Karnevalistische Zwangsneurose

Auch auf die Gefahr hin als Karnevals-Muffel zu gelten, der ich eigentlich garnicht bin bzw. nicht sein möchte, fällt mir in diesen Tagen des gemeinschaftlichen und alkoholversetzten Papp-Nasen-Frohsinns wieder einmal mehr der ach so stereotyp deutsch anmutende Hang zu einer gewissen gespielten Lockerheit auf, der seinen Grundzügen nach verkrampfter eigentlich nicht sein könnte. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich möchte an dieser Stelle nicht richten über alle Formen der karnevalistischen Subkultur und befinde diese in weiten Teilen sogar als unterhaltsam.

Aber was mich befremdet, sind die vielen stets melancholisch dreinblickenden Gestalten des deutschen Dienstleistungs-Sektors, die gerade an den Faschings-Tagen unweigerlich eine förmliche Zwangs-Symbiose mit der Narrerei eingzugehen scheinen. Von der Bäckerei-Fachverkäuferin bis hin zur Bankangestellten: Aller Orten treten mir da kostümierte Frauen und zuweilen auch Herren entgegen, die unfröhlicher garnicht erst sein könnten. Da frage ich mich natürlich zwangsläufig, ob es in den Arbeitsverträgen dieser Herrschaften eventuell eine Art ’närrischen Paragraphen‘ oder gar eine ‚Verkleidungs-Pflicht‘ für die Faschings-Tage gibt und wenn ja, ob sich da nicht etwas von gewerkschaftlicher Seite machen lässt. Der jetzige Zustand scheint mir jedenfalls sowohl für Angestellte, als auch für deren Kunden kaum tragbar.

Ich möchte Ihnen, um diese Behauptung zu untermauern, gerne ein konkretes Beispiel aufzeigen.

So empfingen mich, als ich gestern eine örtliche Bäckerei aufsuchte, die gleichen mir bekannten obligatorisch mießgelaunten Verkäuferinnen, die, in einem Anflug von gespielter Freundlichkeit, Backwaren an den Mann bzw. an die Frau brachten. Doch diesmal wurde der Szenerie eine Art unfreiwillige Komik verliehen. Denn eben diese service-orientierten Glanzlichter der deutschen Bäckerei-Fachverkäuferinnen-Zunft standen da – wie gewöhnlich völlig entnervt – doch komödiantisch bereichert um ihre Clowns-Kostüme und Papp-Nasen. Kennen Sie den Horror-Film-Klassiker von Steven King, ‚Es‘, in dem das ureigenste Symbol kindlicher Freude, der Clown, eigentlich ein böses Ungeheuer ist?

Nun: An diesem Morgen fühlte ich mich so, als würde ich gleich zwei Ausführungen dieses ‚Dings‘ gegenüber stehen. Überhaupt scheinen viele Bäckerei-Fachverkäuferinnen einen besonderen Hang dazu zu haben, uns, die Kunden, an jenen beruflichen Aspekten teilhaben zu lassen, von denen wir eigentlich nichts bzw. überhaupt nichts wissen wollen. So diskutiert man untereinander lautstark und mit einer allgemein erkennbaren Affinität zu innerbetrieblichen Abläufen über mangelhaft strukturierte Dienstpläne, zu viele Überstunden, fehlende Urlaubszeiten und darüber, das man auf das, was man da tut, prinzipiell keine Lust hat.

Die Kommunikation mit dem Kunden beschränkt sich – ich spreche jetzt mal für jene Bäckereien, die ich regelmäßig aufsuche – auf eine stets abgespeckte Form der themenzentrierten Interaktion. Ein „So!!!“, steht da beispielsweise für die einleitende Phrase ‚Sie sind nun an der Reihe, was kann ich für Sie tun?“, ein „Biddeee!“ deutet an, dass die Verkäuferin gerade den Überblick über die Reihenfolge der Wartenden verloren hat und an selbige appeliert, man möge sich doch untereinander über den weiteren Ablauf einigen. Es ist wirklich schon schlimm genug, dass ich mich in vielen Geschäften das ganze Jahr über damit abfinden muss, als Kunde zu stören.

Doch wenn dann noch ein Clown, eine Hexe oder ein motziges Cowgirl mit 120 Kilo Lebendgewicht hinter der Theke vorlukt – das ist krotesk, oder?

Übrigens: Als ich mich dann auch noch in jener Bäckerei dazu erdreistete, nach einer Serviette zu fragen, konnte ich die lodernden Funken in einem der Clowns-Gesichter quasi blitzen sehen. Die Serviette habe ich dann zwar bekommen, aber fühlte ich mich dabei recht mies – und das hatte ‚Es‘ ja wohl mit seinem diabolischen Blick bezweckt. Man muss ja auch schließlich als Clown nicht immer fröhlich sein…
Stephen Kings Es
Verkörpert einen ganz und gar unsympathischen Clown: Tim Curry als Pennywise in Stephen Kings „Es“(1990)

Überlegungen zur gesellschaftlichen Ungleichheit

Ich glaube, wir brauchen einmal eine neue Begriffdefinition davon, was Reichtum im eigentlichen Sinne des Wortes überhaupt bedeutet. Ich meine, es ist doch so, dass sich unsere Welt in unglaublichen Polaritäten und Gegensätzen repräsentiert. Wie kann es denn sein, dass es in einem Teil dieser Welt das höchste Ziel ist, einen Teller Suppe zu ergattern, während in einem anderen die Sucht nach übertriebenem Pomp und Luxus herrscht? Die Frage ist an dieser Stelle nicht populistisch gemeint, sondern in ihrer ganzen Brutalität formuliert. Es ist doch eine Welt der Ungleichheiten, in der das „Geboren-Sein in“ immer noch über die kollektive Stellung und die gesellschaftliche Daseinsberechtigung entscheidet. Ich meine das nicht fatalistisch. Doch grundlegend scheint für den daraus resultierenden gesellschaftlichen Determinismus des Einzelnen, der Kapitalismus Rechnung zu tragen, indem nämlich die Auswirkungen dieses Systems eine Maschinerie in Gang setzen, die sich vom niedrigen Lohn der Einen und der Profitgier der Anderen schmiert. Das, was das System des Kapitalismuns am erfolgreichsten in den letzten Jahrzehnten praktiziert hat, ist die ständige Ausbreitung seiner selbst unter dem Paradigma des Wachstums und der Gewinnmaximierung. Der Kapitalismus dominiert unsere westliche Sphäre auch, weil er rein strukturell jedem Einzelnen das Trugbild des tendenziellen materiellen Reich-Werden-Könnens vorgaukelt – ganz nach amerikanischem Vorbild.

Der Kapitalismus macht sich dabei das Prinzip der tendenziellen Belohnung zu Nutze. In dem Versprechen der möglichen, allgegenwärtigen Bedürfnisbefriedigung und des materiellen Reichtums werden aber essentielle, kollektive Problemstellungen weniger wahrgenommen, haben keinen Stellenwert. Das System des Kapitalismus kennt keine soziale Komponente und reagiert lediglich non-human auf das sich ständig wandelnde Verhältnis von Angebot und Nachfrage.

Auch die Medien entziehen sich seinen suppressiven Auswüchsen nicht, lenken sie doch einen Großteil ihrer Nachtrichtenströme zunehmend einseitig. Wann haben Sie das letzte Mal eine Meldung über die Not in Afrika im Radio oder in Zeitungen vernommen? In Europa, und in kapitalistisch geprägten Ländern überhaupt, ist die öffentliche Wahrnehmung meist vollends auf den eigenen Deutungshorizont beschränkt. Selbiger wiederum ist geprägt von einer fast schon redikulös wirkendenden Wechselhaftigkeit: Die Wichtigkeit einer Nachrichtenmeldung scheint sich gänzlich an deren Aktualität zu bemessen und der eigentliche Inhalt, die Quintessenz, wird scheinbar zur Nebensache degradiert. Unser Weltbild, die Art des gesellschaftlichen Erlebens, prägt unser Denken und Handeln – das ist längst nicht neu. Und zwar in der Form, dass sich Fragen über gesellschaftliche Ungleichheit für die meisten von uns überhaupt nicht stellen.

Gesellschaftliche Not lindern wir im Einzelnen, wenn überhaupt, nur punktuell. Natürlich geben wir gerne – an Weihnachten oder bei der Kollekte in der Kirche. Aber ist es nicht so, dass wir alle – im Vergleich zu anderen Menschen auf dieser Welt – reich sind und oftmals mehr geben könnten – materiell und sozial gesehen? Haben die Meisten von uns nicht mehr als sie brauchen und ist eben das nicht eine Form von Reichtum? Unsere individuelle und kollektive Gendankenwelt widmet sich jedoch, im Stile infantilen Egozentrismus, ganz und gar sich selbst und scheint en gros kein Bewußtsein von einem empathischen Miteinander zu entwickeln. Wir machen uns täglich Gedanken um das eigene Dasein, die Welt in und um uns und verlieren dabei ein Wesentliches, ein Essentielles, aus den Augen: die Anderen.

Tut es nicht Not einen neuen, einen utopischen Gesellschaftsbegriff zu entwickeln, der humanen Idealen wieder deutlicher Rechnung trägt? Ganz egal, wie man es nennt, sei es Altruismus oder Agape: Es geht doch darum, die Formen der gesellschaftlichen Ungleichheit aufzudecken, um ihre Wurzeln zu entkräften. Das beginnt auch schon im Kleinen. Es geht um eine Form des Widerstandes, um einen Ausdruck der Empörung, die sich vom Einzelnen quasi systemisch fortsetzt und kanalasisiert. Sicher: Wir alle sind Teil des Systems und können uns insofern nicht gänzlich von gewissen sachlichen und existentiellen Zwängen freisprechen. Allerdings können wir zumindest versuchen, der Welt offener einseitig entgegen zu treten, uns weniger um uns selbst zu drehen und bemerken dann vielleicht, wie wirklich barbarisch unsere gegnwärtige gesellschaftlich Hackordnung schon geworden ist.