Facebook-Rollout Mai 2014


Auch wenn Facebook-Seiten-Administratoren in den letzten Monaten nicht mehr viel Neues zu Gesicht bekamen, muss ich sagen, dass das aktuelle Facebook-Rollout und die damit verbundene Layout-Anpassung deutlich gelungener erscheint, als so manch anderer zwanghafter Umstyling-Versuch. Du hast noch keine Veränderung bemerkt? Das hat eben damit zu tun, dass die Anpassungen sukzessive vorgenommen werden. Hier nun die auffälligsten Changes auf einen Blick.

Lästiges „Im Namen von“-Umswitchen entfällt
Wer kennt das nicht? Wollte der Administrator etwas auf seiner Seite posten, musste er immer daran denken, zuvor den Button „Posten im Namen von“ anzuklicken. Ansonsten postete er nämlich gradewegs in seinem Namen – und zwar an die Chronik der von ihm verwalteten Seite. Dieses Problem, das in der Mobile-Version schon länger nicht mehr besteht – wurde jetzt endlich auch für die Desktop-Version gelöst. Einfach auf die Seite gehen und posten. I like!

Verbesserung der Übersichtlichkeit
In Sachen Übersichtlichkeit hat Facebook für Seiten-Admins wohl bisher keinen Blumentopf gewonnen. Nun hat sich das – zumindest ein wenig – verbessert. Auf der rechten Seite erhaltet ihr nun ganz bequem eine Übersicht über neue Likes, Beitragsreichweite, Nachrichten (also Kommentare und Co.) sowie Nachrichten (also Unternehmensnachrichten). Das empfinde ich jedenfalls als eine schöne Veränderung. Auch hierfür ein fettes Like!

Vier Reiter gegen den Rest der Welt
Nun stehen vier Reiter da, wo man sich zuvor mühsam durchklicken musste – namentlich „Seite“, „Aktivität“, „Statistiken“ und „Eintstellungen“. Während wir beim Reiter „Seite“ die von uns verwaltete Seite sehen, gelangen wir bei „Aktivität“ zu den Unternehmensnachrichten. Den Begriff „Aktivität“ finde ich hier daher etwas unpassend. „Postfach“ hätte es wohl auch getan. Unter „Statistik“ findet ihr nach wie vor alles zum Thema „Likes“, „Reichweite“, „Zielgruppe“ usw. Hier ist nun auch jene Beitragsübersicht aufgeführt, die zuvor auf der Haupt-Admin-Seite zu sehen war. Das reicht meiner Meinung nach auch voll aus. Beim Reiter „Seiteninfo“ bleibt fast alles unverändert. Nun gut. Ich sagte fast… Denn als Betreiber eines Restaurants könnt ihr nun unter „Seinteninfo“ das PDF einer Menukarte hochladen. Auch eine nette Sache.

Unterseiten und Apps
Habt ihr mithilfe einer App Unterseiten erstellt? Nun, diese findet ihr jetzt – weit weniger prominent – auf der linken Seite wieder. Dass sie dort dann auch noch unter der Überschrift „Apps“ stehen, finde ich unpassend, gerade dann, wenn Sie noch Online-Buchungs-Tools usw. verwenden, die dem Nutzer einen direkten Mehrwert bringen. Zwar kann neben „Info“, „Chronik“ und „Fotos“ noch eine individuelle App in der Hauptnavigationsleiste aufgeführt werden, dennoch verlieren diese durch diesen Schritt deutlich an Bedeutung. Auch Willkommensseiten dürften damit wohl endgültig im Sumpf der Vergessenheit verschwinden.

Feedback-Elemente
Na ja. Grundsätzlich sind die Meinungen von Nutzern als „Aktivitäten auf der Seite“ nun links unten aufgeführt. Zuvor waren diese prominenter auf der rechten Seite zu finden. Einzig direkte Bewertungen gewinnen an Bedeutung – und zwar bei tatsächlich existierenden Locations. Sie sind jetzt links oben zu finden.

Neues Facebook-Rollout- mein Fazit
Insgesamt sagte ich ja schon, dass die Veränderungen eine Verbesserung sind. Dennoch nerven die zunehmenden Monetarisierungs-Tendenzen schon ein wenig. So wird man überall damit bedrängt, einen Beitrag hervorzuheben und die Reichweite zu erhöhen. Zusätzlich wird die organische Reichweite der Beiträge verringert. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Facebook – oder die Sehnsucht zu gefallen

Wenn ich mir das Gesicht der neuen digitalen Welten ansehe, ist es unverkennbar: Die Maschen des Netzes werden zunehmend enger geknüpft – determiniert von der vorgegebenen Schlagzahl globaler Datenriesen, die nach der Prämisse jedes wirtschaftlich denkenden Unternehmens durch den Netzstrom segeln. Gut ist, was Geld bringt. Und Geld, das bringen vor allem Userdaten. Die Spurensuche der Unternehmen beginnt beim nachmittäglichen Online-Ausflug in die unerschöpflichen Shopping-Tempel à la Amazon und Ebay und endet bei den bevorzugten Youtube-Videos von Lieschen Müller. Wir hinterlassen bei unseren digitalen Streifzügen Fragmente, und die wollen gesammelt und verfolgt werden. Was sich daraus ergibt, ist weit mehr, als der in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts befürchtete „Gläserne Mensch“. Es ist ein digitales Abbild unserer Persönlichkeit, unserer Ängste und unserer Bedürfnisse.

Und an diejenigen, die immer noch glauben, das alles geschehe auf freiwilliger Basis: Zunächst einmal gilt es festzuhalten, dass mit der Erschaffung sozialer Netzwerke ein zutiefst unsoziales Medium geboren wurde. Denn mit zunehmender Verbreitung und wachsender Akzeptanz der Social Newsfeeds stieg auch der individuelle Druck, in dieser „brave new world“ miteinander vernetzt zu sein. Gruppenpsychologisch war und ist es äußerst schwer, einem solchen Massenphänomen wie Facebook zu widerstehen. Denn alle Welt ist drin und Menschen sind bekanntlich Herdentiere, wollen nicht außen stehen.

Soziale Netzwerke setzen an dem menschlichen Bedüfnis zur Kommunikation an, ihre samtene Verheißung ist zu süß, um ihr offline standzuhalten. Wo egozentrische Selbstdarstellung die Wichtigkeit des eigenen Seins suggeriert, ist die Jagd nach dem „Gefällt mir“ zum längst verzerrten Sinnbild falscher Freundschaft geworden. Haben einst dialogischer Austausch und gemeinsame Erlebnisinhalte zu einer persönlichen Bindung geführt, reicht nun ein Klick, um User zu adden oder aus dem surrealen Bekanntenkreis zu verbannen. Wer braucht da noch Lagerfeuer und Staudämme an ungezähmten Waldbächen?

Soziale Showrooms bieten uns den großen Auftritt im Kleinen, die Präsentation unseres Lebens nach unseren Vorstellungen. Und ist eine Impression mal nicht ganz stimmig, legen wir einfach den passenden Instagram-Filter darüber. So verschmelzen die Rollen vom Protagonisten und Zuschauer zu einer seltsamen Online-Symbiose, in der jeder alles beurteilen, kommentieren und liken kann. Grenzen von privat und öffentlich, von nah und fern brechen, und die Privatsphäre weicht auf in einem scheinbaren Schonraum, der von gut gewillten Bekannten beölkert wird, die ja nur das Beste wollen. Aber in dieser Arena der Eitelkeiten zählt nur das Sehen und Gesehen werden. Und so verkommt der mitteilsame Datenstrom, die Teilnahme an Veranstaltung X und Foto Y zu einem unruhigen Grundrauschen in der Weite des Netzes, das nur obeflächlich an das große Publikum harantritt.

Ja, wir zahlen einen hohen Preis für jedes Like, nämlich die Aufgabe unserers inneren Selbst, wollen lieber nur noch äußerlich gefallen, als zu polarisieren und gegen den Strom zu schwimmen. Der Transaktionsanalytiker Eric Berne beschrieb bei seinem an die Psychoanalyse angelehnten Therapiemodell, dass jedem Mensch das Bedürfnis nach seelischen Streicheleinheiten, nach den sogenannten Strokes, innewohne. Und sind es nicht diese Strokes, das positiv konnotierte Feedback-Erlebnis in Form von „Likes“, die uns Menschen in der Sphäre des Netzes zu der Illusion verleiten, einzigartig und wahrhaftig zu sein?

Hier schließt sich der Kreis zum Kommerz. Denn wo Menschen sich produzieren um zum Feedback zu provozieren, werden aus dem Wunsch nach Anerkennung und Sinnhaftigkeit stets verwertbare Online-Portfolios vieler Milliarden Leben.

Dabei stehen wir erst ganz am Anfang. So wird der „Gefällt mir“-Button längst als Indikator für Werbende genutzt, um die werberelevante Zielgruppe mit einschlägigen Botschaften zu befeuern. Die großen Online-Unternehmen wissen um ihre Macht und nutzen ihren Vorsprung durch Technik unverholen aus. Nicht erst seit der NSA-Affäre werden Userdaten an Drittunternehmen weitergereicht, ziehen wirtschaftliche Interessen auf die vernetzte Spielwiese ein. Die Effekte gleichen denen auf weltpolitischer Bühne. So erstreben einige wenige große Unternehmen in einem digitalen Imperialismus die Weltherrschaft an.

Dabei ist das Internet der Dinge das nächste zu erobernde Brachland. Ob Augenlinse, die den Blutzuckerspiegel misst, künstliche Intelligenz oder zentral gesteuertes Heizungsthermostat: Auch der Gigant Google arbeitet kontinuiertlich daran, den Sprung von dem Bildschirm ins echte Leben und in unser Zuhause zu schaffen. Dabei möchte ich dem Konzern im kalifornischen Mountain View garnicht mal eine böse Absicht unterstellen – jedenfalls noch nicht. Vielmehr möchte ich mich für einen maßvollen und kompetenten Umgang mit den uns zur Verfügung stehenden Online-Ressourcen aussprechen. Denn für jedes „Gefällt mir“ zahlen wir einen hohen Preis.

Immer `nen dummen Spruch auf Lager

Ja, ja die Schwarmintelligenz. Also irgendwie glaub ich daran nicht mehr so recht. Nehmen wir mal Facebook. Das 1 Milliarde-Mega-Nutzer-Netzwerk sollte ja eigentlich für den Massengeschmack repräsentativ genug sein, oder? Was muss – na ja – was kann ich da mit meinen Augen immer wieder für schöne Sprüche über den Bildschirm flimmern sehen, die heftigst geliked, geteilt und kommentiert werden.

Das sind aber auch philosophische Ergüsse der besonderen Art: „This is a Nudelholz, take it an hau it on a kopp of a bekloppt person“, „11 Gründe, warum Männer Fußball besser finden als Sex“…

Gut, gut. Das mag ja vielleicht noch ganz witzig sein. Richtig schön wirds dann aber erst, wenn der Poster oder die Posterin des sogenannten fiktiven Charakters (schöne Worthülse, nicht wahr???), dann tief in die Herz-Schmerz-Ich-bin-doch-so-verletzt-worden-Kiste greift. „Du wirst eines Morgens wach werden und merken, dass ich dir fehle, doch dann bin ich weg“, „Sei doch selbst mal perfekt, bevor du dir über mich dein Maul zerreisst“. Seufz…. Die Macher dieser Seiten sind garnicht mal so blöd: Immerhin finden sich in den meist inhaltsleeren Plattitüden die meisten Menschen wieder. Und was nicht passt, wird eben passend gemacht.

So verwundern die hohen Nutzer-Zahlen nicht, da die Leutchen eben nach Cyber-Emotionalität streben, da das im Real-Life mehr als ein simples Like bedingt. Hobbypsychologen aufgepasst: Ihr könnt nämlich jetzt ganz leicht auf die psychischen Befindlichkeiten eurer ‚besten‘ Freunde schließen. Schaut euch einfach mal an, welchen Spruch sie geliked haben – übrigens sollte man das Facebook-Monitoring auch in jeder Personalabteilung einführen.

Wie??? Die ganzen vielen Facebook-Freunde sind garnicht alle eure Freunde? Na dann: Noch besser. Man stelle sich folgendes Szenario vor: Lieschen S schreibt, dass sie ihren Schatz soooo doll vermisse… 100 Punkte für uns! Denn wir kommentieren einfach mal unter den Post: „Komisch, habe ihn gerade mit n’er blonden Beauty in der Stadt gesehen“. Du wirst sehen: Dieses direktive Verhalten entwickelt relativ schnell eine besondere Eigendynamik.

Aber den absolut besten Spruch – read ever – muss ich hier unbedingt wiedergeben:

„Manche Leute verstehen nicht, dass Facebook kein Tagebuch ist…“ Dazu das Foto einer ernst drein blickenden Frau. Wow!

Na dieser Sprücheklopfer sollte sich bitteschön doch dringend mal mit den Ansichten Mark Zuckerbergs beschäftigen und dann schleunigst aus Facebook austreten.

Fettes „Dislike“ meinerseits….

Das Facebook-Dilemma

Was haben sich die Zeiten doch geändert. Wenn Sie sich so manch ältere TV-Sendung auf einem der zahlreichen Sparten-Kanäle anschauen, wird das offensichtlich. Als ich vor kurzem die Sendung „Formel Eins“ noch einmal vor meinen Augen vorbeirauschen sah, wurde mir wieder bewusst, wie schnell die Zeit doch voranschreitet und was sich seit dem Datum der Ausstrahlung so alles getan hat. Damals war es der Kalte Krieg, der allgegenwärtig das gesellschaftliche Bewusstsein prägte und es herrschte – für uns Kinder war das Gott sei Dank kaum spürbar – ein politisches Klima des Misstrauens und der Ablehnung. Die Supermächte Russland und USA ließen sich gerade noch dazu hinreißen, über den heißen Draht miteinander zu kommunizieren. Hätten Herr Reagan und der ein oder andere Kreml-Chef ein Facebook-Konto gehabt, vielleicht wäre da so Manches einfacher gewesen. Man stelle sich das nur mal vor: Mr. Ronald Reagan „added“ Herrn Gorbatschow zu seiner Freundesliste, verpasst dessen gerade gepostetem Kommentar über den Fortschritt von „Glasnost“ ein fettes „Like“ und gründet schließlich die Gruppe „Supermächte unter sich“…

Ach ja: Die Konflikte der Welt über ein Facebook-Profil zu lösen, das wäre wohl auch der Traum eines Mr. „Ich-trage-exemplarisch-nur-T-Shirts“, Mark Zuckerberg, gewesen. Alles hätte so schön sein können: An der Börse, so war es in den Zuckerbergschen Visionen jedenfalls fest vorgesehen, sollte die Kapitalisierung des Online-Unternehmens eine Milliarden-Dividende in die Gesichts-, ach nein, Geschichts-Bücher spülen. Doch was dann passierte, trieb nicht nur Zuckerberg den Schrecken in die Glieder, sondern auch dessen Aktionären Tränen in die Augen: Das Wertpapier rutschte binnen weniger Tage tief in den Keller der New Yorker Börse. Auch U2-Sänger und Ganztags-Weltverbesserer Bono dürfte sich darüber wohl kaum gefreut haben – denn der Posten als reichster Musiker der Welt bleibt somit nämlich beim Alt-Beatle McCartney. Aber hätte man das Facebook-Dilemma nicht erahnen können? War es nicht abzusehen?

Ich meine: Ja, das war es. Was Facebook von anderen Unternehmen schon grundlegend unterscheidet, ist, dass das Online-Portal als solches nichts, aber auch gar nichts, produziert. Es stellt lediglich eine Nutzoberfläche und die zur Aufrechterhaltung des Dienstes notwendigen Server-Strukturen zur Verfügung. That’s it. Die Idee der globalen Vernetzung ist dabei zwar schön und gut, aber auch die Konkurrenz schläft ja bekanntlich nicht. Ein wirklicher USP fehlt – bis auf den „Like-Button“ vielleicht. Und vergessen wir nicht: Auf dem deutschen Markt ist uns das Phänomen des Social-Network-Flopps schon längst bekannt. Spätestens als Holtzbrinck die VZ-Kanäle an sich riss, brachen deren Userzahlen ein. Heute hat die Verlagsgruppe Probleme, die Communities wieder loszuwerden. Auch die RTL-Vermarkter-Tochter IP hat sich mit dem Kauf von WKW, Wer-Kennt-Wen, nicht wirklich einen Gefallen getan. Sicher: Noch kann Facebook von den Verlusten der anderen Netzwerke profitieren, noch gilt es als „Must“, dort ein Profil zu besitzen. Aber gerade in jüngster Zeit wandelt sich das Bild des Konzerns im öffentlichen Bewusstsein zusehends: Ständige Veränderungen an der Nutzeroberfläche, undurchsichtige Datenschutz-Richtlinien und nicht zuletzt die zunehmende Kommerzialisierung des Netzwerks durch Werbeschaltungen bewegen viele Nutzer dazu, sich wieder aus dem „Gesichter-Buch“ auszutragen, auch wenn ihre Daten in den Server-Tiefen des Unternehmens wahrscheinlich für immer verloren sind. Facebook gilt nicht zuletzt aufgrund dieser Praktiken als Datenkrake, als eine Art Sekte, die mit allen Mitteln versucht, die Weltherrschaft zu erringen. Und sind wir mal ehrlich: Zuckerbergs Auftreten und sein Narzissmus, der sich vor allem in dem Glauben daran äußert, dass sein Netzwerk es ist, in dem wir alle unser Leben peinlich genau darlegen (müssen), sind es, die diesen Gedanken gar nicht mal als so abwegig erscheinen lassen. Im Übrigen lässt auch die Werbe-Branche keine Gelegenheit aus, um zu betonen, wie wichtig ein Facebook-Aufritt für das Unternehmens-Portfolio sei und dass jeder, der dort nicht vertreten ist, besser gleich den Insolvenz-Verwalter bestelle… Ironischerweise ist es genau die Institutionalisierung des Facebook-Phänomens, die letztlich ganz schnell dazu führen kann, dass der Run auf das Netzwerk nachlässt.

Grundlegend wird die Idee des Sozialen Netzwerks, des sich Findens und sich Verbindens, wohl bestehen bleiben, aber sie wird wahrscheinlich zukünftig um einiges transparenter: Datenschutz-Richtlinien müssen entsprechend aufgeweicht werden, die Dienste, wie auch immer sie schließlich heißen mögen, werden sich zunehmend über ihren Mehrwert definieren müssen und weniger über ihren Selbstzweck. Wie dieser Mehrwert letztlich aussehen mag, das steht noch in den Sternen. Doch sind für mich zwei wesentliche Merkmale entscheidend: Zukünftige Soziale Plattformen müssen dem Prinzip der Medienkonvergenz stärker Rechnung tragen und auch dem Bedürfnis nach mobiler Kommunikation. Sollte Facebook entscheidende Trends verschlafen, wird das einigen Shareholdern wohl kaum wirklich gefallen. Vielleicht hat sich Herr Zuckerberg auch deswegen noch nicht zur Einführung eines „Dislike-Buttons“ hinreißen lassen…

Kommunikation ist alles…

Alle Besitzer eines Smartphones kennen dieses Phänomen wahrscheinlich: Sie haben um 15.00 Uhr einen Arzttermin und müssen notgedrungen noch ein paar Minütchen im Wartezimmer verbringen, umringt von Unbekannten verlieren Sie sich sogleich in einer Pseudo-Anonymität, die Sie zermürbt und innerlich zu zerreißen droht… Früher war es da der Griff zur Zeitschrift, die mittels Lesezirkel ihren Weg in die Mitte des Wartezimmers und so in unseren Aufmerksamkeits-Radius fand, mit dessen Hilfe wir uns dem psychologischen zwanghaften Sitting-In-Trauma entzogen. Immerhin musste man ja, sofern man seinen Termin wahrnehmen wollte, einen gewissen Zeitraum mit diesen hustenden und oftmals seltsam riechenden Menschen an Ort und Stelle verbleiben. What a pity, wie die Engländer sagen…

Ich persönlich bevorzugte in diesen Zeiten übrigens die Print-Auswüchse der Yellow-Press, vorzugsweise BUNTE und GALA, die den deutschen Markt mit ihren leichten und partiell erlogenen Sujets über Stars und Sternchen überfluteten. Ja: Das war tatsächlich ein durchaus angenehmer Zeitvertreib für mich und letztlich ein ungeheurer Kontrast zu Habermas‘ „Erkenntnis und Interesse“ oder Chomskys „Rules and Representations“ beispielsweise. Die beiden Theoretiker hätten wohl, vorausgesetzt mein spezielles Wartezeiten-Überbrückungs-Hobby wäre jemals zu ihnen vorgedrungen, praktisch eigenhändig sofort alle ihre Werke aus meinem Bücher-Regal geworfen.

Doch heutzutage, im Zeitalter der totalen Mobilität, wird es uns, den misanthropen Zwangsneurotikern, da noch leichter gemacht. Denn mit einem Griff in die Hosentasche ist es da: Unser Lean-Back-Device, unser Draht zur digitalen Welt, unser Beziehungs-Kitter und Beziehungs-Killer – unser Handy. Fühlen wir uns erst einmal allein, gelangweilt oder wollen einfach nur besonders busy tun, wagen sich unsere Hände quasi selbständig in die konspirative Welt unserer Hosentaschen vor, tasten sich vorbei an Zigarettenschachtel, Taschentüchern und Feuerzeug, bis sie es dann sogleich zielsicher hervorziehen ins Tageslicht. Die Zeitschriften sind zwar noch immer da, aber vergilben infolge des erlernten Verhaltens und der damit verbundenen Konditionierung einsam vor sich hin. Wann immer uns eine Situation Raum zu einer sozialen Begegnung, im eigentlichen Sinne des Wortes, böte – in U-Bahnen, Aufzügen oder an Bahnsteigen beispielsweise – flüchten wir also in die Welt der Bits and Bytes, überfordert vielleicht von so viel Begegnung und plötzlicher Nähe.

Gott sei Dank bieten die kleinen elektronischen Alleskönner viele Fluchtmöglichkeiten: Ob sogenanntes Soziales Netzwerken, recherchieren irgendwelcher ganz wichtigen Begriffe auf Wikipedia oder einfach nur sinnloses Googlen: Tippen, oder vielmehr „touchen“, gehört mittlerweile wohl wirklich zum guten Ton aller Lückenfüll-Aktivitäten. Während zunächst nur die sogenannte Digitale Bohème die Notwendigkeit des mobilen Surfens erkannte und die damals noch waghalsig überzogenen Preisvorstellungen der Netzbetreiber als notwendiges Übel akzeptierte, hat sich das Surfen on the road mittlerweile zum Massenphänomen entwickelt und spiegelt wie keine andere Spielart der Kommunikation den inharänten Wunsch der Menschen nach einem permanenten Update, nach Kontakt und Nähe wider – bei gleichzeitiger Negation des realen sozialen Raumes mit all seinen Akteuren.

So füllen wir also die Zeit, die wir haben, aber eigentlich nicht wollen, mit sinnlosen Recherchen, schauen, ob es da jetzt endlich eine neue Nachricht auf Facebook für uns gibt, checken E-Mails, banken online, skypen und sind sehr kommunikativ, nur um mit denen, die uns da gegenüber sitzen, nicht kommunizieren zu müssen. An einem Gespräch „in real“ – daran kann wirklich niemand ernsthaft interessiert sein, oder? Ach ja: Wie sagte der gute Watzlawick noch gleich: Man kann nicht nicht kommunizieren!

Wie Facebook unser Innerstes befriedigt

Für mich stellt sich schon ab und an die Frage, wie sozial die sogenannten sozialen Netzwerke wirklich sind. Natürlich steht ausser Frage, dass die Begegnungsplattformen Distanzen überbrücken und auch dort wieder zarte Bande entstehen lassen können, wo etwaige Motive bereits dafür gesorgt hatten, diese, zumindest in Reallife, zu unterdrücken. Doch die Online-Freundschaftsbekundungen weisen einen stets illusionären Charakter auf, indem sie sämtliche sozialpsychologischen Phänomene zunächst aussenvor lassen oder deren Relevanz verschieben. Wo früher nämlich eine Frage, ein Annäherungsprozess stand, ist heute der Freundschafts-Button quasi vorinstalliert und ein Klick genügt, um sich online dem Gegenünber wieder auf den Schirm und in die Erinnerung zu rufen. Komplizierter Annäherungsprozess – Fehlanzeige. Freund- und Freundin-sein wird einfacher und indem das so ist, findet auch einer Art Aufweichung des Freundschaftsbegriffs selbst statt. Freundschaft heßt ja im soziologischen Sinne eine assymetrische Form der Beziehungsführung, ein volles Akzeptieren des Gegenübers mit all seinen Schwächen und ein Bekenntnis dazu. War die Freundschaft wichtig, so musste man sich nach einem Krach auch wieder versöhnen – Belastungen musste eine Freundschaft eben aushalten.

Doch Freundschaft ist eben nicht gleich Freundschaft, denn ist der Button im Netz erst einmal gedrückt und die automatisch generierte Anfrage vom Online-Ich auf der anderen Seite akzeptiert, sind es lediglich die individuellen Postings, die die sogenannten Freunde dann verbinden – eine ihrer Bedeutung nach stets eingeschränkte Form der (Be-)freundung. Gleichzeitig liegt genau darin der Reiz: Wer möchte nicht möglichst schnell, möglichst viele Freunde haben – ganz ohne freundschaftliche Verpflichtungen? War noch im Jahre 2001 besonderes Fingerspitzengefühl und ein Mindestmaß an Empathie von Nöten, um eine Freundschaft zu pflegen, haben nun endlich auch die klassischen Beziehungs-Nerds, die früher mal Budenhocker hießen, Chancen auf ein engmaschiges soziales Online-Netzwerk ganz ohne Laufmaschen und ohne Beziehungs- oder Freundschaftsarbeit.

Die sozialen Netzwerke bieten uns Menschen, und darin liegt meiner Meinung nach ihr Suchtpotential, die Verheissung auf Wahrhaftigkeit. Und das meine ich so: Indem wir via Postings unser Leben dokumentieren, illustrieren und bebildern, verleihen wir ihm eine gewisse Wichtigkeit. Wir haben das Gefühl der Wahrhaftigkeit, des Da-Gewesen-Seins. Etwas altmodisch könnte man auch sagen: Wir verewigen uns. Ja: Was früher unsere Namens-Initialen in der Eiche am Feldweg waren, sind heute die Posting. Ganz nebenbei können wir endlich eine geschönte, geglättete Version unseres Lebens, eine Art Online-Curriculum-Vitae, abgeben, die unser Leben aufregend erscheinen lässt. Denn das, was da im eigenen individuellen Newsticker erscheint, unterliegt ja unserer eigenen, inneren Zensur. Dabei verwischen gerne auch mal die Grenzen von Privatsphäre und Intimität. Im digitalen Dorf, das zuhause von der Couch besucht werden kann, vergisst man nämlich ab und an die weitreichenden Folgen eines zu freizügigen im Schottenrock Fotos von der letzten Party – Hauptsache die Fan-Gemeinde liked es ganz doll…

Ach ja der „Gefällt-mir“-Button. Ein weiterer verhängnisvolller, vielleicht sogar der verhängnisvollste Knopf im Zuckerberg-Universum überhaupt. Da es in der Natur des Menschen liegt, gefallen zu wollen, gefällt dieser unscheinbare Button und sein Resultat nämlich auch unserem limbischen System sehr. Belohnung ist schließlich etwas Tolles, nicht wahr? So streben wir alle nach den „Gefällt-mir-Credits“, nach der besonderen Form digitalen Prestiges, der sozialen Anerkennung. Wir proudly präsentieren: unsere Kinder, unseren Hund, unsere neue Kaffeemaschine, unseren Job. Kurz: Wir zeigen alles, was das Leben so hergibt. Wir legen unseren Freunden nicht nur unser Face-, sondern auch unser ureigenstes Lebens-Buch offen, was mich prompt zur Aussage des Facebook-Gründers, Herrn Zuckerberg, führt: „Die Privatssphäre ist eine veraltete Konvention.“ Na dann, p(r)ost!

Alte Gewohnheiten…

… gehen über Bord. Schneller als einem wirklich lieb ist. Beispielhaft merkte ich das wieder mal daran, dass ich vorzugsweise mein Handy nutze, um online zu gehen, während mein Rechner in der Ecke nur noch ein jämmerliches Dasein fristet. Web 2.0, das verkommt immer weiter zum „Facebook-Anschau-Web“. Eigener Content wird kaum noch produziert, das Individuelle geht m. E. immer mehr verloren. Obendrein hat Facebook sogar noch seine Privacy Einstellungen angepasst – noch mehr Daten, noch mehr kommerzielle Kernbotschaften, die auf den User unversehens einhämmern. Nun gut: Wollen wir mal nicht zu sehr den Schwarzseher markieren. Gleichzeitig entwickeln sich ja neue Synergien, die Medienkonvergenz schreitet voran.

Medienkonvergenz – das nennen wir [die Marketer] die Annäherung verschiedener Einzelmedien zueinander. Wohl wird es darauf hinauslaufen, dass es „das Netz“ als losgelöste Surfinstanz bald nicht mehr geben wird. Viel mehr wird sich das Web 3.0 zu einer alltagsrelevanten Kerngröße entwickeln, die letztlich omnipräsent ist – beim Fernsehen, beim Lesen, immer und überall. Und da haben wir auch wieder die Parallele zu meinem Surfverhalten: Um sich weiter zu entwickeln, um echtes Mitmach-Web zu werden, wird sich das Netz noch weiter öffnen müssen. Da ist es mit einer 500 MB-Limitierung für das MobileNetz noch nicht getan, liebe Mobilfunkkonzerne. Das wird dann auch der Zeitpunkt sein, an dem Unternehmen erkennen, dass sich Synergieeffekte nicht gänzlich steuern lassen, denn Zugangsschranken zu senken, heisst gleichzeitig noch schneller ein Feedback erhalten zu können, sei es positiv oder negativ.