Corona stellt die Klassenfrage

Während die einen zu Hause bleiben und Mikado spielen, schuften die Beschäftigten im prekären Sektor weiter – unbemerkt von der öffentlichen Wahrnehmung, ohne Lobby und oft ohne finanzielle Sicherheit.

Ein Kommentar von Andreas M. Altmeyer

In der westeuropäischen Sphäre wirkt die Corona-Krise wie ein Brennglas, das die gesellschaftliche kapitalistische Realität verdichtet und deren Abgründe schonungslos offenbart. Das beginnt schon damit, dass die Verordnungen und Erlasse quasi im „Top-down-Prinzip“ jene diktieren, die am wenigsten von selbigen betroffen sind. Namentlich die vom pulsierenden Herz der Gesellschaft entrückte politische Kaste der „White Collars“, die bei ihrer Entscheidungsfindung weder moralisch-ethische, noch gesellschaftliche tragbare Faktoren berücksichtigen muss, obgleich sie als „Angestellte des Volkes“ voll und ganz dazu verpflichtet wäre.

Diese Verpflichtung beinhaltete auch, dass ein staatlich verordneter Lockdown nur als allerletztes Mittel der Wahl überhaupt erst hätte in Erwägung gezogen werden dürfen und zwar nach sorgfältiger Prüfung aller potentiell wählbaren Optionen. Diese Prüfung hätte sicherlich auch die Einbeziehung eines Expertenrates aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft, wie beispielsweise der Soziologie, Psychologie, Ökonomie und so weiter bedurft. Auf diese Weise hätte der Zielsetzung „So viel Einschränkung wie nötig, so wenig wie möglich“ solide und auf evidenter Basis Folge geleistet werden können, um einseitige, unangemessene und voreilige Schlüsse zu vermeiden.

Stattdessen aber erließen und erlassen Politiker die „Schutzmaßnahme Lockdown“ mehr als großzügig, blind vertrauend auf einen sehr kleinen Rat der Weisen, der sein Urteil einzig und allein von Messwerten und Zahlen abhängig macht, die allesamt aus einem biologisch-medizinischen Umfeld stammen, ungeachtet scheinbar der Nachwehen, die eine solche Einseitigkeit mit sich bringt. Denn Nutzen und Wirkungsgrad der Maßnahme „Lockdown“ ist zumindest diskussionswürdig. Das legt beispielsweise die Stanford-Studie von Prof. Ioannidis nahe. Doch eine echte Diskussion findet im politischen Raum schon lange nicht mehr statt.

Die Gräben der kapitalistischen Lebenswelt, die schon vor Corona von Altersarmut, Niedriglohn und Privatisierung auf allen Ebenen geprägt war, vertiefen sich weiter. Eine Gesellschaft der Ungleichheit, in der sich die einen im Lockdown dicke Wohlstandsbäuche anfuttern, während der Alltag der anderen – zum Beispiel jener von Busfahrern, Kassiererinnen, Pizza-Boten und so fort – unverändert vonstattengeht. Wäre dem nicht so, könnten sich jene, die daheim bleiben, weil sie es dürfen, keine Wohlstandsbäuche anfuttern. So einfach ist das. Es geht hier, darauf lege ich Wert, nicht um Verurteilung der einen gegenüber den anderen, es geht um Wahrnehmung, und zwar des gesamten breiten Spektrums, in dem sich die Corona-Krise vollzieht.

Corona bietet damit nicht zuletzt auch Potential zur gesellschaftlichen Spaltung und verstärkt sie. Diese Spaltung betrifft einerseits die Arbeiterschaft, an deren einem Ende bestens abgesicherte Facharbeiter sitzen, während am anderen Ende Zeitarbeiter ihr Dasein fristen. Jener Riss verläuft aber auch in weiten Teilen des Dienstleistungs- und Servicesektors, wo sich unterbezahlte Mitarbeiter zum Mindestlohn verdingen müssen. Sie alle sind Teil dieser ehemaligen Arbeiterschaft, von der Marx sprach, sie alle müssten eigentlich mit einer Stimme unisono sprechen. Doch gerade die bestens versorgte und abgesicherte Teilmenge scheint sich für die Nöte ihrer Kollegen wenig oder gar nicht zu interessieren.  Wo dieses Klassenbewusstsein aufgeweicht wird durch Eigennutz und Vorteilsnahme, da hat die Durchsetzung nachhaltiger Interessen keine Chance mehr, da ist die Selbstbehauptung und Emanzipation dieser neuen prekären Arbeiterschaft verloren.

Was bedenklich ist: Meist fordern gerade die Menschen härtere (und immer härtere) Corona-Maßnahmen, die sich das überhaupt erst leisten können. Es sind solche Menschen, die sich mittels unbefristeten Arbeitsvertrags in relativer ökonomischer Sicherheit wähnen und mit dem Laptop auf den Knien – zwischen Bügelbrett und Wäsche waschen – E-Mails schreiben. Das Ganze wird dann Home-Office genannt, und von vielen Home Officers mit wehleidiger Miene konnotiert. Das Auto steht derweil brav in der Garage, verbraucht kein Benzin, die Klamotten müssen auch weniger gewaschen werden und man hat sogar noch mehr Zeit, sich um sich selbst zu drehen. Kurz: Man spart Geld. Solche Opfer bringt Mann, respektive: Frau, doch gerne, oder? Dabei ist es genau genommen nicht so sehr selbstlos, sondern in aller erster Linie bequem, ein heroischer „working couch potato“ zu sein.

Denn diese Form des Altruismus verlangt nicht viel ab: Bietet dieser Rückzug in die neue Privatheit doch noch mehr Möglichkeiten zum Egozentrismus und serviert dazu gratis noch ein gutes Gefühl, während all die vielen anderen diesen Wohlstand überhaupt erst sicherstellen. „Uns geht es doch gut“, hört man dann die Helden von der Couch herab rufen und das stimmt! Aber wo bitteschön, ist die viel gerühmte „christliche Agape“, oder das Mitgefühl den Anderen gegenüber? Gegenüber den unzähligen Arbeitern, Dienstleistern, Sicherheitsmitarbeitern, Taxifahrern  – die nicht in der öffentlichen Wahrnehmung präsent sind, deren Arbeitsalltag aber (fast) so weitergeht wie vorher. Schlimmstenfalls aber mit deutlich weniger Geld in der Tasche, und zwar ohne Schichtzulage, Boni, Kurzarbeitergeld und Job-Perspektiven?

Apropos Perspektiven: Sollten wir diese Krise, irgendwo, irgendwie, irgendwann mal überwunden haben, so trifft es genau diese prekäre Dienstleiter- und Arbeiterschaft am Härtesten, und nicht den fest angestellten Facharbeiter bei Daimler-Benz, für den es die Gewerkschaft bei der nächsten Tarifrunde bestimmt richten wird. Auch Kranken- und Altenpfleger, Gott schütze sie, wird die Krise nicht aus der Bahn werfen, denn sie werden händeringend gesucht. Einen glatten Bauchschuss werden aber all jene erleiden, die schon vor der Krise schlechte Chancen auf dem „Arbeitsmarkt“ hatten und denen die Digitalisierung jetzt noch mehr als zuvor das Wasser abgräbt: die alleinerziehende Bürokauffrau mit zwei Kindern und Zeitvertrag, die Mitfünfzigerin in der Putzkolonne, der Sicherheitsmitarbeiter. Kurz: All jene, die keine starke Lobby haben.

Ich höre jetzt schon die neoliberalen Auguren raunen: „Seid dankbar für jeden Job, auch wenn ihr fünf davon machen müsst, um eure Familie zu ernähren. Nach der Krise müsst ihr die Zähne zusammenbeißen. Da kann man nichts erwarten. Mindestlohn? Den müssen wir senken! Energiepreise? Die müssen steigen!“

So kommen die einen in der „post-coronaren Phase“ wieder frisch und munter aus den Home-Offices dieser Republik gewackelt, während die anderen nie weg waren von der Bildfläche – weil ohne sie die Existenz der anderen gefährdet gewesen wäre. Dieselben Auguren werden dann vom „Aufschwung“ sprechen und dass man sich jetzt wie noch nie ins Zeug legen müsse. Das alles werden sie mit dem Deckmantel der Menschlichkeit und des Gemeinwesens versehen, aber in Wahrheit geht es nur darum, die Gewinne weiter zu maximieren und satte Dividenden abzuschöpfen. 

Dass dieses Spiel auf Kosten von Menschenleben geht, wird auch in unseren Nachbarländern deutlich. Besonders die Länder, die vom Internationalen Währungsfond (IWF) in der Vergangenheit hart an die Kandare genommen, und zu schweren Einsparungen gezwungen worden waren, trifft die Krise mit voller Wucht. Beispiel Portugal: Seit das Land 2011 unter den Euro-Rettungsschirm geschlüpft ist, war es gezwungen, 800 Millionen Euro im Gesundheitssektor einzusparen. Das rächt sich jetzt. Beispiel Spanien: Hier rutschte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwischen April und Juni 2020 in den Keller, schon 2012 hat der IWF die Iberer aufgerufen, einen Austaritäts-Kurs einzuläuten. Unter anderem solle man Löhne senken, um den Arbeitsmarkt zu beleben. Dazu kommen Notkredite für die fünfundzwanzig ärmsten Länder dieser Erde, die zwar schnelle Hilfen, aber langfristige finanzielle Abhängigkeiten für eben diese Länder mit sich bringen dürften. Dann wären da noch die Interessen einer übermächtigen Pharma-Lobby, die mit dem Impfstoff-Geschäft die Freuden eines neu belebten Marktes genießen wird. Auch dieser Markt wird einzig und allein bestimmt von Börsenkursen, Dividenden und Gewinnmaximierung. Das sollte man nicht vergessen.

Kurz: Die Kugel auf dem Roulette-Tisch des internationalen Finanzkasinos rollt auch jetzt ungebremst weiter.

Doch nochmal zurück nach Deutschland. Während hier für Krankenpfleger und Schwestern wenigstens schon mal geklatscht wird, können sich die „Paria des Dienstleistungssektors“, zum Beispiel die Verkäufer, Frisöre und Putzfrauen, schon freuen, wenn sie Samstagnachmittags im Einkaufstrubel nicht angehustet werden. Sie führen ein Schattendasein im gesellschaftlichen Bewusstsein, sind im wahrsten Sinne des Wortes „aus dem Fokus“ geraten.

Das allumfängliche Credo des „Gesundheitsschutzes“ bietet den „Wohlständlern“ von heute einen so warmen Kokon, dass sie sich noch weniger um andere kümmern müssen und sich dabei  auch noch verdammt gut fühlen können. Genau mit diesem „Breit machen dürfen“ in der persönlichen Wohlfühlzone ist es zu erklären, dass sich in Deutschland (noch) so wenig kritische Geister äußern. Der Deutschen Sache, das ist der Blick über den eigenen Tellerrand halt meist nicht. Da reicht die Solidarität meist nur vom Fernseh-Sessel bis zur Haustür. Dabei bräuchte es keine inhaltsentleerten Werbekampagnen, sondern nur ein wenig Reflexionsfähigkeit, um zu verstehen, dass so viele Menschen von den gegenwärtigen Maßnahmen existentiell betroffen sind und noch betroffen sein werden.

Fest steht: Die Ideen, wie diesen Menschen dann zu helfen ist, werden nicht von denen kommen, die ihnen das Brot nahmen. So viel ist sicher. Es läge an uns, nur an uns, unsere „noch Regierenden“ durch Protest und freie Meinungsäußerung in echten Zugzwang und eine Abkehr vom „Weiter so“ zu bringen. Aber der Funke dieser Erkenntnis ist bei vielen noch nicht übergesprungen. Leider. Sie werden sich im Nachhinein beklagen: über steigende Krankenkassenbeiträge oder gestiegene Energiepreise, motzen, und sich die Bildzeitung kaufen.

Neulich war ich im Supermarkt. Da meinte eine Kundin zu einer anderen, dass ihr zu Hause die Decke auf den Kopf fiele vor Langeweile. Die Kassiererin schob derweil weniger gelangweilt den Wocheneinkauf der Frau über den Scanner und kommentierte das Gespräch mit einem trockenen „Das macht dann fünfundfünfzig Euro sechzig“. Ich sehe die Kassiererin fast täglich dort arbeiten.

Wie ein Tanz ums goldene Kalb

Sozialität ist die Grundbedingung des menschlichen Seins. Wo diese gewaltsam längefristig gekappt wird, werden Menschen krank. Auch ohne Corona.

Ein Kommentar von Andreas M. Altmeyer

Was macht eine Gesellschaft aus? Die Menschen, die in ihr leben und sich in ihr einbringen. Menschen, die Spaß haben, Veranstaltungen besuchen, einander im wahrsten Sinne des Wortes begegnen – idealerweise in aller Offenheit, Öffentlichkeit und mit Toleranz. Dazu gehören Kinder, die unbesorgt miteinander spielen genauso wie die Seniorenwander-Gruppe aus dem Nachbarsort, aber auch die Skat-Kumpels, die sich das ein oder andere Bier genehmigen. Es ist der Kitt des gesellschaftlichen Zusammenlebens, der das Gemeinwesen als solches überhaupt erst zementiert und möglich macht.

Eine Gesellschaft, die sich all diesen Dingen in ihrer Gänze beraubt, nimmt sich auf Dauer die Luft zum Atmen. Genau das erleben wir zurzeit. Es bleibt uns sprichwörtlich die Luft weg, und das nicht nur durch die allgegenwärtige Atemschutzmaske, sondern durch das, was wir in dieser furchtbaren, in dieser noch ungewohnten Realität, erleben können. Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber, auf dessen Schriften ich als junger Mensch aufmerksam wurde, schreibt in seinem wohl bekanntesten Satz: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Und damit hat er Recht. Denn erst in der Begegnung entfaltet sich jenes emanzipatorische Potential, von dem wir Menschen zehren, das den Nährboden jeglicher menschlicher Errungenschaft und damit die Grundlage unseres Seins bildet. Da eben der Mensch ein soziales Wesen ist, ist die Basis dafür nämlich das Soziale in all seinen Facetten und Schattierungen. Anders formuliert: Erst in der Sozialität selbst konstituiert sich lebenswerte Wirklichkeit. 

Was wir momentan jedoch sehen, ist das Gegenteil davon, es ist die Abkehr von der Sozialität hin zur Isolation. Diese geht einher mit einem Zahlen-Wirrwarr und einer Zahlengläubigkeit, die weder zielführend, noch förderlich ist. Mehr noch: Die seit Monaten andauernde Bombardierung mit R-Werten und Inzidenzzahlen befeuert ein biologistisches Weltbild, in dem der Einzelne quasi ent-individualisiert wird und aufgeht in einer anonymen Masse. Diese Masse wird gleichwohl nur an einer Qualität gemessen: Corona positiv oder negativ. Es ist diese gewaltsame Zweiteilung, diese disruptive Untergliederung der Gesellschaft, die gruppendynamisch betrachtet äußerst bedenklich ist, da sie nicht nur spalterisch zerreißt, was zusammengehört, sondern auch ein Klima der Verunsicherung und Vorverurteilung schafft.  Dieses Klima wird bestimmt von Angst, durch Missgunst, ja: von dem Gefühl unter einer permanenten Beobachtung zu stehen.

Individual-psychologisch sorgt diese Entindividualiserung beim Einzelnen oftmals für ein Gefühl innerer Machtlosigkeit. Es ist diese erlebte Passivität durch die Kommunikation „von oben herab“, die im Sinne des Soziologen Alfred Schütz zu Prozessen des Erleidens führt, welche wiederum in Lebens- und Daseinskrisen münden können – mit all ihren dramatischen Folgen. Denn wo sich die Lebenswirklichkeit mit einer willkürlich kreierten Größe – nichts anderes sind Grenzwerte – unvermittelt und plötzlich zu ändern vermag, da wird das Individuum aus dem sicheren Fahrwasser der Alltäglichkeit geschleudert. Ist es erst einmal in die neuen Stromschnellen geraten, versucht es sich nicht selten mit aller Macht an die Werte und Zahlen zu klammern, die ihm zuvor den falschen Weg überhaupt erst gewiesen haben. Irrlichter beim Tanz um das goldene Kalb.  

Eine Gesellschaft, in der die Statistik mehr wiegt als das einzelne Ich, ist die Folge, in der jegliche Abweichung vom Kollektiv mit Sanktionen bestraft und nicht toleriert wird. Es bleibt die Frage, ist das eine Gesellschaft, in der wir zukünftig leben möchten? Denn auch wenn Corona irgendwann überwunden sein wird, wird wohl bald schon die nächste Sau durchs Dorf getrieben. Und auch die sogenannten Kollateral-Schäden, zum Beispiel die Menschen, die starben, weil sie aus Angst nicht ins Krankenhaus gegangen sind oder jene, die psychisch schwer erkranken oder schon krank sind – die Ausweglosigkeit, in die man sie ob einer allumfänglichen Panikmache geführt hat, sie ist unentschuldbar.  

Was bleibt also zu tun? Wir müssen uns, komme, was wolle, die Frage stellen, ob wir weiter statistische Messgrößen zu Garanten von Menschenwohl machen. Dabei müssen wir auch abwägen, ob wir ein Leben für lebenswert erachten, in dem wir im wahrsten Sinnes des Wort auf „unvernünftiger“ Grundlage von jenen, die für uns arbeiten sollen, entmündigt werden wollen.   

Das ganze ähnelt einer Art Risikobewertung und wirft unweigerlich die Frage auf, was sich eine Gesellschaft leisten kann, was sie langfristig voran bringt und ihr gut tut, und was eben nicht. Dabei geht es keineswegs um Verhamlosung, auch nicht um ein naives „Weiter so“, es geht viel mehr um das Vertrauen auf den gesunden Menschverstand. Gesunden Menschenverstand mache ich dabei nicht allein daran fest, ob jemand seinen Mundschutz trägt oder nicht.

Vielmehr geht es mir um eine gesunde Wahrnehmung, die auch die zahlreichen Fallstricke und Unstimmigkeiten erkennt und entlarvt, mit denen uns die Bundesregierung und alle dazugehörigen Institutionen in die Fremdbestimmung manövrieren. Denn genau genommen werden wir schon lange als unmündige Bürger wahrgenommen, die nur noch reagieren statt agieren sollen.

Diese Entmündigung reicht bis ins Private hinein und mündet in Sachen Corona sogar in einem latenten Impfzwang. Diesen hat Markus Söder erst kürzlich mehr oder minder für alle Pflegekräfte formuliert. Sie sollen sich gefälligst impfen lassen, alles andere sei unverantwortlich. Wer solche Repressalien auch nur denkt, der hat das Konzept der Demokratie weder verstanden, noch ist er fähig, es zu leben. Denn wenn ein Mensch nach Abwägung aller ihm wichtigen Entscheidungskriterien zu dem Schluss kommt, nein zur Impfung zu sagen, so ist das eben sein Entschluss. Punkt. Doch auch hier wird die Gesellschaft gespalten, ungeachtet der Tatsache, dass eh nicht genügend Impfstoff für alle da wäre, die Impfstoff-Erzeugung in privater Hand liegt, damit unmittelbare Gewinninteressen geknüpft sind und so fort.

Das Konzept der Gesundheit umfasst eben mehr als nur eine Perspektive. Es beinhaltet soziale Komponenten genauso wie wirtschaftliche oder gar psychologische. Und wir täten guten daran, in Sachen Gesundheitsschutz nicht nur eine Krankheit wahrzunehmen, sondern auch die soziale Realität, in der sie sich vollzieht, sowie die Bedürfnisse der Akteure. Nur so ist eine Gesellschaft zukunftsfähig. Das Ganze ist schließlich mehr als die Summe seiner Teile.