Die große Panik – und das kleine Wegsehen

Über Grönland, Trump und Europas Flucht vor den eigenen Frontlinien

von Andreas M. Altmeyer

Es beginnt stets gleich. Nicht mit Analyse, nicht mit nüchterner Einordnung, sondern mit Panik. Mit einem aufgeregten Grundrauschen, das sich durch Leitartikel, Nachrichtensendungen und sogar den öffentlich-rechtlichen Hörfunk zieht, sobald der Name Donald Trump fällt. Dann ist von tektonischen Verschiebungen die Rede, vom drohenden Zerfall der NATO, vom Ende der westlichen Ordnung. Ein einziger Satz Trumps über Grönland genügte, um ein Szenario zu entwerfen, als stünde Europa unmittelbar vor dem geopolitischen Abgrund.

Diese Panik ist kein Unfall. Sie ist Methode. Sie ersetzt Denken durch Erregung. Wer Angst erzeugt, muss nichts erklären. Wer Trump dämonisiert, muss sich nicht mit Interessen, Machtachsen und realen Abhängigkeiten befassen. Dabei geht es nie um Trump als Person, sondern um Geopolitik – und um Europas bemerkenswerte Weigerung, sie ernst zu nehmen.

Grönland wurde in dieser Erregung zur moralischen Bühne erhoben. Plötzlich war von verletzter Souveränität die Rede, von kolonialem Denken, von unanständiger Machtpolitik. Besonders eifrig in dieser Empörung: Friedrich Merz. Bemerkenswert ist dabei weniger das Pathos als die Auswahl der Themen. Das Wort Grönland geht Merz erstaunlich leicht über die Lippen – sehr viel leichter als das Wort Deutschland. Grönland ist fern, abstrakt, folgenlos. Deutschland hingegen wäre konkret. Wer über deutsche Souveränität spricht, müsste erklären, warum sie seit Jahren schwindet. Über Grönland zu sprechen erlaubt Haltung ohne Risiko.

Dabei wird im öffentlichen Diskurs ein zentraler Sachverhalt konsequent verdrängt: Grönland ist NATO-Territorium. Die amerikanische Präsenz dort ist kein Akt der Aggression, sondern seit Jahrzehnten integraler Bestandteil der westlichen Sicherheitsarchitektur. Frühwarnsysteme, Raketenabwehr, Luftraumüberwachung – Grönland ist der vorgeschobene Sensor des Nordatlantiks. Wer diese Realität ignoriert, ersetzt strategisches Denken durch moralische Pose.

Dass die USA Grönland sicherheitspolitisch ernst nehmen, ist keine Erfindung Trumps. Schon unter Barack Obama begann eine stille, aber konsequente Neuverortung der Arktis. Der Klimawandel wurde in Washington nicht nur als Umweltfrage verstanden, sondern als geopolitischer Beschleuniger. Schmelzendes Eis bedeutete neue Schifffahrtsrouten, neue Rohstoffzugänge, neue militärische Verwundbarkeiten. Grönland rückte ins Zentrum strategischer Planungen – leise, technokratisch, ohne Schlagzeilen. Multilaterale Foren, Forschungskooperationen, diplomatische Flankierung: alles mit dem Ziel, Einfluss zu sichern und Rivalen zu begrenzen.

Unter Joe Biden wurde diese Linie nicht revidiert, sondern vertieft. Die Arktis avancierte endgültig zum sicherheitspolitischen Schlüsselraum. Grönland wurde stärker in Raketenabwehr-, Raumfahrt- und Überwachungskonzepte integriert – vor allem im Kontext der Konkurrenz mit China. Peking agiert leise, langfristig, technisch: Forschungsstationen mit Dual-Use-Potenzial, Satellitenprogramme, Infrastrukturprojekte im erweiterten arktischen Raum. Von dort aus schrumpfen Reaktionszeiten. Die Flugzeit moderner Systeme bis tief nach Nordamerika beträgt nur Minuten – Sekunden entscheiden. Genau hier liegt der Kern amerikanischer Interessen. Trump hat diese Realität nicht geschaffen. Er hat sie ausgesprochen.

Europa reagierte darauf nicht mit strategischer Selbstvergewisserung, sondern mit Empörung. Und diese Empörung erfüllt eine weitere Funktion: Sie lenkt ab. Emmanuel Macron und Merz reden den Menschen diesen Konflikt regelrecht ein – als großen äußeren Schock –, um vom eigenen politischen Versagen abzulenken. Der Blick nach Grönland ersetzt die Bilanz in Paris und Berlin. Macron stilisiert sich als geopolitischer Dirigent, während Frankreich real an Einfluss verliert; Merz simuliert Entschlossenheit, ohne deutsche Interessen zu definieren.

Dabei liegt ein wesentlicher Teil der Wahrheit in den Handels- und Schifffahrtslinien. Mit dem Abschmelzen des arktischen Eises entstehen neue Routen nach Europa. Die Nordostpassage und perspektivisch transarktische Wege verkürzen Transportzeiten zwischen Asien, Nordamerika und europäischen Häfen erheblich. Wer diese Linien kontrolliert, setzt Standards, Preise und Sicherheitsregime. Für Europa ist das existenziell: Rotterdam, Hamburg, Antwerpen – sie hängen an stabilen, berechenbaren Wegen. Grönland liegt an dieser Nahtstelle. Dass die USA hier Präsenz zeigen, sichert nicht nur amerikanische, sondern auch europäische Interessen.

Aus EU-Perspektive sind erhöhte Zölle ein schwieriges Thema. Sie treffen ein Wirtschaftsmodell, das auf Export und offene Märkte baut. Doch auch hier verwechselt Europa Ursache und Instrument. Trump nutzt Zölle als Verhandlungshebel, um Abhängigkeiten neu zu ordnen. Europa hingegen hat jahrelang geblufft – mit wohlklingenden Erklärungen und Drohkulissen ohne Machtunterfütterung. Diese Politik der Bluffs und Falschbehauptungen ist entlarvt. Beispielhaft zeigen das die von Trump veröffentlichten Macron-SMS, die die große Rhetorik europäischer Führungsfiguren als politisches Improvisationstheater bloßlegten. Anbiedernd. Devot.

Und während man sich an Grönland und Zöllen abarbeitet, übersieht man das Naheliegende. Die eigentliche Dramatik spielt sich nicht im arktischen Eis ab, sondern mitten in Deutschland: eine desaströse Migrationslage, ein Sozialstaat am Rand der Überforderung, eine Industrie, die abwandert, weil Energiepreise, Regulierung und Unsicherheit Planung unmöglich machen. Das sind die Frontlinien. Nicht Grönland. Nicht ferne Eisflächen. Und auch nicht die dauerhafte Moralisierung der Ukraine als Ersatzhandlung für eigene politische Leere.

Hier kulminiert der bezeichnendste Befund: Deutschland selbst ist für Merz ein Flyover-Land. Ein Raum, den man politisch überfliegt, ohne zu landen. Wenn er nicht über Grönland spricht, spricht er über die Ukraine. Über Fronten, Prüfungen, historische Bewährung. Alles ist fern, alles ist groß, alles ist moralisch aufgeladen – nur eines kommt nicht vor: Deutschland. Merz will über Deutschland weder nachdenken noch reden. Denn Deutschland zwingt zu Antworten auf Fragen, die wehtun. Über die Ukraine zu reden ist einfacher. Es ist eindeutig, anschlussfähig, international beklatscht. Deutschland hingegen wäre der Ort der Zumutung.

So wird die Panik zur doppelten Entlastung: Sie dämonisiert einen unbequemen amerikanischen Akteur – und sie stabilisiert eine europäische Politik, die sich vor der eigenen Realität fürchtet. Trump ist in diesem Spiel kein Dämon, sondern ein Störsignal. Er erinnert daran, dass Politik Interessen kennt, Räume und Routen, Macht und Verhandlung. Europas eigentliche Angst gilt nicht ihm, sondern der Erkenntnis, wie brüchig die eigene Selbsttäuschung geworden ist.

Während im arktischen Eis leise Geschichte geschrieben wird, brennt im Inneren der Republik das Fundament. Und genau darüber müsste gesprochen werden. Jetzt.

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