Zwischen Betongier, Blut und politischem Narzissmus.
Die Welt verengt sich auf eine Linie. Keine gedachte, keine symbolische, sondern eine physische – gezogen mit Lineal und politischem Willen. Sie schneidet durch Gaza, zieht sich vom Golf von Aqaba bis zum Mittelmeer und markiert eine Schneise der Ambition: den Ben-Gurion-Kanal. Ein Projekt, das aus den staubigen Archiven der israelischen Staatsgeschichte hervorgeholt wurde und nun – inmitten einer der blutigsten Phasen des Nahostkonflikts – plötzlich wieder auf dem Tisch liegt.
Es ist ein Plan, der die Geografie des Nahen Ostens neu ordnen soll. Ein Projekt, das den Suezkanal – jenen ägyptischen Korridor des Welttransits – herausfordert, wenn nicht entwertet. Und es ist ein Plan, der nicht nur mit Baggern und Beton operiert, sondern mit Raketen, Rhetorik und einer entmenschlichten Idee von Fortschritt.
Gaza, in diesem Szenario, ist kein Siedlungsgebiet, kein kultureller Raum, kein Ort gelebter Geschichte. Gaza ist Korridor, Durchgangszone, strategische Verfügbarkeitsmasse. Der Mensch wird zur geografischen Störung degradiert. Dort, wo heute Kinder durch Schuttfelder stolpern, soll morgen das Containerschiff verkehren. In den Visionen der Technokraten wird Leid zur Notwendigkeit, Zerstörung zur Vorleistung.
Währenddessen schweigen die Baupläne nicht. Und auch die Waffen nicht. Denn während die Welt über Waffenlieferungen an die Ukraine diskutiert, hat sich still eine neue Front geöffnet: TAURUS-Marschflugkörper aus deutscher Fertigung, präzise, tiefgreifend, gebaut für das Durchbrechen gehärteter Ziele, scheinen den Weg nach Israel gefunden zu haben.
Nicht öffentlich, nicht offiziell. Aber politisch möglicherweise geduldet. CDU-Chef Friedrich Merz, der sich zuletzt mit klarer Positionierung zur Ukraine profilierte, erklärte vor wenigen Wochen, eine Lieferung an Israel sei „im Bereich des Denkbaren“. Es war kein Befehl, kein Antrag, kein Gesetz. Aber es war ein Fenster, das sich öffnete. In einem Raum, in dem militärische Notwendigkeit und politische Deutung verschwimmen, genügt ein solches Fenster, damit Taten folgen. Es heißt inzwischen, dass erste Taurus-Systeme Israel bereits erreicht haben könnten – eine brisante Realität, die sich wie ein Damoklesschwert über den diplomatischen Beziehungen Europas erhebt.
Denn wenn Russland davon erfährt – und es wird davon erfahren –, dann gerät ein fragiles globales Gleichgewicht ins Wanken. Nicht nur, weil Deutschland mit einem Mal zwei Konfliktparteien hochrüstet. Sondern weil es die letzte politische Reserve an Neutralität und Glaubwürdigkeit verspielt. Was als Solidarität verkauft wird, könnte sich als strategischer Offenbarungseid entpuppen.
Was dort durchgelassen wird, ist nicht nur Munition. Es ist ein Paradigmenwechsel. Deutschland, jahrzehntelang zögerlich, wägt nun nicht nur ab, sondern kalkuliert – auch im Hinblick auf Israel. Der moralische Imperativ der deutschen Geschichte steht in Spannung zur realpolitischen Verstrickung in neue Kriege.
Und dann, am Rande dieser Schattenlandschaft, taucht er auf: Donald Trump, der Präsident, inzwischen gezeichnet von den Jahren, gesundheitlich angeschlagen, in Berichten als Katheter-tragend beschrieben, doch politisch noch immer ein Phantom von beachtlicher Wirkmacht.
Man stelle sich ihn vor, in Mar-a-Lago, mit trübem Blick, aber messerscharfem Gedächtnis. Umgeben von Erinnerungen an Deals, an Abkommen, an geopolitische Seifenblasen. An seiner Seite: Jared Kushner, Schwiegersohn, Nahost-Architekt, Immobilienstratege. Der Mann, der Frieden in Quadratmeter übersetzt und den Gazastreifen als Wirtschaftsraum mit Potenzial entwarf. Jetzt, wo Bomben den Boden begradigen, wird aus der Vision ein „Projektgebiet“.
Und über Trump selbst? Vieles bleibt im Dunkeln – doch unter Analysten wird zunehmend laut, was bislang nur hinter vorgehaltener Hand gemurmelt wurde: Der Mossad könnte belastende Akten über Trump besitzen. Ein Druckmittel? Vielleicht. Ein Grund, weshalb sich der einstige Präsident so konsequent israelischen Interessen unterordnet? Möglich. Denn der „Persilschein“, den Trump Netanjahu immer wieder ausstellt – selbst entgegen den Einschätzungen amerikanischer Nachrichtendienste – lässt sich anders kaum mehr erklären.
Der Westen schaut zu. Vielleicht mit Irritation, vielleicht mit klammheimlicher Zustimmung. In Brüssel redet man von „Stabilität“. In Berlin von „Solidarität“. Doch zwischen den Zeilen liegt ein unausgesprochener Handel. Die Gleichung lautet:
- Israel schafft Fakten – und träumt offen von einem Groß-Israel,
- die USA sichern die Rückendeckung und erhalten im Gegenzug den Zugang zu iranischem Öl,
- Deutschland liefert Präzision,
- und der Iran – so wird gemunkelt – öffnet diskret seine Ölhähne.
Israel ist in diesem Szenario nicht der Verteidiger, sondern der Angreifer – mit langfristigem Plan, mit geostrategischem Kalkül, mit visionärer Rücksichtslosigkeit. Die Strategie lautet: militärische Überlegenheit, territoriale Ausdehnung, wirtschaftliche Kontrolle. Und all das unter dem Mantel eines Westens, der lieber strategisch wegsieht als moralisch einzugreifen.
Ein Kanal für den Westen. Ein Krieg für den Osten. Ein Deal für alle, die ihn aushalten.
Was bleibt? Vielleicht eines Tages ein Schiff, das durch Gaza fährt. Beladen mit Containern, flankiert von Sicherheitsdrohnen. Vielleicht Jared Kushner, der zur Eröffnung das Band durchschneidet. Vielleicht ein Donald Trump, der trotz Katheter eine Rede hält, die sich um Wirtschaft dreht, um Fortschritt, um Größe. Niemand wird dann fragen, woher der Beton kommt. Oder die Stille. Oder die Tränen.
Denn dieser Kanal ist nicht nur ein Bauwerk. Er ist ein Schnitt durch Weltbilder, durch Gerechtigkeitsgefühle, durch das, was einmal als „humanitär“ galt.
Quellenverzeichnis:
- The New Arab (2024): „Israel’s Ben-Gurion Canal: An old idea revived?“
- Israel Hayom (2023): „Israel’s canal plan aims to challenge Egypt’s Suez“
- Fair Observer (2023): „Could Israel build a canal through Gaza?“
- YouTube: „Israel Is Building A $55 BILLION Canal Through Gaza!?“
- Tagesschau.de (Juni 2024): „Merz zur Taurus-Frage: Lieferung an Israel nicht ausgeschlossen“
- Frankfurter Rundschau (2024): „Merz und die Taurus – gefährliche Rhetorik“
- Middle East Eye (2023): „Kushner and the business of peace“
