Kachelmann-Post zu Chrupalla: Wie die neue Mitte verbal entgleist

von Andreas M. Altmeyer

Als Betreiber eines politischen Blogs ist man vieles in Sachen Kommentaren und Bewertungen gewohnt – schließlich soll ja der Blog als diskursives Medium zum Meinungsaustausch beitragen und, im Idealfall, der Perspektiven-Erweiterung dienen. Interessant wird dieses Vorhaben, wenn man in dem diskursiven Rahmen versucht, in die vom etablierten System als dunkle Gefilde stigmatisierten politischen Ecken vorzudringen und auch die Stimmen ihrer Akteure zu hören oder ihnen gar zuzustimmen. Spätestens seit dem Corona-Debakel kann man spüren, welchen Hass die von Tagesschau, Mainstream-Presse und sonstigen medialen Stabilisierungs-Getreuen ge-brainstormten Medien-Rezipienten, die entspannten Fern-Seher, die Bild-am-Morgen-beim-Bäcker-Käufer und natürlich die immer schon linksdrehenden Konservativ-Libertären dann im Blog niederschreiben und in ganzen Kübeln mit Verbal-Dung entladen. Nun: Es sei ihnen gegönnt, denn anders als sie, ist für uns der diskursive Rahmen nicht nur auf der einen Seite belastbar. Bedenklich ist allerdings die Vehemenz, mit der die gerade so plakativ tolerante, warme, regenbogenfarbene und gegenderte Ecke ihre Argumente etablieren möchte. So geschehen jüngst als Reaktion auf eines unserer Statements. Darin geben wir in einem ersten Post via Screenshot den Post von Jörg Kachelmann, dem ehemals vom System stigmatisierten Wetterfrosch, zum Chrupalla-Vorfall wieder, s. unten. In einem zweiten Post wünscht die Redaktion Herrn Chrupalla gute Besserung. Ungeachtet der Geschehnisse in Ingolstadt am vergangenen Freitag, des Tathergangs und der genauen Einzelheiten empfanden und empfinden wir dies als einen stets gängigen, „normalen“ Akt der Menschlichkeit, der zum Standard-Repertoire eines gut erzogenen und moralischen Menschen gehören sollte. Dass dieses Repertoire aber scheinbar bei einer immer größeren Anzahl von Menschen im linksliberalen und „so toleranten“ Kreis unauffindbar ist, bewiesen viele Kommentare.

Aber zunächst noch einmal, zum besseren Verständnis des Gesamtzusammenhangs sozusagen, der Kachelmann-Post auf „X“:

„Korrekt. Die Forderungen nach einer Anteilnahme am Schicksal von Herrn #Chrupalla sind abseitig. Ich bin bereit, Straftraten generell zu verurteilen. Darüber hinaus muss ich aber festhalten, dass das Land ethisch und gesellschaftlich gewonnen hätte, wäre er nicht geboren worden.“

Noch einmal zum Auf-der-Zunge-Zergehen-lassen: Ja, das hat der ehemalige Systemgünstling Kachelmann, der damals schneller in der Gunst des Systems fiel als ein Tief über der Biskaya aufzieht, wirklich geschrieben. Wort für Wort. Man könnte dies nun Sentenz für Sentenz hermeneutisch analysieren. Dass er, Herr Kachelmann, sich schon mit dem ersten Wörtchen „Korrekt.“ zum wertenden „Über-Ich“ aufspielt beispielsweise, ein Verdacht, der im Folgesatz sogar noch an Schärfe gewinnt. So ist er, Herr Kachelmann, man stelle sich vor, generell bereit, Straftaten zu verurteilen. Ach, nein? Wie nett von Ihnen, Herr Kachelmann. Danke, dass Sie uns an Ihrem juristisch anmutenden Fachwissen teilhaben lassen. Danke, großes Orakel aus der Schweiz. Wobei man natürlich erwähnen sollte: Zeit genug, sich in der juristischen Materie einzuarbeiten, hatte Kachelmann ja allemal. Nein, Spaß beiseite, denn mit Spaß hat seine Äußerung nichts zu tun. Vielmehr ist sie ein Paradebeispiel, welche Verbalentgleisungen das politische Establishment bereit ist, zu billigen. Dass es dafür mit Begriffen der sozialen Auslese kokettiert, scheint dessen Akteuren völlig egal zu sein, denn nichts anderes bedeutet der abschließende Satz und die inhaltliche Aussage darin:

„dass das Land ethisch und gesellschaftlich gewonnen hätte, wäre er nicht geboren worden.“

Hätte nun ein Akteur des rechtspopulistischen Lagers eine ebensolche Äußerung getätigt, die Boulevard-Blätter dieses Landes hätten ihre Titelstory für den nächsten Tag in der Tasche gehabt. Doch wir befinden uns ja, wie ich schon schrieb, im linksdrehenden politischen Milieu, im Areal der „neuen bürgerlichen Mitte“, die so von sich selbst geblendet ist, dass sie ihre eigene Überheblichkeit als berechtigt anerkennt und sich selbst zur moralisch überlegenen Instanz verklärt. Genau das zeigt Kachelmanns Verbal-Dünger pars pro toto, die politische Schleimspur eines Kindes, das am Busen des Systems hängt.

Wo sind sie denn hin, die Werte der Frankfurter Schule, die Idee der Adorno’schen Autonomie, wenn man sie mal braucht? Kachelmann scheinen sie jedenfalls egal zu sein. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Abgesehen von Kachelmanns Geltungsdrang, seiner eigenen Überhöhung und damit der tendenziell nazistischen Struktur seines Posts zeigt seine Äußerung, dass die Akteure der neuen Bürgerlichkeit jene Ideale aufgegeben haben, für die sie einst eintraten. Sie können nicht anders, als reflexartig in einer Täterrolle zu schlüpfen und moraline Scheinanklagen auszusprechen. Diese Ansprachen können fern aufgeklärter diskursiver Ideale stehen, denn wir leben in wertenden, kommentierenden Zeiten, die eine echte inhaltliche Auseinandersetzung mit dem gegnerischen Lager gar nicht mehr bedürfen.

Kachelmann ist hier eine Persona von vielen, ein ehemaliger Paria der Gesellschaft, dessen soziale Fallhöhe mit jedem Prozesstag anstieg, auch wenn er letztlich freigesprochen wurde. Denn das linksliberale Konsumsystem verzeiht nie, die Worte der Medien wirkten schon zu tief in den Adern der Rezipienten, und entfalteten längst ihre giftige, trügerische Wirkung, die Kachelmann demontierte, ihn vom Sockel des „Everybody‘s Wetterfrosch Darlings“ stießen. Und diesen Schmerz hat er, ohne küchenpsychologisch zu werden, noch nicht ganz verdaut.

Das Schlimme und Desaströse daran ist aber eigentlich, die Reaktion des sogenannten „linken Milieus“, das dem ehemaligen Paria Kachelmann sofort affirmativ beisprang. Schauen Sie sich bitte einige Kommentare bei den beiden Posts an. Rasch wurde dann, wie bei Corona auch, die Nazi-Keule ausgepackt, was sonst. Eine andere Scheinwaffe haben die mit ihrem Geschlecht und Minderheiten-Rechten beschäftigten neuen Teile der tollen Mitte ja nicht. Sie verweigern aber noch viel mehr als die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner. Sie gleiten, sobald es um diesen geht, in die Sphäre der Inhumanität ab. Das konnte man auch bei den vielen Kommentierenden des Chrupalla-Posts beobachten. Werte für Minderheit X aufbringen, ist in den Augen der linksideologischen Jünger in Ordnung, während sie für einen AfD-Vorstand variabel außer Kraft gesetzt werden können. Hier entlarvt sich die linke Doppelmoral selbst. Eine inhaltliche Auseinandersetzung wird unmöglich, wo die Sphäre der Entmenschlichung und mythischen Verklärung betreten wird. In dieser Sphäre gibt es kein Mitleid, Menschlichkeit nur einseitig. Denn diese Menschlichkeit gilt nur dort, wo das eigene „Ich“ als gönnerhafte Gebermentalität in Stellung gebracht werden, z. B. bei der Migration, oder die eigene Persönlichkeit sich in einer weiteren Pirouette um sich selbst drehen darf, z. B. bei der Gender und LGBTQ-Debatte.

Der politischen Linken fehlt es letztlich daher an echter Menschlichkeit, weil sie Feindbilder absolutiert und Persönlichkeit dekonstruiert. Sie ähnelt damit einem Human-Schredder, der die Gesellschaft nach ihrem Willen formen soll. Undifferenziert. Universalistisch. Konsumistisch.  

Eine immer größer werdende Zahl an Menschen wird sich diesem Entmenschlichungs-Prinzip, das mit einem Regenbogenpulli getarnt daherkommt, bewusst. Die Linke hat den Werten Tradition, Volk als gewachsenes Kollektiv, Heimat und Heimatverständnis, Familie, Mutter-sein und kulturellem Erbe nichts entgegenzusetzen als Beliebigkeit. Diese Beliebigkeit zu eigenen Gunsten auszunutzen und dabei mit aller Radikalität vorzugehen, zeigt der Kachelmann-Post auf eine sehr dumpfe, rohe Weise. Er und die vielen positiven Kommentare entlarven sich selbst als Mittel einer scheinheiligen, unmenschlichen Ideologie, als die neue Hexenjagd, nur, dass statt der Mistgabeln, das unverbindliche und anonyme Kommentar-Feld zum Instrument des kanalisierten Hasses wird.

Kachelmann Post zu Tino Chrupalla
Post von Jörg Kachelmann über Tino Chrupalla auf „X“

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