Es fällt mir nicht leicht, das zu sagen. Wirklich nicht. Zu oft habe ich mich dagegen gewehrt, in den typischen Kanon der Älteren einzustimmen: „Früher war alles besser“, „Die Jugend von heute…“ – das klang immer nach verbitterten Rückzugsgefechten gegen den Lauf der Zeit. Doch mittlerweile beobachte ich Entwicklungen, die mir keine andere Wahl lassen, als laut zu werden. Nicht aus Ressentiment, sondern aus Sorge. Aus Verantwortung.
Denn was ich sehe, ist eine Generation, die zunehmend in Watte gepackt wird. Ein Heer junger Menschen, denen man – aus falsch verstandener Fürsorge – jede Hürde aus dem Weg räumt, bevor sie überhaupt gelernt haben, zu springen. Der Anspruch vieler Eltern scheint sich darauf zu reduzieren, dass es den Kindern „gut gehen“ soll. Doch was bedeutet das? Meist: materieller Komfort, ständige Verfügbarkeit, emotionaler Seelenbalsam ohne jede Reibung.
Wir reden von „Stärke“, „Resilienz“, „Selbstverwirklichung“ – aber wir entziehen der Jugend genau jene Situationen, an denen man wächst. Ein Kind, das nie stürzt, lernt nicht laufen. Und ein Jugendlicher, dem man jede Entscheidung abnimmt, wird kein freier Erwachsener.
„Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein Seil über einem Abgrunde,“ schrieb Nietzsche. Doch heute machen wir aus diesem Seil ein Trampolin. Hauptsache, niemand fällt.
Diese Entwicklung hat auch eine zeitliche Komponente. Die heutige Generation von Eltern – also etwa die zwischen 1975 und 1990 Geborenen – ist oft selbst in einem Klima materieller Behütetheit aufgewachsen. Sie kennt Verzicht kaum noch aus eigener Erfahrung. Der wirtschaftliche Aufschwung, das soziale Netz, die Verbreitung des Wohlstands: All das hat dazu geführt, dass der Verzicht, der Mangel, das Unbequeme aus dem Alltag verschwunden sind. Und mit ihm das Verständnis dafür, dass Reibung zum Leben dazugehört.
Richard David Precht hat diese Entwicklung mehrfach kritisiert. In einer Gesellschaft, in der Eltern ihre Kinder als Projekt begreifen, in der Glück mit Sicherheit verwechselt wird, wird der Mensch zur Funktion: optimiert, geschützt, überwacht – aber nicht erzogen zur Freiheit. Precht schreibt: „Was wir unseren Kindern heute antun, ist die Illusion, dass Glück planbar ist.“ Damit wird die Unfähigkeit zum Scheitern zur Tragödie.
Die Folge? Der Übergang ins Arbeitsleben wird für viele zum Schock. Zum ersten Mal müssen sie Leistung bringen, sich Kritik anhören, durchhalten. Und sie brechen. Arbeitgeber klagen über mangelnde Belastbarkeit. Azubis hören nach wenigen Wochen auf, weil es mal unbequem wird. Die Fähigkeit, Druck auszuhalten, wird zur Ausnahme.
Diese Unfähigkeit zur Selbstständigkeit wirkt sich auch auf den Arbeitsmarkt aus. Der Fachkräftemangel ist nicht nur ein demografisches Problem. Er ist ein Mentalitätsproblem. Statt solide Berufe zu erlernen, flüchten sich viele in vermeintlich prestigeträchtige Studiengänge. Hauptsache, man studiert. Ob das Ergebnis dann ein Abschluss in transkultureller Ästhetik oder Postcolonial Gender Studies ist, scheint zweitrangig.
Damit verbunden ist das Phänomen der Scheinbildung. In vielen akademischen Milieus wird Wissen nicht mehr um seiner selbst willen erworben, sondern als soziale Währung. Bildung wird zur Pose. Begriffe wie „Diskurs“, „Dekonstruktion“ oder „intersektional“ zirkulieren inflationär, ohne wirklich verstanden oder kritisch durchdrungen zu werden. Statt auf Substanz setzt man auf Symbolik. Statt Erkenntnis dominiert das Zurschaustellen moralischer Überlegenheit.
Besonders sichtbar wird das im sogenannten akademischen Prekariat – einem Milieu von Menschen, die von befristeten Verträgen, Drittmittelprojekten, Lehraufträgen und NGO-Jobs abhängig sind. Ihre ökonomische Unsicherheit übersetzen viele in eine überzogene Moral, in politische Linientreue, in Aktivismus, der häufig mehr mit Selbsterhaltung als mit Wahrheitssuche zu tun hat. Wer bezahlt, bestimmt mit, was gedacht und gesagt werden darf. Das gilt nicht nur für Universitäten, sondern zunehmend auch für Medien, Kulturinstitutionen und selbst den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Ortega y Gasset sprach vom „Aufstand der Massen“, vom Verlust der kulturellen Elite durch eine Gesellschaft, in der jeder glaubt, alles zu können, nur weil er existiert. Heute erleben wir eine neue Form dieser Hybris: eine Generation, die Anspruch erhebt, aber keine Verantwortung übernimmt. Die nicht mehr weiß, wie man eine Glühbirne wechselt, aber sich in gesellschaftlichen Narrativen verliert, ohne je das reale Leben berührt zu haben.
Doch es ist nicht nur das Zuwenig an Reibung, das mir Sorgen macht – sondern auch das Zuviel an Gleichförmigkeit. Früher war es ein Reichtum der Jugend, dass sie in Subkulturen aufblühte. Da war Individualität kein Lippenbekenntnis, sondern Haltung. Heute begegnet man in den Innenstädten einer Armee aus urbanem Einerlei: Sneaker, Hoodie, Crossbody-Bag. Die Uniform ist allgegenwärtig.
Die vermeintliche Freiheit schlägt in Einheitsbrei um. Und das betrifft nicht nur Äußerlichkeiten. Auch das Denken, das Fühlen, das Weltbild unterliegt der Normierung. Wer heute auffällt, provoziert – oder schweigt. An Schulen und Universitäten finden Diskussionen nur noch innerhalb ideologischer Leitplanken statt. Wer zu sehr aus der Reihe tanzt, wird etikettiert, gecancelt oder ausgegrenzt.
Diese Gleichmacherei endet nicht an der Kleidung. Sie durchzieht das gesamte Bildungssystem, in dem Schüler und Studierende zunehmend in eine ideologische Richtung ausgesteuert werden. Themen wie LGBTQ, Klimagerechtigkeit oder „Handeln in Verantwortung“ sind wichtig – zweifellos. Doch sie werden oft instrumentalisiert, nicht zur Aufklärung, sondern zur Steuerung. Wer sich nicht konform äußert, gerät ins gesellschaftliche Abseits. Es ist eine subtile Form von Umerziehung, die nicht durch Zwang, sondern durch moralischen Druck geschieht. Ein Kulturkampf, der mit Begriffen wie Toleranz und Vielfalt geführt wird, in Wahrheit aber auf mentale Homogenität zielt.
Ein besonders drastisches Beispiel für diesen ideologischen Irrweg ist die sogenannte „Letzte Generation“. Sie beansprucht für sich, moralisch überlegen zu handeln – durch Straßenblockaden, Sabotage und öffentliche Störaktionen –, doch tatsächlich bewegt sie sich in einem geistigen Korsett aus Weltuntergangsrhetorik und missionarischem Eifer. Ihre Aktionen wirken nicht aufklärerisch, sondern spaltend. Sie sind nicht Ausdruck politischer Reife, sondern Ausdruck eines Aktivismus, der sich von Argument und Dialog längst verabschiedet hat. Tragisch ist dabei, dass diese Gruppe nicht im luftleeren Raum agiert, sondern politisch geduldet, ja bisweilen sogar instrumentalisiert wird. Sie wird zur Projektionsfläche für eine Politik, die selbst keine Lösungen hat, aber umso lieber mit moralischen Symbolen operiert, in dem Schüler und Studierende zunehmend in eine ideologische Richtung ausgesteuert werden. Themen wie LGBTQ, Klimagerechtigkeit oder „Handeln in Verantwortung“ sind wichtig – zweifellos. Doch sie werden oft instrumentalisiert, nicht zur Aufklärung, sondern zur Steuerung. Wer sich nicht konform äußert, gerät ins gesellschaftliche Abseits. Es ist eine subtile Form von Umerziehung, die nicht durch Zwang, sondern durch moralischen Druck geschieht. Ein Kulturkampf, der mit Begriffen wie Toleranz und Vielfalt geführt wird, in Wahrheit aber auf mentale Homogenität zielt.
Das Tragische: Viele Jugendliche verhalten sich in diesem ideologischen Spiel erstaunlich unpolitisch. Sie nehmen Narrative an, wiederholen Schlagwörter, aber hinterfragen kaum. Diese Haltung geht häufig mit einem Rückzug ins Private einher – mit einem hedonistischen Kreisen um das eigene Ich, um Selfcare, Selbsterfahrung, Selbstinszenierung. Das große Ganze – die Gesellschaft, das Politische, gar die Weltlage – wird ausgeblendet. Dabei leben wir in einer der fragilsten Zeiten seit Jahrzehnten: Die Weltordnung wankt, Kriege kehren zurück nach Europa, ein Atomkonflikt ist längst kein undenkbares Szenario mehr. Und dennoch: Wo früher Hofgarten-Demonstrationen, Sit-ins und gesellschaftskritische Bewegungen waren, herrscht heute oft Desinteresse oder digitale Ersatzhandlung. Der politische Ernst unserer Zeit scheint an vielen vorbeizugehen – aus Überforderung, aus Ablenkung, oder weil das Private längst zum politischen Rückzugsort geworden ist. Sie sind oft mehr Symptom als Subjekt der Umwälzung – Mitläufer eines Kulturkampfes, der ihnen vorgaukelt, Befreiung zu sein, in Wirklichkeit aber neue Abhängigkeiten schafft.
Hinzu kommt ein wachsendes Missverständnis in der Arbeitswelt. Die Forderung nach Work-Life-Balance, nach der 4-Tage-Woche, nach mehr Freizeit ist grundsätzlich legitim. Aber in vielen Fällen wird sie zur Flucht vor Verantwortung. Und Unternehmen nutzen diesen Trend längst – nicht, um Menschen glücklicher zu machen, sondern um Personal wegzurationalisieren. Was nach Wohlstand klingt, ist oft bloß der Übergang in eine neue Form der Leistungsreduktion – oder sogar das schleichende Ende qualifizierter Arbeit.
Ein weiteres Symptom dieser mentalen Wohlstandsgesellschaft ist der inflationäre Begriff des „Nebenjobs“. Was früher ein notwendiges Mittel war, um sich das Studium, die Miete oder das Leben leisten zu können, ist heute oft nur noch ein Wohlstandsbooster. Viele junge Menschen arbeiten nicht, weil sie müssen – sondern weil sie sich damit ein noch bequemeres Leben leisten wollen. Die finanzielle Rückendeckung durch das Elternhaus ist dabei so stark, dass existenzielle Not selten eine Rolle spielt. Der Nebenjob wird zur Freizeitgestaltung mit Lohn – zur Nebentätigkeit, um Markenklamotten, Festivalbesuche, Food-Delivery und den nächsten Trip nach Lissabon zu finanzieren. Das mag harmlos erscheinen, offenbart aber eine tiefere Schieflage: Wer nie lernt, aus echter Notwendigkeit zu handeln, wird auch später Mühe haben, Verantwortung zu übernehmen. Die Arbeitswelt wird dann zur Zumutung, nicht zur Chance.
Parallel dazu schreitet die Digitalisierung voran – unaufhaltsam, fundamental. Doch weder die Jugendlichen noch ihre Eltern, noch das Bildungssystem scheinen die Tragweite dieser Veränderung wirklich zu begreifen. Digitalisierung ist kein technisches Add-on. Sie ist ein Strukturwandel der gesamten Gesellschaft. Und wer heute nicht vorbereitet wird auf den Umgang mit KI, Datenkompetenz, Medienkritik und digitaler Selbstbestimmung, der wird morgen nicht mehr teilhaben können. Auch hier: viel Gerede, wenig Substanz.
In diesem Zusammenhang habe ich mir vor kurzem einige Dokumentationen von Elisabeth T. Spira angesehen – Werke, die größtenteils aus den 1990er- und frühen 2000er-Jahren stammen. Diese Filme sind mehr als nur Zeitdokumente: Sie sind Spiegel menschlicher Tiefe. Was mir dort besonders auffiel, war der Facettenreichtum der porträtierten Menschen – ein Reichtum an Lebensentwürfen, Meinungen, Eigenheiten und Biografien, der in scharfem Kontrast zu dem steht, was viele junge Menschen heute als Normalität erleben. Diese Menschen wirkten nicht perfekt, nicht medial geschult, nicht inszeniert – sondern einfach echt. Die Vielfalt echter Persönlichkeiten ist berührend – gerade weil sie so selten geworden ist. Es wäre zu wünschen, dass mehr junge Menschen solche Dokumentationen sehen und erkennen, wie viel mehr möglich ist, als das, was ihnen der Mainstream vorlebt.
Peter Sloterdijk sprach von „Trainingslagern für Zynismus in Komfortzonen“. Und tatsächlich: Die Bildungsinstitutionen, die einst zur Mündigkeit führen sollten, produzieren heute oft Output-Massen, die gelernt haben, zu funktionieren, nicht zu denken. Es ist keine Bildung mehr, es ist Formatierung. Precht nennt das „ein Bildungssystem, das Menschen anpasst, aber nicht entfaltet“.
Und genau deshalb ist es kein Wunder, dass sich viele junge Menschen Parteien zuwenden, die auf Gleichheit ohne Freiheit setzen. Die Linke verspricht eine Welt ohne Unterschiede – doch meint in Wahrheit eine Welt ohne Ecken und Kanten. Eine Welt, in der jeder gleich sein muss. Nicht nur im Haben, sondern auch im Denken.
„Wer mit der Herde geht, kann nur den Ärschen folgen“, sagte Heinz Erhardt einmal. Dahinter steckt bitterer Ernst. Was wir brauchen, ist das Gegenteil: Charaktere. Kontraste. Menschen mit innerer Standfestigkeit und Rückgrat.
Wir brauchen eine Jugend, die wieder stolpert, weil man ihr den Raum dazu lässt. Die scheitert, weil sie etwas wagt. Die arbeitet, nicht weil sie muss, sondern weil sie etwas schaffen will. Die denkt, nicht weil man es ihr gesagt hat, sondern weil sie gelernt hat, zu hinterfragen.
Und vielleicht ist das die wichtigste Lektion unserer Zeit: Nicht jede Fürsorge ist Liebe. Manchmal ist Loslassen die größte Form davon.
