. Doch echte gesellschaftliche Toleranz geht weit über die Grenzen individuellen Seins hinaus. Sie definiert sich auch nicht darüber, ob ich zu meinem Gegenüber „ich, du, er, sie, es“ sage. Denn das sind Äußerlichkeiten, die ohnehin in den Hintergrund treten sollten, wenn das Innere im Gleichgewicht ist.

Willkommen in der Cancel-Culture
Eine Kultur des Kaschierens ist die Folge. Wir kaschieren die Geschichtlichkeit der Sprache, verhängen Embargos gegen historisch gewachsene Begriffe (z. B. „Mohrenkopf“ , „Zigeunerschnitzel“), aber kitten nicht mal ansatzweise die echten Bruchstellen des marode gewordenen Sozialstaates, verharren zum Großteil in dem von der politischen „Elite“ diktierten Tagesgeschehen, fixiert auf uns selbst, ohne nur eine Idee davon zu haben, wie eine bessere Gesellschaft überhaupt aussehen könnte.

Geschlechtsidentität und die Aufweichung von Geschlechtergrenzen werden uns als neue Freiheit vorgegaukelt und wir geben uns damit zufrieden, ohne die echten kollektiven Sollbruchstellen der Gesellschaft überhaupt noch wahrzunehmen: Eintreten für Friedenspolitik, Engagement für sozial-ökonomische Gerechtigkeit, gewerkschaftliche Organisation sowie Aus- und Aufbau einer direkteren Demokratie rücken immer mehr in den Hintergrund in dieser Gesellschaft der Gesättigten, die metaphorisch und wörtlich grenzenlos ist.

Doch wie sollen sich ohne Grenzen überhaupt Profile schärfen, wie eine soziale Identität herangebildet und Pluralität vertreten werden? Wir verlieren uns in der Verwendung des Binnen-I’s, biegen und brechen unseren kulturellen westeuropäischen Wertekanon bis zur Schmerzgrenze, ohne die Folgen zu bedenken. Darin liegt die Crux: im Streben nach möglichst viel Individual- Glück, ohne das kollektive Glück ernst zu nehmen.

Wir verlieren uns im Klein-Klein der Oberflächlichkeit, im Glanze des Regenbogens, dessen Farben blass geworden sind, was nutzt der schönste Regenbogen, wenn man keine Arbeit hat, wenn man letztendlich doch fremdbestimmt wird und es nicht einmal merkt?

Wenn man den als handlungsrelevant verkauften Narrativen nur noch passiv gegenübersteht – scheinbar. Wenn alles ein politischer Einheitsbrei geworden ist, der die Bürger mahnt, drangsaliert und als Steuervieh missbraucht, um eine mit US-imperialistischen Interessen verwobene Außenpolitik zu finanzieren?

Steigende Preise allerorts, Inflation, Corona und Depression: Statt dies als Chance zu begreifen, unser politisches System der Fassadendemokratie zu überwinden und die es repräsentierenden Parteien nun endlich als Verräter am Volke zu begreifen, wenden sich viele angewidert ab. Der Homo Apolitical ist geboren und tröstet sich mit seinem kleinen Individual-Glück des Konsums über die erodierende Gesellschaft hinweg. Völlig devot, völlig selbstzufrieden, völlig teilnahmslos. Erzogen, um zu folgen, hat er sein Schicksal, ein Spielball der politisch-aristokratischen Kaste zu sein, längst akzeptiert. Und daran wird nicht nur er, sondern unsere gesamte westeuropäische Gesellschaftsordnung zugrunde gehen.  

Alles Alu-Hut oder was? Wie Begriffe zum Wegbereiter des neuen Faschismus werden

Es liegt vieles im Argen. Statt mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen, ziehen wir uns gegenseitig den Alu-Hut auf. Divide et impera, teile und herrsche, dieser Modus operandi scheint noch immer aufzugehen.

Ein Kommentar von Andreas M. Altmeyer

Es geht in diesen turbulenten Zeiten um nichts Geringeres als um die Deutungshoheit und um das Ringen darum, was gesagt, respektive: geschrieben, werden darf und was eben nicht. Das Wort Corona scheint bei diesem Ringen als Soll-Bruchstelle zu fungieren, die die in den Tiefen des gesellschaftlichen Mind-Settings befindliche Meinungs-Lava ungeklärt an die Oberfläche katapultiert. Wenn der China-Virus, und vor allem: die mediale Flankierung desselben, überhaupt einen positiven Effekt gehabt hat, dann war es wohl dieser. Dass sich Interessengruppen formieren, auf Plätzen ihre Meinung kundtun, dass sie die Demokratie auf der Straße leben und für das Grundgesetz eintreten, das ist doch wahrlich ein Fortschritt, in einem sonst so an Demokratie-Müdigkeit leidenden Land, in dem der Bürger seinem Willen bisweilen höchstens mittels Wahlzettel Ausdruck verleiht, mit einer Stimme, die er dann auch noch abgibt und die verloren ist, weil er sie ja im wahrsten Sinne in einer Urne begräbt. Diese „Quasi-Ohnmacht“ derer sich viele Mitbürger wohl überhaupt nicht bewusst waren, hat Corona aufgeweicht und zwar deswegen, weil das Virus und die damit verbundenen Auswirkungen für uns alle spür- und erlebbar waren und noch immer sind.

Ein Virus als Impuls der Enttäuschung – das klingt vielleicht ein wenig schräg, ist aber dennoch sehr ernst gemeint. Denn es ist doch gerade diese sprichwörtliche „Enttäuschung“ von einem System, dessen Strukturen sich über Jahrzehnte zu maroden Fallstricken Demokratie-verachtender politischer Eliten herangebildet haben, die das Versagen nun auf ganzer Linie zutage treten lässt. Es sind eben jene Fallstricke einer Fassaden-Demokratie, die dazu geführt haben, dass der Sozialstaat nach und nach ausgehölt wurde, die Altersarmut gestiegen ist, die Rüstungs-Etats anwuchsen und sich die Zahl der prekär Beschäftigten auf Rekord-Niveau eingependelt hat, während Monopolisten und exportierende Big Player Rekord-Gewinne eingefahren und noch dazu vom Casino-Kapitalismus unter der Regie von sogenannten Vermögensverwaltern enorm profitiert haben.

Nichstdesotrotz ist den obersten Repräsentanten jenes Systems natürlich daran gelegen, ihren Führungsanspruch auch nach Corona zu behaupten, was „systemisch“ betrachtet durchaus logisch ist, denn Systeme neigen ja bekanntlich dazu, sich selbst zu stabilisieren. Und welche Mechanismen genau jenen Erhalt des Status Quo anstreben, indem sie das Scheitern der System-Repräsentanten ins Gegenteil verkehren und sie zu Erlösern machen, das lässt sich zurzeit wunderbar beobachten.

Ob Spiegel, TAZ oder die Zeit – die Liste der Namen ließe sich noch beliebig erweitern – sie alle haben Interesse daran, das von der Bundesregierung gewobene Narrativ des äußerst gefährlichen Virus zu verbreiten, unkritisch und unaufgeklärt. Was mich daran stört, ist nicht einmal die Tatsache, dass sie das tun, denn das war von jeher die gesellschaftliche Funktion der Mainstream-Journalie, sondern der Punkt, dass viele unserer Bürger alles anstreben – außer Mündigkeit. Diese bedürfte es nämlich, um sich eine Meinung „von etwas“ überhaupt erst bilden zu können. Jedoch viele meiner Mitbürger bejubeln sich gegenseitig so sehr für ihre „stay at home“-Disziplin, dass sie ganz vergessen, den tiefgreifenden Verwerfungen auf den Grund zu gehen, welche die Krise gesellschaftlich mit sich brachte, namentlich die Verkehrung von dem, was richtig und falsch ist, was Fake oder wahr sein kann oder eben, dass nicht alles gleich eine Verschwörungstheorie ist, was nicht ganz der öffentlichen Meinung entspricht.

Die Etikette „Verschwörungstheorie“ und „Querfront“ sind ja mittlerweile  zu wahren Totschlag-Scheinargumenten von jenen Kritikern geworden, die immer dann den anders denkenden Kritikern angeheftet werden, wenn ersteren Kritikern die Argumente ausgehen – oder eben das tiefergehende Verständnis „von etwas“ fehlt. Man könnte auch sagen, das V-Wort wird angewendet, wenn die damit betitelte Personengruppe nicht verstanden wird, beziehungsweise nicht verstanden werden will, obgleich der Wissenshorizont derer, die diesen Begriff nutzen, teilweise nicht über das fraglose Rezipieren von Tagesschau-Inhalten hinausreicht.

Die Ironie: Im Prinzip lassen sich jene unkritischen Geister ja erst recht vom System instrumentalisieren, indem sie sich lediglich über die Mainstream-Medien informieren, wobei der Begriff „informieren“ für diesen Prozess der fraglosen Aufnahme propagandistischer Inhalte grundfalsch ist. Denn hätte man sich informiert, hätte man beispielsweise einen Blick in das Corona-Dashboard des Robert-Koch-Instituts geworfen, dann hätte man als mündiger Bürger wissen können, dass die Panikmache eben nur Panikmache ist. Aber jene leeren Begriffe, wie oben aufgeführt, führen nicht zu einem demokratischen Diskurs, stattdessen sind sie Multiplikatoren der gesellschaftlichen Spaltung, indem sie die Bevölkerung teilen, statt sie zu verbinden und ihr eine gemeinsame Stimme zu verleihen. Die bedürfte es so dringend, genauso wie echte Mündigkeit. Wo kommen wir hin, wenn wir die nachgewiesenen Verflechtungen der Privatwirtschaft – insbesondere eines Software-Magnaten  mit der WHO – ungefragt hinnehmen müssen, Schnellschuss-Impfprogramme als Heilsbringer preisen und den harten Einsatz von Polizisten gegen friedliche Demonstranten bejubeln? Auf keinen Fall in eine aufgeklärtere Welt, so viel ist mal sicher, in eine Welt der Repression, der überall regierenden Angst und des vorauseilenden Gehorsams schon eher, in eine faschistische Welt.  

Schlimmer noch als in der einseitigen Berichterstattung über die Demonstrationen zeigte sich die systemerhaltende Funktion der Medien in der durch sie vorangetriebenen Verleumdung von ausgewiesenen Experten, wie zum Beispiel Herrn Wodarg oder Herrn Bhakdi, die sich selbstlos ins gesellschaftspolitische Kreuzfeuer stellten, und deshalb die bösartigsten Anfeindungen ertragen mussten und müssen, statt dass sie in einen Expertenrat einbezogen worden wären, wo auch die Regierung an ihrem fundierten Wissen hätte teilhaben können. Oder ging es darum eigentlich nie? Ging es nie um ernst gemeintes erkenntnisgeleitetes Interesse an dem, was wahr und richtig ist in dieser Krise? Die Vermutung liegt leider sehr nahe. Wäre dem so, dann müsste die Bundesregierung nicht nur die durch die Folgen des Lockdowns resultierten Toten in Relation zu den „echten“ Corona-Toten setzen, was für sie ein verheerendes Resumé mit sich brächte. Sie müsste vielmehr  auch erklären, warum jene Experten von Anfang an nicht angehört und sogar als Fake-News-Verbreiter denunziert wurden.  Obendrein müsste sie sich gegenüber ihrem Volk erklären, sich äußern zu dem Sachverhalt, warum noch im Januar eine ernstzunehmende Gefahr von Corona geleugnet und Karneval in Menschenmassen gefeiert wurde, warum eine Regierung mit funktionierenden In- und Auslands-Diensten weit vor der Krise keine Erkenntnisse über die heraufziehende Gefahr hatte, wieso eine Bundesregierung eines der reichsten Industrieländer der Welt nicht über ausreichend Schutzmasken verfügte und ob Herr Drosten in irgendeiner Form finanziellen Gewinn aus seinem Handeln zieht. Aber auch ob etwaige Impfprogramme angedacht sind und so fort.   

Die Antworten auf derlei Fragen wären, so viel ist sicher, sehr erhellend und würden zweifelsohne den schamlosen Charakter einer Politiker-Kaste offenbaren, die nicht nur hilflos, sondern auch grob fahrlässig die Existenzgrundlage von zig Millionen Menschen aus einer Mischung von Un- und Halbwissen heraus aufs Spiel setzte. Das tat sie, indem sie sich voll und ganz auf die Expertise einiger weniger verließ, ungeachtet aller damit verbundenen Risiken, ohne einen sorgsamen Prozesses des Abwägens und des maßvollen Handelns. Das „Verlassen auf“ befreit sie dabei nicht von ihrer Schuld, denn sie war es letztlich, die durch propagandistische Tricks – durch z. B. die Verwendung  der Kriegsmetapher – jeder sachlichen Diskussion schon im Vorfeld die Grundlage entzog. Doch damit dürfen wir jene, die uns regieren, nicht davonkommen lassen. Was es stattdessen braucht, ist einen Untersuchungsausschuss, der etwaige Versäumnisse gnadenlos aufdeckt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zieht – rechtstaatlich, aber mit allen Konsequenzen und vor allem: ohne üppige Pensionen.

In einem zweiten Schritt muss schließlich auch die Systemfrage gestellt und über dessen grundlegende Neuordnung nachgedacht werden. Ich sehe hier in der Bewegung „Widerstand 2020“ erste Bestrebungen. Die Frage wird sein, wie nachhaltig diese Bewegung um Herrn Schiffmann sein wird und ob sie sich aufgrund innerparteilicher Querelen nicht selbst zerfleischt. Ein erster Impuls ist sie allemal – denn immerhin wurde sie schon in ihren Kindertagen zur Projektionsfläche von medialer Häme. Vielleicht ist ja genau die Entrüstung des Mainstreams der einzige Qualitätsgarant, den wir noch haben, sozusagen als Lackmustest für eine letzte noch vorhandene unabhängige politische Willensbildung.     

Fest seht: Wer jedem gleich einen Aluhut aufsetzt, ohne die Quellen seines Gegenübers zu recherchieren, der läuft eben Gefahr, mit einem Brett vorm Kopf zu Grunde zu gehen. Denn das Argument „Der ist ein Aluhut“ selbst ist der Feind des demokratischen Diskurses und letztlich auch nur ein weiteres  Machtinstrument im Arsenal der herrschenden Klasse. Was ist daran eigentlich so schwer zu verstehen?

Scheinbar vieles, denn viele von denen, die jeden Demonstranten als „Schwurbler“ abtun, haben sich selbst wahrscheinlich oftmals nicht mit Quellen befasst, stattdessen vertrauen sie auf die willfährigen Worte einer Gundula Gause oder eines Claus Kleber – das ist wahrscheinlich noch ein Relikt aus jenen Zeiten, in denen die Nachrichten der „Opener“ für einen gelungenen Fernseh-Abend mit Wim Thoelke waren. Aber das ist lange her.

Der Prozess der Meinungsbildung ist ein vielschichtiger und vor allem mühseliger. Wer glaubt, diesen alleine mit dem Lesen der Tageszeitung oder dem Anschauen der TV-Nachrichten „im Zweiten“ bewältigen zu können, der liegt damit genauso so falsch wie jener, der auf Youtube nach den abgefahrensten Erklärungsmodellen für die Existenz von Außerirdischen sucht. Es sind nämlich nicht die Extreme, sondern die Nuancen, die eine Demokratie vielfältig und die Extreme in ihr ertragbar machen. Genau darum geht es: Um das Zulassen von Nuancen in einer Gesellschaft, die sich durch mannigfache Kapital-Verflechtungen von den Werten Nähe, Natur und Menschlichkeit entfernt hat. Ja, es geht hier um die Deutungshoheit – um die Deutung dessen, was gerade geschieht und darum, daraus einen direkiven Paradigmen-Wechsel herbeizuführen, auf direkt-demokratischer Basis. Dabei geht es nicht mal so sehr um Fakten – sondern um eine Idee dessen, was unsere Gesellschaft wirklich braucht, was sie emotional weiterbringt – auf allen Ebenen.

Früher nannte man das Bauchgefühl, auf das man auch heute noch vertrauen sollte, da es uns nämlich, einer inneren moralischen Instanz gleich, Antworten auf so viele Fragen gibt. Fragen wie: Fühlt es sich gut und richtig an, wenn Polizisten schlagen? Fühlt es sich für sie gut an, schlagen zu müssen? Fühlt es sich richtig und wahrhaftig an, dass Menschen, die sich einsetzen, stigmatisiert werden? Haben wir eigentlich mal darüber nachgedacht, dass es nicht nur uns auf der Erde gibt, dass nicht alles von dem Wort mit „c“ bestimmt wird, sondern auch um tausende hungernde Kinder geht, die täglich jämmerlich sterben, während wir zu einer „alten Normalität“ zurückwollen, die auf Ausbeutung und gesellschaftlicher Ungleichheit beruht?

Zurück wollen zu einer Normalität, die den Tod von Menschen gnadenlos hinnimmt, wenn es zum Beispiel um Rüstungsexporte geht. Auch dafür gibt es Statistiken, aber keine tägliche Pressekonferenz. Eine menschlichere Gesellschaft, das ist es, was wir brauchen, einen Abschied vom wahnsinnigen Glaube ans ewige Wachstum. Genau dafür könnte aus dieser Krise eine echte Chance erwachsen.

%d Bloggern gefällt das: