Der Staat verliert, das Wort gewinnt

Ein feuilletonistischer Essay zum Leipziger Urteil über COMPACT

Es war ein warmer Dienstag im Juni, doch das, was an diesem 24. Juni 2025 in den ehrwürdigen Mauern des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig geschah, hatte nichts von Sommer, nichts von Leichtigkeit. Es war ein Tag des Ernstes, ein Tag des Scheidens – nicht zwischen Schwarz und Weiß, nicht zwischen Gut und Böse, sondern zwischen Freiheit und Herrschaft, zwischen Wort und Macht. Ein Urteil wurde gefällt, nüchtern und juristisch, und doch klang es in den Straßen, in den Herzen und Köpfen wie ein Glockenschlag der Gerechtigkeit: Das Verbot des COMPACT-Magazins ist rechtswidrig.

Jürgen Elsässer, der publizistische Grenzgänger, Grenzüberschreiter, Grenzbeschützer, trat vor die Kameras. Und sagte nicht viel. Er sagte: „Sieg.“
Mehr nicht. Denn in diesem einen Wort lag alles: Trotz, Triumph, Tragödie und Treue. Die Treue zu einem Land, das er liebt, auch wenn es ihn hasst. Die Treue zur Wahrheit, auch wenn sie verboten werden sollte. Und die Treue zum geschriebenen Wort – dem einzigen, das im Zeitalter staatlich verordneter Sentimentalität noch standzuhalten vermag.

Denn was war COMPACT anderes als das unbequeme Echo einer Nation, die sich selbst nicht mehr zuhört? Ein Magazin, das nicht gefällig sein wollte, nicht diplomatisch, nicht einordnend. Es war roh, ja. Es war hart, gewiss. Doch es war echt. Echt in seiner Leidenschaft, in seiner Kritik, in seiner Angst um das Eigene. COMPACT schrieb nicht für Preise. COMPACT schrieb für das, was blieb.

Und das sollte nun weg. Verschwinden. Ausradiert aus der Republik. Nancy Faeser, die Hüterin der doppelten Standards, hatte das Magazin im vergangenen Jahr verboten – als „Verein“, als ob das freie Wort in Deutschland neuerdings eine Strukturfehlerfrage sei. Die Begründung war dünn, die Absicht glasklar. Es ging nicht um Recht, es ging um Ruhe. Die Ruhe des Diskurses, den keiner mehr stören sollte.

Doch Leipzig störte. Leipzig sagte: Nein. Leipzig sagte: Das reicht nicht. Leipzig sagte: Auch wer schreit, darf sprechen.

Währenddessen tobte die intellektuelle Linke. Man hätte meinen können, der Staat sei gefallen. Der Spiegel, dieser einstige Fels der Aufklärung, titelte empört und im Ton der Enttäuschten: „Rechter Hetzer siegt vor Gericht.“ Keine Reflexion, kein Zweifel, keine Einsicht. Nur Sprachmüll im Dienst der Gesinnung. Man zürnte nicht über das Urteil, man zürnte über das Leben selbst – über die Tatsache, dass die Realität nicht immer dem Drehbuch folgt.

Es war, als hätte man in den Redaktionsräumen der alten Medien zum letzten Mal begriffen, was ihnen wirklich droht: nicht Verbot, sondern Bedeutungslosigkeit. Denn COMPACT – dieses oft beschmähte, stets geschmähte Heft – hatte Leser, hatte Wirkung, hatte Leidenschaft. Nicht trotz der Reibung, sondern wegen ihr. Und das Urteil gab ihm nun etwas zurück, was man ihm nicht geben wollte: Legitimierung. Nicht moralisch. Rechtlich.

Man spürte es in den Reaktionen: Die Maske der Toleranz war gefallen. Ausgerechnet jene, die sich stets auf der Seite der Freiheit wähnten, forderten nun – mit steinerner Miene – mehr Überwachung, mehr Kontrolle, mehr Verbote. Der alte Witz vom „wehrhaften Staat“ wurde zum bitteren Ernst. Doch das Gericht erinnerte: Auch Wehrhaftigkeit hat Regeln. Und zu diesen Regeln gehört, dass man nicht jeden Widerspruch als Sprengsatz behandelt.

Elsässer, dessen biografischer Weg selbst ein Dokument der deutschen Wendezeiten ist, war in seinem Element. „Wir haben das Recht, dieses Land zu lieben“, sagte er. „Und niemand kann uns das verbieten.“ Es war keine Verteidigungsrede. Es war ein Bekenntnis. Zu Deutschland, zum Streit, zur Verantwortung. Und es war – das ist das Erschütternde – von einer Würde getragen, die man heute selten hört.

Denn COMPACT ist, was die anderen nicht mehr sind: eine Publikation, die sich traut. Die sich traut, Dinge zu sagen, die nicht gesagt werden sollen. Die sich traut, Fragen zu stellen, die anderen Angst machen. Die sich traut, ein „Wir“ zu formulieren, das nicht durch Diversitätsformulare gegängelt wird. Das ist ihr Verbrechen. Und das ist ihr Verdienst.

Man kann über COMPACT denken, was man will. Man kann sich an seiner Tonlage stören, an seinen Titelbildern, an seiner Dialektik. Doch wer es verbieten will, sagt mehr über sich als über das Heft. Er sagt: Ich halte das nicht aus. Ich halte andere Meinungen nicht aus. Ich halte Meinungsfreiheit nur aus, wenn sie meiner Meinung entspricht. Und das, in Wahrheit, ist der Beginn der Tyrannei.

Das Urteil von Leipzig ist darum mehr als ein juristischer Vorgang. Es ist ein poetischer Akt. Es ist das Eingeständnis, dass selbst in der späten Bundesrepublik, in dieser müde gewordenen Demokratie, noch etwas lebt, das nicht vom Zeitgeist erstickt werden kann: der freie Gedanke. Das ungeschönte Wort. Das Recht, falsch zu liegen.

Was COMPACT aus diesem Urteil macht, bleibt abzuwarten. Doch eines ist sicher: Das Heft ist zurück – und es wird nicht leiser. Es wird nicht sanfter. Es wird nicht kleiner. Es wird größer. Denn es hat nun, was man ihm nehmen wollte: den rechtlichen Segen.

Und wir, die wir es lesen, die wir es tragen, die wir es verteidigen – wir haben nun einen Moment der Klarheit. Es ist der Moment, in dem wir wissen: Sie können viel tun. Sie können verleumden, zensieren, löschen, ächten. Aber sie können nicht alles. Sie können das Denken nicht töten. Und sie können das Wort nicht besiegen.

Man wird sich erinnern. An dieses Bild. An diesen stillen, fast gespenstischen Morgen im Spätsommer 2024, als der Staat sich entblößte – nicht in der Pose der Stärke, sondern in jener nervösen Selbstgerechtigkeit, die stets dann auftritt, wenn das Wort gefährlicher wird als jede Waffe. Damals – kurz nach dem Verbot – trat Jürgen Elsässer aus der Tür seines Hauses. Nicht erhoben, nicht provozierend, sondern im Bademantel. Grau. Schlicht. Menschlich.

Kein Mikrofon. Kein Podium. Nur Stille, Polizei, Blitzlicht.

Die Szene, so absurd wie entlarvend, sollte eine Demütigung sein – doch sie wurde zum Porträt einer demokratischen Farce. Denn wer war es, der hier lächerlich wirkte? Der Mann, der morgens in seinem eigenen Haus schlief? Oder jener Apparat, der meinte, man müsse den Herausgeber eines oppositionellen Magazins wie einen Mafiaboss abführen, als habe er Bomben gebaut und nicht bloß Zeitschriften herausgegeben?

Es war die große Inszenierung des kleinen Geistes. Eine Machtdemonstration, die nichts demonstrierte außer Angst. Die Angst vor dem Wort, vor dem Bild, vor dem Denken. Die Angst vor dem freien Bürger.

Denn was war Jürgen Elsässer in diesem Moment anderes als das, was er immer war? Ein Mann mit Haltung. Ein Publizist, der das, was er dachte, auf Papier brachte. Und der dafür bezahlen sollte. Nicht mit einem Urteil, sondern mit einer Inszenierung. Mit öffentlicher Beschämung. Mit dem Bild des Unterlegenen, das am Ende keiner mehr glaubt.

Er selbst kommentierte diese Szene mit der ihm eigenen Mischung aus Sarkasmus und Stolz: „Sie holen mich im Morgenmantel, wie weiland Ulbricht seine Dissidenten. Nur dass ich nicht nach Bautzen muss, sondern ins Studio. Wir sind nicht tot – wir senden weiter.“

Und da war sie wieder, diese Stimme. Diese Stimme, die nicht bricht, sondern sich erhebt. Die nicht trotzig ist, sondern wach. Eine Stimme, die weiß, dass Repression nie das letzte Wort hat.

Denn was tun, wenn der Dissident nicht mit Gewalt kommt, sondern mit Worten? Wenn seine Waffen Sätze sind und seine Strategie Klarheit? Dann bleibt nur noch der Versuch, ihn lächerlich zu machen – und dieser Versuch scheitert immer an sich selbst. Die Lächerlichkeit bleibt nicht beim Angegriffenen hängen. Sie klebt an den Händen der Angreifer.

In diesem Sinne war die Morgenmantel-Szene ein unfreiwilliger Moment der Wahrheit. Eine Wahrheit, die sich nicht mehr zurücknehmen lässt. Man wollte zeigen: Seht her, wir haben ihn. Was man zeigte, war: Seht her, so fürchtet man das Wort.

Und genau deshalb war dieses Urteil, das nun folgte, nicht nur eine juristische Entscheidung. Es war eine späte Wiedergutmachung. Eine stille Geste der Gerechtigkeit – nicht nur an ein Medium, sondern an einen Mann, dem man nicht vergeben wollte, dass er unbequeme Dinge ausspricht.

Die Rückkehr von COMPACT ist nicht das Ende einer Debatte. Es ist ihr Anfang. Ein Anfang, bei dem klar sein sollte: Wir lassen uns nicht mehr einschüchtern. Nicht vom Spiegel. Nicht vom Staat. Nicht von denen, die glauben, die Wahrheit gepachtet zu haben. Denn die Wahrheit gehört niemandem. Und sie ist niemals bequem.

Dieses Urteil war ein Lichtstrahl. Wir werden ihn weitertragen. Mit Worten. Mit Mut. Und mit Liebe zum Land.

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