Der ewige Bruderkrieg: Indien, Pakistan und das zerrissene Herz Kaschmirs

Ein Artikel von A. Altmeyer

Mai 2025: Der Frieden liegt wieder in Trümmern

Es war ein sonniger Frühlingstag in Pahalgam – einem idyllischen Ort am Lidder-Fluss, eingebettet in die atemberaubenden Täler Kaschmirs, der bei Touristen wegen seiner landschaftlichen Schönheit beliebt ist. Dann, ohne Vorwarnung, riss eine Explosion die Idylle in Stücke. 26 Menschen starben, unter ihnen Frauen, Kinder, Pilger auf dem Weg zum Amarnath-Schrein. Der Anschlag erschütterte nicht nur die Region, sondern ließ die gesamte Nation in Trauer und Wut erstarren.

Die Reaktion aus Neu-Delhi ließ nicht lange auf sich warten. Die Regierung unter Premierminister Narendra Modi machte pakistanisch unterstützte Extremistengruppen verantwortlich – insbesondere die berüchtigte Jaish-e-Mohammed. Modi nannte den Angriff einen „Akt feiger Barbarei“ und kündigte „entschlossene Maßnahmen“ an. Die „Operation Sindoor“ folgte: Am 6. Mai griffen indische Kampfjets mutmaßliche Terrorcamps im pakistanisch kontrollierten Teil Kaschmirs an.

Pakistan reagierte empört. In Islamabad sprach man von einem „eklatanten Bruch des Völkerrechts“. Truppen wurden an der Grenze in Alarmbereitschaft versetzt, diplomatische Kanäle liefen heiß. Am 10. Mai wurde unter internationalem Druck eine Waffenruhe verkündet. Doch sie war nicht einmal einen Tag alt, als neue Gefechte aufflammten – ein tragisches Symbol für die Zerbrechlichkeit des Friedens.

„Die Raketen sind das Echo eines Konflikts, der nie zu Ende ging – und vielleicht nie enden wird.“ (CNN-Korrespondent)

Die Narben der Teilung: 1947 – Wie alles begann

Die Teilung Britisch-Indiens im Jahr 1947 war kein rein politischer Akt – sie war ein menschliches Desaster biblischen Ausmaßes. Im Namen der Religionszugehörigkeit wurden Millionen entwurzelt. Über 14 Millionen Menschen machten sich auf den Weg – Hindus nach Indien, Muslime nach Pakistan. Ganze Dörfer verschwanden von der Landkarte. Züge voller Leichen rollten über die neuen Grenzen.

In diesem Chaos blieb eine Region zwischen allen Fronten: Jammu und Kaschmir. Der dort herrschende Maharadscha Hari Singh – ein Hindu in einem mehrheitlich muslimischen Gebiet – versuchte zunächst, neutral zu bleiben. Doch die Lage eskalierte schnell: Bewaffnete Stämme aus Pakistan, darunter auch afghanische Söldner, fielen in Kaschmir ein, plünderten Dörfer, vergewaltigten Frauen und verbreiteten Schrecken. Die Bevölkerung floh in Massen.

Hari Singh bat um Hilfe – und Indien schickte Truppen. Der Preis: der formelle Anschluss Kaschmirs an Indien. Es war der Auslöser für den ersten Krieg zwischen den beiden neu gegründeten Staaten. Seitdem ist Kaschmir kein Ort der Ruhe mehr gewesen, sondern ein Synonym für einen schwelenden, unlösbaren Konflikt.

„Wenn es ein Pulverfass auf dieser Welt gibt, dann liegt es in den Tälern von Kaschmir“ (Ahmed Rashid, Autor)

Kaschmir: Zwischen Himmel und Hölle

Wer Kaschmir besucht, sieht zunächst ein Paradies. Zypressen spiegeln sich in den Dal-See, Schilfboote gleiten lautlos dahin. Aber der Schein trügt. Inmitten der landschaftlichen Schönheit herrscht ein permanenter Ausnahmezustand.

Täglich patrouillieren Sicherheitskräfte durch Städte und Dörfer. Immer wieder kommt es zu Ausgangssperren, Hausdurchsuchungen, Schießereien. Die Zahl der zivilen Opfer ist hoch – auf beiden Seiten der sogenannten „Line of Control“. Eltern schicken ihre Kinder mit Angst zur Schule. Jugendliche leben in ständiger Unsicherheit, viele wachsen mit dem Gefühl auf, keine Zukunft zu haben.

Terrorgruppen wie Hizbul Mujahideen, aber auch militante Splittergruppen aus Pakistan, instrumentalisieren dieses Vakuum. Und auch das indische Militär steht immer wieder wegen Menschenrechtsverletzungen in der Kritik. Kaschmir ist eine Region, die nicht atmen kann – eingeklemmt zwischen Großmachtinteressen und ethnischer Zerrissenheit.

„Kaschmir ist mein Gedicht, das niemand zu Ende lesen darf.“ (Agha Shahid Ali, Dichter)

Nukleare Balance: Das Damoklesschwert der Region

Indien und Pakistan gehören zu den wenigen Atommächten der Welt. Beide Länder haben ihre Waffenprogramme in den 1990er-Jahren offen demonstriert – und beide weigern sich bis heute, den Atomwaffensperrvertrag (NPT) zu unterzeichnen. Damit signalisieren sie der Welt: Wir entscheiden über unsere Sicherheit selbst.

Diese nukleare Rüstung wirkt wie ein doppeltes Schwert: Einerseits verhindert sie größere Kriege durch Abschreckung. Andererseits erhöht sie bei jeder Eskalation das Risiko eines nuklearen Konflikts. Militärübungen nahe der Grenze, Raketenstarts, diplomatische Drohungen – sie alle könnten den Flächenbrand auslösen, den keiner mehr kontrollieren kann.

Internationale Vermittlungsversuche von UN, USA oder Russland scheiterten oft an den „roten Linien“ beider Seiten. Kaschmir bleibt das unüberwindbare Hindernis für einen echten Friedensprozess. Die Angst vor einem „versehentlichen Atomkrieg“ ist nicht mehr nur ein Szenario von Sicherheitsexperten – sie ist Teil der politischen Realität.

„Wir haben keinen Frieden. Wir haben einen Waffenstillstand mit Rücktrittsoption.“ (Analyst aus Delhi)

China, USA, Afghanistan – Das geopolitische Schachbrett

Der Kaschmirkonflikt ist längst Teil eines globalen Spiels der Macht.

China verfolgt klare Interessen: Durch den CPEC (China-Pakistan Economic Corridor), der mitten durch das umstrittene Gilgit-Baltistan führt, investiert Peking nicht nur Milliarden – es verankert seinen strategischen Einfluss in Südasien. Der Zugang zum Arabischen Meer über den pakistanischen Hafen Gwadar ist für China von wirtschaftlicher und militärischer Bedeutung. Das macht Indien nervös. Immer wieder kommt es zu Grenzscharmützeln in Ladakh, wo sich chinesische und indische Truppen gegenüberstehen.

Die USA wiederum setzen auf Indien als Gegengewicht zu China. Militärabkommen, gemeinsame Manöver, Rüstungslieferungen – Washington investiert viel in Delhi. Für Pakistan bedeutet das eine wachsende diplomatische Isolation, was es wiederum näher an China bindet.

Afghanistan ist mehr als nur Nebenschauplatz. Schon 1947 nutzte Pakistan afghanische Stammeskrieger, um Unruhe in Kaschmir zu stiften. Heute spielen sich neue Spannungen ab: Die Talibanregierung gibt sich offiziell neutral, doch die Realität ist komplexer. Pakistan hat durch Geheimdienste wie den ISI weiterhin Einfluss in Kabul, während Indien versucht, durch Entwicklungsprojekte, Schulen und Hilfsgüter seine Präsenz zu zeigen. Doch das afghanische Volk leidet – zwischen zwei Machtblöcken, ohne eigene Stimme.

„Wer Afghanistan kontrolliert, beeinflusst die Nervenstränge Asiens.“ (anonymer Diplomat)

Medien, Schulbücher und die Macht der Erziehung

Die Waffe der Worte ist vielleicht mächtiger als jede Bombe. In Indien und Pakistan beginnt der Krieg im Klassenzimmer. In Schulbüchern wird der Nachbar dämonisiert. In Talkshows werden Hassbilder gepflegt. Nationale Identität wird oft in Abgrenzung zum „Feind“ definiert.

Filme, Serien, Nachrichten – sie alle transportieren unterschwellig oder offen ein Bild vom anderen als Bedrohung. Der Konflikt hat sich in die kulturelle DNA eingeprägt. Und so wachsen junge Menschen auf, die nie einen Pakistani oder Inder kennengelernt haben, ihn aber fürchten – und verachten.

„Wir wurden mit Heldenbildern gefüttert und mit Feindbildern großgezogen.“ (Schülerin aus Srinagar)

Was bleibt: Hoffnung auf Menschlichkeit

Trotz aller Gewalt, trotz aller Spaltung gibt es Menschen auf beiden Seiten, die den Frieden wollen. Mütter, die keine Söhne im Krieg verlieren wollen. Jugendliche, die Skypen statt schießen wollen. Händler, die lieber Waren tauschen als Granaten. Es sind ihre Stimmen, die Hoffnung machen.

Vielleicht wird Kaschmir eines Tages nicht mehr Symbol für Hass, sondern für Versöhnung sein. Vielleicht wird eines Tages ein Schulbuch erscheinen, in dem nicht Helden und Feinde stehen – sondern Menschen. Und vielleicht – eines Tages – wird man die Narben der Geschichte nicht mehr mit Bomben überschreiben, sondern mit Geschichten des Neuanfangs.

„Frieden ist nicht das Schweigen der Waffen, sondern das Sprechen der Herzen.“ (Rajmohan Gandhi)

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