Wer seit dem Krieg in der Ukraine immer noch regelmäßig die gängigen Talkshow-Formate der öffentlich „schlechten“ Sender einschaltet – ist einerseits grundsätzlich zu bedauern, andererseits wird er/sie/she/her aber auch Zeuge einer kaum zu ertragenden Kriegsrhetorik, die vorzugsweise von gut beleibten Sofa-Parlamentariern kundgetan wird, die mit soldatischen Tugenden so viel gemein haben wie Bismarck mit seinem Hering. Wer sich also, quasi selbstgeißelnd, die Lanzes und Miosgas der Nation und deren Talkshow-Kombattanten noch zu Gemüte führt, hört auch die verbalen Ergüsse dieser Redenschwinger, die –ganz plötzlich und über Nacht – zu echten Rüstungs- und Waffenexperten wurden. Da fordert beispielsweise Anton „ich habe die Harre schön“ Hofreiter den sofortigen Einsatz westlicher Waffen auf russischem Territorium – und lamentiert: „Daher sollten wir die Ukraine nicht daran hindern, mit den gelieferten Waffen russische Kampfjets auch im russischen Luftraum abzuwehren“[1] Ins gleiche Schlachthorn bläst Roderich „tragt den Krieg nach Russland“ Kiesewetter schon lange. Wichtig sei es, so der CDU-Mann, wirtschaftlich „all in“ zu gehen, und die Ukraine mit allem, was sie brauche, zu unterstützen.[2] Schon im März sinnierte der Politiker tiefgründig und auf „höchstem“ Niveau: „Europa braucht die Atombombe“[3] Auch die Mär vom „bösen Russen“ tut der Roderich überall kund. Dafür nimmt der Gute sogar die Selbstdemontage der Energieversorgung Deutschlands mit in Kauf. Beispiel Nord Stream II: „Eine Reaktivierung von Nord Stream sollte am besten im Koalitionsvertrag ausgeschlossen werden, damit sämtlichen Spekulationen und russlandfreundlichen Ambitionen der Wind aus den Segeln genommen wird.“[4] Auch die abgefragte Soze Sigmar Gabriel sieht das so – wenn auch aus für ihn durchaus verständlichen Motiven. Seit Dezember 2024 sitzt der übergewichtige Friedensengel nämlich im Rheinmetall Aufsichtsrat.[5] In der Frankfurter Rundschau sprach sich der alte Frontkämpfer dafür aus, Russland „niederzuringen“[6]. Außerdem wäre für Gabriel – wer hätte es gedacht – ein Bundeswehreinsatz in der Ukraine zumindest während des Waffenstillstands sinnvoll: „Es werden auch nicht UN-Truppen reichen, die den Waffenstillstand kontrollieren, sondern, was die Ukraine will, sind Partner, die in der Ukraine militärisch präsent sind, um damit jedem potenziellen Gegner, in diesem Fall eben Herrn Putin, zu zeigen, wenn du die Ukraine angreifst, dann greifst du uns an.“[7] Soso. Einem Land, das nicht einmal EU- respektive NATO-Mitglied ist, Truppen zur Verfügung zu stellen, hält er also für eine tolle Idee. Gleichzeitig dreht Strack-Zimmermann im ORF noch mehr auf – und ab. Putin, so die sympathische Elfe mit der grauen Kurzhaarfrise, habe hunderte von Millionen Menschen unter die Erde gebracht – eine Desinformation.[8] Außerdem stellt sie in der gleichen Sendung Behauptungen zu durch Russland „verschleppte“ Kinder aus der Ukraine auf und entwirft ein Szenario, bei dem nach dem Schmelzen des Polareises „die ersten russischen Schiffe vor der Küste New Yorks auftauchen“ [9] Zitat Ende.
Wäre es keine „reale“ Sendung, man könnte das alles auch für KI-generierten Mumpitz halten. Doch diesen Irren und vom Geld Getriebenen – Strack Zimmermann ist beispielsweise Mitglied im Präsidium für Wehrtechnik e. V. [10]– wird eine große mediale Bühne geboten. Man könnte, wäre man töricht und ein regelmäßiger ZDF/ARD-Gucker, denken, die, die sich mit Krieg und Tot eine goldene Nase verdienen, würden das Feindbild Russland aus moralischen Gründen befeuern. Doch sie tun dies einzig und allein aus Eigennutz.
Sie nehmen Worte, die den Weltuntergang in den Raum zeichnen, mit einer solchen Lässigkeit in den Mund, dass man sie am liebsten in die vorderste Reihe der Front stellen möchte – aber die Front werden sie oder ihre Kinder nie sehen. Das, von was sie da sprechen, ist für sie weder nah, noch verstehbar. Sie reden wie Generäle, sind aber im wahrsten Sinne Pappkameraden. Am Feinbild-Russland verdienen sie Geld, tanzen um dieses Feindbild herum wie um ein goldenes Kalb, hassen nichts mehr als Friedengespräche, an denen sie nicht beteiligt sind, denn das spiegelt ihnen ihre Unwichtigkeit zurück. Und „wichtig“ – das wären sie doch alle so gerne.
Wir dürfen solchen Feiglingen, solchen vaterlandslosen Gesellen keinerlei Gehör schenken. Dies gilt obendrein auch für das sich konstituierende „Schadenkabinett“ aus SPD und ihrer in realitas „Junior Partnerin“, der Union. Sie handeln weder fürs Volk, noch fürs Vaterland. Sie handeln für sich selbst, klüngeln, lügen und betrügen. Und die Lanzes, Mioskas dieser Erde bieten ihnen dafür eine Bühne. Sie lassen an der Front Soldaten sterben, um abends in ihren warmen Stuben, das Leben bei ihren Lieben zu genießen.
Die Querfront rhetorischer Kriegstreiber reicht von den Kartellparteien bis hinüber zu den Linken. So warb der jüngste Alterspräsident aller Zeiten, Gregor „ich finde die DDR klasse“ Gysi in seiner Antrittsrede darum, jene, die auf Rüstung und Abschreckung setzen, nicht als „Kriegstreiber“ zu bezeichnen.[11] Damit gab der SED-Senior einen der wichtigsten Kernpunkte seine Hauspartei auf und letztlich auch jede oppositionelle Kritik in diese Richtung. Durch das Mittragen der Massenverschuldung im Bundesrat hat sich die Linke ohnehin entlarvt und zum Steigbügelhalter für weitere Kriegskredite gemacht. Da kann die Möchtegern-Revoluzzerin Reichinneck noch so viel von Marx und Mietenpreisbremsen schwadronieren. Realpolitische Ahnung hat sie keine, um zu deuten, was der politische Kurswechsel ihrer Partei in Wahrheit bedeutet. Obendrein ist sie noch zu jung, als dass sie die Zeit des kalten Krieges und des sich nähernden Atom-Weltenbrandes erlebt hätte. Eine Entschuldigung ist die Gnade der späten Geburt jedoch nicht.
Währenddessen applaudieren die medialen Claqueure und das „Hart aber Fair“-Publikum jenen entrückten, wahnwitzigen, irrationalen Polit-Entscheidern, während diese Europa, Deutschland und uns alle näher an den Rand des Unsagbaren steuern. Shahed-Drohnen, Marschflugkörper, Langstreckenraketen, Hyperschallwaffen – all das ist so selbstverständlich im öffentlich-rechtlichen Universum wie der morgendliche Gang zum Bäcker. Wehrtüchtigkeit, der Ausbau der zivilen Schutzräume, Milliarden für Aufrüstung – zumindest die EU scheint gewillt zu sein, die in den 1980er Jahren verpasste Apokalypse nachzuholen – koste es, was es wolle. Wollen wir als deutsches Volk da wirklich mitmachen? Wirklich?
1914 schrieb der Schriftsteller Stefan Zweig während der ersten Kriegstage in sein Tagebuch: „Allmählich wurde es in diesen ersten Kriegswochen von 1914 unmöglich, mit irgendjemandem ein vernünftiges Gespräch zu führen. Die Friedlichsten, die Gutmütigsten waren von dem Blutdunst wie betrunken. Freunde, die ich immer als entschiedene Individualisten und sogar als geistige Anarchisten gekannt, hatten sich über Nacht in fanatische Patrioten verwandelt und aus Patrioten in unersättliche Annexionisten. Jedes Gespräch endete in dummen Phrasen wie: »Wer nicht hassen kann, der kann auch nicht richtig lieben« oder in groben Verdächtigungen. Kameraden, mit denen ich seit Jahren nie einen Streit gehabt, beschuldigten mich ganz grob, ich sei kein Österreicher mehr; ich solle hinübergehen nach Frankreich oder Belgien. Ja, sie deuteten sogar vorsichtig an, daß man Ansichten wie jene, daß dieser Krieg ein Verbrechen sei, eigentlich zur Kenntnis der Behörden bringen sollte, denn ›Defaitisten‹ – das schöne Wort war eben in Frankreich erfunden worden – seien die schwersten Verbrecher am Vaterlande.“[12]
All das kommt uns heute doch bekannt vor, nicht wahr? Wo gehen wir hin, auf welchem Kriegskurs befinden wir uns längst? Was ist der Plan der politischen Eliten? Historiker Sönke Neitzel – Neitzel kommentiere schon mehrfach Erste-Weltkrieg-Dokus und mahnte die damalige Kriegstrunkenheit an – meinte neulich so nebenbei, Russland könnte bald zum Angriff auf die Nato blasen. Woher er das weiß, sagt er nicht. Ich dachte Historiker würden die Dimmer immer retrospektiv bewerten[13]. Stattdessen sind wir längst an der Wort-Front angekommen. Sprache konstituiert Realitäten und Lebenswelten. Diese Lebenswelt wird für kommende Generationen immer martialischer. Ist das der Preis, den wir für die „Friedendividende“ bezahlen müssen. Die Polit-Elite sollte abzurüsten – zuallererst verbal.
[1] Vgl. https://www.tagesschau.de/inland/ukraine-verteidigung-hofreiter-100.html
[2] Florian Naumann: Opfer für die Ukraine? CDU-Experte fordert „reinen Wein“ – „Müssen Wohlstand neu definieren“. In: Frankfurter Rundschau. 14. Juni 2024, abgerufen am 12. Juli 2024.
[3] https://www.zdf.de/nachrichten/video/politik-lanz-kiesewetter-atombomben-100.html
[4] https://www.sueddeutsche.de/politik/cdu-russland-kretschmer-kritik-kiesewetter-hasselmann-li.3228059
[5] https://www.capital.de/wirtschaft-politik/das-unerwartete-comeback-von-sigmar-gabriel-bei-rheinmetall-35289644.html
[6] https://www.capital.de/wirtschaft-politik/das-unerwartete-comeback-von-sigmar-gabriel-bei-rheinmetall-35289644.html
[7] https://www.n-tv.de/politik/Ukraine-Krieg-Gabriel-fuer-Bundeswehr-Einsatz-bei-Waffenstillstand-article25563794.html
[8] https://www.nachdenkseiten.de/?p=130845
[9] vgl. ebenda
[10] https://www.abgeordnetenwatch.de/profile/marie-agnes-strack-zimmermann/nebentaetigkeiten
[11] https://www.deutschlandfunk.de/alterspraesident-gysi-mahnt-zu-gegenseitigem-respekt-100.html
[12] Vgl. https://www.projekt-gutenberg.org/zweig/weltgest/chap010.html
[13] https://www.focus.de/politik/ausland/letzter-sommer-in-frieden-wie-nah-sind-wir-dem-krieg-tatsaechlich_e1ed5a20-632a-4881-a595-289f033f052a.html
