Man muss es deutlich sagen, bevor man in juristische oder geopolitische Abwägungen eintritt: Das iranische Regime ist brutal. Ich habe selbst Aufnahmen gesehen, die sich einbrennen. Pick-ups, die nachts durch Straßen rasten und wahllos in Protestzüge hineinfeuerten. Junge Männer, die auf dem Asphalt zusammensackten. Zerschossene Gesichter. Frauen, die nach Verhaftungen verschwanden und nie wieder auftauchten. Familien, die vor Gefängnissen warteten – ohne Nachricht, ohne Grab, ohne Gewissheit.
Die Islamische Republik unter Ali Khamenei stand für ein System, das religiöse Autorität mit staatlicher Gewalt verschmilzt. Sein Vorgänger Ruhollah Khomeini hatte die ideologische Architektur dieser Ordnung errichtet. Die Revolutionsgarden sind nicht nur militärische Formation, sondern ökonomisches Machtzentrum, Geheimdienstapparat und ideologischer Arm des Staates. Dissens wird nicht als legitimer politischer Ausdruck verstanden, sondern als Gefahr.
All das ist real. All das ist moralisch empörend. Doch genau hier beginnt die entscheidende Unterscheidung: Die Grausamkeit eines Regimes ist keine völkerrechtliche Blankovollmacht für einen Angriffskrieg.
Völkerrecht und das zweierlei Maß
Die Militärintervention der USA in Kooperation mit Israel wird in vielen deutschen Leitmedien erstaunlich nüchtern eingeordnet. Von „gezielten Schlägen“ ist die Rede, von „strategischer Abschreckung“, von „Sicherheitsinteressen“. Der Ton bleibt kontrolliert. Fast technisch.
Doch das Gewaltverbot der UN-Charta ist kein Instrument politischer Sympathien. Ohne Mandat des Sicherheitsrates oder eine unmittelbare Selbstverteidigungslage bleibt ein militärischer Erstschlag völkerrechtlich hochproblematisch.
Wenn Russland die Ukraine angreift, sprechen wir – zu Recht – von einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Diese Klarheit darf nicht selektiv sein. Recht verliert seine Glaubwürdigkeit, wenn es abhängig von Bündnissen ausgelegt wird.
Gerade Deutschland, das seine Außenpolitik gern moralisch unterfüttert, müsste hier konsistent sein. Stattdessen werden iranische Gegenschläge scharf verurteilt, während man gegenüber Washington auffallend zurückhaltend bleibt. Diese Asymmetrie ist es, die viele Bürger als Doppelmoral empfinden.
Militärische Realität statt Wunschdenken
Hinzu kommt eine nüchterne militärische Betrachtung, die in vielen Debatten fehlt. Der Iran ist kein kleiner Staat, der sich durch einige Luftschläge destabilisieren lässt. Wir sprechen von einem Land mit rund 80 Millionen Einwohnern – einem der bevölkerungsreichsten Staaten der Region.
Etwa 1,5 Millionen Menschen stehen unter Waffen: reguläre Streitkräfte, Basidsch-Milizen, Einheiten der Revolutionsgarden. Teile dieser Formationen agieren nicht einmal in klassischer Uniform, sondern sind tief in die zivile Struktur eingebettet. Die Revolutionsgarden sind wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich verankert.
Wie soll unter diesen Bedingungen durch Bombardierungen eine strukturelle Verbesserung herbeigeführt werden? Luftschläge können Infrastruktur zerstören. Sie können Führungsebenen treffen. Aber sie ersetzen keine politische Transformation.
Wer ernsthaft einen Regimewechsel erzwingen wollte, müsste faktisch einen Bürgerkrieg im Inneren provozieren – bewaffnete Gruppen aufbauen, rivalisierende Machtzentren stärken, Fraktionen gegeneinander ausspielen. Eine solche Operation wäre hochkomplex. Selbst die Central Intelligence Agency ist historisch an vergleichbaren Szenarien gescheitert. Afghanistan und Irak liefern warnende Beispiele.
Die Vorstellung, man könne ein Land dieser Größe und militärischen Durchdringung aus der Luft neu ordnen, wirkt wie geopolitische Hybris.
Regionale Sprengkraft und ökonomische Folgen
Parallel zur militärischen Eskalation rückt ein geographischer Engpass in den Mittelpunkt: die Straße von Hormus. Rund 20 Prozent des weltweiten Erdöls passieren diese schmale Meerenge. Schon die Androhung einer Sperrung genügt, um Märkte nervös zu machen. Reedereien zögern, Versicherungsprämien steigen, Energiepreise reagieren sofort.
Für Deutschland ist das keine abstrakte Größe. Steigende Ölpreise treffen Industrie, Mittelstand und Verbraucher unmittelbar. Nach der Neuordnung der Energieimporte bleibt die Bundesrepublik empfindlich gegenüber globalen Verwerfungen. Ein Flächenbrand im Golfraum würde sich in Heizkosten, Transportpreisen und letztlich im Supermarkt bemerkbar machen.
Hinzu kommt die diplomatische Dimension. In Genf liefen unter Vermittlung des Oman Gespräche, die nach Berichten überraschend weit fortgeschritten waren. Der Iran soll zu substantiellen Zugeständnissen bereit gewesen sein, insbesondere in Fragen nuklearer Transparenz. Wenn diplomatische Fortschritte tatsächlich greifbar waren, wirft die militärische Eskalation ein umso grelleres Licht auf die Prioritätensetzung.
Diplomatie ist mühsam. Aber sie verhindert Blutvergießen. Bomben setzen unumkehrbare Tatsachen.
Interessen, Symbolik und die Gefahr der Eskalation
Es wäre naiv zu glauben, dass es bei solchen Interventionen primär um humanitäre Motive geht. Großmächte handeln interessengeleitet. Im Nahen Osten spielt der Energiemarkt eine zentrale Rolle. Die Sicherung des Petrodollars – also der Dominanz des US-Dollars im globalen Ölhandel – ist ein strategischer Faktor. Kontrolle über Energieflüsse bedeutet Einfluss auf Finanzströme und geopolitische Hebel.
Gleichzeitig darf man die symbolische Dimension nicht unterschätzen. Ali Khamenei war nicht nur Staatsoberhaupt, sondern religiöse Autorität für Millionen Schiiten weltweit. Seine gezielte Ausschaltung hat eine religiöse und politische Sprengkraft, die weit über den Iran hinausreicht. Proteste in schiitisch geprägten Regionen zeigen bereits, wie stark diese Identifikation wirkt.
Historisch betrachtet führen äußere Angriffe häufig nicht zur Liberalisierung, sondern zur inneren Verhärtung. Ein Machtvakuum wird nicht von Reformern gefüllt, sondern von noch kompromissloseren Kräften innerhalb der Revolutionsgarden.
Am Ende stehen zwei nüchterne Feststellungen: Das iranische Regime ist brutal. Und ein völkerrechtswidriger Angriff bleibt völkerrechtswidrig, selbst wenn er sich gegen ein brutales Regime richtet.
Ein Flächenbrand im Nahen Osten hätte für Europa reale Folgen – ökonomisch, sicherheitspolitisch und sozial. Steigende Energiepreise, mögliche neue Migrationsbewegungen, erhöhte Terrorrisiken. Deutschland hat ein elementares Interesse daran, sich weder wirtschaftlich noch gesellschaftlich destabilisieren zu lassen.
Gerade deshalb braucht es deutsche Politiker, die besonnen handeln. Die nicht in moralischer Euphorie oder Bündnisreflexen verharren, sondern nüchtern die Interessen ihres Landes vertreten. Die das Völkerrecht konsistent anwenden und Eskalationen kritisch benennen – unabhängig davon, wer sie auslöst.
Zwischen Tyrannei und Krieg gibt es keine einfache Lösung. Aber es gibt einen Maßstab: Recht, Stabilität und die Verantwortung, nicht aus Empörung heraus eine Eskalation zu unterstützen, deren Folgen am Ende größer sind als ihr vermeintlicher Nutzen.
Es hat beinahe etwas von „Die Geister, die ich rief“. Dass heute Teile der iranischen Bevölkerung ausgerechnet die USA als Schutzmacht gegen das eigene Regime ins Feld führen, trägt eine historische Ironie in sich, die kaum zu übersehen ist. Denn es waren eben jene Vereinigten Staaten – gemeinsam mit Großbritannien –, die 1953 im Rahmen der Operation „Ajax“ den demokratisch gewählten Premierminister Mohammad Mossadegh stürzen ließen. Mossadegh hatte die iranische Ölindustrie verstaatlicht und damit westliche Interessen massiv berührt.
Der anschließende Ausbau der Macht von Mohammad Reza Pahlavi, dem Schah von Iran, wurde von Washington politisch und geheimdienstlich flankiert. Seine autoritäre Modernisierung, gestützt durch den berüchtigten Geheimdienst SAVAK, schuf über Jahre hinweg jene Repressionsstruktur, die letztlich den revolutionären Gegenschlag von 1979 befeuerte – und damit den Aufstieg der Islamischen Republik unter Ruhollah Khomeini.
Man kann die Geschichte des Iran der letzten siebzig Jahre kaum erzählen, ohne diese Intervention von 1953 als Zäsur zu begreifen. Die Destabilisierung einer jungen parlamentarischen Ordnung zugunsten geopolitischer und wirtschaftlicher Interessen wirkte wie ein politisches Langzeitgift.
Das entbindet die heutige Führung in Teheran keineswegs von ihrer eigenen Verantwortung. Aber es relativiert die Vorstellung, die USA stünden außerhalb dieser historischen Entwicklung. Wer politische Systeme manipuliert, wer Regierungen stürzt und Machtverhältnisse formt, trägt Mitverantwortung für die langfristigen Folgen.
Dass nun erneut militärisch interveniert wird, während zugleich auf moralische Legitimation verwiesen wird, fügt sich in diese lange Linie ein. Geschichte wiederholt sich nicht mechanisch – aber sie hinterlässt Strukturen, Misstrauen und Machtgefüge. Und manchmal ruft man tatsächlich die Geister, die man später nicht mehr kontrollieren kann.
