Mälzer und Co. – Fernsehköchen auf die Finger geschaut

Der Hype der Kochshows scheint noch immer ungebrochen. Was finden nur so viele Menschen daran, den verschiedenen Herdakrobaten bei der Zubereitung ihrer Speisen zuzusehen? Einer im Auftrag des Fernsehsenders VOX schon im Jahre 2007 durchgeführten Studie entnehme ich, dass damals immerhin mehr als jeder zweite Deutsche dem fröhlichen Treiben in den Studioküchen zusah. Von denen, die sich da am Bildschirm Anregungen holten, kochten immerhin 69 Prozent gar täglich. 72 Prozent derer, die mehr als 3mal wöchentlich in eine Kochsendung zappten, probierten regelmäßig neue Rezepte aus.

Interessant scheint mir der im Jahre 2007 noch äußerst mittelmäßige Bekanntheitsgrad eines Horst Lichter: Mit 19 Prozent kannte den damals nämlich gerade mal nur jeder fünfte Deutsche – das dürfte sich mittlerweile wohl geändert haben. Was ist es nun, was die Attraktivität der Kochshows ausmacht? Wenn wir in der jüngeren Fernsehgeschichte wühlen, lässt sich der Trend vom Solo-Cooking eines meist mit Sternen dekorierten Patrons à la Witzigmann hin zum gemeinsamen Kollektiv-Erlebnis mit Show-Faktor und ganzer Koch-Armada erkennen.

Kennen Sie beispielsweise noch die Sendung „Essen wie Gott in Frankreich“ mit Eckart Witzigmann? Deren größtes Manko bestand darin, dass man – wollte man das, was da gekocht wurde selber nachkochen – die in der Sendung präsentierten durchaus vorzüglichen Rezepte möglichst schnell auf einen Block abkrizzeln musste, denn sie wurden nur relativ kurz eingeblendet. Bedenken Sie: Das Internet war noch unbekannt und einen frankierten Rückumschlag an die Sendeanstalt schicken? Das Geld wollte man sich sparen… Eckart Witzigmann steht als „Koch des Jahrhunderts“ ohnehin über den Dingen.

Nachdem der Gault Millau ihm diesen Titel zuteil werden ließ, fand er sich fraglos wieder in einer Reihe mit den größten Köchen dieser Welt. Vor ihm hatten diesen Adelsschlag übrigens nur Paul Bocuse, Joel Robouchon und Fredi Girardet erhalten. 1979 wurde Witzigmanns legendäres Münchener Lokal „Aubergine“ als erstes Restaurant in Deutschland mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet. Nun aber zurück in die Welt des TVs.

Alfred Biolek reformierte das Fernsehkochen als solches, indem er aus dem formals singulären Erlebnis ein duales werden ließ: Weit weg vom Normalzuseher war man freilich noch immer, denn wer da mitkochen durfte, der war prominent oder man hielt ihn dafür. Die wichtigste Erkenntnis dieser Sendung war die, dass zum Kochen auch der richtige Küchenwein gehört. Ich frage mich ernsthaft, ob dieses Wort mittlerweile schon im Duden aufgenommen wurde. Biolek rückte also langsam, aber sicher, ab von der gediegenen Seriosität der großen Meister und fokusierte, statt Kochhandwerk, in seiner Sendung auf die Konversation mit und um den Gast.

Schließlich nahmen sich auch die privaten Sender dem Thema Kochen an und das, was dem geneigten Fernsehzuschauer zunächst vorzugsweise nachmittags serviert wurde, kam noch mal mit jüngeren Gesichtern daher: Ralf Zacherl, Tim Mälzer und der Brite Jamie Oliver brachten frischen Wind in verstaubte Küchen und erschlossen den privaten Medienkonzernen längst verlorenen geglaubte neue, junge Zielgruppen. Credo: Mit einfachen Mitteln, Leckeres kochen.

Das fand Anklang – auch bei den mikrowellen-geschädigten Geschmacksknospen der damaligen Twens – und Kochen als solches wurde langsam trendy. Scheinbar sensibilisierte diese junge Kochschule mit ihren coolen Lehrenden die Menschen wieder für eine kulinarische Lust am Genießen, was nicht zuletzt auch einem gut inszinierten Auftritt zu schulden ist. Die alte Kochmütze – vormals Statussymbol ganzer Koch- und Köchinnen-Generationen – hatte ausgedient und es folgte das Bruzzeln in nett anzusehenden Klamotten.

Die Küchenmeister sind mittlerweile aber auch zu echten Restaurant-Managern und gar Marketing-Experten geworden, die dann kommen, wenn die Hütte und die Kasse leer bleiben. Das Mantra „Frisch-Ist-Besser-Als-Konserve“ beten sie allesamt vor sich her und dass die Dunstabzugshaube einer Großküche mal sauber gemacht werden muss, das habe auch ich verstanden. Es drängt sich die Frage auf, was denn die unzähligen Restaurantbetreiber gemacht haben, als es noch keine gut bezahlten Task-Force-Einheiten für Kochanfänger oder Nichtkönner gab…

Ich persönlich denke, wir finden in den verschiedenen Sendeformaten rund ums Thema Kochen eine gewisse appolaustische Ablenkung von den Wesentlichen Dingen des Lebens. Unsere Augen erblicken auf dem Bildschirm das, was wir eigentlich gerne essen würden, aber vor uns steht noch immer meist die Tiefkühlpizza – bei 12 Minuten auf 220 Grad erwärmt.

Mit der medialen Aufbereitung des Phänomens Kochen findet auf mehreren Ebenen dessen gleichzeitige Trivialisierung statt, die sich einerseits auf die immer einfacheren Gerichte, und andererseits in der Pseudo-Witzelei der TV-Köche am Herd zeigt.

Wohlgemekt: Mit Sterneküche hat das, was da gezeigt wird, selten etwas zu tun. Kochshows rangieren in ihrer intellektuellen Anspruchslosigkeit gleich hinter dem Sommerfest der Volksmusik. Ungern erinnere ich mich da an die krampfhaft-humoristischen Einlagen eines Herrn Lichter, der sich mit Johann Lafer verbale Pseudo-Gefechte lieferte – banal, dümmlich, vorurteilsbelastet. Jedoch: Das Studiopublikum grölte vor Lachen und ich dachte unweigerlich an das römische Credo panem et circenses, Brot und Spiele, das wohl noch immer Gültigkeit besitzt…

Vielleicht, ja vielleicht, sind diese Sendungen auch deshalb für den Durchschnittsbürger so wichtig, um damit zurecht zu kommen und zu kompensieren, dass er den Eingang in echte Gourmet-Tempel à la Wohlfahrt oder Bourgueils selten oder wohmöglich nie finden wird – alleine schon des dafür benötigten finanziellen Polsters wegen. Merklich nimmt auch die echte Sterneküche fühlbare Distanz zu dem ein, was den Massen da via die verschiedenen Kochanimateure serviert wird. Man bleibt unter sich, schweigt und widmet sich dem, was Kochen wirklich ausmacht: Der Leidenschaft für die Sache selbst.

Autor: Andreas Altmeyer

Autor, Werbetexter, Gegen-den-Strom-Schwimmer

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