Rittergut Schnellroda. Kein Ort wie jeder andere. Hier wird gedacht, gedruckt, gestritten – lange bevor die Neue Rechte zur Projektionsfläche wurde, war sie hier Idee, Haltung, Leben. Ellen Kositza sitzt am Tisch, vor ihr Wasser, Block, Stift. Ihr gegenüber: Maximilian Krah. Zwischen ihnen kein Begrüßungsritual, keine inszenierte Geste. Er ist einfach da – ruhig, regungslos, vollständig präsent.
Götz Kubitschek sitzt seitlich, flankierend. Nicht als Moderator, nicht als Vermittler – sondern als Verleger. Als jemand, der Raum gibt, aber nicht erklärt. Der beobachtet, nicht kommentiert. Und doch steht er mit im Raum, ganz und gar – denn mit Krah verbindet ihn mehr als nur ein Buchvertrag. Es ist ein Versuch. Vielleicht ein Risiko.
Krah, der Politiker, der unter Beschuss steht. Kubitschek, der Verleger, der entscheidet, wem er Plattform gibt – und warum. Zwischen beiden: keine Kameraderie, keine demonstrative Nähe. Was sie eint, ist nicht Gefühl, sondern Ernst. Kein Zweckbündnis, sondern ein Prüfstein.
Dieses Gespräch ist kein Schulterschluss. Es ist ein Moment der Klärung. Vielleicht auch der Grenzziehung. Doch eines ist spürbar: Hier begegnen sich zwei Männer und eine Frau, die wissen, was auf dem Spiel steht. Und es trotzdem wagen.
Krahs Art zu sprechen – diszipliniert, klar, methodisch – steht in scharfem Kontrast zur geistigen Temperatur des Hauses Schnellroda. Denn während Kubitschek mit Reibung denkt und Kositza mit glühender Sympathie für die Gegenkultur fragt, bleibt Krah auf der Tonspur der Staatslogik. Er argumentiert rechtspositivistisch. Der Staat ist, was geschrieben steht. Die Grenzen dessen, was gesagt werden darf, ergeben sich aus Gesetzen, nicht aus der Wirklichkeit der Straße. Für Krah ist der Staat ein funktionales Gebilde – legitimiert durch die Verfassung, getragen von Rechtssicherheit, definiert durch Institutionen.
Doch in Schnellroda sieht man das anders. Dort gilt nicht das Gesetz als oberste Instanz, sondern das Volk – nicht in der abstrakten Form eines Staatsvolkes, sondern als geschichtlich gewachsener, kulturell verwurzelter Organismus. Kubitschek stellt die entscheidende Gegenfrage: Kann ein Staat, der das eigene Volk austauschbar macht, überhaupt noch Legitimität beanspruchen? Und was bedeutet Staatsbürgerschaft, wenn sie bloß auf Papieren beruht, aber nicht auf Zugehörigkeit, Abstammung, Loyalität?
Diese Frage trifft den Nerv des Gesprächs. Denn Krah und Kubitschek sprechen über denselben Staat – aber meinen völlig verschiedene Dinge. Für Krah ist Staatsbürgerschaft ein juristisches Verhältnis: Ein Vertrag zwischen Bürger und Republik. Für Kubitschek ist sie ein Band: gewachsen, nicht gemacht. Ein Deutscher sei nicht deshalb Deutscher, weil es ein Gesetz erlaubt – sondern weil er Teil einer kulturellen Erbfolge sei. Wer diesen Unterschied ignoriere, verkenne die Tragweite der gegenwärtigen Krise.
Diese Spaltung durchzieht das gesamte Gespräch. Und sie zeigt sich auch im Umgang mit staatlicher Repression. Die Festnahme von Jugendlichen, Aktivisten der Neuen Rechten, die nach Lissabon reisen wollten, wird zum Symbol. Für Krah ist sie ein juristisches Warnsignal – für Kubitschek ein politischer Offenbarungseid. Der Staat, so Krah, überschreitet hier erstmals offen die Grenze zwischen präventivem Schutz und repressiver Ideologie. Kubitschek hingegen sagt: Dieser Staat zeigt endlich, was er ist – eine Verwaltungsmaschinerie ohne Volk, ein Machtapparat, der gegen die eigenen Kinder operiert.
Krah verweist in diesem Zusammenhang mehrfach auf das sogenannte Gutachten zur AfD – ein Konvolut von Argumentationslinien und juristisch aufbereiteten Annahmen, das in weiten Teilen auf Prognosen, Verdachtsmomenten und ideologisch aufgeladenen Deutungen basiert. Drei Punkte seien dabei zentral, so Krah: Erstens, die Behörden hätten eine „hinreichende Wahrscheinlichkeit“ gesehen, dass von Teilen der Bewegung eine Gefahr für die freiheitlich-demokratische Grundordnung ausgehe. Zweitens, der Begriff „Remigration“ wurde vom Gericht selbst als „ethnisch aufgeladen“ interpretiert – und damit zur Chiffre politischer Radikalität umgedeutet. Drittens, und das sei besonders perfide, werde der AfD eine pauschale, generelle Islamfeindlichkeit unterstellt – nicht differenziert, nicht als Position in einer offenen Debatte, sondern als unantastbares Indiz einer verfassungswidrigen Gesinnung. Damit, so Krah, werde aus Meinung ein Verbrechen gemacht.
Für Krah ist das ein Beleg dafür, dass der Rechtsstaat in einen Deutungsstaat übergeht – und dass sprachliche Präzision das einzige Mittel ist, um nicht zerrieben zu werden. Doch Kubitschek hält dagegen: Wer dieses Gutachten ernst nimmt, verleiht ihm bereits Legitimität. Für ihn ist das Papier kein Sachtext, sondern ein ideologisches Manifest – verfasst von Feinden, nicht von Juristen. Und es geht ihm nicht darum, einzelne Passagen zu widerlegen. Es geht ihm darum, das ganze Paradigma zu verwerfen: den Staat als moralische Instanz, als pädagogischen Leviathan, der seine Kritiker nicht widerlegt, sondern klassifiziert, katalogisiert, kriminalisiert.
Dabei geht es Kubitschek auch um die Reinheit der Lehre. In einem seiner früheren Essays formulierte er: „Wir dürfen keine Bewegung werden, die sich schämt, wo sie steht.“ Und: „Das Vorfeld ist der Ort, an dem die Begriffe geschärft werden.“ Schnellroda versteht sich nicht als pragmatische Flanke, sondern als geistige Instanz, als Ort der Sammlung und Auslese. Die Begriffe sind nicht bloß Werkzeuge – sie sind Symbole. Und wer sie relativiert, verwässert das Ganze. Das ist mehr als ein semantischer Streit – es ist ein Ringen um die Grundrichtung der Bewegung, der AfD. Um das, was von der konservativen Revolution geblieben ist – und was davon noch Zukunft hat.
Denn wie damals steht auch heute die Rechte zwischen dem Versuch politischer Machtoptionen und der Forderung nach geistiger Souveränität. Die konservative Revolution wollte nie Verwaltung – sie wollte Umwälzung. Zwischen Moeller van den Brucks visionärem Pathos und Karl Schmitts Entscheidungstheorie liegt ein Spannungsfeld, das sich heute in der Debatte um die AfD und Schnellroda erneut entfaltet. Gemeinsam ist beiden Strängen die Ablehnung der liberalen Neutralität – doch während Krah innerhalb der Institutionen agiert, besteht Kubitschek auf einer revolutionären Distanz.
Vielleicht spürt man in diesem Gespräch auch die unterschwellige Angst – oder zumindest eine Ahnung –, dass sich eine Partei wie die AfD, so sie sich an den Rädern der Institutionen zu lange reibt, abschleifen könnte. Kubitschek und Kositza, seit 25 Jahren im politischen Kampf, wissen um die Gefahr des langsamen Verschleißes. Das Unbeugsame, Unbequeme, das sie verkörpern, wirkt wie ein letzter Schutzwall gegen die Versuchung des Arrangements. Ihr Haus ist kein Amtssitz – es ist eine Bastion.
Und Kositza ergänzt: „Wir sind nicht da, um Begriffe zu säubern – wir sind da, um Begriffe zu setzen.“ Was Kubitschek mit Pathos auflädt, formuliert sie als poetische Trotzformel. Für sie ist der Begriff Remigration keine juristische Variable – sondern ein kultureller Kampfbegriff, dem seine Sprengkraft nicht genommen, sondern bewusst erhalten bleiben muss.
Es geht um mehr als Remigration. Es geht um das Verhältnis von Staat, Volk und Bürger. Um das Spannungsverhältnis zwischen juristischer Zugehörigkeit und kultureller Identität. Krah will den Staat nutzen – Kubitschek will ihn neu denken. Der eine will das Spiel besser spielen – der andere stellt das Spiel selbst infrage. Und irgendwo dazwischen steht ein ganzes Milieu, das nicht weiß, ob es in den Bundestag oder auf die Barrikade gehört.
Was diesen Abend so bedeutsam macht, ist nicht der Konflikt allein. Es ist seine Form. Und mehr noch: Dieses Ringen selbst – dieses unablässige, manchmal schmerzhafte Austarieren von Begriffen, Richtungen, Prinzipien – ist vielleicht das Fruchtbarste, was die Neue Rechte derzeit besitzt. Denn es zeugt von Lebendigkeit, von geistiger Bewegung, von einer Weigerung, in ideologischer Starre zu verharren. Wo andere sich im Funktionieren erschöpfen, ringt man hier noch um das Richtige, um das Eigene (vgl. Lichmesz), um das Zukünftige. Man ringt, aber man bleibt im Gespräch. Man konfrontiert, aber man bricht nicht. Das ist selten in einer politischen Szene, die so oft in Lager und Linien zerfällt. Und doch ist klar: Hier endet keine Debatte – hier beginnt ein Klärungsprozess. Der Rechtspositivist steht dem revolutionären Rest gegenüber. Der Bürokrat dem Bohemien. Der Staatsmann dem Grenzgänger.
Und dazwischen: die Jugend. Die Jugend, für die Schnellroda mehr war als ein Ort. Für die es ein Versprechen war – auf Deutung, auf Tiefe, auf Identität. Diese Jugend hört in Krah nicht den Verräter, aber sie hört den Technokraten. Sie spürt, dass sein Blick auf den Staat nicht ihr Blick ist. Sie will nicht nur wählen – sie will verändern. Und zwar nicht juristisch, sondern kulturell, seelisch, metaphysisch.
Arthur Moeller van den Bruck hatte einst geschrieben: „Wir sind nicht das Volk von heute, wir sind das Volk von morgen.“ Dieser Satz hängt wie ein unsichtbares Echo über der Debatte. Schnellroda – das ist nicht nur ein Ort, sondern ein Horizont. Und seine Bewohner wissen: Es geht nicht um Anpassung, sondern um Gestaltung. Nicht um Legalität – sondern um Legitimität.
Was bleibt nach diesem Abend? Eine Szene, die sich fragen muss, was sie sein will. Eine Bewegung, die nicht zwischen Vernunft und Leidenschaft wählen darf – sondern beides integrieren muss. Eine AfD, die entscheiden muss, ob sie ein parlamentarischer Arm bleibt oder auch ein geistiger. Ein Maximilian Krah, der klüger ist als seine Gegner glauben – aber distanzierter, als es sich viele wünschen. Ein Götz Kubitschek, der nicht vergibt, aber auch nicht aufgibt – und der das politische Vorfeld, das Unbeugsame, das Unbequeme verkörpert. Und ein Zuschauer, der begreift: Die Entscheidung fällt nicht in Talkshows. Sie fällt in Gesprächen wie diesem.
Denn wenn Schwarzweißbilder mehr Wahrheit transportieren als jede Farbe, dann war dieser Abend ein Dokument der Selbstvergewisserung. Ein Beweis, dass wir noch reden.
