Götz Kubitschek, Identitäre-Bewegung vs. Linksextremismus

Nein, ich bin nicht so sehr für die Einteilung gesellschaftlicher Ansichten in die idealtypischen Bilder von rechts und links. Dennoch sollte man sich, will man ein möglichst konsistentes Gesellschaftsbild erhalten und sich damit eine „Meinung von etwas“ bilden können, vor allem mit den Außenrändern politischer Doktrin beschäftigen. Und ja: Das gilt für beide Seiten der Medaille, für rechts und links. Um möglichen Nörglern den Wind aus den Segeln zu nehmen: Ich verabscheue Gewalt, ob sie nun vom schwarzen Block ausgeübt wird, der gegen die Gesellschaft wettert, sich aber gleichzeitig in deren warmem Schoß wohlfühlt, oder ob sie nun von rechts kommt. Die „Ismen“, die ideologischen Konzeptionen, bedienen sich in ihren Methoden oft der gleichen rhetorischen Mittel, allein es unterscheiden sie die Motive und letztlich ihre Schlussfolgerungen. Gemein ist ihnen allerdings auch eines: Sie wollen durch Etikettierung und Ausgrenzung spalten. Und ich finde: Diese Spaltung, diese Ausgrenzung und letztlich diesen Dekonstruktivismus können wir nicht brauchen.

Das führt mich gleich zu einer Gallionsfigur der sogenannten „Neuen Rechten“, Götz Kubitschek. Ja, ich würde lügen, würde ich sagen, dass ich die Art, wie dieser Vordenker der nach rechts gerückten AfD, dieser Ziehvater der Identitären, sich verkauft, nicht interessant finde. Und das sage ich jetzt erst einmal ganz unvoreingenommen. Dabei arbeitet Kubitschek jedoch genau mit den dem Extremismus eigenen Stilmitteln, was für Leser und Zuhörer oft nicht gleich zu erkennen ist. Simplifikation und dazu noch ein pseudo-akademischer Theorie-Flickenteppich, auf dem Kubitschek mal auf Arnold Gehlen, mal auf Rousseau Bezug nimmt, verleihen ihm, der sich zweifelsohne mehr oder weniger mit den großen Denkern beschäftigt hat, eine fast schon „messianische“ Aura. Zumindest bei seinen Zuhörern. Denn das wirklich Gefährliche an Kubitschek ist der herb-nationalistische Geschichtsrevisionismus, in dessen Sog er die Menschen zieht. Mit einer Mischung aus berechtigter Kapitalismus-Kritik und den daraus gezogenen falschen Schlussfolgerungen mixt er Begriffe wie „die Autonomie des Subjekts“ zu einem unappetitlichen Cocktail, dessen Ziel es ist, an althergebrachtem, rückwärtsgerichtetem und völkischem Gedankengut anzuknüpfen, um die Ich-Schwäche des staunenden Subjekts in einem nationalistischen Wir zu kompensieren.

Kubitschek charakterisiert den Menschen der Postmoderne als getriebenen Individualisten, der durch Konsum und nicht oder kaum vorhandene Existenzängste zum konformistischen Selfiestick-Halter geworden ist. Nun: Auch darin hat er nicht ganz Unrecht. Allerdings münden diese Sichtweisen bei Kubitschek in ein isolationistisches Gesellschaftsbild, das die Synergien moderner Gesellschaften nicht wahrnimmt und mit einem kollektovierenden National-Pathos betäubt.

Das Theoriegebilde Kubitscheks fußt folglich auf der Annahme, dass Deutschland den Deutschen gehöre, dass sich seit 2014-15 ein radikaler Umbruch vollziehe, und dass es ordentlich „Dampf auf den Kessel“ geben müsse, damit es zu einem echten Bruch in Form einer Revolution kommen kann. In den Worten Kubitscheks ausgedrückt heißt das „Die Wunde muss ausgebrannt werden“. Soweit so gut bzw. so schlecht. Auch das meine ich nicht ironisch, denn darin unterscheidet sich Kubitschek bis auf seine national-motivierten Handlungsmaximen keineswegs von einem Kapitalismus-kritischen Hardcore-Marxisten.

Etwas ausgeprägter als bei den Linken hingegen ist seine Tendenz, die für ihn nicht vorhandene Meinungspluralität anzuprangern, den fehlenden Willen, sich mit ihm und seinen Inhalten auseinanderzusetzen. Nun mag auch das teilweise stimmen. Denn nur weil Inhalte unliebsam sind, muss sie eine demokratische Gesellschaft aushalten – sollte man meinen. Hier sei angemerkt, dass Kanäle wie RT-Deutsch Herrn Kubitschek ein Forum boten und ja: Das dürfen und sollen sie auch. Denn nur wenn wir uns mit den Gedankengebilden beschäftigen, die im vorpolitischen Raum entwickelt werden, wird es uns möglich sein, die aufkeimenden „rechten Tendenzen“ bzw. extremistischen Tendenzrn zu erklären, anstatt ihnen fassungslos gegenüberzustehen. Dogmen sind kein Gift, gegen dessen Aufnahme sich unser Immun-System nicht wehren kann. Wir müssen uns mit ihnen beschäftigen, müssen einen entlarvenden Diskurs führen und eine systematische Analyse der falschen Schlussfolgerungen des rechtsextremen (und linksextremen Gedankengutes) vornehmen. Hier einige Thesen, die diese Theoriegebilde charakterisieren sollen:

1. Wir gegen die Anderen
Extremisten etikettieren Gruppen und stellen sich selbst als die „Besseren“ dar.

2. Die Anderen
Extremisten arbeiten mit Stereotypen. So ist z. B. im rechten Milieu die Rede von „den Migranten“, bei den linken von „den Bullenschweinen“. Vernachlässigt wird dabei jedoch, dass hinter jedem Menschen ein Schicksal steckt, dass er ob seines Menschseins nicht benachteiligt werden darf, ganz nach dem Motto „Die Menschenwürde ist unantastbar“.

3. Wir sind die Opfer
Die besondere Dialektik dieser Position wird bei den Rechten deutlich. Einerseits prangern sie an, in einem System nicht gehört zu werden. Andererseits sehen sie es als ihre Aufgabe an, dieses System schnellstmöglich abzuschaffen.

4. Feind- statt Freundbilder
„Wir befinden uns im Krieg.“ Diese Aussage hört man bei Extremisten öfter. Die Annahme, die anderen seien die „Feinde“, eröffnet sprachlich (und handlungspraktisch) einen martialischen Horizont, der letztlich in den Augen der Extremisten Gewalt als Mittel der Wahl legitimiert.

5. Simplifikation
In einer zunehmend vernetzten Welt ist es leicht, alle vorhandenen Energien auf eine Gruppe zu projizieren. Das macht vieles „einfacher“.

6. Wahrnehmen der Symptome, verschweigen der Ursachen
Würde man Herr Kubitschek fragen, welche Ursache die Migration habe, würde er wohl die offenen Grenzen ins Feld führen. Was er verschweigt, sind die wahren Ursachen, so z. B. die von der Bundesregierung verantworteten Kriege, Hunger und Elend. Statt einer Umverteilung von oben nach unten werden die Ellbogen gegen andere „Völker“ ausgepackt (der Begriff „Mensch“ wird von den Rechten tunlichst vermieden).

7. Rechtsextremismus: Nationalität als Vorrecht
Es ist schon interessant, dass so etwas wie die Nationalität, also das geografische zufällige „Geboren sein“ an einem Ort X, Menschen zu besseren bzw. schlechteren Menschen machen soll. Die Verbundenheit mit dem eigenen Volk lässt sich (so denke ich) psychologisch so erklären, dass die eigene Identität (s. Identitäre Bewegung) so schwach ausgeprägt ist, dass die Volksverbundenheit sozusagen einen sicheren Hafen auf hoher See bildet.

8. Rechtsextremismus: Fehlende Konzepte für den angestrebten Gesellschaftstyp
Außer Spesen, nix gewesen. Na ja, eher: Außer Nationalität. Denn leider kann ich beim besten Willen nicht erkennen, wo uns eine rechte Ideologie gesellschaftspolitisch hinbrächte, würde sie denn durchgesetzt werden. Gut: Vielleicht will ich es auch nicht. Aber mal im Ernst: Wo sind da tragfähige politische Konzepte erkennbar, z. B. bei Rente, Umverteilung, bei der immer stärker werdenden materiellen Ungerechtigkeit, beim Ausbau der Infrastruktur und so fort? Plakativ wurde diese Planlosigkeit auch von Herr Gauland im diesjährigen ZDF-Sommerinterview belegt. Ich persönlich habe das Gefühl, nähmen wir den Rechten die Projektionsfläche „Ausländer“ weg, würden wir ihnen die Daseinsberechtigung entziehen. Gleiches gilt aber auch für Linksextremisten vs. Nazis. Es ist doch zum Mäusemelken.

9. Rechtextremismus: Zurück zum Alten aus Angst vorm Neuen
In einer Welt des Wandels werden mehr zu Verlierern als zu Gewinnern. Versagensängste und nicht zuletzt die materielle Unsicherheit fordern ihren Tribut. Konzepte wie „die Festung Europa“ scheinen da Abhilfe zu schaffen, aber sie verkennen: Die Geschichte kennt kein Zurück und der zeitliche Rewind-Knopf ist eine konservative Illusion. Gott sei Dank.

Ursachenforschung: Die Tendenz zum Extremismus …

… ist immer auch ein Indikator für das „Versagen“ einer Gesellschaftsform, in der sich viele abgehängt fühlen, vergleiche hierzu die Weimarer Republik, die Entstehung des IS im Irak nach den US-Handelssanktionen etc. Erst wenn der Staat nur noch als repressives Gebilde der Machtausübung erlebt wird, formieren sich letztlich Widerstände im wahrsten Sinne des Wortes. Nur so ist es zu verstehen, dass Parteien wie die AfD, die eigentlich zutiefst neoliberal ist und keineswegs Politik für kleine Leute macht, einen so unglaublichen Zulauf erleben. In Verbindung mit einer gewollten und jahrelangen Entpolitisierung der Menschen und einer Parteien-Aristokratie, die fernab von deren Interessen regiert, werden solche Gebilde wie die AfD doch überhaupt erst geboren. Sie sind quasi Manifestationen eines fehlgeleiteten Hasses, der sich statt auf die Eliten und Systemprofiteure auf „die Ausländer“ richtet. Damit werden jene enthemmten Wutbürger zu den größten Kolaborateuren des Systems, indem sie nämlich ihren Hass „nach außen“ bündeln, statt ihn „nach oben“ zu kanalsieren. Kurz: Sie geben dem System selbst keinerlei Anlass, sich wirklich von innen heraus zu verändern, denn alles, was sie bekämpfen, sind Symptome der Ursachen, die sie weder verstehen, noch sehen wollen.

Was bleibt, ist letztlich die Fragestellung, wo wir in der heutigen Zeit hin wollen, wo uns gesellschaftspolitische Strömungen hintreiben und wovon wir uns befreien sollten. Das macht eine unglaubliche Mühe, denn wer als stiller Rezipient mediale Inhalte konsumiert, ohne selbige zu hinterfragen, läuft Gefahr, dirigierbar zu werden. Echte Autonomie aus einer bildungstheoretischen Perspektive heraus, wie sie beispielsweise von Adorno aufgestellt wurde, ist schwer zu erlangen, aber so wichtig wie nie zuvor.

Wir müssen schleunigst hin zu einem Konzept der „Menscheitsfamilie“, und ja: Ich teile mit Daniele Ganser die tiefe Überzeugung, dass ein Mensch einem anderen erst einmal nichts Böses tun will. Der Kampf Linksextremismus gegen Rechtsextremismus und vice versa ist zwar mit einer Standortbestimmung verknüpft, aber eigentlich Kennzeichen eines gesellschaftlichen Zwischenstadiums, das Raum lässt für echte (ökonomische) Ungerechtigkeit. Und die verläuft nie von außen nach innen, sondern von oben nach unten.Vokabeln wie Kampf sind letztlich Kennzeiche ideologischer Scheinschlachten, die dem eigentlichen Fortkommen der Sache, namentlich der Abrüstung und dem Abbau der ökonomischen Ungleichheit, keineswegs förderlich sind. Damit meine ich keineswegs, dass Positionen zugunsten einer politischen Profillosigkeit aufegeben werden müssten. Das „Gute“ an extremen Positionen ist, dass sie sich entkräften lassen. Das schreckt den harten ideologischen Kern einer Bewegung keineswegs ab, aber immer verschafft es selbiger eventuell keine Mehrheit.

Erst wenn alle Seiten lernen, nicht mehr in veralteten Kategorien wie „das Volk“, die „Bullen“ etc. zu denken, kann echte Emanzipation erreicht werden. Das ist schwierig genug. Denn wir dürfen dabei auch wichtige identitäts-stiftende Sinnzusammenhänge nicht vernachlässigen, die die Lebens- und Arbeitswelt umfassen. Aber im Mittelpunkt des Menschseins darf nie das Dogma, sondern muss immer der Mensch stehen. Nur das gräbt ideologischen Rattenfängern zu allen Seiten das Wasser ab.

Autor: Andreas Altmeyer

Autor, Werbetexter, Gegen-den-Strom-Schwimmer