Schon die erste Kameraeinstellung ist ein Statement: ein Mann mit erwartungsvollem Gesichtsausdruck hält ein Foto von Angela Merkel in die Höhe, als wäre es eine Ikone. Hier wird der Migrationspolitik der Kanzlerin ein quasireligiöser Charakter verliehen. Die ARD-Sendung „Merkels Erbe – 10 Jahre wir schaffen das“ rückt vom ersten Moment an Merkels Credo ins gleißende Licht. Erwartungsvolle Migranten, die ins Dritt-, Viert- oder gar Fünftland Deutschland gekommen sind, tragen das Bild „Mama Merkels“ wie ein heiliges Symbol. Eine Million Menschen kamen – eine Völkerwanderung, die in der Reportage verklärt wird, als sei sie eine moralische Offenbarung.
Immerhin dürfen überforderte Grenzbeamte zu Wort kommen. Doch ihr Auftritt bleibt oberflächlich, eher Staffage als Aufklärung. Ja, der Kontrollverlust wird angedeutet – überfüllte Autobahnen, Schleuser, die durchschlüpfen, Beamte am Limit –, aber er wird nicht wirklich benannt, nicht seziert. Es ist ein dramaturgisches Alibi, das die Inszenierung der Hilflosigkeit zwar zulässt, aber nicht weiterführt. Stattdessen kehrt die Kamera rasch zurück in die vertraute Erzählung der Wohltat.
Schon früh stellt Zamperoni die große Frage: „Hat Angela Merkel Deutschland überfordert?“ Die Antwort liegt auf der Hand. Nein, sie hat nicht nur überfordert, sie hat die Nation in ihren Grundfesten erschüttert. Doch Zamperoni präsentiert Merkel von Beginn an als Retterin. Sie, die durch die Eurokrise geführt habe. Sie, die die Wehrpflicht ausgesetzt habe. Sie, deren „Wir schaffen das“ man ihr angeblich um die Ohren gehauen habe. Während Merkel lakonisch klagt, sitzt Zamperoni huldvoll da – nicht als Journalist, sondern als Schüler. Und wenn Merkel erklärt, „wir“ seien vor einer großen Aufgabe gestanden, bleibt offen, wen sie mit „wir“ meinte. Denn gefragt hat sie niemanden. Sie öffnete die Grenzen im Alleingang, verstieß gegen geltendes Recht, stellte Dublin-Regeln und Artikel 16a praktisch außer Kraft. Davon kein Wort.
Ihre Antwort auf die Überforderungsfrage: „Das glaube ich nicht.“ So emotionslos, so entrückt, dass sie nur von einer kommen kann, die die deutsche Realität im öffentlichen Raum längst nicht mehr kennt. Sie hätte geltendes Recht durchsetzen können. Stattdessen ließ sie ein Heer der Namenlosen ein, oft ohne Pass, aber fast immer mit Smartphone. Orban wurde zum Feindbild stilisiert, der Bösewicht, während Merkel sich selbst als Mutter Teresa inszenierte.
In Passau zeigt die Kamera die Grenzpolizei. Zamperoni kommentiert: „Der Freistaat Bayern leistet sich sogar eine eigene Grenzpolizei.“ Der Unterton: befremdlich, fast verdächtig. Doch eigentlich müsste genau das der Normalfall sein – ein Staat, der seine Grenzen schützt. Die Beamten berichten von Schleusern, die damals, 2015, über die Autobahnen rollten. Aber die Reportage lenkt sofort zurück: nicht der Rechtsbruch, nicht die Polizei steht im Zentrum, sondern erneut die Figur des Flüchtlings.
Zamperonis ideologischer Kommentar: „Eigentlich war ja die Idee eines vereinten Europas, dass die Grenzen offen sind.“ Ein Satz, der wie ein Glaubensbekenntnis klingt. Dass offene Grenzen den Rechtsstaat zersetzen und die Gesellschaft spalten, bleibt unausgesprochen.
Dann Schwäbisch Gmünd: einst Willkommenshochburg, heute der Kipppunkt erreicht. Der Bürgermeister gesteht es ein. An der Mozartschule haben 80 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund. sogenannte Flexi-Klassen für Sprachlernende senken das Niveau. Doch die ARD zeigt wenig später den einen Vorzeigesyrer, der längst in der Krankenpflege arbeitet und inzwischen sogar selbst unterrichtet. Eine Ausnahme wird zur Regel verklärt, während die Statistik nüchtern belegt: 2020 bezogen noch 65 Prozent der Geflüchteten Hartz IV, 2023 sind nur knapp die Hälfte überhaupt erwerbstätig – vielfach in prekären Jobs. Duisburg-Marxloh, andere Problemviertel: sie bleiben unsichtbar.
Die Realität wird zwar szenisch angedeutet – ein Augenzeuge hier, ein Polizeibericht da –, doch das Ganze ist weit mehr. Es ist keine „gefühlte Unsicherheit“, wie Politiker gern sagen, sondern eine reale: Messerattacken auf Polizisten und Mitbürger, Viertel, die längst gekippt sind, strukturelles Behördenversagen, alleingelassene Beamte an Grenzen und Bahnhöfen. Ein Land, das preisgegeben wurde – nicht aus Notwendigkeit, sondern aus einem moralischen Überschwang, der Maß und Mitte verloren hat.
Besonders deutlich wird die Schieflage in Köln. Zamperoni reist zur Kulisse der Silvesternacht 2015/16, wo hunderte Frauen Opfer sexueller Übergriffe wurden. Doch die Opfer selbst kommen nicht zu Wort. Keine Stimmen, keine Gesichter, keine Tränen. Alles wird nüchtern, fast wissenschaftlich-emotionslos erzählt, so als handle es sich um eine abstrakte Fallstudie. Hier verschwinden die Betroffenen hinter Zahlen und Begriffen, wo eigentlich Empathie geboten wäre.
Gleichzeitig zieht sich durch die gesamte Reportage ein anderes Muster: Emotionalität ist durchaus gewollt, aber nur einseitig – beim Migranten. Dessen Erlebnisse, Ängste, Hoffnungen und Sehnsüchte dürfen ausführlich geschildert werden. Die Opfer deutscher Realität dagegen bleiben gesichtslos. Diese Schieflage ist kein Zufall, sondern Teil der Dramaturgie.
Betonpoller auf Marktplätzen sind heute selbstverständlicher als Blumenkübel. Vor 2015 kannte man sie nicht. Sie sind Mahnmale im öffentlichen Raum. Doch in der Reportage werden islamistische Anschläge nüchtern genannt, während am Ende zum „großen Finale“ der Reportage – wie eine Pflichtübung – die plakative „rechte“ Gewalttat präsentiert wird. Ohne Kontext, ohne Tiefe, aber mit dramaturgischer Wucht: Denn das Gleichgewicht muss gewahrt bleiben, Merkel darf nicht im Schatten stehen.
Und die AfD? Sie wird inszeniert wie der eigentliche Störenfried. Nicht als politische Kraft mit Argumenten, sondern als Problem, als dunkles Feindbild, das der moralischen Lichtgestalt Merkel gegenübergestellt wird.
Von der ökonomischen Überforderung kaum ein Wort. Über 150 Milliarden Euro hat die Migrationspolitik seit 2015 verschlungen, allein 2022 rund 27 Milliarden – mehr als der gesamte Verteidigungshaushalt. Kommunen ächzen, Schulen sind überlastet, Sozialkassen angespannt. Doch all das bleibt im Schatten.
Ein Leitmotiv von Merkels Politik war stets die vermeintliche „Alternativlosigkeit“. In Wahrheit jedoch handelte es sich nicht um nüchterne Notwendigkeit, sondern um Merkelschen Absolutismus: eine Herrschaftsform, die jede Diskussion abwürgte, Widerspruch moralisch disqualifizierte und ihre Entscheidungen als einzig mögliche Wahrheit präsentierte.
Am Ende wirkt Zamperoni wie ein fragender Schüler, der Zusammenhänge nicht versteht, nicht wie ein investigativer Journalist. Merkel dagegen bleibt unberührt, unbefleckt, entrückt in ihrem Embryo. Eine Kanzlerin, die nichts bereut, nichts erkennt – die Totengräberin der Nation, verklärt im Lichterkranz, während ihr „Wir“ ein Phantom bleibt, das niemand gefragt hat.
So ist „Merkels Erbe – 10 Jahre wir schaffen das“ kein Dokument, sondern eine Messe. Keine Analyse, sondern eine Huldigung. Eine Heiligenlegende, die Chaos, Rechtsbruch, Kosten und Gewalt übertüncht – und Angela Merkel zur Ikone erhebt. In Wahrheit ist es Propaganda: der Versuch, den braven Spießbürger jenseits der Sechzig einzulullen, ihn mit sakralen Bildern zu besänftigen und von der Realität fernzuhalten.
