Es gibt Sätze, die bleiben nicht wegen ihrer Schärfe, sondern wegen ihrer Schlichtheit. „Das Gesicht der Innenstädte hat sich spürbar verändert“, sagte Friedrich Merz – kein Ausruf, kein Bekenntnis, nur ein Satz, wie ihn jeder Beobachter der Gegenwart aussprechen könnte. Doch das genügte, um ein Land in Wallung zu bringen, in dem das Sichtbare längst nur noch durch das Erlaubte gefiltert werden darf.
Die Empörung war prompt, der Chor der Gerechten formiert. Es war, als hätte Merz ein Tabu berührt, das keiner benennen, aber jeder fühlen kann. Denn das „Bunte“, das daraufhin verteidigt wurde, steht längst nicht mehr für Offenheit oder Humanität. Es ist ein Wort, das glänzt, aber nichts trägt – der Lack einer Republik, die gelernt hat, moralisch zu sprechen, um nicht mehr politisch denken zu müssen.
„Bunt“ – das klingt nach Leben, doch es ist ein Produkt. Ein Werbeslogan, den sich die Republik selbst verkauft hat. Es prangt auf Broschüren, Wahlplakaten und Parteitagen, als wäre es das Gegengift zu jeder Zumutung der Realität. „Bunt“ bedeutet nicht Vielfalt, sondern Fassade; nicht Begegnung, sondern Beruhigung. Ein Wort so dehnbar, dass es in jede Kampagne passt – und in kein Schicksal mehr.
Doch das „Bunte“ hat noch eine zweite, tiefere Schicht – es ist nicht nur Schein, sondern auch Infantilismus. Sein Glanz ist der einer Spielzeugwelt, in der Konflikte keine Folgen und Widersprüche keine Tiefe haben dürfen. „Bunt“ ist die Sprache der Plakate, nicht der Erfahrung. Es appelliert an das Kind in uns, nicht an den Bürger. Es verspricht eine Welt, die sich immerzu selbst versöhnt – eine Republik aus Regenbogenfarben, in der Grau als Verdacht gilt und Differenz als Störung.
Dieser Infantilismus ist kein Zufall, sondern Programm. Er funktioniert, weil er entlastet. Er erlaubt es, Verantwortung in Emotion aufzulösen – Haltung zu haben, ohne Konsequenzen zu tragen. Das Bunte ist die Ästhetik einer Gesellschaft, die sich selbst beruhigt. Es lullt ein, wo Widerspruch nötig wäre, und macht harmlos, was einst ernst war. Die Welt wird zur Bastelstunde, das Politische zum Malbuch. Und wer aus der Reihe malt, gilt nicht als eigenständig, sondern als gefährlich.
In dieser glänzenden Oberflächenwelt lebt eine Klasse, die sich moralisch eingerichtet hat: die Wohlstandslinken – jene akademisch saturierten Mittelschichten, die ihre Haltung tragen wie ein Accessoire. Sie wohnen in den sanierten Vierteln, deren Mieten sie mitbestimmen, sprechen von Solidarität und meinen Komfort. Sie demonstrieren, wenn es gefahrlos ist; sie protestieren, wenn der Gegner aus den Abendnachrichten kommt. Ihre Empörung ist ritualisiert, ihre Haltung dekorativ. Sie sprechen für eine idealisierte Klientel, für die sie auf die Straße gehen – und entmündigen sie dadurch.
Zuletzt wurde Hamburg zu ihrem Opfer, wo im Namen des Klimas ein Bürgerentscheid fiel – und mit ihm die Illusion, man könne politische Schwerkraft aufheben, indem man moralisch höher zielt. Hamburg stimmte für ein Ziel, das so schön klang wie ein Gedicht: klimaneutral bis 2040. Doch hinter der Schönheit verbirgt sich ein Paradox – eine Entscheidung gegen die Menschen, gegen diese Stadt. Gegen Hafen, Industrie, Arbeit. Eine Abstimmung für das Gefühl – und gegen die Wirklichkeit.
Die moralische Euphorie mag hell leuchten, doch sie blendet. Ihre Folgekosten – höhere Energiepreise, steigende Mieten, wirtschaftliche Erosion – tragen nicht jene, die abstimmen, sondern jene, über die abgestimmt wird. So verwandelt sich Demokratie in einen Spiegel ihrer eigenen Träume.
Währenddessen hält die CDU an ihrer unsichtbaren Architektur fest: an der Brandmauer. Schon der Begriff verrät künstliche Grenzziehung jenseits demokratischer Vernunft – ein Gebilde aus Angst, kein Bollwerk der Freiheit. Sie ist ein ideologisches Bauwerk, das nie die Demokratie schützte, sondern sie umdeuten soll. In ihr manifestiert sich die Furcht vor dem Realen: Sie trennt nicht Radikale von Demokraten, sondern Angst von Möglichkeit. Man könnte mit Heidegger sagen: Es ist eine Abgrenzung vom Seienden – ein Versuch, das Dasein zu vermeiden, um das Selbstbild zu retten.
Diese Brandmauer ist das letzte Bindemittel einer entkernten Partei, die keine Mitte mehr kennt – nur noch Angst vor den Rändern, die in Wahrheit längst die konservative Mitte sind. Die Mauer bietet trügerischen Halt, wo kein Inhalt mehr ist, und verwandelt Politik in Moraltechnik. Soziologisch betrachtet ist sie eine Form negativer Solidarität: ein Zusammenhalt durch Trennung, eine Identität durch Ausschluss.
Und Merz? Er steht inzwischen wie ein Sinnbild dieser hohlen politischen Richtung da – getrieben zwischen linksgrüner Profilneurose und konservativer Selbstverleugnung. Ein Verwalter des Überdrusses, kein Erneuerer. Er hat alle Versprechen gebrochen: versprochen wurde Entlastung, gekommen sind steigende Abgaben. Versprochen wurde Kontrolle, geblieben sind offene Grenzen. Versprochen wurde Sicherheit, geliefert wird Aufrüstung – als moralische Pflicht verkauft, während die sozialen Sicherungen porös werden. Merz spricht vom „notwendigen Wehrwillen“, als wäre das Land ein Unternehmen mit militärischem Geschäftsmodell. Seine „Zeitenwende 2.0“ besteht im Rüsten, nicht im Denken – im Verharren, nicht im Gestalten. Und so verkauft er, was von Verantwortung übrig bleibt, als Sachzwang.
Doch Brandmauern fallen nicht durch Angriff, sondern durch Bedeutungslosigkeit. Sie verlieren ihre Funktion, wenn sich das Gelände verändert. Wo die alten Parteien in der Sprache des Marketings sprechen, erwacht andernorts die Sehnsucht nach Wirklichkeit – nach jenem einfachen Satz, der wieder Bedeutung tragen darf. Frank und frei zu sagen: „Das Gesicht unseres Landes hat sich zum Negativen verändert.“ – das muss wieder möglich sein.
Und vielleicht, ganz leise, beginnt bereits der Erosionsprozess. Mit einer möglichen Neuauszählung der Bundestagswahl-Stimmen zugunsten des BSW und dem weiteren Auseinanderbrechen jener brüchigen Mehrheiten, die das Kartell der Selbstzufriedenen bilden. Vielleicht fällt die Brandmauer nicht mit einem Knall, sondern mit einem Knistern – leise, beinahe unmerklich, wie eine Wand, die in sich selbst zerbricht. Das wäre das politische Ende der Merz-Kanzlerschaft. Zweifellos.
Doch über allem aber liegt vorerst das „Bunte“ – der Lack der Republik, glänzend, glatt, unberührt. Er überzieht die Widersprüche, deckt die Brüche mit einem infantilen Lebensverständnis zu. Und doch: Unter der Oberfläche arbeitet das Material. Es gärt, es knackt, es will sich verändern.
Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung unseres Landes: Dass der Lack sich zu lösen beginnt. Dass das, was so glänzend schien, sich als spröde erweist. Und dass dort, wo das „Bunte“ sich als Fiebertraum entpuppt, endlich wieder etwas sichtbar wird, das echte Farbe in sich trägt –
nicht aus Tinte, sondern aus Wirklichkeit.
