Leeres Treibgut auf dem Ozean der Sprache

Manchmal kommt es mir schon ein wenig seltsam vor, wenn solche Begriffe wie Beziehungs- und Bindungsunfähigkeit in unserer postmodernen Gesellschaft immer wieder Verwendung finden. Sie werden meist von jenen in den Mund genommen, die sich selbst für Experten in eben diesen Beziehungen halten.  Wer kann’s ihnen verdenken: Die sogenannten Fachleute haben oft ein jahrelanges Studium auf dem Buckel und können sich en gros mit diversen Veröffentlichungen in namhaften Verlagen wie Suhrkamp, Rohwolt und Co. rühmen. Was ich nicht ganz verstehe – aber vielleicht bin ich damit ja alleine und jeder andere versteht es, außer mir eben – ist, warum solche Begrifflichkeiten gerade heute, in unserer Zeit, von enormer Popularität sind. Sie werden erdacht und finden mit der sprachlichen Verwendung schließlich Eingang in unsere gesellschaftliche Realität, ganz im Sinne von PEIRCE, der mit seiner Sprechakttheorie genau beschrieb, wie aus sprachlichen Äußerungen Handlungen erwachsen:

„Unterscheiden wir zwischen dem Satz [proposition] und der Aussage [assertion] jenes Satzes. Wir gestehen gerne zu, daß der Satz bloß ein Bild mit einem Etikett oder einem Zeiger ist, der ihm beigegeben ist. Aber jenen Satz aussagen, heißt, für ihn die Verantwortung zu übernehmen.“*

Also gut – jetzt muss also schon der alte PEIRCE herhalten, werden Sie denken. Wann fängt er wohl mit WITTGENSTEIN an, der immerhin auch noch sowas ganz und gar Universelles gesagt hat wie „Worte sind Taten.“ Nein, Sie haben mich überzeugt. Ich möchte mich heute nicht zu weit hinaus auf das unruhige Meer der Sprache begeben, das von Urzeiten her eine der interessantesten archäologischen Grabungsstätten und gleichzeitig ein immanentes Zeugnis der menschlichen Entwicklung ist – mal sanft wiegend, mal wild tosend, aber stetig in Veränderung begriffen. Und genau solche linguistischen Schablonen wie die beiden oben genannten sind es, die von Zeit zu Zeit in einer unruhigen Wellenbewegung von der Tiefe des Meeresgrundes hinauf an die Oberfläche der Welt treiben, um sich in einer salzigen Gischt auf einer weißen Schaumkrone, an der Spitze des Wellenkammes, Gehör zu verschaffen.

Nun stehen also da unsere beiden Freunde – die Beziehungs- und Bindungsunfähigkeit. Glauben Sie mir, ich möchte nicht leugnen, dass es Menschen gibt, die zeitlebens alleine sein wollen, Dickens oder Frisch lesen und sich den lieben langen Tag ihres Lebens freuen.

Aber da geht es doch schon los. In der Etikettierung der Biografie, nicht wahr? Mit ein paar Monaten wird man getauft, mit achtzehn haste ’nen Führerschein und dann – na ja – jeder Topf findet seinen Deckel, Gleich und Gleich gesellt sich gern – Sie wissen, was ich meine: Alles soll noch immer in den ruhigen Hafen der Ehe oder zumindest in eine Form des gesellschaftlich akzeptierten, dyadischen Zusammenlebens münden. Und vielleicht gibt es ja auch einige, die sich damit wohlfühlen. Die eben nicht Dickens lesen wollen, zumindest nicht regelmäßig. Worauf ich hinaus will ist Folgendes: Erst durch die Schaffung solcher Worte wie Beziehungsunfähigkeit und durch deren verwahrloste semantische Hinterhöfe wird manifest, dass die Beziehungsfähigkeit als solche etwas Erstrebenswertes ist.

Und vielleicht liegt ja die hohe Scheidungsrate unserer Generationen darin begründet, dass wir einfach ein gutes Stück egoistischer geworden sind – und zwar weil wir es uns einfach leisten können. Weil es uns eben eigentlich verdammt gut geht und wir die Wahl haben. Das ist doch eigentlich wirklich mal was Neues. Wir haben die Wahl, sind nicht existentiell an unseren Partner gebunden und erwarten daher in einer Beziehung nichts als Glückseligkeit – die natürlich längerfristig immer enttäuscht wird. Ach ja,wer hätte das gedacht…

Wissen Sie, und weil das so ist, verstehe ich nicht, warum uns immer wieder eingeredet wird, dass unsere Generation, die wir uns doch auf einen weitaus freundlicheren Sprachozean als die Kriegsgeneration zuvor begaben, beziehungsunfähig sein soll. Wir sind lediglich wählerischer, liberaler und können es uns das erste Mal in der Menschheitsgeschichte leisten, unser Gegenüber wieder auf das offene Meer hinaustreiben zu lassen, wenn sich die Wogen der Verliebtheit wieder geglättet haben. War es früher der Hafen der Ehe, der eine gewisse Konstanz bot, so ist die einzige Konstanz in heutigen Beziehungen deren permanenter Bezug auf Mehrwert, den beide Partner aus dem asymetrischen Zusammentreffen schöpfen. Das sage ich ganz ohne Häme.

Obendrein beschreibt das angeführte Wortpaar doch letztendlich keinerlei Ursache, sondern lediglich ein Symptom, das es vielleicht noch nicht einmal gibt. Wer weiß das schon. Das Meer der Sprache ist eben unergründlich und tief, so tief. Beziehungsunfähig und bindungsunfähig – diese beiden Archetypen der Bedeutungslosigkeit reihen sich in solch einzigartige sprachliche Untiefen ein wie ADHS, Borderline, Burn-Out, Wirtschaftsbeschleunigungsgesetz, Casting-Show oder Mario Barth – und verdeutlichen, wenn sie überhaupt etwas verdeutlichen, nur eins: die zunehmende Verflachung und die Trivialisierung emotionaler Bedeutungsinhalte zugunsten allgemein verständlicher, leerer Begriffsschablonen, mit denen ein Großteil der Bevölkerung wohl einfach gut umgehen kann.

Sollten Sie also irgendwann auf den tiefblauen Ozean der Sprache hinaussegeln und die leichte Brise auf Ihrer Haut spüren, lassen Sie sich nicht vom goldgelben Sonnenlicht blenden, dessen glitzernde Farbenspiele auf dem wiegenden Gewand der See freudig tanzen. Es wechselt rasch, das Wetter weit draußen – und aus den lächelnden Wolkenstreifen am Horizont werden urplötzlich dunkle Vorboten meterhoher Wellenberge, die sich bedrohlich aufbäumen und vergessene, damönisch grinsende Sprachgebilde vom Meeresgrund emporschleudern …

* Martens, E., Einleitung zu ders. (Hrsg.): Pragmatismus. Ausgewählte Texte von Ch. S. Peirce, W. James, F. C. S. Schiller, J. Dewey, Reclam, Stuttgart 1975.

Autor: Andreas Altmeyer

Autor, Werbetexter, Gegen-den-Strom-Schwimmer

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