Working poor im Wachgewerbe

ch bin seit seit langer Zeit schon Gewerkschafts-Mitglied. Soweit so gut. Allerdings habe ich nie ganz verstanden, dass gewisse Problem-Gruppen von dieser keinerlei Beachtung finden. Nehmen wir das große Feld der Sicherheitsdienst-Branche, das von Bsirske und Co. aus irgendwelchen unverfindlichen Gründen quasi in verhandlungspolitisches Niemandsland gerückt wurde. Hier waren die Positionen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern seit Jahren schon fest gefahren. Ergo: Die Beschäftigten erhielten seit Jahrzehnten den gleichen, niedrigen Stundenlohn, während die Lebenshaltungskosten exponentiell stiegen. Existentielle Nöte und die Angst vor Entlassungen prägen und prägten deren Lebenswelten, denn nicht selten arbeiten die Wachunternehmen über Jahre hinweg mit Zeitverträgen, die bei Bedarf verlängert oder beendet werden. Die meiste ihrer Lebensszeit verbringen die Wach-Sklaven übrigens auf der Arbeit: 12-Stunden-Dienste sind die Regel, tagaus, tagein. Deren Sozial- und Privatleben verdorren zu einem Beiwerk – Scheidungen, Schulden und Alkoholismus zeugen nicht selten davon. So wird die Arbeit zu einem Hamsterrad, aus dem es kaum Fluchtwege gibt: Immer weg von zu Hause und doch nur knapp oberhalb der Armutsgrenze.

Im gesellschaftlichen Bewusstsein ist nun die Arbeit derer, die uns da schützen und nachts auf die so geschätzten, wertvollen Besitztümer ein Auge werfen nicht wirklich hoch angesehen. Doch was es heißt, 12 Stunden lang regelmäßig wach zu sein und nachts seine Arbeit zu tun, dass sollte jeder im Selbstversuch erfahren.

Grundsätzlich empfinde ich es als einen Hohn, dass Menschen bei einem Stundenlohn von (im Saarland seit dem 1. Juli) 6,53 € (!) ihr Dasein mit teilweise mehr als 240 (!) Arbeitsstunden pro Monat fristen müssen, damit dann überhaupt noch was über bleibt. Hier vermisse ich das dauerhafte, gewerkschaftliche Engagement sehr und würde mir auch solidarische Bekundungen anderer Beschäftigungszweige wünschen. Nun gab es immerhin eine Lohnerhöhung. Als Erfolg kann sich VERDI das Ergebnis der Lohnverhandlungen dieses Jahres aber wohl wirklich nicht an die Fahne heften, denn diese waren dringend notwendig und kamen für viele verschuldete Beschäftigten zu spät.

Immerhin: Die Sätze steigen in allen Bundesländern in zwei Stufen zum 1. März 2012 und zum 1. Januar 2013 auf 7,50 Euro bis 8,90 Euro an. Doch die Crux folgt auf den Fuße: Viele Auftragsgeber haben bereits Entlassungen bei ihren Wachmannschaften angekündigt. Solidarität tut also Not!

Autor: Andreas Altmeyer

Autor, Werbetexter, Gegen-den-Strom-Schwimmer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s