Vom Klassenkampf zur Opferordnung

Über den theoretischen Zerfall der Linken, die Tribalisierung der Gesellschaft und das Ende ihrer oppositionellen Funktion (Lesezeit: 40 Minuten)

von A. M. Altmeyer

Der Niedergang einer politischen Partei ist nicht zwingend an ihren Wahlergebnissen abzulesen. Parteien können Stimmen gewinnen, neue Milieus mobilisieren und parlamentarisch fortbestehen, während ihre geistige Substanz bereits weitgehend aufgezehrt ist. Ihr organisatorischer Erfolg kann den ideologischen Verfall sogar verdecken.

In diesem Sinne befindet sich die Partei Die Linke nicht trotz, sondern gerade während ihrer zeitweiligen elektoralen Erholung in einem tiefgreifenden Niedergang. Dieser vollzieht sich nicht vorrangig auf der Ebene der Mandate. Er zeigt sich im Verlust einer eigenständigen Gesellschaftstheorie, eines verbindenden politischen Subjekts und einer oppositionellen Idee, die über moralische Erregung, sozialpolitische Einzelmaßnahmen und digitale Mobilisierung hinausreicht.

Die Linke verwendet weiterhin das überlieferte Vokabular der sozialen Frage. Die Partei bekennt sich zum demokratischen Sozialismus und zur Überwindung einer Gesellschaft, in der ökonomische Interessen das politische und soziale Leben beherrschen.¹

Daraus folgt jedoch nicht, dass sie noch über eine kohärente Klassenpolitik verfügt. Einzelne Umverteilungsforderungen bilden keine Gesellschaftstheorie. Sie können als sozialpolitische Restbestände innerhalb eines politischen Projekts fortbestehen, dessen eigentliches Zentrum sich längst verschoben hat.

Genau dies ist geschehen.

Die Linke hat den Marxismus nicht zeitgemäß weiterentwickelt. Sie hat ihn entkernt. Sie hat die neomarxistische Analyse gesellschaftlicher Totalität durch eine moralische Ordnung partikularer Identitäten, Verletzlichkeiten und Anerkennungsansprüche ersetzt. An die Stelle des Klassenwiderspruchs trat eine implizite Hierarchie der Opfer. An die Stelle politischer Organisation trat kulturelle Pädagogik. An die Stelle eines allgemeinen gesellschaftlichen Gegenentwurfs trat die Verwaltung immer feinerer Unterschiede.

Ihr Niedergang besteht deshalb nicht darin, dass sie zu radikal geworden wäre. Er besteht darin, dass ihre Radikalität zunehmend ästhetisch, symbolisch und moralisch bleibt.

1. Der Verlust neomarxistischer Theorie

Die klassische marxistische Theorie ging davon aus, dass gesellschaftliche Einzelphänomene nur aus einem übergeordneten Zusammenhang heraus verstanden werden können. Eigentum, Produktion, Arbeit, Staat, Recht, Kultur und Bewusstsein bildeten eine gesellschaftliche Totalität. Armut war in diesem Denken keine isolierte Ungerechtigkeit und der Arbeiter nicht lediglich ein schutzbedürftiges Opfer. Beides galt als Ausdruck konkreter Produktions- und Eigentumsverhältnisse.

Der Arbeiter besaß deshalb nicht aufgrund besonderer Verletzlichkeit politische Bedeutung. Er galt als Angehöriger einer Klasse, deren Stellung im Produktionsprozess ein gemeinsames Interesse und damit die Möglichkeit kollektiver Handlungsfähigkeit hervorbringen sollte.

Marx und Engels schlossen das Kommunistische Manifest folgerichtig mit dem Aufruf:

„Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!“²

Entscheidend war nicht das Leiden allein, sondern die Vereinigung. Der Arbeiter sollte sich nicht dauerhaft in seiner Opferposition einrichten. Er sollte sie überwinden, indem er vom Objekt gesellschaftlicher Herrschaft zum politischen Subjekt wurde.

Auch der westliche Neomarxismus gab diesen Anspruch zunächst nicht auf. Antonio Gramsci, die Kritische Theorie und die Neue Linke erweiterten die ökonomische Analyse um Kultur, Medien, Bildung, Sprache, Familie und gesellschaftliches Bewusstsein. Herrschaft wurde nicht mehr nur als Besitz an Produktionsmitteln oder als staatlicher Zwang verstanden. Sie wirkte ebenso über Institutionen, Gewohnheiten, Begriffe und kulturelle Selbstverständlichkeiten.

Gramsci unterschied zwischen unmittelbarer Herrschaft und kultureller Hegemonie. Eine gesellschaftlich führende Gruppe herrscht demnach nicht ausschließlich durch Zwang, sondern ebenso dadurch, dass ihre Begriffe, Wertvorstellungen und Deutungsmuster innerhalb der Zivilgesellschaft den Rang des Selbstverständlichen annehmen.³

Gerade darin bestand die theoretische Leistung des Neomarxismus: Er löste Kultur nicht aus der Gesellschaft heraus, sondern begriff sie als Teil eines umfassenden Herrschaftszusammenhangs. Hegemonie bezeichnete die Verbindung materieller Macht mit kultureller Zustimmung.

Die heutige Linke hat diese Vermittlungsleistung weitgehend verloren.

Sie behandelt Sprache, Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Repräsentation und subjektive Diskriminierungserfahrungen zunehmend als eigenständige Herrschaftsfelder. Die Gesellschaft erscheint nicht mehr als geordnete Totalität, sondern als nahezu unbegrenztes Geflecht sich überschneidender Benachteiligungen.

Der Begriff der Intersektionalität kann solche Überschneidungen beschreiben. Er ersetzt jedoch keine Gesellschaftstheorie. Er katalogisiert Positionen, ohne hinreichend zu erklären, welche übergeordnete Machtstruktur sie ordnet, welches gemeinsame politische Subjekt sie überwinden und welche positive Ordnung an ihre Stelle treten soll.⁴

Die Linke kann immer neue Betroffenheiten benennen. Sie kann aber immer weniger erklären, wie aus diesen Betroffenheiten eine dauerhafte politische Gemeinschaft entstehen soll.

Sie hat den analytischen Zusammenhang verloren und kompensiert diesen Verlust durch moralische Intensität.

2. Von der Klasse zur Hierarchie der Opfer

Die alte Linke ordnete gesellschaftliche Konflikte entlang materieller Interessen. Die neue Linke ordnet sie zunehmend entlang kultureller Identitäten und Verletzungserfahrungen. Daraus entsteht zwangsläufig eine Hierarchie der Opfer.

Diese Hierarchie wird selten offen ausgesprochen. Sie zeigt sich darin, welche Gruppen besondere institutionelle Aufmerksamkeit erhalten, welche Erfahrungen als besonders erkenntnisstiftend gelten und welche Sprecher mit erhöhter moralischer Autorität auftreten dürfen.

Die konkrete soziale Lage verliert dabei an Gewicht. Ein schlecht bezahlter Arbeiter ohne Vermögen, akademischen Abschluss oder institutionellen Einfluss kann weiterhin als privilegiert gelten, sofern er einer kulturell entsprechend klassifizierten Gruppe angehört. Umgekehrt kann ein ökonomisch erfolgreicher, medial präsenter oder institutionell einflussreicher Mensch aus einer kollektiven Diskriminierungserfahrung moralische Autorität ableiten, die seine individuelle Machtstellung nur unzureichend beschreibt.

Der Klassenbegriff wird auf diese Weise nicht erweitert. Er wird aufgelöst.

An seine Stelle tritt eine moralische Buchführung gesellschaftlicher Verletzlichkeit. Politische Legitimität wird nicht mehr allein anhand gemeinsamer Interessen oder überprüfbarer Argumente verteilt, sondern anhand zugeschriebener Identitätspositionen.

Der Einzelne erscheint immer weniger als Bürger und Arbeitnehmer, immer stärker als Repräsentant seiner Herkunft, seines Geschlechts, seiner sexuellen Orientierung oder seiner angeblichen Privilegien.

Das ist kein Fortschritt über die Klassenpolitik hinaus. Es ist eine Regression hinter ihren universalistischen Anspruch.

Die Arbeiterbewegung wollte Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion und Lebensweise innerhalb eines gemeinsamen materiellen Interesses verbinden. Die identitätspolitische Linke reaktiviert diese Unterschiede und institutionalisiert sie als dauerhafte politische Kategorien.

Sie nennt dies Sichtbarkeit.

Tatsächlich betreibt sie eine neue Klassifikation des Menschen.

3. Die Tribalisierung der Gesellschaft

Hier offenbart sich das vielleicht größte Paradox des gegenwärtigen linken Denkens: Die Linke beruft sich auf Universalismus und produziert zugleich eine fortschreitende Tribalisierung der Gesellschaft.

Universalismus bedeutet, Menschen unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion und Geschlecht als grundsätzlich gleiche Bürger anzuerkennen. Er setzt voraus, dass partikulare Unterschiede politisch überschritten werden können. Menschen sollen trotz verschiedener Biografien und Lebensweisen gemeinsame Interessen, verbindliche Regeln und eine geteilte Öffentlichkeit bilden können.

Die heutige Linke kehrt diesen Prozess um.

Sie beginnt nicht mehr bei dem, was Menschen verbinden könnte, sondern bei dem, was sie voneinander unterscheidet. Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Religion und Diskriminierungserfahrung werden nicht lediglich als Aspekte individueller Biografien behandelt. Sie werden zu zentralen politischen Zuordnungsmerkmalen.

Der Einzelne tritt hinter seine Gruppe zurück.

Er spricht nicht mehr nur als Bürger, Arbeitnehmer oder politisches Individuum. Er spricht als Angehöriger einer ethnischen, sexuellen oder kulturellen Kategorie. Seine gesellschaftliche Position und teilweise sogar die Legitimität seiner Aussagen werden davon abhängig gemacht, welcher Gruppe er zugerechnet wird.

Damit entsteht eine Ordnung, die strukturell tribale Züge trägt.

Der Begriff des Tribalen bezeichnet hier keine buchstäbliche Rückkehr zu vormodernen Stammesgesellschaften. Gemeint ist eine politische Logik, in der Menschen primär über Gruppenzugehörigkeiten wahrgenommen werden, Loyalität innerhalb der eigenen Gruppe moralisch aufgewertet wird und Konflikte zunehmend zwischen kollektiv definierten Identitäten ausgetragen werden.

Die Gesellschaft zerfällt in konkurrierende Erfahrungsgemeinschaften, deren jeweilige Wahrheiten, Verletzungen und Ansprüche als nur eingeschränkt vermittelbar erscheinen.

An die Stelle eines gemeinsamen politischen Raums tritt eine Landschaft identitärer Territorien.

Jede Gruppe verfügt über eigene Sprecher, Symbole, historische Traumata und Ansprüche auf Anerkennung. Die politische Aufgabe besteht nicht mehr darin, diese Unterschiede innerhalb einer gemeinsamen Ordnung zu relativieren. Sie besteht darin, sie sichtbar zu machen, institutionell zu bestätigen und dauerhaft zu verwalten.

Die Linke behauptet, starre Identitäten überwinden zu wollen. Tatsächlich macht sie Identität zur wichtigsten politischen Kategorie.

Sie kritisiert die Reduktion des Menschen auf Herkunft, Geschlecht oder Hautfarbe. Zugleich ordnet sie politische Legitimität entlang genau dieser Merkmale.

Sie warnt vor ethnischer und kultureller Abgrenzung. Gleichzeitig unterstützt ihr Umfeld geschützte Räume, exklusive Sprecherpositionen und gruppenspezifische Repräsentationsansprüche.

Sie bekämpft den Tribalismus des politischen Gegners und reproduziert ihn in progressiver Form. Das Argument allein zählt nicht mehr. Ebenso wichtig wird, wer es äußert. Die Handlung allein wird nicht bewertet. Entscheidend ist auch die Identität des Handelnden.

Die gleiche Aussage kann unterschiedlich beurteilt werden, abhängig davon, welcher Gruppe der Sprecher zugerechnet wird.

So entsteht eine asymmetrische Tribalisierung. Die kollektive Selbstorganisation bestimmter Minderheiten wird als emanzipatorisch anerkannt. Die Selbstbehauptung der Mehrheitsbevölkerung erscheint hingegen schnell als Ausdruck von Dominanz, Privileg oder Ausgrenzung.

Der Mehrheitsgesellschaft wird nahegelegt, ihre eigene kulturelle Identität zu relativieren, während sie die Identitäten anderer Gruppen institutionell anerkennen und schützen soll.

Dieses Modell kann auf Dauer keine gemeinsame politische Gemeinschaft hervorbringen. Es produziert Konkurrenz um Aufmerksamkeit, Ressourcen und moralische Vorrangstellung.

Wo politische Anerkennung nach Opferstatus verteilt wird, entsteht zwangsläufig ein Wettbewerb um Verletzlichkeit. Gruppen müssen ihre Benachteiligung besonders deutlich darstellen, um Gehör, Ressourcen und institutionelle Legitimität zu gewinnen.

Die Opferposition wird zum politischen Kapital.

Darin liegt ein funktionaler Widerspruch: Eine Politik, die Diskriminierung überwinden will, ist zugleich darauf angewiesen, immer neue Diskriminierungsformen zu identifizieren und Gruppengrenzen sichtbar zu halten. Würden die Unterschiede tatsächlich an politischer Bedeutung verlieren, verlöre auch die identitätspolitische Verwaltung einen Teil ihrer Existenzgrundlage.

Die Nation lehnt diese Linke als potenziell ausgrenzend ab.

Die Klasse hat sie in Identitätskategorien fragmentiert.

Die gemeinsame Kultur betrachtet sie mit Misstrauen.

Der Bürger wird durch den Betroffenen ersetzt.

Die Linke versteht sich als Gegnerin gesellschaftlicher Spaltung. Tatsächlich hat sie die Spaltung theoretisch systematisiert, moralisch legitimiert und institutionell organisiert.

Sie bekämpft den Tribalismus, indem sie neue Stämme schafft.

4. Mohler und das Verschwinden des konkreten Menschen

An dieser Stelle möchte ich einen Grundgedanken Armin Mohlers nicht unerwähnt lassen. Mohlers Kritik am Liberalismus richtete sich gegen die Vorstellung eines abstrakten, aus geschichtlichen, kulturellen und gemeinschaftlichen Bindungen herausgelösten Individuums. Der Mensch existiert aus dieser Perspektive niemals nur als isoliertes Rechtssubjekt. Er ist eingebunden in Sprache, Herkunft, Familie, Geschichte, Kultur und politische Gemeinschaft.⁵

Die identitätspolitische Linke scheint diese Kritik zunächst zu bestätigen. Auch sie bestreitet, dass Menschen unabhängig von sozialen Strukturen existieren. Doch sie zieht daraus die entgegengesetzte Konsequenz.

Während eine echte Anthropologie die Einbindung des Menschen in historisch gewachsene Gemeinschaften betont, zerlegt die Linke ihn in politisch verwaltete Merkmalsgruppen. Der konkrete Mensch wird nicht wiedergewonnen. Er wird neu abstrahiert.

Er erscheint nun als Kombination aus Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung, Diskriminierungsrisiko und Privilegienposition. Seine gewachsenen Bindungen an Familie, Region, Nation und kulturelle Überlieferung gelten dagegen häufig als verdächtig, sofern sie sich nicht in das progressive Anerkennungssystem einfügen.

Der Liberalismus löste den Menschen theoretisch aus seinen Bindungen. Die Identitätspolitik sortiert ihn anschließend in administrative Kollektive zurück.

5. Der Arbeiter als pädagogisches Objekt

Der heimische Arbeiter nimmt innerhalb dieser neuen Ordnung eine widersprüchliche Stellung ein. Er bleibt Gegenstand sozialpolitischer Fürsorge, ist aber nicht mehr selbstverständlich das normative Zentrum linker Politik.

Die Partei verspricht ihm höhere Löhne, bezahlbare Mieten und soziale Sicherheit. Zugleich erwartet das sie umgebende progressive Milieu von ihm, dass er seine Sprache überprüft, sein Verhältnis zur Nation problematisiert, tradierte Vorstellungen von Familie und Geschlecht revidiert und eine Migrationspolitik akzeptiert, deren konkrete soziale Auswirkungen er häufig unmittelbarer erlebt als ihre akademischen Befürworter.

Seine materielle Lage wird anerkannt, seine Lebenswelt jedoch unter Vorbehalt gestellt.

Der Industriearbeiter, Handwerker, Fernfahrer, Lagerbeschäftigte oder die Pflegekraft gelten als unterstützenswert, solange ihre kulturellen Überzeugungen mit dem progressiven Normensystem vereinbar sind. Äußern sie Skepsis gegenüber Massenzuwanderung, kultureller Entgrenzung oder der Auflösung nationaler Solidarität, werden sie nicht als Träger legitimer Interessen behandelt, sondern als pädagogisches Problem.

Ihre Abwendung von linken Parteien wird dann nicht als mögliche Folge einer Repräsentationslücke verstanden. Sie wird als Ausdruck falschen Bewusstseins, mangelnder Bildung, Ressentiments oder rechter Verführung interpretiert.

Die Partei muss in diesem Weltbild nicht ihre Politik korrigieren.

Der Arbeiter muss sein Bewusstsein korrigieren.

Hier zeigt sich die autoritäre Grundstruktur des neuen linken Denkens. Der Arbeitnehmer soll sozial abgesichert, aber kulturell beaufsichtigt werden. Er darf Empfänger linker Verteilungspolitik sein, ohne noch als souveräner politischer Akteur anerkannt zu werden.

Die historische Linke wollte den Arbeiter organisieren. Die heutige Linke will ihn verwalten und erziehen.

6. „No Nation, No Border“ und die Aufkündigung nationaler Solidarität

Besonders offenkundig wird dieser Bruch im Verhältnis der Linken zu Nation, Grenze und Migration.

„No Nation, No Border“ ist nicht das offizielle Motto der Partei. Die Formel bringt jedoch die postnationale Haltung eines erheblichen Teils ihres aktivistischen Vorfeldes zum Ausdruck. Auch in offiziellen Parteitexten finden sich Forderungen nach offenen Grenzen, globaler Bewegungsfreiheit und einer grundlegenden Abkehr von politischer Abschottung.⁶

Aus meiner Sicht ist eine solche Haltung mit einer glaubhaften Vertretung der heimischen Arbeiterschaft strukturell unvereinbar.

Die sozialen Errungenschaften der Arbeiterbewegung entstanden nicht in einem grenzenlosen moralischen Raum. Tarifrecht, Sozialversicherung, Rentenansprüche, Arbeitslosenversicherung, öffentliche Infrastruktur und demokratische Umverteilung entwickelten sich innerhalb konkreter Nationalstaaten.

Der Sozialstaat ist keine abstrakte globale Wohltätigkeitseinrichtung. Er beruht auf einer politisch begrenzten Solidargemeinschaft, gemeinsamer Rechtsordnung, gegenseitigen Verpflichtungen und einem Mindestmaß kulturellen Vertrauens.

Solidarität setzt eine Vorstellung davon voraus, wer füreinander einsteht, wer Beiträge leistet, wer Ansprüche besitzt und wer demokratisch über die Verteilung gemeinsamer Ressourcen entscheidet.

Aus dem universellen moralischen Wert jedes Menschen folgt nicht, dass jedes Gemeinwesen auf die Kontrolle seiner Grenzen, seiner Zuwanderung und seiner sozialen Mitgliedschaft verzichten müsste.

Eine Arbeiterpartei müsste sich fragen, welche Auswirkungen ein dauerhaft wachsendes Arbeitskräfteangebot auf bestimmte Lohnsegmente, den Wohnungsmarkt, öffentliche Dienstleistungen und die Verhandlungsmacht gering qualifizierter Beschäftigter haben kann. Sie müsste zwischen humanitärem Schutz, regulierter Einwanderung, illegaler Migration und einer prinzipiellen Ablehnung staatlicher Grenzkontrolle unterscheiden.

Die postnationale Linke moralisiert jedoch häufig bereits die Begrenzung selbst.

Grenze erscheint primär als Ausschluss. Nation erscheint als Verdachtskategorie. Begrenzung erscheint als moralisches Versagen.

Damit schwächt sie ausgerechnet jenes Instrument, durch das demokratische Mehrheiten wirtschaftliche Macht überhaupt kontrollieren können: den souveränen politischen Staat.

Das global agierende Kapital besitzt ebenfalls ein Interesse an beweglichen Arbeitskräften, offenen Märkten und der Relativierung nationaler Sozialordnungen. Linke und ökonomisch liberale Entgrenzungspolitik verfolgen nicht dieselben Ziele. Sie können jedoch funktional in dieselbe Richtung wirken.

Das Kapital spricht von Flexibilität.

Die Linke spricht von Bewegungsfreiheit.

Für die heimische Arbeiterschaft können beide Formen der Entgrenzung einen Verlust an Verhandlungsmacht, sozialer Überschaubarkeit und politischer Souveränität bedeuten.

Der alte Internationalismus verband organisierte Arbeiter verschiedener Nationen. Der neue Grenzuniversalismus löst die politischen Räume auf, in denen Arbeiter überhaupt organisiert handeln können.

7. Von der Herrschaftskritik zur Herrschaftstechnik

Der zentrale Widerspruch der modernen Linken besteht darin, dass sie weiterhin in der Sprache der Herrschaftskritik spricht, obwohl ihre praktische Funktion zunehmend herrschaftstechnisch geworden ist.

Begriffe wie Diversität, Inklusion, Sensibilisierung, Repräsentation und Antidiskriminierung gehören längst nicht mehr allein zum Wortschatz oppositioneller Bewegungen. Sie sind Bestandteil der Sprache von Ministerien, Universitäten, öffentlich finanzierten Organisationen, Medienunternehmen, Stiftungen und internationalen Konzernen.

Dieser metapolitische Erfolg führte jedoch nicht zur Überwindung des Kapitalismus. Vielmehr lernte der Kapitalismus, sich mit der neuen Moral zu verbinden.

Die amerikanische Feministin Nancy Fraser bezeichnete diese Verbindung als progressiven Neoliberalismus: eine Konstellation, in der wirtschaftliche Liberalisierung mit einer Politik kultureller Anerkennung verbunden wird. Gesellschaftlicher Fortschritt wird dann eher durch Repräsentation, Diversität und den Aufstieg einzelner Angehöriger bisher benachteiligter Gruppen definiert als durch die Aufhebung ökonomischer Hierarchien.⁷

Unternehmen können Standorte verlagern, Beschäftigung flexibilisieren und Profite steigern, während sie gleichzeitig Diversitätsprogramme, inklusive Sprache und symbolische Repräsentation fördern. Die Eigentumsordnung bleibt bestehen. Lediglich ihre kulturelle Selbstdarstellung verändert sich.

Die Linke hat ihre Sprache in die Institutionen getragen. Die Institutionen haben ihr dafür die ökonomische Radikalität genommen.

Was als langer Marsch durch die Institutionen begann, endete nicht in der revolutionären Transformation der Gesellschaft. Es endete vielfach in Gleichstellungsstellen, Projektförderungen, Personalabteilungen, Nichtregierungsorganisationen, Redaktionen und akademischen Verwaltungsstrukturen.

Die Revolution wurde zur beruflichen Laufbahn.

Die Linke versteht diesen Prozess weiterhin als Widerstand, obwohl ihre moralischen Kategorien in erheblichen Teilen der kulturellen und administrativen Elite längst hegemonial geworden sind.

Sie hält ihre eigene institutionelle Macht für Machtlosigkeit, weil sie Macht fast ausschließlich als Kapitalbesitz oder Regierungsgewalt begreift. Die Fähigkeit, Begriffe festzulegen, Sprecher zu legitimieren und Abweichung moralisch zu sanktionieren, bleibt in ihrem eigenen Machtbegriff unterbelichtet.

Ihre Hegemonie wird unsichtbar gemacht, indem sie nicht als politische Position, sondern als moralischer Mindeststandard dargestellt wird.

8. Heidi Reichinnek und die Ästhetisierung linker Politik

Heidi Reichinnek ist nicht die Ursache dieser Entwicklung. Sie ist ihre ideale mediale Ausdrucksfigur.

Reichinnek verbindet klassische Sozialrhetorik mit moralischer Dramatisierung, antifaschistischer Selbstvergewisserung und digitaler Affektmobilisierung. Ihre politische Stärke liegt weniger in der Rekonstruktion neomarxistischer Theorie als in der Fähigkeit, komplexe Konflikte in emotional eindeutige Bilder zu übersetzen.

Besonders sichtbar wurde dies in ihrer Bundestagsrede vom 29. Januar 2025. Die Partei verbreitete den Auftritt anschließend unter der Formel:

„Die Brandmauer? Das sind wir!“⁸

Diese Formel ist politisch aufschlussreich. Die Partei stellt sich nicht als eine demokratische Kraft unter mehreren dar. Sie erklärt sich selbst zur Grenze des demokratisch Zulässigen.

Die Brandmauer ist keine konkrete Strategie mehr.

Sie wird zur Identität.

Wer sich selbst zur Brandmauer erklärt, beansprucht zugleich die Autorität, andere außerhalb des legitimen Raums zu verorten. Der politische Gegner vertritt dann nicht nur falsche Positionen. Er wird zur Gefahr, gegen die sich die demokratische Gesellschaft moralisch zusammenschließen müsse.

Reichinneks Kommunikation ersetzt den fehlenden Begriff des politischen Subjekts durch emotionale Identifikation. Die Anhänger werden nicht durch eine gemeinsame Stellung im Produktionsprozess verbunden, sondern durch das Gefühl, auf der moralisch richtigen Seite eines existenziellen Konflikts zu stehen.

Dies ist keine Wiederkehr des Klassenkampfes. Es ist seine Ästhetisierung.

Die alte Linke organisierte Interessen.

Die Reichinnek-Linke organisiert Affekte.

Sie benötigt keine konsistente Theorie des gesellschaftlichen Ganzen. Sie benötigt personalisierte Gegner, eindeutige Täter-Opfer-Strukturen, kämpferische Gesten und digital verwertbare Empörung.

Ihre Radikalität liegt im Ton.

Ihre institutionelle Praxis bleibt systemstabilisierend.

9. Vom theoretischen Antifaschismus zum theorieentleerten Schlägertrupp

Am deutlichsten zeigt sich der intellektuelle Niedergang der Linken in der Transformation des Antifaschismus.

Der historische Marxismus verstand Faschismus – ungeachtet seiner Fehldeutungen und parteipolitischen Instrumentalisierungen – nicht bloß als Ansammlung moralisch schlechter Menschen. Er versuchte, dessen Entstehung aus gesellschaftlichen Krisen, Klasseninteressen, ökonomischen Umbrüchen, staatlicher Autorität und dem Zerfall politischer Ordnungen herzuleiten.

Auch die Linke um Rudi Dutschke verband ihren Antifaschismus noch mit einem weiterreichenden theoretischen Anspruch. Sie diskutierte Kapitalismus, Imperialismus, autoritären Staat, Medienmacht, institutionelle Herrschaft und gesellschaftliche Bewusstseinsbildung.⁹

Aus meiner Sicht waren diese Analysen häufig falsch, ideologisch verzerrt und von revolutionärer Selbstüberschätzung geprägt.

Aber sie waren Theorie!

Sie wollten den Gegner verstehen, historisch einordnen und mit einem alternativen Entwurf konfrontieren!

Gerade diese Dimension ist erheblichen Teilen des heutigen militanten Antifa-Milieus abhandengekommen.

An die Stelle der Theorie tritt die Etikettierung. An die Stelle der Analyse tritt die moralische Markierung. An die Stelle des politischen Arguments tritt die physische Verhinderung.

Wer zum Faschisten erklärt wurde, muss nicht mehr widerlegt werden. Er darf blockiert, bedrängt, aus öffentlichen Räumen gedrängt oder eingeschüchtert werden.

Der Faschismusbegriff verliert dadurch seine historische Trennschärfe. Er bezeichnet nicht mehr ausschließlich eine konkret bestimmbare Herrschaftsform. Er fungiert als entgrenztes Feindetikett, unter dem Rechtsextremisten, Rechtskonservative, oppositionelle Journalisten und Teilnehmer legaler Parteiveranstaltungen in einen gemeinsamen Verdachtsraum eingeordnet werden können.

Damit wird Antifaschismus von einer ideologisch einseitigen Theorie politischer Herrschaft zu einer Methode der Feinderklärung.

Die Proteste gegen den AfD-Bundesparteitag in Erfurt im Juli 2026 machten diese Entwicklung sichtbar. So wurden Blockaden organisiert, Verkehrswege beeinträchtigt und Journalisten angegriffen. Nach den veröffentlichten Polizeibilanzen wurden zahlreiche Straftaten und Ordnungswidrigkeiten bearbeitet.¹⁰ Gerade die Angriffe auf Journalisten enthüllen den inneren Widerspruch des militanten Milieus. Eine Bewegung, die sich als Verteidigerin von Demokratie und Menschenrechten inszeniert, macht die Pressefreiheit faktisch von der politischen Zuordnung des Journalisten abhängig.

Der Journalist ist in dieser Logik nicht zuerst Träger eines allgemeinen Freiheitsrechts.

Er ist Vertreter eines feindlichen Lagers.

Der militante Antifaschismus reproduziert damit jene politische Entmenschlichung, die er seinem Gegner vorwirft. Menschen werden nicht nach ihren konkreten Handlungen beurteilt, sondern nach einer zugeschriebenen Lagerzugehörigkeit.

Wer dem falschen Medium angehört, beim falschen Parteitag berichtet oder als rechts markiert wird, besitzt in dieser Logik Rechte nur noch unter Vorbehalt.

Der Antifaschismus wird zur Lizenz, demokratische Normen im Namen der Demokratie außer Kraft zu setzen.

Darin liegt seine Theorieentleerung. Das Milieu verfügt weiterhin über ein umfangreiches Vokabular: Faschismus, Rassismus, Patriarchat, Kapitalismus, Kolonialismus und Queerfeindlichkeit. Doch die Begriffe dienen immer weniger der Erkenntnis. Sie werden zu Signalen der Lagerzugehörigkeit und zu Rechtfertigungsformeln für bereits feststehende Feindbilder.

Theorie prüft den Begriff an der Wirklichkeit. Der Aktivismus passt die Wirklichkeit dem Begriff an. Wo Dutschke noch einen gesellschaftlichen Gegenentwurf formulieren wollte, bleibt heute die Blockade.

Wo einst Theorie stand, steht nun die Antifa.

Wo einst der Gegner politisch überwunden werden sollte, wird er körperlich bedrängt.

Die militante Antifa ist daher nicht der radikale Erbe neomarxistischer Theorie. Sie ist das Produkt ihres Zerfalls.

Von der früheren Theorie sind Begriffe, Symbole und Feindbilder geblieben. Verschwunden sind historische Differenzierung, gesellschaftliche Vermittlung und der Wille, die eigene Position argumentativ zu begründen.

Der theorieentleerte Antifaschismus ist nicht intellektuell radikal.

Er ist geistig regressiv.

10. Moralischer Antifaschismus als Immunisierungsstrategie

Der sogenannte Antifaschismus der gegenwärtigen Linken dient zunehmend als umfassende Immunisierungsstrategie gegenüber politischer Kritik.

Fragen nach Migration, nationaler Identität, innerer Sicherheit, kultureller Kontinuität oder gesellschaftlichen Belastungsgrenzen werden aus dem Raum normaler Interessenauseinandersetzung verschoben. Sie erscheinen als moralische Bewährungsproben.

Wer bestimmte linke Positionen nicht teilt, gilt schnell nicht mehr als legitimer politischer Gegner, sondern als jemand, der rechte Narrative bediene, die Demokratie gefährde oder eine gesellschaftliche Brandmauer einreiße.

So wird der politische Raum moralisch verengt. Der Gegner soll nicht allein argumentativ widerlegt werden.

Er soll als Sprecher seine Legitimität verlieren.

Der passende Begriff hierfür ist nicht Faschismus. Eine solche Gleichsetzung wäre historisch ungenau. Zutreffender ist die Diagnose eines moralischen Autoritarismus.

Dieser muss nicht primär mit offenem staatlichem Zwang arbeiten. Er wirkt über institutionelle Sanktionen, sozialen Ausschluss, sprachliche Regulierung und die Erklärung bestimmter Fragen oder Begriffe zu moralisch unzulässigen Grenzüberschreitungen.

Der Bürger soll nicht nur Gesetze befolgen.

Er soll die richtige Haltung besitzen.

Aus Politik wird Pädagogik.

Aus Herrschaftskritik wird Diskursaufsicht.

11. Die Linke brachte Friedrich Merz ins Kanzleramt

Am 6. Mai 2025 verfehlte Merz im ersten Wahlgang die erforderliche Kanzlermehrheit. Er erhielt 310 Stimmen; notwendig waren 316. Im zweiten Wahlgang wurde er noch am selben Tag mit 325 Stimmen gewählt.¹¹

Damit dieser zweite Wahlgang kurzfristig stattfinden konnte, musste der Bundestag von den regulären Fristen seiner Geschäftsordnung abweichen. Union und SPD verfügten allein nicht über die dafür notwendige Zweidrittelmehrheit. Die Linksfraktion wirkte an der verfahrensrechtlichen Ermöglichung des zweiten Wahlgangs mit. Im Plenum erklärte Christian Görke für die Linke, man bringe den entsprechenden Geschäftsordnungsantrag gemeinsam mit den anderen demokratischen Fraktionen ein.¹²

Wegen der geheimen Abstimmung lässt sich nicht feststellen, welche einzelnen Abgeordneten im zweiten Wahlgang für Merz stimmten.

Darum geht es jedoch nicht.

Die Linke schuf bewusst die parlamentarische Voraussetzung dafür, dass der bereits gescheiterte Kandidat noch am selben Tag erneut antreten konnte. Ohne ihre Mitwirkung wäre Friedrich Merz am 6. Mai 2025 nicht in diesem zweiten Wahlgang zum Bundeskanzler gewählt worden.

Die Linke brachte ihn insofern tatsächlich ins Amt: nicht programmatisch, nicht durch eine offene Koalition, wohl aber verfahrenspolitisch.

Sie hätte die Krise der Koalition sichtbar werden lassen und Union und SPD gezwungen, ihre fehlende Geschlossenheit öffentlich auszutragen. Stattdessen stabilisierte sie die neue Regierung innerhalb weniger Stunden.

Dieser Vorgang offenbart den Unterschied zwischen der radikalen Selbstinszenierung der Partei und ihrem wirklichen Verhältnis zum etablierten politischen System.

Unter Reichinnek erklärte sich Die Linke zur Brandmauer gegen Merz.

Im entscheidenden parlamentarischen Augenblick half sie jedoch, den gescheiterten Kandidaten unverzüglich in einen neuen Wahlgang zu führen.

Sie bekämpfte Merz rhetorisch und ermöglichte ihn institutionell.

Eine Brandmauer, die nach dem Scheitern ihres angeblichen Gegners das Verfahren zu seiner sofortigen Wahl ermöglicht, ist keine fundamentale Opposition.

Sie ist Teil der Funktionsreserve des Systems.

Die Linke erwies sich damit als linker Stabilitätsanker des von ihr verachteten Parteienbetriebs: kulturell maximal aufgeladen, rhetorisch fundamental und institutionell zuverlässig.

12. Lafontaine, Wagenknecht und die Beseitigung des inneren Widerspruchs

Mit dem Rückzug Oskar Lafontaines und der Abspaltung Sahra Wagenknechts verlor Die Linke jene prominenten Stimmen, die zumindest versuchten, die soziale Frage mit nationalstaatlicher Handlungsfähigkeit, begrenzter Migration und den Interessen traditioneller Arbeitnehmermilieus zu verbinden.

Weder Lafontaine noch Wagenknecht müssen deshalb idealisiert werden. Auch ihre politischen Ansätze enthalten Widersprüche, Personalisierungen und populistische Verkürzungen.

Dennoch machten sie einen realen Konflikt sichtbar: Eine Partei kann nicht dauerhaft zugleich die Interessen der heimischen Arbeiterschaft vertreten und deren nationale, kulturelle und sicherheitspolitische Anliegen moralisch delegitimieren.

Nach dem Weggang Wagenknechts löste Die Linke diesen Widerspruch nicht theoretisch.

Sie beseitigte ihn organisatorisch.

Die verbliebene Partei konnte sich homogener als urbane, akademisch geprägte, postnationale und identitätspolitisch sensible Kraft präsentieren. Ihre wiedergewonnene Mobilisierungsfähigkeit beruht daher nicht auf der Rückkehr zu einer universalistischen Klassenpolitik.

Sie beruht auf der Klärung ihres Milieus.

Die Linke wurde nicht erneut attraktiv, weil sie die Arbeiterfrage theoretisch rekonstruiert hätte. Sie wurde attraktiv für ein jüngeres, kulturell progressives Publikum, das Politik stärker als moralische Selbstverortung, digitale Identifikation und Widerstand gegen einen behaupteten Rechtsruck erlebt.

13. Die Linke als Modernisierungshelferin des Kapitals

Die historische Ironie liegt darin, dass die postnationale Linke gerade dort anschlussfähig an das Kapital wird, wo sie sich am radikalsten empfindet.

Das globalisierte Kapital hat ein Interesse an offenen Märkten, mobilen Arbeitskräften, schwachen nationalen Bindungen und der Auflösung gewachsener Begrenzungen. Die progressive Linke begründet ähnliche Prozesse nicht ökonomisch, sondern moralisch.

Wo das Kapital von Flexibilität spricht, spricht die Linke von Bewegungsfreiheit. Wo das Kapital Arbeitskräfte mobilisiert, feiert die Linke Diversität.

Wo das Kapital nationale Sozial- und Wirtschaftsräume relativiert, bekämpft die Linke die Nation als Ausschlussgemeinschaft.

Beide Seiten verfolgen nicht dieselben Ziele. Doch ihre Politik kann funktional zusammenwirken.

Der Kapitalismus übernimmt die progressive Sprache der Anerkennung. Die Linke akzeptiert dafür die weitere Entgrenzung jener politischen Räume, in denen soziale Umverteilung und demokratische Kontrolle überhaupt durchsetzbar wären.

Sie liefert dem Kapital eine moralische Legitimationssprache und erhält im Gegenzug institutionelle Anerkennung.

Die Unternehmen werden nicht sozialistisch.

Die Linke wird kapitalistisch verwertbar.

14. Der Niedergang als Verlust des Allgemeinen

Der Niedergang der Linken besteht nicht darin, dass sie zwangsläufig parlamentarisch verschwinden müsste. Sie kann Wahlen gewinnen, Reichweite erzeugen und neue Anhänger mobilisieren. Ihr Niedergang besteht darin, dass sie als historische Linke bereits weitgehend verschwunden ist. Sie besitzt noch das Vokabular der sozialen Frage, aber keine kohärente neomarxistische Theorie mehr.

Sie spricht noch vom Arbeiter, behandelt ihn jedoch als kulturell verdächtiges und pädagogisch zu bearbeitendes Subjekt. Sie spricht noch von Solidarität, löst aber die nationalstaatlichen Voraussetzungen verbindlicher Solidarität auf. Sie spricht noch von Universalismus, tribalisiert die Gesellschaft jedoch entlang ethnischer, sexueller und kultureller Kategorien.

Sie spricht noch von Herrschaftskritik, während ihre Begriffe längst Teil institutioneller Herrschaftstechnik geworden sind.

Sie spricht noch von Opposition, half aber dabei, Friedrich Merz nach seinem Scheitern unmittelbar in einen zweiten Wahlgang und damit ins Kanzleramt zu führen.

Sie spricht noch von Emanzipation, fixiert Menschen jedoch immer genauer auf Herkunft, Geschlecht, Identität und Opferstatus.

Sie spricht noch von Antifaschismus, während Teile ihres militanten Vorfeldes die theoretische Analyse durch Blockade, Einschüchterung und körperliche Konfrontation ersetzen.

Heidi Reichinnek ist die ideale Repräsentantin dieses Zustands. Sie verleiht dem Verlust theoretischer Substanz eine emotional wirksame Form. Sie ersetzt die ausgebliebene Konstruktion eines gemeinsamen politischen Subjekts durch die digitale Identifikation mit einer moralisch aufgeladenen Führungsfigur.

Ihre Linke organisiert keine Klasse mehr. Sie organisiert ein Milieu. Sie entwickelt keine Theorie gesellschaftlicher Totalität. Sie produziert moralische Eindeutigkeit.

Sie überwindet die bestehende Ordnung nicht.

Sie wird zu deren linkem Legitimations- und Stabilisierungselement.

Der eigentliche Niedergang der Linken ist deshalb nicht ihr mögliches Verschwinden aus den Parlamenten. Es ist der Verlust des Allgemeinen.

Was von ihr bleibt, ist eine postnationale, institutionalisierte Moralbewegung mit sozialistischem Traditionsdekor: ökonomisch punktuell redistributiv, kulturell hegemonial, anthropologisch fragmentierend und parlamentarisch systemstabilisierend.

Sie wollte einst die Herrschaft des Kapitals überwinden.

Heute hilft sie dem Kapital, grenzenloser, diverser und moralisch unangreifbarer zu erscheinen.

Sie wollte den Arbeiter zum politischen Subjekt erheben.

Heute verlangt sie von ihm, seine Heimat, seine kulturellen Bindungen und seine Interessen dem Universalismus eines privilegierten urbanen Milieus unterzuordnen. Sie wollte die Gesellschaft von falschen Kollektivzugehörigkeiten befreien. Heute tribalisiert sie die Gesellschaft stärker, als es ihre Gegner vermocht hätten. Sie wollte den Faschismus theoretisch verstehen und politisch überwinden.

Heute genügt ihrem militanten Vorfeld häufig das Etikett, um den Gegner anzugreifen. Sie wollte Friedrich Merz bekämpfen.

Als er scheiterte, half sie ihm ins Amt.

Die Linke ist nicht deshalb gescheitert, weil sie ihre eigenen Ideen zu konsequent verwirklicht hätte.

Sie ist gescheitert, weil sie keine eigene Idee mehr besitzt.

Der tiefste Defekt der heutigen Linken liegt darin, dass sie sich nicht mehr am Realen orientiert, sondern am Topos: an einer vorgefertigten moralischen Erzählung, die im Voraus bestimmt, wer Täter und wer Opfer sein darf.

Bestätigt ein Ereignis dieses Weltbild, wird es zum gesellschaftlichen Symbol erhoben. Widerspricht es ihm, wird es zum Einzelfall erklärt, relativiert oder verdrängt.

Besonders deutlich zeigt sich dies bei Opfern von Gewalt durch ausländische oder migrantische Täter. Dann gilt die Aufmerksamkeit häufig nicht zuerst dem Opfer, sondern der Sorge, die Tat könne „rechten Narrativen“ nützen. Das Leid des konkreten Menschen wird der Aufrechterhaltung des eigenen Deutungssystems untergeordnet.

Das passende Opfer wird politisiert.

Das unpassende Opfer wird beschwiegen.

Damit entlarvt sich die behauptete Universalität der Linken als selektive Moral. Sie sieht nicht zuerst den verletzten Menschen, sondern dessen Verwertbarkeit innerhalb ihrer Opferhierarchie.

Sie spricht unablässig von Opfern. Doch Opfer, die ihr Weltbild gefährden, sind ihr gleichgültig

15. Migrantische Gewalt und die selektive Wahrnehmung der Opfer

Die amtlichen Zahlen widersprechen der Behauptung, Gewaltkriminalität im Zusammenhang mit Migration sei lediglich ein politisch erzeugtes „rechtes Narrativ“. Im Jahr 2025 registrierte die Polizei 212.335 Fälle von Gewaltkriminalität. 42,9 Prozent der ermittelten Tatverdächtigen waren nichtdeutsche Staatsangehörige und damit in diesem Deliktsbereich deutlich überrepräsentiert.¹

Selbst diese Zahl bildet migrantisch geprägte Kriminalität jedoch nicht vollständig ab. Die Polizeiliche Kriminalstatistik unterscheidet grundsätzlich nach Staatsangehörigkeit, nicht umfassend nach Einwanderungsgeschichte. Eingebürgerte Tatverdächtige werden folgerichtig als Deutsche erfasst. Allein 2025 erhielten 332.500 Menschen die deutsche Staatsangehörigkeit. Aus der statistischen Kategorie „deutsch“ lässt sich daher nicht ableiten, dass eine Person keine Einwanderungsgeschichte besitzt.²

Zugleich existiert keine bundesweit einheitliche Kategorie „Schwimmbadgewalt“. Sexuelle Übergriffe, Körperverletzungen und Bedrohungen in Freibädern gehen in allgemeine Deliktskategorien und regionale Polizeistatistiken ein. Aufsehenerregende Vorfälle in Schwimmbädern oder anderen öffentlichen Räumen dürfen deshalb nicht wahllos zu einer vermeintlichen Gesamtstatistik addiert werden. Das Fehlen einer eigenen bundesweiten Kategorie ist aber ebenso wenig ein Beweis dafür, dass das Phänomen nicht existiert.

Entscheidend ist der unterschiedliche politische Umgang mit den Opfern. Passt die Tat in das linke Deutungsschema, wird sie zum Ausdruck struktureller gesellschaftlicher Gewalt erklärt. Besitzt der Täter hingegen einen migrantischen Hintergrund, richtet sich die Aufmerksamkeit häufig zuerst auf die Gefahr einer „Instrumentalisierung“.

Das passende Opfer wird politisiert. Das unpassende Opfer wird zum Einzelfall erklärt.

Wer die bestehenden Zahlen, ihre statistischen Grenzen und die konkreten Erfahrungen in öffentlichen Räumen gleichermaßen ernst nimmt, betreibt keine pauschale Schuldzuweisung gegenüber Migranten. Er weigert sich lediglich, reale Gewalt aus Rücksicht auf ein politisches Weltbild zu verschweigen.

Die Linke behauptet, alle Opfer gleichermaßen zu sehen.

Doch bei Opfern, die ihre Erzählung stören, sieht sie häufig zuerst den Täterhintergrund – und erst danach den verletzten Menschen.

Hier ist der Abschnitt mit Benedikt Kaiser und dem Theoriedefizit der Neuen Rechten sauber eingebaut:

Das theoretische Vakuum als Chance der Rechten

Der Verlust des theoretischen Unterbaus der Linken besitzt eine weitere, bislang kaum ausreichend beachtete Konsequenz: Er eröffnet der politischen Rechten die Möglichkeit, jene gesellschaftsanalytische Funktion zu übernehmen, die historisch lange von der Linken beansprucht wurde.

Das ist insofern bemerkenswert, als die intellektuelle Ausgangslage ursprünglich genau umgekehrt war. Die Linke verfügte im 20. Jahrhundert über ein außerordentlich dichtes theoretisches Fundament. Marxismus, westlicher Marxismus, Kritische Theorie und Neue Linke lieferten ihr Begriffe, mit denen sie gesellschaftliche Macht, Entfremdung, Kulturindustrie, Autorität, Konsum, Sprache und soziale Reproduktion analysieren konnte.

Die Frankfurter Schule¹³–¹⁶ stand exemplarisch für diesen theoretischen Vorsprung. Adorno, Horkheimer, Marcuse und später Habermas behandelten die moderne Gesellschaft nicht als bloße Summe politischer Einzelprobleme. Sie versuchten, Ökonomie, Kultur, Massenmedien, Sozialpsychologie und institutionelle Herrschaft in einem umfassenden Zusammenhang zu denken.

Man muss ihren Ergebnissen nicht zustimmen, um ihre intellektuelle Reichweite anzuerkennen. Ihre Wirkung beruhte gerade darauf, dass sie nicht lediglich Wahlprogramme formulierten, sondern Deutungsmodelle der modernen Gesellschaft entwickelten.

Die Linke besaß deshalb über Jahrzehnte einen erheblichen metapolitischen Vorteil. Sie konnte politische Ereignisse in ein größeres theoretisches Narrativ einordnen. Der einzelne Arbeitskampf, die Studentenrevolte, die Veränderung der Familie oder die Entwicklung der Massenmedien erschienen nicht isoliert, sondern als Ausdruck umfassender gesellschaftlicher Strukturen.

Die Rechte war demgegenüber in der öffentlichen Wahrnehmung häufig theoretisch zurückgedrängt. Zwar existierten bedeutende konservative, nationalliberale, ordoliberale und neurechte Denker. Armin Mohler¹⁷ arbeitete die Tradition der Konservativen Revolution auf; Alain de Benoist entwickelte eine explizite rechte Metapolitik und griff Gramscis Hegemoniebegriff¹⁸ auf; ordoliberale Autoren begründeten eine Theorie der begrenzten, regelgebundenen Marktwirtschaft. Auch liberale und konservative Gesellschaftstheorien besaßen erhebliches intellektuelles Gewicht.

Doch ihre gesellschaftliche Breitenwirkung blieb im Vergleich zu den linken Theorieapparaten begrenzt. Sie prägten einzelne Zeitschriften, akademische Zirkel und politische Schulen, entwickelten jedoch keine vergleichbare kulturelle Massenwirkung. Während linke Begriffe in Universitäten, Medien, Kunst und Bildungsinstitutionen einsickerten, blieb ein großer Teil rechter Theorie entweder historisch rückwärtsgewandt, ökonomisch verengt oder in intellektuellen Nischen eingeschlossen.

Die Rechte besaß Theoretiker, aber lange Zeit kein breitenwirksames theoretisches Milieu.

Heute kehrt sich dieses Verhältnis teilweise um.

Die Linke verfügt weiterhin über akademische Institutionen, publizistische Reichweite und kulturelle Netzwerke. Doch ihre gegenwärtige Sprache wirkt zunehmend formelhaft. Begriffe wie Intersektionalität, Diversität, Repräsentation und Privileg werden zwar mit großer moralischer Gewissheit verwendet, aber immer seltener in eine überzeugende Analyse der gesellschaftlichen Totalität eingebunden.

Die Rechte hingegen beginnt, genau dieses Defizit als politische Chance zu begreifen.

Sie kann versuchen, das theoretische Vakuum zu besetzen, indem sie soziale, kulturelle und ökonomische Fragen wieder miteinander verbindet. Ihr möglicher Gegenstand ist dabei nicht mehr die klassische Industriearbeiterschaft des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Deren gesellschaftliches Gewicht ist durch Deindustrialisierung, Automatisierung und den Wandel zur Dienstleistungsökonomie zurückgegangen.

An ihre Stelle ist eine heterogene neue Arbeitnehmerklasse getreten: Beschäftigte in Pflege, Logistik, Transport, Verkauf, Gastronomie, Sicherheitsdiensten, Handwerk, Lagerwirtschaft, Reinigung und technischen Dienstleistungen. Hinzu kommen kleinere Selbstständige, Facharbeiter und Angestellte, deren Einkommen zwar oberhalb klassischer Armut liegen kann, deren sozialer Status aber durch hohe Wohnkosten, Steuer- und Abgabenlasten, unsichere Altersvorsorge und kulturellen Bedeutungsverlust unter Druck gerät.

Diese Dienstleistungs- und Arbeitnehmerklasse ist materiell abhängig, politisch jedoch kaum geschlossen repräsentiert. Sie besitzt kein gemeinsames Klassenbewusstsein im marxistischen Sinn. Dennoch teilt sie bestimmte Erfahrungen: geringe Kontrolle über die eigene Arbeitszeit, unmittelbare Konfrontation mit staatlicher und betrieblicher Bürokratie, hohe Belastung durch steigende Lebenshaltungskosten und das Gefühl, kulturell von akademischen Eliten nicht ernst genommen zu werden.

Gerade diese Verbindung aus materieller Abhängigkeit und kultureller Entfremdung schafft ein neues politisches Feld.

Die Linke müsste dafür eigentlich der natürliche Ansprechpartner sein. Doch sie betrachtet diese Schichten häufig durch einen pädagogischen Filter. Ihre wirtschaftlichen Sorgen werden anerkannt, ihre Vorstellungen von Nation, Migration, Sicherheit, Familie und gesellschaftlicher Ordnung hingegen oft als Ausdruck mangelnder Aufklärung oder rechter Beeinflussung behandelt.

Dadurch verliert sie genau jene Menschen, deren soziale Lage sie theoretisch zu vertreten vorgibt.

Die Rechte kann in diese Repräsentationslücke vordringen, wenn sie den Fehler vermeidet, soziale Fragen lediglich als Anhängsel nationaler oder migrationspolitischer Mobilisierung zu behandeln. Eine tragfähige rechte Sozialtheorie müsste die neue Arbeitnehmerklasse nicht nur kulturell ansprechen, sondern ihre materielle Lage ernst nehmen.

Ein wichtiger Versuch, diese Leerstelle zu schließen, stammt von Benedikt Kaiser¹⁹. Mit seinem Konzept des „solidarischen Patriotismus“ verbindet er nationale Zugehörigkeit, Sozialstaat, Kapitalismuskritik und die Interessen abhängig Beschäftigter zu einem rechten Gegenentwurf. Auffällig ist jedoch, dass Kaiser (wie viele andere) dabei regelmäßig auf linke Denker wie Marx, Gramsci, Sorel oder Nancy Fraser²⁰ und ²⁵ zurückgreift – nicht als positive Traditionslinie, wohl aber als theoretische Negativfolie und analytisches Reservoir.

Gerade darin zeigt sich das weiterhin bestehende Theoriedefizit der Neuen Rechten. Wo sie soziale Klassen, ökonomische Abhängigkeit und kulturelle Hegemonie erklären will, muss sie vielfach auf Begriffe zurückgreifen, die ursprünglich von links entwickelt wurden. Kaiser versucht, diese Kategorien national, solidarisch und konservativ umzudeuten. Eine eigenständige rechte Theorie der postindustriellen Dienstleistungs- und Arbeitnehmerklasse liegt bislang jedoch nur in Ansätzen vor.

Die Neue Rechte hat die soziale Leerstelle erkannt. Ihre begrifflichen Werkzeuge stammen aber noch immer zu einem erheblichen Teil aus dem Arsenal ihres Gegners.

Eine tragfähige rechte Sozialtheorie müsste deshalb weitergehen. Sie müsste fragen, wer die Kosten ökonomischer und kultureller Entgrenzung trägt.

Wer profitiert von einem flexiblen Arbeitsmarkt – und wer steht nachts im Lager, fährt den Lastwagen, pflegt alte Menschen oder hält öffentliche Infrastruktur am Laufen?

Wer kann hohe Energiepreise, Wohnkosten und private Altersvorsorge problemlos tragen – und wer nicht?

Wer fordert maximale Mobilität von Arbeitskräften – und wer verliert dadurch Verhandlungsmacht, soziale Sicherheit und Bindung an den eigenen Lebensort?

Eine Rechte, die diese Fragen systematisch aufgreift, könnte sich von einer bloßen Protest- und Identitätsbewegung zu einer umfassenderen sozialen Kraft entwickeln. Sie müsste dafür jedoch Teile der traditionellen wirtschaftsliberalen Orthodoxie überwinden. Denn eine Politik, die kulturell den Schutz des Eigenen verspricht, ökonomisch aber jede Form von Deregulierung, Privatisierung und Arbeitsmarktflexibilisierung unterstützt, bleibt widersprüchlich.

Sie kann nicht glaubwürdig nationale Solidarität fordern und gleichzeitig die sozialen Voraussetzungen dieser Solidarität dem Markt überlassen.

Hier liegt das eigentliche strategische Potenzial des theoretischen Vakuums. Die Rechte könnte von der Linken nicht deren Identitätspolitik übernehmen, sondern deren verlorenen Anspruch auf eine umfassende Gesellschaftsanalyse. Sie könnte kulturelle Zugehörigkeit, soziale Sicherheit, staatliche Souveränität und wirtschaftliche Teilhabe in einem gemeinsamen politischen Modell verbinden.

Dabei handelt es sich nicht um eine bloße Kopie klassischer linker Politik. Die nationale und kulturelle Frage würde anders gewichtet. Solidarität würde nicht aus einem abstrakten globalen Subjekt abgeleitet, sondern aus der Zugehörigkeit zu einer konkreten politischen Gemeinschaft. Der Sozialstaat erschiene nicht als grenzenloser Verteilungsmechanismus, sondern als institutioneller Ausdruck gegenseitiger Verpflichtung.

Aus unserer Sicht könnte gerade hier ein neuer gesellschaftlicher Block entstehen: nicht mehr das marxistische Proletariat, aber auch nicht das rein bürgerliche oder wirtschaftsliberale Milieu. Vielmehr eine Verbindung aus Dienstleistungsbeschäftigten, Facharbeitern, kleinen Selbstständigen, unteren und mittleren Angestellten sowie jenen Teilen des Mittelstands, die sich ökonomisch unter Druck und kulturell nicht mehr repräsentiert fühlen.²¹–²⁴

Die Rechte hätte damit erstmals die Chance, nicht nur gegen die kulturelle Hegemonie der Linken zu opponieren, sondern eine eigene Theorie der sozialen Wirklichkeit zu entwickeln.

Doch diese Chance ist keineswegs automatisch gegeben. Auch die Rechte kann in dieselbe Falle geraten wie die Linke: Sie kann Theorie durch Affekt, Gesellschaftsanalyse durch Feindmarkierung und politische Organisation durch digitale Erregung ersetzen. Eine Rechte, die ausschließlich von Migration, kulturellem Niedergang und nationalem Kontrollverlust spricht, ohne Eigentum, Arbeit, Marktmacht und soziale Abhängigkeit zu analysieren, füllt das theoretische Vakuum nicht. Sie besetzt es lediglich mit anderen Schlagworten.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob die Rechte die Linke kommunikativ beerben kann.

Sie lautet, ob sie deren verlorenen theoretischen Ernst wiedergewinnt.

Die Linke der 1960er- und 1970er-Jahre war erfolgreich, weil sie Protest, Theorie und gesellschaftliche Praxis miteinander verband. Ihre Begriffe boten jungen Intellektuellen ebenso wie politischen Aktivisten das Gefühl, Teil einer umfassenden Erklärung der Welt zu sein.

Die heutige Rechte könnte eine ähnliche Wirkung nur entfalten, wenn sie über Empörung hinausgeht. Sie müsste eine belastbare Theorie der postindustriellen Gesellschaft entwickeln: der Dienstleistungsarbeit, der kulturellen Entwurzelung, der demografischen Entwicklung, der digitalen Kontrolle, der ökonomischen Konzentration und der Krise nationalstaatlicher Souveränität.

Das theoretische Vakuum der Linken ist deshalb eine historische Chance der Rechten.

Aber nur dann, wenn sie es mit einer eigenständigen Theorie füllt – und nicht bloß mit Gegenmoral oder aus dem linken Arsenal entliehenen Begriffen.


Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen und Parteidokumente

¹ Die Linke: Programm der Partei Die Linke. Beschlossen auf dem Erfurter Parteitag am 23. Oktober 2011. Berlin: Die Linke. Siehe insbesondere die programmatischen Abschnitte zum demokratischen Sozialismus, zur Eigentumsfrage und zur Überwindung kapitalistischer Herrschaftsverhältnisse.

⁶ Die Linke: Programm der Partei Die Linke, Abschnitt zu Flucht, Migration und offenen Grenzen; außerdem: Die Linke, Beschlüsse und Positionen zur globalen Bewegungsfreiheit sowie zur solidarischen Einwanderungsgesellschaft.

⁸ Die Linke: „Die Brandmauer? Das sind wir!“ Mediale Verbreitung und parteieigene Einordnung der Bundestagsrede Heidi Reichinneks vom 29. Januar 2025.

¹¹ Deutscher Bundestag: „Friedrich Merz im zweiten Wahlgang zum Bundeskanzler gewählt“, Dokumentation der Kanzlerwahl vom 6. Mai 2025.

¹² Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll 21/2, 2. Sitzung des Deutschen Bundestages vom 6. Mai 2025. Dokumentation des Antrags zur Geschäftsordnung beziehungsweise des Fristverzichts zur Ermöglichung des zweiten Wahlgangs. Darin die Erklärung Christian Görkes für die Linksfraktion.

Marxismus, Neomarxismus und Hegemonietheorie

² Marx, Karl/Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei. In: Marx-Engels-Werke, Bd. 4. Berlin: Dietz Verlag, 1977, S. 459–493, hier S. 493.

³ Gramsci, Antonio: Gefängnishefte. Kritische Gesamtausgabe, herausgegeben von Klaus Bochmann und Wolfgang Fritz Haug. 10 Bände. Hamburg: Argument Verlag, 1991–2002.

Dutschke, Rudi: Geschichte ist machbar. Texte über das herrschende Falsche und die Radikalität des Friedens. Berlin: Klaus Wagenbach, 1980.

Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1969.

Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Neuwied/Berlin: Luchterhand, 1967.

Identität, Intersektionalität und Anerkennung

⁴ Crenshaw, Kimberlé: „Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics“. In: University of Chicago Legal Forum, Jg. 1989, Nr. 1, S. 139–167.

Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1991.

Fraser, Nancy: „From Redistribution to Recognition? Dilemmas of Justice in a ‘Post-Socialist’ Age“. In: New Left Review, Nr. 212, 1995, S. 68–93.

Laclau, Ernesto/Mouffe, Chantal: Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus. Wien: Passagen Verlag, 1991.

Taylor, Charles: „Die Politik der Anerkennung“. In: Amy Gutmann (Hrsg.): Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung. Frankfurt am Main: Fischer, 1993, S. 13–78.

Progressive Hegemonie, Kapitalismus und kulturelles Kapital

⁷ Fraser, Nancy: „The End of Progressive Neoliberalism“. In: Dissent, 2. Januar 2017.

Fraser, Nancy: Fortunes of Feminism. From State-Managed Capitalism to Neoliberal Crisis. London/New York: Verso, 2013.

Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1982.

Reckwitz, Andreas: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp, 2017.

Mau, Steffen/Lux, Thomas/Westheuser, Linus: Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft. Berlin: Suhrkamp, 2023.

Neue Rechte, Liberalismuskritik und Metapolitik

⁵ Mohler, Armin: Gegen die Liberalen. Schnellroda: Edition Antaios, 2010.

Mohler, Armin/Weißmann, Karlheinz: Die Konservative Revolution in Deutschland 1918–1932. Ein Handbuch. 6., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Graz: Ares Verlag, 2005.

Benoist, Alain de: Kulturrevolution von rechts. Gramsci und die Nouvelle Droite. Krefeld: Sinus-Verlag, 1985.

Benoist, Alain de: Jenseits der Menschenrechte. Plädoyer für die Verteidigung der Freiheiten. Berlin: Edition JF, 2004.

Weißmann, Karlheinz: Kurze Geschichte der konservativen Intelligenz nach 1945. Berlin: Edition JF, 2011.

Antifaschismus, Neue Linke und Ereignisse in Erfurt

⁹ Dutschke, Rudi: Geschichte ist machbar. Texte über das herrschende Falsche und die Radikalität des Friedens. Berlin: Klaus Wagenbach, 1980.

¹⁰ Thüringer Polizei: Bilanz der Einsätze und Ermittlungen anlässlich des AfD-Bundesparteitags und der Gegenproteste in Erfurt im Juli 2026.

Deutscher Bundestag: Aktuelle Stunde zu Angriffen auf Journalisten im Zusammenhang mit den Protesten gegen den AfD-Bundesparteitag, Juli 2026.

Ergänzende Quellen zum Abschnitt „Das theoretische Vakuum als Chance der Rechten“

¹³ Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Erstausgabe Amsterdam: Querido, 1947; Frankfurt am Main: S. Fischer, 1969. G

¹⁴ Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Neuwied/Berlin: Luchterhand, 1967.

¹⁵ Habermas, Jürgen: Theorie des kommunikativen Handelns. 2 Bände. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1981.

¹⁶ Später, Jörg: Adornos Erben. Eine Geschichte aus der Bundesrepublik. Berlin: Suhrkamp, 2024.

¹⁷ Mohler, Armin/Weißmann, Karlheinz: Die Konservative Revolution in Deutschland 1918–1932. Ein Handbuch. 6., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Graz: Ares Verlag, 2005.

¹⁸ Benoist, Alain de: Kulturrevolution von rechts. Gramsci und die Nouvelle Droite. Krefeld: Sinus-Verlag, 1985. Benoist überträgt Gramscis Überlegungen zur kulturellen und vorpolitischen Auseinandersetzung auf eine rechte Strategie der Metapolitik. Die Schrift verdeutlicht zugleich, wie stark zentrale Kategorien der Neuen Rechten aus der Auseinandersetzung mit linken Theorien hervorgegangen sind.

¹⁹ Kaiser, Benedikt: Solidarischer Patriotismus. Die soziale Frage von rechts. Schnellroda: Verlag Antaios, 2020.

²⁰ Fraser, Nancy: „From Redistribution to Recognition? Dilemmas of Justice in a ‘Post-Socialist’ Age“. In: New Left Review, Nr. 212, 1995, S. 68–93; dies.: „The End of Progressive Neoliberalism“. In: Dissent, 2. Januar 2017.

²¹ Goodhart, David: The Road to Somewhere. The Populist Revolt and the Future of Politics. London: Hurst, 2017.

²² Collier, Paul: The Future of Capitalism. Facing the New Anxieties. London: Allen Lane, 2018; deutsch: Sozialer Kapitalismus! Mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft. München: Siedler, 2019.

²³ Reckwitz, Andreas: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp, 2017.

²⁴ Mau, Steffen/Lux, Thomas/Westheuser, Linus: Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft. Berlin: Suhrkamp, 2023. n.

²⁵ Kaiser, Benedikt/Benoist, Alain de/Fusaro, Diego: Marx von rechts. Dresden: Jungeuropa Verlag, 2018.

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