Zunächst Teil des osmanischen Reiches bis 1918, wurde Syrien nach dem ersten Weltkrieg Frankreich zugesprochen, das das Völkerbundmandat für Syrien und den Libanon erhalten hatte. Bassam Tibi, 1973 bis 2009 Professor für Internationale Beziehungen an der Georg-August-Universität Göttingen, beschreibt folglich richtig, dass Syriens Gegenwart ein Produkt der Kolonialzeit sei. Die teils mit dem Lineal in den Wüstensand gezogenen Ländergrenzen sind stumme Zeugen dieses imperialistischen Duktus der Entente Cordiale. Wäre Syrien ein Land ohne Erdöl – im Jahr 2020 beliefen sich die Erdöl-Reserven auf 2,5 Milliarden Barrel – würden wir uns weit weniger über dieses Land im Nahen Osten unterhalten müssen.
Doch auch seine strategische Lage macht Syrien insbesondere für Russland interessant. Als langjähriger Verbündeter betreiben die Russen den wichtigen Marinestützpunkt Tartus, der der Großmacht den direkten Zugang zum Mittelmeer gewährt, sowie auch die Luftwaffenbasis Hmeimim. Tartus diente Russland bis dato als Versorgungsstützpunkt der Schwarzmeerflotte. Gleichzeitig war Syrien ein wichtiger Abnehmer von russischen Waffen. Meldungen zufolge ließen die Russen dieser Tage alle Schiffe aus dem Hafen von Tartus auslaufen – aufgrund der angespannten Sicherheitslage. Auch das Gebiet um Latakia im äußersten Westen ist militärisch russisch dominiert. Satelliten-Aufnahmen bestätigen nicht nur, dass die russischen Truppen Tartus auf dem Wasserweg räumen, sondern sie sich auch auf dem Landweg zurückziehen.
Neben Russland ist der Iran, insbesondere die schiitische Hisbollah, ein wichtiger Verbündeter Syriens. Hisbollah-Kämpfer beteiligten sich regelmäßig an Militäroperationen, um die von den Rebellen besetzten Gebiete zurückzuerobern. Obendrein nutzt die Hisbollah Syrien als Nachschub-Linie für Waffenlieferungen des Iran in den Libanon.
Auch der Irak unterstütze Assad mit pro-iranischen Milizen. Dazu kommen die von den Volkverteidigungseinheiten der kurdischen YPG kontrollierten Gebiete in Nordsyrien. Die YPG entstand nach dem Rückzug der Assad-Truppen aus Nordsyrien, wo sie als „Fee Democratic Forces“ ein Gebiet der demokratischen Selbstverwaltung errichtete, das sogenannte „Westkurdistan“ (Rojava).
Auf der anderen Seite stehen die USA, Großbritannien, die Türkei und die Ukraine. Die Türkei bildete beispielsweise im nordwestlichen Grenzgebiet Syriens die Kämpfer der Nationalen Syrischen Armee aus. Mit der mittlerweile zerschlagenen Freien Syrischen Armee führte die Türkei invasive Militär-Operationen durch – darunter die „Operation Schutzschild Euphrat“ (2016) gegen den islamischen Staat und die „Operation Olivenzweig“ (2018) gegen das von Kurden besetzte Afrin in Syrien. Das war völkerrechtswidrig. Zielsetzung der SNA ist es, die kurdische YPG aus den Stellungen westlich des Eurphrat zu vertreiben. Dieses Vorhaben scheint vorerst geglückt.
Die Ukraine wiederum entsendete Spezialisten nach Syrien, um die Syrische Armee in Sachen Drohnen-Flug-Know-How zu unterstützen.

Dem gegenüber steht das „Komitee zur Befreiung der Levante“ (Haiʾat Tahrir asch-Scham, HTS). Hervorgegangen aus Al-Quaida und der al-Nusra-Front, wird die Dachorganisation aus verschiedenen islamistischen Milizen noch immer von vielen Experten als Terrororganisation eigestuft. Trotz allem unterstützen die USA und die Türkei die HTS massiv, wie mutmaßlich auch Saudi-Arabien und Katar. Kopf der HTS ist Abu Muhammad al-Dschaulani – der von 2012 bis 2016 Anführer der al-Nusra-Front war. Bis vor kurzem noch von den USA zum „Most Wanted Terrorist“ erklärt (Belohnung 10 Mio. US-Dollar), gab er 2015 an, dass er im Gegensatz zum IS keine Anschläge gegen den Westen plane. Im TV-Interview mit einem PBS-Reporter präsentierte er sich verhältnismäßig seriös. Es gibt nicht wenige Stimmen innerhalb US-amerikanischer Regierungskreise, die fordern, man müsse mit ihm zusammenarbeiten. Er genießt zurzeit in der syrischen Gesellschaft ein breites Maß an Sympathie.
Im November 2024 befahl er, vermutlich gedeckt von der Türkei, die Offensive gegen sie syrischen Regierungstruppen und konnte innerhalb weniger Tage Aleppo einnehmen, gefolgt von weiteren Städten des westlichen Küstenstreifens bis hinunter nach Damaskus. Nach eigenen Angaben stammt al-Dschaulani aus einem wohlhabenden Elternhaus. Dass die Offensive genau jetzt stattfand, hat mutmaßlich mit der geopolitischen Gemengelage in der Region zu tun – insbesondere mit der Schwächung der Assad-Verbündeten. Während der Führungs-Kader der Hisbollah durch Anschläge Israel zusehends ausgedünnt wurde, ist Russland in der Ukraine gebunden. Unbestätigten Meldungen zufolge hat Russland Assad bereits Asyl gewährt.
Neuesten Meldungen zufolge steht im Raum, ob der Iran Truppen nach Syrien entsenden wird.
Durch die starke Heterogenität der rivalisierenden Truppen einerseits und die Interessenlage der Großmächte andererseits wird Syrien kurzfristig wohl nicht befriedet werden können. Offene Fragen stehen im Raum: Was wird aus der Region Pejava? Billigt die Türkei hier ein von den Kurden beherrschtes Gebiet? Was geschieht mit den russischen Militärbasen im Falle der Machtübernahme durch die HTS? Wie geht das zukünftige Regime mit den Minderheiten, z. B. den Christen, um? Wird die Hisbollah zu einem Gegenschlag ausholen oder gar Russland erneut intervenieren? Auch Israel mischt mit und nahm unmittelbar nach dem Sturz Assads die Pufferzone der Golanhöhen – erobert 1967 – ein. International werden die Golanhöhen – mit Ausnahme von den USA – als besetztes syrisches Gebiet betrachtet. Von hier aus bezieht das Land einen großen Teil seines Trinkwassers.
Die Destabilisierung des Landes Syrien geht mit der Extension der sunnitischen Vormachtstellung in der arabischen Welt einher. Die Entwicklung des Landes Syrien als Demokratie „nach westlichem Vorbild“ ist illusorisch. Vielmehr scheinen die Optionen des Landes von einem „Failed State“ bis zu von westlichen Staaten gelenkten „Islamischen Republik“ zu reichen. Ein Blick nach Ägypten und nach Tunesien wirkt ernüchternd. Während in Kairo mit der Machtergreifung Abdel Fattah el-Sisis die Verzahnung von Militär und politischem System immer noch steht, drehte Tunesiens Präsident Kais Saied das Reformrad zurück.
Welche Rolle an dieser Stelle Abu Muhammad al-Dschaulani spielt, ist außerhalb von Geheimdienstkreisen noch ungewiss. Sicher ist jedoch schon jetzt, dass die USA ihren 800-Mann starken Militärstützpunkt „At Tamf“ am Grenzübergang von Damaskus und Bagdad im Südosten des Landes kaum aufgeben werden.
Infrastrukturell schwach und mit 22 Millionen Menschen bevölkerungsreich: Diese Kombination birgt enormen Zündstoff. Ohne den Einbezug komplexer Themenfelder, wie die Stellung der Türkei zu Syrien, wird die Syrienfrage sich zum neuen Gordischen-Knoten im mittleren Osten entwickeln. Ein Erstarken panarabischer Kräfte ist außerdem für Israel ein kaum zu akzeptierender Zustand. Gleiches gilt für den Libanon. Eben dieser panarabische Nationalismus wird aber von der HTS vorangetrieben.
Gleichzeitig wird die Türkei keinen Moment verstreichen lassen, die kurdische Enklave in Nordsyrien „zu befreien“. Aktuell werden kurdische Stellungen bereits durch die Türkei bombardiert. Eine weitere große Bodenoffensive der Türkei mit dem Ziel von Bodengewinnen ist ebenfalls zu befürchten. Obendrein leben zurzeit circa dreieinhalb Millionen syrische Flüchtlinge in der Türkei, die Erdogan nur allzu gerne wieder zurückschicken würde.
Syrien wird also von so gut wie von allen Seiten in den Würgegriff genommen und für individuelle Zwecke instrumentalisiert. Jedes der Nachbarländer handelt aus seiner Perspektive heraus, während im Hintergrund die USA, der Iran und Russland die Fäden ziehen. Die militärischen Kräfte teilen sich in vier Hauptfraktionen auf: Die von der Türkei unterstützten sunnitischen Rebellen im Nordwesten, die Kurden im Norden und Osten, die von Jordanien unterstützten Rebellen im Süden und die verbliebenen Loyalisten von Assads alawitischer Sekte im Westen.
Ein wesentlicher Pfeiler für einen möglichen syrischen Staat wird die Verständigung zwischen HTS und den kurdischen Kräften, den Syrian Democratic Forces, sein.
Ein Machtvakuum auf der einen Seite des Gefälles geht immer mit einem Machtzugewinn auf der anderen Seite einher. Momentan könnte al-Dschaulani das Rennen um die erste Position im „Staate“ machen. Ein Mann, der einst dem Top-Terroristen und Al-Quida-Führer Abū Musʿab az-Zarqāwī die Treue schwor.
Deutsche Politik muss deutsche Interessen wahren
Während die politische Linke den Niedergang des Assad-Regimes bejubelt, wäre ein weitaus realistischer Blick auf die Geschehnisse angebracht. Die Bilder von geplünderten Präsidenten-Palästen und fallenden Statuen kennen wir sowohl aus Libyen als auch dem Irak. Besser wurde dort nach dem westlich forcierten Sturz der „Diktatoren“ nichts.
Und dennoch: Auch wenn europäische Maßstäbe in Sachen Infrastruktur bei Syrien nicht angelegt werden können, muss der Bundesregierung rasch daran gelegen sein, den syrischen Migranten Anreize für eine Rückkehr in ihre Heimat zu schaffen. Laut UNHCR leben zurzeit rund 974.136 syrische Flüchtlinge in Deutschland. 321.444 davon wurden als Flüchtlinge nach der Genfer Konvention registriert, 329.242 erhielten einen subsidiären Schutzstatus – hatten also weder einen Flüchtlingsstatus noch eine Asylberechtigung. Syrer bilden die größte Gruppe von Neueingebürgerten in Deutschland. Laut FOCUS erhielten allein im Oktober 2023 insgesamt 605.054 erwerbsfähige Menschen aus den wichtigsten „Asylherkunftsländern“ wie Syrien, Afghanistan und dem Irak Bürgergeld. 2023 betrugen die flüchtlingsbedingten Ausgaben am Bundeshaushalt 27,6 Milliarden Euro – davon alleine 8 Milliarden Euro für Sozialtransferleistungen. Die Beschäftigungsquote der geflüchteten Syrer beträgt laut Berliner Morgenpost rund 51 Prozent.
Folglich müssen wir schon aus einem sozio-ökonomischen Aspekt heraus die Debatte über mögliche Abschiebungen realistisch führen dürfen – auch wenn dies in weiten Teilen der Linken als „unmoralisch“ gilt. Ich argumentiere dagegen: Auf die Einzelfallprüfung kommt es an! Unmoralisch unserem Volk gegenüber ist es, Menschen ungeprüft die soziale Hängematte aufzuspannen und vom sauerverdienten Geld deutscher Arbeitnehmer profitieren zu lassen. In der Türkei beispielsweise machten sich bereits viele Flüchtlinge auf den Heimweg. Diese Form der Remigration gilt es zu forcieren. Wenn in Deutschland und Österreich massenhaft Syrer den „Sturz des Regimes“ und die Entstehung eines neuen islamischen Staates begrüßen, gilt es festzuhalten: Ihr jungen Leute habt jetzt die Chance, daran mitzuwirken. Geht nach Syrien, wo ihr Möglichkeiten und Perspektiven habt.
In einem ersten Schritt müssen diese Maßnahmen selbstredend die subsidiär Schutzsuchenden betreffen – analog dazu alle Illegalen selbstverständlich. Dies muss ein erster Schritt zur Abschaffung der Pull-Faktoren sein. Während linke Kreise immer wieder das Lagebild in den Heimatländern relativieren – meist sind es staatsfinanzierte Journalisten, die die moralische Keule schwingen – darf das für eine flächendeckende Remigration kein Hindernis sein. Ersten weil Remigration soziologisch natürlich ist, zweitens weil sich geopolitische Gemengelagen verändern, drittens weil wir uns von jenen befreien müssen, die sich nicht assimilieren wollen und viertens weil wir dies unserem Land und seinen Steuerzahlern schuldig sind.


