Zwischen Herkunft und Zukunft – Die Neue Rechte und der Aufstand des Sinns

Ein Essay über Identität, Volk und geistige Selbstbehauptung

Der aufrechte Schatten

„Das große Zeitalter beginnt mit dem Mut zum Pathos.“
— Götz Kubitschek

Es gärt in Europa. Unter der Oberfläche des liberalen Konsenses, zwischen den grellen Farben der Regenbogenkoalitionen und den monotonen Parolen der Gleichheit, zieht sich ein Riss durch die Seelen – kaum sichtbar für jene, die nichts mehr spüren. Ein Riss, der das Wohlstandsversprechen der westlichen Moderne infrage stellt, der Identität über Sicherheit, Gemeinschaft über Toleranz, und Herkunft über Konsum stellt.

In diesem Riss wächst eine Bewegung: die Neue Rechte. Was als intellektuelles Flackern begann, ist längst zu einer vielgestaltigen Revolte geworden: kulturpolitisch, geistig, metapolitisch. In einem Europa, das seine Kathedralen zu Museen macht, seine Grenzen zum Menschenrecht erklärt und seine Völker zur austauschbaren Verfügungsmasse globaler Märkte degradiert, erhebt sich der Wille zum Eigenen. Und dieser Wille hat Namen. Begriffe. Stimmen. Denkfiguren. Er ist jung und alt, modern und tief verwurzelt. Er nennt sich „Neue Rechte“ – nicht, weil er alt wäre, sondern weil das Alte zu sterben begonnen hat.

1. Was ist die Neue Rechte?

„Konservativ ist nicht, wer bewahrt, sondern wer versteht, was zu bewahren sich lohnt.“
— Thor von Waldstein

Die Neue Rechte ist keine Neuauflage der alten Reaktion. Sie ist kein Faschismus mit Smartphone, kein braunes Revival im akademischen Gewand. Sie ist das, was der linke Philosoph Slavoj Žižek einst als das „radikal Konservative“ bezeichnete: die Einsicht, dass nur der Bruch mit der fortschreitenden Entwurzelung unsere Zivilisation retten kann.

Sie schöpft aus der Konservativen Revolution (Jünger, Schmitt, Spengler), der französischen Nouvelle Droite (de Benoist, Faye), und aus den Strategien der Identitären Bewegung (Sellner, Stein). Ihr Ziel ist nicht bloße Parteiarbeit, sondern Metapolitik – der lange Kampf um Begriffe, Bilder und Bedeutungen.

Die Neue Rechte denkt nicht in Legislaturperioden. Sie denkt in Jahrhunderten. Nicht auf der Suche nach Kompromiss, sondern nach Kontur.
Die Konservative Revolution und Finis Germania

„Der Konservatismus von heute ist die radikale Idee, dass wir bleiben dürfen.“
— Benedikt Kaiser

Die Neue Rechte ist keine Bewegung aus dem luftleeren Raum. Sie hat geistige Väter, Schattenlehrer, Brückenbauer zwischen Weltkriegsruinen und heutiger Orientierungslosigkeit. Unter dem Schutt der Geschichte finden sich Namen und Ideen, die nicht tot sind – sondern verschüttet.

Die Konservative Revolution: Zwischen Titanen und Tragik

In der Weimarer Republik erhob sich ein intellektuelles Milieu, das von der heutigen Linken nie verstanden und von der heutigen Rechten oft nur verkürzt zitiert wird: die Konservative Revolution. Ihre Vertreter – Ernst Jünger, Carl Schmitt, Oswald Spengler, Arthur Moeller van den Bruck – formulierten eine Kritik an Demokratie, Liberalismus und bürgerlicher Selbstzufriedenheit, die ihrer Zeit voraus war und zugleich ihrer Zeit verfiel.

Spenglers Untergang des Abendlandes war nicht nur Kulturkritik, sondern Apokalypse mit Stil. Für ihn war der Westen nicht bedroht – er war bereits innerlich verfallen: „Das Licht geht nicht aus mit einem Knall, sondern in einem Flimmern aus Gold und Staub.“

Carl Schmitt lieferte die schärfste Definition des Politischen: die Unterscheidung von Freund und Feind – nicht aus Hass, sondern aus Klarheit.
Ernst Jünger schrieb als Soldat, als Poet, als Philosoph – seine Rede vom „Stahlgewitter“ war kein Hurra, sondern ein Gleichnis für eine neue anthropologische Härte, die im Nachkriegshumanismus verloren ging.

Die Neue Rechte liest diese Männer nicht als Ideologen, sondern als Suchende. Sie nimmt ihnen nicht jedes Bild ab – aber sie erkennt ihren Ernst, ihre Tiefe, ihre Unbeirrbarkeit. Sie sieht in ihnen eine verlorene europäische Möglichkeit: ein geistiger Aufbruch jenseits von 1789 und 1945.

Der Begriff der „Revolution“ ist hier kein Widerspruch zum „Konservativen“. Er zeigt: Was es zu bewahren gilt, muss zuerst neu gedacht werden.

Finis Germania: Das vermisste Testament

Und dann war da – 2017 – plötzlich ein Buch, das wie aus dem Grab der bürgerlichen Mitte stieg: Finis Germania von Rolf Peter Sieferle. Kein Parteibuch, kein Kampfschriftler, sondern ein brillanter Intellektueller – Historiker, Humanist, Einsiedler. Und doch schrieb er Zeilen, die den moralischen Putz der Republik absprengten:

„Deutschland schafft sich nicht ab – es verachtet sich ab.“

Sieferle benennt den historischen Schuldkomplex, den moralischen Overkill, den selbstzerstörerischen Altruismus eines Landes, das sich aus Angst vor sich selbst auflöst. Er erkennt in der Vergangenheitsbewältigung keine Heilung, sondern eine ideologische Ersatzreligion, die auf Dauer keine Stabilität mehr trägt.

Für die Neue Rechte wurde Finis Germania zu einem Dokument der leisen Revolte. Es war kein Aufruf – sondern ein Abgesang. Kein Manifest – sondern ein Nachruf. Und doch hat dieses Buch mehr Menschen geweckt als mancher Marktplatzprotest. Warum? Weil es ehrlich war. Weil es in einer Zeit des Phrasengewitters schwieg – und dabei donnerte.

Sieferles letzte Worte, sein Suizid, seine Auslöschung aus den Feuilletons – all das ist Teil des Mythos. Ein Intellektueller stirbt an der Erkenntnis, dass seine Zivilisation sich selbst verleugnet. Das ist keine Pose. Das ist Tragödie – und Wahrheit.

Die Neue Rechte nimmt Finis Germania nicht als Evangelium, sondern als Echo. Es hallt in ihren Texten nach, in ihren Gesprächen, in ihren Blicken. Es erinnert: Wer keine Geschichte mehr hat, hat auch keine Zukunft.

2. Volk – Eine Frage der Würde

„Ein Volk ist nicht die Summe der Bürger, sondern eine seelische Form.“
— Martin Lichtmesz

Für die Neue Rechte ist das Volk keine bloße Verwaltungseinheit, sondern ein geistig-kulturelles Subjekt. Es ist Erinnerung und Erwartung, Lied und Landschaft, Sprache und Ritus – ein gewachsenes Ganzes.

Martin Heidegger sah im Volk die „geschichtliche Sendung des Daseins“. Es ist die Form, in der der Mensch seiner geschichtlichen Wahrheit begegnet. Wer das Volk aufgibt, kappt die Brücke zur Herkunft – und verliert die Zukunft.

Björn Höcke sprach es deutlich aus: „Ein Volk ist eine biologisch-kulturelle Einheit mit einem natürlichen Lebensrecht.“ Was bei liberalen Eliten Empörung auslöst, ist für die Neue Rechte ein moralischer Imperativ: Wir haben nicht nur ein Recht auf Leben – wir haben ein Recht auf unser Eigenes.

3. Identität als Widerstand

„Die Frage der Identität ist die Schlüsselfrage des 21. Jahrhunderts.“
— Martin Sellner

Wer bin ich? Die liberale Moderne bietet darauf keine tragende Antwort mehr. Sie liefert Optionen statt Orientierung, Konsum statt Kultur. Für die Neue Rechte ist Identität kein Lifestyle, sondern Daseinsgrund.

Martin Sellner schreibt: „Wir sind nicht gegen die Anderen – wir sind für uns.“ Identität sei „nicht Ausgrenzung, sondern Zugehörigkeit“. Diese Umwertung ist revolutionär: Sie macht das Bekenntnis zum Eigenen wieder positiv – nicht als Machtanspruch, sondern als Selbstachtung.

Ohne Identität ist alles nichts. Wer nicht weiß, wer er ist, kann auch nichts verteidigen. Deshalb ist Identität für die Neue Rechte Widerstand gegen Austauschbarkeit, gegen Globalismus, gegen Dekonstruktion.

4. Heimat als Ort der Rückkehr

„Heimat ist der Raum, in dem der Mensch das Nicht-Zufällige seiner Existenz erfährt.“
— Martin Heidegger

Heimat ist nicht der Ort, an dem man geboren wird. Es ist der Ort, der Antwort auf das eigene Dasein gibt. Der Ort, an dem der Mensch sich nicht erklären muss – weil alles spricht, was er ist.

In einer Welt, die ständig unterwegs ist, wird Heimat zur Ankerstelle der Seele. Für Björn Höcke ist Heimat „mehr als Geografie – sie ist geistige Ordnung“. Und für die Neue Rechte ist Heimat kein Rückzug, sondern die Basis von allem Politischen.

Denn: Nur wer sich heimisch weiß, kann wirklich frei sein.

5. Ethnopluralismus statt Globalismus

„Vielfalt ohne Trennung ist Chaos.“
— Alain de Benoist

Die Neue Rechte lehnt Rassismus ebenso ab wie Multikulturalismus. Sie vertritt den Gedanken des Ethnopluralismus: Jede Kultur, jedes Volk hat das Recht auf Eigenheit, Schutz und Dauerhaftigkeit. Nicht Vermischung, sondern Koexistenz ist das Ziel. Nicht Gleichmacherei, sondern Differenz.

Was die Linke als „großen Austausch“ diffamiert sieht, ist für uns Realität. Wenn in deutschen Klassenzimmern kein deutsches Wort mehr fällt, wenn christliche Feiertage „Winterpause“ heißen, wenn Herkunft entwertet wird – dann ist es Zeit, den globalistischen Imperativ zu brechen.

Ethnopluralismus ist kein Hass – er ist die radikale Anerkennung des Anderen, in seiner Fremdheit und Würde. Und zugleich: die Rückkehr zum Eigenen.

6. Metapolitik – Die leise Revolution

„Wer die Begriffe beherrscht, beherrscht die Wirklichkeit.“
— Thor von Waldstein

Die Neue Rechte weiß: Wahlergebnisse ändern nichts, solange der kulturelle Boden liberal bleibt. Deshalb betreibt sie Metapolitik – die Veränderung der Kultur, aus der Politik erwächst. Bücher, Zeitschriften, YouTube-Formate, Denkfabriken – das sind ihre Waffen.

Götz Kubitschek spricht vom „Ernstfall“: „Es gibt einen Punkt, an dem Denken zur Pflicht wird. Und Sprechen zur Tat.“ Metapolitik heißt: das Normale infrage stellen, das Unsagbare sagbar machen, Begriffe wie Volk, Heimat, Ehre wieder positiv aufladen.

7. Schuldkomplex und Ethnomasochismus

„Die Deutschen sind ein zutiefst beschädigtes Volk.“
— Björn Höcke

Der Schuldkomplex ist das ideologische Rückgrat der postnationalen BRD. Aus der historischen Schuld wurde ein kollektives Schuldkonto – das nie getilgt werden darf. Die Neue Rechte erkennt darin kein Bußritual, sondern einen politischen Mythos zur Disziplinierung.

Martin Lichtmesz nennt das „Ethnomasochismus“: die krankhafte Lust am eigenen Untergang. Nur ein Volk, das sich selbst verachtet, lässt seine Grenzen auflösen, seine Feiertage schleifen, seine Helden verdammen.

Wir sagen: Schluss damit. Schuld ist kein Erbe. Wahrheit ist keine Last. Geschichte ist nicht verhandelbar.

8. Europa der Vaterländer

„Europa wird entweder ein Europa der Vaterländer – oder es wird nicht mehr Europa sein.“
— Charles de Gaulle

Die Neue Rechte ist nicht antieuropäisch – sie ist anti-europäistisch. Sie lehnt den EU-Globalismus ab, nicht die europäische Idee. Ihre Vision: ein Europa der Vaterländer, ein freier Bund souveräner Völker, verbunden durch Geschichte, Kultur und Geist.

In diesem Europa lebt jede Nation in ihrer Eigenart, nicht als Verwaltungseinheit. Es ist kein Superstaat – sondern ein Mosaik. Kein Zentralismus – sondern organische Ordnung.

Ausblick: Der neue Ernst

„Wir sind nicht die letzten Europäer – wir sind die ersten eines neuen Europas.“
— Benedikt Kaiser

Die Neue Rechte ist kein Rückfall in dunkle Zeiten. Sie ist eine Erneuerung aus Tiefe, aus Verletzung, aus Klarheit. Ihre Kraft liegt nicht in der Wut – sondern im Wissen. Im Wissen um das, was war. Und um das, was sein könnte, wenn wir uns nicht wehren.

Denn was ist das für ein Deutschland, das uns heute als alternativlos präsentiert wird? Ein Land, das seine Grenzen nicht schützt, aber seine Kinder umerzieht. Das Weihnachtsmärkte „Winterfeste“ nennt, aber Regenbogenflaggen auf Rathäuser hisst. Ein Land, in dem Identität nicht gefeiert, sondern dekonstruiert wird – auf jedem Bildschirm, in jedem Schulbuch, in jeder Werbung.

LGBTQ als Ideologie ist nicht nur eine Forderung nach Toleranz. Es ist eine neue Moralordnung, die Unterschied in Beliebigkeit, Geschlecht in Gefühl und Familie in Lifestyle verwandelt. Wer sich nicht beugt, wer an Vater, Mutter, Kind glaubt – der wird moralisch markiert. Was früher biologisch war, soll heute performativ sein – alles darf sein, nur nichts Eigenes.

Und wenn der Bundespräsident – Frank-Walter Steinmeier – sagt: „Wir leben im besten Deutschland, das es je gegeben hat“, dann antworten wir:
Nicht für alle.
Nicht für jene, die ihre Heimat lieben, ohne sich zu schämen.
Nicht für jene, die glauben, dass Völker nicht zufällig sind.
Nicht für jene, die verstehen, dass Freiheit ohne Form zur Farce wird.

Dieses Deutschland, in dem man seine Herkunft verstecken muss, während der Staat neue „Identitäten“ importiert, in dem Millionen Zuwanderer mit Sozialpolitik begrüßt und Kritiker mit Repressionen belegt werden – das ist nicht das beste Deutschland. Es ist ein gefährlich gelangweiltes Deutschland, das seine eigene Geschichte vergessen hat – und dafür teuer zahlen wird.

Wir stehen auf – nicht aus Nostalgie, sondern aus Not.
Wir sind nicht rückwärtsgewandt – wir sind tiefer verwurzelt.
Wir kämpfen nicht gegen Menschen – sondern für Begriffe:
Volk. Heimat. Identität. Dauer.

Denn was lebt, stirbt nicht.

Quellenverzeichnis

de Benoist, Alain:
Kritik der Menschenrechte. Warum der Universalismus eine Ideologie ist. Jungeuropa Verlag, Dresden 2019.

Heidegger, Martin:
Einführung in die Metaphysik. Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt am Main 1953.
Unterwegs zur Sprache. Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt am Main 1959.

Höcke, Björn:
Nie zweimal in denselben Fluss: Björn Höcke im Gespräch mit Sebastian Hennig. Manuscriptum Verlag, Berlin 2018.

Jünger, Ernst:
In Stahlgewittern. Klett-Cotta, Stuttgart 2013 (Erstausgabe 1920).

Kaiser, Benedikt:
Revolution und Tradition: Eine Streitschrift. Jungeuropa Verlag, Dresden 2019.

Kubitschek, Götz:
Provokation – Zwischen Aufbruch und Abwehr. Antaios Verlag, Steigra 2014.
Die zweite Wende. Antaios Verlag, Steigra 2022.

Lichtmesz, Martin:
Die Verteidigung des Eigenen. Antaios Verlag, Steigra 2017.

Schmitt, Carl:
Der Begriff des Politischen. Duncker & Humblot, Berlin 1932.

Sellner, Martin:
Identitär – Geschichte eines Aufbruchs. Jungeuropa Verlag, Dresden 2017.

Sieferle, Rolf Peter:
Finis Germania. Manuscriptum Verlag, Berlin 2017.

Spengler, Oswald:
Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. C.H. Beck, München 1923.

von Waldstein, Thor:
Staat, Souveränität, Strategie. Beiträge zur konservativen Revolution. Edition Junge Freiheit, Berlin 2018.

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