Der Schuss von Völklingen – Ein deutscher Totentanz

Es gibt Städte, die tragen den Niedergang in ihrer Architektur. Völklingen gehört zu jenen Orten, deren Häuser und Plätze wie Kulissen wirken, abblätternde Haut einer vergangenen Epoche. Die Hütte – einst der pochende Herzschlag der Stadt – steht still, als rostiges Mahnmal industrieller Hybris, UNESCO-Welterbe, aber im Grunde nur Grabstein. Man geht durch die Innenstadt und sieht: geschlossene Läden, verwahrloste Fassaden, eine Straße, die nach Stillstand riecht. Nur das Rascheln der Reklamezettel, die der Wind durch die Gassen bläst, gibt dem Ganzen noch ein Stück Bewegung. Wer diesen Ort kennt, weiß: Er ist Symbol. Symbol für den deutschen Abstieg, für die Provinz, die längst zur Kulisse des globalen Experiments gemacht wurde. Und genau hier, am Donnerstagabend, an einer Tankstelle auf der Karolinger-Brücke, geschah das, was die Republik erschüttern müsste: ein Polizist, im Dienst, erschossen – von einem 18-Jährigen mit deutscher und türkischer Staatsangehörigkeit aus dem Regionalverband Saarbrücken.

Die ersten Schlagzeilen sprachen nüchtern von einem „Mann“. Ein Mann habe die Tankstelle überfallen. Ein Mann sei gestellt worden. Ein Mann habe die Waffe eines Polizisten entrissen. Ein Mann habe geschossen. Die neutrale Kategorie „Mann“, die keine Hautfarbe kennt, keine Herkunft, kein Gesicht. Ein Gespenst also, das ohne Konturen in die Berichterstattung hineinweht. Die Medien haben gelernt, wie man verschweigt, indem man benennt. Sie verschleiern im Schein von Transparenz. Sie geben Fakten preis, die eigentlich nur Masken sind. Und so bleibt das Wesentliche unausgesprochen.

Die Wirklichkeit aber schreit. Ein Polizist, ein 34-jähriger Oberkommissar aus Saarlouis, ein Repräsentant des Staates, liegt an Boden, tot. Ein Familienvater vielleicht, ein Sohn, ein Freund, jemand, der seine Schicht antritt, um Ordnung zu bewahren, und nicht mehr heimkehrt. In Homburg stirbt er, und das Land verharrt in betretenem Schweigen. Natürlich: die pflichtschuldigen Kerzen, die digitalen Trauerflammen in den sozialen Medien, die Schwarzweißfotos mit durchsichtigen Parolen. „In Gedanken bei der Polizei.“ „Danke für euren Dienst.“ Doch dahinter: nichts. Kein Aufschrei, keine wirkliche Wende, keine Erkenntnis. Nur die ritualisierte Betroffenheit, die so sicher abläuft wie der Wetterbericht.

Man stelle sich das gleiche Szenario umgekehrt vor: Hätte ein Deutscher einen Mann mit Migrationshintergrund erschossen, die Titelseiten wären in grellem Neon erleuchtet, die Talkshows vollgestopft mit Empörung, die Kanzlerreden schon in der Vorbereitung. Man hätte von strukturellem Hass gesprochen, vom Gift der Rechten, von der Bedrohung der Demokratie. Doch nun? Ein Polizist ist tot, und die Täterherkunft bleibt lange im Nebel. Das Muster ist zu durchsichtig, als dass man noch von Zufall sprechen könnte.

Das Schweigen der Medien
Die Sprachregelung ist längst institutionalisiert. Wer „Mann“ schreibt, kaschiert nicht die Unkenntnis, sondern den Willen zum Verschweigen. Die Pressestellen haben gelernt, wie man das Schweigen als Tugend ausgibt: Man wolle keine Ressentiments schüren, keine falschen Stimmungen erzeugen. Doch genau das tun sie. Sie verschweigen, um das Bild zu wahren, und zerstören dabei das letzte Vertrauen.

Es ist ein Mechanismus der Immunisierung: Wer nachfragt, wer das Verschweigen kritisiert, gilt als „rechts“. Und rechts heißt in Deutschland: vogelfrei. Wer die Herkunft benennt, riskiert Ausgrenzung, Berufsverbot, soziale Ächtung. Es ist also nicht nur der Täter, der die Waffe in der Hand hatte, sondern auch jene Kultur des Verschweigens, die ihm die Bühne bereitet. Denn es ist diese Gesellschaft, die seit 2015 eine Migration in gigantischem Maßstab nicht nur duldet, sondern feiert, ja fast religiös verklärt.

Die Flüchtlingskrise wurde nicht gelöst, sondern eingefroren. Der Ausnahmezustand wurde zur neuen Normalität. Millionen sind gekommen, und Millionen bleiben. Auch wenn es in diesem Fall ein Deutsch-Türke war: Das Land verändert sich, und die Medien tun so, als sei alles gleich geblieben. Das Feuilleton dichtet über Käsewerbungen, Gendersternchen und die Vorzüge einer offenen Gesellschaft, während draußen Städte verfallen, Beamte sterben und Straßenzüge unkenntlich werden.

Völklingen ist nicht Berlin, nicht Duisburg-Marxloh, nicht das überbelastete Neukölln. Es ist die Provinz, die Kleinstadt, der Ort, den man einst Heimat nannte. Und genau hier, wo man dachte, der Alltag sei sicherer, wird die neue Realität sichtbar. Der Täter, der die Dienstwaffe entreißt, ist nicht nur ein Verbrecher, er ist auch Metapher: für das Entreissen eines ganzen Landes. Deutschland, das einst selbst Herr seiner Waffen war, gibt sie jetzt aus der Hand.

Das postindustrielle Desaster
Wer Völklingen kennt, erinnert sich an die florierende Zeit. An Geschäfte, die sich wie Perlen auf einer Kette durch die Straßen zogen, an eine Stadt, die nicht nur von Arbeit, sondern auch von Kultur lebte. Heute steht nur noch das Erbe – und auch das wie ein hohler Schädel. Die Hüttenarbeiter sind verschwunden, und mit ihnen jene Schicht, die Halt, Ordnung und Stolz repräsentierte. Zurück blieben Arbeitslosigkeit, Brüche, verlorene Biografien.

In diese Brüche strömen die neuen Massen. Wer nichts hat, der wird zum Experimentierfeld derer, die im Überfluss leben. Das Bürgertum, das in seinen Villenvierteln sicher wohnt, feiert die „bunte Gesellschaft“, die „Vielfalt“ und das „Neue“, während die alten Industriestädte die Zeche zahlen. Die Tankstelle wird so zum symbolischen Tatort: der Ort des Transits, des Durchgangs, wo Waren fließen, Menschen anhalten, Geld in Benzin verwandeln. Hier kollidiert die Realität mit der Illusion.

Die linke Identitätspolitik
Es ist bezeichnend, dass die Linke – jene, die sich noch immer als moralische Avantgarde versteht – längst ihre Substanz verloren hat. Die Kritik an der ökonomischen Ungleichheit, an den Strukturen des Kapitals, ist ersetzt durch eine infantile Begeisterung für Diversität. Statt das Proletariat zu verteidigen, verteidigt man nun Identität. Der neue Klassenkampf heißt „Antirassismus“. Und dieser Antirassismus bedeutet in Wahrheit: die Abwertung des Eigenen, die Preisgabe der Heimat, die Zerstörung des Sozialen.

Man sieht es an den Reaktionen. Während ein Polizist stirbt, feiern sich die sogenannten Linken für eine Werbekampagne von Milram. Sie feiern sich für ihren Gratis-Mut – aber nur so lange, wie sie nicht selber betroffen sind. Der Käse wird zur Projektionsfläche für die letzten politischen Gefühle, während Blut auf den Straßen fließt. Es ist eine perverse Verschiebung: das Nebensächliche wird zum Zentrum, das Wesentliche verschwindet im Schatten. Die Linke dreht sich um sich selbst. Eine saturierte Wohlstandsgeneration – insbesondere jene zwischen 25 und 35 Jahren – feiert sich für ihren Gratis-Mut, dabei sind sie träge auch gedanklich.

Die Rituale der Betroffenheit
Nun tauschen all jene ihre Profilbilder aus, die sonst am lautesten gegen „rechts“ schreien. Sie hüllen sich in Blau und Schwarz, sie setzen Hashtags, sie zeigen Betroffenheit. Doch was sie nicht zeigen, ist Konsequenz. Denn Konsequenz hieße: den Kurs zu ändern, den Irrtum einzugestehen, die Tore zu schließen. Stattdessen halten sie an den Ritualen fest. Ein paar Kerzen, ein paar Tränen, dann weiter wie bisher.

Diese Rituale sind nichts anderes als die liturgischen Handlungen einer säkularen Religion. Sie ersetzen den Glauben an Gott durch den Glauben an die bunte Gesellschaft. Jeder Tote, jeder Einzelfall wird weggelächelt mit der Formel: „Darf nicht instrumentalisiert werden.“ Doch was ist es anderes als Instrumentalisierung, wenn man gleichzeitig jede Abweichung nach rechts sofort als Gefahr für die Demokratie brandmarkt?

Und die Wähler von CDU und SPD? Sie werden bald wieder Seite an Seite marschieren, organisiert von denselben Apparaten, die seit Jahrzehnten jede echte Alternative niederhalten. Sie werden „Demokratie“ rufen, wenn sie „Macht“ meinen. Sie werden gegen rechts demonstrieren, als sei dort die Gefahr, während ihre eigenen Entscheidungen das Land erodieren ließen. Es ist eine Heuchelei von gigantischem Ausmaß: die Heuchelei jener, die die Türen öffneten, die Realitäten verdrängten, und die nun so tun, als seien sie die Hüter des Rechtsstaates.

Es gibt eine neue Realität, die nicht mehr zu leugnen ist. Sie ist da in Duisburg, sie ist da in Frankfurt, sie ist da in Völklingen. Man sieht sie in den Straßenzügen, in den Schulklassen, auf den Polizeistatistiken. Man sieht sie in den Toten. Doch die Elite weigert sich, diese Realität anzuerkennen. Sie lebt in abgeschotteten Milieus, die noch nicht betroffen sind. Sie konsumiert Vielfalt wie ein Modeprodukt, während die unteren Schichten das Chaos ertragen müssen.

Die neue Realität ist nicht bunt, sie ist grau. Sie ist nicht vielfältig, sie ist gespalten. Sie bringt nicht Kultur, sondern Konflikt. Und sie ist nicht aufzuhalten, solange man sie nicht benennt. Völklingen ist nicht Ausnahme, es ist Vorbote.

Zwischen den Milieus
Bemerkenswert ist daran vor allem eines: Selbst im migrantischen Milieu entstehen qualitative Unterschiede. Zwischen jenen, die arbeiten, sich eingliedern, Teil des Ganzen werden – und jenen, die das Land nur als Beute betrachten. Wer genau hinsieht, erkennt: Es bricht nicht nur die alte Ordnung, sondern auch die Illusion von einer homogenen „Vielfalt“. Selbst inmitten der Buntheit entstehen Linien, Brüche, Abgrenzungen. Und manchmal sprechen sie klarer aus, was die Einheimischen nicht mehr zu sagen wagen.

Der Schuss, der an diesem Donnerstag fiel, ist mehr als eine Kugel aus einer Dienstwaffe. Er ist das Geräusch einer Nation, die aufwacht – oder einschläft. Er ist der Knall, der zeigt: Ordnung ist nicht mehr selbstverständlich, Sicherheit nicht garantiert. Er ist die Metapher für einen Staat, der seine Beamten nicht mehr schützen kann, weil er seine Bürger nicht schützen will.

Der Polizist ist nicht nur Opfer, er ist Symbol. Er steht für all jene, die an der Front stehen, während die Ideologen in den Redaktionsstuben das Vokabular sortieren. Er steht für jene, die Ordnung aufrechterhalten sollen, während dieselbe Ordnung unterwandert wird. Er steht für ein Deutschland, das sich selbst die Waffen entreißen lässt.

Die letzte Stunde
Völklingen ist ein Denkmal. Ein Denkmal für die industrielle Blüte, ein Denkmal für den Niedergang, ein Denkmal für den Irrweg einer Gesellschaft, die sich selbst verneint. Man könnte sagen: Hier zeigt sich die letzte Stunde. Denn wenn selbst die Provinz nicht mehr sicher ist, wenn selbst die Tankstelle an der Brücke zum Tatort wird, dann ist das, was folgt, keine Frage mehr von ob, sondern nur noch von wann.

Die Medien werden weiter schweigen, sie werden weiter „Mann“ schreiben, sie werden weiter leugnen. Die Politik wird weiter beschwichtigen, weiter beschönigen, weiter zerstören. Und das Volk? Es wird weiterleben, weiterarbeiten, weiterschweigen – bis der nächste Schuss fällt.

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