Das Brennglas der Empörung – Öffentlichkeit, Moral und der Gratismut unserer Zeit

Dieser Text handelt auf den ersten Blick vom Fall Colin Fernandez und Christian Ulmen. In Wirklichkeit handelt er von Medien, von Macht, von Moral und von selektiver Empörung. Er handelt von Leitartikeln und Aufmachern, von Demonstrationen und Aktivisten, von Prominenten und Gratismut, von Politikern und Gesetzesentwürfen. Und er handelt von der Frage, warum manche Fälle ein nationales Beben auslösen, während andere kaum eine Schlagzeile wert sind.

Der Fall selbst wird juristisch zu klären sein. Aber das, was danach passiert ist – das mediale Trommelfeuer, die moralische Selbstinszenierung, die politische Betriebsamkeit – sagt bereits jetzt mehr über den Zustand unserer Öffentlichkeit aus als jeder Gerichtssaal es jemals könnte. Denn manchmal ist nicht der Vorwurf das eigentliche Thema, sondern die Gesellschaft, die daraus ein Spektakel macht.

von Andreas M. Altmeyer

Es gibt Ereignisse, die sind nicht nur Ereignisse, sondern Spiegel. Spiegel einer Gesellschaft, ihrer Moral, ihrer Medien, ihrer politischen Reflexe. Der Fall Colin Fernandez und Christian Ulmen ist ein solcher Spiegel. Was hier zu beobachten ist, sagt womöglich weniger über die beteiligten Personen aus als über den Zustand der Öffentlichkeit in diesem Land.

Zunächst muss – und das ist entscheidend – eine Selbstverständlichkeit an den Anfang gestellt werden: Sollte Christian Ulmen eine Straftat begangen haben, gehört er vor ein Gericht und muss, wenn er schuldig gesprochen wird, verurteilt werden. Sollte er unschuldig sein, gilt die Unschuldsvermutung. So funktioniert ein Rechtsstaat. Nicht durch Leitartikel, nicht durch Demonstrationen, nicht durch moralische Tribunale in sozialen Netzwerken.

Und doch zeigt dieser Fall, wie sehr sich neben dem Rechtsstaat eine zweite Instanz etabliert hat: die moralische Öffentlichkeit. Eine Öffentlichkeit, die schneller urteilt, emotionaler urteilt und oft endgültiger urteilt als jedes Gericht.

Das eigentlich Bemerkenswerte ist nämlich nicht nur der Vorwurf selbst, sondern das mediale Echo. Innerhalb kürzester Zeit wurde aus einem möglichen Einzelfall ein nationales Thema. Große Medien machten auf, Talkshows diskutierten, Prominente distanzierten sich, Demonstrationen wurden organisiert, politische Forderungen tauchten auf. Wenn Magazine wie Der Spiegel Leitartikel schreiben und die Tagesschau einen Fall zum Aufmacher machen, dann ist klar: Hier wird nicht mehr nur berichtet, hier wird gewichtet, hier wird Meinung gemacht.

Medien berichten nicht nur über Realität – sie ordnen Realität. Und diese Ordnung entscheidet darüber, was ein nationales Thema wird und was eine Randnotiz bleibt.

Und genau hier beginnt das Unbehagen vieler Menschen.

Denn parallel zu solchen medialen Großereignissen existiert eine Realität von Gewaltverbrechen gegen Frauen, die selten zu nationalen Debatten werden. Vergewaltigungen, Gruppenvergewaltigungen, Messerangriffe, Tötungsdelikte – vieles davon passiert, vieles davon ist statistisch erfasst, vieles davon erscheint in Polizeimeldungen. Aber nur selten wird daraus ein Leitartikel, nur so gut wie nie ein Aufmacher, nur selten eine Demonstration vor dem Brandenburger Tor.

Und in diesem Zusammenhang wird ein Punkt immer wieder angesprochen, der zur kriminalstatistischen Debatte gehört: dass bei bestimmten schweren Gewaltverbrechen, insbesondere bei Gruppenvergewaltigungen, Täter mit Migrationshintergrund statistisch überproportional vertreten sind. Diese Tatsache wird seit Jahren in kriminalstatistischen Auswertungen diskutiert und ist Teil der politischen Debatte über Migration, Integration und Kriminalität. Immer wieder wird zu Recht darauf hingewiesen, dass diese Fälle medial oft deutlich weniger Aufmerksamkeit bekommen als Fälle, die sich politisch anders einordnen lassen.

Das zeigt, dass Empörung in Deutschland selektiv ist. Dass nicht jede Gewalt gegen Frauen dieselbe Aufmerksamkeit bekommt. Dass es darauf ankommt, wer Täter ist, wer Opfer ist und welche politische Geschichte sich daraus erzählen lässt.

Doch der vielleicht peinlichste Teil dieser ganzen Debatte ist ein anderer:
der Gratismut der Prominenten.

Plötzlich melden sich Schauspieler, Moderatoren, Influencer, Aktivisten, Politiker – alle haben eine Meinung, alle distanzieren sich, alle sind moralisch eindeutig positioniert. Man könnte meinen, Deutschland bestehe aus lauter Menschen mit außergewöhnlichem moralischem Mut.

Aber wo sind diese Stimmen, wenn echte Vergewaltigungen stattfinden?
Wo sind diese Prominenten, wenn wieder eine Gruppenvergewaltigung passiert?
Wo sind die Demonstrationen, wenn Frauen tatsächlich Opfer schwerer Gewalt werden?
Wo sind die großen Leitartikel dann?
Wo sind die Hashtags, wo sind die Lichterketten, wo sind die Statements?

Und man kann die Frage noch weiter fassen: Wo waren diese Prominenten, als während der Corona-Politik Freiheitsrechte eingeschränkt wurden? Wo war der moralische Aufschrei, als Grundrechte monatelang massiv eingeschränkt wurden? Wo war der Mut, als es wirklich unbequem gewesen wäre, sich zu äußern?

Die Antwort ist unangenehm: Viele äußern sich nur dann, wenn es ungefährlich ist. Wenn die Meinung gesellschaftlich erwünscht ist. Wenn man Applaus bekommt statt Gegenwind. Wenn man moralisch auf der sicheren Seite steht.

Das ist kein Mut. Das ist Gratismut.

Gratismut ist die moralische Währung unserer Zeit. Man äußert sich zu Themen, bei denen man nichts riskiert, aber Applaus bekommt. Man unterschreibt offene Briefe, wenn sie ohnehin die Mehrheitsmeinung widerspiegeln. Man distanziert sich, wenn sich alle distanzieren. Man demonstriert, wenn Kameras da sind. Man ist mutig, wenn Mut nichts kostet.

Der Einzelfall wird zum Symbolfall.
Und der Symbolfall wird zur Systemdebatte.

Parallel dazu werden Begriffe verschoben. In diesem Zusammenhang fiel der Begriff der „virtuellen Vergewaltigung“. Hier muss man sehr vorsichtig sein. Digitale Bloßstellung oder Demütigung können schwerwiegende psychische Folgen haben und müssen ernst genommen werden. Aber eine physische Vergewaltigung ist ein massiver Gewaltakt gegen den Körper eines Menschen. Wenn man Begriffe aus der physischen Gewalt auf andere Kontexte überträgt, verwischt man Unterschiede. Und wenn Unterschiede verschwinden, verschwinden Maßstäbe.

Eine Gesellschaft ohne Maßstäbe verliert die Fähigkeit zu urteilen.

Parallel dazu entwickelte sich die politische Dimension des Falles mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Demonstrationen wurden organisiert, Aktivisten traten auf, politische Forderungen wurden formuliert. Unter den Rednern tauchte auch Dauer-Aktivistin Luisa Neubauer auf, die ursprünglich aus der Klimabewegung bekannt wurde, inzwischen aber in vielen gesellschaftspolitischen Debatten präsent ist. Das zeigt eine interessante Entwicklung unserer Zeit: Aktivismus ist nicht mehr thematisch gebunden, sondern moralisch anschlussfähig.

In diesem Kontext taucht auch immer wieder die Organisation HateAid auf, die sich gegen digitale Gewalt und Hass im Netz engagiert und seit Jahren strengere Regulierung des Internets, stärkere Strafverfolgung im digitalen Raum und teilweise auch Klarnamenmodelle oder Identifizierbarkeit im Netz fordert. Wenn nun Fälle digitaler Übergriffe oder digitaler Gewalt medial stark aufgegriffen werden, muss der Eindruck, dass hier nicht nur über Einzelfälle gesprochen wird, sondern langfristig politische Weichen gestellt werden könnten – etwa in Richtung stärkerer Internetregulierung, digitaler Identitäten oder Klarnamenpflicht.

Kaum war der Fall öffentlich diskutiert, wurden bereits gesetzgeberische Konsequenzen in den Raum gestellt. Selbst die Bundesjustizministerin sprach sehr früh über mögliche gesetzliche Verschärfungen im Bereich digitaler Gewalt und Internetregulierung. Es wirkte fast so, als habe man entsprechende Gesetzesideen bereits in der Schublade gehabt und warte nur noch auf einen öffentlichkeitswirksamen Anlass, um sie zu platzieren. Das ist politisch kein ungewöhnlicher Mechanismus – Einzelfälle werden oft zum Katalysator für bereits geplante Gesetzesvorhaben. Dennoch zeigt sich hier ein Muster unserer Zeit: Erst kommt die mediale Empörung, dann die moralische Mobilisierung, und kurz darauf folgt die politische Regulierung. Genau an dieser Stelle sollte eine freiheitliche Gesellschaft besonders aufmerksam sein.

Besonders bemerkenswert ist, wer solche Entwicklungen oft beklatscht. Häufig sind es Menschen, die selbst kaum digital unterwegs sind, die die Mechanismen des Internets nicht verstehen, die vielleicht nicht einmal in sozialen Netzwerken aktiv sind – und dennoch laut nach Regulierung, Klarnamenpflicht oder digitaler Kontrolle rufen. Es ist ein paradoxes Phänomen unserer Zeit: Über das Internet entscheiden und urteilen oft jene, die es am wenigsten nutzen oder verstehen. Die Konsequenzen – etwa für Meinungsfreiheit, Anonymität, Whistleblower, politische Opposition oder kritische Journalisten – werden dabei kaum bedacht. Man könnte zugespitzt sagen: zu viel Meinung, zu wenig Wissen.

Geschichte zeigt, dass Freiheitsrechte selten auf einmal verschwinden. Sie verschwinden schrittweise, meist mit guten Begründungen, meist im Namen der Sicherheit, meist im Namen des Schutzes, meist im Namen eines guten Zwecks.

Am Ende dieser Entwicklung steht oft die Erkenntnis, die schon vor Jahrhunderten formuliert wurde. Der amerikanische Staatsmann Benjamin Franklin schrieb einmal einen Satz, der bis heute nichts an Aktualität verloren hat:

„Wer wesentliche Freiheiten aufgibt, um ein wenig vorübergehende Sicherheit zu erlangen, verdient weder Freiheit noch Sicherheit.“

Vielleicht ist das der Satz, der über dieser ganzen Debatte stehen sollte. Denn der Fall Fernandez/Ulmen wird irgendwann juristisch geklärt sein oder auch nicht. Aber die Fragen, die dieser Fall aufwirft, werden bleiben: über Medien, über Moral, über Öffentlichkeit, über politische Instrumentalisierung, über Freiheit und Sicherheit.

Und manchmal sagt nicht das Ereignis selbst etwas über eine Gesellschaft aus –
sondern das Echo, das es auslöst.

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