Die Armut der Anderen

Ist es nicht so, dass das, was wir gerade auf unserer Welt sehen und dessen Teil wir werden, ein Echo ist? Ist es nicht so, dass wir die sind, die dieses Echo verantworten? Ist es nicht so, dass Deutschland als drittgrößter Waffenexporteur der Welt die Krisenherde auf allen Kontinenten Tag für Tag aufs Neue anheizt? Ist es nicht so, dass das, was man als kleine Flamme anheizt, auch zu einem Flächenbrand führen kann? Ist es nicht so, dass die Massen von Menschen, die jetzt unter Einsatz ihres Lebens zu uns, ins gelobte Deutschland kommen, zu Recht ihren Teil des Wohlstands einfordern? Ist es nicht so, dass in einer Welt, in der der Wert eines börsen-notierten Unternehmens von heute auf morgen um ein Drittel einbricht und dadurch Existenzen bedroht sind, nichts mehr echten, wahren Bestand hat? Ist es nicht so, dass wir, die wir alle in tendenziellem Wohlstand geboren sind, keine Ahnung haben von existentieller Not? Ist es nicht so, dass es nicht schlimm wäre, mal laut zu sagen, dass uns das alles Angst macht? Ist es nicht so, dass wir uns langsam mal verabschieden müssen von unserer unserer Dekadenz – mit SUV in der Garage und jährlichem Urlaub am Mittelmeer? Ist es nicht so, dass wir die ganze Zeit dachten „Schau die im Fernsehen doch mal an. Denen geht es schlecht. Doch wir, wir, sind so weit weg. Gott sei Dank.“? Ist es nicht so, dass der westliche Wohlstand auf der Armut der Anderen fußt? Ist es nicht so, dass der Kapitalismus, nach dessen Doktrin wir handeln, nur einen Zweck, den Selbstzweck, hat? Ist es nicht so, dass der neue Volkswagen-Aufsichtsratsvorsitzende ehemaliger IG-Metallchef war und mit dem Bezug des Vorstandspostens all die Ideale aufgab, für die er einst eintrat?

Ich denke, wir werden uns verabschieden müssen von unserem hedonistischen Drehen um uns selbst. Die letzten vier Jahrzehnte haben uns Deutsche faul werden lassen. Wir konnten uns in unseren Ohrensesseln nach Feierabend genüsslich zurücklehnen und an die Stelle eines Homo Politicus trat in gewissem Maße eine Entpolitisierung. Spätestens nach dem pubertären Aufbäumen der 68er und deren geglückter Vergesellschaftung in die neo-liberale Ordnung gab es in Deutschland keine Begeisterung für die politische Sache. Die Entpolitisierung der Menschen war eine vom System gewünschte Conditio sine qua non, die die Bewahrung des Status Quo und gleichwohl die Manifestierung der kapitalistischen Doktrin erst zuließ. Kämen die großen Volksparteien auf jene Wahlergebnisse, wenn sich das Gros der Wählerinnen und Wähler mit den Inhalten jener Parteien, und dem, was sie wirklich erreichten, beschäftigen würden? Ich glaube kaum.

Was jetzt passiert, wird uns im Mark erschüttern. Und zwar nicht, weil uns Flüchtlinge aus fernen Ländern aufsuchen und wir damit nicht fertig werden, sondern weil wir das erste Mal nach dem zweiten Weltkrieg erkennen müssen, mitten drin und nicht weit weg zu sein. Sie kommen zu uns, durchqueren das Mittelmeer und erwarten Hilfe.

Doch sind wir Wohltäter, wenn wir unsere Pforten öffnen? Nein. Das Öffnen der Schranken ist selbstverständlich. Denn die Flüchtlingsströme gehen auch auf unser Konto, genauer: auf das, der Regierenden der letzten 30 Jahre. Denn aufgrund unserer USA-affinen Politik einerseits und aufgrund unserer Waffengeschäfte andererseits sind wir nicht nur verantwortlich, sondern gemeinsam mit den USA die direkten Urheber für Leid und Tod in Syrien, Somalia und in anderen Krisengebieten dieser Welt. Es hat schon so etwas von Goethes „Zauberlehrling“:

„Und sie laufen! Naß und nässer. (…)
welch entsetzliches Gewässer. (…)
Herr, die Not ist groß.
Die ich rief, die Geister
Werd ich nun nicht los.“

Europa spürt angesichts dieser Krise, die im soziologischen Sinne eine normale Migrationsbewegung darstellt, dass es alles andere ist als einig. Und sind wir mal ehrlich: Über diese Heterogenität der europäischen Staaten können auch längst keine offenen Grenzen und erst recht keine einheitliche Währung hinwegtäuschen. Aber ist es nicht normal, dass jedes Land unterschiedlich auf die Fragen dieser Zeit antwortet und reagiert? Dass sich das eine abschotten möchte, während das andere bereitwillig seine Grenzen öffnet? Ist der Grundgedanke des geeinten Europa nicht ein idealisiertes Topos, das schlimmsten Falls der Aufgabe der eigenen landestypischen Identität gipfelt?

Gleichschaltung statt Akzeptanz des Einzelnen und seiner Identität, so geht Kapitalismus m iKleinen und im Großen. Mercedes-Chef Zetsche sieht in den Migranten verwehrtbares Humankapital, mit dem man den Produktionsprozess verbessern und beschleunigen könne, zum Mindestlohn versteht sich. Der SPIEGEL verklärt Miss Merkel derweil zur Mutter Theresa. Welch schöne, neue Welt wir doch haben. Doch mit Flüchtlingen lässt sich eben Quote machen, noch jedenfalls. Und sollte das nicht mehr so sein, dann wird Angie ihre Meinung ändern und sie drehen, wie das Fähnchen im Wind sich dreht. Das war ja damals beim Atomausstieg schon so. Während wir heute noch die großen Gastgeber sind, können wir morgen schon wieder die bösen Deutschen sein. Das hat man eben von einem Wachstum, das auf dem sandigen Fundament der Armut der Anderen wurzelt und damit die Anderen entwurzelt.

Überlegungen zur gesellschaftlichen Ungleichheit

Ich glaube, wir brauchen einmal eine neue Begriffdefinition davon, was Reichtum im eigentlichen Sinne des Wortes überhaupt bedeutet. Ich meine, es ist doch so, dass sich unsere Welt in unglaublichen Polaritäten und Gegensätzen repräsentiert. Wie kann es denn sein, dass es in einem Teil dieser Welt das höchste Ziel ist, einen Teller Suppe zu ergattern, während in einem anderen die Sucht nach übertriebenem Pomp und Luxus herrscht? Die Frage ist an dieser Stelle nicht populistisch gemeint, sondern in ihrer ganzen Brutalität formuliert. Es ist doch eine Welt der Ungleichheiten, in der das „Geboren-Sein in“ immer noch über die kollektive Stellung und die gesellschaftliche Daseinsberechtigung entscheidet. Ich meine das nicht fatalistisch. Doch grundlegend scheint für den daraus resultierenden gesellschaftlichen Determinismus des Einzelnen, der Kapitalismus Rechnung zu tragen, indem nämlich die Auswirkungen dieses Systems eine Maschinerie in Gang setzen, die sich vom niedrigen Lohn der Einen und der Profitgier der Anderen schmiert. Das, was das System des Kapitalismuns am erfolgreichsten in den letzten Jahrzehnten praktiziert hat, ist die ständige Ausbreitung seiner selbst unter dem Paradigma des Wachstums und der Gewinnmaximierung. Der Kapitalismus dominiert unsere westliche Sphäre auch, weil er rein strukturell jedem Einzelnen das Trugbild des tendenziellen materiellen Reich-Werden-Könnens vorgaukelt – ganz nach amerikanischem Vorbild.

Der Kapitalismus macht sich dabei das Prinzip der tendenziellen Belohnung zu Nutze. In dem Versprechen der möglichen, allgegenwärtigen Bedürfnisbefriedigung und des materiellen Reichtums werden aber essentielle, kollektive Problemstellungen weniger wahrgenommen, haben keinen Stellenwert. Das System des Kapitalismus kennt keine soziale Komponente und reagiert lediglich non-human auf das sich ständig wandelnde Verhältnis von Angebot und Nachfrage.

Auch die Medien entziehen sich seinen suppressiven Auswüchsen nicht, lenken sie doch einen Großteil ihrer Nachtrichtenströme zunehmend einseitig. Wann haben Sie das letzte Mal eine Meldung über die Not in Afrika im Radio oder in Zeitungen vernommen? In Europa, und in kapitalistisch geprägten Ländern überhaupt, ist die öffentliche Wahrnehmung meist vollends auf den eigenen Deutungshorizont beschränkt. Selbiger wiederum ist geprägt von einer fast schon redikulös wirkendenden Wechselhaftigkeit: Die Wichtigkeit einer Nachrichtenmeldung scheint sich gänzlich an deren Aktualität zu bemessen und der eigentliche Inhalt, die Quintessenz, wird scheinbar zur Nebensache degradiert. Unser Weltbild, die Art des gesellschaftlichen Erlebens, prägt unser Denken und Handeln – das ist längst nicht neu. Und zwar in der Form, dass sich Fragen über gesellschaftliche Ungleichheit für die meisten von uns überhaupt nicht stellen.

Gesellschaftliche Not lindern wir im Einzelnen, wenn überhaupt, nur punktuell. Natürlich geben wir gerne – an Weihnachten oder bei der Kollekte in der Kirche. Aber ist es nicht so, dass wir alle – im Vergleich zu anderen Menschen auf dieser Welt – reich sind und oftmals mehr geben könnten – materiell und sozial gesehen? Haben die Meisten von uns nicht mehr als sie brauchen und ist eben das nicht eine Form von Reichtum? Unsere individuelle und kollektive Gendankenwelt widmet sich jedoch, im Stile infantilen Egozentrismus, ganz und gar sich selbst und scheint en gros kein Bewußtsein von einem empathischen Miteinander zu entwickeln. Wir machen uns täglich Gedanken um das eigene Dasein, die Welt in und um uns und verlieren dabei ein Wesentliches, ein Essentielles, aus den Augen: die Anderen.

Tut es nicht Not einen neuen, einen utopischen Gesellschaftsbegriff zu entwickeln, der humanen Idealen wieder deutlicher Rechnung trägt? Ganz egal, wie man es nennt, sei es Altruismus oder Agape: Es geht doch darum, die Formen der gesellschaftlichen Ungleichheit aufzudecken, um ihre Wurzeln zu entkräften. Das beginnt auch schon im Kleinen. Es geht um eine Form des Widerstandes, um einen Ausdruck der Empörung, die sich vom Einzelnen quasi systemisch fortsetzt und kanalasisiert. Sicher: Wir alle sind Teil des Systems und können uns insofern nicht gänzlich von gewissen sachlichen und existentiellen Zwängen freisprechen. Allerdings können wir zumindest versuchen, der Welt offener einseitig entgegen zu treten, uns weniger um uns selbst zu drehen und bemerken dann vielleicht, wie wirklich barbarisch unsere gegnwärtige gesellschaftlich Hackordnung schon geworden ist.

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