Warum Sie kein Soldat werden sollten

Es gibt, und das möchte ich in aller Deutlichkeit sagen, keinen Grund, Soldat zu werden – und zwar in keiner Armee der Welt. Denn Krieg ist das Falscheste, was von Menschenhand je verübt wurde und leider noch wird.

Das Wort Soldat stammt vom lateinischen Verbum soldus ab und bezeichnet „die Münze“, im Plural also die „solidi“. Soweit der kurze ethymologische Abstecher in die Welt der Sprache. Dieser ist wichtig, weil schon die Klärung des Begriffs aufzeigt, um was es beim Soldat sein geht. Um die Besoldung, d. h. ums Erhalten von Geld für etwaige Handlungen im Sinne des militärischen Machtapparates. Und nein: Das hat mit einem normalen Beruf, mit Normalität im Sinne eines aufgeklärt denkenden Menschen nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Auch dann nicht, wenn unsere Bundesregierung und mit ihr die am Erhalt des Status Quo sehr interessierten Medien nicht müde werden, zu kommunizieren, dass es doch nichts Besseres gäbe, als Karriere beim Bund zu machen, also: ein Soldat zu sein. Ihr Tenor: Da kannste Krieg spielen. Da kannste in real ego-shooten und lernst ganz nebenbei deinen Mann oder deine Frau zu stehen. „Ja: Komm zum Bund. Hier wirst du gebraucht“, so klingt die sirenenähnliche und immer wiederholte Marketing-Botschaft der Truppe. Soldat zu sein soll schließlich wieder cool werden – spätestens seitdem die Wehrpflicht am 1. Juli 2011 abgeschafft wurde, die Anzahl der out-of-area-Einsätze aber stark angestiegen ist.

Ein Soldat, so will uns die Werbung Glauben machen, ist sowas wie ein Survival-Kämpfer, der Brunnen baut, sich super cool vom Hubschrauber abseilt und mit seinem Panzer dem Sonnenuntergang entgegen rollt, fast wie der Marlboro-Cowboy einst selbigem entgegenritt – nur eben ohne Lungenkrebs. All das ist natürlich geplant und ein wohl kalkulierter Euphemismus in einer Zeit, in der vom deutschen BIP zukünftig zwei Prozent für Aufrüstung abgezwackt werden sollen und ein Großmanöver nach dem anderen vorangetrieben wird. Zuletzt marschierten im Rahmen des größten NATO-Sandkastenspiels namens Trident Juncture in Norwegen 50.000 Soldaten auf, 10.000 Panzer rollten an, 250 Flugzeuge und 65 Schiffe wurden mobil gemacht.

Simuliert wurde der Angriff eines (räusper) „fiktiven“ Gegners. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt – denn welcher Gegner so nah an Russlands Grenzen gemeint war, sollte sich selbst dem geneigten Dauer-BILD-Zeitungsleser erschließen. Ein Tipp für Ahnungslose: Das Land fängt mit ‚R‘ an. Richtig ist auch, dass Russland in diesem Fall zuvor die Muskeln spielen ließ und im Rahmen des Manövers „Wostok-2018“ 297.000 Mann, darunter auch Chinesen, zusammenzog. Doch actio ist bekanntlich gleich reactio. Betrachten wir nämlich die NATO-Osterweiterung als Ganzes mit den Beitritten von Polen, Tschechien und Ungarn 1999, gefolgt von Estland, Lettland, Litauen sowie das Tauziehen um die Ukraine, so wird offensichtlich, dass gerade die NATO seit Jahren eine expansive Akquise-Politik betreibt, von der sich Russland nachhaltig in seiner Souveränität bedroht fühlt. Zu jenen Bemühungen der NATO zählt der vorangetriebene Ausbau von Panzer-festen Straßen in Polen genauso wie die Überwachung der östlichen Außengrenzen mit Luftaufklärern des Typs E-3A-Awacs.

Ja, man könnte glatt den Eindruck gewinnen, dass die NATO unter der Ägide des Angriffskoordinators und Möchtegern-Imperators Jens Stoltenberg es wirklich ernst meint mit der viel beschworenen pro amerikanischen Bündnistreue, dass es so langsam mal ernst wird in Sachen Krieg. So wirbt Herr Stoltenberg offensiv für die sogenannte Nukleare Teilhabe Europas – im Klartext heißt das, dass US-Atomwaffen, z. B. die zwanzig im Fliegerhorst Büchel (Eifel), für teures Geld modernisiert werden, statt sie endlich abzuziehen. Würde dann der NATO-Bündnisfall eintreten, müssten sprichwörtlich deutsche Piloten den totbringenden roten Knopf drücken. Töten für Uncle Sam.

Doch die Feinbildmaschinerie fährt noch größere Geschütze auf. So soll in Ulm ein neues NATO-Hauptquartier entstehen, durch das Europa auf die „veränderte Bedrohungslage“ reagieren möchte. Bedrohung. So so. Dazu kommen das Raketenabwehrsystem in Polen – das ganz schnell zu einem Angriffssystem umfunktioniert werden kann, Handelssanktionen gegen Russland, das Nordstream-2-Dilemma, der von Rammstein aus koordinierte Drohnenkrieg der USA sowie eine Politik, die statt auf Einigung mit Russland auf Spaltung setzt und sich damit zum Handlanger US-imperialistischer Interessen macht.

Ganz unabhängig davon wie man zu der gegenwärtigen geostrategischen Gemengelage steht, so werden Soldaten in ihr zukünftig wieder eine gewichtigere Rolle spielen. Denn: Sie werden von den Eliten als Bauernopfer und willfährige Erfüllungsgehilfen ihrer perfiden Machtinteressen gebraucht. Und genau aus diesem Grund ist es wichtig, das „Soldat sein“ als das zu entlarven, was es ist. Frei nach Eugen Drewermann ist es nämlich das, was ein Mensch am wenigsten sein sollte. Mit ihm geht zwangsläufig die Aufgabe der menschlichen Autonomie einher, hin zur einer Befehls-Empfänger-Hierarchie, die nur einem Zweck dient: Der Wahrung von ideologischen und territorialen Herrschaftsinteressen zugunsten einer kleinen Machtelite. Wir müssen jedem einzelnen jungen Menschen klarmachen, dass es nichts Erstrebenswertes ist, einen Tarnoverall zu tragen, dass jedes einzelne Abzeichen für vermeintliche Tapferkeit nur der Ablenkung und Maskierung der wahren Kriegsmotive dient. Das hat nichts, aber auch gar nichts mit Ehre oder Pathos zu tun.

Es gibt, und das möchte ich in aller Deutlichkeit sagen, keinen Grund, Soldat zu werden – und zwar in keiner Armee der Welt. Denn Krieg ist das Falscheste, was von Menschenhand je verübt wurde und leider noch wird. Soldat sein ist unmenschlich, weil es bedeutet, nicht nur potentiell zum Mörder, sondern auch selbst getötet werden zu können. In solch einem destruktiven, inhumanen Prozess etwas Erstebenswertes zu sehen, ist pervers im wahrsten Sinne des Wortes! Ja, es ist ein Irrglaube, dass am Hindukusch die Freiheit Deutschlands verteidigt wird, genauso wie es ein Irrglaube ist, die Freiheit eines Landes könnte jemals irgendwo durch einen Krieg verteidigt werden – ob in Vietnam, im Irak oder in Frankreich. Krieg ist laut, brutal, unerbittlich, stinkt, lügt und bringt den Tod. Immer.

Daher hat es schon etwas mit Massenpsychose zu tun, wenn ein Mensch glaubt, er handele als Bewaffneter-Söldner im Namen der Gerechtigkeit. Doch genau dieses Spiel um Ruhm und Ehre missbrauchen die USA und alle anderen militärischen Apparate seit jeher für ihre Zwecke. So verwundert es auch nicht, dass in allen sogenannten Antikriegs-Filmen der Krieg trotz allen Leids dann doch ein wenig „cool“ daherkommt – mit Wagners „Ritt der Walküren“ oder eben mit altbekannten Oldies, die die Wahrheit ein Stückweit übertönen. Marketing eben.

Von 1992 bis heute starben 110 Bundeswehrsoldaten im Einsatz. Viele andere Soldaten und Zivilisten sterben und werden dahingerafft, schreiend und voller Qualen, oder ganz schnell und unerbittlich. Gegen diesen evolutionären Rückschritt, gegen jede einzelne der Lügen des Pentagons, seiner weltweiten PR-Berater und gegen alle anderen propagandistischen Medien und Meinungsmacher müssen wir, die Friedenbewegung, entschieden vorgehen. Wir müssen ihn entzaubern den Mythos vom gerechten Krieg. Jeden Tag. Immer wieder aufs Neue. Es geht um Leben und Tod. Und das ist weder eine Karriereperspektive, noch ein Spiel.

Generation Z: Wo ist die Solidarität, wo ist sie geblieben?

Immer wieder stelle ich mir die Frage, wo sie hin ist, die Emanzipation. Wo ist sie, die Wut der 68er, die sich motivieren ließ vom Hass auf den „Muff unter den Talaren“ und schließlich auf den Straßen entlud? Dutschke und Ohnesorg, aber auch die Demonstranten zeigten eines: Solidarität für Minderheiten. Solidarität mit der Bevölkerung Irans, die unter der Knute des von den USA installierten Schahs Mohammad Reza Palavi litt und Solidarität mit der Bevölkerung Vietnams, die Opfer eines von den USA betriebenen Angriffskrieges unter Johnson wurde.

Die weltpolitische Gemengelage war es wohl, die die Studentenschaft mitten ins Mark traf. Verstärkt durch die ultra-konservative Haltung einer zutiefst repressiven Bundesregierung, wurden ihre Wut und Empörung zunächst in Graswurzel-Bewegungen wie die der Außerparlamentarischen Opposition kanalisiert. Ein emanzipatorisches Potential erwuchs m. E. auch aus der real existierenden Kontroverse zwischen der Nazi-Vergangenheit hochrangiger deutscher Regierungsfunktionäre auf der einen, und den Ideen der Kritischen Theorie Adornos und Horkheimers, also der sogenannten Frankfurter Schule, auf der anderen Seite. Deren Kernaussagen standen nämlich im offenen Gegensatz zum starren Politik-Verständnis des Establishments, da sie von der Fähigkeit des Subjekts zur Autonomie ausging sowie von einem grundsätzlich dialektischen Gesellschaftsbild, das bestimmt ist vom Spannungsfeld zwischen phylogenetischer und ontologischer Entwicklung.

Ja, ich kann mir vorstellen, wie einst der Hype um Adorno gewesen sein muss, obgleich Adorno selbst – bei aller Kritik am Bestehenden – charakterisiert war vom Misstrauen gegenüber allem Neuen. Sinnbildlich wird das wohl in seiner Aversion gegen die Unterhaltungsmusik aufgezeigt, für die er, der große Musiktheoretiker, nicht mal einen Augenaufschlag übrig hatte.

Doch worauf ich hinaus will, ist dies: Wo ist all die Emanzipation, all der Wille zum zivilen Ungehorsam, all die Wut hin, die sich damals entlud? Wo sind sie hin, die Kritikfähigkeit und der von Kant formulierte kategorische Imperativ, also jene Kategorien, die uns bescheinigen, dass wir tendenziell über den gesellschaftlichen Tellerrand schauen können, wenn wir es denn wollen? Sie, so scheint es mir, sind zu leeren Begriffshülsen verkommen, was wohl in einer Aushöhlung bildungstheoretischer Konstrukte, und damit mit der Reduzierung des durch sie vermittelten Wissens begründet liegt.

Denn obwohl die politische Gemengelage eben so explosiv ist wie damals, wenn nicht noch explosiver, so verpufft in Deutschland jegliche Form der Solidarisierung in den unendlichen Weiten des WorldWideWeb. Echter, tragfähiger Widerstand ist das längst nicht. Denn digital ist nicht real life.

Der uns innewohnende Wille zum unendlichen Gehorsam liegt, so denke ich, mitbegründet in der Aufweichung des Erziehunsbegriffs, der seit der Generation Y, also jener Generation, die keinen Krieg erleben musste, befüllt wurde mit neoliberalen Werten wie Entpolitisierung, materieller Überversorgung und Overprotection.

Im Kern geht dieser kapitalistische Erziehungsprozess davon aus, dass Kinder für den Markt sozialisiert werden müssen, statt ihnen das Rüstzeug an die Hand zu geben, das sie zur Mündigkeit befähigen würde. Damit meine ich, dass jenem verwertbaren, für den kapitalistischen Produktionsprozess wichtigen Wissen, mehr Bedeutung zugestanden wird als der Idee einer umfassenden Bildung und ihn reduziert auf seine für die kapitalistische Gesellschaft verwertbaren, das heißt: auf seine rein Profit maximierenden Handlungen.

Durch den Sozialisationsprozess selbst, durch das systematische Vermitteln eines Konzepts, das von der Notwendigkeit der Unterordnung in eine kapitalistische Gesellschaftsstruktur ausgeht, deren Muster und Handlungsmotivation von Konformismus und Konsum bestimmt werden, gelangt das Subjekt schließlich zu einer Schein-Emanzipation, die in Wahrheit stiller Gehorsam ist. Stiller Gehorsam wiederum meint das Aufbrechen jeglicher Solidarisierungsbestrebungen – und zwar auf individual- und makrotheoretischer Ebene, was Marx wohl die Zerstörung des Klassenbewusstseins nennen würde. Sie schafft unterwürfige Individuen, die dem Tagwerk frönen, ohne den Blick nach rechts oder links zu richten.

Die Gleichung lautet: Solange wir wie Uhrwerke funktionieren, können wir die kleinen Vorteile des Systems genießen. Und da wir das können, da wir zumindest im westeuropäischen Kulturraum (noch) in einer Echokammer leben, kommt Wut und Empörung – wie einst von Stéphane Hessel gefordert – überhaupt gar nicht mehr auf.

Doch Bewegungen wie die Gelbwesten zeigen, dass es auch anders gehen kann. Nein freilich: Das ist nicht einfach, das kostet Zeit und viele Nerven. Aber es tut dennoch Not!

Denn wenn wir den Erziehungsprozess weiter dazu missbrauchen, Kinder zu konformistischen „Ja-Sagern“ und zu nicht reflektierenden Konsum-Zombies zu erziehen, hat das Folgen. Zugegeben: Es wird vieles dafür getan, dass wir und unsere Kinder unmündig bleiben – vom gleichgeschalteten Medien-Setting über Eltern, die lieber verwöhnen und dauer-loben, als den Kindern auch mal die eigenen Grenzen aufzuzeigen. Doch all das kann uns von unserer Verantwortung nicht freisprechen.

Leider ziehen die, die es sich leisten können, ihre Kinder heute in einem materiell-übersättigten Embryo mit Playstation und Markenklamotten auf, und lassen den lieben Kleinen alle Vorzüge der kapitalistischen Gesellschaft angedeihen, ohne darauf zu achten, was eine solche Sozialisation (auch mit der eigenen Kritikfähigkeit) überhaupt anrichtet. Denn sie hat einen hohen Preis: die Aufgabe der Mündigkeit.

Wo ist sie also hin, die Emanzipation? Sie wurde ausgehöhlt, zugunsten einer institutionell legitimierten Trockenlegung des Bildungssektors, der immer mehr zu einem Ausbildungssektor verkommt, sie wurde „vergessen gemacht“, zugunsten einer Kultur der Event- und Erlebnis-Hopper, die zwar lebenshungrig, aber lebensfremd sind, die auf der einen Seite Emotionen mit Emojis ausdrücken, aber für die Benachteiligten dieser Welt keine mehr übrig haben, weil sie so gerne konsumieren. Generation Z eben.

Ach, es ist sehr traurig das alles.

Anmerkung:

Der Bildungsbegriff, so wie er hier dargestellt ist, ist nie denkbar ohne eine gesellschaftliche Komponente, und zwar in der Form, dass Halbbildung stets als Mittel zur Legitimation des Bildungsmonopols und damit zum Erhalt des Status Quo eingesetzt wird. Ganz im Adorno’schen Sinne:

„Was aus Bildung wurde und nun als eine Art negativen objektiven Geistes, keineswegs bloß in Deutschland, sich sedimentiert, wäre selber aus gesellschaftlichen Bewegungsgesetzen, ja aus dem Begriff von Bildung abzuleiten. Sie ist zur sozialisierten Halbbildung geworden, der Allgegenwart des entfremdeten Geistes. Nach Genesis und Sinn geht sie nicht der Bildung voran, sondern folgt auf sie.“*

*Theodor W.Adorno: Theorie der Halbbildung (1959). In: Gesammelte Schriften, Band 8: Soziologische Schriften 1 Suhrkamp, Frankfurt/M. 1972, S. 93–121.

 

 

 

 

CDU. AKK. LMAA.

Nun ist es also doch „us Annegret“ geworden, wie es im saarländischen Dialekt heißt. Damit hat sich die alt gediente Parteisoldatin durchgesetzt, nicht der millionenschwere Lobbyist, Blackrock-Frontman und Freizeitflieger Friedrich Merz und erst recht nicht Mr. Fettnäpfchen himself, Jens Spahn. Aber eigentlich ist das kein Wunder. Denn die Brillenträgerin aus dem saarländischen Püttlingen, deren Namenskürzel genau so schnittig daherkommt wie ihre Kurzhaarfrise, steht für all das, was die CDU in der Ära Merkel aus- und vor allem schwachgemacht hat: ein gesellschaftspolitisches „Weiter so“ verbunden mit der Wahrung einer konservativen Agenda, ganz gleich mit welchen Mitteln und zu welchem Preis.

Ob nun Kramp-Karrenbauer, Spahn oder gar Merz auf der Partei-Brücke stehen oder jemand ganz anderes, ist eigentlich einerlei: Denn der Kurs der „MS Demokratie“ steht längst fest und die sogenannten Parteispitzen agieren auf dieser Irrfahrt gen Untergang ohnehin nur noch als Marionetten des Großkapitals.

Ausdünnung des Sozialstaates, Privatisierung und kapitalistische Umverteilung von unten nach oben sind die gnadenlosen Ziele dieses Fahrplans, zu dessen Erfüllungsgehilfen sich die Kartellparteien gemacht haben. Auch Kramp-Karrenbauer lässt keinen Zweifel daran, für wen sie zukünftig Partei bezieht. Die gegen die Ehe-für-alle wetternde Mutter von vier Kindern, deren Mann sich aufgrund ihres üppigen Politikerinnen-Gehalts um Kind und Kegel kümmern kann, will die Wehrpflicht wiederbeleben, setzt auf pro-amerikanische Bündnistreue und führt damit, wie sollte es anders sein, den neoliberalen Crashkurs fort, den ihre Amtskollegen der letzten 30 Jahre als Marschrichtung vorgaben. All die generösen Parteitag-Finanzierer können sich durch sie also auch in Zukunft über bomben Gewinne freuen. Denn wer für die Wehrpflicht eintritt, der wehrt sich nun mal mit Händen und Füßen gegen Abrüstung und Frieden.

Derweil schlagen die konservativen Feuilletonisten schon verbale Salti, um AKK als potentielle Kanzlerkandidat zu proklammieren. Doch die AKK-K-Frage ist trotz des Fühungswechsels bei der Union noch offen. Gott sei Dank! Denn erstens sicherte sich Kramp-Karrenbauer lediglich eine hauchdünne Mehrheit und zweitens sollte man seit dem entgleisten Schulz-Zug die Irrungen und Wirrungen kennen, in die ein gedopter Kanzler-Kandidat, respektive: eine zu hoch gepushte Kanzler-Kandidatin, eine Partei zu geleiten vermag.

Allein, man hat sich bei der CDU noch nicht eingestanden, dass es in Zeiten schwindender Mehrheiten eben mehr bedurft hätte als einer Merkel-Ziehtochter mit Landpomeranzen-Charme, stattdessen umfassender Konzepte von A wie Artificial Intelligence bis Z wie Zuwanderung. Doch Veränderung, Aufbegehren des Volkes und echte Kritikfähigkeit scheinen von den Damen und Herren Diätenbeziehern so weit weg wie das Internet vom hintersten Winkel Meck’Pomms. Ihnen geht es um nichts weniger als den Erhalt des Status Quo. Und so träumen sie weiter und fristen ihr Dasein in den berufspolitischen Echokammern weit ab von Vernunft und Volk. Wer braucht das schon zum Regieren.

Dass das Gelbwesten-Regiment beispielsweise auch in Deutschland aufmaschieren könnte, ja sowas kann man im Konrad-Adenauer-Haus gut verdrängen. Dass gesellschaftliche Verwerfungen nicht mehr einfach so passiv hingenommen werden, sondern dass sich Menschen solidarisieren, sowas auch.

Dabei ist es offensichtlch, dass der Zorn der Menschen sich langsam entlädt, auch hier in Deutschland. Der Wutbürger als Prototyp fehlgeleiteter Unzufriedenheit ist eines der daraus entstandenen Symptome. Er sympathisiert mit dem politischen Rand, weil die politische „Mitte“ zu einem nichtssagenden Synonym für „weder das eine, noch das andere“, aber auch für das Kapital, den Lobbyismus und die soziale Ungerechtigkeit geworden ist.

Ob sich jene Saarländer darüber Gedanken machen, die sich gerade im lokalpatriotischen Taumel verlieren? Fest steht, der Sieg AKKs ist kein Sieg für die Menschen. Denn sie werden von ihrer Politik nicht profitieren. Es ist die Belohnung einer strategischen Machtpolitikerin, die, wie ihre Vorgänger auch, zur richtigen Zeit am richtigen Ort war: nämlich im Machtvakuum einer obsoleten Partei, die nichts, aber auch gar nichts an ihrer konzeptionellen Ausrichtung ändern möchte.

Einem schwarzen Loch gleich, hält die schwarze CDU an ihrem Willen zum Machterhalt fest und zieht dieses Mal AKK ins Zentrum. Doch schwarze Löcher sind ja bekanntlich nicht sehr wählerisch, aber immer sehr gefräßig, bevor sie sich in Luft auflösen …

Von Gelbwesten und wo sie zu finden sind

Lodernde Feuer auf Verkehrs-Kreiseln, gestapelte Paletten und LKW-Reifen, die als Barrikade dienen sollen, dazu die aufgestaute Wut derer, die sich abgehängt fühlen: All das sind die Zutaten der „Gelbwesten-Bewegung“, die sich dieser Tage in Frankreich formiert hat. Ja: Die ehemals so schillernde „on marche“-Gallionsfigur Macron, sie hat längst Risse bekommen. Denn unter der vermeintlichen Patina echter Erneuerung, so mussten viele Franzosen ernüchtert feststellen, verbarg sich der Habitus eines vom globalen Finanzkapital Getriebenen, eines knallharten Real-Politikers, der offen zu Rüstungsdeals mit Saudi-Arabien steht und sich vor den massiven Attacken seiner Gegner nicht mal weg duckt. Das macht ihn vielleicht sogar authentischer als viele unserer Regierungspolitiker, die sich immer wieder gerne dem Orwell’schen „Neusprech“ bedienen, Verteidigung sagen, wenn sie Angriff meinen. Doch sympathischer, das macht es eben nicht. So sinken Macrons Beliebtheitswerte zusehends – 70 Prozent der Franzosen halten seine Politik für sozial ungerecht.

Aber Nomen ist für Macron Omen. Und so marschiert er immer weiter: Hin zu einer europäischen Verteidigungsarmee, die unabhängig von Trump sein soll und hin zu einem Frankreich, in dem das Soziale zukünftig deutlich kleiner geschrieben werden dürfte. Die Utopie des Sozialismus, sie scheint endgültig ausgeträumt in Gallien.

Und das hätte man freilich ahnen können, hätte man sich nicht täuschen lassen vom Helden-Pathos, vom Bonapartismus, derer sich Macron geschickt bedient, von all seiner Jugendlichkeit und seiner durchchoreografierten Werbe-Wahl-Kampagne. Denn letztlich steht er, Monsieur Macron, nicht für das Neue, sondern für das Konservative, das Systemerhaltende im eigentlichen Wortsinn. Ein Blick in seine Vita hätte schon ausgereicht, um das zu erkennen. Er, der Diener der Investment-Banken, will vor allem eines: Dass die Eliten eine Dividende erhalten, die sich gewaschen hat. Und ja: Auch das stand mehr oder minder offen auf seiner Agenda, denn Macron war und ist quasi der Friedrich Merz von Paris.

Doch alles im Leben hat bekanntlich zwei Seiten. Und vielleicht sind es ja genau solche Enttäuschungen des Volkes, die zu neuen Impulsen führen, zu einer Wiederbelebung des Gemeinwesens, von der Straße eben – alleine deshalb, weil die Polit-Interessenvertreter schon lange nicht mehr die Interessen derer vertreten, die sie vertreten sollen. Und das zeigt sich nun mal nicht nur im extrem hohen Benzinpreis, an dem Staat und Raffinerien gleichermaßen gut verdienen, sondern an der immer weiter auseinanderklaffenden Gerechtigkeitsschere als Resultat des systematisch von unten nach oben geschaufelten Kapitals und der Ausbeutung ökologischer Ressourcen.

Doch immer noch scheinen wir so weit weg von alledem zu sein, machen uns vor, dass ein stetiges „Weiter-so“ uns vor dem Schlimmsten bewahre. Aber dieser Denkansatz hat weit mehr mit psychischer Kompensation als mit echten Antworten auf komplizierte Fragen zu tun.

Hier der Versuch einer Lösungsskizze: Das System und seine Repräsentanten horcht nur auf, wenn es wirklich weh tut. Und weh tut dem Kapitalismus nur eines – materieller Verlust. Auch wenn die Erkenntnis, sich jenseits von Parteiprogrammen zu organisieren, richtig und zu unterstützen ist: Blockaden alleine reichen längst nicht aus, damit dieses Vorhaben gelingen kann. Vielmehr geht es um die Initiierung einer humanen grenzübergreifen Bewegung fernab von Ismen und Dogmen, einer Form des humanen, nachhaltigen Umdenkens und Handelns für alle Menschen – gegen Faschismus, Rassismus, Lobbyismus, Kriegstreiberei, Neoimperialismus, Monopolismus und Marktradikalismus. Zu dieser neuen politischen Kraft gehört direkte Demokratie und ernst gemeinter Diskurs genauso wie Werteneutralität. Und nein: Wir dürfen diesen Grundgedanken nicht sofort als utopischen Wunschtraum abtun.

Grundbedingung für eine solche Kraft ist die echte Solidarisierung mit jenen, die sozial benachteiligt sind – über Ländergrenzen und Nationalitäten hinweg. Der Weg dahin ist in Deutschland noch lang – vor allem weil es dazu ein gehöriges Maß an Empörung und Mut bräuchte, wie das schon der Philosoph Stéphane Hessel festgestellt hat. Denn anders als unsere französischen Nachbarn wagen wir uns in Deutschland noch viel zu selten hinaus aus unserer Komfortzone, aus unserer bequemen Spießbürger-Echokammer und frieren die Nacht hindurch, um unserem politischen Willen Taten folgenden zu lassen. Doch wenn wir genau das nicht wirklich endlich tun, dann dürfen wir uns niemals mehr zu Wort melden an den Stammtischen dieses Landes und den Hobby-Politiker geben, der die Antworten auf alle Fragen der Zeit kennt.

Anfangen muss es im Kleinen, im Bewusstmachen der Missstände, in einem Wissen darum. Mit anderen Worten: durch den Willen zur Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Verhältnissen. Erst nach dieser Auseinandersetzung, die mit einer politischen Willensbildung unmittelbar einhergeht, setzt Veränderung an. Kurz: Um die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Veränderung hin zu einer humaneren pluralistischen Wertgemeinschaft erst erkennen zu können, braucht es Erkenntnis, derer sich der Mensch subjektiv bemächtigen muss, um sie auf markropolitischer Ebene schließlich umzusetzen.

Wenn wir von einem Konzept der Gewaltlosigkeit ausgehen, und dafür trete ich ein, so kann sich diese Veränderung nur dann vollziehen, wenn alle Sozialisationsinstanzen wie Schule und Familie nicht bewusst und unbewusst das Individuum zu einem konformistischen Systemdiener erziehen, der sich trotz seiner Schein-Individualität den kapitalistischen Produktionsverhältnissen unterordnet.

Repräsentative Demokratie ist keine echte Demokratie, sie ist nichts weiter als eine Farce.

Solidarität zu leben ist daher keine abstrakte Frage, sondern eine moralische Verpflichtung, wenn wir an eine gemeinsame Zukunft glauben.

Götz Kubitschek, Identitäre-Bewegung vs. Linksextremismus

Nein, ich bin nicht so sehr für die Einteilung gesellschaftlicher Ansichten in die idealtypischen Bilder von rechts und links. Dennoch sollte man sich, will man ein möglichst konsistentes Gesellschaftsbild erhalten und sich damit eine „Meinung von etwas“ bilden können, vor allem mit den Außenrändern politischer Doktrin beschäftigen. Und ja: Das gilt für beide Seiten der Medaille, für rechts und links. Um möglichen Nörglern den Wind aus den Segeln zu nehmen: Ich verabscheue Gewalt, ob sie nun vom schwarzen Block ausgeübt wird, der gegen die Gesellschaft wettert, sich aber gleichzeitig in deren warmem Schoß wohlfühlt, oder ob sie nun von rechts kommt. Die „Ismen“, die ideologischen Konzeptionen, bedienen sich in ihren Methoden oft der gleichen rhetorischen Mittel, allein es unterscheiden sie die Motive und letztlich ihre Schlussfolgerungen. Gemein ist ihnen allerdings auch eines: Sie wollen durch Etikettierung und Ausgrenzung spalten. Und ich finde: Diese Spaltung, diese Ausgrenzung und letztlich diesen Dekonstruktivismus können wir nicht brauchen.

Das führt mich gleich zu einer Gallionsfigur der sogenannten „Neuen Rechten“, Götz Kubitschek. Ja, ich würde lügen, würde ich sagen, dass ich die Art, wie dieser Vordenker der nach rechts gerückten AfD, dieser Ziehvater der Identitären, sich verkauft, nicht interessant finde. Und das sage ich jetzt erst einmal ganz unvoreingenommen. Dabei arbeitet Kubitschek jedoch genau mit den dem Extremismus eigenen Stilmitteln, was für Leser und Zuhörer oft nicht gleich zu erkennen ist. Simplifikation und dazu noch ein pseudo-akademischer Theorie-Flickenteppich, auf dem Kubitschek mal auf Arnold Gehlen, mal auf Rousseau Bezug nimmt, verleihen ihm, der sich zweifelsohne mehr oder weniger mit den großen Denkern beschäftigt hat, eine fast schon „messianische“ Aura. Zumindest bei seinen Zuhörern. Denn das wirklich Gefährliche an Kubitschek ist der herb-nationalistische Geschichtsrevisionismus, in dessen Sog er die Menschen zieht. Mit einer Mischung aus berechtigter Kapitalismus-Kritik und den daraus gezogenen falschen Schlussfolgerungen mixt er Begriffe wie „die Autonomie des Subjekts“ zu einem unappetitlichen Cocktail, dessen Ziel es ist, an althergebrachtem, rückwärtsgerichtetem und völkischem Gedankengut anzuknüpfen, um die Ich-Schwäche des staunenden Subjekts in einem nationalistischen Wir zu kompensieren.

Kubitschek charakterisiert den Menschen der Postmoderne als getriebenen Individualisten, der durch Konsum und nicht oder kaum vorhandene Existenzängste zum konformistischen Selfiestick-Halter geworden ist. Nun: Auch darin hat er nicht ganz Unrecht. Allerdings münden diese Sichtweisen bei Kubitschek in ein isolationistisches Gesellschaftsbild, das die Synergien moderner Gesellschaften nicht wahrnimmt und mit einem kollektovierenden National-Pathos betäubt.

Das Theoriegebilde Kubitscheks fußt folglich auf der Annahme, dass Deutschland den Deutschen gehöre, dass sich seit 2014-15 ein radikaler Umbruch vollziehe, und dass es ordentlich „Dampf auf den Kessel“ geben müsse, damit es zu einem echten Bruch in Form einer Revolution kommen kann. In den Worten Kubitscheks ausgedrückt heißt das „Die Wunde muss ausgebrannt werden“. Soweit so gut bzw. so schlecht. Auch das meine ich nicht ironisch, denn darin unterscheidet sich Kubitschek bis auf seine national-motivierten Handlungsmaximen keineswegs von einem Kapitalismus-kritischen Hardcore-Marxisten.

Etwas ausgeprägter als bei den Linken hingegen ist seine Tendenz, die für ihn nicht vorhandene Meinungspluralität anzuprangern, den fehlenden Willen, sich mit ihm und seinen Inhalten auseinanderzusetzen. Nun mag auch das teilweise stimmen. Denn nur weil Inhalte unliebsam sind, muss sie eine demokratische Gesellschaft aushalten – sollte man meinen. Hier sei angemerkt, dass Kanäle wie RT-Deutsch Herrn Kubitschek ein Forum boten und ja: Das dürfen und sollen sie auch. Denn nur wenn wir uns mit den Gedankengebilden beschäftigen, die im vorpolitischen Raum entwickelt werden, wird es uns möglich sein, die aufkeimenden „rechten Tendenzen“ bzw. extremistischen Tendenzrn zu erklären, anstatt ihnen fassungslos gegenüberzustehen. Dogmen sind kein Gift, gegen dessen Aufnahme sich unser Immun-System nicht wehren kann. Wir müssen uns mit ihnen beschäftigen, müssen einen entlarvenden Diskurs führen und eine systematische Analyse der falschen Schlussfolgerungen des rechtsextremen (und linksextremen Gedankengutes) vornehmen. Hier einige Thesen, die diese Theoriegebilde charakterisieren sollen:

1. Wir gegen die Anderen
Extremisten etikettieren Gruppen und stellen sich selbst als die „Besseren“ dar.

2. Die Anderen
Extremisten arbeiten mit Stereotypen. So ist z. B. im rechten Milieu die Rede von „den Migranten“, bei den linken von „den Bullenschweinen“. Vernachlässigt wird dabei jedoch, dass hinter jedem Menschen ein Schicksal steckt, dass er ob seines Menschseins nicht benachteiligt werden darf, ganz nach dem Motto „Die Menschenwürde ist unantastbar“.

3. Wir sind die Opfer
Die besondere Dialektik dieser Position wird bei den Rechten deutlich. Einerseits prangern sie an, in einem System nicht gehört zu werden. Andererseits sehen sie es als ihre Aufgabe an, dieses System schnellstmöglich abzuschaffen.

4. Feind- statt Freundbilder
„Wir befinden uns im Krieg.“ Diese Aussage hört man bei Extremisten öfter. Die Annahme, die anderen seien die „Feinde“, eröffnet sprachlich (und handlungspraktisch) einen martialischen Horizont, der letztlich in den Augen der Extremisten Gewalt als Mittel der Wahl legitimiert.

5. Simplifikation
In einer zunehmend vernetzten Welt ist es leicht, alle vorhandenen Energien auf eine Gruppe zu projizieren. Das macht vieles „einfacher“.

6. Wahrnehmen der Symptome, verschweigen der Ursachen
Würde man Herr Kubitschek fragen, welche Ursache die Migration habe, würde er wohl die offenen Grenzen ins Feld führen. Was er verschweigt, sind die wahren Ursachen, so z. B. die von der Bundesregierung verantworteten Kriege, Hunger und Elend. Statt einer Umverteilung von oben nach unten werden die Ellbogen gegen andere „Völker“ ausgepackt (der Begriff „Mensch“ wird von den Rechten tunlichst vermieden).

7. Rechtsextremismus: Nationalität als Vorrecht
Es ist schon interessant, dass so etwas wie die Nationalität, also das geografische zufällige „Geboren sein“ an einem Ort X, Menschen zu besseren bzw. schlechteren Menschen machen soll. Die Verbundenheit mit dem eigenen Volk lässt sich (so denke ich) psychologisch so erklären, dass die eigene Identität (s. Identitäre Bewegung) so schwach ausgeprägt ist, dass die Volksverbundenheit sozusagen einen sicheren Hafen auf hoher See bildet.

8. Rechtsextremismus: Fehlende Konzepte für den angestrebten Gesellschaftstyp
Außer Spesen, nix gewesen. Na ja, eher: Außer Nationalität. Denn leider kann ich beim besten Willen nicht erkennen, wo uns eine rechte Ideologie gesellschaftspolitisch hinbrächte, würde sie denn durchgesetzt werden. Gut: Vielleicht will ich es auch nicht. Aber mal im Ernst: Wo sind da tragfähige politische Konzepte erkennbar, z. B. bei Rente, Umverteilung, bei der immer stärker werdenden materiellen Ungerechtigkeit, beim Ausbau der Infrastruktur und so fort? Plakativ wurde diese Planlosigkeit auch von Herr Gauland im diesjährigen ZDF-Sommerinterview belegt. Ich persönlich habe das Gefühl, nähmen wir den Rechten die Projektionsfläche „Ausländer“ weg, würden wir ihnen die Daseinsberechtigung entziehen. Gleiches gilt aber auch für Linksextremisten vs. Nazis. Es ist doch zum Mäusemelken.

9. Rechtextremismus: Zurück zum Alten aus Angst vorm Neuen
In einer Welt des Wandels werden mehr zu Verlierern als zu Gewinnern. Versagensängste und nicht zuletzt die materielle Unsicherheit fordern ihren Tribut. Konzepte wie „die Festung Europa“ scheinen da Abhilfe zu schaffen, aber sie verkennen: Die Geschichte kennt kein Zurück und der zeitliche Rewind-Knopf ist eine konservative Illusion. Gott sei Dank.

Ursachenforschung: Die Tendenz zum Extremismus …

… ist immer auch ein Indikator für das „Versagen“ einer Gesellschaftsform, in der sich viele abgehängt fühlen, vergleiche hierzu die Weimarer Republik, die Entstehung des IS im Irak nach den US-Handelssanktionen etc. Erst wenn der Staat nur noch als repressives Gebilde der Machtausübung erlebt wird, formieren sich letztlich Widerstände im wahrsten Sinne des Wortes. Nur so ist es zu verstehen, dass Parteien wie die AfD, die eigentlich zutiefst neoliberal ist und keineswegs Politik für kleine Leute macht, einen so unglaublichen Zulauf erleben. In Verbindung mit einer gewollten und jahrelangen Entpolitisierung der Menschen und einer Parteien-Aristokratie, die fernab von deren Interessen regiert, werden solche Gebilde wie die AfD doch überhaupt erst geboren. Sie sind quasi Manifestationen eines fehlgeleiteten Hasses, der sich statt auf die Eliten und Systemprofiteure auf „die Ausländer“ richtet. Damit werden jene enthemmten Wutbürger zu den größten Kolaborateuren des Systems, indem sie nämlich ihren Hass „nach außen“ bündeln, statt ihn „nach oben“ zu kanalsieren. Kurz: Sie geben dem System selbst keinerlei Anlass, sich wirklich von innen heraus zu verändern, denn alles, was sie bekämpfen, sind Symptome der Ursachen, die sie weder verstehen, noch sehen wollen.

Was bleibt, ist letztlich die Fragestellung, wo wir in der heutigen Zeit hin wollen, wo uns gesellschaftspolitische Strömungen hintreiben und wovon wir uns befreien sollten. Das macht eine unglaubliche Mühe, denn wer als stiller Rezipient mediale Inhalte konsumiert, ohne selbige zu hinterfragen, läuft Gefahr, dirigierbar zu werden. Echte Autonomie aus einer bildungstheoretischen Perspektive heraus, wie sie beispielsweise von Adorno aufgestellt wurde, ist schwer zu erlangen, aber so wichtig wie nie zuvor.

Wir müssen schleunigst hin zu einem Konzept der „Menscheitsfamilie“, und ja: Ich teile mit Daniele Ganser die tiefe Überzeugung, dass ein Mensch einem anderen erst einmal nichts Böses tun will. Der Kampf Linksextremismus gegen Rechtsextremismus und vice versa ist zwar mit einer Standortbestimmung verknüpft, aber eigentlich Kennzeichen eines gesellschaftlichen Zwischenstadiums, das Raum lässt für echte (ökonomische) Ungerechtigkeit. Und die verläuft nie von außen nach innen, sondern von oben nach unten.Vokabeln wie Kampf sind letztlich Kennzeiche ideologischer Scheinschlachten, die dem eigentlichen Fortkommen der Sache, namentlich der Abrüstung und dem Abbau der ökonomischen Ungleichheit, keineswegs förderlich sind. Damit meine ich keineswegs, dass Positionen zugunsten einer politischen Profillosigkeit aufegeben werden müssten. Das „Gute“ an extremen Positionen ist, dass sie sich entkräften lassen. Das schreckt den harten ideologischen Kern einer Bewegung keineswegs ab, aber immer verschafft es selbiger eventuell keine Mehrheit.

Erst wenn alle Seiten lernen, nicht mehr in veralteten Kategorien wie „das Volk“, die „Bullen“ etc. zu denken, kann echte Emanzipation erreicht werden. Das ist schwierig genug. Denn wir dürfen dabei auch wichtige identitäts-stiftende Sinnzusammenhänge nicht vernachlässigen, die die Lebens- und Arbeitswelt umfassen. Aber im Mittelpunkt des Menschseins darf nie das Dogma, sondern muss immer der Mensch stehen. Nur das gräbt ideologischen Rattenfängern zu allen Seiten das Wasser ab.

Marketing meets Social-Hedonism

Influencer sind die neuen Stars am Social-Media-Himmel. Nie waren die bezahlten Lifestyle-Experten gefragter, auch wenn den hippen Hedonisten mit Selfie-Stick eine wesentliche Eigenschaft fehlt, die für soziale Medien zentral ist: Authentizität.

In Zeiten des Streuverlusts und des zunehmenden Machtmonopols der Social-Media-Kartelle war es für die Vermarkter längst an der Zeit, einen neuen, „coolen“ Marketing-Kanal zu erschließen. Doch wie sich in die Lebenswelt der Nutzer hineinmogeln, wie ihre Herzen, und: viel wichtiger, ihre Kaufkraft nutzen? Die Antwort schien so simpel wie naheliegend. Durch die, denen die Nutzer freiwillig auf Instagram und Co. folgen, weil eben die, denen da gefolgt wird, für sie von Interesse sind: die sogenannten Influencer, die „Beeinflusser“, jene also, die Verhalten vermeintlich lenken und damit zum kapitalistischen Viehtreiber werden. Waren das zuvor meist mehr oder weniger bekannte Sternchen und Stars des Showbizz, hat sich mittlerweile längst eine Influencer-Szene etabliert bzw. monetarisiert, die davon lebt, ihre gefilterten Urlaubstraum- und Essens-Aufnahmen zu kommunizieren, meist in Verbindung mit einem Produkt oder einer Location, die der Influencer – wenn er denn „influenct“ und das Produkt oder die Urlaubslocation in seinem Post erwähnt – kostenlos genießen darf.

Nun sagt eine solche Werbestrategie einiges aus – sowohl über den Empfänger als auch über den Sender. Neben dem materiellen Mehrwert, den er aus seiner propagandistischen Tätigkeit zieht, kann und darf dieser durch die neue Marketing-Masche seinen Drang nach Anerkennung, nach dem so ersehnten Feedback der Massen stillen, indem er scheinbar authentische Momentaufnahmen bis ins kleine arrangiert, sein Leben vermarktet und damit selber zum Produkt wird. Wer im DSM, dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, nachschaut, würde bei einem nicht ganz unbeträchtlichen Teil dieser „selbstdarstellenden“ Selbstvermarkter jene psychische Störung ausmachen, die unter dem Punkt 301.81 aufgeführt ist: die Narzisstische Persönlichkeitsstörung.

Ja: Der Narzisst ist für das Influencer-Dasein wie geschaffen, denn bei der Inszenierung seines Lebens mit ihm als egozentrischem Fixpunkt fühlt er sich wie der Fisch im Wasser. „Lob und Likes“ als Nährstoff zum Seelenheil und dazu noch die Aussicht auf kleine Geschenke machen ihn zum willigen und billigen Erfüllungsgehilfen einer perfiden Verkaufsmaschinerie, als deren Teil er sich nur insofern bewusst erlebt, als dass er durch sie den „Fame“ bekommt, den er doch so dringend braucht. Ganz nach dem Motto: „Fühlen wie ein Star“, wird das eigene Instagram-Profil quasi zur digitalen Bühne, auf der er sein Publikum an den gestellten Szenen seines Lebens teilhaben lässt – immer mit dem einen Ziel: der bewussten Zurschaustellung eines Lifestyles wie ihn sich die große weite Welt des Marketings erdacht hat.

Während der Fashion-, Travel- und wie sie sonst noch alle heißen -Blogger sich nichts sehnlicher wünscht, als einzigartig zu sein und sich von „den Anderen“ abzuheben; verkennt er eine Tatsache voll und ganz: dass er mit jedem Posting näher an den genormten Zeitgeist heranrückt, dessen unausgesprochene Message ungefähr so lautet: Gutaussehend. Gesund. Jung. Sportlich. Erfolgreich.

Dieses Ideal ist in der Werbung nicht neu, dennoch wird es durch das sogenannte „Influencer-Marketing“ auf das nächst höhere Level katapultiert und schafft damit nicht – wie man meinen könnte – mehr Nähe zum Follower, sondern größere Distanz und statt Individualität „hedonistische Prototypen“ gutaussehender Karrieristen, die morgens joggen, mittags mit dem Vorstand lunchen, abends Gewichte stemmen und bei alledem noch munter den Selfie-Stick hochhalten, um in die Kamera zu grinsen. Alle Welt soll sehen: Mein Life is‘ ja sowas von nice! Und das, obwohl sich die allermeisten Postings nur um einen drehen: den, der sie gepostet hat und sie mit Oberflächlichkeiten und Plattitüden garniert. Zugegeben: Der Wunsch, sich präsentieren zu wollen, ist nur menschlich. Aber die Zahl der „Müsli essenden Marken-Junkies“, die uns in Echtzeit mitteilen, welches Szene-Restaurants sie besuchen, ist doch in letzter Zeit rasant angestiegen, oder?

Was entsteht, ist eine klebrige Melange aus kommerziellen und privaten Inhalten, die nicht nur für die Kids von heute kaum noch zu durchschauen ist. Wo fängt Werbung an, wo hört sie auf? Was bedeutet es, wenn Menschen, die zur digitalen Lebenswelt gehören,zu Markenbotschaftern werden und in ihren Followern Bedürfnisse wecken, von denen diese vorher nicht mal wussten, dass es sie gibt? Könnte die permanente Bombardierung mit Werbung, die als solche nicht mehr zu erkennen ist, zu einer Reizüberflutung, und schlimmstenfalls zur Egozentrierung in ihrem Wortsinn führen, weg von den wirklich wichtigen Dingen des Lebens? Das alles sind offene Fragen, um deren Beantwortung sich beispielsweise die Soziologie, insbesondere die Sozialisationsforschung, kümmern muss.

Zugegeben: In einer immer komplexer werdenden Gesellschaft ist die Sehnsucht nach Einfachheit und „Fun“ groß. Was das Geschäftsmodell „Influencer-Marketing“ jedoch erst so richtig erfolgreich macht, ist, die Werber glauben zu machen, dass sie nur durch „Influencer“ up-to-date sind. Doch selbst das Wort „up-to-date“ ist heutzutage schneller obsolet, als man „Hashtag“ sagen kann. Wahr ist stattdessen: Noch immer lässt das „Involvement“, also das Nutzerengagement, bei vielen Unternehmen zu wünschen übrig, auch wenn das die meisten Social-Media-Beratungs-Agenturen ihren Kunden verschweigen.

Genau diese Agenturen treiben immer wieder eine neue „eierlegende Wollmilchsau“ durchs Dorf, sozusagen um das Klientel wachzuhalten. Mal heißt sie „Content-“, mal „Influencer Marketing“, aber eines haben alle Floskeln gemeinsam: Sie sollen deutlich machen, dass es ganz wichtig ist, auf den großen Social-Media-Zug aufzuspringen, koste es, was es wolle. Bezahlte Lifestyle-Sklaven, die mittels ausgeklügelter Do’s and Don’t-Listen kontrollierbar sind, den Anschein von Authentizität wahren und noch dazu viele Fans haben, scheinen da für die Big Player eine gute Alternative zu sein. Und so passiert, was immer passiert, wenn die große Werbebranche einen „Trend“ entdeckt: Alle Bedenken werden über Bord geworfen. Die Unternehmen vergessen, dass diese ach so „hippe“ Werbestrategie meist nicht authentisch ist und die hippen Blogger vergessen, dass sie als Teil des kapitalistischen Systems letztlich jene Authentizität aufgeben, die sie bei ihren Fans so beliebt gemacht hat. So wird der Influencer-Hype vor allem eines: auf lange Zeit nicht die Erwartungen erfüllen, die die unzähligen Marketing-Experten in ihn setzen.

Aber was macht man nicht alles für eine Hand voll Dollar … Und so produzieren sich die Hedonisten dieser Welt weiter vor den Kamera-Objektiven, räkeln sich an Traumstränden und hippen Locations, bis sie eines Tages vielleicht feststellen, dass sie nicht nur Produkte, sondern auch sich selbst verkauft haben.

Zeit für Individualismus, aber bitte im Gleichschritt!

Das Schöne am Kapitalismus ist, dass er uns ein Wohlgefühl verschafft. Zumindest denen, die im kapitalistischen Auenland und nicht auf seiner Schattenseite im dunklen Mordor leben. Sie, damit meine ich die sogenannte Mittelschicht, fühlt sich sicher.

Und Sicherheit braucht jeder Mensch. Auch dann, wenn das, was dem ahnungslosen Durchschnittsbürger da als Sicherheit verkauft wird, in doppelter Hinsicht teuer bezahlt – respektive: erkauft – werden muss. Niemand anderes als der „Mittelschichtler“ selbst ist es nämlich, der sich durch seinen Lohn, der noch oberhalb der „working poor“-Dumping-Subventionen des Arbeits-Prekariats liegt, ein Leben in der wohlig-warmen Filterblase zu leisten vermag – inklusive sorgsam gehacktem Vorgarten, Solarzellen auf dem Dach des Eigenheims und Zweitwagen. Doch leider geht diese Finanzierung individuellen Glücks in den meisten Fällen mit der Entsolidarisierung mit jenen Bevölkerungsgruppen einher, die die „dunkle Seite der Macht“, das Leben von Hartz IV, das Multi-Jobbing und den ermüdenden Alltag in den Arbeitsvermittlungs-Bunkern schon kennenlernen durften. Entsolidarisierung ist den Eliten ein probates Mittel, um die Toleranzschwelle gegenüber dem Leid „der Anderen“ zu erhöhen, aber auch um Feindbilder zu erschaffen. Ganz gleich, ob es nun um „Hartzis“ im eigenen Land oder „die Russen“ etwas weiter östlich geht.

Die Entsolidarisierung ist der elitäre Schlüssel, um machtpolitische Ziele überhaupt erst durchsetzen zu können, die Massen zu steuern und sie zu instrumentalisieren. Als geeignete Multiplikatoren dieser „quasi Entschmenschlichung“ erweisen sich immer wieder die einseitigen Medien, entweder ganz offenkundig wie im Fall der BILD-Zeitung, oder eben latent, aber genauso gefährlich, wie es die Tagesschau vorzieht.

Dabei geht es weit weniger um die Verbreitung der allseits verurteilten harten „Fakenews“ als vielmehr um die Darstellung falscher Kontexte, um süffisante Zwischentöne und die Verwendung einer Sprachklaviatur, die den elitären Kräften dient. Und das neoliberale Framing wirkt. Ob nun in sogenannten Polit-Talkshows Scheindebatten zu Scheinthemen geführt, oder gar bei einer gut choreografierten Kanzlerinnen-Sprechstunde Scheinfragen abgehandelt werden: All dieses pseudo-investigativen Features dienen nur einem Zweck: der Stärkung des kollektiven „Es-ist-gut-so-wie-es-ist“, der Wahrung einer Pseudo-Diskursivität, die in Wahrheit entmündigen will. Ganz nach dem Motto: Vielseitigkeit der Meinungen, ja, aber nur auf dem vorgegebenen Kurs. Dieser wiederum führt mit Volldampf gen Marktradikalisierung, Monopolbildung und Aufrüstung.

Um dieser neuen Oberflächlichkeit noch zusätzlich Schwung zu verleihen, wird eine Gesellschaftsstruktur propagiert, in der das Erleben eines „Events“ zum Höchstmaß an Freiheit verklärt wird: Angefangen beim Pauschalurlaub über das Open-Air-Konzert bis hin zum Stadtfest: Das alte römische Motto „Panem et circenses“ funktioniert auch heute noch, leider. Ja, Spaß muss bekanntlich sein, problematisch nur, wenn eine Generation der „Event-Hopper“ entsteht, deren Lebensziel einzig der Konsum, und zwar auf allen Ebenen, darstellt.

Denn: Was bei all dem höchst uniformen Individualismus des Einzelnen auf der Strecke bleibt, ist das gemeinschaftliche Ganze, oder anders formuliert: das Gemeinwohl. Denn gesellschaftliche Teilhabe, Empathie und das tiefe Empfinden von Menschlichkeit zerfallen in ihre Bestandteile und werden mittels „Erlebenssucht“ und Sehnsucht nach Materialität kompensiert. Deutlicher formuliert: Der Halt des Menschen an sich selbst geht verloren, er wird im wahrsten Sinne des Wortes zu haltlosem Humankapital degradiert, das man nach Belieben einsetzen oder gar „verheizen“ kann. Und das ist gewollt. Exemplarisch zeigt das der sogenannte „Beruf“ Soldat auf. Ganz egal, wer sich für den Schritt hin zum staatlich subventionierten Söldner entscheidet: Er gibt den Glauben an Menschlichkeit und Moral in dem Moment auf, wenn er den Kasernenhof betritt.

Früh schon sollen identitätsstiftende Mechanismen aufgebrochen werden. Nehmen wir die Sozialisationsinstanz Schule als Beispiel, so verfolgt diese keineswegs die Idee einer umfassenden Heranbildung des Kindes zu einem autonomen Erwachsenen. Eher das Gegenteil ist der Fall: Gewollt sind gesellschaftskonforme Ja-Sager, die sich im kapitalistischen Produktionsprozess ausbeuten und verwerten lassen, oder eben zu neurotischen Karriere-Egomanen werden, ohne Rücksicksicht auf Verluste. Statt das Humboldt’sche Bildungsideal zu fördern, wird die Kindheit sukzessive verkürzt, kompetitive Dynamiken befeuert, und alles, was jenseits des verwertbaren Wissens wichtig wäre, bleibt im eigentlichen Sinne „ungelernt“. Bildung verkommt somit immer mehr zur Ausbildung, was schon ein kurzer Blick in die deutschen Universitäten beweist. Man vergleiche nur die kärgliche Ausstattung und das marode Ambiente mancher geisteswissenschaftlicher Fakultäten mit dem Erscheinungsbild der „Applied Science“, gesponsert nicht selten von Pharma- und Technologiekonzernen.

So entsteht letztlich das Gegenteil von dem, was Adorno einst das mündige Subjekt nannte. Vielmehr sind es die schweigsamen Lohn-Soldaten, die entweder auf den Billig-Lohn-Galeeren oder eben als Kapital-Vermehrer der Privatwirtschaft ihren Dienst verrichten, ohne nach links oder rechts zu schauen. Echte Individualität sieht anders aus …