Der moralische Imperativ der Marschflugkörper

Vom westlichen Bedürfnis, den Iran zu zerschlagen – eine geopolitische Betrachtung

In der dunklen Stunde zwischen zwei Tagen, als der Himmel noch nichts von der kommenden Hitze wusste, durchbrachen silbern lackierte Schatten die Stille des Luftraums über Persien. Es waren keine gewöhnlichen Kampfjets, keine flüchtigen Geister moderner Luftüberlegenheit – es waren B-2 Spirit Bomber, fliegende Kathedralen der Gewalt, die, unsichtbar für Radar und Mitgefühl, eine Nachricht sendeten: Amerika ist bereit.

Die Bomben, die sie trugen – GBU-57, sogenannte „Massive Ordnance Penetrators“ – sind nicht einfach Waffen. Sie sind Manifestationen einer Haltung, Projektile einer über Jahrzehnte kultivierten Überlegenheit. Sie graben sich, elf Tonnen schwer, mit mathematischer Kälte durch Fels und Beton, durch Forschungszentren und unterirdische Träume – bis dorthin, wo die Substanz einer Zivilisation zittert.

Was war geschehen?

Der Iran, so berichten israelische Quellen, hatte wenige Stunden zuvor Raketen auf ein Wohngebiet im Norden Israels abgefeuert – auf Kiryat Shmona, wo Familien wohnen, Kinder lachen, Gärten blühen. Eine klare Aggression, eine unverhohlene Grenzüberschreitung – ein Verbrechen, das nicht bagatellisiert werden darf. Doch auf eine Rakete folgt keine Diplomatie, sondern die Antwort des Imperiums. Kein Tribunal, sondern Sprengkraft. Kein Ausgleich, sondern Exempel.

Diese Asymmetrie ist nicht nur militärisch. Sie ist moralisch.

Denn was in jener Nacht geschah, war weit mehr als Vergeltung. Es war ein choreografierter Zugriff auf die Zukunft eines Staates, eine techno-strategische Offenbarung, die sagt: Wir entscheiden, wer Kernenergie haben darf. Wir entscheiden, wann jemand gefährlich ist. Wir entscheiden, wann die Schwelle vom Kalten Frieden in den heißen Zugriff überschritten wird.

Der Westen, insbesondere die Vereinigten Staaten, sieht den Iran nicht bloß als Gegner. Er sieht in ihm eine Unverfügbarkeit. Eine Entität, die sich der Einschreibung in westliche Ordnungsmuster verweigert. Und diese Verweigerung – religiös aufgeladen, nationalistisch gehärtet, strategisch herausfordernd – wird als Provokation erlebt.

Ein schwacher Iran hingegen – wirtschaftlich stranguliert, militärisch kastriert, diplomatisch isoliert – ist ein bequemer Iran. Ein Iran, der verkauft, aber nicht bestimmt. Der liefert, aber nicht lenkt. Der pariert – und dabei den Zugriff auf Ressourcen, Handelswege und Einflussräume öffnet.

Auch Israel hat seine Lektionen gelernt. Ein destabilisiertes Persien ist ein entlastetes Levante-Israel. Ein Iran im Taumel ist ein Libanon ohne Rückgrat, eine Hisbollah ohne Patron. Wer in Teheran das Licht löscht, verdunkelt auch Damaskus, Bagdad, Gaza.

Und vielleicht noch mehr: In der geopolitischen Dämmerung, wenn der große Gegenspieler wankt, öffnen sich Fenster – für Träume, die bislang nur flüsterten: der Traum vom Groß-Israel, der nie ganz verschwand. Nicht in Karten, nicht in Köpfen. Siedlungen als Vorposten des Faktischen, Sicherheitszonen als Vorformen neuer Grenzen.

Inmitten all dessen: Europa. Still. Oder schlimmer: verständnisvoll. Während in Washington über militärische Notwendigkeit doziert wird, während in Tel Aviv gejubelt, in Riad getuschelt wird – schweigt Berlin. Ein Schweigen, das nicht neutral, sondern feige ist. Eine Ohnmacht, die sich als Ausgewogenheit tarnt.

Paul Ronsheimer steht bei n-tv vor einer Kulisse aus Blaulicht und Betroffenheit. Er spricht von Entschlossenheit, von israelischem Rückhalt, von der Klarheit, mit der eine Demokratie sich verteidigt. Was er nicht sagt: dass auch der Gegner eine Gesellschaft ist. Dass dort nicht nur Mullahs herrschen, sondern Menschen leben. Kinder. Alte. Zweifelnde. Dissidenten.

Donald Trump, inzwischen wieder Stimme mit Mikrofon, nennt die eingesetzten Bomber „wunderbar“. Sie fliegen tief, sagt er, sie fliegen lautlos – und sie erledigen den Job. So spricht man über Staubsauger. Oder Börsen. Nicht über Maschinen, die Städte öffnen wie Dosen.

Er hat recht – auf seine Weise. Die B-2 ist das schönste Sinnbild einer Weltordnung, die Schönheit nur in Funktion erkennt. Ihre Linienführung ist elegant, ihr Rumpf ein Triumph aus Leichtbau und Zerstörung. Sie bringt nichts – außer Wirkung.

Und so stehen wir am Vorabend einer neuen Ordnung. Oder der finalen Auflösung der alten. Denn was aus taktischen Schlägen erwächst, ist nicht selten strategische Revolution. Ein Regimewechsel, sei er offen oder maskiert, bringt nicht nur neue Gesichter. Er bringt Verträge, Investoren, Märkte. Und er bringt Zugriff – auf Öl, auf Gas, auf Transitachsen von Indien bis zum Mittelmeer.

Ein verändertes Teheran – gesäubert von Revolutionsgarden, geöffnet für westliche Diplomatie – wäre ein neuer Spielball. Und für die Vereinigten Staaten ein Gewinn. Für Israel ein Geschenk. Für Europa ein Beweis, dass man auch ohne eigenes Handeln noch profitieren kann – solange man nicht stört.

Doch wer mit Marschflugkörpern die Welt ordnet, der ordnet sie nicht. Er verletzt sie. Und wenn aus technischer Überlegenheit eine moralische Selbstermächtigung wird, dann beginnt ein Zeitalter, in dem das Recht nicht mehr durch das Gesetz geschützt wird, sondern durch den Besitz von Durchschlagskraft.

Der Iran hat wahrscheinlich Rakten auf ein israelisches Wohngebiet gefeuert. Ja. Doch was der Westen getan hat, war mehr. Es war eine Operation am offenen Herzen der politischen Welt. Und das Echo wird nicht lange auf sich warten lassen.

Vielleicht nicht heute. Vielleicht nicht morgen. Aber eines Tages werden wir zurückblicken – auf diese Nacht, in der wir zum ersten Mal sahen, wie der Frieden nicht stirbt, sondern chirurgisch entfernt wird.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..