Gefangen unterm Regenbogen

Wollte man eines der wichtigsten Wesensmerkmale der Gegenwart, vielleicht der letzten zehn Jahre, beschreiben, so müsste man ganz zweifellos den Einzug einer neuen sexuellen Beliebigkeit anführen. Diese Beliebigkeit ist beim ersten Hinsehen keine politische, sondern stets eine apolitisch-hedonistische, indem sie sich in erster Linie um die An- und Aberkennung von Wesensmerkmalen, von individuellen Qualitäten, genauer um die subjektiv wahrgenommene Geschlechtsidentität dreht. Indem die subjektiv wahrgenommenen Formen dessen, was wir als „Gender“ bezeichnen, nun in den Fokus des gesellschaftlichen Diskurses rücken, wird eine über Jahrtausende tradierte, unverrückbare Konstante verhandelbar und somit eine Frage neu gestellt: jene des Geschlechts. Indem sie sich sozusagen in der Lebenswirklichkeit der Gesamtheit neu formuliert, rückt diese Frage jedoch heraus aus dem Feld des Apolitischen und reicht hinein in die Sphäre des politischen Raumes, was sie wiederum als Gegenstand instrumentalisierbar macht.

Erwachsen aus einem tief wahrgenommenen Unrecht in den 1960 und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, zog sie ihre Dynamik eben aus diesem Unrecht einer geringen Teilgruppe bzw. einer Randgruppe der Gesellschaft, nämlich die der Homosexuellen.

Nehmen wir jedoch die heutige Gegenstandsbestimmung der sogenannten „LGBTIQ-Bewegung“ ernst, so leitet sich daraus eine gesamtgesellschaftliche Neukonzeption ab, die zu tiefgreifenden Verwerfungen führen könnte. So fordern Teile dieser Gruppen nichts Geringeres als die Frühsexualisierung von Kindern und die Legalisierung von immensen medizinischen Eingriffen zur Geschlechtsangleichung, teils noch während der kindlichen bzw. jugendlichen Entwicklung.

Dies mag von Teilen der politischen Klasse sogar gewollt sein, da das eben jener neuen Form der Beliebigkeit, der Unverbindlichkeit entspricht, wie sie weiter oben schon erwähnt wurde. Gleichzeitig ist eben diese Neuauslegung der sogenannten persönlichen Freiheit, die als sexuelle Selbstverwirklichung geframt wird, zutiefst autoritär. Denn indem der Staat die sexuellen Bestrebungen von Randgruppen ins Zentrum jeder gesellschaftlichen Debatte stellt, und sie via NGOs steuert, determiniert er gleichzeitig deren Fort- und eventuell sogar deren diskursiven Ausgang.

Das Echo, das das Thema medial und gesellschaftlich erfährt, ist umso erstaunlicher, wenn man sich die tatsächlich zur Rede stehenden Gesamtrelationen betrachtet. So geht die Deutsche Gesellschaft für Tansidentität und Intersexualität von einem Anteil der Transsexuellen an der Gesamtbevölkerung von 0,6 Prozent aus, 11 Prozent beträgt der LGBT-Anteil in Deutschland. Auffällig ist, dass sich mehr als jeder Fünfte der „Generation Z“ (also ab Jahrgang 1997+) als „LGBT+“ identifiziert, während der Anteil der „Generation X“ (1965 bis 1980) bei zehn Prozent lag.  Doch selbst die 11 Prozent begründen die Allgegenwart dieses Themas meiner Meinung nach nicht.  

Gleichzeitig könnte man meinen, dass eine solche stets hedonistische Neuverhandlung der tradierten Sexual- und Rollendefinitionen auch eine gewollte bzw. gewünschte Ablenkung der Herrschenden ist, um einen echten gesellschaftlichen Diskurs, beispielsweise die durch die Klimapolitik der Bundesregierung massive Umverteilung von Kapital von unten nach oben oder die massiven Rüstungsausgaben und die Masseneinwanderung im Keime zu ersticken.

Die „LGBTIQ-Debatte“ zeigt ebenso eindrucksvoll, wie stark ein apolitisches Thema als politisches Sujet aufgeladen wird und letztlich von den tieferen Ungerechtigkeiten abzulenken vermag. Der Mensch als Gefangener seines hedonistischen Selbst jedoch vermag dies nicht zu erkennen, und formiert sich „treudoof“ unter der wehenden Regenbogenflagge, die sinnentleert und stumm im Winde weht. Auch Großkonzerne haben das Potential dieser Regenbogenflagge erkannt, geben sich vermeintlich unter ihrem Schirm tolerant und weltoffen, sind aber genauso beliebig und ungerecht wie zuvor.

Tolerant ist nach dem neuen Narrativ jener, der die Sexualität als Möglichkeiten-Fundus der Wahlfreiheit und der Unverbindlichkeit begreift, der sich eben nicht bereit ist festzulegen, der Geschlechtsidentität ausschließlich als soziales Konstrukt begreift, offen für alles und jeden. Was jedoch als Freiheit daherkommt, ist in Wahrheit die Nutzbarmachung der Sexualität, ihre Materialisierung eines hehren Zieles wegen, liegt doch am Ende dieses Prozesses die endgültige Entzauberung des metaphysischen Moments der Liebe.

Noch nie ließ es sich billiger apolitisch politisch sein, als sich im Facebook-Profil den Regenbogen anzuheften, noch nie war es einfacher, für etwas einzutreten, das echte gesellschaftliche Veränderung weder bedingt, noch sie ausmacht oder gar wirklich nötig wäre.

Der Regenbogen ist doch letztlich ein Symbol des „Alles kann, nichts muss“, verkörpert eine Swinger-Mentalität, die einhergeht mit einem flachen konstruktivistischen Gedanken, nämlich dem, dass ich sein kann, wer ich will.

Aber dieses Sein sagt nichts aus über eine „kritische Vernunft“ und hat auch keinen sozial-revolutionären Charakter, dreht sich nur um sich selbst. Obendrein reicht die Toleranz der Regenbogen-Heere nur so weit, bis das Ende des Regenbogens erreicht ist. Jener, der von zwei Geschlechtern und von traditionellen familiären Werten träumt, hat es schwer, in jenen Tagen. Oder doch nicht?

Denn Minderheiten sind Minderheiten, ganz gleich, wie sehr das mediale Geschmeiß uns glauben machen möchte, die gesellschaftliche Realität sei mittlerweile eine andere. Ginge es jenen Hofberichterstattern um Minderheitenrechte, meinetwegen. Aber es geht um mehr. Es geht um die Entmündigung der Mehrheit, um das Postulat einer gesellschaftlichen Toleranz, die in Wahrheit keine ist. Es geht um die Dekonstruktion der Sprache, um vom Wesentlichen, ihren Inhalten, abzulenken. Es geht um die Dekonstruktion von Identität, um uns die Unterordnung zu erleichtern und Machstrukturen zu etablieren.

Und genau gegen jene Dekonstruktion müssen wir uns wehren. Wir müssen uns wehren gegen die einseitige Politisierung des öffentlichen Raumes, der mehr ist als die Bühne zur öffentliche Zur-Schau-Stellung sexueller Präferenzen, z. B. in Paraden. Wir müssen uns mit mehr beschäftigen als mit der Frage, wie viele Geschlechter ich nun auf meinem Pass auswählen kann oder nicht. Denn die Frage nach dem Geschlecht ist eben nicht verhandelbar. Aber darum geht es jenen, die die LQBTIQ-Debatte wieder und wieder anheizen auch nicht.

Denn das LGBTIQ-Narrativ dient nicht den Menschen, die diskriminiert wurden und werden. Viele in der Community haben die Instrumentalisierung durch die Herrschenden, und die Anreicherung des Themas mit machtstrukturellen Inhalten längst erkannt und wenden sich dagegen. Allein schon das zeigt, dass jene, die dieses Narrativ propagieren, sich zu den Knechten der Herrschenden machen oder eben ein Teil der herrschenden Klasse sind.

Es ist die Beliebigkeit, die die Regenbogenfahne so auslegbar, und so multipel verwendbar macht, als dankbares Erfüllungssymbol einer vermeintlich besseren Welt. Sammelten sich einst unter ihr die stets unterdrückten Schwulen und Lesben, ist sie heute inhaltsentleert auf der einen, und Sublimations-Gefäß auf der anderen Seite – und zwar für einen neuen Gesellschaftstypus in Gänze. Einen Gesellschaftstypus, der die Rechte von Minderheiten vermeintlich vertritt, aber die Bedürfnisse der Mehrheit nicht sehen will. Das inhaltentleerte Symbol ist also eine Projektionsfläche für jegliche „Ismen“ und bietet seinen Anhängern ein nach außen tragbares Zeichen der Wiederkennung.  Doch sind die mit dem Zeichen projizierten Werte so bedeutungslos oberflächlich, wie das Regenbogenzeichen selbst, indem es sich nämlich multipel-verwenden lässt, steht es für nichts, bleibt wage und uneins. Es geht, so viel mag der investigative Geist noch konstatieren, um irgendwas mit Humanismus. Irgendwas mit Feminismus. Irgendwas mit Minderheiten. So lange nur der Regenbogen drauf zu sehen ist, mag es schon recht sein.

Doch die Bekenntnis zum Regenbogen ist weder Fisch, noch Fleisch, ist überhaupt keine Bekenntnis, sondern ein programmatischer Offenbarungseid, wie ihn einst die großen Systemparteien leisteten, indem sie sich in der sogenannten politischen Mitte verorteten und damit vom Wähler nicht mehr verortet werden konnten. Die Regenbogenflagge verkam zum Symbol des Mitschwimmens auf einem Kurs, der den sogenannten politischen Eliten nutzt und kapitalistische Strukturen weitestgehend als gegeben hinnimmt. Er fokussiert Beziehungen auf der zwischenmenschlichen Ebene, ohne das große Ganze zu betrachten.

Mehr noch verklärt eben jene Perspektive, die letzte anthroposophische Konstante, nämlich das menschliche Geschlecht, zu einem sozialen Konstrukt, das frei wählbar ist. Obendrein verklärt diese Sichtweise den Menschen zu einem leidenden Subjekt, der in seinem eigenen Körper tendenziell gefangen, und nicht glücklich ist. Das mag bei einer Minderheit stimmen, aber diese Annahme als ein objektives Faktum in den Sozialisations- und Erziehungsprozess einfließen zu lassen, ist eine quasi totalitäre Forderung, aufgestellt im Namen des neuen vermeintlichen Humanismus, der in Wahrheit ein Posthumanismus ist.

Denn hinter der Negation von Geschlecht und Alter steckt in Wahrheit das tiefe Verneinen des Menschseins selbst. Die Aufweichung der biologischen Konstanten, das Anführen der absoluten Beliebigkeit in Sachen Geschlecht, Alter und Co werden zwangsläufig zu einer Entwurzelung vieler Menschen führen, physisch, politisch und gesellschaftlich. Denn wer die Loslösung des Menschen von seiner Geschlechtlichkeit fordert, beraubt ihn damit auch einer natürlichen Individualität und schenkt ihm letztlich keine Freiheit, sondern reduziert den Menschen selbst auf ein bestimmtes sehr biologistisches Weltbild, das die Geschlechtlichkeit als ubiquitäres Merkmal der Gruppenzugehörigkeit heranzieht. Damit begibt sich dieses Konzept selbst, ohne es zu wollen, auf einen alten Pfad, den die Feministinnen schon in den 1960er Jahre glaubten, überwunden zu haben. Das Konzept ist somit nichts als ein evolutionärer Rückschritt, da es den Einzelnen auf seine sexuelle Disposition reduziert, ohne sein „Sein“ (sensu Descartes) zu fokussieren.

Wir müssen das Phänomen der Regenbogenflagge – und damit sicherlich auch die queere Diskussion – als im Kern autoritär begreifen, denn die sexuelle Erfüllung des einzelnen ist hier sekundär. Die Queere-Lehre ist eine Denkfabrik, die eine neue Gesellschaft der Beliebigkeit formt. Ihr Geltungsanspruch ist absolut, und macht sie damit mehr als nur bedenklich.

Denn dort, wo sich Jugendliche nur an diesem neuen Leitbild orientieren, und es eventuell als en vogue betrachten, an ihrem Körper eine Geschlechtsanpassung vornehmen zu lassen, wird dies zu irreversiblen Schäden führen. Statistiken lassen auf eine deutliche Zunahme der Geschlechtsanpassungen in Deutschland schließen, was von Regierungsseite und staatlichen Stellen mit einer neu errungenen sexuellen Freiheit verklärt wird. In Wahrheit ist dies eine tragische Spielart des Zeitgeistes, die viele von den operierten Jugendlichen später bereuen werden. Der erste Queere-Kindergarten in Berlin hat übrigens schon eröffnet. Vor kurzem fand in der Münchener Stadtbibliothek eine Lesung für Kinder (!) mit Drag-King Eric BigClit (!) und Drag-Queen Vicky Voyage statt …

von Andreas Altmeyer
Quelle: http://www.kita.nrw.de/queer-der-kita