Die Geister, die der Westen rief

Das sich im Irak entwickelnde Wahlbündnis zwischen der martialisch daherkommenden Bewegung Muqtada As-Sadrs‘ und den mit ihm kooperierenden säkularen Kräften verheißt für den Westen nichts Gutes – war aber durchaus ein zu erwartendes Phänomen. Denn noch immer gleicht das Land nach der US-amerikanischen Invasion im Jahr 2003 einer Outlaw-Area, in der der Alltag für den Großteil der Bevölkerung kaum zu ertragen ist. Daran hat auch die pro westliche Politik des Anti-IS-Helden Haider al-Abadi bisweilen wenig bis gar nichts geändert.

Immer noch spürt man die Nachwehen des US-amerikanischen Embargos bei der gleichzeitigen Allgegenwart der GIs, ganz nach dem Motto „Big brother is still watching you.“ Die Bevölkerung sehnt sich, auch das ist verständlich, nach einer sicheren Größe, die Schutz gibt und vielleicht der schiitischen Mehrheit des Landes zu ihrem alten Glanz verhilft. As-Sadr, Sohn des im Jahr 1999 ermordeten Ajatollah Muhammad Sadiq as-Sadr, vermag dies mit seinen rund 60.000 Milizionären zu tun. Parallel dazu kann Sadr auf ein von seinem Vater vererbtes Hilfsnetzwerk aus wohltätigen Organisationen vertrauen, das ihn besonders bei der bettelarmen Bevölkerungsschicht beliebt machte.

Was ist also von dem Mann, der einst mit seiner Mahdi-Armee gegen den IS und die Amerikaner kämpfte und den schiitischen Hardliner markierte, zu erwarten? Nun: Da Sadr nicht selbst bei der Wahl zum Regierungschef angetreten ist, wird er im Falle eines Wahlsieges im Hintergrund als Strippenzieher agieren. Doch dafür braucht er Mehrheiten. Und das wird für ihn mit gerade mal 50 der 329 Mandate schwer genug.

Noch schwerer macht das die Tatsache, dass Sadr mittlerweile den zunehmenden Einfluss des Irans im Irak ablehnt. Zumindest noch. Denn langfristig wird er sich mit dem Gottesstaat verbünden müssen, wenn er seine Macht festigen will. Einerseits, ob des enormen militärischen Potentials der Iraner, andererseits weil er im Parlament Mehrheiten benötigt und deswegen auf Koalitionspartner angewiesen ist. Doch dies wird mit dem vom Iran systematisch aufgebauten Hadi al-Amiri nicht leicht, vorausgesetzt Sadr geht weiter auf Konfrontationskurs mit ihm.

Sollten jedoch diese „Anlaufschwierigkeiten“ beseitigt werden, könnte sich der Westen schon bald einem neuen Desaster gegenübergestellt sehen. Gestützt vom Iran, könnte der erste echte demokratische Präsident des Irak (wie er auch heißen mag), seine Macht dazu einsetzen, gegen die noch überall stationierten amerikanischen Soldaten im Land vorzugehen. Wahrscheinlich ist parallel dazu auch ein erneuter von Drittmächten angeheizter Bürgerkrieg zwischen Schiiten und Sunniten. Wenn auch die Details noch unscharf sind, sicher ist: Sowohl der Iran als auch Saudi Arabien und das aufstrebende Katar werden den Irak zur Erweiterung ihrer Machtsphären nutzen.

Und das ist kein Wunder, sondern die kausale Folge einer Politik des westlichen Versagens. Statt einer validen Aufbaupolitik seitens westlicher Staaten, ließ man das einst von Frankreich und England auf dem Tableau der Geopolitik geschaffene Land Irak sprichwörtlich am ausgestreckten Arm verhungern, indem man weder einen Plan B nach dem Sturz von Saddam hatte, noch eine Ahnung von den gesellschaftlichen Gegebenheiten vor Ort.

Dieser Unkenntnis in Verbindung mit den umfassenden US-amerikanischen Sanktionen ist es zu verdanken, dass der IS erst entstehen konnte. Diese Terrororganisation, die ehemalige Funktionäre von Saddams Baath-Partei zum Leben erweckten, ist sozusagen die unmittelbare Folge der naiven US-amerikanischen Intervention zugunsten der schiitischen Mehrheit des Landes.

Naiv obendrein war der Glaube der Amerikaner, diesem so vielseitigen, umkämpften, aber auch an Kultur reichen Land eine Demokratie nach westlichem Vorbild aufbürden zu können bzw. zu dürfen. „Mit welchem Recht?“, fragt man sich da. Muqtada As-Sadrs wird diese Steilvorlage nutzen um die Gewaltausbrüche derer für seine Zwecke zu instrumentalisieren, die durch uns völlig perspektivlos geworden sind.

Dabei bleibt nur zu hoffen, dass der Irak nicht zur Neuauflage Syriens wird.

Aufrüsten im Namen der Amerikaner

Betrachten wir die gegenwärtige politische Gemengelage, so wird eines klar: Deutschland und seine Bündnispartner rüsten auf. Die Richtung, in die sie marschieren, hat dabei längst der amerikanische „Big Brother“ vorgegeben. 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, so Donald Trumps Forderung, sollen sich die europäischen Vasallen ihre Militärausgaben und „Out of Area“-Einsätze an Hindukusch und Co. kosten lassen. Lauscht man den Worten unserer „Never Ending-Verteidigungsministerin“ Ursula von der Leyen, so wird auch deutlich, warum diese Ausgaben – zumindest aus kapitalistischer Perspektive betrachtet – unbedingt notwendig sind: Eine bessere Ausrüstung soll her, damit sich die Truppe noch effizienter an den geostrategischen Sandkastenspielen der Eliten beteiligen kann. Die frisch aus der Taufe gehobene GroKo ist sich trotz ihrer Anlaufschwierigkeiten zumindest darin einig, dass alle Auslandseinsätze der Bundeswehr verlängert und sogar ausgeweitet werden sollen. Da mag sich der geneigte Leser schon fragen, für wen, und vor allem: warum, wir so liebend gerne in den Krieg ziehen und uns quasi fremdbestimmt die Aufrüstung befehlen lassen sollen. Glimmt da noch ein Funke Dankbarkeit aus den Nachkriegsjahren gegenüber den Amerikanern im Bewusstsein derer auf, die hier entscheiden? Oder ist es Aktionismus, der die Bevölkerung auf einen weitaus größeren Krieg einschwören soll? Immerhin hat sich die NATO sukzessive nach Ostern ausgedehnt und rüstet auf. So simuliert das sogenannte Verteidigungsbündnis immer wieder in martialischen Übungen den Ernstfall und wird dabei nicht müde, das Feindbild Russland zu bemühen. Eine der größten Manöver dieser Art war die im Jahr 2014 begonnene „Operation Atlantic Resolve“, bei der die USA tausende Soldaten und hunderte Kettenfahrzeuge nach Europa verlegten, um die Alliierten zu unterstützen.Vergessen wird dabei nur allzu gerne, dass es einst der Westen, namentlich der damalige Außenminister Genscher, war, der Gorbatschow am 31. Januar 1990 zu verstehen gab, dass es keine NATO-Osterweiterung geben werde. Seitdem hat sich jedoch viel getan: 1990 traten die ehemaligen Ostblock-Länder Tschechien, Ungarn und Polen dem Bündnis bei, 2004 Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, die Slowakei und Slowenien sowie im Jahr 2009 Kroatien und Albanien und zuletzt Montenegro im Jahr 2017. Muss man ein Putin-Versteher sein, um zu begreifen, dass das schrittweise Näherrücken eines Militärbündnisses an die Außengrenzen Russlands von diesem als territoriale Bedrohung empfunden wird? Nein, denn das sagt einem eher der gesunde Menschenverstand. Nichtsdestotrotz treiben die USA die NATO-Ausgaben immer weiter voran und sind stolz darauf, dass das sonst so klamme Griechenland in Sachen Rüstungsmilliarden auf Rang zwei, gleich hinter den USA, zu finden ist. Interessant bei einem Land, dessen soziale Schere immer weiter auseinanderklafft und dessen Staatsverschuldung alleine im Jahr 2016 bei 314,90 Milliarden Euro lag, nicht wahr?

Und nein: Es kann und darf bei alledem nicht darum gehen, Russland von allen politischen Sünden reinzuwaschen. Dass Herr Putin kein Heiliger ist, steht außer Frage. Dennoch sollte uns eines bewusst sein: Das amerikanische Imperium hat nur ein Interesse: sich selbst. Zielsetzung seiner Expansionspolitik ist nicht nur die Schwächung seines geostrategischen Erzrivalen, sondern auch die Sicherstellung von Rohstoff-Ressourcen und nicht zuletzt die Stärkung des militärisch-industriellen Komplexes. Schon der von der CIA initiierte Afghanistan-Krieg ab 1979 war eine Methode, die damalige Sowjetunion zu destabilisieren. Das gab der strategische Strippenzieher Zbigniew Kazimierz Brzeziński im Interview mit „Le Nouvel Observateur“ übrigens offen zu. Heutzutage hat sich mit Syrien lediglich die Kulisse geändert, in der das kriegerische Schachspiel ausgetragen wird.
Die Formel, nach der agiert wird, ist immer die gleiche: Bei Kriegen geht es letztlich nur um die Eroberung von Märkten! Deutschland und die gesamte Europäische Union täten gut daran, sich nicht von den imperialen Interessen der USA einspannen zu lassen, denn am Ende sind sie es, die dafür ein blutiges Bauernopfer erbringen müssen. Fest steht: Folgen sie weiter der US-amerikanischen Blaupause, so tragen sie die Mitschuld bei der Transformation der NATO hin zu einer Angriffsarmee. Statt Aufrüstung und Konfrontation brauchen wir Staatenlenker, die auf Gespräche und auf Fakten setzen. Die Rahmenerzählung der USA ist offenkundig. Das Narrativ des „Krieg gegen des Terrorismus“ ist in Wahrheit nichts anderes als die Rechtfertigung für terroristische Angriffskriege der USA, die, wie im Falle vom
Irakkrieg 2003, sogar völkerrechtswidrig sind.
Es liegt nun allein an uns, ob wir uns zum Teil der US-amerikanischen Propaganda machen lassen oder diese als solche entlarven. Das erfordert Kraft und Anstrengung, ist aber durchaus lohnenswert und friedensstiftend.

Das Internet, kein freier Raum!

Betrachten wir die Struktur der digitalisierten Arbeitswelt, so wird offenkundig, dass mit der Aufteilung des kommerziellen Internets quasi imperialistische Züge einhergehen. Nur jenen Unternehmen, die über entsprechende finanzielle Mittel verfügen, wird somit ein Machtpotential zugebilligt, das eine Gewinnmaximierung im Sinne der kapitalistischen Doktrin überhaupt in nennenswertem Maße erlaubt. Nun mag man mir vorwerfen, dass es eben einer solchen betriebswirtschaftlichen Budgetierung auch in der realen Wirtschaftswelt bedarf. Das ist richtig und falsch gleichzeitig. Denn wenn auch in der analogen Wirtschaftswelt eine monetäre Durchschlagskraft über gute Start- und Entwicklungspotentiale einer Unternehmung entscheiden, so bilden sich, von Standortpotentialen und Zielgruppenakkumulationen bestimmt, immerhin ein unternehmerischer Mittelstand heraus.

Entscheidend für die Dienstleistungen der digitalen Welt ist im Unterschied dazu von Anfang bis Ende ein ideales Budget zur Positionierung der Dienstleistung selbst. Über Positionierung und Ranking entscheidet allerdings nicht der Markt, und mit ihm die entsprechende Nachfrage, sondern ein ganzes Netzwerk privater Marketing-Multiplikatoren namens Google, Facebook und Co. Wenn wir also den Status quo des Internets beschreiben wollten, so kämen wir keinesfalls umhin, diesen als monopolistischen Kapitalismus in seiner absoluten Reinkultur zu benennen, dessen primäres Ziel die Optimierung einer Position zum „Gefunden werden“ ist. Gefunden zu werden, nachdem der potentielle Käufer seine Anfrage eingetippt und schließlich mittels Return durch den digitalen Äther gejagt hat, wird zur einzig wahren Doktrin der postkapitalistischen Gesellschaft erhoben.

Denn das „Gefunden werden“ wird zum zentralen Moment in einem tendenziell gesättigten Markt, in dem Aufmerksamkeit erkauft und Kundenengagement teuer bezahlt werden muss. Monetarisierung heißt hier das Zauberwort, also die Kapitalisierung einer eigentlich artifiziell kreierten Dienstleistung, die sich vom Wunsch des Kunden nährt, Kapital zu erwirtschaften und Gewinn zu machen.

Gleichzeitig hat sich neben der Bespielung der Marketing-Kanäle auch die Struktur der digitalen Dienstleistung geändert. Denn schaut man sich die Internet-Giganten an, so fällt eines auf: Sie produzieren nichts, sie profitieren nur von dem, was bereits produziert wurde. Ob Facebook, Google oder Uber, ob Expedia oder Partnersuche: Allesamt sind es Plattformen, die eine vermittelnde Rolle zwischen digitaler und analoger Welt einnehmen und dabei für ihren Erfolg nichts weiter tun, als lediglich die Technologie, die es dafür braucht, zur Verfügung zu stellen. Ja, auch dafür braucht es helle Köpfe. Doch wo Tecc-Know-how einzig zur Verfeinerung eines Algorithmus benötigt wird, besteht doch die Gefahr, dass das Produkt, das vermittelt wird, an Bedeutung verliert, eben weil jene, die es verkaufen, keinen Bezug zu ihm haben.

Ergo: Das Internet ist längst ein zutiefst hierarchisch strukturierter Raum. Auch wenn die liberalen Freiheitsfantasien der Piraten Partei uns einst etwas anderes glauben machen wollten, so müssen wir erkennen, dass, neben all seinen Vorteilen, seine Nachteile in einer radikalen Monopolisierung liegen. Nur derjenige hat Bestand, der sich dem digitalen Marktradikalismus beugt, der seine Website ständig optimiert, seine Budgets in Echtzeit anpasst und sich gegenüber seinem Mitbewerber dennoch den einen USP bewahrt, der sein Unternehmen einzigartig macht.

Diejenigen, die von der Entfremdung vom Endprodukt profitieren, sind abstrakte Plattform-Giganten, denen an einem gesunden Mittelstand so viel liegt wie am Sack Reis, der in China umfällt.

Generation „Happy!“

Nein, ich will nicht in den verklärenden Sumpf des „Die Jugend von heute“ abtauchen. Auch liegt es mir fern, diese Jugend von heute einer generellen Kritik zu unterziehen. Denn wenn ich mir die Generation zwischen fünfzehn und zwanzig betrachte, so sehe ich größtenteils aufgeklärte Menschen. Nun schwingt wohl schon in diesem Satz ein kleines „aber“ mit. Denn was mir an eben dieser Peer Group, an dieser Generation der Alles-Könner und Alles-Erreicher auffällt, ist ein partieller Verlust von Kritikfähigkeit. Wie schon der Existenzphilosoph Martin Buber feststelle, ist ja alles Leben Begegnung. Und jene jungen Leuten, denen ich begegne, fällt es zunehmend schwer, mit ernstgemeinter, sogenannter konstruktiver Kritik umzugehen. Richtig: Sie stellen Fragen: Warum ist das so und so? Warum verhält sich das nicht anders? Doch die Motivation für diese Fragen speist sich weit weniger aus einer Kritik am Sachverhalt oder an dessen normativen Beschränkungen als aus einer Bewältigungsstrategie für die subjektiv erfahrene Kränkung. Diese zu erfahren und dazu noch mit ihr umzugehen, fällt jungen Menschen zunehmend schwer. Nun sind die Gründe dafür weit komplizierter auszumachen als die Phänomene, die jene nach sich ziehen.

Eine Ursache sehe ich persönlich in der Interaktion zwischen Erzieher und Zögling, in deren Setting versucht wird, das System von Allzeit-Belohnung zu etablieren, und jenes der Sanktionierung zu vermeiden. Dazu kommt ein fehlgeleiteter Diskurs in der Interaktion zwischen Eltern und Kind, in dessen Rahmen alles und jedes ausdiskutiert wird, bei gleichzeitiger immanenter empathischer Anteilnahme seitens der Erziehungsberechtigten. Es scheint, als habe die Generation der heute Mitvierziger all jene Kränkungen, welche ihnen Ihre Eltern angedeihen ließen, in einem weichgespülten Erziehungs-Protektorat kompensiert. Gleichzeitig sind es jene Mitvierziger, die als Kind meist in materiellem Überfluss lebten, keinen Krieg und Hunger oder sonstige existentielle Nöte kannten und somit weitestgehend systemkonform daherkommen. Wer nun aber als Kind den Konformismus der Welt sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen hat, der gibt jenen auch an seine Kinder weiter. So kommt es, dass wir in Zeiten leben, in denen die radikale Privatheit, der Hedonismus des einzelnen, zur Religion erhoben wird, was in einem blinden Konsumismus gipfelt. Dieser bezieht sich auf alle gesellschaftlichen Bereiche, alles wird konsumierbar, aufkündbar, sobald es kein individuelles Glücksmoment mehr verschafft, angefangen bei Beziehungen bis hin zu ArbeitsverhältnissenDas Konzept des unverbindlichen Glücks unerbittlich und um jeden Preis zu verfolgen, ist somit das ureigenste Ziele der jungen Leute. Dabei erliegen sie dem Irrglauben, sie hätten dieses Glück verdient, nur um ihrer selbst willen. Der Glücksoverkill soll dabei am besten 24 Stunden am Tag dauern.

Beziehung soll glücklich machen. Arbeit soll glücklich machen. Konsum soll glücklich machen. Und man mag schon fragen, welche Leere durch die Glücklich-Seins-Inflation überwunden werden muss, nur um sich der illusorischen Allmachtsphantasie des „What you see is what you get“ hinzugeben.

Vorbei die Zeiten, in denen die Stones feststellten, that „you cant’t always get what you want„. Unsere Kinder wissen, dass sie alles kriegen können, mehr noch: dass sie alles kriegen werden, dank der Hochglanz-Verheißungen im Prime-Time-TV, dank Sozialer Medien, die eigentlich unsozial sind, dank einer Pseudo-Realität und dem Faschismus der Verblendung.

So wird, ganz wie bei Instagram, für jeden Bedarf der passende Filter auf das Leben gelegt, mit dem Ziel, möglichst gut dabei auszusehen. Hauptsache glücklich.

Problematisch wird das Konzept des individuellen Glücks, das im quasi-uterinen Schutzraum des Elternhauses wurzelt, wenn es auf Gemeinschaft trifft. Denn dort entstehen, gerade in funktionellen Gruppen, Prozesse des Erleidens (Alfred Schütze et. al.), wenn es um Restrinktionen und um Empathie dem anderen gegenüber geht. Diese Prozesse werden umso mehr als zerstörerisch erlebt, als dass eine adäquate Strategie für sie nie gelernt und eingeübt werden konnte. Innerpsychisch bietet jener Sturz in eine Krise hinein genügend Nährboden für neurotische Konfliktverarbeitungen (Mentzos et. al.), die im Spannungsfeld zwischen egozentrischer Kindeswahrnehmung und gesellschaftlich erwarteten Normen zu finden sind.

Es bedarf der sprichwörtlichen Enttäuschung, um aus einem „Ich bin der Mittelpunkt der Welt“ ein „Wir“ werden zu lassen, das in der Lage ist, hinter die Fassade der mittels Kleinkrediten finanzierten Bling-Bling-Welt zu blicken und die Realität anzuerkennen. Nur auf diese Weise, durch eine sukzessive Sensibilisierung durch die Sozialisationsinstanzen, kann m. E. ein emanzipatorisches Potential entfaltet werden. Dazu gehören Lob, Empathie, aber auch das Aufzeigen und die Akzeptanz der eigenen Grenzen.

Wer echte Mündigkeit will, muss erkennen, dass Glück nicht für alle und jeden zu jeder Zeit zu haben ist. Es ist brüchig, näher als wir ahnen und weiter weg als wir wollen. Wer ihm um jeden Preis nachjagt, der wird es kaum bekommen, wer es sucht, wird es nicht finden. Und wer es als Selbstverständlichkeit betrachtet, wird erkennen, dass es alles andere als das ist!

Arbeitskampf ja, aber …

Seit Anfang Januar gehen sie wieder auf die Straße, um ihrem Unmut mittels Warnstreiks Luft zu machen: 376.000 Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie fordern satte 6 Prozent mehr Lohn. Daneben wird eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 28 Wochenstunden angestrebt. Klar: Will man doch von den Exportüberschüssen der Exportmacht Deutschland profitieren, warum auch nicht. Dennoch zeigt die Tarifrunde der Metaller im Poker um mehr Lohn und Freizeit, dass sich innerhalb der Gewerkschaftslandschaft in Deutschland ein ungleiches Gefälle zwischen mächtigen und weniger mächtigen Arbeitnehmer-Interessenverbänden aufgetan hat. Während exportorientierte Industriezweige in regelmäßigen Abständen durch „ihre“ Gewerkschaften der Rücken gestärkt wird, liegen andere Bereich, beispielsweise der Einzelhandel oder gar die Sicherheitsbranche, weitestgehend Brach. Sie haben das monetäre Nachsehen, gehen mit deutlich weniger Erfolg aus Tarifverhandlungen heraus, ganz im Gegensatz zu den Metallern, die sich quasi alle Jahre wieder mit Pauken und Trompeten über einen netten Mehrverdienst freuen dürfen. Ja, sie hat sich also auch in der Arbeitswelt niedergeschlagen, die Klassengesellschaft, in der jene profitieren, die durch ordentliche Arbeitsverträge sicher im Arbeitssattel sitzen, während jene, die sich von Vertragsverlängerung zu Vertragsverlängerung hangeln und in alltäglicher Unsicherheit schweben, sich das nicht leisten können. Sie zählen zum Arbeiter-Prekariat, sind die Paria der Arbeitsgesellschaft, und erhalten statt Gewerkschafts-Engagement Flächentarifverträge, die gerade mal ein paar Euro über dem Mindestlohn liegen.

Soviel Ungleichheit produziert nicht nur Wut, sondern ernstzunehmende Krankheiten, ganz zu schweigen von der sozialen Stigmatisierung, der eben diese Arbeiter durch mangelnde Freizeit, wechselnde Einsatzorte und Schichtdienst, der im Sicherheitsdienst übrigens pro Schicht meist zwölf Stunden dauert, ausgesetzt sind. Da ich kein Jurist bin, kann und möchte ich nicht auf die rechtlichen Rahmenbedingungen eingehen, aber wäre es nicht sinnvoll, beim Arbeitskampf gemeinsam an einem Strang zu ziehen? Ich meine nach dem Motto „Einer für alle und alle für einen“. Sehen wir uns doch nur mal die Vielzahl der Gewerkschaften an. Sollten wir nicht unsere Kräfte bündeln und die heterogene Landschaft der Interessenverbände durch ein wirklich tragfähiges Konzept einer starken Branchen-übergreifenden Arbeitnehmer-Vertretung ersetzen, damit vom gesellschaftlichen Wohlstand wirklich alle Branchen profitieren. Letztendlich kann m. E. nur auf diese Weise in Detailfragen, beispielsweise bei der Anhebung des Mindestlohns und der Entmachtung der Zeitarbeitsfirmen, vorangetrieben werden. Zusätzlich müssen wir uns darüber Gedanken machen, wie das neue Arbeitswelt-System im Zuge der zunehmenden Digitalisierung und Automatisierung aussehen muss, denn entgegen aller anderen Stimmen, werden diese Phänomene Millionen Menschen arbeitslos machen. Wer nun denkt, dass die Politik, die ja selbst der verlängerte Arm der Finanz-Eliten ist, auf diese drängenden Fragen Antworten findet oder gar langfristige Konzepte entwickelt, der irrt sich gewaltig. Denn wo Arbeitskraft freigesetzt wird, wird günstiger produziert. Sprich: Die gegenwärtige Entwicklung spielt dem System also in die Hände und seine Eliten werden alles tun, um den Status Quo zu bewahren.

Was bleibt also zu tun? Lasst euch als Arbeiterschaft nicht entsolidarisieren, sondern tretet als großes Ganzes auf. Darin liegt eure Macht begründet. Die Gesellschaft befindet sich im Umbruch und ihr könnt daran Teil haben, mitbestimmen und es erneuern, getreu dem Marxschen Credo: Proletarier alle Länder vereinigt euch!

Denn sie wissen nicht, was sie konsumieren

Streben wir nicht alle danach: Nach der maximalen Autonomie, dem Erwachen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit? Nachdem wir uns dann im übertragenen Sinne von  selbiger befreit haben, fällt es uns mehr oder weniger schwer, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, mit der wir unvermittelt konfrontiert werden. Denn nicht nur die Wahrheit zu erfahren, sondern auch sie zu ertragen ist meist mit einem schmerzvollen Prozess der Erkenntnis verknüpft wie schon das Höhlengleichnis von Platon zeigte.

Man muss sich eben doch mit Inhalten auseinandersetzen, muss Quellen finden und sich diese dann sogar erarbeiten, sie filtern, einordnen und ein sorgfältiges Resumé ziehen. Das alles ist für den klassischen Nine-to-five-Worker wirklich nicht einfach, bedarf der Eigeninitiative und braucht Zeit. Doch ohne diesen persönlichen Ehrgeiz, ohne dieses Dran-bleiben-wollen-um jeden-Preis, verschwimmen mediale Inhalte schnell zu einem zähen Einheitspreis, der sich nur mittels künstlicher Aromen à la Claus Kleber und Gundula Gause herunterschlucken lässt. Das Problem dieser künstlichen Aromen liegt allerdings in deren doppelter Wirkung: Einerseits verlangt der Körper schnell mehr davon, wenn er sich erst einmal an sie gewöhnt hat, andererseits sind sie eben künstlich und daher nicht gerade vitalisierend, quasi verClebernd.

Was es also braucht, ist das, was Hegel im Vorwort zu seiner „Phänomenologie des Geistes“ die „Anstrengung des Begriffs“ nannte. Allein, viele haben die Muße dafür nicht.

So rennen sie dahin und bescheren der Springer-Presse satte Gewinne, saugen die von den Media-Agenturen und Think-Tanks arrangierten Pressemeldungen auf, die an Gehalt so viel aufweisen wie ein Fruchtwerg an Vitaminen. Mir fällt bei so viel Unmündigkeit  unweigerlich ein Dean’sches Filmzitat ein: „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Dabei ist diese Unmündigkeit des Einzelnen, sein völliges Aufgehen in seiner eigenen Privatheit, sein selbstverliebter Hedonismus, der sich mit dem „Schaut-mal-wie-gut es-mir-geht-Post“ auf Facebook zufrieden gibt und keine Eintrittskarte für die Vorstellungen auf der weltpolitischen Bühne haben will, ja gewollt.

Denn immerhin entscheidet ja Bildung, respektive: Bildungsferne, darüber, ob man sich zur privilegierten Schicht der Eliten zählen kann oder eben nicht. Das Dilemma, indem sich ein Großteil der sogenannten Bürger befinden, ist jedoch, dass sie nicht mal wissen, dass sie mit System für dumm verkauft und alle Tage wieder mit Propaganda zugemüllt werden. Der mediale Overkill macht auch längst vor Kindern nicht halt. Wo Systemkonformismus und Ich-Bezogenheit als neue Formen von Freiheit erlebt werden, dort tritt anstelle von rationaler Kritik tendenziöser Konsumismus.

Und so setzen jene, die nicht wissen sollen, Bildung mit der BILD-Zeitung, ProSiebens „Galileo“ mit einem Wissenschaftsmagazin und die heute-Themen mit einer seriösen Nachrichtensendung gleich, ohne sich jemals aus ihrer persönlichen kleinen Welt, aus ihrer Komfort-Zone, herausbegeben zu haben. Vielleicht ist es ja menschlich, sich seinen eigenen Mikrokosmos aufzubauen, sich mit Plattitüden zu begnügen und sich auf den nächsten Pauschalurlaub zu freuen. Und ja: Glücksmomente sind wichtig – um zu erleben, dass das Leben schön ist. Doch ein bisschen Hedonismus schließt die Auseinandersetzung mit dem großen Ganzen keineswegs aus. Echte Mündigkeit hat etwas von der Schulpflicht, die uns keine große Freude bereitete, uns aber ins Erwachsensein begleitet und im Idealfall auf eigene Füße gestellt hat.

Während uns jedoch die Schule „zum System hin“ sozialisierte, gilt es nun, durch alternative Medien eine Sicht „auf das System“ zu erhalten. Das Gute: Ganz so schwer ist das am Ende des Tages nicht – denn entsprechende Youtube-Formate, Facebook etc. servieren echte Inhalte quasi sekündlich und „just in time“. Das Wissen ist nur einen Mausklick entfernt.

Sondieren geht übers Regieren

Die Ergebnisse des „Sondierungs-Marathons“ von CDU und SPD machen deutlich: Jene, die sich anschicken, die Bundesrepublik Deutschland in Zukunft zu regieren, sind nicht nur plan-, sondern auch völlig visionslos. Dabei geht es keineswegs um die wahnhaften Visionen, auf die sich Helmut Schmidt bezog, als er einst meinte, der, der Visionen habe, solle zum Arzt gehen. Vielmehr geht es um ein Konzept, das die gesellschaftlichen Veränderungen ernstnähme – und zwar mit allem, was dazugehört. Digitalisierung, Automatisierung, Klimawandel, Entschärfung der Agenda 2010 und Nato-Austritt: All das wären Eckpfeiler einer solchen Agenda gewesen, wenn da eben nicht jene Engstirnigkeit, Egomanie und Machtversessenheit der Industrie-Sprecher wären, die sich als Politiker bezeichnen.

Statt des großen gesellschaftlichen Ganzen ging es, wie sollte es auch anders sein, wieder mal um ein machtpolitisches Klein-Klein, um ein Weiter-so, nur eben mit einer größeren Mannschaft. Allein die Spielführer haben sich nicht geändert: Während Merkel und Seehofer sich weigern, den Ball abzugeben, begnügt sich die SPD mit ihrer Rolle als Auswechsel-Crew auf der Ersatzbank – inklusive Gejammer und Leidensmiene. Die Sozis führen die Sozialdemokratie damit endgültig in eine neoliberale Abseitsfalle, fernab von sozialer Gerechtigkeit und dem, was die Sozialdemokratie so stark gemacht hat. Daran haben auch die Sondierungsgespräche nichts geändert, denn summa summarum konnte die CDU all ihre Vorhaben durchsetzen, die da lauten: Spitzensteuersatz einfrieren, de facto Obergrenze einführen, Bürgerversicherung verhindern und die Erreichung der Klimaziele bis 2020 aufweichen.

Auch kleinere Augenwischereien – wie die Einführung der Grundrente (von der niemand leben kann), der halbseidene Erhalt des Rentenniveaus bis 2025 und die Abschaffung des Soli – vermögen am neoliberalen Kurs nichts zu ändern und sind die sprichwörtlichen Tropfen auf den heißen Stein, die schneller verdampfen werden als Martin Schulz „GroKo“ sagen kann.

Neben allem innenpolitischen Geplänkel benötigte es dringend außenpolitischen Weitblick. Denn in einer Welt, in der die Krisenherde täglich mehr befeuert werden und sich Deutschland alleine schon aufgrund seiner geostrategischen Lage im permanenten Spannungsfeld zwischen einer hegemonialen Weltmacht – namentlich den USA – und einem krisengeschüttelten Nahen Osten befindet, würde ein klares Bekenntnis zur Abrüstung und der damit verbundenen Annäherung an Russland Not tun.  Doch auch davon ist auf den 28 Seiten Sondierungs-Gequassel nichts zu finden.

Man wird den Verdacht nicht los, dass es bei dem, was dem „Volk“ als hart erkämpfte Ergebnisse verkauft wird, um Mechanismen der Machtsicherung geht und nichts weiter. Würde ein Arbeitnehmer so arbeiten, sich so viel Zeit lassen und bei seinem Chef schließlich mit so wenig Inhalt dastehen, flatterte ihm wohl unweigerlich eine Abmahnung ins Haus, während die Herren und Damen der zukünftigen Bundesregierung sich noch immer über satte Diätenerhöhungen freuen dürfen.

Was bleibt also, außer einem enttäuschten Blick in die Zukunft? Die Erkenntnis, dass das parlamentarische System, so wie wir es kennen, versagt hat. Solange sich Eliten mit aller Macht und mit den abenteuerlichsten Farbkombinationen Mehrheiten sichern können, solange wird der Wählerwille weder respektiert, noch ernstgenommen werden. Das wird sich auch in den nächsten vier Jahren nicht ändern – leider.

Foto: spiegel.de