Sie kamen, wie man nicht kommen sollte: als Abgesandte eines einst mächtigen Kontinents, der inzwischen mehr glaubt als rechnet. Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, landete nicht in Washington, nicht in Brüssel, sondern in Turnberry, Schottland – in einem Golfressort, das Donald Trump gehört. Das Bild sprach Bände, lange bevor das erste Wort fiel. Es war nicht das Setting einer Verhandlung. Es war ein Auftritt in fremdem Haus. Und man spürte: Wer hier unterschreibt, der nimmt nicht teil. Der gehorcht.
„It’s a fair deal. Europe needs us more than we need them,“ sagte Trump – und grinste. Die Presse notierte brav die neuen Zollsätze: 15 Prozent auf europäische Exportgüter in die USA. Fünf Prozent mehr als zuvor. Ein bisschen mehr Druck auf deutsche Autos, Maschinen, Pharmaerzeugnisse. Nichts, was nach Krieg klang. Doch der Zuwachs war bloß der Vorwand. Der eigentliche Vertrag, unterzeichnet auf Rasenhöhe, enthielt Verpflichtungen, die Europa in den kommenden Jahrzehnten binden werden wie ein Schuldschein.
Erstens: 750 Milliarden Dollar für Energieimporte aus den USA – vorzugsweise Fracking-Gas. Verflüssigt, verschifft, teuer. Politisch gesichert, wirtschaftlich fragwürdig. Man hätte auch fragen können, ob man nicht wieder mit Russland verhandelt. Doch das ist ausgeschlossen. Russland existiert außenpolitisch nur noch als Negativform. Was zählt, ist Gesinnung – nicht Versorgungssicherheit.
Zweitens: 600 Milliarden Dollar an Investitionen europäischer Konzerne in die USA. Fabriken, Entwicklungszentren, Forschung. Kapital, das hier fehlt, fließt dorthin, wo man noch planen darf. Trump nennt das „America First“. Und Europa nickt.
Drittens: neue Zusagen im Bereich US-Rüstungsbeschaffung und Technologie. Man kauft, was man selbst nicht mehr entwickelt – weil einem der eigene industrielle Boden längst zu unbequem geworden ist. Der technologische Rückstand wird nicht aufgeholt, sondern formalisiert.
Und mitten in all dem sagt Trump, fast beiläufig, aber unmissverständlich: „Wind turbines are a crime against beauty and common sense. We won’t allow them anymore.“ In einem Satz demoliert er die heilige Kuh der deutschen Energiepolitik. Kein Windrad mehr in Amerika. Kein Verspargeln der Landschaft. Kein blindes Vertrauen in Wetter und Wohlwollen. Stattdessen: Öl, Gas, Kohle. Und Macht.
Währenddessen feiert man hierzulande weiter den Netzausbau. Rechnet Stromtrassen durch Wälder. Verbietet Verbrennungsmotoren. Erzählt sich Geschichten vom Wasserstoffland. Und macht sich abhängig – von einem Partner, der längst weiß, dass die Abhängigkeit asymmetrisch ist.
Die wirtschaftlichen Folgen sind konkret, nicht nur symbolisch. Die fünf Prozentpunkte höhere Zollbelastung kosten Deutschland über zwölf Milliarden Euro jährlich an Exporteinbußen. Doch das ist nur die Spitze. Die verpflichtenden Energieimporte wirken wie eine neue Steuer: höherer Einkaufspreis, höhere Infrastrukturkosten, Währungsrisiken. Und mit ihnen steigt die Wahrscheinlichkeit neuer Inflation. Denn Energie ist das Fundament – wird sie teurer, steigen Mieten, Lieferkettenpreise, Lebensmittel. Die Notenbanken wissen das. Aber sie werden wieder zu spät kommen.
Noch gravierender: die Kapitalverlagerung. Wenn 600 Milliarden Dollar europäisches Investitionsvolumen in die USA wandern, fehlen sie in Thüringen, Baden-Württemberg, dem Piemont. Es sind nicht nur Buchungen. Es sind verlorene Arbeitsplätze, nicht gegründete Start-ups, stillgelegte Werke. Man entkernt sich selbst, ohne Widerstand.
Und dabei sitzt das Messer längst auch auf der Innenseite. Das politisch verordnete Ende des Verbrennungsmotors ist der ökonomische Selbstmord in Raten. Kein Land der Welt hat seine Hauptindustrie so rigoros entkernt wie Deutschland. Kein Konzern kann mehr langfristig planen, wenn Minister mit Ideologie statt mit Ingenieursverstand regieren. „Wir stehen vor einer Zeitenwende im Verkehrssektor“, sagt ein Sprecher des Umweltministeriums. Aber niemand sagt, wie das ökonomisch zu bewältigen ist.
Hinzu kommt das Lieferkettengesetz – ein Meisterwerk politischer Realitätsverweigerung. Es verpflichtet deutsche Mittelständler dazu, ihre gesamten internationalen Zulieferketten auf Menschenrechte, Umweltstandards und Sozialverhältnisse zu prüfen – mit juristischer Haftung. Ein Unternehmer in Bayern soll wissen, ob der Gummi aus Vietnam unter korrekten Bedingungen gewonnen wurde. Wer das nicht garantieren kann, haftet. Das ist nicht Moral – das ist Sabotage mit Paragraph.
Und als wäre das nicht genug, zersetzt die Migrationspolitik das Fundament der Produktivität. Über dreißig Milliarden Euro jährlich fließen in Sozialtransfers, Unterkünfte, Integrationsprogramme. Doch die Erwerbsquote unter Zugewanderten stagniert. Die Zahl der Leistungsempfänger steigt. Die Bildungsmisere verschärft sich. Der Sozialstaat wird zur Umverteilungsmaschine ohne Rückkopplung. „Wir investieren in Menschen“, sagt die Regierung. Aber sie verschweigt: Viele dieser Investitionen tragen keine Zinsen. Und noch weniger Rendite.
Die Wachstumszahlen Europas lesen sich inzwischen wie stille Notrufe: kaum zwei Prozent, bei gleichzeitig explodierenden Staatsausgaben, demografischem Druck und Fachkräftemangel. Doch statt auf Reindustrialisierung zu setzen, zieht man sich zurück – in Regulierungen, in Schulden, in Selbstberuhigung.
Frankreichs Premier François Bayrou nannte den Deal von Turnberry einen „dunklen Tag für Europa“. In Berlin war von einem „pragmatischen Kompromiss“ die Rede. Ein Vertreter des deutschen Industrieverbands erklärte im Deutschlandfunk: „Wir haben Schlimmeres erwartet.“ Das ist der Ton, in dem man Niederlagen begrüßt – als wären sie Naturgewalten.
Und Ursula von der Leyen? Sie gratulierte Trump. Nicht etwa verlegen, sondern beinahe mit Stolz. Als hätte sie einen Coup gelandet. Als wäre geopolitische Abhängigkeit eine Form von Erfolg.
Doch es gibt Alternativen. Lösungswege. Und sie beginnen mit einem mentalen Reset: Die Rückkehr zur Realpolitik, zum Primat der Interessen. Europa muss seine Energiepolitik entideologisieren und Versorgungssicherheit wieder vor ideologische Reinheit stellen. Das bedeutet: Re-Öffnung zu Russland prüfen, neue Pipelines denken, strategische Lager aufbauen.
Zweitens: Die Industrie entlasten, nicht entmündigen. Das heißt: Schluss mit Bürokratismus wie dem Lieferkettengesetz. Schluss mit technologiefeindlichen Dogmen. Schluss mit CO₂-Bepreisung als Religion. Forschung fördern, nicht verbieten. Planungshorizonte wieder eröffnen.
Drittens: Die Migration ordnen. Grenzen kontrollieren. Integrationsanstrengungen an Leistung koppeln. Wer dauerhaft bleiben will, muss beitragen. Wer nicht beiträgt, darf nicht dauerhaft bleiben. So funktioniert jeder tragfähige Sozialstaat.
Und schließlich: die Rückkehr zum Europa der Vaterländer. Kein dirigistischer Block, keine moralische Großmaschine, sondern ein Bündnis souveräner Staaten, die gemeinsam handeln, aber einzeln entscheiden. Das hieße: Verträge nur dann unterschreiben, wenn sie von beiderseitigem Interesse sind. Und bei einem „Deal“ wie dem von Turnberry nicht klatschen – sondern aufstehen und gehen.
Denn wer weiterhin unterschreibt, während er verliert, und gratuliert, während er zahlt, darf sich nicht wundern, wenn er bald nur noch Zuschauer ist – im Spiel um seine eigene Zukunft.
Wie die Linke Herkunft verteidigt – solange sie nicht deutsch ist
Sie sprechen nicht unsere Sprache, aber sie wissen, wer sie sind. Wenig wirkt im politischen Raum unserer Tage so verstörend schön wie die stille Kraft ethnischer Selbstgewissheit in einer Gesellschaft, die ihr eigenes Spiegelbild nur noch unter Vorbehalt betrachtet. Während sich das saturierte Deutschland in Selbstkritik ergießt, seine Traditionen dem Zeitgeist opfert und im letzten Zweifel am eigenen Daseinsrecht zerschellt, formieren sich inmitten seiner Städte Lebenswelten, die vor allem eines kennen: Herkunft. Stolz. Geschlossenheit. Die Migranten betreiben Identitätspolitik – nicht auf Podien, nicht in Leitsätzen, sondern durch Dasein. Durch Sprache. Durch Wahlverhalten. Durch die Unmissverständlichkeit eines „Wir“.
Die politische Linke hat diesen Tribalismus erkannt. Und sie hat ihn nicht bekämpft – sie hat ihn adoptiert. In einer Welt, in der die autochthone Mitte zusehends verwaist, erscheinen migrantische Kollektive als rettende Klientel. Sie bringen Wählerstimmen, kulturelle Vitalität, moralische Immunität – und vor allem: klare Zugehörigkeit. Die Linke, einst Anwältin des Allgemeinen, ist zur Kuratorin des Besonderen geworden. Und das mit bewundernswerter Konsequenz.
Diese paradoxe Verwandlung – dass die Linke, die sich traditionell gegen ethnisches Denken wendet, es nun selbst betreibt, solange es sich nicht auf das Eigene bezieht – ist die Kernaussage dieses Textes. Denn während die Rechte sich dem Eigenen verschreibt und dafür gesellschaftlich exkommuniziert wird, inszeniert sich die Linke als Schutzmacht der Anderen – und betreibt dabei genau jene identitäre Politik, die sie der Rechten als Ungeheuerlichkeit vorwirft. Es ist keine bloße Umkehrung – kein vice versa im eigentlichen Sinn. Denn während die Rechte das Eigene verteidigt, bestärkt die Linke das Andere – aber sie tut es nicht als spiegelbildliches Gegenüber, sondern in asymmetrischer Abwertung des Eigenen zugunsten des Fremden. Die politische Linke betreibt keine gerechte Differenzpolitik – sie betreibt eine parteiliche Bevorzugung. Was sie der Rechten als Ethnozentrismus vorwirft, lebt sie selbst – nur aufseiten des Nicht-Deutschen.
„Identität ist nicht das, was uns von anderen trennt, sondern das, was uns mit uns selbst verbindet“, schreibt Alain de Benoist. Und genau das ist es, was unter der Oberfläche unserer Zeit geschieht: eine stille, oft unbewusste Rückkehr zur Herkunft – nicht rational erzwungen, sondern instinktiv getragen. Auch und gerade bei der Linken, unserem politischen Gegner.
In einer Gesellschaft, die das Deutsche marginalisiert und zugleich das Nicht-Deutsche idealisiert, beginnt sich ein tiefer Riss zu zeigen. Der universalistische Bürger ist müde geworden – das kulturelle Selbst drängt zurück ins Bewusstsein. Was lange als Gefahr galt – Herkunft, Prägung, kollektive Erinnerung – wird wieder zum Zentrum. Nicht im Geist der Abgrenzung, sondern im Sinn der Selbstgewissheit.
Im Jahr 2024 lag der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund im Ortsteil Neukölln bei über 58 %. Noch 2008 lag dieser Anteil unter 30 %. Parallel dazu ist der Anteil an ausländischen Staatsbürgern im gesamten Bezirk auf knapp 29 % gestiegen. Die soziale Zusammensetzung hat sich in kurzer Zeit tiefgreifend verändert – nicht als Folge organischer Integration, sondern als Ausdruck einer wachsenden kulturellen Abspaltung.
Diese Entwicklung wäre nicht problematisch, würde sie nicht von realen sozialen und sicherheitspolitischen Spannungen begleitet. Neukölln gilt seit Jahren als Schwerpunkt arabischstämmiger Clankriminalität. Familien wie die Remmos oder Abou-Chakers verfügen nach Erkenntnissen der Berliner Polizei über ein weitverzweigtes Netzwerk illegaler Aktivitäten – von Drogen- und Waffenhandel bis hin zu Geldwäsche, Raub, Schutzgelderpressung und Gewalt gegen Sicherheitsbehörden. 2023 wurden berlinweit 1.063 Straftaten mit Clanbezug erfasst – der Großteil davon konzentriert sich auf Neukölln.
Symbolhaft steht hierfür die sogenannte Remmo-Villa in Alt-Buckow: 2018 vom Staat beschlagnahmt, als Signal an die Öffentlichkeit, später jedoch größtenteils an die Eigentümer zurückgegeben. Der Rechtsstaat hat sich sichtbar zurückgezogen – nicht aus Feigheit, sondern aus struktureller Überforderung.
Zugleich verschiebt sich die öffentliche Sprache. Wenn in Berliner Freibädern Straftaten vermehrt auftreten, richtet sich die Prävention oft nicht an die Täter, sondern an die potenziellen Opfer – mit Appellen zur Rücksichtnahme und Deeskalation.
All das ist keine bloße Überforderung urbaner Politik. Es ist Ausdruck einer politisch-ideologischen Entscheidung: das Fremde als schützenswert, das Eigene als überwindungswürdig zu definieren. Neukölln ist nicht die Ausnahme – es ist das Muster.
Alain Finkielkraut formuliert es glasklar: „Der Westen predigt Individualismus, aber das migrantische Bewusstsein ist kollektivistisch.“ Es lebt in der Familie, im Viertel, im Gotteshaus. Es ist keine Theorie – es ist Lebenspraxis.
Diese Lebenspraxis ähnelt frappierend dem, was konservative Theoretiker wie Frank Krämer als „mentale Fundamente“ bezeichnen. Krämer schreibt: „Der Krieger zeichnet sich durch Ehre und Disziplin aus … er ist in der Lage, seine Impulse zu kontrollieren.“ Und weiter: „Man kann es am besten mit einem Wort beschreiben: Wahrhaftigkeit. […] Es geht um das Umsetzen von Überzeugungen, und darum, überzeugt zu sein, dass es das Richtige ist – auch und vor allem selbst dann, wenn eine vermeintliche Mehrheit anderer Meinung ist.“
In migrantischen Milieus finden sich genau diese Tugenden: Loyalität, Stolz, Widerständigkeit. Der postmoderne Westen mag sie aus seinem Wertekanon gestrichen haben – aber sie existieren. Und die Linke? Sie hofiert sie, als seien sie demokratische Errungenschaften.
Das migrantische Selbstbewusstsein steht oft jenseits des Zeitgeistes – und die Linke, blind vor Angst vor dem Eigenen, macht sich zur Patin dieser Selbstgewissheit.
Zugleich erweist sich diese Entwicklung auch aus psychodynamischer Perspektive als aufschlussreich, wie etwa die Reaktion auf die Silvesterereignisse von Köln 2015 oder die Freibad-Debatte im Sommer 2025 zeigt: In beiden Fällen wurden die Täter aus migrantischen Milieus entweder nicht benannt oder deren Verhalten relativiert – stattdessen verlagerte sich der Fokus vieler Medien und politischer Akteure reflexhaft auf mögliche rechte Reaktionen oder eine angebliche gesellschaftliche Debatte. Besonders deutlich wurde dies in der Plakataktion deutscher Städte, in der potenzielle Opfer zur Rücksichtnahme und Deeskalation aufgerufen wurden – eine Täter-Opfer-Umkehr, die den moralischen Selbstentlastungsmechanismus der Linken exemplarisch sichtbar macht. Statt die Täter aus migrantischen Milieus offen zu benennen, verschob sich der Fokus vieler Medien und politischer Akteure reflexhaft auf die Angst vor rechter Instrumentalisierung. Die eigentliche Gewalt wurde psychologisch umgedeutet, um das linke Selbstbild als moralisch überlegene Schutzmacht des vermeintlich Schwächeren zu bewahren. Die Linke braucht für ihr Selbstverständnis, für ihre Politik und für ihre moralische Selbstvergewisserung ein strukturelles Opfer – eine Projektionsfläche des Leids, auf das sie sich als Retterin, als moralische Instanz, als personifiziertes Über-Ich setzen kann. Diese Rolle nehmen heute, je nach politischer Lage, wechselweise die Migranten, die LGBTQ-Bewegung oder die Opfer des sogenannten strukturellen Rassismus ein. Es handelt sich um eine Form von ideologischer Overprotection, wie man sie aus der entwicklungspsychologischen Literatur kennt – eine Überfürsorge, die nicht emanzipiert, sondern bindet, die nicht frei macht, sondern abhängig.
Das linke Selbstbild braucht dieses Opfer. Es ist der geheime Gral ihrer politischen Liturgie. Ohne Opfer keine Rechtfertigung. Ohne systemisches Unrecht keine Erlösung. Es ist ein Opferritus, der sich durch alle Ebenen zieht: sozial, sexuell, ethnisch. Die Linke muss Ungerechtigkeit finden, um sich als Gerechtigkeitsinstanz aufbauen zu können. Und das erklärt auch, warum sie so beharrlich jede Form von Gleichheit, von Integration, von Selbstverantwortung zurückweist: Sie gefährdet das Fundament ihrer moralischen Architektur.
Eng verbunden damit ist auch der zivilisationsbedingte Bruch im westlichen Verhältnis zur Aggression. Unsere Gesellschaft hat gelernt, Aggression zu pathologisieren – sie als Triebrest, als moralische Schwäche, als regressives Verhalten zu betrachten. Doch in der Realität des Multikulturalismus, in der Konfrontation mit ethnisch geschlossenen Gruppen, die über ein starkes Kraft- und Ehreempfinden verfügen, sind wir dieser Körperlichkeit, diesem Vitalismus oft hilflos ausgesetzt. Wir benötigen – so paradox es klingt – ein neues positives Verhältnis zur Aggression. Gemeint ist damit eine Rückbesinnung auf jene Form der Entschlossenheit, Standhaftigkeit und körperlichen Präsenz, die nicht destruktiv, sondern gestaltend wirkt – eine Aggression, die nicht zerstört, sondern schützt, die nicht wütet, sondern aufrichtet. Damit ist nicht rohe Gewalt gemeint, sondern eine Rückbindung an das Sinnlich-Unmittelbare – ein Begriff, den u. a. Arnold Gehlen in seinen anthropologischen Studien als Grundlage menschlicher Orientierung bezeichnet hat und den auch Martin Heidegger als „Weltzuwendung“ im Modus des Daseins beschreibt. Diese sinnliche Unmittelbarkeit meint nicht Triebhaftigkeit, sondern ein leiblich fundiertes In-der-Welt-Sein, das dem Menschen Standfestigkeit und Resonanzfähigkeit verleiht.: Standfestigkeit, Mut, körperliche Präsenz.
Wie der Philosoph Peter Sloterdijk schreibt: „Zivilisation ohne Mut degeneriert zur bürokratischen Weichheit.“ Und Ernst Jünger wusste: „Der Mut ist das letzte, was uns niemand nehmen kann.“ Ein gesunder Bezug zur Aggression ist kein Widerspruch zur Kultur – er ist ihre Voraussetzung. Jean Raspails Roman Das Heerlager der Heiligen führt diese Thematik literarisch vor Augen: Die einheimische Bevölkerung Europas scheitert an ihrer moralisch entwaffneten, aggressionslosen Haltung gegenüber einer entschlossenen und körperlich fordernden Invasion. Die Katastrophe vollzieht sich nicht durch Übermacht, sondern durch die völlige Unfähigkeit, den eigenen Raum zu behaupten. Er verleiht Form, Haltung, Stil. Und er erlaubt dem Einzelnen, sich zu behaupten, nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Begegnung – mit der Wirklichkeit des Anderen.
Die Rechten erkennen dies mit dem theoretischen Konzept des Ethnopluralismus an, doch die Mehrheit der Bürger zögert noch immer, die Basis zur kollektiven Abgrenzung zum Anderen anzuerkennen und das entscheidende Wort zu sprechen: Volk. Völkisch. Heimat. Pathos. In Zeiten, in denen jede kollektive Form verdächtig ist, mutet dies wie ein Sakrileg an. Doch gerade hier liegt der Schlüssel zur eigenen geistigen Rückeroberung.
Es ist Zeit, offen zu sagen: Die Neue Rechte muss das völkische Element wieder in ihre identitätspolitischen Vorstellungen einführen. In jedem amerikanischen Kriegsfilm weht selbstverständlich die Flagge. Patriotismus ist dort kein Makel, sondern ein Ausdruck kollektiver Selbstgewissheit. Das Völkische ist dort nichts Anrüchiges, sondern gelebte Zivilreligion. Auch wir Deutschen müssen den Mut zurückgewinnen, zu einem solchen selbstverständlichen, positiven Bekenntnis zum Eigenen zurückzukehren. Nicht als Rückfall, sondern als Rückbindung. Nicht als Blutphantasie, sondern als kulturelle Mythisierung. Ernst Jünger schrieb: „Der Mythos ist der Anfang jeder Identität.“ Und was ist das Volk anderes als ein lebendiger Mythos, aus dem Bindung und Haltung, Opferbereitschaft und Zukunftswillen entspringen?
Völkisches Denken – so wie es die Neue Rechte und ich es verstehen – ist kein Echo des Nationalsozialismus, sondern seine Antithese: nicht totalitär, sondern tragend; nicht ideologisch, sondern seelisch. Es hat nichts mit Rassismus zu tun, sondern mit kultureller Selbstvergewisserung. Mit völkisch ist hier die Rückbesinnung auf das kollektive geistige und kulturelle Erbe gemeint – auf jene stillschweigenden, uns als Volk innewohnenden Muster, auf das Urvertrauen in unsere Gruppe. Es geht nicht um Folklore, Lagerfeuer oder Zeltlagerromantik, sondern um die leise Kraft, die uns über Generationen trägt. Es meint das Eigenartige des Eigenen, das Pathos des Bleibens, die Ergriffenheit vom Schicksal der Gemeinschaft. nicht totalitär, sondern tragend; nicht ideologisch, sondern seelisch. Aus ihr formt sich ein Idealbild: Heimat, Dienst, Unterscheidbarkeit. Frank Krämer spricht von „innerer Ordnung“. Ohne sie, sagt er, „bleibt jede Rebellion bedeutungslos“.
Der Bruch zur alten Rechten liegt genau hier. Wo einst Biologie regierte, herrscht nun Kultur. Wo einst Rasse war, ist nun Herkunft. Wo einst Ausschluss war, ist heute Gestalt. Das Volk ist nicht mehr Blut, sondern Gestimmtheit – eine Schicksalsgemeinschaft, die sich nicht aus messbaren Merkmalen speist, sondern aus Erinnerung, Sprache, Opfer, Stil.
Für die Rechte ist es daher notwendig, jenseits aller gesetztechnischen Definitionen und juristischen Staatsbürgerschaftskonstrukte, einen ethnischen Volksbegriff grundsätzlich wieder zur Sprache zu bringen. Nicht, um andere Völker zu schmähen, sondern um das Eigene zu wahren. Es geht um den Schutz einer kulturellen Form, um das Bewusstsein einer gewachsenen Einheit – um jenes stille Gefühl von Zugehörigkeit, das kein Pass der Welt ersetzen kann.
Völkisches Denken ist somit die Grundbedingung, um dem Ethnomasochismus entgegenzutreten, den wir über Jahrzehnte durch transatlantische Sozialisierung und die Einflüsse der Frankfurter Schule aufgesogen haben. Völkisch – das ist nicht altmodisch, nicht vorgestrig, nicht gefährlich. Es ist das Gegenteil: die Rückbesinnung auf Jahrhunderte und Jahrtausende alte Bilder, auf Mythen, die in uns angelegt und mit uns gewachsen sind. Völkisches Denken ist nicht der Ruf nach Unterjochung des Anderen – es ist dessen Anerkennung. Denn wer das Eigene achtet, lernt auch, das Andere zu respektieren. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Selbstgewissheit. Es ist nicht verknüpft mit Expansionsfantasien, sondern mit Rückbindung an das Eigene – als geistige Voraussetzung für eine offene, tragfähige Gesellschaft.
Denn nur wer sich seiner Herkunft bewusst ist, kann Verantwortung für das Kommende übernehmen. Nur wer sich mit seinem Volk identifiziert, wird bereit sein, über das bloße Ich hinauszuwachsen und Gemeinsinn zu entwickeln. Die Linke erkennt dies im Anderen an – doch sie verweigert es dem Eigenen. Und genau das ist ihre Blindstelle.
Die Rechte hingegen muss den Mut finden, das Völkische nicht als Altlast zu begreifen, sondern als schöpferisches Prinzip, das Orientierung gibt in Zeiten der Auflösung. Nicht Uniformität ist das Ziel, sondern Gestalt. Nicht Ausgrenzung, sondern Formbewusstsein. Nicht Rückwärtsgewandtheit, sondern Verwurzelung.
Die Linke verteidigt Herkunft – aber nur, wenn sie fremd ist. Die Rechte muss lernen, Herkunft zu verteidigen, wenn sie die eigene ist. Nicht mit Überheblichkeit, sondern mit Ernst. Nicht mit Aggression, sondern mit Würde. Nicht mit Zorn, sondern mit Pathos.
Der demografische Kipppunkt – ethnische Neuwähler und die Wiederentdeckung des Völkischen
Ein tiefgreifender Wandel zeichnet sich am Horizont ab – nicht plötzlich, nicht mit Paukenschlag, sondern still, statistisch, unwiderruflich. Die demografische Struktur Deutschlands kippt – von einer autochthonen Mehrheit hin zu einer mosaikhaften Gesellschaft, in der Herkunft, Loyalität und kulturelle Verankerung nicht mehr selbstverständlich sind. Was lange als Randphänomen galt, wird zum Zentrum der politischen Realität.
Berechnungen des Statistischen Bundesamts zeigen, dass der Anteil junger Deutscher – also jener unter 20 Jahren ohne Migrationshintergrund – bis 2050 auf unter 13 % der Gesamtbevölkerung sinken wird (Destatis 2022). Ohne Zuwanderung würde die Bevölkerung Deutschlands bis zum Jahrhundertende auf unter 60 Millionen schrumpfen (UN-Projektion, Visual Capitalist 2023). Die Geburtenrate liegt seit Jahrzehnten unter dem Bestandserhaltungsniveau, und es sind zunehmend die Kinder nicht-deutscher Herkunft, die den Nachwuchs des Landes stellen. Was einst als kultureller Pluralismus gefeiert wurde, wird so zur demografischen Schieflage.
Damit entsteht ein neuer politischer Faktor: der ethnische Neuwähler. Seine Interessen sind nicht identisch mit jenen der Mehrheitsgesellschaft von gestern. Er wählt nicht universalistisch, sondern gruppenbezogen. Er sucht Repräsentanz, Einfluss, Schutz – und er findet sie zunehmend bei linken Parteien, die bereitwillig die Rolle der ethnischen Fürsprecher übernehmen. Diese Entwicklung verschiebt nicht nur Wahlergebnisse, sondern auch den normativen Rahmen der Gesellschaft. Denn je größer der Anteil migrantisch geprägter Milieus, desto stärker der Anreiz für Parteien, ihre Programme an ethnisch kodierte Bedürfnisse anzupassen – Sprachförderung, Antidiskriminierungsrichtlinien, kulturelle Ausnahmezonen, migrationsfreundliche Integrationspolitik.
Dem entgegnet man oft mit einem wirtschaftlichen Argument: Migration werde gebraucht, um das Rentensystem zu stabilisieren. Doch auch diese Hoffnung trägt nur bedingt. Zwar wurden 2024 über 172.000 Arbeitsvisa ausgestellt (Auswärtiges Amt 2025), und die Zahl der Blue-Card-Inhaber verdoppelte sich seit 2018 auf über 110.000 (Mediendienst Integration 2024), doch diese Fachkräfte stellen eine Minderheit dar. Die Realität zeigt ein anderes Bild: Rund 15 % aller Ausländer in Deutschland sind arbeitslos (BA/IAB 2023), doppelt so viele wie bei Deutschen. Etwa 50 % der Bürgergeldempfänger sind ausländische Staatsbürger (WELT 2024), bei Geflüchtetengruppen wie Syrern oder Ukrainern liegt der Anteil sogar bei über 60 % (BA-Statistik 2024).
Die Mehrheit der Migranten arbeitet im Helfersektor. Nur ein Bruchteil erreicht hochqualifizierte Positionen – von den langfristigen Belastungen durch Sprachbarrieren, kulturelle Entfremdung und gescheiterte Integration ganz zu schweigen. Migration kann das Rentensystem kurzfristig entlasten – langfristig ersetzt sie aber nicht die eigene demografische Reproduktion. Was fehlt, ist nicht Masse, sondern Bindung. Nicht Quantität, sondern Kontinuität.
Für die autochthone Bevölkerung aber bedeutet all dies: Verlust an Deutungshoheit, politischer Stimme und symbolischer Repräsentanz. Der Liberalismus mag den Einzelnen anrufen – die Realität aber formiert sich kollektiv. Und inmitten dieser tektonischen Verschiebung taucht ein Gedanke auf, der lange verdammt war, aber nun wieder zu leuchten beginnt: das Völkische – nicht als biologistische Regression, sondern als rettender Impuls kultureller Selbstvergewisserung.
Denn was tun Völker, die spüren, dass sie zahlenmäßig erodieren? Was bleibt einer Kultur, deren Kinder keine eigenen Feste, keine eigenen Helden, keine eigene Geschichte mehr kennen? Sie erinnert sich. Sie greift zurück – nicht aus Reaktion, sondern aus Not. Sie erzählt sich neu, mythisch, geformt aus Bildern, Liedern, Worten. Der völkische Gedanke wird so zum Gegenbild der entleerten Demokratie: nicht quantitativ, sondern qualitätsbewusst; nicht exklusiv, sondern gestaltend; nicht nostalgisch, sondern existenziell.
Völkisches Denken in diesem Sinn ist keine Ideologie – es ist ein Akt kulturellen Selbsterhalts im Angesicht einer geschichtlichen Erschütterung. Und je näher der demografische Kipppunkt rückt, desto dringlicher wird dieser Impuls. Nicht, um zu schließen, sondern um sich zu behaupten. Nicht gegen den Anderen – sondern für das Eigene.
Literaturverzeichnis:
Benoist, Alain de. Kulturrevolution von rechts. Junge Freiheit Verlag, 2020.
Berlin.de. Lagebild Clankriminalität 2022 – Senatsverwaltung für Inneres.
Ein kritischer Kommentar zum Sieben-Punkte-Plan der AfD
Es begann leise – mit einer gewissen sprachlichen Vorsicht, mit dem Zögern vor Begriffen, die man noch vor wenigen Jahren mit Selbstbewusstsein verwendete. Remigration etwa: ein Wort, das lange als Signatur einer rechten Souveränitätspolitik galt – heute aber aus dem neuen Sieben-Punkte-Plan der AfD verschwunden ist. Ebenso fehlt jede klare Bezugnahme auf die deutsche Leitkultur, jenes geistige Fundament, das gerade für viele konservativ-patriotische Wähler ein unverzichtbares Bekenntnis darstellte.
Natürlich: Parteistrategien ändern sich. Wahlkämpfe erfordern kluge Schwerpunktsetzungen. Und die AfD steht an der Schwelle zu einem möglichen politischen Durchbruch in Ostdeutschland. In Sachsen, Brandenburg und Thüringen ist sie stärkste Kraft – der Gedanke an Regierungsverantwortung ist real. Doch genau hier beginnt das Dilemma: Wie viel inhaltliches Profil darf eine Partei aufgeben, um als regierungsfähig zu gelten – ohne sich innerlich zu entkernen?
Denn Begriffe wie Remigration und Leitkultur sind keine rein symbolischen Vokabeln. Sie sind Ausdruck eines weltanschaulichen Anspruchs. Sie stehen für eine Politik, die nicht nur Probleme verwalten, sondern Ursachen benennen will. Für viele in der Bewegung – ob in der Jungen Alternative, im Vorfeld oder unter den Wählern – war gerade diese klare Sprache ein Grund, sich mit der AfD zu identifizieren. Wenn nun genau diese Signale wegfallen, entsteht Verunsicherung: Ist das noch dieselbe Partei?
Diese Entwicklung hatte sich bereits angedeutet – etwa im bekannten Gespräch zwischen Maximilian Krah, Ellen Kositza und Götz Kubitschek. Dort wurde deutlich: Zwischen Teilen der Parteiführung und dem metapolitischen Vorfeld wächst eine Distanz. Der Wunsch nach strategischer Mäßigung steht der Forderung nach inhaltlicher Klarheit gegenüber. Die einen denken in Koalitionen, die anderen in Begriffen.
Und doch: Es wäre eine große Chance gewesen, den Begriff Remigration aus seiner Verzerrung zu befreien und offensiv positiv zu füllen – als humane Rückführungsperspektive, als ordnungspolitisches Konzept, als legitimen Ausdruck des Rechts auf kulturelle Selbstbehauptung. Man hätte aufzeigen können, dass Remigration nicht Ausgrenzung, sondern Ordnung bedeutet. Dass Leitkultur keine Herabwürdigung des Anderen ist, sondern ein Angebot der Integration ins Eigene.
Dass man diese Chance nicht genutzt hat, ist schade. Es sendet ein Signal – nicht an die Medien, sondern an die eigene Basis. Besonders an jene jungen Menschen, die sich in der Partei und in ihrem geistigen Umfeld engagieren, weil sie nicht nur Veränderung wollen, sondern Richtung. Wer ihnen das Gefühl gibt, dass Prinzipien taktisch verhandelbar sind, riskiert langfristig ihre Entfremdung.
Gleichzeitig ist klar: Die AfD steht vor historischen Aufgaben. Der Druck ist groß, der politische Gegner übermächtig. Umso mehr braucht es jetzt – neben Strategie – auch geistige Standfestigkeit. Denn der Erfolg der AfD beruhte nie allein auf Zahlen oder Taktik, sondern auf dem Mut, Dinge zu benennen, die sonst niemand auszusprechen wagte.
Dies muss kein Bruch sein. Es kann ein Weckruf sein. Die Partei bleibt der wichtigste politische Ausdruck einer patriotischen Wende in Deutschland. Aber sie darf nicht vergessen, wem sie diesen Aufstieg verdankt: einer Bewegung, die tief verankert ist im Vorfeld, in der Kultur, in der Jugend – in jenen Menschen, für die Politik mehr ist als der nächste Wahltermin.
Wer sich treu bleibt, wird anschlussfähig – nicht umgekehrt.
Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Ethnomasochismus
Es ist das leiseste aller Gespenster, doch es hat die lauteste Wirkung. Es schreit nicht, es bekennt sich. Es brüllt nicht, es bittet um Verzeihung. Und es verschwindet nicht bei Tageslicht – es wirkt gerade dann, wenn die Welt sich am hellsten dünkt.
Dieses Gespenst ist der Ethnomasochismus. Die Lust an der eigenen Auflösung, der moralische Hochmut der Selbstverwerfung. Er durchzieht die westlichen Gesellschaften wie ein unsichtbarer Faden, der sich durch Schulbücher, Talkshows, Kirchenpredigten und NGO-Broschüren zieht.
Der Ethnomasochismus ist der Moment, in dem ein Volk aufhört, sich zu lieben.
Die Diagnose Martin Lichtmesz’: Ethnomasochismus als kulturelle Autoimmunerkrankung
„Ethnomasochismus ist der Zustand, in dem Selbsthass zur Tugend verklärt wird. Der neue Stolz besteht darin, keinen zu haben.“ – Martin Lichtmesz
In seinem Werk „Die Verteidigung des Eigenen“ formuliert Lichtmesz einen Befund, der zunächst nur den kritischen Geist trifft – dann aber ins Mark fährt. Er spricht nicht von „Rassismus“ oder „Nationalismus“, nicht in den Vokabeln des Mainstreams, sondern in der präzisen Sprache eines Kulturdiagnostikers.
Der Ethnomasochismus ist für ihn eine geistige Krankheit – eine Autoimmunerkrankung der Identität, bei der die kulturellen Abwehrkräfte sich nicht gegen äußere Bedrohungen richten, sondern gegen das eigene Erbe, die eigene Herkunft, das eigene Volk.
Der Deutsche, so Lichtmesz, hat „nicht nur ein Schuldgedächtnis, sondern ein Schuldgeflecht entwickelt, in dem jede Äußerung kulturellen Selbstbewusstseins bereits als Aggression gilt“.
Von der Selbstkritik zur Selbstverachtung
Was als ehrliche Selbstprüfung begann – als Auseinandersetzung mit den Abgründen des Nationalsozialismus – wurde spätestens seit den 1968ern zum totalen Projekt der Selbstdestruktion. Aus der kritischen Erinnerungskultur erwuchs ein regelrechter Kult der Reue. Und dieser Kult lässt keine Gnade zu.
Ein Stolperstein an der Grundschule? Gut. Eine Umbenennung der Bismarckstraße? Notwendig. Eine Dauerausstellung zur deutschen Kolonialschuld? Überfällig. Aber wehe dem, der sich an einem anderen Ort der Welt nach Ähnlichem erkundigt.
Hier liegt die Pathologie des Ethnomasochismus: Die eigene Schuld wird nicht als historisches Faktum behandelt, sondern als metaphysische Erbsünde, die fortdauernd gesühnt werden muss – durch moralischen Verzicht, durch kulturellen Rückzug, durch die Preisgabe jedes Anspruchs auf Eigenständigkeit.
Ethnopluralismus als Gegenmodell: Vielfalt durch Trennung, nicht durch Auflösung
Was also ist der Gegenentwurf? Wer den Ethnomasochismus kritisiert, wird schnell des „Rassismus“ verdächtigt. Doch das, was die Neue Rechte unter Ethnopluralismus versteht, ist gerade das Gegenteil hegemonialer Überlegenheitsphantasien.
Ethnopluralismus bedeutet: Jede Kultur, jede Ethnie hat das Recht auf ihren eigenen Raum, ihre eigene Tradition, ihre eigene Gestalt. Keine ist besser – aber jede ist einzigartig. Wo der Ethnomasochismus auf Selbstauflösung setzt, plädiert der Ethnopluralismus für Selbstbehauptung.
Die Welt ist nicht ein Schmelztiegel, sondern ein Mosaik.
„Wer das Eigene aufgibt, kann das Fremde nicht mehr erkennen – er sieht nur noch sich selbst in der Maske des Anderen.“ – Lichtmesz
Im Ethnopluralismus wird nicht ausgeschlossen, sondern differenziert. Die Differenz aber – so wusste schon Herder – ist die Grundlage jeder echten Begegnung. Wer sich selbst kennt, kann dem Anderen auf Augenhöhe begegnen. Wer sich selbst hasst, braucht den Anderen nur als Projektionsfläche seiner Erlösungssehnsucht.
Medien und Meinungskorridor: Der neue Inquisitor spricht Hochdeutsch
Ein Blick in die Medienlandschaft genügt: Wer das Eigene verteidigt, wird verdächtigt. Wer Migration problematisiert, wird stigmatisiert. Wer von Heimat spricht, wird psychiatrisiert.
Die neue Inquisition kommt nicht mit Scheiterhaufen – sie kommt mit Talkshowpanels, mit Cancel Culture, mit akademischem „Diskursmonitoring“. Die Wächter des Ethnomasochismus sitzen nicht in der Kirche, sondern in den Redaktionen, Feuilletons und Stiftungsräten.
Lichtmesz nennt sie die „Sakristei der Reue“. In dieser Sakristei wird das Vaterland zur Schuldlandschaft, die Muttersprache zur Zumutung, das Trachtenhemd zur Provokation.
Der Opferkult der Anderen – und die Schuld der Mehrheit
Ein zentrales Moment des Ethnomasochismus ist die sakrale Aufladung der Anderen. Wer nach Deutschland kommt, ist ein „Geflüchteter“, ein „Schutzsuchender“, ein „neuer Nachbar“. Seine Herkunft ist Quelle der Authentizität – die eigene Herkunft aber ist verdächtig.
In dieser Logik wird Migration zum Heilsprozess. Der Migrant erlöst den Deutschen von sich selbst. Je fremder der Ankömmling, desto größer die moralische Möglichkeit zur Buße.
Was dabei geschieht, ist eine Umkehrung von Realität und Moral: Die Mehrheit wird zur Tätergruppe stilisiert – qua Existenz, nicht qua Handlung. Der Ethnomasochismus ist keine Frage der Politik, sondern ein inneres Bekenntnis: Ich verzichte auf mein kulturelles Ich, um Teil einer globalisierten Menschheit zu werden.
Aber: Eine Menschheit ohne Völker ist wie ein Ozean ohne Ufer. Er verliert jede Richtung.
Die Rolle der Kirchen, NGOs und Bildungseinrichtungen
Die neue Theologie der Schuld hat ihre liturgischen Zentren längst gefunden. Es sind die kirchlichen Stiftungen, die pädagogischen Institute, die akademischen Thinktanks. Unter dem Banner der „Toleranz“, der „Weltoffenheit“, des „interkulturellen Dialogs“ wird systematisch am Abriss des Eigenen gearbeitet.
Man lehrt, dass Heimat ein soziales Konstrukt sei. Dass Nation ein willkürliches Narrativ sei. Dass Identität fluid sei. Und wer sich diesem Narrativ nicht fügt, gilt als rückständig – oder als gefährlich.
Die Schule ist heute nicht mehr Bildungsanstalt, sondern Moralerziehungsstätte, in der Kinder nicht zur Sprache Goethes, sondern zur Syntax der UN-Migrationsagenda erzogen werden.
Ästhetik des Verschwindens: Architektur, Kunst, Sprache
Der Ethnomasochismus hat auch eine Ästhetik. Sie ist nicht die des Stolzes, sondern des Verschwindens.
Unsere Innenstädte werden nicht mehr gebaut, sondern verwaltet. Glas, Beton, Funktionalität – keine Ornamentik, kein Wille zur Schönheit. Der Kirchenbau der 60er ist ein Beispiel: kein Aufstieg zum Göttlichen, sondern ein Abstieg ins Soziale. Auch in der Sprache schlägt sich das nieder: Das neutrale „Mensch“ ersetzt das lebendige „Volk“.
Die Poesie der Muttersprache wird eingeebnet zugunsten genderneutraler Verwaltungssprache. Wo früher Heimatschutz war, ist heute „Klimasensibilität“. Wo früher Muttersprache war, ist heute „Mehrsprachigkeitsförderung“.
Ethnomasochismus in der Außen- und Innenpolitik: Vom geopolitischen Vasallentum zur Selbstverleugnung im Alltag
Die deutsche Außenpolitik ist – in ihrem gegenwärtigen Zustand – ein Schaukasten ethnomasochistischer Selbstverachtung. Während andere Staaten ihre Außenminister in die Welt schicken, um Ressourcen, Verträge, Kooperationen und militärstrategische Räume zu sichern, sendet Deutschland eine Außenministerin mit grünem Weltrettungsfuror und ideologischem Sendungsbewusstsein.
„Unsere Werte sind unsere Interessen.“ – Annalena Baerbock
Das klingt edel, ist aber in Wahrheit der Totalausfall realpolitischer Vernunft.
Hinzu kommt eine seit Jahrzehnten kultivierte Hörigkeit gegenüber den USA. Obwohl Deutschland wirtschaftlich auf Augenhöhe mit vielen westlichen Partnern steht, agiert es außenpolitisch wie ein demütiger Schüler. Wenn NATO-Generäle fünf Prozent des BIP für Rüstung fordern, nimmt Berlin den Befehl entgegen wie ein abhängiger Satellit.
Entwicklungshilfe wird zum Ersatz-Sakrament. Milliarden fließen in Länder mit korrupten Regimen, während deutsche Rentner Flaschen sammeln. Auch das ist haushaltspolitisch messbarer Ethnomasochismus.
Parallel verrottet die innere Sicherheit. Illegale Einwanderer erhalten Bleiberecht, während der Staat seine Ordnungsfunktion aufgibt. Der deutsche Bürger schweigt. Vielleicht, weil er sich längst selbst nicht mehr als Bürger fühlt – sondern als Schuldkonto der Geschichte.
Philosophische Tiefenschichten: Der lange Schatten der Aufklärung
Woher kommt diese Tendenz zur Selbstverneinung?
Schon Kant sah im Menschen nicht das konkrete Geschöpf mit Herkunft, sondern das abstrakte Vernunftwesen. Der Liberalismus erhob das Individuum zur Monade, die Postmoderne erklärte alles zur Konstruktion: Heimat, Identität, Volk – alles sei „erfunden“.
Der Ethnomasochismus ist also nicht bloß Schuldreaktion – er ist die Folge einer jahrhundertelangen geistesgeschichtlichen Entwurzelung.
Stimmen des Widerstands: Björn Höcke und Maximilian Krah gegen den Schuldkult
Björn Höcke spricht vom „Schuldkult“ als einem politischen Dogma, das zur Identitätsverneinung führe:
„Solange wir im Schuldkult gefangen bleiben, wird uns unsere Zukunft genommen.“ – Nie zweimal in denselben Fluss, 2018
Maximilian Krah ergänzt metapolitisch:
„Ein Volk ohne kollektive Identität wird sich selbst abschaffen – und das freiwillig.“ – Politik von rechts, 2023
Beide fordern keine Rückkehr zum Nationalismus alter Prägung, sondern eine Normalisierung des Eigenen – als Voraussetzung für internationale Souveränität, kulturelle Würde und soziale Stabilität.
Demografischer Wandel und politische Sprachrohre: Ethnomasochismus als parlamentarisches Programm
Der Ethnomasochismus war lange ein innerer Reflex – eine kulturelle Geste, ein mediales Raunen, ein moralischer Habitus. Doch mit dem demografischen Wandel bekommt er eine neue, konkrete Dimension. Er wird sichtbar, zählbar, wählbar. Denn wer den eigenen Raum öffnet, wer nicht Grenzen zieht, sondern Identität relativiert, der gibt Macht ab. Und diese Macht wird nicht in ein moralisches Vakuum fallen, sondern von jenen beansprucht werden, die ihre Interessen sehr wohl kennen.
Wir erleben derzeit eine Politisierung migrantischer Identitäten, die nicht auf Integration abzielt, sondern auf Repräsentation und Einflussnahme. Parteien wie Die Linke entwickeln sich – neben grünen Fraktionen – zunehmend zu Stellvertretern ethnisch-kollektiver Interessen, oft mit anti-deutscher Schlagseite. Die Rhetorik wechselt von Teilhabe zu Anklage. Von Partizipation zu Machtanspruch. Vom Dazugehören zum Umschreiben der Ordnung.
So wird der ethnomasochistische Reflex der Mehrheitsgesellschaft – „Wir wollen niemanden ausschließen, wir tragen historische Schuld“ – zur Einladung, selbst verdrängt zu werden. Wer die Tür öffnet und sich zugleich selbst relativiert, darf sich nicht wundern, wenn andere durch diese Tür treten und Ansprüche stellen.
„Ethnomasochismus endet nicht in einer offenen Gesellschaft, sondern in einer fremd bestimmten.“
Diese Fremdbestimmung ist heute längst Realität: In Debatten um Feiertage, um Gedenkkultur, um Schulpläne, um Stadtteilentwicklung, ja selbst in außenpolitischen Stellungnahmen erleben wir die zunehmende Verlagerung des politischen Diskurses hin zu migrantischen Empfindlichkeiten. Gleichzeitig gilt der Begriff „deutsch“ zunehmend als verdächtig – es sei denn, er wird mit Adjektiven wie „vielfältig“, „postmigrantisch“ oder „offen“ neutralisiert.
Kurzum: Die Deutschen zahlen nicht nur, sie schweigen auch – und sie weichen zurück. Ihre Vertreter beugen sich vor denen, die sie als „Bereicherung“ willkommen hießen, aber nun politische Korrekturen einfordern – nicht auf Augenhöhe, sondern oft mit moralischer Erpressung.
Diese Entwicklung ist die letzte Stufe des ethnomasochistischen Projekts: Die Minderheit wird zum Maßstab. Die Mehrheit gehorcht.
Universitäten als ideologische Laboratorien: Der Konstruktivismus und die Dekonstruktion des Eigenen
Wenn man verstehen will, warum Begriffe wie Heimat, Volk, Nation oder Identität heute in der öffentlichen Debatte entweder als verdächtig gelten – oder gleich ganz gelöscht werden sollen –, dann genügt es nicht, auf Medien oder Politik zu blicken. Der eigentliche Ursprung dieser geistigen Enteignung liegt tiefer – in den Universitäten, in der Philosophie, in der Theorie.
Dort, in den Seminarräumen der Nachkriegszeit, begann ein ideologischer Umerziehungsprozess, der bis heute nachwirkt: die philosophische Entnaturalisierung des Eigenen. Alles, was historisch gewachsen war, wurde zur sozialen Konstruktion erklärt. Volk? Ein Machtkonstrukt. Heimat? Ein psychologischer Mythos. Kultur? Ein Herrschaftsdiskurs. Identität? Ein Produkt hegemonialer Zuschreibungen.
Diese Gedanken haben Namen: Berger & Luckmann, Foucault, Derrida, Judith Butler. In den deutschen Universitäten seit den 1970er Jahren wird eine Denktradition hegemonial, die das organisch Gewachsene grundsätzlich misstrauisch betrachtet – und stattdessen Konstruktivismus, Dekonstruktion und Intersektionalität ins Zentrum rückt.
Das Ergebnis: Der Mensch ist nicht mehr eingebettet, sondern beliebig. Die kulturelle Herkunft wird zur „Zuschreibung“, die Sprache zur „Machtstruktur“, das Geschlecht zur „Performance“. Wer heute an einem geisteswissenschaftlichen Institut sagt, dass es so etwas wie ein deutsches Volk gibt – das über Jahrhunderte in Raum, Sprache und Geschichte gewachsen ist –, wird entweder als naiv belächelt oder als gefährlich markiert.
„An den Universitäten wird nicht mehr gelehrt, was ist – sondern was nicht mehr sein darf.“
Diese geistige Umkodierung ist die Wurzel des Ethnomasochismus: Nicht nur das Gefühl, sondern bereits der Gedanke an das Eigene wird problematisch. Was bleibt, ist ein akademisch gestützter Selbsthass, der sich als Fortschritt tarnt.
Dass diese Gedankenwelt nicht an den Universitäten bleibt, sondern durch alle gesellschaftlichen Instanzen wandert, ist kein Zufall. Die 68er, die sich als kulturelle Revolutionäre verstanden, formulierten es offen: „Der Marsch durch die Institutionen.“ Und sie haben ihn – im Unterschied zur konservativen Rechten – konsequent durchgeführt.
Heute sitzen ihre geistigen Erben in Redaktionen, in Kultusministerien, in NGO-Vorständen, in Schulbuchverlagen, in Parteistiftungen, in Ethikräten – und bestimmen darüber, was gesagt werden darf. Die Linke – nicht nur als Partei, sondern als kulturelle Hegemonie – geht durch alle Instanzen.
Die Idee eines organisch gewachsenen Volkes ist damit nicht nur in Frage gestellt, sondern systematisch ersetzt worden – durch eine anthropologische Leere, die alles erlaubt, aber nichts mehr trägt. Der Mensch ist frei – aber er ist entwurzelt. Er ist offen – aber er ist schutzlos.
Der Funke aus dem Osten? Nationale Wiederkehr in Europa – aber (noch) nicht im Herzen
Zwar mehren sich europaweit die Zeichen einer konservativen, nationalen Gegenbewegung – in Ungarn unter Viktor Orbán, in Italien mit Giorgia Meloni, zuletzt auch in den Niederlanden mit Geert Wilders. Selbst im Europäischen Parlament formieren sich Fraktionen, die das Wort Nation nicht nur verteidigen, sondern wieder in die Mitte der politischen Sprache rücken. Der Zeitgeist beginnt zu bröckeln.
Doch diese Erschütterung der liberal-globalistischen Ordnung hat den einzelnen Menschen noch nicht erreicht. Der deutsche Bürger, der französische Intellektuelle, der niederländische Lehrer – sie denken vielfach noch in den alten Begriffen: Fortschritt gleich Auflösung, Offenheit gleich Selbstaufgabe, Diversität gleich Pflicht. Es ist, als würde der politische Wille zur Wende auf eine kulturell entwaffnete Seele treffen.
Dabei ist längst klar: Die nationale Frage ist keine nostalgische, sondern eine existentielle Frage geworden. Wer sind wir? Was schützt uns? Was eint uns? In Zeiten von Massenzuwanderung, kultureller Fragmentierung und transnationaler Entmachtung ist sie die Frage nach dem Überleben in Würde – nicht nur ökonomisch, sondern geistig, sprachlich, identitär.
Carl Schmitt schrieb 1932, dass derjenige souverän sei, „der über den Ausnahmezustand entscheidet“ – heute kann man ergänzen: souverän ist nur, wer über die kulturellen Voraussetzungen seiner Gemeinschaft bestimmen kann¹. Charles de Gaulle erinnerte einst daran, dass Frankreich nur dann existieren könne, wenn es „in sich selbst Einheit findet“. Und Papst Benedikt XVI. warnte in seiner „Regensburger Rede“ vor einem Europa, das den Glauben an seine eigene geistige Substanz verloren habe³.
Die Zeichen der Zeit sprechen eine klare Sprache. Der europäische Nationalstaat steht nicht vor einem Strukturwandel – er steht vor einer Entscheidung: Wiedererwachen oder Verschwinden. Die politische Landschaft beginnt sich zu regen. Doch ohne ein neues Bewusstsein, ohne eine kulturelle Rückbesinnung auf das Eigene, wird diese Bewegung nur ein Flackern bleiben.
Der Boden ist vorbereitet. Aber das Herz schlägt noch nicht.
Auswege: Die Rückkehr zur Würde des Eigenen
Was bleibt zu tun? Die Rückkehr zur Sprache. Wer „Volk“ nicht mehr sagen kann, kann auch keines mehr denken. Die Rehabilitierung des Traditionellen. Nicht alles Alte ist falsch, nicht alles Neue gut.
Und vor allem: Die Rückgewinnung des kulturellen Selbstwerts – durch Bildung, durch Kunst, durch Ästhetik, durch einen neuen Stolz, der nicht über andere herrschen, sondern das Eigene erhalten will.
Eine Nation, die sich selbst verliert, hat keine Feinde mehr nötig
Deutschland hat keine äußeren Feinde mehr. Es hat sich zum inneren Feind seiner selbst gemacht. Es glaubt, moralisch besser zu sein, wenn es kulturell verschwindet.
Doch eine Gesellschaft, die sich nicht mehr liebt, ist nicht weltoffen – sie ist verloren.
„Nur der, der sich selbst achtet, kann andere achten. Nur der, der sich selbst verteidigt, kann anderen Schutz gewähren.“ – Martin Lichtmesz
Die Verteidigung des Eigenen ist kein Verbrechen. Sie ist Voraussetzung für jedes friedliche Miteinander. Sie ist nicht aggressiv, nicht überheblich, nicht ausgrenzend – sie ist ein Akt der Würde. Ein Volk, das sich selbst wieder erkennt, kann auch dem Anderen auf Augenhöhe begegnen.
Es ist Zeit, dem Ethnomasochismus eine Kultur des Selbstbewusstseins entgegenzusetzen. Ohne Haß. Aber mit Herz. Ohne Hochmut. Aber mit Haltung.
Wissenschaftliches Literaturverzeichnis
Monografien & Essays
Höcke, Björn: Nie zweimal in denselben Fluss. Plädoyer für einen aufgeklärten Patriotismus. Manuscriptum Verlag, 2018.
Krah, Maximilian: Politik von rechts. Streitschrift für eine konservative Erneuerung. Manuscriptum Verlag, 2023.
Lichtmesz, Martin: Die Verteidigung des Eigenen. Schnellroda: Antaios Verlag, 2017.
„Ein einziger Tag kann dein ganzes Leben verändern.“ Diese Prämisse trägt nicht nur die Handlung von Training Day, sondern brennt sich wie ein Mantra in den Zuschauer. Antoine Fuquas Film ist kein Cop-Thriller im klassischen Sinne, sondern ein moralisches Kammerspiel, das sich über den Asphalt von South Central Los Angeles legt – drückend, bedrohlich, elektrisiert. Es geht um Entscheidungen, ums Überleben, um die Verlockung der Macht – und den langsamen Verlust der eigenen Integrität.
Training Day war für mich nie einfach ein Film. Er war ein Erlebnis. Ein Prüfstein. Eine schmerzhafte Lektion darüber, wie dünn die Trennlinie zwischen Recht und Unrecht verlaufen kann – vor allem, wenn die Sonne grell scheint und die Straßen heiß sind.
Der Tag beginnt: Wer die Straße betritt, betritt eine Welt ohne Rückkehr
Jake Hoyt (Ethan Hawke) ist jung, motiviert, idealistisch. Er träumt von einem Aufstieg innerhalb des LAPD. Sein Ticket scheint die Aufnahme in die Eliteeinheit der Drogenfahndung unter der Führung von Alonzo Harris (Denzel Washington) zu sein. Doch dieser erste Tag – sein „Trainingstag“ – wird nicht zu einem Bewerbungsgespräch, sondern zu einer Höllenfahrt.
Alonzo Harris aus Training Day ist mit allen Wassern gewaschen.
Schon früh wird klar: Alonzo ist kein gewöhnlicher Polizist. Er ist charismatisch, klug – und zutiefst korrupt. Die erste Schlüsselszene: Jake trifft auf Alonzo in einem Diner. Alonzo liest Zeitung. Ohne aufzublicken, sagt er: „Du störst mich beim Lesen. Unterhalt mich.“ Dieser Befehlston ist nicht bloß Machtdemonstration – er ist der Auftakt zu einem Spiel auf Leben und Tod.
Jake fragt später: „Wo ist dein Büro?“ – und Alonzo antwortet trocken: „Du sitzt schon drin.“ Gemeint ist sein schwarzer Chevrolet Monte Carlo – ein fahrbares Verhörzimmer, eine rollende Sphäre der Manipulation. Das Auto wird zur Bühne für Demütigung, Drohung und schleichende Indoktrination.
Zwei Männer, zwei Welten: Der Idealist und das Biest
Ethan Hawke wurde für seine Rolle zurecht für den Oscar als Bester Nebendarsteller nominiert. Er spielt Jake mit einer feinfühligen Mischung aus Naivität und wachsendem Zweifel. Man sieht in jeder Szene: Dieser junge Cop will das Richtige tun – aber er weiß bald nicht mehr, was „richtig“ eigentlich bedeutet.
Denzel Washington hingegen explodiert in der Rolle des Alonzo Harris. Seine Figur ist keine Karikatur eines bösen Cops. Sie ist viel gefährlicher: ein Mensch, der einmal angetreten ist, das Richtige zu tun – und dabei innerlich zerbrochen ist. Washington wurde für diese Rolle mit dem Oscar als Bester Hauptdarsteller ausgezeichnet – verdientermaßen. Es war seine erste Auszeichnung in einer Hauptrolle, nach seinem Nebendarsteller-Oscar für Glory (1989).
Sein Satz: „Ich bin das Gesetz!“, hallt wie ein Fluch durch den Film. Oder: „Glaub ja nicht, du kannst hier alleine herkommen. Das Viertel frisst dich lebendig.“ Solche Zeilen brennen sich ein. Und dann natürlich der wohl berühmteste Ausbruch: „King Kong hat gegen mich keine Chance!“ – eine Mischung aus Größenwahn und Todesangst. Unvergesslich bleibt auch die Szene, in der Alonzo gemeinsam mit Jake in den Himmel heult – wie zwei Wölfe, Seite an Seite. „Ein Wolf erkennt einen anderen“, sagt Alonzo. Der Heulmoment ist keine Parodie – er ist Teil einer tiefen, animalischen Initiation. Jake soll in den Rudelgeist eintauchen, die Sprache des Überlebens lernen. Doch was Alonzo übersieht: Jake ist kein Wolf. Er bleibt Mensch.
Der Monte Carlo – Alonzos rollendes Imperium
Der schwarze Chevrolet Monte Carlo SS, Baujahr 1979, ist nicht einfach nur ein Auto. Er ist Alonzos fahrendes Büro, sein Panzer, sein Thron, sein flüchtiger Schutzraum vor einer Welt, die er zu kontrollieren glaubt – und die ihn am Ende doch verschlingt. Als Jake Hoyt in das Fahrzeug steigt, beginnt nicht nur ein physischer Roadtrip durch die gefährlichsten Viertel von Los Angeles – es ist eine Reise in Alonzos moralisches Innerstes.
Kein Schreibtisch, kein Revier. Der Monte Carlo ist sein Verhörzimmer, seine Kommandozentrale, seine Waffe. Die tief getönten Scheiben, das laute Röhren des V8-Motors, die dunkle Lederausstattung – all das strahlt Dominanz und Unnahbarkeit aus. Wer mit Alonzo fährt, unterwirft sich seinem Gesetz.
Doch im Laufe des Films verändert sich das Verhältnis zum Auto. Aus dem trutzigen Bollwerk wird eine fahrende Zelle der Paranoia. Der Wagen, einst Ausdruck von Coolness und Macht, wird von Minute zu Minute enger, bedrohlicher – so wie sich Alonzos Handlungsspielraum verengt. Die Polizei hat ihn längst im Visier. Die Gangs spüren seine Schwäche. Und Jake beginnt zu begreifen, was für ein Spiel hier gespielt wird.
Am Ende steht das Fahrzeug symbolisch für den Zusammenbruch einer Fassade: Als Alonzo auf offener Straße flieht, wird der Monte Carlo von Maschinengewehrsalven durchsiebt – durchlöchert wie sein moralisches System. Der Wagen, einst so sicher, wird zum Sarg. Ein mobiles Königreich, das im Kugelhagel untergeht.
Der Monte Carlo ist keine Requisite. Er ist ein Charakter. Und sein Schicksal ist untrennbar mit Alonzos Fall verbunden.
Drehorte: Wo L.A. selbst zur Figur wird
Was Training Day so unvergleichlich authentisch macht, sind nicht nur Figuren und Dialoge – sondern die Entscheidung, ausschließlich an Originalschauplätzen in Los Angeles zu drehen. Antoine Fuqua und sein Team begaben sich tief hinein in Viertel wie South Central, Watts, Crenshaw und Rampart – Orte, die sonst selten so realitätsnah im Mainstream-Kino gezeigt werden. Die Kamera taucht ein in Straßenkreuzungen, verfallene Häuserzeilen, triste Innenhöfe, aus denen keine Helden hervorgehen – sondern Menschen, die täglich ums Überleben kämpfen.
Die Produktion arbeitete eng mit Anwohnern, lokalen Autoritäten und teils sogar mit echten Gang-Mitgliedern zusammen, um Respekt und Sicherheit während der Dreharbeiten zu gewährleisten. Es ist diese Nähe zur urbanen Realität, die dem Film seine viszerale Wucht verleiht. L.A. ist hier keine Postkartenkulisse, sondern ein atmender Organismus – ein Charakter für sich.
Doch es geht noch weiter: Der Zuschauer selbst wird Teil dieses Organismus. Er gleitet gemeinsam mit Jake durch die Stadt, spürt die Hitze, den Staub, die Anspannung. Die Kamera erlaubt keinen Abstand. Sie zwingt zur Nähe. Die Schauspieler bewegen sich nicht vor einem Hintergrund – sie sind Teil eines lebendigen, gefährlichen, fast schon morbiden Molochs. Die Stadt verschlingt, verwandelt, entlarvt. Und auch der Zuschauer wird von ihr gefordert, verschlungen, geprüft.
Training Day gelingt es so, nicht nur ein moralisches Drama zu erzählen – sondern ein filmisches Dokument über eine Stadt im Ausnahmezustand. Eine Stadt, die lebt. Und die ihre Zähne zeigt.
Der Informant, die Schneckengeschichte – und ein eiskalter Mord
Eine Szene, die exemplarisch für Alonzos zynische, manipulative Kälte steht, ist der Umgang mit dem Informanten Roger, einem ehemaligen Kollegen und scheinbaren Freund. Roger empfängt Alonzo und Jake mit offenen Armen. Er erzählt eine skurrile Geschichte: Eine Schnecke kriecht über eine Terrasse und wird vom Hausbesitzer mehrfach wieder hinausgeworfen. Doch jedes Mal kehrt sie zurück. Irgendwann sieht der Mann die Schnecke wieder und sagt nur noch: „Du schon wieder?“ – Eine absurde, beinahe zenartige Anekdote, die von Ausdauer, Wiederholung und vielleicht auch Resignation erzählt.
Doch dieser vermeintlich weise, schrullige Mann – ein Inbegriff dessen, was in einem System überlebt hat – wird von Alonzo brutal geopfert. Roger wird erschossen. Nicht im Affekt, nicht aus Notwehr – sondern planvoll, eiskalt. Jake ist dabei. Und damit in ein Komplott verwickelt, das weit über das hinausgeht, was er zu Beginn für möglich hielt.
Alonzo tötet einen alten Freund, um Bargeld zu rauben, das er braucht, um sich aus seiner eigenen Schuldenfalle in Las Vegas freizukaufen. Er lässt Jake mit der Tat zurück – als Mitwisser, als potenziellen Komplizen, als gefügig Gemachten. Es ist ein Test. Und eine Grenzüberschreitung.
Atmosphäre und Kamera: Das unsichtbare Dritte in jedem Dialog
Was Training Day so unvergleichlich macht, ist nicht nur das Schauspiel – sondern die Atmosphäre. Kameramann Mauro Fiore (später Oscar-Gewinner für Avatar) taucht das sonnendurchflutete L.A. in eine gleißende Hitze, die fast physisch spürbar wird. Es ist ein urbanes Fieber – ein Blick in die Eingeweide der Metropole.
Die Kamera folgt Alonzo und Jake durch Straßen, in Wohnungen, an Straßenecken – mit einer ruhelosen Energie. Es ist, als würde man selbst mit im Auto sitzen, den Schweiß riechen, die Angst schmecken. Antoine Fuqua, selbst aufgewachsen in den harten Vierteln von Pittsburgh, bringt ein Gefühl von Authentizität mit, das seinesgleichen sucht. Er sagte einmal: „Die Straße ist ein Charakter in meinem Film.“
Sex, Macht und Verantwortungslosigkeit: Eva Mendes als Symbolfigur
Eine Szene, die oft übersehen wird und doch viel über Alonzos Wesen verrät, ist sein Auftritt bei Eva Mendes alias Sara, seiner Geliebten. Im Film selbst nennt sie sich ironisch seine „Billigmaus“. Sie lebt in einer kleinen Wohnung mit Alonzos kleinem Sohn. Doch Alonzo, der sich selbst als Vater sieht, hat keinen Blick für das Kind. Während Jake mit dem Jungen fernsieht und für einen Moment so etwas wie menschliche Wärme zulässt, zieht Alonzo sich mit Sara ins Schlafzimmer zurück – um Sex zu haben.
Diese Szene ist schockierend in ihrer Gleichgültigkeit. Der Zuschauer erkennt: Für Alonzo zählt nur seine Macht, seine Lust, seine Kontrolle. Alles andere – Verantwortung, Liebe, Vaterschaft – ist ihm gleichgültig. Auch hier ist Jake der stille, moralisch überlegene Gegenpol. Er sorgt sich um den Jungen, er sieht das Kind. Alonzo hingegen sieht nur sich.
Soundtrack: Die Musik der Straße – ein epischer Puls
Ebenso essenziell für die Wirkung des Films ist der Soundtrack. Die Musik ist nicht nur atmosphärisches Beiwerk – sie ist emotionale Verstärkung, Identitätsstiftung, Kommentar. Wenn Jake das erste Mal in den Monte Carlo steigt und Still D.R.E. von Dr. Dre feat. Snoop Dogg läuft, entfaltet sich ein Moment filmischer Magie.
Jake fährt an jenen Männern vorbei, die ihn später gefangen nehmen und töten sollen – scheinbar beiläufig eingeführt. Und doch: Diese Straße hat Gedächtnis. Jake überlebt letztlich nur, weil er zuvor der Nichte eines Gang-Bosses geholfen hat.
Besonders bemerkenswert: Cliff Curtis als „Smiley“ und Raymond Cruz – besser bekannt als Tuco Salamanca in Breaking Bad. Ihre Auftritte verleihen der Szene schauspielerisches Gewicht und kulturelle Tiefe.
System in Symbiose: Polizisten, Staatsanwälte, Schweigen
Ein stiller, aber umso erschütternderer Moment ist das Geschäftsessen mit Detectives und Staatsanwälten. Jake sitzt dabei – stumm, befremdet. Alonzo aber gehört dazu. Die Männer wissen über Alonzos Verwicklungen in Las Vegas Bescheid. Doch niemand spricht es offen an. Man deckt sich. Die Justiz schützt sich selbst. Der Rechtsstaat erscheint als Bühne für Insider, Mitwisser, Schweigende.
Finaler Showdown: Der Untergang eines Mannes, der glaubte, unantastbar zu sein
Am Ende fällt Alonzo. Und zwar nicht durch einen heldenhaften Showdown, nicht im Kugelhagel auf dem Dach, nicht im Duell mit Jake – sondern auf offener Straße. Allein. Von jenen erschossen, die er zuvor selbst zu manipulieren und zu beherrschen glaubte: die Russen. Es sind die Männer, deren Zorn er sich in Las Vegas durch ein missglücktes Spiel und einen Mord auf sich gezogen hatte.
Sie kommen nicht mit Pathos, sondern mit Präzision. Kein Wort zu viel. Kein Zögern. Nur Kugeln. Der letzte Blick auf Alonzo ist der eines Mannes, der merkt, dass die Straße niemandem verzeiht. Dass selbst der „King Kong der Cops“ sterblich ist. Und in seinem Fall – ersetzbar.
Unvergessen bleibt der Moment, in dem einer der russischen Auftragskiller über Alonzos Leiche hinweg hämisch lacht. Es ist kein lautes, überdrehtes Gelächter – es ist kalt, höhnisch, ein grausames Echo auf Alonzos Hybris. Dieses Lachen schneidet tiefer als jede Kugel. Es ist das Lachen eines Systems, das sich seiner Mittel sicher ist. Und das mit Alonzo abrechnet wie mit einem überfälligen Schuldenkonto.
Jake hingegen überlebt. Aber verändert. Still. Er kehrt heim – wortlos. Und weiß: Das Gesetz ist nicht gerecht. Es ist eine Illusion. Und Gerechtigkeit ist in dieser Welt ein stiller, unbequemer Kompromiss.
Fazit: Ein Meisterwerk, das bleibt
Training Day ist ein Film über Macht, Moral und das tägliche Überleben im Sumpf eines Systems. Kein Film, den man konsumiert. Ein Film, der einen prüft. Der einen zurückwirft. Der bleibt.
Epilog: Ein Film, der mich nie losließ
Als ich Training Day das erste Mal sah, war ich jung. Beeindruckbar. Aber dieser Film hat mich nie wieder losgelassen. Ich habe ihn zwanzig Mal gesehen – und er ist immer noch nicht fertig mit mir.
Denn in jeder Szene steckt eine Wahrheit. In jedem Satz eine Warnung. Und in jeder Figur ein Spiegel.
„Du willst Polizist werden? Dann lern zu schwimmen. Hier draußen gibt es keine Rettungsringe.“ – Alonzo Harris
Es gibt Filme, die man wegen ihrer Handlung liebt. Filme, die man zitiert, weil sie witzig oder klug sind. Und dann gibt es Filme wie Michael Manns Miami Vice (2006): Filme, die sich nicht erzählen lassen, weil sie nicht in Worten, sondern in Temperaturen, Geräuschen und Blicken existieren. Filme, die weniger ein Werk als ein Zustand sind.
Miami Vice ist eine Einladung, für zwei Stunden in ein fremdes, verschwommenes, brennendes Jetzt einzutauchen. Es ist ein Film, der uns weniger die Geschichte von zwei Undercover-Ermittlern erzählt als vielmehr das Gefühl gibt, zwischen Hitze, Adrenalin und Kontrollverlust zu existieren.
Michael Mann, der präzise Architekt urbaner Einsamkeit (Heat, Collateral), inszeniert hier nicht einfach ein Remake der berühmten 80er-Serie, deren visuelles Erbe er selbst einst geprägt hat. Vielmehr unternimmt er den radikaleren Versuch, die Oberfläche des digitalen Films auszuloten – nicht als technisches Werkzeug, sondern als Ausdrucksform eines neuen Realismus. Miami Vice ist kein Thriller im klassischen Sinn, sondern ein Film über die Porosität der Identität. Über die Auflösung von Grenzen: zwischen Gut und Böse, zwischen Rolle und Realität, zwischen Subjekt und Oberfläche.
Als ich den Film sah, war ich mitten in meiner Jugend. Wir waren zwar zu jung für das Original, das spät nachts auf Arte oder RTL II lief, aber wir kannten es trotzdem – über große Brüder, Väter, Memes, Soundtracks. Die Serie lief ursprünglich im ZDF, wo sie in den 80er-Jahren für viele Zuschauer ein Fenster in eine andere Welt war – sonnengebleicht, musikalisch, modern. wurde aber in den USA konzipiert, um dem neu gegründeten MTV etwas entgegenzusetzen – visuell, musikalisch, rhythmisch. Sie war eine Art Antwort des Fernsehens auf den Clip. Retro-Gold war das für uns allemal, aber Manns Film war Gegenwart. Und für mich war es so, dass er sich wie eine Nacht anfühlte, in der man zu tief drin steckt, um noch zurückzukehren. Er hat etwas Taumelndes, Unscharfes, aber zugleich Elektrisches. Etwas, das nicht erklärt, sondern gespürt werden wollte.
Crockett und Isabella
Oberflächlich betrachtet ist Miami Vice ein Actionfilm. Es gibt Schießereien, schnelle Autos, verdeckte Ermittlungen, Explosionen. Die Handlung? Geschenkt. Sie dient lediglich als Gefäß: Crockett und Tubbs schleusen sich tief in ein Drogenkartell ein, treffen auf den gefährlich höflichen Jesús Montoya und dessen Finanzchefin Isabella, mit der Crockett eine gefährliche Affäre beginnt. Alles Weitere ist Staffage. Was bleibt, ist Atmosphäre. Der Film ist eine Textur, eine Erinnerung, kein Bericht. Er ist wie ein Tag in den Tropen – flirrend, fließend, drückend, und doch voll Schönheit. Er atmet Miami, saugt dessen Hitze, dessen Licht, dessen Rhythmus auf und verwandelt alles in pures Kino.
Und dann ist da der Killer des Kartells – der eiskalte Disco-Besitzer Yero, gespielt von John Ortiz. Wortkarg, effizient, gnadenlos. Eine Figur wie aus einem Sergio-Leone-Film gefallen, aber in digitaler Geschwindigkeit. Sein Gesicht bleibt leer, seine Bewegungen präzise. Er wirkt wie die algorithmische Entsprechung von Gewalt: emotionslos, berechenbar, tödlich. Er spricht selten, handelt schnell und verschwindet im Dunkel – ein Phantom, das sich nie erklärt. In ihm verdichtet sich die klinische Kälte des Systems, das Mann zeigt: Nicht das Böse ist gefährlich – sondern seine Organisation.
2006 war ein seltsames Jahr für das Kino. Children of Men erschien, ein Film über die Auslöschung der Zukunft. Babel von Iñárritu zersplitterte die Welt in Kommunikationskrisen. The Departed brachte uns den klassischen Verratsplot zurück, aber in einer Welt, in der keiner mehr weiß, wer zu wem gehört. Und mitten in all dem: Miami Vice. Kein politisches Statement, kein Weltuntergangsfilm – sondern ein ästhetisches Ereignis. Als wollte dieser Film sagen: Die Welt geht nicht mit einem Knall unter, sondern in einem Soundtrack aus Synths, Schweiß und Schweigen.
Musik als Atmosphäre, nicht als Kulisse
Der Soundtrack von Miami Vice ist mehr als ein klangliches Gerüst – er ist eine narrative Kraft, ein emotionaler Kompass, eine zweite Kamera. Die Auswahl reicht von elektronischen Ambient-Texturen bis zu dramatisch aufgeladenem Rock. Besonders das Stück „One of These Mornings“, geschrieben und produziert von Moby, mit der Stimme von Patti LaBelle, begleitet die ikonische Bootsfahrt nach Havanna wie ein stilles Gebet. Wind im Haar, das Boot schneidet durchs Meer, keine Worte – nur Musik und Haut und Licht. Das ist keine Szene. Das ist ein Zustand.
Aber auch Mogwai prägt mit „Auto Rock“ und „We’re No Here“ das tonale Grundrauschen des Films – unheilvoll, treibend, lautlos gefährlich. Moby kehrt mit „Anthem“ in Momenten wieder, in denen die Handlung sich beinahe verliert – der Ton hält, was das Bild verflüchtigt. Audioslave steuert mit „Shape of Things to Come“ und „Wide Awake“ den düsteren Rock-Entwurf bei, der perfekt zum brodelnden Inneren der Figuren passt – besonders zu Crocketts fiebriger Orientierungslosigkeit.
Der Remix von Phil Collins’ „In the Air Tonight“, hier interpretiert von Nonpoint, mag für manche Puristen ein Sakrileg sein – doch in Manns Händen wird der Song zu einer neuen Erzählung: rohe Energie trifft auf melancholische Vorahnung. Und Goldfrapps „Strict Machine“ sowie Freaky Chakras „Blacklight Fantasy“ liefern die kühle Clubästhetik der Miami-Nächte, in denen Körper wie Datenströme zirkulieren.
India Arie bringt mit „Ready for Love“ eine flüchtige Zärtlichkeit ins Spiel, während Nina Simone in der Felix-Da-Housecat-Version von „Sinnerman“ eine fiebrige Transzendenz entfesselt – ekstatisch und entrückt. Jay-Z und Linkin Park verbinden mit „Numb/Encore“ Welten, die in Miami Vice ohnehin nur durch Risse getrennt sind. Und Blue Foundation mit „Sweep“ sorgt für jenen weichen, schwebenden Klang, der das Digitale fast sinnlich erscheinen lässt.
Der Soundtrack ist damit keine Untermalung, sondern ein bewusst eingesetztes Erzählmittel. Eine Mischung aus Beklemmung und Weite, aus Distanz und Intimität. Aus all dem, was diesen Film zu dem macht, was er ist: ein Zustand, ein Rausch, ein Klangraum im Tropenlicht.
Mit dem Speedboot nach Kuba.
Gedreht mit der Viper-Filmkamera – ein Novum 2006 – wird Licht zur Sprache. Die Nacht ist real. Poren, Schweiß, die Unebenheiten von Haut und Beton – alles bekommt Gewicht. Mann malt mit Pixeln, nicht mit Licht. Das Digitale ist hier kein Stilmittel, sondern ein Wahrnehmungsorgan. Kein Film hat je zuvor die tropische Hitze Floridas so spürbar gemacht. Das Bild ist kein Träger – es ist Temperatur.
Colin Farrells Crockett ist ein Schatten seiner selbst. Die Ray-Ban eine Maske. Der Blick leer. Er ist kein cooler Cop, sondern ein Mann, der in seiner Rolle zu weit gegangen ist und nicht mehr zurückfindet. Seine Liebe zu Isabella ist keine Flucht – sie ist ein kurzes Blinzeln im grellen Licht. Ihre Beziehung ist keine romantische Projektion, sondern körperlich, spürbar, erotisch. Zwei Körper, die einander erkennen, weil sie sich in der Bewegung verstehen. Gong Li spielt keine Klischee-Figur. Sie ist keine Muse, sondern ein Spiegel. Sie verwaltet Milliarden, liebt kontrolliert, und hat jederzeit die Zügel in der Hand. Ihre Rolle ist nicht die der Verführten – sondern der Getarnten. Die Szene, in der sie und Crockett schweigend auf Havanna zufahren, während sich das Wasser in goldene Schlieren auflöst, ist mehr als Liebe. Es ist Erlösung auf Zeit.
Dass Farrell hier so überzeugend einen zerrissenen, innerlich ausgebrannten Ermittler spielt, ist kein Zufall. Privat kämpfte er zu dieser Zeit mit Alkoholproblemen und einer persönlichen Krise. Die Müdigkeit in seinem Blick, das unrasierte Gesicht, die spröde Körperlichkeit – das ist nicht gespielt, das ist gelebt. Farrell selbst sagte später in Interviews, dass Miami Vice ihn an seine Grenzen gebracht habe – emotional wie körperlich.
Und auch John Ortiz, der Darsteller des Disco-Besitzers Yero, bringt mehr mit als nur einen kühlen Blick. Der puertoricanische Schauspieler hatte sich schon in Independent-Filmen einen Namen gemacht und ist bekannt für seine kluge, kontrollierte Darstellung von Machtausübung. Yero ist bei ihm keine überzeichnete Karikatur, sondern eine kalkulierende Kraft – leise, wachsam, gefährlich. Eine Figur wie ein Schattenriss. Und fast beiläufig, aber mit umso größerer Wirkung, streift der Film auch eine andere Schattenwelt: die der „arischen Bruderschaft“. Eine ultrabrutale Gefängnisbande, deren ideologische Grausamkeit und kriminelle Netzwerke im Hintergrund des Drogengeschäfts mitschwingen. Mann zeigt sie nicht plakativ – aber er deutet an, wie tief die Risse im sozialen Gefüge gehen. Die weiße Vorherrschaft tarnt sich hier nicht in Parolen, sondern in ökonomischer Gewalt und strukturellem Zugriff. In einer der eindrücklichsten Szenen taucht der Chef der Bruderschaft auf – ein schmieriger, muskulöser Machtmensch mit SS-Tattoo, gespielt mit erschreckender physischer Präsenz von Tom Towles, der mit Kaugummi im Mund eine eiskalte Lässigkeit in die Rolle bringt. Kein brüllender Neonazi, sondern ein Mann, der an seine eigene Gewalt glaubt – und sie wie ein stilles Gebet ausführt. Besonders prägend: der Moment, in dem er einem Informanten direkt ins Gesicht sagt: „Hey Igor, mein Freund… sag mir, seit wann arbeitest du fürs FBI?“ Sekunden später ist der Mann tot. Kein Gericht, kein Zweifel, kein Erbarmen. Nur eine Frage – und ein Urteil, das in Blei mittel Maschinen-Gewehr-Salve geschrieben wird.
Tom Towles
Gong Li schließlich – die große Dame des chinesischen Kinos, bekannt aus den Filmen von Zhang Yimou – bringt mit ihrer Präsenz einen ganz anderen Takt in diesen Film. Sie spricht mit Akzent, ja. Aber das verstärkt nur ihren Status als Fremde in dieser Welt. Ihre Eleganz ist weltentrückt. Sie ist nicht Teil der Oberfläche – sie durchdringt sie. Ihre Szenen mit Farrell sind nicht nur erotisch – sie sind wie aus einer anderen Filmzeit gefallen. Kein Hollywood-Kitsch, sondern visuelle Poesie. Auch in der deutschen Fassung verliert diese Figur nichts von ihrer fremden, kühlen Schönheit. Meylan Chao, die Synchronsprecherin Isabellas, trifft mit ruhiger, fast beherrschender Stimme genau den Ton, den Gong Li vorgibt: kontrolliert, minimalistisch, aber mit einem Hauch Glut unter der Oberfläche. Ihre Stimme klingt nie süßlich oder unterwürfig – sie klingt wie ein letzter Schatten im Sonnenlicht. Eine akustische Entsprechung jener wortlosen Präsenz, die Isabellas Rolle im Film so besonders macht.
Sprache der Gewalt – Gewalt der Sprache
Luis Tosars Montoya ist kein Bösewicht. Er ist ein Konzept. Seine Höflichkeit ist unheimlicher als jede Brutalität. Er tötet mit Gesten. Mit Pausen. Mit Sätzen. „Sollten wir zusammenarbeiten, würde mich das freuen. Sollten wir es nicht tun – nun, dann ist das eben so.“ Und am Ende: „Grüßen Sie Ihre Familien von mir.“ Fünf Worte, die mehr Sprengkraft haben als ein Maschinengewehr. In seiner ruhigen Dominanz erinnert er mehr an einen Bankier als an einen Drogenlord – und vielleicht ist das die eigentliche Fratze der Macht.
Luis Tosar als Montoya
2006 – das letzte Jahr vor dem digitalen Tsunami. Keine Smartphones, keine Cloud. Die Welt in Miami Vice ist noch analog, körperlich, verschwitzter. Kommunikation funktioniert über Blickkontakt, nicht über Nachrichtentöne. Diese Welt wirkt heute wie eine verlorene Epoche – oder eine Zukunft, die wir nie hatten. Die Clubs sind laut, aber nicht durchgeplant. Die Gespräche sind flüchtig, nicht dokumentiert. Das Leben hat noch Spielräume. Der Film zeigt diese Welt nicht nostalgisch – sondern seismografisch.
Die Dreharbeiten waren geprägt von äußeren Widrigkeiten. Hurrikan Katrina zwang das Produktionsteam zur Unterbrechung, Teile des Films mussten an anderen Orten fortgesetzt werden. Was bei anderen Filmen zum Bruch geführt hätte, wurde bei Miami Vice zur Ästhetik: Unschärfe, Ortswechsel, Fragmentierung – all das spiegelt sich in der filmischen Sprache wider. Die Figuren stolpern voran, als wüssten sie selbst nicht, wie der nächste Schnitt aussieht. Der Film wirkt, als habe er selbst seine Balance verloren – und dadurch eine neue Tiefe gewonnen.
Das Ende verweigert sich jeder Form von Katharsis. Kein abschließender Handschlag, keine Gerechtigkeit, kein Pathos. Tubbs besucht seine schwer verletzte Freundin. Crockett bleibt allein. Die Sonne geht nicht auf. Es bleibt still. Dieses Ende ist radikal. Es sagt: Das war es nicht. Das war keine Erlösung. Keine Heldenreise. Nur eine Episode – vielleicht sogar ein Fehler. Dass es ausgerechnet mit Schweigen endet, ist nur folgerichtig in einem Film, der seine stärksten Momente nicht spricht, sondern atmet.
Heute, fast zwei Jahrzehnte später, wirkt Miami Vice nicht alt. Es wirkt auch nicht modern. Es wirkt zeitlos – weil es sich nicht anbiedert, nichts erklärt, nichts beweisen will. Weil es kompromisslos ist. Die Kameraarbeit hat das moderne Actionkino beeinflusst. Der Soundtrack ist legendär. Die Hauptfigur ein Archetyp: zerrissen, verloren, schön. Und weil dieser Film nie erklärt, wie man ihn zu lesen hat, bleibt er offen – wie ein offener Abendhimmel über tropischem Wasser.
Miami Vice ist kein Film, den man konsumiert. Er ist ein Film, den man durchlebt. Wer ihn sieht, wird ihn nicht erklären wollen – sondern erinnern. An eine Nacht. An ein Gefühl. An einen Blick. Es ist kein Remake. Kein Thriller. Kein Popcorn-Kino. Es ist eine melancholische Elegie auf die Moderne, erzählt in Pixeln und Beats. Ein Film wie eine verschwitzte Stirn im Morgengrauen. Wie das Rauschen des Meeres in einer heißen Nacht.
Michael Manns Miami Vice ist nicht cool – er ist kühl. Und in dieser Kühle liegt eine unendliche Schönheit.
Und vielleicht war dieser Film mehr als nur ein Abgesang. Vielleicht war er eine leise Verbeugung vor einer Ära, die gerade verging, ohne dass wir es in jenem Moment ganz begriffen hätten. 2006 – das war nicht nur ein Jahr des digitalen Aufbruchs, sondern auch das Ende einer bestimmten Art von Kinoerlebnis. Einer Intimität, die sich nicht in Echtzeit teilte. Einer Männlichkeit, die nicht lärmte, sondern schwieg. Einer Tiefe, die sich nicht erklärte, sondern unter der Oberfläche bebte.
Für viele Jüngere, die die 80er-Jahre nur aus Erzählungen, verschwommenen Fernsehbildern oder Soundtracks kannten, wurde Miami Vice zur Projektionsfläche: Es war Retro und Gegenwart zugleich. Für andere – jene, die in den 80ern aufwuchsen, deren Nächte von Neon und Synthesizerklängen durchzogen waren – war der Film ein Wiedersehen mit einer Zeit, die längst vergangen schien. Vielleicht lag darin seine eigentliche Magie: im Nachbild einer Ära, deren Ästhetik schon Mythos war, deren Figuren aus Rauch und Schatten bestanden, deren Gesten langsamer und bedeutungsvoller waren. Fast zeitgleich erschien auch Bad Boys II (2003), inszeniert von Michael Bay – ein anderer Blick auf Miami, lauter, exzessiver, greller. Kein Film von Michael Mann, aber ein Film aus derselben Dämmerungszone zwischen altem Kino und neuer Bildsprache. Während Bad Boys II die Stadt in greller Bewegung zeigte, hielt Miami Vice inne – und lauschte auf das, was unter der Oberfläche vibrierte: Es war Retro und Gegenwart zugleich. Es erinnerte an etwas, das man selbst nie erlebt hatte – aber zu kennen meinte. Vielleicht lag darin seine eigentliche Magie: im Nachbild einer Ära, deren Ästhetik schon Mythos war, deren Figuren aus Rauch und Schatten bestanden, deren Gesten langsamer und bedeutungsvoller waren.
Miami Vice war nie nur Stil. Es war ein Gefühl – melancholisch, kühl, unübersetzbar. Eine Ahnung davon, wie es gewesen sein könnte. Ein Blick zurück, nicht aus Nostalgie, sondern aus Sehnsucht. Und vielleicht auch aus Angst vor dem, was kommen würde.
In dieser Form war es das letzte seiner Art. Ein Film wie eine ferne Erinnerung – an etwas, das nie ganz greifbar war. Und gerade deshalb unvergesslich.
Kurzinhalt
Sonny Crockett und Ricardo Tubbs, Undercover-Ermittler der Drogenfahndung in Miami, tauchen tief in die Strukturen eines internationalen Drogenkartells ein, als ein FBI-Informant enttarnt und getötet wird. Im Zuge ihrer Operation begegnet Crockett der kühlen Kartell-Finanzchefin Isabella – und beginnt eine verhängnisvolle Affäre. Während sich Tubbs’ Team auf einen gefährlichen Schlagabtausch vorbereitet, verschwimmen für Crockett zunehmend die Grenzen zwischen Beruf und persönlichem Abgrund. Gewalt, Loyalität, Verrat – Miami Vice erzählt diese Themen nicht, es lässt sie spüren.
Der Film ist weniger klassische Handlung als dichte Stimmung, weniger Dialog als Zustand. Es ist eine Geschichte über Kontrolle – und über deren Verlust, über Nähe, die sich nicht mitteilen kann, und über eine Welt, in der die digitale Oberfläche das letzte bleibt, woran sich die Menschen halten.
Über das Recht, verschieden zu bleiben – und die Pflicht, das Eigene zu bewahren
Ich habe lange geglaubt, die Welt müsse sich angleichen, um friedlich zu werden. Doch ich musste lernen, dass das Gegenteil wahr ist. Man hat uns gelehrt, die Welt als Einheit zu begreifen. Der Entopluralismus, wie ihn Denker der Nouvelle Droite wie Alain de Benoist, Martin Lichtmesz und Götz Kubitschek formuliert haben, versteht sich als radikale Absage an jede Form universeller Homogenisierung. Er begreift den Menschen nicht als atomisiertes Subjekt, sondern als Teil einer gewachsenen, ethnisch-kulturellen Ordnung. Ethnie – das ist hier nicht bloß Biologie, sondern Herkunft, Gedächtnis, Sprache, Mythos, Raum. Eine Lebensform, keine Statistik.
Tatsächlich ist die Rolle des Mythos im ethnopluralistischen Denken ein zentrales Element. Thor von Waldenstein schreibt in diesem Zusammenhang:
„Ein Volk lebt nicht von Verträgen, sondern von Bildern. Nicht die Statistik, sondern der Mythos stiftet Dauer.“
Der Mythos ist dabei nicht bloß ein Märchen aus der Vorzeit, sondern eine verdichtete Form kollektiver Wahrheit. Er bewahrt Ursprung und Orientierung. In mythischen Erzählungen liegt die symbolische Selbstvergewisserung eines Volkes: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Diese Fragen lassen sich nicht allein durch Geschichtsbücher oder Verfassungen beantworten – sie brauchen Narrative, Symbole, Gründungsfiguren.
Für den Ethnopluralismus ist der Mythos das Gegengift zur Entwurzelung. Er stiftet Identität durch Tiefe, nicht durch Oberfläche. Er ist nicht rational beweisbar, aber kulturell wirksam. Die Erinnerung an die eigenen Mythen – seien es die römischen Gründungslegenden, die Edda oder christliche Ursprungsbilder – wirkt strukturierend auf das Selbstverständnis eines Volkes. Mythen formen kollektive Vorstellungskraft und schaffen eine Brücke zwischen Ursprung und Gegenwart.
Gerade in einer Zeit der technischen Beschleunigung und globalen Entortung sind es mythische Erzählungen, die Gemeinschaft stiften und symbolische Tiefenschichten erschließen.
Ohne Mythos wird das Volk zum Kollektiv. Mit Mythos wird es zur Gestalt. Mythen sind das seelische Gedächtnis eines Volkes – und damit unersetzbar für ein Denken, das kulturelle Identität nicht nivellieren, sondern bewahren will.
Ethnie ist kein Produkt abstrakter Identitätskonstruktionen. Sie ist kein bloßes Produkt genetischer Linien, kein Messwert auf der anthropologischen Karte. Ethnie ist das konkrete In-der-Welt-Sein eines Volkes: seine Sprache, sein Verhältnis zur Landschaft, seine Feste, seine Erinnerungen. Ethnie ist ein Symbolkörper, in dem sich Geschichte, Glaube, Raumgefühl und soziale Struktur sedimentiert haben. Der Mensch wird nicht als Individuum geboren – sondern in eine Ordnung hineingeboren. Und diese Ordnung ist niemals neutral.
In der Ethnie verknüpfen sich das Ursprüngliche und das Gewordene. Wie in einem literarischen Motiv – etwa in Hölderlins „Heimat“ als mythisch aufgeladener Ort, oder bei Ernst Jünger, der in der Gestalt des Waldgängers das Verwurzelte gegen das Entwurzelnde stellt – findet sich in der Ethnie ein poetisches Zentrum des Menschlichen: das Wissen, wer man ist, weil man weiß, woher man kommt.
Philosophisch speist sich der Entopluralismus aus mehreren Quellen – und seine geschichtliche Bedeutung für die Neue Rechte ist nicht zu unterschätzen. Seit den 1970er Jahren war es vor allem Alain de Benoist und die französische Nouvelle Droite, die eine radikale Revision des rechten Denkens forderten. Der Bruch mit dem rassistischen und nationalistischen Denken der Zwischenkriegszeit vollzog sich dabei nicht im Sinne einer liberalen Öffnung, sondern durch eine Rückbesinnung auf das Prinzip der Vielfalt: Vielfalt nicht innerhalb einer Gesellschaft, sondern zwischen Kulturen, Völkern, Ethnien.
Henning Eichberg vertrat die These, dass „Volk“ nicht im völkisch-biologistischen Sinne zu begreifen sei, sondern als dynamisch gewachsene, kulturell geformte Identität, die durch Raum, Sprache und historische Erfahrung bestimmt wird. Er betonte die „Pluralität der Identitäten“ und sah in ethnischer Selbstdefinition kein Abgrenzungsmittel der Überlegenheit, sondern ein Moment der Würde und Unverwechselbarkeit. Für Eichberg war ethnische Identität eine Frage der „Verantwortung gegenüber der eigenen Geschichte“.
Auch Georges Dumézil und Mircea Eliade haben den geistigen Hintergrund des ethnopluralistischen Denkens beeinflusst:
Dumézil zeigte, dass die indoeuropäischen Kulturen über ein dreigliedriges, symbolisch tief verankertes Ordnungsschema verfügten – geistige, kriegerische und wirtschaftliche Funktion. Seine These lautet: Die Geschichte der Völker ist kein Zufall, sondern Ausdruck archetypischer Tiefenstrukturen.
Eliadehob das zyklische Zeitverständnis traditioneller Kulturen hervor. Für ihn ist das Heilige an Ort und Wiederkehr gebunden. Eine entwurzelte Moderne, so Eliade, verliert nicht nur Mythen, sondern die Struktur des Sinns.
Diese Strömungen stellen sich quer zum westlichen Fortschrittsglauben und setzen auf Form, Wiederholung und Herkunft – all das, was dem entgrenzten Denken unserer Gegenwart fehlt.
Damit wurde Ethnopluralismus zur strategischen wie inhaltlichen Grundlage eines neuen rechten Denkens: Kein Rückfall in biologistische Dogmen, kein Anschluss an totalitäre Systeme, sondern eine bewusste Alternative zu Globalismus, Liberalismus und nivellierender Moderne.
Es ist ein tragischer Widerspruch der Gegenwart, dass ausgerechnet jene politische Kraft, die sich historisch als Vertreterin der Unterdrückten und Marginalisierten versteht – die Linke –, heute zu den vehementesten Gegnern eines echten Ethnopluralismus geworden ist. Dabei müsste gerade der Ethnopluralismus, verstanden als Achtung und Schutz kultureller Eigenheit, Kern linken Denkens sein: die Verteidigung der Würde des Konkreten gegen den imperialen Zugriff des Abstrakten. Doch die heutige Linke hat sich von dieser Idee verabschiedet. Sie sieht ihre Aufgabe nicht mehr im Schutz gewachsener kultureller Identitäten, sondern in der Herstellung einer homogenen Menschheitsmasse, die sich nur noch partikular über Konsumvorlieben, Gruppen- und Sexualinteressen differenziert. Alles Kulturelle wird zur Lifestyle-Entscheidung, alles Gewachsene zur „Konstruktion“, alles Ethnische zur Provokation.
In dieser ideologischen Logik ist jeder, der eine Grenze zieht, ein Reaktionär – und jede Verwurzelung ein Vorurteil. Der neue Universalismus der Linken will nicht mehr emanzipieren, sondern nivellieren. Er träumt von der einen Welt, der einen Klasse, der einen Sprache – und schafft dabei nur Entfremdung. Der Ethnopluralismus widerspricht diesem Monolog der Menschheit durch das vielstimmige Konzert der Völker. Und er ist dabei alles andere als ein hippiesker Traum von Weltfrieden unter Regenbögen. Ethopluralismus ist keine naiv-utopische Sehnsucht nach universeller Harmonie, sondern eine klare, realpolitisch begründete Ordnungsvorstellung. Er bejaht Differenz nicht als sentimentalen Selbstzweck, sondern als Voraussetzung von Würde, Selbstbestimmung und echtem Frieden. Die Achtung des Eigenen wie des Anderen setzt Form, Maß, Unterscheidung voraus – nicht Beliebigkeit, nicht Vermischung, nicht einen Zustand grenzenloser Vermengung. Deshalb steht der Ethnopluralismus nicht links von der Realität, sondern vor ihr – wach, abgrenzend, schützend.
Der Ethnopluralismus kennt keine Kreuzzüge. Kein Volk, das sich seiner selbst gewiss ist und den Anderen in seiner Eigenheit achtet, strebt nach Expansion. Es will bestehen, nicht herrschen. Bewahren, nicht missionieren. Deshalb ist der ethnopluralistische Gedanke im tiefsten Sinne ein antiimperialer. In seinem Weltbild haben NATO-Kriege, moralische Embargos und globalistische „Wertegemeinschaften“ keinen Platz. Er träumt nicht von einer Welteinheit, sondern von einer Welt der Nachbarschaften.
Im Gegensatz dazu steht der westliche Liberalismus, der – in seinen höchsten Ausprägungen – glaubt, die Welt zu befreien, indem er sie seiner eigenen Ordnung unterwirft. Er bringt Demokratie mit Drohnen, Markt mit Bomben, Menschenrechte mit Luftschlägen. In Wahrheit ist dies kein Humanismus, sondern eine technizistische Heilslehre, die alle Nichtidentischen in bloße Projektionsflächen westlicher Selbstüberhöhung verwandelt. Wer Menschenrechte sagt, meint oft Zugriff. Wer Frieden ruft, meint Kontrolle. Ethnopluralismus lehnt das ab. Er sieht im Eigenen ein zu Schützendes und im Anderen ein zu Achtendes. Er will keine Weltregierung, keine Wertegemeinschaft, keine Einzivilisation. Sondern eine friedliche Koexistenz differenzierter Kulturen – eine „Welt der Völker“.
Was unsere Zeit in Wahrheit bedroht, ist nicht das Fremde, sondern das Maßlose. Die grenzenlose Gesellschaft – gepriesen als liberaler Idealzustand – ist in Wirklichkeit der permanente Ausnahmezustand. Alles ist durchlässig: Grenzen, Geschlechter, Bedeutungen. Der Mensch wird zum Nomaden auf Abruf, ohne Herkunft, ohne Ziel. Die Deregulierung des Raums wird zur Deregulierung der Seele.
In dieser grenzenlosen Welt gilt Differenz als Störung, Bindung als Verdacht, Herkunft als Skandal. Die Folge: Orientierungslosigkeit, Vereinsamung, das Verschwinden des Eigenen. Gegen diese Auflösung des Konkreten steht der Entopluralismus wie ein Gedächtnis aus Stein. Er sagt: Ohne Form, keine Freiheit. Ohne Grenze, keine Würde.
Jean Raspails „Heerlager der Heiligen“ ist in diesem Zusammenhang keine Dystopie mehr, sondern eine Vorahnung. Dort, wo die Tore des Abendlandes endgültig aufgestoßen werden und sich das müde Europa dem moralischen Diktat seiner eigenen Selbstverachtung ergibt, zeigt sich das Ergebnis einer grenzenlosen Gesellschaft: der Zusammenbruch nicht nur der Ordnung, sondern des inneren Willens zur Selbstbehauptung. Der Ethnopluralismus ist die Antwort auf dieses Bild der Kapitulation. Er sagt: Man kann helfen, ohne sich aufzugeben. Man kann Mitgefühl empfinden, ohne sich zu verleugnen.
Dieser Gedanke ist nicht unumstritten – auch innerhalb der Rechten. Ein besonders markantes Beispiel ist Maximilian Krah, der das Staatsbürgerschaftsrecht über alles stellt. Für ihn ist die Zugehörigkeit zum Staatsvolk vorrangig eine Frage rechtlicher Bindung und politischer Loyalität, weniger eine Frage kultureller oder symbolischer Tiefenstrukturen. Damit steht er im Kontrast zur metapolitisch orientierten Rechten um Lichtmesz und Kubitschek, für die das Ethnische nicht über Verwaltungsakte definiert werden kann, sondern als gewachsene, mythisch aufgeladene Ordnung verstanden werden muss. Wo Krah die Remigration im Rahmen staatlicher Souveränität juristisch-technisch denkt, argumentieren Ethnopluralisten aus einem kulturphilosophischen Ethos heraus. Die Differenz ist nicht bloß strategisch, sondern weltanschaulich: Hier das staatsrechtlich verankerte Volk, dort das symbolisch erinnerte, im Raum und in der Geschichte verwurzelte Volk. Dieser Streit ist nicht nebensächlich – er betrifft die anthropologische Grundfigur der Rechten selbst.
Gerade im Unterschied zum Nationalsozialismus zeigt sich der wahre Charakter des Ethnopluralismus. Denn wo der Nationalsozialismus eine totalitäre Ethnie konstruiert – homogen, aggressiv, expansiv –, setzt der Ethnopluralismus auf Pluralität, Begrenzung und Achtung. Der Nationalsozialismus war imperial: Er wollte das Fremde vernichten oder einverleiben. Der Ethnopluralismus will es schützen – durch Abstand. Nationalsozialismus hieß Gleichschaltung im Innern und Krieg nach außen; Ethnopluralismus heißt Vielfalt im Äußeren und Form im Inneren.
Der Nationalsozialismus missbrauchte die Idee der Herkunft zur biologischen Abwertung des Anderen. Der Ethnopluralismus achtet jede Herkunft – nicht als Werturteil, sondern als Weltform. Während das Dritte Reich die Welt unterwerfen wollte, will der Ethnopluralismus, dass jede Welt bei sich bleiben darf. In dieser Unterscheidung liegt die ethische Kraft eines neuen rechten Humanismus: nicht Auslöschung, sondern Bewahrung. Nicht Hierarchie, sondern Nachbarschaft.
Wir haben das Recht, nicht unterworfen zu werden – weder kulturell noch demografisch oder ökonomisch. Aber gerade weil wir dieses Recht für uns beanspruchen, müssen wir es auch den anderen Völkern zugestehen. Der Ethnopluralismus verpflichtet zur Gegenseitigkeit. Ein globaler Süden, dem man seine Eliten entzieht – etwa durch gezielte Anwerbung hochqualifizierter Arbeitskräfte –, wird ebenso seines Rechts auf kulturelle und soziale Integrität beraubt. Der sogenannte „Braindrain“ ist keine humanitäre Geste, sondern eine Form postkolonialer Ausbeutung. Wer jungen Ärzten, Ingenieuren und Wissenschaftlern aus Afrika oder Asien einredet, ihr Heil liege in westlichen Städten, beraubt ihre Herkunftsländer der Zukunft.
Der Ethnopluralismus kommt nicht aus einer Position der Schwäche, sondern aus der Haltung kultureller und geistiger Stärke. Er ist kein letztes Aufbäumen, sondern Ausdruck eines Selbstbewusstseins, das sich nicht über das Fremde definiert, sondern über das Eigene. Wer stark ist, muss nicht missionieren. Wer verwurzelt ist, muss nicht überfremden. Der Ethnopluralismus ist eine Philosophie der Kraft – nicht der Resignation.
Dazu gehört auch: Ein Staat, der sich auf den Ethnopluralismus gründet, muss ein wehrhafter Staat sein. Wehrhaft im Sinne der kulturellen Selbstbehauptung, aber auch institutionell, rechtlich, sicherheitspolitisch. Ohne Verteidigungswillen, ohne die Fähigkeit zur Abgrenzung, bleibt jede Idee bloßes Gerede. Deshalb gilt: Ein friedliebender Staat muss seine Grenzen schützen – nicht aus Angst, sondern aus Verantwortung. Nicht aus Aggression, sondern aus Klarheit.
Auf politischer Ebene bedarf es klarer Regeln des Schutzes und der Abgrenzung: Grenzen müssen nicht geschlossen, aber definiert sein. Migration darf nicht zum Prinzip, sondern muss zur Ausnahme werden – eingebettet in das Maß des kulturell Verträglichen. Rechte auf Rückkehr, auf Herkunft, auf kulturelle Unversehrtheit müssen nicht nur anerkannt, sondern gepflegt werden. Der ethnopluralistische Staat wäre kein nationalistischer Zentralstaat, sondern eine föderale Kulturordnung – mit Raum für Unterschied, aber mit klarer Selbstgewissheit.
Dabei ist Frieden kein bloßer Zustand, sondern eine Frucht der Ordnung. Die Bewahrung des Eigenen ist nicht das Gegenteil des Friedens, sondern dessen Voraussetzung. Nur wer sich selbst achtet, kann andere achten. Wer aber sich selbst auflöst, verliert nicht nur sich, sondern auch die Fähigkeit zur Verständigung. Der Ethnopluralismus verspricht einen Frieden, der aus der Mitte wächst – nicht aus Verträgen, sondern aus Verwurzelung.
Wie Alain de Benoist schreibt: „Es gibt keinen wahren Respekt ohne Anerkennung der Differenz.“ Und: „Der wahre Feind der Vielfalt ist nicht der Nationalismus, sondern der Universalismus.“
Das ist die große Hoffnung des Ethnopluralismus: Dass man wieder sagen darf – Du bist Du. Ich bin Ich. Und das ist gut so – und ich will, dass auch meine Kinder noch in dieser Gewissheit aufwachsen dürfen. Keine Weltgesellschaft, keine Normierung – sondern Differenz, Geduld und Ordnung. Ein Humanismus nicht der einen Menschheit, sondern der vielen Menschen. Die Rückkehr zur Form ist kein Rückschritt, sondern ein Fortschritt des Geistes. Eine Erinnerung an das Mögliche inmitten des Zuviel.
Vielleicht ist es das, was wir – was ich – mir für die Zukunft wünsche: eine Ordnung, die nicht alles auflöst, sondern bewahrt. Er ist der stille Widerspruch gegen die tobende Gleichmacherei – und vielleicht der letzte Humanismus, den wir uns noch leisten dürfen. Denn wer Vielfalt will, muss mit der Grenze beginnen. Und wer den Menschen achten will, darf ihn nicht von seinen Wurzeln trennen.
Literaturverzeichnis
Benoist, Alain de: Communauté, Ethnie et Nation. Paris: Labyrinthe, 1999.
Benoist, Alain de: Kulturrevolution von rechts? Graz: Leopold Stocker Verlag, 1999.
Dumézil, Georges: Mitra-Varuna: Ein Versuch über die indoeuropäischen Zweigestalten der Souveränität. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997.
Eichberg, Henning: Nation – Ethnie – Volk: Zur gesellschaftlichen Konstruktion kollektiver Identität. Marburg: Institut für Sozialwissenschaften, 1981.
Eliade, Mircea: Das Heilige und das Profane: Vom Wesen des Religiösen. Reinbek: Rowohlt, 1957.
Jünger, Ernst: Der Waldgang. Stuttgart: Klett-Cotta, 2013.
Krah, Maximilian: Reden, Interviews und programmatische Schriften. Verschiedene Quellen, 2020–2024.
Ein feuilletonistischer Essay über Dekadenz, Literatur und die Illusion von Glanz in Helmut Dietls Fernsehserie „Kir Royal“ (1986). Lesezeit: 40 Minuten.
von Andreas Mathias Altmeyer
Die Idee zu Kir Royal – einer der ikonischsten deutschen Fernsehserien der 1980er Jahre – entsprang dem kongenialen Duo Helmut Dietl (oft „Diedl“ genannt) und Patrick Süskind, einem der sprachlich präzisesten Autoren seiner Generation. Was viele nicht wissen: Der Ursprung der Serie liegt in Dietls und Süskinds gemeinsamer Faszination für das Boulevardmilieu Münchens, gepaart mit einer tiefen Skepsis gegenüber Medienmacht, Selbstvermarktung und Scheinheiligkeit im Kulturbetrieb.
Die Ursprünge von Kir Royal
Münchens Glanz und Elend
Helmut Dietl, gebürtiger Münchner, war tief verwurzelt in der Stadt und ihrer Kulturszene. Schon mit seiner Serie Monaco Franze – Der ewige Stenz hatte er das Lebensgefühl des Münchner Leichtsinns eingefangen. Doch er wollte mehr: Er wollte tiefer bohren, hinter die Kulissen schauen – in die Welt der Schickeria, der Mächtigen, der Möchtegerns.
Patrick Süskind, zu diesem Zeitpunkt noch nicht weltberühmt durch Das Parfum, war Dietls langjähriger Freund und Weggefährte. Beide verband ein scharfer, fast zynischer Blick auf die Gesellschaft – und die Fähigkeit, sie mit Witz und sprachlicher Brillanz zu sezieren. Süskind war es, der Dietl mit seinen literarischen Miniaturen inspirierte – viele davon in der Tradition des Feuilletons, manchmal absurd, oft moralisch untergründig. Dieses intellektuelle Fundament floss später direkt in die Dialoge von Kir Royal ein.
Die Inspiration: Baby Schimmerlos hat ein reales Vorbild
Die Figur des Klatschreporters Baby Schimmerlos ist nicht frei erfunden. Dietl orientierte sich an Michael Graeter, einem echten Münchner Society-Reporter, der in den 1970er und 80er Jahren als „Klatschkönig“ bekannt war. Graeter schrieb für die Abendzeitung und später für die Bunte – immer nah an den Reichen, den Schönen, den Bizarren. Dietl kannte Graeter persönlich und war fasziniert von dessen Mischung aus Chuzpe, Naivität und Skrupellosigkeit.
Mit Kir Royal wollten Dietl und Süskind aber nicht nur eine medienkritische Satire schaffen – sondern ein Gesellschaftsporträt. Sie arbeiteten eng zusammen: Dietl entwickelte die Figuren und den dramaturgischen Bogen, Süskind schrieb die Dialoge, pointiert und oft mit tieferer Bedeutung. Der eine war der Mann des Bildes und der Szene, der andere der des Wortes.
Die Ästhetik: Opernhafte Dekadenz
Die beiden Schöpfer entschieden sich bewusst gegen das übliche Fernsehformat. Sie wählten eine filmische, fast opernhafte Inszenierung: überzeichnete Charaktere, barocke Ausstattung, pointierte Sprache. Kir Royal war nicht einfach eine Fernsehserie – es war eine Milieustudie, eine Farce, ein intellektuelles Spiel mit der Wirklichkeit.
Eine Freundschaft wird zum Meisterwerk
Die Idee zu Kir Royal war das Ergebnis einer einzigartigen Zusammenarbeit: Dietls Gespür für Atmosphäre und Süskinds schriftstellerisches Genie verschmolzen zu einem satirischen Meisterwerk, das bis heute Maßstäbe setzt. Es war ein Werk aus Beobachtung, Ironie – und aus der Lust am Demaskieren der eitlen Welt.
Die Kamera als Feder
Als Helmut Dietl 1986 mit der insgesamt sechsteiligen Serie Kir Royal die deutsche Fernsehlandschaft betrat, war schnell klar, dass hier etwas anderes geschah als die üblichen TV-Erzählmuster der Bundesrepublik. Die Serie war nicht nur bissige Gesellschaftssatire, nicht nur ein munteres Porträt der Münchner Schickeria oder gar ein feuilletonistisches Kleinod. Sie war Literatur. Oder besser: Sie dachte in Literatur.
Ihre Sprache, ihr Rhythmus, ihre Blickachse auf den Menschen waren durchtränkt von Anspielungen, Verweisen, Spiegelungen aus der deutschen und europäischen Literaturgeschichte. Und natürlich war da auch der Name: Kir Royal. Ein Champagnercocktail, den niemand trinkt, weil er Durst hat. Sondern weil er gesehen werden will. Ein Getränk, das wie ein Gesellschaftsspiel funktioniert. Formschön, süßlich, oberflächlich. Und damit der perfekte Titel für ein Werk, das sich mit jener Welt beschäftigt, die sich über Bedeutung erhebt, indem sie sie ignoriert.
Ich selbst habe die Serie erst vor Kurzem entdeckt – und bedaure es. Denn Kir Royal ist mit das Beste, was die Serienlandschaft der 1980er-Jahre an Ironie, Tiefgründigkeit und Persiflage zu bieten hatte. Sie wirkte auf mich wie aus einer anderen Welt. Während zur gleichen Zeit Serien wie Ich heirate eine Familie oder Diese Drombuschs das bürgerliche Glück und das Alltägliche feierten, war Kir Royal ein Blick hinter die Kulissen der Repräsentation – ein eleganter Verriss der Oberfläche.
Man hat das Gefühl, eine kunstvolle Miniatur der Bundesrepublik zu betrachten, die zwischen Welterklärung und Selbstparodie oszilliert. Diese späte Entdeckung wirkt fast wie ein intimes literarisches Erlebnis – wie das Wiederfinden eines Klassikers, der längst in den Kanon gehört, aber viel zu selten genannt wird.
Interpretation, Duktus, Sprache
Süskinds Duktus
Die Sprache der Serie trägt unverkennbar die Handschrift Patrick Süskinds. Sie ist zugleich hochmusikalisch und gnadenlos präzise. Scheinbar beiläufige Sätze enthalten ganze Charakterstudien. Die Dialoge leben von kunstvoller Andeutung, von Ellipsen, von einer eleganten Art der sprachlichen Zurückhaltung, die mehr sagt als sie ausspricht. Jeder Dialog wird zur Bühne, jede Pointe zur Waffe. Sprachlich ist Kir Royal ein Drama aus Schweigen und Spitze, aus Höflichkeit und Häme.
Das Auge trinkt mit: Bildsprache, Musik, Räume
Die Kamera meidet das Spektakel – sie beobachtet, rahmt, komponiert. Bildkompositionen erinnern oft an barocke Stillleben. Das Interieur der Schickeria ist kein bloßes Setting, sondern Metapher für ihre Welt: Messing, Glas, Spiegel, Marmor – Materialien, die blenden, aber keine Wärme spenden. Die Musik von Konstantin Wecker gibt dem Ganzen eine jazzige Eleganz, eine melancholische Ironie, die sich wie ein Schleier über die Bilder legt.
Räume, Musik, Sprache – alles spielt zusammen, um diese Welt zu entlarven, ohne sie zu diffamieren. Die Wohnung von Schimmerlos’ Mutter, das Redaktionsbüro, das Hotelzimmer, in dem Haffenloher sich entblößt – all das sind nicht nur Orte, sondern Seelenlandschaften. Die Kamera bewegt sich darin wie ein Butler: höflich, beobachtend, nie urteilend – aber stets wissend.
Zwischen Presse, Prestige und postfaktischer Prophetie: Die Medienkritik
Baby Schimmerlos ist kein klassischer Journalist. Er ist ein Architekt des Scheins, ein Manager der Wirklichkeit. Seine Kolumne ist kein Fenster zur Welt, sondern ein Rahmen, der bestimmt, was Welt ist. In Kir Royal sehen wir, wie Öffentlichkeit gemacht wird – mit Floskeln, Fotos, Erwähnungen, Gerüchten. Schimmerlos gibt Menschen Sichtbarkeit, aber nie Substanz. Er ist ein Priester der Prominenz, aber kein Gläubiger. Was zählt, ist nicht, was wahr ist, sondern was gelesen wird. Nicht, was passiert – sondern was berichtet wird.
In einer Szene wird das deutlich, als Schimmerlos darüber spricht, ob eine Geschichte „zieht“ – nicht, ob sie stimmt. Diese Haltung ist kein Einzelfall, sondern systemisch. Kir Royal zeigt bereits 1986, was heute Alltag ist: die Herstellung von Wirklichkeit durch Medien. Dietl und Süskind entlarven dabei nicht das Individuum, sondern das Milieu, das Spiel, die Regeln. Sie ahnen, was später unter dem Begriff „postfaktisch“ Furore machen sollte – und sie tun es mit lakonischer Eleganz.
Rezeption, Nachwirkung
Bei Erstausstrahlung wurde Kir Royal gefeiert – aber oft auch missverstanden. Viele Zuschauer lachten über die Dialoge, ohne ihre Tiefe zu erkennen. Andere hielten die Serie für übertrieben – dabei war sie oft nur präzise. Heute, mit medialem Abstand und kultureller Reflexion, wird klar: Kir Royal ist kein Sittengemälde, sondern eine Gesellschaftsanalyse in sechs (genauer: acht) Akten.
Die Serie wurde nie fortgesetzt – vielleicht, weil sie abgeschlossen war. Vielleicht, weil sie alles gesagt hatte. Ihr Einfluss ist dennoch spürbar: in der Art, wie später über Medien gesprochen wurde. In der Klarheit, mit der sie Mechanismen offenlegt. Und in der Unverwechselbarkeit ihrer Sprache. Kir Royal hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der deutschen Fernsehgeschichte eingebrannt – nicht als Event, sondern als Ereignis.
Literaturgeschichtliche Tiefenstruktur und Fernsehtradition
Literarisch ist Kir Royal eng verwandt mit Thomas Manns Zauberberg, mit Musils Mann ohne Eigenschaften, mit Brochs Schlafwandlern. Es ist ein Werk über das Unvermögen zur Authentizität, über die Trägheit des Bürgertums im Zeichen der Repräsentation. Auch Fontane ist zu spüren: Die genaue Beobachtung, die leise Ironie, das Wissen um das Gewicht des Unsagbaren.
Gleichzeitig steht die Serie in einer großen deutschen Fernsehtradition: neben Fassbinders Berlin Alexanderplatz, Edgar Reitz’ Heimat oder den frühen ZDF-Produktionen von Peter Beauvais. Sie gehört zu jenen wenigen Serien, die Literatur nicht nur zitieren, sondern verkörpern. Jede Szene, jeder Dialog, jede Pause atmet den Geist der Hochkultur – nicht als elitärer Anspruch, sondern als ästhetische Haltung.
Kir Royal als modernes Theaterstück: Einheit von Raum, Zeit, Handlung
Was Kir Royal darüber hinaus so einzigartig macht, ist seine fast klassische Dramaturgie. Die Serie funktioniert wie ein modernes Theaterstück – mit einer klaren Einheit von Raum, Zeit und Handlung. Viele Szenen spielen in geschlossenen Räumen, oft mit nur zwei oder drei Figuren. Es gibt kaum Schnitte, wenig Bewegung. Die Spannung entsteht nicht durch Action, sondern durch Sprache, durch Blickwechsel, durch Nuancen.
Die Serie nimmt sich Zeit – für Dialoge, für Schweigen, für Übergänge. Diese Langsamkeit ist kein Mangel, sondern Methode. Sie erzeugt Dichte, Tiefe, Atmosphäre. Man hat das Gefühl, man befindet sich in einem Bühnenraum – einer bürgerlichen Welt, die langsam kollabiert, ohne dass sie es merkt. Oder gerade deshalb.
Die Handlung ist dabei fast nebensächlich. Es geht nicht um „was passiert“, sondern „wie etwas wirkt“. Die Zeitung erscheint, die Kolumne wird geschrieben – doch das Entscheidende geschieht dazwischen: in den Begegnungen, in den Missverständnissen, in den Halbheiten. Kir Royal ist ein Theaterstück in Episodenform – und jede Folge ein kleiner Akt eines viel größeren Dramas.
Stil statt Handlung: Die Ästhetik des Zögerns
Ein weiteres zentrales Stilmittel ist das Zögern. Die Serie erzählt nicht im Tempo des Fernsehkrimis, sondern im Rhythmus des Nachdenkens. Es gibt Pausen, Verzögerungen, scheinbar belanglose Szenen, die erst später Sinn ergeben. Die Kamera bleibt oft stehen, wo andere längst geschnitten hätten. Das wirkt für heutige Sehgewohnheiten fast fremd – und genau deshalb so wohltuend.
Kir Royal ist ein Plädoyer für das Unfertige, das Offene, das Angedeutete. Es verlangt vom Zuschauer kein Urteil – es stellt ihn vor Fragen. Was ist wahr? Was ist gespielt? Wer ist echt? Die Serie liefert keine Antworten – sie schafft Räume für Deutung. Und das ist vielleicht ihre größte Stärke.
Die Serie als literarisches Gedicht
Kir Royal ist nicht nur ein Drehbuch in sechs Teilen, sondern ein literarisches Gedicht in sechs Episoden. Der Rhythmus, die Wiederholungen, die Motive – sie folgen einer Poetik, nicht einer Dramaturgie. Es gibt kein großes Finale, keine Auflösung, keine Katharsis. Es gibt nur Variationen eines Themas: Schein, Stil, Sprachkunst.
Man könnte sagen: Die Serie denkt wie ein Gedicht von Gottfried Benn. Klar, schneidend, formvollendet – und dabei radikal in der Weltverachtung. Aber auch zärtlich. Es gibt Momente der Nähe, der Wärme, der Sehnsucht. Und sie kommen meist dort, wo keiner hinsieht: in einer Geste von Mona, in einem Blick der Mutter, in einem Satz von Herbie. Dietl weiß: Wenn alles laut ist, wird das Leise zur Revolution.
Was uns „Kir Royal“ heute noch lehren kann
In einer Zeit, in der Serien oft auf Tempo, Reizüberflutung und schnelle Pointen setzen, wirkt Kir Royal wie ein entschleunigter Kontrapunkt – ein kulturelles Dokument, das gerade durch seine Langsamkeit, seine Sprachmächtigkeit und seine Ambivalenz besticht. Die Serie erinnert uns daran, dass Ironie kein Selbstzweck ist, sondern eine Form der Weltaneignung. Dass Satire nicht nur entlarvt, sondern auch schützt – vor dem allzu Simplen, vor dem allzu Moralisierenden.
Gerade heute, im Zeitalter der permanenten Verfügbarkeit, der algorithmischen Relevanzproduktion und der sozialen Selbstvermarktung, wirkt Kir Royal wie eine Warnung – und ein Trost. Es zeigt uns, dass Distanz eine Form von Stil ist. Dass man gesellschaftliche Prozesse besser versteht, wenn man sie mit einem Glas Kir Royal in der Hand betrachtet – lächelnd, wissend, erschüttert.
Schimmerlos badet in Informationen – aber er reinigt sich nicht. Er sonnt sich im Glanz – aber wärmt sich nicht. Die Szene zeigt: Wissen ist keine Erlösung mehr, sondern Ware. Und wer verkauft, verkauft sich.
Figuren, Strukturen, Stil
Kir Royal ist auf den ersten Blick eine Satire – auf den zweiten ein Kammerspiel. Die Räume sind eng, die Szenen lang ausgespielt, oft in salondurchwirkten Wohnungen, Redaktionszimmern, Lounges und Hotelbars. Der Zuschauer fühlt sich nicht wie Beobachter, sondern wie Mitbewohner einer durchironisierten Welt, in der alles gesagt wird und nichts geglaubt. Die Figuren sind wie Spielfiguren auf einem dekadenten Schachbrett: Baby Schimmerlos, Herbie, Mona, Striezel, Haffenloher – sie alle bewegen sich in einem Ritual der Wiederholung, das Enthüllung verspricht und Leere enthüllt. Dietl und Süskind nutzen die Enge der Räume als Spiegel der inneren Enge dieser Welt.
Franz Xaver Kroetz als Schimmerlos verkörpert nicht den heroischen Reporter, sondern den zynisch-tragischen Antihelden: einer, der schreibt, um vergessen zu werden. Seine Welt ist eine Welt des Konsums – auch emotional: Er konsumiert Freundschaften, Körper, Informationen. Selbst seine Mutter ist Teil einer innerlich abgeschlossenen Choreografie aus Zigarettenrauch und ungesagten Sätzen. Ihre lakonische Weisheit ist keine Lebenshilfe, sondern ein bürgerliches Echo.
Frauenfiguren in Kir Royal: Mona, Mutter, Mätressen
So männlich dominiert das Spielfeld von Kir Royal scheint – so entscheidend sind die Frauenfiguren als moralische und emotionale Koordinaten. Mona, gespielt von Senta Berger, ist keine bloße Partnerin. Sie ist das still mitlaufende Gewissen der Serie. Ihre Blicke kommentieren, was nicht gesagt wird. Ihre Zurückhaltung spricht mehr als alle Pointen.
Mona liebt Schimmerlos, aber nicht blind. Sie kennt seine Schwächen, seine Eitelkeiten, seine Defizite – und bleibt dennoch bei ihm. Warum? Nicht aus Abhängigkeit, sondern aus Würde. Ihre Liebe ist nicht naiv, sondern wissend. Und ihre Treue ist keine Schwäche, sondern eine Art persönlicher Haltung. Mona ist diejenige, die nicht zynisch wird – und damit die stärkste Figur von allen.
Ähnlich bemerkenswert ist Schimmerlos’ Mutter. Eine Figur, die scheinbar aus der Zeit gefallen ist – mit Tee, Zigaretten, bürgerlicher Weisheit. Doch gerade sie verkörpert jene Art von Souveränität, die den anderen fehlt. Sie urteilt nicht, sie ordnet ein. Ihre Sätze sind lakonisch, aber unerschütterlich. In ihrem Wohnzimmer herrscht eine andere Grammatik – nicht der Medien, sondern der Menschlichkeit.
Und auch die Nebenfiguren – Schauspielerinnen, Wirtinnen, Geliebte – sind nie nur Staffage. Sie sind Spiegel, Kontraste, Korrektive. In einer Serie über Männer, die sich selbst inszenieren, sind es die Frauen, die Wahrheit ausstrahlen. Oft leise. Aber immer verlässlich.
Die Mutter: Wärmflasche, Würde, Weltfremdheit
Kaum eine Szene in Kir Royal ist so still und doch so beredt wie der Moment, in dem Schimmerlos’ betagte Mutter mit der silbernen Warmhaltekanne und einem schwerfälligen Koffer am Münchner Flughafen entlangschreitet. Über ihr donnern die Flugzeuge, sie senkt den Blick, während der Asphalt zittert. Es ist ein Bild von poetischer Prägnanz – fast wie eine gemalte Parabel: Die Mutter bleibt auf dem Boden, buchstäblich. Die Welt ihres Sohnes rauscht über sie hinweg, hoch oben, abgehoben – eine Welt, in die sie nie aufsteigen kann und in der sie auch nie wirklich vorgesehen war.
Sie ist der moralische Gegenentwurf zu Baby Schimmerlos: einfach, genügsam, sorgend, voller Milde – aber mit einem festen Kompass. Und obwohl sie seine Maßstäbe nicht teilt, schützt sie ihn, versorgt ihn, bleibt seine Mutter. Doch eben nur das. Keine Mitspielerin, keine Komplizin. Sie sieht, aber sie gehört nicht dazu. Ihre Fürsorge ist leise, nicht glamourös. Ihre Liebe verlangt nichts. Es ist eine mütterliche Präsenz, die nicht drängt, nicht urteilt – aber auch nie eingeladen wird, an der dekadenten Tafel ihres Sohnes Platz zu nehmen.
Was Schimmerlos dabei nicht auffällt – und worin gerade die Kälte seines Kosmos liegt – ist, dass er nie auf die Idee kommt, ihr zu helfen. Dass seine Mutter in ärmlichen Verhältnissen lebt, scheint ihn nicht zu stören. Die Aufmerksamkeiten, die er Frauen in Champagnerbars zuteilwerden lässt, bleiben ihr verwehrt. Nicht aus Bosheit, sondern aus Gedankenlosigkeit – einer kalten Form von Ignoranz, die gerade in ihrer Unbedarftheit verletzend wirkt.
Und dann ist da diese finale Szene: Der Tod der Mutter fällt zusammen mit einem Moment, der ins Grotesk-Schöne kippt. Sie sieht ihren Sohn auf dem Empfang der Bayerischen Staatskanzlei – sein Auftritt in der Welt der Repräsentation, der Scheinrealitäten. Im Fernseher erklingt das Goethe-Zitat: „Augenblick, verweile doch, du bist so schön.“ In diesem Moment stirbt sie. Als hätte ihr Herz noch gewartet auf diese letzte Vision des Sohnes, ehe es zur Ruhe kommen darf. Es ist ein letzter stiller Liebesdienst – und zugleich ein bitterer Kommentar auf die Leere dieser „schönen“ Augenblicke.
Noch bitterer jedoch ist der Umstand, dass die Mutter in ihren letzten Minuten verzweifelt versucht, diesen einen flüchtigen Moment für sich festzuhalten. Sie müht sich ab, den Videorekorder anzuschließen, will das Bild ihres Sohnes im Glanz der Macht konservieren, ihm – und sich selbst – eine Form von Dauerhaftigkeit geben. Doch die Technik versagt, oder sie versagt an der Technik. Der Versuch scheitert. Der Augenblick vergeht. Kein Band läuft. Nichts wird festgehalten. Und so stirbt sie – in der verzweifelten Geste, dem flüchtigen Glanz Dauer zu verleihen. Doch Kir Royal lässt keine Dauer zu. Alles bleibt Oberfläche. Alles ist Transit. Selbst der Tod.
Wie Baby Schimmerlos dem Tod entgeht – und nichts davon versteht
In der zweiten Folge von Kir Royal, lapidar „Muttertag“ betitelt, verdichtet sich auf engstem Raum das, was Helmut Dietls Erzählweise so besonders macht: seine Fähigkeit, das moralische Defizit einer Gesellschaft in beiläufigen, fast übersehenen Momenten sichtbar zu machen. Im Zentrum steht eine Szene, deren Tragweite sich erst beim zweiten Hinsehen erschließt – und die doch alles sagt über den Zustand der Welt, in der sich Baby Schimmerlos bewegt.
Mona, langjährige Geliebte des Society-Reporters, erscheint auf dem Sommerempfang des Ministerpräsidenten mit einem Entschluss. In ihrer Handtasche trägt sie ein Messer. Die Geste ist nicht überzogen, sondern im Gegenteil: vollkommen kühl. Keine Eifersucht, keine Hysterie. Nur eine Frau, die weiß, dass sie genug gegeben hat – und genug ertragen. Baby hat sie betrogen, belogen, beiseitegeschoben. Jetzt soll es Konsequenzen geben.
Doch dazu kommt es nicht.
Kurz bevor Mona handelt, erreicht Baby die Nachricht vom Tod seiner Mutter. Ein Herzinfarkt. Ausgelöst – so will es die Ironie der Erzählung – durch den Schock, ihren Sohn in der Liveübertragung des Empfangs zu sehen, umringt von Politik, Prominenz und der Lüge einer Welt, in der sie nie heimisch war. Die Mutter, Putzfrau, emotionale Konstante, moralisches Korrektiv, bricht vor dem Bildschirm zusammen.
Und Mona lässt ab.
Nicht aus Liebe. Auch nicht aus Sentimentalität. Sondern weil der Tod der Mutter – dieser letzten realen Verbindung zu etwas Menschlichem – alles andere überlagert. Ein Mord in diesem Moment wäre nicht gerecht, sondern theatralisch. Übertrieben. Vielleicht auch schlicht: unnötig. So bleibt Schimmerlos am Leben. Nicht trotz, sondern wegen des Todes.
Es ist diese Umkehrung der natürlichen Ordnung, die Dietl so präzise beherrscht: Der Zyniker überlebt, weil jemand stirbt, der längst am Rand der Handlung stand. Die Tragödie trifft die Falsche. Der Schaden bleibt beim Zuschauer zurück, nicht bei der Figur.
Denn Baby Schimmerlos begreift nichts. Er nimmt die Nachricht auf wie eine Schlagzeile. Kurzes Innehalten, dann weiter im Text. Keine Reue, kein Wandel, keine Läuterung. Es ist das Markenzeichen der Dietl’schen Figuren: Sie sind nicht bösartig im klassischen Sinne – sondern schlicht nicht in der Lage zur Selbstreflexion. Die moralischen Strukturen, in denen sie handeln, sind brüchig geworden. Reaktionen ersetzen Entscheidungen, Abläufe verdrängen Verantwortung.
Mona hingegen bewahrt in diesem Moment eine Würde, die Baby längst verloren hat. Ihr Verzicht auf die Tat ist kein Schuldeingeständnis, sondern Ausdruck von Klarheit. Sie weiß, dass ihr Gegenüber weder die Strafe verstehen noch den Verlust begreifen wird. Es wäre, in einem fast antiken Sinn, ein nutzloser Mord. Und so zieht sich die Geschichte still zurück – wie bei Dietl üblich – ohne Auflösung, ohne Abrechnung. Nur mit der bitteren Gewissheit, dass der Falsche weitermachen darf.
Diese Szene steht exemplarisch für Dietls Figurenkonzeption. Seine Protagonisten sind oft Getriebene, die keine Ahnung haben, was sie da eigentlich treiben. Und wenn die Welt sie verschont, dann nicht aus Gnade, sondern weil der Zufall schneller ist als das Urteil. Dietls Kosmos kennt keine moralische Ordnung im klassischen Sinn. Was bleibt, ist die absurde, fast beckett’sche Einsicht: Das Leben geht weiter. Weil nichts passiert. Oder weil zu viel passiert ist. Und am Ende bleibt einer übrig, der es nicht verdient hat.
„Weil die Mutter stirbt“ – das ist nicht nur eine bittere Wendung, sondern eine gesellschaftliche Diagnose: Der Preis für das Überleben der Gleichgültigen wird nicht selten von jenen gezahlt, die noch etwas fühlten. Und Dietl, der Menschenbeobachter mit satirischer Schärfe und melancholischem Blick, wusste genau, wie man das zeigt – ohne es je auszusprechen.
Die Tragik des Dr. Haffenloher – Mario Adorf in Höchstform
Dr. Heribert Haffenloher, gespielt von einem hinreißend nuancierten Mario Adorf, ist auf den ersten Blick eine Karikatur des reichen Industriellen: zu laut, zu mächtig, zu peinlich. Er produziert Kleber – ein schlichter, aber symbolisch aufgeladener Werkstoff. Er klebt – aber nichts hält. Nicht die Menschen, nicht die Beziehungen, nicht die Zugehörigkeit, die er so verzweifelt sucht.
Adorf spielt ihn nicht einfach als Parodie. Er verleiht ihm eine Tiefe, eine Verletzlichkeit, eine fast shakespearesche Würde. Hinter der Lautstärke steckt Leere. Hinter dem Geltungsdrang – Einsamkeit. Hinter dem Vermögen – Verzweiflung. In einer der zentralen Szenen sagt Haffenloher, mit bebender Stimme:
„Ich will auch dazugehören.“
Dieser Satz ist kein Ausruf. Er ist ein Bekenntnis. Ein Hilferuf. Ein Echo der Menschlichkeit inmitten einer Welt der Etikette. Haffenloher kauft Champagner, Anzeigen, Artikel – doch niemand trinkt mit ihm. Niemand liest ihn. Niemand besucht ihn freiwillig. Und so wird aus dem mächtigen Unternehmer eine Figur von tragischer Würde.
Die Szenen, in denen Adorf allein gezeigt wird – im Bademantel, auf der Terrasse, im Gespräch mit sich selbst – zählen zu den stärksten Momenten der Serie. Sie zeigen, was Kir Royal jenseits der Satire leistet: die große Kunst der Empathie mit den Verlorenen. Haffenloher ist nicht Opfer der Medien – er ist Opfer seiner selbst. Und Mario Adorf spielt das mit einer zarten Wucht, die unvergesslich bleibt.
„Ich scheiß dich so was von zu mit meinem Geld“ Haffenlohers Monolog als Totentanz des entkernten Kapitalismus
Kaum ein Satz aus der deutschen Fernsehgeschichte hat sich so unauslöschlich ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt wie Dr. Heribert Haffenlohers Ausbruch in der ersten Folge von Kir Royal. Es ist nicht nur ein Wutausbruch, nicht nur ein Monolog – es ist ein existenzielles Manifest. Und ein entlarvendes.
„Ich scheiß dich so was von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr hast. Irgendwann nimmst du es, dann bist du mein Knecht, dann mach ich mit dir, wat ich will.“
Was hier sprachlich auf den ersten Blick wie ein grotesker Entgleisungsversuch wirkt, ist in Wahrheit von hoher literarischer Dichte – und von tragischer Tiefe. Haffenloher spricht nicht aus einer Position souveräner Macht, sondern aus dem Abgrund radikaler Verunsicherung. Sein Geld ist nicht Ausdruck innerer Stärke, sondern letzter Rettungsring einer entleerten Existenz. In seinem Monolog vermischt sich der Gestus eines Oligarchen mit der Seele eines ausgestoßenen Kindes.
Die Kraft des Monologs liegt in seiner Widersprüchlichkeit. Der Satz „Ich scheiß dich zu mit meinem Geld“ ist keine Drohung – es ist ein Gebet. Haffenloher bettelt. Er bettelt um Nähe, um Freundschaft, um Zugehörigkeit. Seine Sprache ist überdeutlich, vulgär, ja pornografisch – nicht im sexuellen, sondern im ökonomischen Sinn: Sie stellt das Intimste zur Schau, das in seiner Welt noch existiert – das Kapital.
Denn in Haffenlohers Wirklichkeit ist Geld nicht mehr Mittel, sondern Substanz. Es ersetzt Gefühl, Geschichte, Gewissen. Wenn er mit Geld „zukleben“ will, dann klebt er in Wahrheit seine eigene seelische Leerstelle zu. Er will Besitz, weil er nicht geliebt wird. Und weil er nicht geliebt wird, will er besitzen. Ein Teufelskreis – ganz im goetheschen Sinne. Hier spricht ein Faust ohne Gretchen. Ein Mephisto im Bademantel.
Die Wortwahl – „zukleben“, „reinstecken“, „ruinieren“ – ist von brutaler Körperlichkeit. Haffenloher denkt nicht relational, sondern invasiv. Geld ist bei ihm nicht Transaktion, sondern Penetration. Besitz bedeutet für ihn nicht Sicherheit, sondern Macht über den anderen. Und genau in dieser Logik offenbart sich die perverse Sexualität eines Systems, das alles ökonomisiert – auch das Zwischenmenschliche.
Dabei ist die Szene in höchstem Maße spenglersch: Sie zeigt den Typus des zivilisatorischen Endmenschen, der in der völligen Äußerlichkeit lebt. Was bei Spengler als „spätrömischer Mensch“ bezeichnet wird – jener, der nur noch in Symbolen, Repräsentationen, Geldströmen und Statuscodes denkt –, das kulminiert in Haffenlohers Auftritt. Seine Worte sind nicht Ausdruck innerer Tiefe, sondern letzter Versuch, sich in der postheroischen Welt des Fernsehens einen Platz zu erkaufen.
Und genau darin liegt die Tragik: Haffenloher weiß um seinen Ausschluss. Er weiß, dass er in der Welt der kulturellen Distinktion, der wechselseitigen Ironie und der urbanen Codes nur als Geldgeber akzeptiert wird – niemals als Mitspieler. Deshalb der Zorn. Deshalb die Vulgärgewalt. Deshalb die Eskalation.
Dass Mario Adorf diesen Monolog nicht als bloße Replik eines Cholerikers, sondern mit einer fast sakralen Körperlichkeit spielt, gibt der Szene ihre Tiefe. Sein Gesicht verzerrt sich nicht in Wut, sondern in Trauer. Seine Stimme droht nicht, sie fleht. Und als er am Ende sagt:
„Ich will doch nur dein Freund sein – und jetzt sag Heini zu mir.“
– da zerbricht alles. Die Drohung, die Gewalt, die Maskerade. Was bleibt, ist ein einsamer Mann im Designerbademantel, der weiß: Niemand wird jemals freiwillig „Heini“ zu ihm sagen.
Diese Szene ist das emotionale Epizentrum von Kir Royal. Sie zeigt nicht nur die Tragik einer Figur, sondern die Entmenschlichung eines ganzen Milieus. Haffenloher ist nicht der Karikierte – er ist der Wahrhaftige unter den Maskierten. In seiner Verzweiflung liegt mehr Wahrheit als in all den ironisch gewendeten Posen der übrigen Gesellschaft. Und damit ist er, so grotesk es klingt, vielleicht die einzige Figur in dieser Serie, die noch zum Fühlen fähig ist.
Was er fühlt, ist das große Nichts.
Die Unsichtbaren: Herbie, der Fotograf – und die Macht der Perspektive
Oft übersehen wird die Rolle von Herbie, dem Fotografen. Er ist ständig dabei – doch selten im Zentrum. Und genau das ist seine Funktion. Er ist der stille Beobachter, der Mitwisser, der immer einen Schritt hinter Schimmerlos bleibt. Ohne Herbie gäbe es keine Bilder, keine Beweise, keine Sichtbarkeit. Doch er kommentiert nicht. Er protokolliert.
Herbie ist das Gewissen ohne Urteil. Er sieht alles – und sagt nichts. Man könnte sagen: Er ist der Zuschauer in der Serie. Einer, der das Spiel kennt, aber nicht mitspielt. Der weiß, was läuft, aber nicht hineinläuft. Er steht für eine Form von Moral, die sich nicht durch Worte, sondern durch Haltung ausdrückt. Seine Loyalität ist leise, aber unerschütterlich.
Und auch darin zeigt sich die literarische Struktur von Kir Royal: Jede Figur hat eine Funktion. Und jede Funktion ist durchdacht. Herbie ist nicht nur der Mann mit der Kamera. Er ist die Kamera – im doppelten Sinne. Er sieht. Und er zeigt. Und oft sieht man durch ihn – ohne es zu merken.
Die Nebenrollen in „Kir Royal“ – Randfiguren mit Tiefenschärfe
Es sind die Nebenrollen, die Randerscheinungen, die Halbgesichter im Halbdunkel der Hotelbars, Fahrgastzellen und Empfangshallen, die das gesellschaftliche Tableau nicht bloß säumen, sondern in ihrer Stille erden. Und in dieser Stille sprechen sie. Vielleicht leiser, aber nicht weniger klar. Ganz im Gegenteil: Ihre Stimme hallt nach – als ironischer Nachsatz, als humane Fußnote, als leises Gewissen einer brüllenden Epoche.
Da ist Rudolf Wesselys Sedlacek, der Portier im Bayerischen Hof, ein Mann, der aus einer anderen Zeit herüberzureichen scheint. In seiner Haltung liegt etwas Erhabenes, beinahe Sakrales. Er ist nicht bloß ein Hotelangestellter, sondern ein Hüter der Form, ein Zeremonienmeister des Taktgefühls, das sich der Rest der Serie längst abgewöhnt hat. Sein Lächeln ist diskret, sein Blick wach, seine Sprache knapp und durchweht von einer Bildung, die niemals prahlt, sondern stets bescheidet. Sedlacek ist das personifizierte Wissen um die verborgene Würde der Dienenden, ein standhafter Rest jenes Europas, das sich noch nicht vollständig dem Lärm und der Gier verschrieben hat. In einer Welt, in der sich die Gäste des Hauses täglich neu entwürdigen, ist er der letzte Gentleman.
Püppi, von Harald Leipnitz mit morbider Grandezza gespielt, gleicht einem melancholischen Refrain aus längst verklungenen Nächten. Man sieht ihn, diesen alternden Beau, und begreift sofort: Hier sitzt ein Mann, der von seiner Vergangenheit lebt wie andere von Dividenden. Sein Blick schweift, seine Stimme flattert, sein Körper ist noch immer präsent, doch sein Zentrum scheint bereits abgedankt zu haben. Püppi ist Erinnerung in Menschengestalt, eine wandelnde Reminiszenz an Champagnernächte und die erotische Währung des Charmes. Und doch haftet ihm nichts Lächerliches an – im Gegenteil. Sein Verfall ist eine Chiffre für das ganze Milieu: glänzend von außen, brüchig im Innern, auf ewig dem Glanz vergangener Tage verpflichtet.
Ganz anders Paula, kongenial verkörpert von Peter Kern, jene explosive Figur, die zwischen Travestie und Tragödie oszilliert. Paula ist kein Mensch wie jeder andere – sie ist Provokation und Poesie zugleich, ein leuchtendes Gegenbild zur bürgerlichen Erstarrung. In ihren Bewegungen liegt etwas Rebellisches, in ihrer Sprache eine zärtliche Unverschämtheit. Sie ist ein Wesen außerhalb der Ordnung, aber nicht außerhalb der Wahrheit. Während andere sich in Konventionen verkriechen, lebt Paula – kompromisslos, laut, sichtbar. Sie ist nicht nur queer, bevor das Wort seinen politischen Klang bekam, sondern vor allem: ehrlich. In einer Welt der Masken ist sie die einzige, die sich zeigt. Ihr Schmerz ist offen, ihr Humor scharf, ihre Existenz eine permanente Aufforderung zur Selbstprüfung.
Und dann ist da der Taxifahrer, gespielt von Walter Kraus – ein kantiger Mann, der mehr weiß, als ihm lieb ist. Er fährt, er hört zu, er schweigt. In seinem Wagen treffen die Welten aufeinander: Glamour und Gosse, Macht und Verfall, Anmache und Abrechnung. Sein Humor ist trocken wie das Streusalz auf Münchens Winterstraßen, seine Beobachtungen treffen wie Hiebe mit der Fliegenklatsche. Er ist ein Chronist ohne Notizblock, ein Seismograph der Eitelkeiten. Während er seine Fahrgäste durch die Nacht chauffiert, begleitet er auch das Publikum durch die Abgründe der Hochglanzwelt. Er ist das grobkörnige Schwarzweiß-Foto im Album der Farbfotos – wahrer, ehrlicher, näher.
Edgar Selges Oberkellner wiederum verkörpert jene stille Autorität, die in Zeiten der Lautstärke beinahe verschwunden scheint. Sein Gesicht ist schmal, sein Gang präzise, seine Sprache messerscharf dosiert. Er weiß um die Regeln des Spiels, aber er spielt nicht mit. Er agiert – diskret, souverän, unangreifbar. Er steht an der Grenze zwischen Küche und Bühne, zwischen Dienst und Distanz. In seinem Blick liegt eine Weltläufigkeit, die nicht protzt, sondern prüft. Der Oberkellner ist das lebende Korrektiv einer Szene, die sich im Selbstlob verliert. Er serviert keine Meinung, aber seine Präsenz kommentiert alles. Er ist der letzte Vertreter einer Kultur des Dienens, die man heute gerne als nostalgisch belächelt – zu Unrecht.
Corinna Drews‘ Lisa, das blonde Ornament der Serie, ist auf den ersten Blick nichts als ein hübsches Gesicht – und auf den zweiten ein tragisches Symbol. Sie ist schön, ja, aber diese Schönheit ist keine Waffe, sondern eine Last. In ihrer stummen Präsenz liegt eine ganze Bibliothek unausgesprochener Monologe. Sie ist das Mädchen, das zu oft übergangen wurde, die Frau, die man betrachtet, aber nie wirklich sieht. Lisa existiert in der Schwebe – zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Dekoration und Bedeutung. Ihre Einsamkeit schimmert hinter dem Lächeln wie kaltes Neonlicht. Man will ihr helfen – aber man weiß nicht wie. Und vielleicht ist das ihr größter Triumph: dass sie unter all dem Silikon der Oberfläche doch verletzlich bleibt.
Martin Wimbush als Dr. Carl Friedmann bringt eine ganz andere Farbe in das Tableau: die kühle Effizienz des angelsächsischen Geschäftssinns. Friedmann ist kein Spieler, er ist der Regisseur. Ein Mann, der Medien nicht liebt, sondern nutzt. In seiner Sprache liegt keine Leidenschaft, sondern Logik. Er betritt die Bühne wie ein Analyst ein Labor: nüchtern, präzise, mit klarer Agenda. Friedmann ist die Zukunft der Kommunikation – entpersonalisiert, durchrationalisiert, unberührbar. Er verkörpert den Moment, in dem Journalismus zur Ware wird, zur kalkulierbaren Rendite. Kein Pathos, kein Zögern, kein Staunen – nur Strategie. Und gerade dadurch wird er zur gefährlichsten Figur im Ensemble.
Und schließlich Wolfi, der Barkeeper, meisterlich verkörpert von Heinz Werner Kraehkamp. Wolfi ist das stille Herz der Nacht, ein Mann, der mehr Seelen gestreichelt hat als Gläser poliert. Er hört zu, er gießt nach, er schweigt – und genau darin liegt seine Kraft. Sein Tresen ist ein Ort der Beichte, sein Blick ein Trostpflaster, seine Gestalt die letzte Humanität in einem Zirkus der Zyniker. Wolfi ist der Einzige, der nichts will – und dadurch alles gibt. In seinen Gesten liegt kein Kalkül, sondern Wärme. Er ist der Zuschauer im Stück, der doch nicht nur Zuschauer bleibt. Ein stiller Verbündeter, ein Schutzheiliger der Gestrandeten.
In der Summe sind diese Nebenrollen weit mehr als Staffage. Sie sind das fein gezeichnete Ornament an den Säulen einer Gesellschaft, die längst rissig ist. Sie verleihen der Serie ihre Tiefe, ihren Ton, ihre Wahrheit. Denn dort, wo die Schlagzeilen enden, beginnt die Literatur – und Kir Royal ist, im besten Sinne, beides.
Stichflammen am Rand der Schickeria
Konstantin Wecker, Dieter Krebs und Dirk Bach als subtile Miniaturen im grellen Gesellschaftspanorama
In den kleinen Rollen – oft nur wenige Minuten lang – liegt eine stille, manchmal gnadenlose Präzision. Sie kommentieren das große Schauspiel, ohne selbst mitspielen zu wollen. Drei dieser Figuren, gespielt von Konstantin Wecker, Dieter Krebs und Dirk Bach, sind keine Karikaturen, sondern sorgfältig platzierte Spiegel: Sie reflektieren die Farce, die sie umgibt – mal lakonisch, mal boshaft, mal resigniert.
Konstantin Wecker, sonst als moralischer Liedermacher bekannt, tritt hier nicht als Protestfigur auf, sondern als stoisch-unbeeindruckter Tonmeister im Aufnahmestudio. Während Hanna Schygullas Schlagersirene Sissi Gohlke vokal entgleist und Schimmerlos das Projekt mit der ganzen Würdelosigkeit des Boulevards befeuert, sitzt Wecker reglos hinter dem Mischpult. Keine Pose, kein Pathos – nur die kühle Gelassenheit eines Mannes, der das Showgeschäft besser kennt, als ihm lieb ist. In seinem Schweigen liegt ein ganzes Urteil über die Seichtheit der Unterhaltungsbranche.
Dieter Krebs, zu Lebzeiten einer der klügsten Komiker des Landes, spielt den Friseur von Mona – und tut das mit einer Mischung aus ironischer Eleganz und fein dosierter Herablassung. Seine Figur ist eitel, zickig, wunderbar überdrüssig – eine Karikatur des Schöngeists im Dienst der Bussi-Bussi-Gesellschaft. Unter dem seidig-professionellen Ton liegt eine kaum verhohlene Verachtung für das Getue der Kundschaft. Der Salon wird so zur Bühne, Krebs zum Chorführer des stillen Spottes.
Und dann ist da noch Dirk Bach, jung, leise, fast stumm – aber unvergesslich. Als Empfangschef irgendwo im Luxuskosmos verkörpert er mit einem einzigen höflichen Lächeln die ganze Anpassungsleistung des kleinen Rades im großen Getriebe. Sein devoter Gestus, die unterwürfige Freundlichkeit – das ist die stille Infrastruktur der Dekadenz, die dafür sorgt, dass die High Society sich reibungslos selbst feiert. Bach zeigt in Sekunden, wie man mit Haltung Haltung verliert.
Transatlantische Spiegel: Kir Royal, Californication und das Fernsehen der Männlichkeitskrise
Baby Schimmerlos fährt einen Porsche, so wie Hank Moody in Califrnication.
Ein naheliegender Vergleich – nicht nur stilistisch, sondern strukturell – ist der zwischen Kir Royal und der US-Serie Californication. Beide haben zentrale männliche Figuren, die gleichermaßen ironisch, verletzt, intellektuell und hedonistisch gezeichnet sind. Baby Schimmerlos und Hank Moody, gespielt von David Duchovny, könnten Brüder sein – im Geiste, im Scheitern, im Charme.
Beide fahren Porsche. Beide trinken zu viel. Beide lieben Frauen – und verlieren sie. Beide schreiben – und haben das Schreiben irgendwie verloren. Und beide wissen, dass sie kaputt sind – und machen doch weiter. Doch bei aller Ähnlichkeit gibt es einen zentralen Unterschied: Während Hank Moody noch auf eine Art Erlösung hofft, auf eine Art Vergebung, hat Schimmerlos längst resigniert. Er lebt nicht gegen das System, sondern mit ihm – als Teil, als Nutznießer, als Ermüdeter.
Darin liegt die eigentliche Tragik. Der amerikanische Held – so gebrochen er auch ist – trägt noch den Glanz der Möglichkeit in sich. Der deutsche Held von Kir Royal hingegen ist längst ein Wiedergänger. Er lebt nicht, er zitiert sich selbst. Nicht als Pose – sondern aus Überzeugung. Und das macht ihn unendlich vielschichtiger.
Kir Royal und die politische Tiefe hinter dem Glamour
Oberflächlich betrachtet ist Kir Royal eine Serie über die Münchner Gesellschaft der 1980er – über Schauspielerinnen, Werbeleute, Geschäftsleute, Würdenträger. Doch bei genauerem Hinsehen wird deutlich: Dietl und Süskind zeichnen auch ein politisches Sittenbild. Denn hinter jeder Glanzfassade steckt die Frage nach Einfluss, nach Macht, nach öffentlicher Meinung.
Der Kardinal, der diskret seine Missbilligung äußert. Der Industrielle Haffenloher, der Sichtbarkeit kaufen will. Der Redakteur Wagerl, der lieber schweigt, um keinen Anruf aus dem Verlag zu riskieren. All das sind keine Nebenstränge, sondern Kernmotive. Sie zeigen: Öffentlichkeit ist nicht neutral. Sie ist ein Feld der Kräfte. Und Kir Royal ist ein frühes, aber präzises Fernsehstück über eben dieses Machtfeld.
Die Rolle Münchens – Stadt als Spiegel
Mehr als Kulisse in Kir Royal, sondern urbanes Szenenbild: München
München ist nicht nur Schauplatz. Die Stadt ist eine Figur. Sie ist mehr als Kulisse – sie ist Symbol. In Kir Royal zeigt sich die bayerische Landeshauptstadt nicht als „Weltstadt mit Herz“, sondern als urbane Bühne der Eitelkeit. Die Cafés, die Kanzleien, die Theaterfoyers – das alles sind Milieus der Repräsentation. Und wer nicht repräsentiert, existiert nicht.
Die Stadt strahlt eine gepflegte Kälte aus. Alles ist schön – aber nichts ist warm. Dieses München ist keine Heimat, sondern ein Laufsteg. Und so wird die Stadt zur Bühne für das große Spiel des Scheins. Dietl zeigt uns eine Metropole der Masken – viel Licht, viel Glas, wenig Nähe. Und gerade dadurch wird München zur Metapher für die westdeutsche Gesellschaft der 1980er-Jahre: wohlhabend, müde, funktionsfähig – aber leer.
Die Wohnung des notorischen Boulevardschriftstellers Baby Schimmerlos befand sich im sogenannten Wappenhaus – einem Bau, der selbst noch im Spätnachmittag der Monarchie Eindruck zu schinden wusste. An der Ecke Nymphenburger- und Maillingerstraße thronte das Gemäuer wie eine ironische Reverenz an vergangene Pracht: stattlich, würdevoll und ein wenig aus der Zeit gefallen – wie sein Bewohner. Dort residierte Schimmerlos, halb Bohémien, halb Barhocker, zwischen Manuskript und Minibar, stets am Rande eines Leads und am Rande eines Katers. Die Wohnung war lichtdurchflutet, elegant verwohnt, mit jener gewissen Patina, die sich nicht imitieren lässt – ein Innenleben wie ihr Besitzer: etwas zerzaust, latent verkatert, aber stets von einer Aura der Wichtigkeit umweht.
Nicht weit davon entfernt logierte die Wirklichkeit der Macht – natürlich im Hotel Bayerischer Hof, jenem großen Stillleben aus Kristall, Teppich und diskreter Arroganz. Hier wurden Minister empfangen, Models verladen, Allianzen geschmiedet – und auch wieder aufgelöst. Der Bayerische Hof war nicht einfach ein Hotel, sondern ein Gesellschaftskatalysator. Die Lobby: halbes Wohnzimmer, halber Umschlagplatz für Gerüchte mit Restwärme. Der Sekt floss wie Wasser, das Lächeln war scharf geschliffen. Wer hier wohnte, wollte gesehen werden. Wer hier arbeitete, wusste mehr, als ihm lieb war.
Ein paar Straßenzüge weiter, in der Schulstraße Ecke Wilderich-Lang-Straße, verwandelte sich eine eher unscheinbare Gaststätte in das Champs Elysées – das Nachtlokal mit dem Glanz von Paris und der Realität von Neuhausen. Hier funkelte die Illusion wie ein schlecht kopiertes Cartier-Armband. Aber das störte niemanden. Denn wer im Champs Elysées saß, war längst Teil der Erzählung. Man musste dort nicht sprechen – es reichte, bestellt zu haben.
Noch eine Prise absurder wurde es in der Villa Medici, einem vorgeblich noblen Restaurant, das – und das ist kein Witz – in der Aussegnungshalle des Ostfriedhofs beheimatet war. Hier wurde nicht mehr getrauert, sondern getafelt. Und zwar mit all dem Pathos, das ein solcher Ort hergibt: hoher Raum, tiefer Sinn, gepaart mit bester Weißweinschorle. Der Tod wurde zur Tapete, das Menü zur Messe. Dietl, der große Ironiker, hätte den Ort kaum treffender wählen können. Wer dort speiste, ahnte: die Dekadenz ist kein Zustand – sie ist ein Stilmittel.
In der dritten Folge besucht man den exaltierten Kunstmaler Schildkraut. Angeblich lebt er am Starnberger See – tatsächlich aber ist seine Villa ein verwunschenes, leicht angeschlagenes Prachtstück am Hochufer der Isar in Pullach: die Villa Bellemaison. Sie wirkt wie eine Diva, die ihren letzten großen Auftritt vergessen hat – und gerade deshalb perfekt. Schildkraut, halb Genie, halb Schnapsidee, passt sich diesem Ambiente an wie ein vergilbtes Ölgemälde an die Wandverkleidung.
Für die gepflegte Staatsnähe wählte Dietl das Aubergine am Maximiliansplatz – jenen legendären Gourmettempel, in dem einst Feuilletons geschrieben wurden, bevor der Hauptgang serviert wurde. Hier tafelte Schimmerlos mit dem Polizeipräsidenten, als ginge es um ein außenpolitisches Gipfeltreffen – aber eben mit Dessert. Gespräche wurden dort nicht geführt, sie wurden angerichtet. Und jedes Glas trug den Subtext gleich mit auf dem Tablett.
Der Empfang für die Königin von Mandalien – ein Stück surrealer Protokoll-Klamauk, wie ihn nur Dietl inszenieren konnte – sollte in der ehrwürdigen Glyptothek stattfinden. Jene klassizistische Stätte antiker Statuen wurde kurzerhand zum diplomatischen Schauplatz – mit ironischem Sprengstoff. Denn natürlich platzte der Empfang, wie es sich für eine Satire von Weltformat gehört: nicht laut, aber mit Stil.
Auch der Ministerpräsident bekam seinen Auftritt. Er residierte im Prinz-Carl-Palais, wo er mehr repräsentierte als regierte, und mehr nickte als entschied. Aber dafür ist das Palais auch gemacht: Es trägt das Gewicht der Bedeutung, ohne sich selbst zu verbiegen. Von hier aus nahm er Schirmherrschaften entgegen – etwa beim sommerlichen Empfang unter der Bavaria, dieser bronzenen Wuchtfigur, die wie eine Mischung aus olympischer Göttin und bayerischer Bierkönigin über die Szene wachte. Wer hier stand, hatte es geschafft. Oder war zumindest im Bild.
Für den betuchten, leicht ranzigen Kolonial-Industriellen Konsul Dürkheimer, der am liebsten mit Whisky in der einen und Zigarrenrauch in der anderen Hand sprach, fand man eine treffende Residenz: das Schloss Au in der Hallertau. Es war nicht bloß ein Ort, sondern ein Statement – barock, entrückt, anmaßend schön. Wer hier lebte, sprach nicht mehr – er ließ sprechen.
Selbst die Ankunft der Königin wurde zum ironischen Masterstroke: Sie landete nicht etwa im protokollarischen Stillstand eines Großflughafens, sondern auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck – ein Ort mit historischer Schwere, dem hier mit filmischer Leichtigkeit begegnet wurde. Der Pathospegel sank, der Spottpegel stieg. So geht Dietl’sche Entladung.
Und zuletzt Monas Gesangsauftritt, jener bittersüße Moment zwischen Gänsehaut und Fremdscham, fand in der ehrwürdigen Lach- und Schießgesellschaft statt. Jenem Kabaretttempel, in dem einst politischer Witz geschmiedet wurde – und nun eine Sängerin stand, die mehr Pathos als Stimme hatte. Doch genau darum ging es. Mona singt nicht für Ruhm – sie singt, weil man sie lässt. Oder weil niemand Nein sagt.
So ergibt sich eine Karte von München, die mehr erzählt als jeder Reiseführer. Ein München aus Glanz und Gier, aus Schein und Sein. Dietls Drehorte sind keine Kulissen – sie sind Koordinaten einer Gesellschaft, die sich selbst im Spiegel betrachtet und dabei fragt: Ist das noch echt – oder schon Fernsehen?
Die Ausstattung als Subtext: Kostüm, Kulisse, Symbol
Ein weiterer Aspekt, der Kir Royal so besonders macht, ist seine visuelle Dichte. Die Kostüme, das Interieur, die Requisiten – alles erzählt mit. Babys Anzüge – immer ein wenig zu glatt, zu modisch. Haffenlohers Bademantel – Symbol der Einsamkeit inmitten des Luxus. Striezels Accessoires – Ausdruck intellektueller Kontrolle. Und Monas Kleidung – zurückhaltend, unprätentiös, aber stilvoll.
Nichts in dieser Serie ist zufällig. Jede Lampe, jede Gardine, jedes Glas steht an seinem Platz – als Ausdruck einer inneren Haltung. Die Ästhetik der Räume ist keine Dekoration, sondern ein Spiegel der Figuren. So wie man in der Literatur von Raumsemantik spricht, kann man hier von einer Fernsehbild-Semantik sprechen. Die Wohnung der Mutter steht für ein anderes Jahrhundert – leise, würdevoll, verraucht. Der Zeitungskeller für die unterirdische Macht. Das Hotelzimmer für die Unverbindlichkeit der Begegnung.
Warum „Kir Royal“ nicht verfilmt werden könnte – heute
Viele Serien der 1980er sind schlecht gealtert. Kir Royal nicht. Aber sie könnte heute nicht mehr neu gedreht werden. Nicht in dieser Form. Nicht mit dieser Ruhe, dieser Sprache, dieser Ironie. Die Medienlandschaft ist heute schneller, aggressiver, schlichter. Und genau das zeigt, wie besonders diese Serie war – und bleibt.
Kir Royal ist ein Produkt seiner Zeit – aber kein Gefangener. Es ist ein Werk, das heute aktueller ist denn je. Gerade weil es sich der Geschwindigkeit verweigert. Gerade weil es nicht gefallen will. Gerade weil es keine Message hat – sondern Haltung. Dietl und Süskind haben etwas geschaffen, das bleibt. Und das ist vielleicht das Schönste, was man über eine Serie sagen kann.
Der Preis der Echtheit – Schimmerlos und der Ernstfall der Authentizität
In der fünften Folge von Kir Royal erreicht die Serie einen ihrer bittersten, ja fast tragischen Momente: Ausgerechnet der notorisch schillernde Klatschreporter Baby Schimmerlos, dieser geölte Gockel des Münchner Boulevardmilieus, handelt plötzlich – man mag es kaum glauben – authentisch. Nicht aus Kalkül, nicht aus Karrierehunger, sondern aus Überzeugung. Oder, präziser gesagt: auf Anweisung seiner Partnerin.
Was folgt, ist eine gesellschaftliche Exekution in Zeitlupe. Der Mann, der bislang durch jede noch so verlogene Soirée tänzelte wie ein satter Kater durch Sahne, erfährt, was es heißt, den moralischen Ernstfall zu proben. Die Konsequenzen sind ebenso rigoros wie entlarvend: Das Telefonschränkchen schweigt, die Aufträge bleiben aus, der stählerne Panzerschrank gesellschaftlicher Zugehörigkeit fällt krachend ins Schloss. Und nicht nur symbolisch: Auch sein Auto wird demoliert, seine Reputation mit kalter Präzision seziert – wie ein falscher Titel in der Abendzeitung.
Es ist die vielleicht aufschlussreichste Episode der ganzen Serie, weil sie dem Zuschauer gnadenlos vorführt, wie dünn die Membran ist, die Eitelkeit von Echtheit trennt. In dem Moment, in dem Schimmerlos versucht, sich selbst treu zu sein, verliert er alles, was ihm die Maskerade einst eingebracht hatte: Status, Einfluss, ja sogar die Gunst jener, die sich selbst doch längst dem Komödiantischen des öffentlichen Lebens verschrieben haben.
Authentizität, so lehrt uns Helmut Dietl in dieser Folge, ist im Kosmos der Schickeria kein Ideal, sondern ein Affront – eine Ungehörigkeit, die sofort geahndet wird. Wer den Pakt mit der Pose aufkündigt, steht schneller draußen, als man „Champagnerempfang“ sagen kann. Für Schimmerlos bedeutet das eine schmerzhafte Entzauberung – und für den Zuschauer einen Moment fast aristotelischer Katharsis: Mitleid mit dem Blender, Furcht vor der eigenen Kompromittierbarkeit.
Bussi links, Bussi rechts – und kein Gedanke dazwischen
Die Schickeria als Sinnbild einer entpolitisierten Gesellschaft im Vorabend ihres kulturellen Zusammenbruchs
Die Schickeria, wie sie in Kir Royal porträtiert wird – all diese geschmeidigen Gestalten zwischen Feuilleton und Föhnfrisur, zwischen Barockmöbel und Bussi-Bussi – sie steht sinnbildlich für eine Entpolitisierung, die in den 1980er-Jahren zur kulturellen Signatur der alten Bundesrepublik wurde. In ihrem weltvergessenen Hedonismus, in ihrer selbstgerechten Ironie und der Ablehnung jeder „großen Idee“ wurde diese Gesellschaftsschicht zum Resonanzraum einer Linken, die ihren Marsch durch die Institutionen längst abgeschlossen hatte.
Was sich äußerlich als mondäne Weltläufigkeit präsentierte – Designermode, Antifaschismus im Nebensatz, Lichterketten gegen Rechts auf dem Weg zum Opernball – war in Wahrheit die kulturalistische Maskerade einer Ideologie, die Politik durch Haltung, und Haltung durch Habitus ersetzt hatte. Der „linksliberale Humanismus“ der Schickeria war kein Weltbild mehr, sondern ein Konsumprodukt, das in Designhäusern inszeniert, auf Vernissagen gereicht und in der Lounge des Bayerischen Rundfunks verköstigt wurde.
Für eine neue rechte Perspektive offenbart sich in dieser Welt nicht nur der Verlust des Politischen, sondern der tiefere Niedergang eines ganzen Zivilisationszyklus. Kir Royal wird in dieser Lesart zum kulturellen Beweisstück für eine Diagnose, wie sie Oswald Spengler mit Der Untergang des Abendlandes 1918 grundgelegt hat. Spengler beschrieb eine Phase, in der Kultur zur Zivilisation degeneriert – ein Stadium, in dem alles Lebendige, Mythische, Glaubensstarke bereits abgetreten ist und durch kalte Formen, leere Rituale, ästhetische Selbstbespiegelung ersetzt wurde.
Die Münchner Schickeria erscheint in Dietls Serie als genau dieser zivilisatorische Endzustand: ein Ornament auf dem Grabstein der bürgerlichen Kultur. Ihre selbstgewisse Urbanität, ihre ironische Distanz zu allem Erhabenen, ihr Fetisch für das Modische – das ist nicht Aufklärung, sondern Erschöpfung. Nicht Freiheit, sondern Laxheit. Nicht Emanzipation, sondern Ermüdung.
Das Leere in dieser Gesellschaft wird dabei nicht mehr als Mangel empfunden, sondern als Chic. Der Verzicht auf Tiefe gilt als Beweis von Weltläufigkeit. Der Nihilismus wird Champagner-süß serviert – als Kir Royal. Und während die Gäste einander zuprosten auf sich selbst, vollzieht sich unbemerkt jener Epochenbruch, den Spengler einst so formulierte: „Zivilisation ist das unausweichliche Schicksal einer Kultur. Sie ist das Ende.“
So betrachtet, ist die Schickeria nicht nur ein Phänomen der 80er. Sie ist das Ornament einer untergehenden Welt. Ihre salbungsvolle Ironie, ihr unpolitisches Lächeln, ihr kultivierter Narzissmus – sie stehen am Ende einer Entwicklung, die von der metaphysischen Tiefe des Abendlandes zur Oberflächenästhetik der Clubkarte geführt hat. Und so liegt in der Serie Kir Royal, wenn man genau hinhört, ein Abgesang – keine Satire, sondern ein Requiem.
Warum mich „Kir Royal“ nicht mehr loslässt
Ich habe Kir Royal viel zu spät entdeckt. Und vielleicht war genau das der Grund, warum es mich so tief getroffen hat. In einer Zeit der Streaming-Dauerbeschallung, der Serienmassenware, des dramatisch überzeichneten Storytellings, fiel diese Serie wie ein altes, gut erhaltenes Manuskript in meine Gegenwart. Ein Werk, das sich nicht an den Zuschauer heranschmeißt, sondern ihn testet: auf Geduld, auf Sensibilität, auf Aufmerksamkeit. Und ich bestand diesen Test – und wurde reich belohnt.
Was mich fesselte, war nicht nur die Sprache, nicht nur die Musik, nicht nur die souveräne Kameraführung. Es war das Zusammenspiel all dessen – eine Ästhetik des Uneigentlichen, eine Ironie, die nie bloß zynisch, sondern immer auch melancholisch war. Kir Royal war für mich kein Zeitdokument, sondern ein Spiegel. Ich sah darin mich selbst: als Medienkonsument, als Mensch, als suchender Zeitgenosse.
Ich sah in Baby Schimmerlos einen Bruder im Geiste. Ich sah in Mona etwas, das in mir selbst zu lange zu wenig Raum bekam: Standhaftigkeit ohne Pose. Ich sah in Haffenloher die Tragödie der Zugehörigkeit – dieses ewige Streben nach „Dazugehören“, nach Anerkennung, das am Ende in Einsamkeit mündet. Und ich hörte in den Dialogen eine Sprachkunst, wie sie heute kaum noch gepflegt wird.
Kir Royal ist für mich zu einem inneren Maßstab geworden: für Stil, für Haltung, für Intelligenz im Erzählen. Und manchmal denke ich: Vielleicht ist es gut, dass ich es erst jetzt entdeckt habe. Denn früher hätte ich es konsumiert. Heute habe ich es verstanden.
Nebenschauplatz in Kir Royal: der Starnberger See
Im Schweigen liegt die Wahrheit – Der letzte Auftritt des Baby Schimmerlos
Die letzte Szene von Kir Royal schleicht sich nicht mit Pomp oder Pathos ins Gedächtnis – sie brennt sich leise ein. Inmitten des wohltemperierten Wahnsinns der Münchner Schickeria sitzt er, der Chronist dieser dekadenten Welt, plötzlich allein: Baby Schimmerlos. Mona, seine langjährige Vertraute und emotionale Instanz, hat ihn scheinbar verlassen. Ihr Abgang vollzieht sich beinahe beiläufig, und gerade darin liegt seine Brutalität. Was bleibt, ist ein Mann, der zum ersten Mal aus der Pose seiner Souveränität fällt.
Baby, der stets mit leichtem Zynismus, spitzer Feder und einem feinen Gespür für Macht und Eitelkeit durch das Biotop der Schönen und Einflussreichen manövrierte, ist nun auf sich selbst zurückgeworfen. Seine Welt, sonst so laut, grell und durchdrungen vom Klang klirrender Gläser und bedeutungsloser Konversationen, wird still. Die Zigarette in seiner Hand – einst Accessoire des selbstgewissen Flaneurs – wirkt nun wie ein letzter Halt in einer auseinanderbrechenden Kulisse.
Was diese Szene so erschütternd macht, ist ihr Understatement. Kein Ausbruch, kein Appell, keine Auflösung. Stattdessen: Schweigen. Ein Schweigen, das alles sagt. Babys Verstummen ist das Ende seiner narrativen Macht, seiner medialen Kontrolle – und zugleich der Beginn einer ungeschönten Wahrheit. Ohne Mona ist seine Welt nicht nur leerer, sie ist bedeutungslos. Ihre Beziehung – symbiotisch, ambivalent, aber tief – war das stille Rückgrat seiner Existenz. Sie bildete das emotionale Substrat, das seine Rolle als Beobachter überhaupt erst ermöglichte.
Dass er sprachlos bleibt, ist ein künstlerisches Statement. Es entzieht sich der Logik des Fernsehens, das gewöhnlich auf Auflösung drängt. Stattdessen erleben wir einen Moment reiner Kontemplation – das Bild eines gebrochenen Mannes, gefangen im Glanz der Oberfläche, der ihn einst nährte und nun zu verschlucken droht.
Diese Schlussszene ist keine bloße Finissage, sie ist ein Kommentar auf die Leere hinter der Maske der Prominenz. Sie fragt nicht nur, was von einem Menschen übrigbleibt, wenn das Spiel endet – sie zeigt es.
Schlusswort: Ein monumentales Fernsehereignis – und ein literarischer Kosmos
Mit Kir Royal ist Helmut Dietl (mit Patrick Süskind im Hintergrund) ein Werk gelungen, das über Jahrzehnte hinweg nichts an Relevanz verloren hat. Es ist nicht einfach eine Serie – es ist ein Sprachdenkmal. Ein Kammerspiel über Medien, Macht und Moral. Eine deutsche Tragikomödie über Geltung, Glanz und geistige Erschöpfung. Und vor allem: ein literarisches Werk in Bildern.
Kir Royal ist Fernsehen als Kunstform – mit Maß, Stil, Ironie und Tiefe. Eine Serie, die man nicht einfach schaut, sondern liest. Immer wieder. Mit Genuss. Mit Erkenntnis. Mit einer Zigarette in der Hand. Und vielleicht einem Glas Kir Royal.
Literaturverzeichnis
Primärquelle
Dietl, Helmut (Regie), Süskind, Patrick (Drehbuch): Kir Royal – Aus dem Leben eines Klatschreporters. München: Bayerischer Rundfunk / Bavaria Film, 1986. 6 Episoden. Erstsendung: BR Fernsehen.
Drehbuch / Literarische Edition
Süskind, Patrick / Dietl, Helmut: Kir Royal – Das Drehbuch. Zürich: Diogenes Verlag, 1987.
Lichtmesz, Martin: Rassismus – Ein amerikanischer Alptraum. Schnellroda: Antaios, 2018.
Lübbe, Hermann: Politischer Moralismus – Der Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft. Graz: Styria, 1987.
Mann, Thomas: Buddenbrooks – Verfall einer Familie. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, 2002 [Erstveröffentlichung 1901].
Pfaller, Robert: Erwachsenensprache – Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur. Frankfurt am Main: Fischer, 2017.
Sloterdijk, Peter: Du musst dein Leben ändern. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2009. Sloterdijk, Peter: Kritik der zynischen Vernunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1983.
Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. München: C.H. Beck, 1923 (2 Bände).
Süskind, Patrick: Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders. Zürich: Diogenes, 1985.
Kaul, Wolfgang: Helmut Dietl. Eine Biografie. München: C.H. Beck, 2018.
Kreile, Günter: Fernsehklassiker: Kir Royal. In: epd medien, Nr. 30/2006.
Krüger, Uwe: Mainstream – Warum wir den Medien nicht mehr trauen. Köln: PapyRossa, 2016.
Löffler, Sigrid: Scharf, aber nicht bösartig: Die Kunst des Gesellschafts-Porträts. In: Die Zeit, Nr. 15/1986.
Reichel, Ingo: Helmut Dietl – Zwischen Komik und Kulturkritik. In: Filmkritik heute, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung, 2011.
Dietl, Helmut / Süskind, Patrick: Kir Royal – Aus dem Leben eines Klatschreporters. Fernsehserie, Bayerischer Rundfunk, 1986.
Wecker, Konstantin: Auftritt als Tonmeister in Folge 4 („Wer reinkommt, ist drin“) der Serie.
Krebs, Dieter: Rolle als Friseur in Folge 3 („Die dunkle Seite der Macht“), subtile Parodie auf das Schönheits- und Dienstleistungsgewerbe der Schickeria.
Bach, Dirk: Kurzauftritt als Empfangschef, beispielhaft für das stille Funktionieren der Luxuswelt.
von Bülow, Loriot: Gesammelte Prosa. Zürich: Diogenes Verlag, 1988 – zur Kontextualisierung des deutschen Medienhumors der 1980er Jahre.
Reckwitz, Andreas: Die Gesellschaft der Singularitäten. Berlin: Suhrkamp, 2017 – zum Verständnis spätmoderner Sichtbarkeit und Medienlogik.
Klotz, Volker: Geschlossene und offene Formen im Drama. 2. Auflage. Stuttgart: UTB, 1999 – als theoretischer Rahmen für die Strukturanalyse serieller Dramaturgie
Ein feuilletonistischer Essay zum Leipziger Urteil über COMPACT
Es war ein warmer Dienstag im Juni, doch das, was an diesem 24. Juni 2025 in den ehrwürdigen Mauern des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig geschah, hatte nichts von Sommer, nichts von Leichtigkeit. Es war ein Tag des Ernstes, ein Tag des Scheidens – nicht zwischen Schwarz und Weiß, nicht zwischen Gut und Böse, sondern zwischen Freiheit und Herrschaft, zwischen Wort und Macht. Ein Urteil wurde gefällt, nüchtern und juristisch, und doch klang es in den Straßen, in den Herzen und Köpfen wie ein Glockenschlag der Gerechtigkeit: Das Verbot des COMPACT-Magazins ist rechtswidrig.
Jürgen Elsässer, der publizistische Grenzgänger, Grenzüberschreiter, Grenzbeschützer, trat vor die Kameras. Und sagte nicht viel. Er sagte: „Sieg.“ Mehr nicht. Denn in diesem einen Wort lag alles: Trotz, Triumph, Tragödie und Treue. Die Treue zu einem Land, das er liebt, auch wenn es ihn hasst. Die Treue zur Wahrheit, auch wenn sie verboten werden sollte. Und die Treue zum geschriebenen Wort – dem einzigen, das im Zeitalter staatlich verordneter Sentimentalität noch standzuhalten vermag.
Denn was war COMPACT anderes als das unbequeme Echo einer Nation, die sich selbst nicht mehr zuhört? Ein Magazin, das nicht gefällig sein wollte, nicht diplomatisch, nicht einordnend. Es war roh, ja. Es war hart, gewiss. Doch es war echt. Echt in seiner Leidenschaft, in seiner Kritik, in seiner Angst um das Eigene. COMPACT schrieb nicht für Preise. COMPACT schrieb für das, was blieb.
Und das sollte nun weg. Verschwinden. Ausradiert aus der Republik. Nancy Faeser, die Hüterin der doppelten Standards, hatte das Magazin im vergangenen Jahr verboten – als „Verein“, als ob das freie Wort in Deutschland neuerdings eine Strukturfehlerfrage sei. Die Begründung war dünn, die Absicht glasklar. Es ging nicht um Recht, es ging um Ruhe. Die Ruhe des Diskurses, den keiner mehr stören sollte.
Doch Leipzig störte. Leipzig sagte: Nein. Leipzig sagte: Das reicht nicht. Leipzig sagte: Auch wer schreit, darf sprechen.
Währenddessen tobte die intellektuelle Linke. Man hätte meinen können, der Staat sei gefallen. Der Spiegel, dieser einstige Fels der Aufklärung, titelte empört und im Ton der Enttäuschten: „Rechter Hetzer siegt vor Gericht.“ Keine Reflexion, kein Zweifel, keine Einsicht. Nur Sprachmüll im Dienst der Gesinnung. Man zürnte nicht über das Urteil, man zürnte über das Leben selbst – über die Tatsache, dass die Realität nicht immer dem Drehbuch folgt.
Es war, als hätte man in den Redaktionsräumen der alten Medien zum letzten Mal begriffen, was ihnen wirklich droht: nicht Verbot, sondern Bedeutungslosigkeit. Denn COMPACT – dieses oft beschmähte, stets geschmähte Heft – hatte Leser, hatte Wirkung, hatte Leidenschaft. Nicht trotz der Reibung, sondern wegen ihr. Und das Urteil gab ihm nun etwas zurück, was man ihm nicht geben wollte: Legitimierung. Nicht moralisch. Rechtlich.
Man spürte es in den Reaktionen: Die Maske der Toleranz war gefallen. Ausgerechnet jene, die sich stets auf der Seite der Freiheit wähnten, forderten nun – mit steinerner Miene – mehr Überwachung, mehr Kontrolle, mehr Verbote. Der alte Witz vom „wehrhaften Staat“ wurde zum bitteren Ernst. Doch das Gericht erinnerte: Auch Wehrhaftigkeit hat Regeln. Und zu diesen Regeln gehört, dass man nicht jeden Widerspruch als Sprengsatz behandelt.
Elsässer, dessen biografischer Weg selbst ein Dokument der deutschen Wendezeiten ist, war in seinem Element. „Wir haben das Recht, dieses Land zu lieben“, sagte er. „Und niemand kann uns das verbieten.“ Es war keine Verteidigungsrede. Es war ein Bekenntnis. Zu Deutschland, zum Streit, zur Verantwortung. Und es war – das ist das Erschütternde – von einer Würde getragen, die man heute selten hört.
Denn COMPACT ist, was die anderen nicht mehr sind: eine Publikation, die sich traut. Die sich traut, Dinge zu sagen, die nicht gesagt werden sollen. Die sich traut, Fragen zu stellen, die anderen Angst machen. Die sich traut, ein „Wir“ zu formulieren, das nicht durch Diversitätsformulare gegängelt wird. Das ist ihr Verbrechen. Und das ist ihr Verdienst.
Man kann über COMPACT denken, was man will. Man kann sich an seiner Tonlage stören, an seinen Titelbildern, an seiner Dialektik. Doch wer es verbieten will, sagt mehr über sich als über das Heft. Er sagt: Ich halte das nicht aus. Ich halte andere Meinungen nicht aus. Ich halte Meinungsfreiheit nur aus, wenn sie meiner Meinung entspricht. Und das, in Wahrheit, ist der Beginn der Tyrannei.
Das Urteil von Leipzig ist darum mehr als ein juristischer Vorgang. Es ist ein poetischer Akt. Es ist das Eingeständnis, dass selbst in der späten Bundesrepublik, in dieser müde gewordenen Demokratie, noch etwas lebt, das nicht vom Zeitgeist erstickt werden kann: der freie Gedanke. Das ungeschönte Wort. Das Recht, falsch zu liegen.
Was COMPACT aus diesem Urteil macht, bleibt abzuwarten. Doch eines ist sicher: Das Heft ist zurück – und es wird nicht leiser. Es wird nicht sanfter. Es wird nicht kleiner. Es wird größer. Denn es hat nun, was man ihm nehmen wollte: den rechtlichen Segen.
Und wir, die wir es lesen, die wir es tragen, die wir es verteidigen – wir haben nun einen Moment der Klarheit. Es ist der Moment, in dem wir wissen: Sie können viel tun. Sie können verleumden, zensieren, löschen, ächten. Aber sie können nicht alles. Sie können das Denken nicht töten. Und sie können das Wort nicht besiegen.
Man wird sich erinnern. An dieses Bild. An diesen stillen, fast gespenstischen Morgen im Spätsommer 2024, als der Staat sich entblößte – nicht in der Pose der Stärke, sondern in jener nervösen Selbstgerechtigkeit, die stets dann auftritt, wenn das Wort gefährlicher wird als jede Waffe. Damals – kurz nach dem Verbot – trat Jürgen Elsässer aus der Tür seines Hauses. Nicht erhoben, nicht provozierend, sondern im Bademantel. Grau. Schlicht. Menschlich.
Kein Mikrofon. Kein Podium. Nur Stille, Polizei, Blitzlicht.
Die Szene, so absurd wie entlarvend, sollte eine Demütigung sein – doch sie wurde zum Porträt einer demokratischen Farce. Denn wer war es, der hier lächerlich wirkte? Der Mann, der morgens in seinem eigenen Haus schlief? Oder jener Apparat, der meinte, man müsse den Herausgeber eines oppositionellen Magazins wie einen Mafiaboss abführen, als habe er Bomben gebaut und nicht bloß Zeitschriften herausgegeben?
Es war die große Inszenierung des kleinen Geistes. Eine Machtdemonstration, die nichts demonstrierte außer Angst. Die Angst vor dem Wort, vor dem Bild, vor dem Denken. Die Angst vor dem freien Bürger.
Denn was war Jürgen Elsässer in diesem Moment anderes als das, was er immer war? Ein Mann mit Haltung. Ein Publizist, der das, was er dachte, auf Papier brachte. Und der dafür bezahlen sollte. Nicht mit einem Urteil, sondern mit einer Inszenierung. Mit öffentlicher Beschämung. Mit dem Bild des Unterlegenen, das am Ende keiner mehr glaubt.
Er selbst kommentierte diese Szene mit der ihm eigenen Mischung aus Sarkasmus und Stolz: „Sie holen mich im Morgenmantel, wie weiland Ulbricht seine Dissidenten. Nur dass ich nicht nach Bautzen muss, sondern ins Studio. Wir sind nicht tot – wir senden weiter.“
Und da war sie wieder, diese Stimme. Diese Stimme, die nicht bricht, sondern sich erhebt. Die nicht trotzig ist, sondern wach. Eine Stimme, die weiß, dass Repression nie das letzte Wort hat.
Denn was tun, wenn der Dissident nicht mit Gewalt kommt, sondern mit Worten? Wenn seine Waffen Sätze sind und seine Strategie Klarheit? Dann bleibt nur noch der Versuch, ihn lächerlich zu machen – und dieser Versuch scheitert immer an sich selbst. Die Lächerlichkeit bleibt nicht beim Angegriffenen hängen. Sie klebt an den Händen der Angreifer.
In diesem Sinne war die Morgenmantel-Szene ein unfreiwilliger Moment der Wahrheit. Eine Wahrheit, die sich nicht mehr zurücknehmen lässt. Man wollte zeigen: Seht her, wir haben ihn. Was man zeigte, war: Seht her, so fürchtet man das Wort.
Und genau deshalb war dieses Urteil, das nun folgte, nicht nur eine juristische Entscheidung. Es war eine späte Wiedergutmachung. Eine stille Geste der Gerechtigkeit – nicht nur an ein Medium, sondern an einen Mann, dem man nicht vergeben wollte, dass er unbequeme Dinge ausspricht.
Die Rückkehr von COMPACT ist nicht das Ende einer Debatte. Es ist ihr Anfang. Ein Anfang, bei dem klar sein sollte: Wir lassen uns nicht mehr einschüchtern. Nicht vom Spiegel. Nicht vom Staat. Nicht von denen, die glauben, die Wahrheit gepachtet zu haben. Denn die Wahrheit gehört niemandem. Und sie ist niemals bequem.
Dieses Urteil war ein Lichtstrahl. Wir werden ihn weitertragen. Mit Worten. Mit Mut. Und mit Liebe zum Land.
Vom westlichen Bedürfnis, den Iran zu zerschlagen – eine geopolitische Betrachtung
In der dunklen Stunde zwischen zwei Tagen, als der Himmel noch nichts von der kommenden Hitze wusste, durchbrachen silbern lackierte Schatten die Stille des Luftraums über Persien. Es waren keine gewöhnlichen Kampfjets, keine flüchtigen Geister moderner Luftüberlegenheit – es waren B-2 Spirit Bomber, fliegende Kathedralen der Gewalt, die, unsichtbar für Radar und Mitgefühl, eine Nachricht sendeten: Amerika ist bereit.
Die Bomben, die sie trugen – GBU-57, sogenannte „Massive Ordnance Penetrators“ – sind nicht einfach Waffen. Sie sind Manifestationen einer Haltung, Projektile einer über Jahrzehnte kultivierten Überlegenheit. Sie graben sich, elf Tonnen schwer, mit mathematischer Kälte durch Fels und Beton, durch Forschungszentren und unterirdische Träume – bis dorthin, wo die Substanz einer Zivilisation zittert.
Was war geschehen?
Der Iran, so berichten israelische Quellen, hatte wenige Stunden zuvor Raketen auf ein Wohngebiet im Norden Israels abgefeuert – auf Kiryat Shmona, wo Familien wohnen, Kinder lachen, Gärten blühen. Eine klare Aggression, eine unverhohlene Grenzüberschreitung – ein Verbrechen, das nicht bagatellisiert werden darf. Doch auf eine Rakete folgt keine Diplomatie, sondern die Antwort des Imperiums. Kein Tribunal, sondern Sprengkraft. Kein Ausgleich, sondern Exempel.
Diese Asymmetrie ist nicht nur militärisch. Sie ist moralisch.
Denn was in jener Nacht geschah, war weit mehr als Vergeltung. Es war ein choreografierter Zugriff auf die Zukunft eines Staates, eine techno-strategische Offenbarung, die sagt: Wir entscheiden, wer Kernenergie haben darf. Wir entscheiden, wann jemand gefährlich ist. Wir entscheiden, wann die Schwelle vom Kalten Frieden in den heißen Zugriff überschritten wird.
Der Westen, insbesondere die Vereinigten Staaten, sieht den Iran nicht bloß als Gegner. Er sieht in ihm eine Unverfügbarkeit. Eine Entität, die sich der Einschreibung in westliche Ordnungsmuster verweigert. Und diese Verweigerung – religiös aufgeladen, nationalistisch gehärtet, strategisch herausfordernd – wird als Provokation erlebt.
Ein schwacher Iran hingegen – wirtschaftlich stranguliert, militärisch kastriert, diplomatisch isoliert – ist ein bequemer Iran. Ein Iran, der verkauft, aber nicht bestimmt. Der liefert, aber nicht lenkt. Der pariert – und dabei den Zugriff auf Ressourcen, Handelswege und Einflussräume öffnet.
Auch Israel hat seine Lektionen gelernt. Ein destabilisiertes Persien ist ein entlastetes Levante-Israel. Ein Iran im Taumel ist ein Libanon ohne Rückgrat, eine Hisbollah ohne Patron. Wer in Teheran das Licht löscht, verdunkelt auch Damaskus, Bagdad, Gaza.
Und vielleicht noch mehr: In der geopolitischen Dämmerung, wenn der große Gegenspieler wankt, öffnen sich Fenster – für Träume, die bislang nur flüsterten: der Traum vom Groß-Israel, der nie ganz verschwand. Nicht in Karten, nicht in Köpfen. Siedlungen als Vorposten des Faktischen, Sicherheitszonen als Vorformen neuer Grenzen.
Inmitten all dessen: Europa. Still. Oder schlimmer: verständnisvoll. Während in Washington über militärische Notwendigkeit doziert wird, während in Tel Aviv gejubelt, in Riad getuschelt wird – schweigt Berlin. Ein Schweigen, das nicht neutral, sondern feige ist. Eine Ohnmacht, die sich als Ausgewogenheit tarnt.
Paul Ronsheimer steht bei n-tv vor einer Kulisse aus Blaulicht und Betroffenheit. Er spricht von Entschlossenheit, von israelischem Rückhalt, von der Klarheit, mit der eine Demokratie sich verteidigt. Was er nicht sagt: dass auch der Gegner eine Gesellschaft ist. Dass dort nicht nur Mullahs herrschen, sondern Menschen leben. Kinder. Alte. Zweifelnde. Dissidenten.
Donald Trump, inzwischen wieder Stimme mit Mikrofon, nennt die eingesetzten Bomber „wunderbar“. Sie fliegen tief, sagt er, sie fliegen lautlos – und sie erledigen den Job. So spricht man über Staubsauger. Oder Börsen. Nicht über Maschinen, die Städte öffnen wie Dosen.
Er hat recht – auf seine Weise. Die B-2 ist das schönste Sinnbild einer Weltordnung, die Schönheit nur in Funktion erkennt. Ihre Linienführung ist elegant, ihr Rumpf ein Triumph aus Leichtbau und Zerstörung. Sie bringt nichts – außer Wirkung.
Und so stehen wir am Vorabend einer neuen Ordnung. Oder der finalen Auflösung der alten. Denn was aus taktischen Schlägen erwächst, ist nicht selten strategische Revolution. Ein Regimewechsel, sei er offen oder maskiert, bringt nicht nur neue Gesichter. Er bringt Verträge, Investoren, Märkte. Und er bringt Zugriff – auf Öl, auf Gas, auf Transitachsen von Indien bis zum Mittelmeer.
Ein verändertes Teheran – gesäubert von Revolutionsgarden, geöffnet für westliche Diplomatie – wäre ein neuer Spielball. Und für die Vereinigten Staaten ein Gewinn. Für Israel ein Geschenk. Für Europa ein Beweis, dass man auch ohne eigenes Handeln noch profitieren kann – solange man nicht stört.
Doch wer mit Marschflugkörpern die Welt ordnet, der ordnet sie nicht. Er verletzt sie. Und wenn aus technischer Überlegenheit eine moralische Selbstermächtigung wird, dann beginnt ein Zeitalter, in dem das Recht nicht mehr durch das Gesetz geschützt wird, sondern durch den Besitz von Durchschlagskraft.
Der Iran hat wahrscheinlich Rakten auf ein israelisches Wohngebiet gefeuert. Ja. Doch was der Westen getan hat, war mehr. Es war eine Operation am offenen Herzen der politischen Welt. Und das Echo wird nicht lange auf sich warten lassen.
Vielleicht nicht heute. Vielleicht nicht morgen. Aber eines Tages werden wir zurückblicken – auf diese Nacht, in der wir zum ersten Mal sahen, wie der Frieden nicht stirbt, sondern chirurgisch entfernt wird.