Ein Interview, ein Halbsatz, ein Wort: „Drecksarbeit“. Es fiel nicht in der Hitze des Gefechts, nicht im affektiven Überschwang eines Wahlkampfauftritts, sondern im kühlen Licht eines öffentlich-rechtlich inszenierten Gesprächs, moderiert von Shelly Kupferberg. Die Frage zielte auf Israels Angriff auf iranisches Staatsgebiet – eine heikle, komplexe Lage, die nach Bedachtsamkeit verlangt hätte. Stattdessen servierte Kupferberg eine Formulierung, die alles entlarvte: Ob es nicht gut sei, dass Israel „die Drecksarbeit“ übernehme. Friedrich Merz, CDU-Vorsitzender, griff das Wort ohne Zögern auf, machte es sich zu eigen: „Ja. Wir müssen diese Drecksarbeit machen – und wir machen sie.“
In dieser Szene offenbart sich mehr als eine rhetorische Entgleisung. Sie ist das Symptom eines viel tiefer reichenden Prozesses: der fortschreitenden Entkopplung politischer Sprache von Verantwortung, Maß und Ethos. Der Begriff „Drecksarbeit“ mag auf den ersten Blick nach Realismus klingen – nach der Notwendigkeit, das Unangenehme zu tun, das sich keiner zu erledigen traut. Doch in seinem semantischen Kern ist er verheerend. Denn hier wird Gewalt nicht problematisiert, sondern verwaltet. Sie wird entmoralisiert, funktionalisiert, sprachlich neutralisiert – als wäre Krieg nichts als die Vollziehung politischer Hygiene. Als müsse halt jemand aufräumen im geopolitischen Dreck.
Ein solcher Sprachgebrauch wäre erschütternd, selbst wenn er unbedacht gefallen wäre. Doch hier liegt der Fall anders. Die Formulierung kam von der Journalistin – nicht als Zitat, nicht als distanzierter Kommentar, sondern als aktiv gesetzter Begriff im Fragekontext. Die politische Rhetorik wurde ihr gewissermaßen vorformuliert, mit freundlicher Genehmigung des öffentlich-rechtlichen Rahmens. Und Merz? Er folgte der Einladung. Dankbar, bereitwillig. Kein Widerspruch. Kein Differenzieren. Kein Versuch, der Sprache Gewicht oder Würde zu verleihen.
So wird ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen. Denn „Drecksarbeit“ ist nicht bloß ein misslungenes Wort – es ist ein Begriff, der implizit entlastet. Wer Drecksarbeit verrichtet, ist nicht Täter, sondern Vollstrecker. Nicht Täter, sondern notwendiger Operator. Nicht schuldig, sondern systemrelevant. Und damit wird Gewalt – staatlich legitimierte, mitunter völkerrechtswidrige Gewalt – semantisch aus dem moralischen Diskurs herausgenommen. Sie wird verwaltet wie ein unvermeidlicher Teil des politischen Betriebs. Ohne Ethik. Ohne Tragik. Ohne Wahrheit.
Der Unterschied zu anderen Konflikten liegt offen zutage. Als Russland 2022 die Ukraine überfiel, war das Urteil einstimmig und moralisch eindeutig: ein Angriffskrieg, ein Bruch des Völkerrechts, ein Rückfall in imperiale Denkmuster. Man rief nach internationaler Solidarität, nach Prinzipientreue, nach einer Weltordnung, die auf Regeln basiert. Nun, im Fall Israels, hören wir andere Begriffe: „Präventivschlag“, „Verteidigung“, eben – „Drecksarbeit“. Dass es sich auch hier um einen Angriff über Staatsgrenzen hinweg handelt, dass auch hier Menschen starben, Recht gebrochen wurde – das spielt offenbar eine untergeordnete Rolle. Es ist der Freund-Feind-Code, der das Sprechen bestimmt.
Diese doppelte semantische Ordnung ist keine Lappalie. Sie ist das Ende jeder kohärenten Außenpolitik. Denn wer dasselbe Handeln unterschiedlich benennt, verliert die Fähigkeit zur objektiven Analyse – und damit zur politischen Urteilskraft. Sprache wird zum bloßen Werkzeug geopolitischer Loyalität. Der Maßstab verschwindet, das Prinzip wird durch Zweckmäßigkeit ersetzt. Carl Schmitt wusste: „Wer die Begriffe hat, beherrscht die Wirklichkeit.“ In diesem Fall zeigt sich: Die Wirklichkeit wird umcodiert – durch Begriffspolitik im Gewand öffentlicher Debatte.
Dass Dieter Hallervorden – ein altgedienter Satiriker, dem man intellektuelle Klarheit nicht absprechen kann – als einer der ersten öffentlich reagierte, spricht Bände. Seine Aussage, Merz gehöre „wegen Volksverhetzung ins Gefängnis“, war zweifellos überzogen. Aber sie war Ausdruck einer intuitiven Grenzempfindung, die vielen fehlt: Hier ist etwas überschritten worden. Nicht durch eine Meinung, sondern durch einen Begriff. Durch das, was er ausklammert. Durch das, was er normalisiert.
Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet im öffentlich-rechtlichen Raum eine solche Sprachentgleisung entstehen konnte. Denn dort, wo einst die politische Kultur gepflegt, kritisiert und ausbalanciert wurde, herrscht heute ein technokratischer Ton: glatt, effizient, auf Wirkung getrimmt – aber ohne moralischen Tiefgang. Die Sprache folgt nicht mehr dem Ernst der Lage, sondern dem Rhythmus der Schlagzeilen. Das Denken weicht der Formulierung. Der Diskurs wird zur Verpackung.
Es wäre leicht, Merz allein zu kritisieren. Doch er ist nur Symptom. Die eigentliche Krise liegt tiefer. Sie liegt in der Bereitschaft einer ganzen Schicht von Politikern, Journalisten und Intellektuellen, die Grundkategorien des Politischen preiszugeben – Verantwortung, Maß, Urteilskraft – zugunsten einer Sprache des Vollzugs, der Operations-Logik, der moralfreien Notwendigkeit. Wer Gewalt als „Drecksarbeit“ bezeichnet, führt keine Auseinandersetzung mehr. Er hat sich eingerichtet – im Zustand des Postpolitischen.
Doch die Reaktionen zeigen: Es regt sich Widerstand. Nicht organisiert, nicht laut – aber spürbar. Menschen, die noch wissen, was Worte bedeuten. Die sich nicht abfinden mit einer Welt, in der das Töten zum Pflichterfüllungsakt degradiert wird. Die spüren: Sprache ist nicht neutral. Sie schafft Wirklichkeit. Oder zerstört sie.
Ernst Jünger wusste: „Das Wort ist ein Schwert.“ Wer es führt, trägt Verantwortung. Wer es aufgibt, macht sich selbst bedeutungslos. Und wer anderen das Formulieren der Wirklichkeit überlässt, hat bereits verloren. Deshalb ist es kein Nebensatz, kein unglücklicher Ausdruck, kein Medienmissverständnis. Es ist ein Bruch. Und er muss benannt werden. Klar. Deutlich. Unmissverständlich.
Denn wo „Drecksarbeit“ zur Ehrenpflicht erklärt wird, ist das Politische schon zur Exekutive moralischer Verwahrlosung geworden. Wer das nicht mehr erkennt, hat bereits in der Sprache kapituliert.
