Robert Habeck kann nicht leise gehen. Er ist kein Politiker der leisen Schritte, er war immer ein Politiker des Gestus. Und genau das merkt man auch in seinem Abgang. „Kein Gespenst durch die Flure des Bundestags“ wolle er sein, sagt er – und gießt damit seinen Rückzug in eine Metapher. Ein Dichter bis zuletzt, einer, der seine Politik stets in Worte kleidete, weil er nie recht wusste, wie man sie in Taten verwandelt.
Die Mainstream-Presse verabschiedet ihn mit milder Ehrfurcht. Die ZEIT titelt ein schlichtes „Schade“ – ein Seufzer, weichgespült, fast zärtlich. Franz Josef Wagner hingegen findet in seiner Bild-Kolumne ein groteskes Bild: Habeck als Joghurtbecher, einst prall gefüllt, nun leer, ausgespült. Absurdität und Wahrheit zugleich – Plastik statt Pathos, Verpackung statt Vermächtnis.
Habeck lebte von einer eigentümlichen Spannung: diesem fast reumütigen Blick, der vor allem in Talkshows Herzen erweichte, weil er tastend, verletzlich, ja schuldbewusst wirkte – und zugleich von einer moralischen Impertinenz, mit der er seine Überzeugungen vortrug. Er konnte lächeln, als wolle er Abbitte leisten, und im selben Moment so tun, als sei jede andere Position moralisch minderwertig. Dieses Wechselspiel zwischen poetischer Demut und hochmütiger Gewissheit war sein Markenzeichen – und zugleich sein größtes Problem.
Die Bilanz bleibt mager. Offene Grenzen, ein Heizungsgesetz, das als Hammer empfunden wurde, industriefeindliche Regulierung – mehr Verwerfungen als Werke. Legendär aber bleibt das Interview, in dem er nicht wusste, was eine Insolvenz ist. Ein Wirtschaftsminister, der an einem Grundbegriff stolperte, wie ein Schüler, der in der falschen Klasse sitzt. In diesem Moment kollidierte die Pose endgültig mit der Realität.
Es sind Bilder, die sich einbrennen: Habeck, der einst mit der Fähre aus dem Urlaub kam und nicht an Land gehen konnte – ein Symbol seiner Ratlosigkeit. Oder Baerbocks Bonmot: „Ich komme aus dem Völkerrecht, Robert kann was mit Hühnern und Schweinen.“ Ein beiläufiger Satz, der ihn für viele auf ewig als Provinzpoeten brandmarkte.
Und nun, im Abgang, poltert er noch einmal. Söder sei ein „wurstfressender Fetischist“, Klöckner eine Spalterin „mutwillig oder aus Dämlichkeit“. Kein staatsmännisches Schlusswort, sondern ein letzter, giftiger Monolog. Mehr Heine’sche Polemik als politische Analyse.
Seine Kanzlerkandidatur geriet am Ende zur Farce. Habeck, der lange als der eigentliche Hoffnungsträger der Grünen gehandelt wurde, musste zusehen, wie Annalena Baerbock an seiner Stelle ins Rennen ging – ein Entscheid, der mehr aus innerparteilichem Kalkül als aus Überzeugung geboren war. Was folgte, war ein Wahlkampf voller Pannen und Versäumnisse, in dem Habeck selbst die Rolle des Statisten spielte. Statt den Anspruch auf die Kanzlerschaft zu verkörpern, wirkte er wie einer, der das Rampenlicht scheut und sich doch nach ihm sehnt. Gerade in diesem Moment offenbarte sich die ganze Widersprüchlichkeit seines politischen Daseins: der Mann des Gestus, der Dichter der Moral, blieb auf der Strecke, als es um die nüchterne Mechanik der Macht ging.
Doch sein Weg endet nicht. Schon ruft er Berkeley, Stockholm, Kopenhagen. Akademische Bühnen, besser bezahlt, internationaler Glanz. Er inszeniert seinen Rückzug wie eine Fortsetzungsgeschichte – der Dichter in der Politik, der nun wieder zur Sprache zurückkehrt. Selbst der Abgang ist für ihn eine Rolle, die er spielt.
Die Grünen verneigen sich. Der Nachwuchs bleibt zurück, orientierungslos, huldigend, beinahe demütig. Und das Land erinnert sich an einen Mann, der sich mit Deutschland nie identifizieren konnte, der die Nationalhymne im Bundestag nicht mitsang, dem Patriotismus fremd blieb.
So endet Robert Habecks politische Laufbahn, nicht sein berufliches Leben. Was bleibt, ist die Figur eines Polit-Poeten, der nicht leise gehen konnte, weil Gestus immer sein einziges Kapital war – und der genau damit ein Land prägte, überforderte und spaltete.
