Kritik zur 80er Kult-Serie: Kir Royal oder die Eleganz des Verfalls

Ein feuilletonistischer Essay über Dekadenz, Literatur und die Illusion von Glanz in Helmut Dietls Fernsehserie „Kir Royal“ (1986). Lesezeit: 40 Minuten.

von Andreas Mathias Altmeyer

Die Idee zu Kir Royal – einer der ikonischsten deutschen Fernsehserien der 1980er Jahre – entsprang dem kongenialen Duo Helmut Dietl (oft „Diedl“ genannt) und Patrick Süskind, einem der sprachlich präzisesten Autoren seiner Generation. Was viele nicht wissen: Der Ursprung der Serie liegt in Dietls und Süskinds gemeinsamer Faszination für das Boulevardmilieu Münchens, gepaart mit einer tiefen Skepsis gegenüber Medienmacht, Selbstvermarktung und Scheinheiligkeit im Kulturbetrieb.

Die Ursprünge von Kir Royal

Münchens Glanz und Elend

Helmut Dietl, gebürtiger Münchner, war tief verwurzelt in der Stadt und ihrer Kulturszene. Schon mit seiner Serie Monaco Franze – Der ewige Stenz hatte er das Lebensgefühl des Münchner Leichtsinns eingefangen. Doch er wollte mehr: Er wollte tiefer bohren, hinter die Kulissen schauen – in die Welt der Schickeria, der Mächtigen, der Möchtegerns.

Patrick Süskind, zu diesem Zeitpunkt noch nicht weltberühmt durch Das Parfum, war Dietls langjähriger Freund und Weggefährte. Beide verband ein scharfer, fast zynischer Blick auf die Gesellschaft – und die Fähigkeit, sie mit Witz und sprachlicher Brillanz zu sezieren. Süskind war es, der Dietl mit seinen literarischen Miniaturen inspirierte – viele davon in der Tradition des Feuilletons, manchmal absurd, oft moralisch untergründig. Dieses intellektuelle Fundament floss später direkt in die Dialoge von Kir Royal ein.

Die Inspiration: Baby Schimmerlos hat ein reales Vorbild

Die Figur des Klatschreporters Baby Schimmerlos ist nicht frei erfunden. Dietl orientierte sich an Michael Graeter, einem echten Münchner Society-Reporter, der in den 1970er und 80er Jahren als „Klatschkönig“ bekannt war. Graeter schrieb für die Abendzeitung und später für die Bunte – immer nah an den Reichen, den Schönen, den Bizarren. Dietl kannte Graeter persönlich und war fasziniert von dessen Mischung aus Chuzpe, Naivität und Skrupellosigkeit.

Mit Kir Royal wollten Dietl und Süskind aber nicht nur eine medienkritische Satire schaffen – sondern ein Gesellschaftsporträt. Sie arbeiteten eng zusammen: Dietl entwickelte die Figuren und den dramaturgischen Bogen, Süskind schrieb die Dialoge, pointiert und oft mit tieferer Bedeutung. Der eine war der Mann des Bildes und der Szene, der andere der des Wortes.

Die Ästhetik: Opernhafte Dekadenz

Die beiden Schöpfer entschieden sich bewusst gegen das übliche Fernsehformat. Sie wählten eine filmische, fast opernhafte Inszenierung: überzeichnete Charaktere, barocke Ausstattung, pointierte Sprache. Kir Royal war nicht einfach eine Fernsehserie – es war eine Milieustudie, eine Farce, ein intellektuelles Spiel mit der Wirklichkeit.

Eine Freundschaft wird zum Meisterwerk

Die Idee zu Kir Royal war das Ergebnis einer einzigartigen Zusammenarbeit: Dietls Gespür für Atmosphäre und Süskinds schriftstellerisches Genie verschmolzen zu einem satirischen Meisterwerk, das bis heute Maßstäbe setzt. Es war ein Werk aus Beobachtung, Ironie – und aus der Lust am Demaskieren der eitlen Welt.

Die Kamera als Feder

Als Helmut Dietl 1986 mit der insgesamt sechsteiligen Serie Kir Royal die deutsche Fernsehlandschaft betrat, war schnell klar, dass hier etwas anderes geschah als die üblichen TV-Erzählmuster der Bundesrepublik. Die Serie war nicht nur bissige Gesellschaftssatire, nicht nur ein munteres Porträt der Münchner Schickeria oder gar ein feuilletonistisches Kleinod. Sie war Literatur. Oder besser: Sie dachte in Literatur.

Ihre Sprache, ihr Rhythmus, ihre Blickachse auf den Menschen waren durchtränkt von Anspielungen, Verweisen, Spiegelungen aus der deutschen und europäischen Literaturgeschichte. Und natürlich war da auch der Name: Kir Royal. Ein Champagnercocktail, den niemand trinkt, weil er Durst hat. Sondern weil er gesehen werden will. Ein Getränk, das wie ein Gesellschaftsspiel funktioniert. Formschön, süßlich, oberflächlich. Und damit der perfekte Titel für ein Werk, das sich mit jener Welt beschäftigt, die sich über Bedeutung erhebt, indem sie sie ignoriert.

Ich selbst habe die Serie erst vor Kurzem entdeckt – und bedaure es. Denn Kir Royal ist mit das Beste, was die Serienlandschaft der 1980er-Jahre an Ironie, Tiefgründigkeit und Persiflage zu bieten hatte. Sie wirkte auf mich wie aus einer anderen Welt. Während zur gleichen Zeit Serien wie Ich heirate eine Familie oder Diese Drombuschs das bürgerliche Glück und das Alltägliche feierten, war Kir Royal ein Blick hinter die Kulissen der Repräsentation – ein eleganter Verriss der Oberfläche.

Man hat das Gefühl, eine kunstvolle Miniatur der Bundesrepublik zu betrachten, die zwischen Welterklärung und Selbstparodie oszilliert. Diese späte Entdeckung wirkt fast wie ein intimes literarisches Erlebnis – wie das Wiederfinden eines Klassikers, der längst in den Kanon gehört, aber viel zu selten genannt wird.

Interpretation, Duktus, Sprache

Süskinds Duktus

Die Sprache der Serie trägt unverkennbar die Handschrift Patrick Süskinds. Sie ist zugleich hochmusikalisch und gnadenlos präzise. Scheinbar beiläufige Sätze enthalten ganze Charakterstudien. Die Dialoge leben von kunstvoller Andeutung, von Ellipsen, von einer eleganten Art der sprachlichen Zurückhaltung, die mehr sagt als sie ausspricht. Jeder Dialog wird zur Bühne, jede Pointe zur Waffe. Sprachlich ist Kir Royal ein Drama aus Schweigen und Spitze, aus Höflichkeit und Häme.

Das Auge trinkt mit: Bildsprache, Musik, Räume

Die Kamera meidet das Spektakel – sie beobachtet, rahmt, komponiert. Bildkompositionen erinnern oft an barocke Stillleben. Das Interieur der Schickeria ist kein bloßes Setting, sondern Metapher für ihre Welt: Messing, Glas, Spiegel, Marmor – Materialien, die blenden, aber keine Wärme spenden. Die Musik von Konstantin Wecker gibt dem Ganzen eine jazzige Eleganz, eine melancholische Ironie, die sich wie ein Schleier über die Bilder legt.

Räume, Musik, Sprache – alles spielt zusammen, um diese Welt zu entlarven, ohne sie zu diffamieren. Die Wohnung von Schimmerlos’ Mutter, das Redaktionsbüro, das Hotelzimmer, in dem Haffenloher sich entblößt – all das sind nicht nur Orte, sondern Seelenlandschaften. Die Kamera bewegt sich darin wie ein Butler: höflich, beobachtend, nie urteilend – aber stets wissend.

Zwischen Presse, Prestige und postfaktischer Prophetie: Die Medienkritik

Baby Schimmerlos ist kein klassischer Journalist. Er ist ein Architekt des Scheins, ein Manager der Wirklichkeit. Seine Kolumne ist kein Fenster zur Welt, sondern ein Rahmen, der bestimmt, was Welt ist. In Kir Royal sehen wir, wie Öffentlichkeit gemacht wird – mit Floskeln, Fotos, Erwähnungen, Gerüchten. Schimmerlos gibt Menschen Sichtbarkeit, aber nie Substanz. Er ist ein Priester der Prominenz, aber kein Gläubiger. Was zählt, ist nicht, was wahr ist, sondern was gelesen wird. Nicht, was passiert – sondern was berichtet wird.

In einer Szene wird das deutlich, als Schimmerlos darüber spricht, ob eine Geschichte „zieht“ – nicht, ob sie stimmt. Diese Haltung ist kein Einzelfall, sondern systemisch. Kir Royal zeigt bereits 1986, was heute Alltag ist: die Herstellung von Wirklichkeit durch Medien. Dietl und Süskind entlarven dabei nicht das Individuum, sondern das Milieu, das Spiel, die Regeln. Sie ahnen, was später unter dem Begriff „postfaktisch“ Furore machen sollte – und sie tun es mit lakonischer Eleganz.

Rezeption, Nachwirkung

Bei Erstausstrahlung wurde Kir Royal gefeiert – aber oft auch missverstanden. Viele Zuschauer lachten über die Dialoge, ohne ihre Tiefe zu erkennen. Andere hielten die Serie für übertrieben – dabei war sie oft nur präzise. Heute, mit medialem Abstand und kultureller Reflexion, wird klar: Kir Royal ist kein Sittengemälde, sondern eine Gesellschaftsanalyse in sechs (genauer: acht) Akten.

Die Serie wurde nie fortgesetzt – vielleicht, weil sie abgeschlossen war. Vielleicht, weil sie alles gesagt hatte. Ihr Einfluss ist dennoch spürbar: in der Art, wie später über Medien gesprochen wurde. In der Klarheit, mit der sie Mechanismen offenlegt. Und in der Unverwechselbarkeit ihrer Sprache. Kir Royal hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der deutschen Fernsehgeschichte eingebrannt – nicht als Event, sondern als Ereignis.

Literaturgeschichtliche Tiefenstruktur und Fernsehtradition

Literarisch ist Kir Royal eng verwandt mit Thomas Manns Zauberberg, mit Musils Mann ohne Eigenschaften, mit Brochs Schlafwandlern. Es ist ein Werk über das Unvermögen zur Authentizität, über die Trägheit des Bürgertums im Zeichen der Repräsentation. Auch Fontane ist zu spüren: Die genaue Beobachtung, die leise Ironie, das Wissen um das Gewicht des Unsagbaren.

Gleichzeitig steht die Serie in einer großen deutschen Fernsehtradition: neben Fassbinders Berlin Alexanderplatz, Edgar Reitz’ Heimat oder den frühen ZDF-Produktionen von Peter Beauvais. Sie gehört zu jenen wenigen Serien, die Literatur nicht nur zitieren, sondern verkörpern. Jede Szene, jeder Dialog, jede Pause atmet den Geist der Hochkultur – nicht als elitärer Anspruch, sondern als ästhetische Haltung.

Kir Royal als modernes Theaterstück: Einheit von Raum, Zeit, Handlung

Was Kir Royal darüber hinaus so einzigartig macht, ist seine fast klassische Dramaturgie. Die Serie funktioniert wie ein modernes Theaterstück – mit einer klaren Einheit von Raum, Zeit und Handlung. Viele Szenen spielen in geschlossenen Räumen, oft mit nur zwei oder drei Figuren. Es gibt kaum Schnitte, wenig Bewegung. Die Spannung entsteht nicht durch Action, sondern durch Sprache, durch Blickwechsel, durch Nuancen.

Die Serie nimmt sich Zeit – für Dialoge, für Schweigen, für Übergänge. Diese Langsamkeit ist kein Mangel, sondern Methode. Sie erzeugt Dichte, Tiefe, Atmosphäre. Man hat das Gefühl, man befindet sich in einem Bühnenraum – einer bürgerlichen Welt, die langsam kollabiert, ohne dass sie es merkt. Oder gerade deshalb.

Die Handlung ist dabei fast nebensächlich. Es geht nicht um „was passiert“, sondern „wie etwas wirkt“. Die Zeitung erscheint, die Kolumne wird geschrieben – doch das Entscheidende geschieht dazwischen: in den Begegnungen, in den Missverständnissen, in den Halbheiten. Kir Royal ist ein Theaterstück in Episodenform – und jede Folge ein kleiner Akt eines viel größeren Dramas.

Stil statt Handlung: Die Ästhetik des Zögerns

Ein weiteres zentrales Stilmittel ist das Zögern. Die Serie erzählt nicht im Tempo des Fernsehkrimis, sondern im Rhythmus des Nachdenkens. Es gibt Pausen, Verzögerungen, scheinbar belanglose Szenen, die erst später Sinn ergeben. Die Kamera bleibt oft stehen, wo andere längst geschnitten hätten. Das wirkt für heutige Sehgewohnheiten fast fremd – und genau deshalb so wohltuend.

Kir Royal ist ein Plädoyer für das Unfertige, das Offene, das Angedeutete. Es verlangt vom Zuschauer kein Urteil – es stellt ihn vor Fragen. Was ist wahr? Was ist gespielt? Wer ist echt? Die Serie liefert keine Antworten – sie schafft Räume für Deutung. Und das ist vielleicht ihre größte Stärke.

Die Serie als literarisches Gedicht

Kir Royal ist nicht nur ein Drehbuch in sechs Teilen, sondern ein literarisches Gedicht in sechs Episoden. Der Rhythmus, die Wiederholungen, die Motive – sie folgen einer Poetik, nicht einer Dramaturgie. Es gibt kein großes Finale, keine Auflösung, keine Katharsis. Es gibt nur Variationen eines Themas: Schein, Stil, Sprachkunst.

Man könnte sagen: Die Serie denkt wie ein Gedicht von Gottfried Benn. Klar, schneidend, formvollendet – und dabei radikal in der Weltverachtung. Aber auch zärtlich. Es gibt Momente der Nähe, der Wärme, der Sehnsucht. Und sie kommen meist dort, wo keiner hinsieht: in einer Geste von Mona, in einem Blick der Mutter, in einem Satz von Herbie. Dietl weiß: Wenn alles laut ist, wird das Leise zur Revolution.

Was uns „Kir Royal“ heute noch lehren kann

In einer Zeit, in der Serien oft auf Tempo, Reizüberflutung und schnelle Pointen setzen, wirkt Kir Royal wie ein entschleunigter Kontrapunkt – ein kulturelles Dokument, das gerade durch seine Langsamkeit, seine Sprachmächtigkeit und seine Ambivalenz besticht. Die Serie erinnert uns daran, dass Ironie kein Selbstzweck ist, sondern eine Form der Weltaneignung. Dass Satire nicht nur entlarvt, sondern auch schützt – vor dem allzu Simplen, vor dem allzu Moralisierenden.

Gerade heute, im Zeitalter der permanenten Verfügbarkeit, der algorithmischen Relevanzproduktion und der sozialen Selbstvermarktung, wirkt Kir Royal wie eine Warnung – und ein Trost. Es zeigt uns, dass Distanz eine Form von Stil ist. Dass man gesellschaftliche Prozesse besser versteht, wenn man sie mit einem Glas Kir Royal in der Hand betrachtet – lächelnd, wissend, erschüttert.

Schimmerlos badet in Informationen – aber er reinigt sich nicht. Er sonnt sich im Glanz – aber wärmt sich nicht. Die Szene zeigt: Wissen ist keine Erlösung mehr, sondern Ware. Und wer verkauft, verkauft sich.

Figuren, Strukturen, Stil

Kir Royal ist auf den ersten Blick eine Satire – auf den zweiten ein Kammerspiel. Die Räume sind eng, die Szenen lang ausgespielt, oft in salondurchwirkten Wohnungen, Redaktionszimmern, Lounges und Hotelbars. Der Zuschauer fühlt sich nicht wie Beobachter, sondern wie Mitbewohner einer durchironisierten Welt, in der alles gesagt wird und nichts geglaubt. Die Figuren sind wie Spielfiguren auf einem dekadenten Schachbrett: Baby Schimmerlos, Herbie, Mona, Striezel, Haffenloher – sie alle bewegen sich in einem Ritual der Wiederholung, das Enthüllung verspricht und Leere enthüllt. Dietl und Süskind nutzen die Enge der Räume als Spiegel der inneren Enge dieser Welt.

Franz Xaver Kroetz als Schimmerlos verkörpert nicht den heroischen Reporter, sondern den zynisch-tragischen Antihelden: einer, der schreibt, um vergessen zu werden. Seine Welt ist eine Welt des Konsums – auch emotional: Er konsumiert Freundschaften, Körper, Informationen. Selbst seine Mutter ist Teil einer innerlich abgeschlossenen Choreografie aus Zigarettenrauch und ungesagten Sätzen. Ihre lakonische Weisheit ist keine Lebenshilfe, sondern ein bürgerliches Echo.



Frauenfiguren in Kir Royal: Mona, Mutter, Mätressen

So männlich dominiert das Spielfeld von Kir Royal scheint – so entscheidend sind die Frauenfiguren als moralische und emotionale Koordinaten. Mona, gespielt von Senta Berger, ist keine bloße Partnerin. Sie ist das still mitlaufende Gewissen der Serie. Ihre Blicke kommentieren, was nicht gesagt wird. Ihre Zurückhaltung spricht mehr als alle Pointen.

Mona liebt Schimmerlos, aber nicht blind. Sie kennt seine Schwächen, seine Eitelkeiten, seine Defizite – und bleibt dennoch bei ihm. Warum? Nicht aus Abhängigkeit, sondern aus Würde. Ihre Liebe ist nicht naiv, sondern wissend. Und ihre Treue ist keine Schwäche, sondern eine Art persönlicher Haltung. Mona ist diejenige, die nicht zynisch wird – und damit die stärkste Figur von allen.

Ähnlich bemerkenswert ist Schimmerlos’ Mutter. Eine Figur, die scheinbar aus der Zeit gefallen ist – mit Tee, Zigaretten, bürgerlicher Weisheit. Doch gerade sie verkörpert jene Art von Souveränität, die den anderen fehlt. Sie urteilt nicht, sie ordnet ein. Ihre Sätze sind lakonisch, aber unerschütterlich. In ihrem Wohnzimmer herrscht eine andere Grammatik – nicht der Medien, sondern der Menschlichkeit.

Und auch die Nebenfiguren – Schauspielerinnen, Wirtinnen, Geliebte – sind nie nur Staffage. Sie sind Spiegel, Kontraste, Korrektive. In einer Serie über Männer, die sich selbst inszenieren, sind es die Frauen, die Wahrheit ausstrahlen. Oft leise. Aber immer verlässlich.

Die Mutter: Wärmflasche, Würde, Weltfremdheit

Kaum eine Szene in Kir Royal ist so still und doch so beredt wie der Moment, in dem Schimmerlos’ betagte Mutter mit der silbernen Warmhaltekanne und einem schwerfälligen Koffer am Münchner Flughafen entlangschreitet. Über ihr donnern die Flugzeuge, sie senkt den Blick, während der Asphalt zittert. Es ist ein Bild von poetischer Prägnanz – fast wie eine gemalte Parabel: Die Mutter bleibt auf dem Boden, buchstäblich. Die Welt ihres Sohnes rauscht über sie hinweg, hoch oben, abgehoben – eine Welt, in die sie nie aufsteigen kann und in der sie auch nie wirklich vorgesehen war.

Sie ist der moralische Gegenentwurf zu Baby Schimmerlos: einfach, genügsam, sorgend, voller Milde – aber mit einem festen Kompass. Und obwohl sie seine Maßstäbe nicht teilt, schützt sie ihn, versorgt ihn, bleibt seine Mutter. Doch eben nur das. Keine Mitspielerin, keine Komplizin. Sie sieht, aber sie gehört nicht dazu. Ihre Fürsorge ist leise, nicht glamourös. Ihre Liebe verlangt nichts. Es ist eine mütterliche Präsenz, die nicht drängt, nicht urteilt – aber auch nie eingeladen wird, an der dekadenten Tafel ihres Sohnes Platz zu nehmen.

Was Schimmerlos dabei nicht auffällt – und worin gerade die Kälte seines Kosmos liegt – ist, dass er nie auf die Idee kommt, ihr zu helfen. Dass seine Mutter in ärmlichen Verhältnissen lebt, scheint ihn nicht zu stören. Die Aufmerksamkeiten, die er Frauen in Champagnerbars zuteilwerden lässt, bleiben ihr verwehrt. Nicht aus Bosheit, sondern aus Gedankenlosigkeit – einer kalten Form von Ignoranz, die gerade in ihrer Unbedarftheit verletzend wirkt.

Und dann ist da diese finale Szene: Der Tod der Mutter fällt zusammen mit einem Moment, der ins Grotesk-Schöne kippt. Sie sieht ihren Sohn auf dem Empfang der Bayerischen Staatskanzlei – sein Auftritt in der Welt der Repräsentation, der Scheinrealitäten. Im Fernseher erklingt das Goethe-Zitat: „Augenblick, verweile doch, du bist so schön.“ In diesem Moment stirbt sie. Als hätte ihr Herz noch gewartet auf diese letzte Vision des Sohnes, ehe es zur Ruhe kommen darf. Es ist ein letzter stiller Liebesdienst – und zugleich ein bitterer Kommentar auf die Leere dieser „schönen“ Augenblicke.

Noch bitterer jedoch ist der Umstand, dass die Mutter in ihren letzten Minuten verzweifelt versucht, diesen einen flüchtigen Moment für sich festzuhalten. Sie müht sich ab, den Videorekorder anzuschließen, will das Bild ihres Sohnes im Glanz der Macht konservieren, ihm – und sich selbst – eine Form von Dauerhaftigkeit geben. Doch die Technik versagt, oder sie versagt an der Technik. Der Versuch scheitert. Der Augenblick vergeht. Kein Band läuft. Nichts wird festgehalten. Und so stirbt sie – in der verzweifelten Geste, dem flüchtigen Glanz Dauer zu verleihen. Doch Kir Royal lässt keine Dauer zu. Alles bleibt Oberfläche. Alles ist Transit. Selbst der Tod.

Wie Baby Schimmerlos dem Tod entgeht – und nichts davon versteht

In der zweiten Folge von Kir Royal, lapidar „Muttertag“ betitelt, verdichtet sich auf engstem Raum das, was Helmut Dietls Erzählweise so besonders macht: seine Fähigkeit, das moralische Defizit einer Gesellschaft in beiläufigen, fast übersehenen Momenten sichtbar zu machen. Im Zentrum steht eine Szene, deren Tragweite sich erst beim zweiten Hinsehen erschließt – und die doch alles sagt über den Zustand der Welt, in der sich Baby Schimmerlos bewegt.

Mona, langjährige Geliebte des Society-Reporters, erscheint auf dem Sommerempfang des Ministerpräsidenten mit einem Entschluss. In ihrer Handtasche trägt sie ein Messer. Die Geste ist nicht überzogen, sondern im Gegenteil: vollkommen kühl. Keine Eifersucht, keine Hysterie. Nur eine Frau, die weiß, dass sie genug gegeben hat – und genug ertragen. Baby hat sie betrogen, belogen, beiseitegeschoben. Jetzt soll es Konsequenzen geben.

Doch dazu kommt es nicht.

Kurz bevor Mona handelt, erreicht Baby die Nachricht vom Tod seiner Mutter. Ein Herzinfarkt. Ausgelöst – so will es die Ironie der Erzählung – durch den Schock, ihren Sohn in der Liveübertragung des Empfangs zu sehen, umringt von Politik, Prominenz und der Lüge einer Welt, in der sie nie heimisch war. Die Mutter, Putzfrau, emotionale Konstante, moralisches Korrektiv, bricht vor dem Bildschirm zusammen.

Und Mona lässt ab.

Nicht aus Liebe. Auch nicht aus Sentimentalität. Sondern weil der Tod der Mutter – dieser letzten realen Verbindung zu etwas Menschlichem – alles andere überlagert. Ein Mord in diesem Moment wäre nicht gerecht, sondern theatralisch. Übertrieben. Vielleicht auch schlicht: unnötig. So bleibt Schimmerlos am Leben. Nicht trotz, sondern wegen des Todes.

Es ist diese Umkehrung der natürlichen Ordnung, die Dietl so präzise beherrscht: Der Zyniker überlebt, weil jemand stirbt, der längst am Rand der Handlung stand. Die Tragödie trifft die Falsche. Der Schaden bleibt beim Zuschauer zurück, nicht bei der Figur.

Denn Baby Schimmerlos begreift nichts. Er nimmt die Nachricht auf wie eine Schlagzeile. Kurzes Innehalten, dann weiter im Text. Keine Reue, kein Wandel, keine Läuterung. Es ist das Markenzeichen der Dietl’schen Figuren: Sie sind nicht bösartig im klassischen Sinne – sondern schlicht nicht in der Lage zur Selbstreflexion. Die moralischen Strukturen, in denen sie handeln, sind brüchig geworden. Reaktionen ersetzen Entscheidungen, Abläufe verdrängen Verantwortung.

Mona hingegen bewahrt in diesem Moment eine Würde, die Baby längst verloren hat. Ihr Verzicht auf die Tat ist kein Schuldeingeständnis, sondern Ausdruck von Klarheit. Sie weiß, dass ihr Gegenüber weder die Strafe verstehen noch den Verlust begreifen wird. Es wäre, in einem fast antiken Sinn, ein nutzloser Mord. Und so zieht sich die Geschichte still zurück – wie bei Dietl üblich – ohne Auflösung, ohne Abrechnung. Nur mit der bitteren Gewissheit, dass der Falsche weitermachen darf.

Diese Szene steht exemplarisch für Dietls Figurenkonzeption. Seine Protagonisten sind oft Getriebene, die keine Ahnung haben, was sie da eigentlich treiben. Und wenn die Welt sie verschont, dann nicht aus Gnade, sondern weil der Zufall schneller ist als das Urteil. Dietls Kosmos kennt keine moralische Ordnung im klassischen Sinn. Was bleibt, ist die absurde, fast beckett’sche Einsicht: Das Leben geht weiter. Weil nichts passiert. Oder weil zu viel passiert ist. Und am Ende bleibt einer übrig, der es nicht verdient hat.

„Weil die Mutter stirbt“ – das ist nicht nur eine bittere Wendung, sondern eine gesellschaftliche Diagnose: Der Preis für das Überleben der Gleichgültigen wird nicht selten von jenen gezahlt, die noch etwas fühlten. Und Dietl, der Menschenbeobachter mit satirischer Schärfe und melancholischem Blick, wusste genau, wie man das zeigt – ohne es je auszusprechen.

Die Tragik des Dr. Haffenloher – Mario Adorf in Höchstform

Dr. Heribert Haffenloher, gespielt von einem hinreißend nuancierten Mario Adorf, ist auf den ersten Blick eine Karikatur des reichen Industriellen: zu laut, zu mächtig, zu peinlich. Er produziert Kleber – ein schlichter, aber symbolisch aufgeladener Werkstoff. Er klebt – aber nichts hält. Nicht die Menschen, nicht die Beziehungen, nicht die Zugehörigkeit, die er so verzweifelt sucht.

Adorf spielt ihn nicht einfach als Parodie. Er verleiht ihm eine Tiefe, eine Verletzlichkeit, eine fast shakespearesche Würde. Hinter der Lautstärke steckt Leere. Hinter dem Geltungsdrang – Einsamkeit. Hinter dem Vermögen – Verzweiflung. In einer der zentralen Szenen sagt Haffenloher, mit bebender Stimme:

„Ich will auch dazugehören.“

Dieser Satz ist kein Ausruf. Er ist ein Bekenntnis. Ein Hilferuf. Ein Echo der Menschlichkeit inmitten einer Welt der Etikette. Haffenloher kauft Champagner, Anzeigen, Artikel – doch niemand trinkt mit ihm. Niemand liest ihn. Niemand besucht ihn freiwillig. Und so wird aus dem mächtigen Unternehmer eine Figur von tragischer Würde.

Die Szenen, in denen Adorf allein gezeigt wird – im Bademantel, auf der Terrasse, im Gespräch mit sich selbst – zählen zu den stärksten Momenten der Serie. Sie zeigen, was Kir Royal jenseits der Satire leistet: die große Kunst der Empathie mit den Verlorenen. Haffenloher ist nicht Opfer der Medien – er ist Opfer seiner selbst. Und Mario Adorf spielt das mit einer zarten Wucht, die unvergesslich bleibt.

„Ich scheiß dich so was von zu mit meinem Geld“
Haffenlohers Monolog als Totentanz des entkernten Kapitalismus

Kaum ein Satz aus der deutschen Fernsehgeschichte hat sich so unauslöschlich ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt wie Dr. Heribert Haffenlohers Ausbruch in der ersten Folge von Kir Royal. Es ist nicht nur ein Wutausbruch, nicht nur ein Monolog – es ist ein existenzielles Manifest. Und ein entlarvendes.

„Ich scheiß dich so was von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr hast. Irgendwann nimmst du es, dann bist du mein Knecht, dann mach ich mit dir, wat ich will.“

Was hier sprachlich auf den ersten Blick wie ein grotesker Entgleisungsversuch wirkt, ist in Wahrheit von hoher literarischer Dichte – und von tragischer Tiefe. Haffenloher spricht nicht aus einer Position souveräner Macht, sondern aus dem Abgrund radikaler Verunsicherung. Sein Geld ist nicht Ausdruck innerer Stärke, sondern letzter Rettungsring einer entleerten Existenz. In seinem Monolog vermischt sich der Gestus eines Oligarchen mit der Seele eines ausgestoßenen Kindes.

Die Kraft des Monologs liegt in seiner Widersprüchlichkeit. Der Satz „Ich scheiß dich zu mit meinem Geld“ ist keine Drohung – es ist ein Gebet. Haffenloher bettelt. Er bettelt um Nähe, um Freundschaft, um Zugehörigkeit. Seine Sprache ist überdeutlich, vulgär, ja pornografisch – nicht im sexuellen, sondern im ökonomischen Sinn: Sie stellt das Intimste zur Schau, das in seiner Welt noch existiert – das Kapital.

Denn in Haffenlohers Wirklichkeit ist Geld nicht mehr Mittel, sondern Substanz. Es ersetzt Gefühl, Geschichte, Gewissen. Wenn er mit Geld „zukleben“ will, dann klebt er in Wahrheit seine eigene seelische Leerstelle zu. Er will Besitz, weil er nicht geliebt wird. Und weil er nicht geliebt wird, will er besitzen. Ein Teufelskreis – ganz im goetheschen Sinne. Hier spricht ein Faust ohne Gretchen. Ein Mephisto im Bademantel.

Die Wortwahl – „zukleben“, „reinstecken“, „ruinieren“ – ist von brutaler Körperlichkeit. Haffenloher denkt nicht relational, sondern invasiv. Geld ist bei ihm nicht Transaktion, sondern Penetration. Besitz bedeutet für ihn nicht Sicherheit, sondern Macht über den anderen. Und genau in dieser Logik offenbart sich die perverse Sexualität eines Systems, das alles ökonomisiert – auch das Zwischenmenschliche.

Dabei ist die Szene in höchstem Maße spenglersch: Sie zeigt den Typus des zivilisatorischen Endmenschen, der in der völligen Äußerlichkeit lebt. Was bei Spengler als „spätrömischer Mensch“ bezeichnet wird – jener, der nur noch in Symbolen, Repräsentationen, Geldströmen und Statuscodes denkt –, das kulminiert in Haffenlohers Auftritt. Seine Worte sind nicht Ausdruck innerer Tiefe, sondern letzter Versuch, sich in der postheroischen Welt des Fernsehens einen Platz zu erkaufen.

Und genau darin liegt die Tragik: Haffenloher weiß um seinen Ausschluss. Er weiß, dass er in der Welt der kulturellen Distinktion, der wechselseitigen Ironie und der urbanen Codes nur als Geldgeber akzeptiert wird – niemals als Mitspieler. Deshalb der Zorn. Deshalb die Vulgärgewalt. Deshalb die Eskalation.

Dass Mario Adorf diesen Monolog nicht als bloße Replik eines Cholerikers, sondern mit einer fast sakralen Körperlichkeit spielt, gibt der Szene ihre Tiefe. Sein Gesicht verzerrt sich nicht in Wut, sondern in Trauer. Seine Stimme droht nicht, sie fleht. Und als er am Ende sagt:

„Ich will doch nur dein Freund sein – und jetzt sag Heini zu mir.“

– da zerbricht alles. Die Drohung, die Gewalt, die Maskerade. Was bleibt, ist ein einsamer Mann im Designerbademantel, der weiß: Niemand wird jemals freiwillig „Heini“ zu ihm sagen.

Diese Szene ist das emotionale Epizentrum von Kir Royal. Sie zeigt nicht nur die Tragik einer Figur, sondern die Entmenschlichung eines ganzen Milieus. Haffenloher ist nicht der Karikierte – er ist der Wahrhaftige unter den Maskierten. In seiner Verzweiflung liegt mehr Wahrheit als in all den ironisch gewendeten Posen der übrigen Gesellschaft. Und damit ist er, so grotesk es klingt, vielleicht die einzige Figur in dieser Serie, die noch zum Fühlen fähig ist.

Was er fühlt, ist das große Nichts.

Die Unsichtbaren: Herbie, der Fotograf – und die Macht der Perspektive

Oft übersehen wird die Rolle von Herbie, dem Fotografen. Er ist ständig dabei – doch selten im Zentrum. Und genau das ist seine Funktion. Er ist der stille Beobachter, der Mitwisser, der immer einen Schritt hinter Schimmerlos bleibt. Ohne Herbie gäbe es keine Bilder, keine Beweise, keine Sichtbarkeit. Doch er kommentiert nicht. Er protokolliert.

Herbie ist das Gewissen ohne Urteil. Er sieht alles – und sagt nichts. Man könnte sagen: Er ist der Zuschauer in der Serie. Einer, der das Spiel kennt, aber nicht mitspielt. Der weiß, was läuft, aber nicht hineinläuft. Er steht für eine Form von Moral, die sich nicht durch Worte, sondern durch Haltung ausdrückt. Seine Loyalität ist leise, aber unerschütterlich.

Und auch darin zeigt sich die literarische Struktur von Kir Royal: Jede Figur hat eine Funktion. Und jede Funktion ist durchdacht. Herbie ist nicht nur der Mann mit der Kamera. Er ist die Kamera – im doppelten Sinne. Er sieht. Und er zeigt. Und oft sieht man durch ihn – ohne es zu merken.

Die Nebenrollen in „Kir Royal“ – Randfiguren mit Tiefenschärfe

Es sind die Nebenrollen, die Randerscheinungen, die Halbgesichter im Halbdunkel der Hotelbars, Fahrgastzellen und Empfangshallen, die das gesellschaftliche Tableau nicht bloß säumen, sondern in ihrer Stille erden. Und in dieser Stille sprechen sie. Vielleicht leiser, aber nicht weniger klar. Ganz im Gegenteil: Ihre Stimme hallt nach – als ironischer Nachsatz, als humane Fußnote, als leises Gewissen einer brüllenden Epoche.

Da ist Rudolf Wesselys Sedlacek, der Portier im Bayerischen Hof, ein Mann, der aus einer anderen Zeit herüberzureichen scheint. In seiner Haltung liegt etwas Erhabenes, beinahe Sakrales. Er ist nicht bloß ein Hotelangestellter, sondern ein Hüter der Form, ein Zeremonienmeister des Taktgefühls, das sich der Rest der Serie längst abgewöhnt hat. Sein Lächeln ist diskret, sein Blick wach, seine Sprache knapp und durchweht von einer Bildung, die niemals prahlt, sondern stets bescheidet. Sedlacek ist das personifizierte Wissen um die verborgene Würde der Dienenden, ein standhafter Rest jenes Europas, das sich noch nicht vollständig dem Lärm und der Gier verschrieben hat. In einer Welt, in der sich die Gäste des Hauses täglich neu entwürdigen, ist er der letzte Gentleman.

Püppi, von Harald Leipnitz mit morbider Grandezza gespielt, gleicht einem melancholischen Refrain aus längst verklungenen Nächten. Man sieht ihn, diesen alternden Beau, und begreift sofort: Hier sitzt ein Mann, der von seiner Vergangenheit lebt wie andere von Dividenden. Sein Blick schweift, seine Stimme flattert, sein Körper ist noch immer präsent, doch sein Zentrum scheint bereits abgedankt zu haben. Püppi ist Erinnerung in Menschengestalt, eine wandelnde Reminiszenz an Champagnernächte und die erotische Währung des Charmes. Und doch haftet ihm nichts Lächerliches an – im Gegenteil. Sein Verfall ist eine Chiffre für das ganze Milieu: glänzend von außen, brüchig im Innern, auf ewig dem Glanz vergangener Tage verpflichtet.

Ganz anders Paula, kongenial verkörpert von Peter Kern, jene explosive Figur, die zwischen Travestie und Tragödie oszilliert. Paula ist kein Mensch wie jeder andere – sie ist Provokation und Poesie zugleich, ein leuchtendes Gegenbild zur bürgerlichen Erstarrung. In ihren Bewegungen liegt etwas Rebellisches, in ihrer Sprache eine zärtliche Unverschämtheit. Sie ist ein Wesen außerhalb der Ordnung, aber nicht außerhalb der Wahrheit. Während andere sich in Konventionen verkriechen, lebt Paula – kompromisslos, laut, sichtbar. Sie ist nicht nur queer, bevor das Wort seinen politischen Klang bekam, sondern vor allem: ehrlich. In einer Welt der Masken ist sie die einzige, die sich zeigt. Ihr Schmerz ist offen, ihr Humor scharf, ihre Existenz eine permanente Aufforderung zur Selbstprüfung.

Und dann ist da der Taxifahrer, gespielt von Walter Kraus – ein kantiger Mann, der mehr weiß, als ihm lieb ist. Er fährt, er hört zu, er schweigt. In seinem Wagen treffen die Welten aufeinander: Glamour und Gosse, Macht und Verfall, Anmache und Abrechnung. Sein Humor ist trocken wie das Streusalz auf Münchens Winterstraßen, seine Beobachtungen treffen wie Hiebe mit der Fliegenklatsche. Er ist ein Chronist ohne Notizblock, ein Seismograph der Eitelkeiten. Während er seine Fahrgäste durch die Nacht chauffiert, begleitet er auch das Publikum durch die Abgründe der Hochglanzwelt. Er ist das grobkörnige Schwarzweiß-Foto im Album der Farbfotos – wahrer, ehrlicher, näher.

Edgar Selges Oberkellner wiederum verkörpert jene stille Autorität, die in Zeiten der Lautstärke beinahe verschwunden scheint. Sein Gesicht ist schmal, sein Gang präzise, seine Sprache messerscharf dosiert. Er weiß um die Regeln des Spiels, aber er spielt nicht mit. Er agiert – diskret, souverän, unangreifbar. Er steht an der Grenze zwischen Küche und Bühne, zwischen Dienst und Distanz. In seinem Blick liegt eine Weltläufigkeit, die nicht protzt, sondern prüft. Der Oberkellner ist das lebende Korrektiv einer Szene, die sich im Selbstlob verliert. Er serviert keine Meinung, aber seine Präsenz kommentiert alles. Er ist der letzte Vertreter einer Kultur des Dienens, die man heute gerne als nostalgisch belächelt – zu Unrecht.

Corinna Drews‘ Lisa, das blonde Ornament der Serie, ist auf den ersten Blick nichts als ein hübsches Gesicht – und auf den zweiten ein tragisches Symbol. Sie ist schön, ja, aber diese Schönheit ist keine Waffe, sondern eine Last. In ihrer stummen Präsenz liegt eine ganze Bibliothek unausgesprochener Monologe. Sie ist das Mädchen, das zu oft übergangen wurde, die Frau, die man betrachtet, aber nie wirklich sieht. Lisa existiert in der Schwebe – zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Dekoration und Bedeutung. Ihre Einsamkeit schimmert hinter dem Lächeln wie kaltes Neonlicht. Man will ihr helfen – aber man weiß nicht wie. Und vielleicht ist das ihr größter Triumph: dass sie unter all dem Silikon der Oberfläche doch verletzlich bleibt.

Martin Wimbush als Dr. Carl Friedmann bringt eine ganz andere Farbe in das Tableau: die kühle Effizienz des angelsächsischen Geschäftssinns. Friedmann ist kein Spieler, er ist der Regisseur. Ein Mann, der Medien nicht liebt, sondern nutzt. In seiner Sprache liegt keine Leidenschaft, sondern Logik. Er betritt die Bühne wie ein Analyst ein Labor: nüchtern, präzise, mit klarer Agenda. Friedmann ist die Zukunft der Kommunikation – entpersonalisiert, durchrationalisiert, unberührbar. Er verkörpert den Moment, in dem Journalismus zur Ware wird, zur kalkulierbaren Rendite. Kein Pathos, kein Zögern, kein Staunen – nur Strategie. Und gerade dadurch wird er zur gefährlichsten Figur im Ensemble.

Und schließlich Wolfi, der Barkeeper, meisterlich verkörpert von Heinz Werner Kraehkamp. Wolfi ist das stille Herz der Nacht, ein Mann, der mehr Seelen gestreichelt hat als Gläser poliert. Er hört zu, er gießt nach, er schweigt – und genau darin liegt seine Kraft. Sein Tresen ist ein Ort der Beichte, sein Blick ein Trostpflaster, seine Gestalt die letzte Humanität in einem Zirkus der Zyniker. Wolfi ist der Einzige, der nichts will – und dadurch alles gibt. In seinen Gesten liegt kein Kalkül, sondern Wärme. Er ist der Zuschauer im Stück, der doch nicht nur Zuschauer bleibt. Ein stiller Verbündeter, ein Schutzheiliger der Gestrandeten.

In der Summe sind diese Nebenrollen weit mehr als Staffage. Sie sind das fein gezeichnete Ornament an den Säulen einer Gesellschaft, die längst rissig ist. Sie verleihen der Serie ihre Tiefe, ihren Ton, ihre Wahrheit. Denn dort, wo die Schlagzeilen enden, beginnt die Literatur – und Kir Royal ist, im besten Sinne, beides.

Stichflammen am Rand der Schickeria

Konstantin Wecker, Dieter Krebs und Dirk Bach als subtile Miniaturen im grellen Gesellschaftspanorama

In den kleinen Rollen – oft nur wenige Minuten lang – liegt eine stille, manchmal gnadenlose Präzision. Sie kommentieren das große Schauspiel, ohne selbst mitspielen zu wollen. Drei dieser Figuren, gespielt von Konstantin Wecker, Dieter Krebs und Dirk Bach, sind keine Karikaturen, sondern sorgfältig platzierte Spiegel: Sie reflektieren die Farce, die sie umgibt – mal lakonisch, mal boshaft, mal resigniert.

Konstantin Wecker, sonst als moralischer Liedermacher bekannt, tritt hier nicht als Protestfigur auf, sondern als stoisch-unbeeindruckter Tonmeister im Aufnahmestudio. Während Hanna Schygullas Schlagersirene Sissi Gohlke vokal entgleist und Schimmerlos das Projekt mit der ganzen Würdelosigkeit des Boulevards befeuert, sitzt Wecker reglos hinter dem Mischpult. Keine Pose, kein Pathos – nur die kühle Gelassenheit eines Mannes, der das Showgeschäft besser kennt, als ihm lieb ist. In seinem Schweigen liegt ein ganzes Urteil über die Seichtheit der Unterhaltungsbranche.

Dieter Krebs, zu Lebzeiten einer der klügsten Komiker des Landes, spielt den Friseur von Mona – und tut das mit einer Mischung aus ironischer Eleganz und fein dosierter Herablassung. Seine Figur ist eitel, zickig, wunderbar überdrüssig – eine Karikatur des Schöngeists im Dienst der Bussi-Bussi-Gesellschaft. Unter dem seidig-professionellen Ton liegt eine kaum verhohlene Verachtung für das Getue der Kundschaft. Der Salon wird so zur Bühne, Krebs zum Chorführer des stillen Spottes.

Und dann ist da noch Dirk Bach, jung, leise, fast stumm – aber unvergesslich. Als Empfangschef irgendwo im Luxuskosmos verkörpert er mit einem einzigen höflichen Lächeln die ganze Anpassungsleistung des kleinen Rades im großen Getriebe. Sein devoter Gestus, die unterwürfige Freundlichkeit – das ist die stille Infrastruktur der Dekadenz, die dafür sorgt, dass die High Society sich reibungslos selbst feiert. Bach zeigt in Sekunden, wie man mit Haltung Haltung verliert.

Transatlantische Spiegel: Kir Royal, Californication und das Fernsehen der Männlichkeitskrise

Kir Royal, Serie 1980er Jahr, Porsche
Baby Schimmerlos fährt einen Porsche, so wie Hank Moody in Califrnication.

Ein naheliegender Vergleich – nicht nur stilistisch, sondern strukturell – ist der zwischen Kir Royal und der US-Serie Californication. Beide haben zentrale männliche Figuren, die gleichermaßen ironisch, verletzt, intellektuell und hedonistisch gezeichnet sind. Baby Schimmerlos und Hank Moody, gespielt von David Duchovny, könnten Brüder sein – im Geiste, im Scheitern, im Charme.

Beide fahren Porsche. Beide trinken zu viel. Beide lieben Frauen – und verlieren sie. Beide schreiben – und haben das Schreiben irgendwie verloren. Und beide wissen, dass sie kaputt sind – und machen doch weiter. Doch bei aller Ähnlichkeit gibt es einen zentralen Unterschied: Während Hank Moody noch auf eine Art Erlösung hofft, auf eine Art Vergebung, hat Schimmerlos längst resigniert. Er lebt nicht gegen das System, sondern mit ihm – als Teil, als Nutznießer, als Ermüdeter.

Darin liegt die eigentliche Tragik. Der amerikanische Held – so gebrochen er auch ist – trägt noch den Glanz der Möglichkeit in sich. Der deutsche Held von Kir Royal hingegen ist längst ein Wiedergänger. Er lebt nicht, er zitiert sich selbst. Nicht als Pose – sondern aus Überzeugung. Und das macht ihn unendlich vielschichtiger.

Kir Royal und die politische Tiefe hinter dem Glamour

Oberflächlich betrachtet ist Kir Royal eine Serie über die Münchner Gesellschaft der 1980er – über Schauspielerinnen, Werbeleute, Geschäftsleute, Würdenträger. Doch bei genauerem Hinsehen wird deutlich: Dietl und Süskind zeichnen auch ein politisches Sittenbild. Denn hinter jeder Glanzfassade steckt die Frage nach Einfluss, nach Macht, nach öffentlicher Meinung.

Der Kardinal, der diskret seine Missbilligung äußert. Der Industrielle Haffenloher, der Sichtbarkeit kaufen will. Der Redakteur Wagerl, der lieber schweigt, um keinen Anruf aus dem Verlag zu riskieren. All das sind keine Nebenstränge, sondern Kernmotive. Sie zeigen: Öffentlichkeit ist nicht neutral. Sie ist ein Feld der Kräfte. Und Kir Royal ist ein frühes, aber präzises Fernsehstück über eben dieses Machtfeld.

Die Rolle Münchens – Stadt als Spiegel

Kir Royal München
Mehr als Kulisse in Kir Royal, sondern urbanes Szenenbild: München

München ist nicht nur Schauplatz. Die Stadt ist eine Figur. Sie ist mehr als Kulisse – sie ist Symbol. In Kir Royal zeigt sich die bayerische Landeshauptstadt nicht als „Weltstadt mit Herz“, sondern als urbane Bühne der Eitelkeit. Die Cafés, die Kanzleien, die Theaterfoyers – das alles sind Milieus der Repräsentation. Und wer nicht repräsentiert, existiert nicht.

Die Stadt strahlt eine gepflegte Kälte aus. Alles ist schön – aber nichts ist warm. Dieses München ist keine Heimat, sondern ein Laufsteg. Und so wird die Stadt zur Bühne für das große Spiel des Scheins. Dietl zeigt uns eine Metropole der Masken – viel Licht, viel Glas, wenig Nähe. Und gerade dadurch wird München zur Metapher für die westdeutsche Gesellschaft der 1980er-Jahre: wohlhabend, müde, funktionsfähig – aber leer.

Die Wohnung des notorischen Boulevardschriftstellers Baby Schimmerlos befand sich im sogenannten Wappenhaus – einem Bau, der selbst noch im Spätnachmittag der Monarchie Eindruck zu schinden wusste. An der Ecke Nymphenburger- und Maillingerstraße thronte das Gemäuer wie eine ironische Reverenz an vergangene Pracht: stattlich, würdevoll und ein wenig aus der Zeit gefallen – wie sein Bewohner. Dort residierte Schimmerlos, halb Bohémien, halb Barhocker, zwischen Manuskript und Minibar, stets am Rande eines Leads und am Rande eines Katers. Die Wohnung war lichtdurchflutet, elegant verwohnt, mit jener gewissen Patina, die sich nicht imitieren lässt – ein Innenleben wie ihr Besitzer: etwas zerzaust, latent verkatert, aber stets von einer Aura der Wichtigkeit umweht.

Nicht weit davon entfernt logierte die Wirklichkeit der Macht – natürlich im Hotel Bayerischer Hof, jenem großen Stillleben aus Kristall, Teppich und diskreter Arroganz. Hier wurden Minister empfangen, Models verladen, Allianzen geschmiedet – und auch wieder aufgelöst. Der Bayerische Hof war nicht einfach ein Hotel, sondern ein Gesellschaftskatalysator. Die Lobby: halbes Wohnzimmer, halber Umschlagplatz für Gerüchte mit Restwärme. Der Sekt floss wie Wasser, das Lächeln war scharf geschliffen. Wer hier wohnte, wollte gesehen werden. Wer hier arbeitete, wusste mehr, als ihm lieb war.

Ein paar Straßenzüge weiter, in der Schulstraße Ecke Wilderich-Lang-Straße, verwandelte sich eine eher unscheinbare Gaststätte in das Champs Elysées – das Nachtlokal mit dem Glanz von Paris und der Realität von Neuhausen. Hier funkelte die Illusion wie ein schlecht kopiertes Cartier-Armband. Aber das störte niemanden. Denn wer im Champs Elysées saß, war längst Teil der Erzählung. Man musste dort nicht sprechen – es reichte, bestellt zu haben.

Noch eine Prise absurder wurde es in der Villa Medici, einem vorgeblich noblen Restaurant, das – und das ist kein Witz – in der Aussegnungshalle des Ostfriedhofs beheimatet war. Hier wurde nicht mehr getrauert, sondern getafelt. Und zwar mit all dem Pathos, das ein solcher Ort hergibt: hoher Raum, tiefer Sinn, gepaart mit bester Weißweinschorle. Der Tod wurde zur Tapete, das Menü zur Messe. Dietl, der große Ironiker, hätte den Ort kaum treffender wählen können. Wer dort speiste, ahnte: die Dekadenz ist kein Zustand – sie ist ein Stilmittel.

In der dritten Folge besucht man den exaltierten Kunstmaler Schildkraut. Angeblich lebt er am Starnberger See – tatsächlich aber ist seine Villa ein verwunschenes, leicht angeschlagenes Prachtstück am Hochufer der Isar in Pullach: die Villa Bellemaison. Sie wirkt wie eine Diva, die ihren letzten großen Auftritt vergessen hat – und gerade deshalb perfekt. Schildkraut, halb Genie, halb Schnapsidee, passt sich diesem Ambiente an wie ein vergilbtes Ölgemälde an die Wandverkleidung.

Für die gepflegte Staatsnähe wählte Dietl das Aubergine am Maximiliansplatz – jenen legendären Gourmettempel, in dem einst Feuilletons geschrieben wurden, bevor der Hauptgang serviert wurde. Hier tafelte Schimmerlos mit dem Polizeipräsidenten, als ginge es um ein außenpolitisches Gipfeltreffen – aber eben mit Dessert. Gespräche wurden dort nicht geführt, sie wurden angerichtet. Und jedes Glas trug den Subtext gleich mit auf dem Tablett.

Der Empfang für die Königin von Mandalien – ein Stück surrealer Protokoll-Klamauk, wie ihn nur Dietl inszenieren konnte – sollte in der ehrwürdigen Glyptothek stattfinden. Jene klassizistische Stätte antiker Statuen wurde kurzerhand zum diplomatischen Schauplatz – mit ironischem Sprengstoff. Denn natürlich platzte der Empfang, wie es sich für eine Satire von Weltformat gehört: nicht laut, aber mit Stil.

Auch der Ministerpräsident bekam seinen Auftritt. Er residierte im Prinz-Carl-Palais, wo er mehr repräsentierte als regierte, und mehr nickte als entschied. Aber dafür ist das Palais auch gemacht: Es trägt das Gewicht der Bedeutung, ohne sich selbst zu verbiegen. Von hier aus nahm er Schirmherrschaften entgegen – etwa beim sommerlichen Empfang unter der Bavaria, dieser bronzenen Wuchtfigur, die wie eine Mischung aus olympischer Göttin und bayerischer Bierkönigin über die Szene wachte. Wer hier stand, hatte es geschafft. Oder war zumindest im Bild.

Für den betuchten, leicht ranzigen Kolonial-Industriellen Konsul Dürkheimer, der am liebsten mit Whisky in der einen und Zigarrenrauch in der anderen Hand sprach, fand man eine treffende Residenz: das Schloss Au in der Hallertau. Es war nicht bloß ein Ort, sondern ein Statement – barock, entrückt, anmaßend schön. Wer hier lebte, sprach nicht mehr – er ließ sprechen.

Selbst die Ankunft der Königin wurde zum ironischen Masterstroke: Sie landete nicht etwa im protokollarischen Stillstand eines Großflughafens, sondern auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck – ein Ort mit historischer Schwere, dem hier mit filmischer Leichtigkeit begegnet wurde. Der Pathospegel sank, der Spottpegel stieg. So geht Dietl’sche Entladung.

Und zuletzt Monas Gesangsauftritt, jener bittersüße Moment zwischen Gänsehaut und Fremdscham, fand in der ehrwürdigen Lach- und Schießgesellschaft statt. Jenem Kabaretttempel, in dem einst politischer Witz geschmiedet wurde – und nun eine Sängerin stand, die mehr Pathos als Stimme hatte. Doch genau darum ging es. Mona singt nicht für Ruhm – sie singt, weil man sie lässt. Oder weil niemand Nein sagt.

So ergibt sich eine Karte von München, die mehr erzählt als jeder Reiseführer. Ein München aus Glanz und Gier, aus Schein und Sein. Dietls Drehorte sind keine Kulissen – sie sind Koordinaten einer Gesellschaft, die sich selbst im Spiegel betrachtet und dabei fragt: Ist das noch echt – oder schon Fernsehen?

Die Ausstattung als Subtext: Kostüm, Kulisse, Symbol

Ein weiterer Aspekt, der Kir Royal so besonders macht, ist seine visuelle Dichte. Die Kostüme, das Interieur, die Requisiten – alles erzählt mit. Babys Anzüge – immer ein wenig zu glatt, zu modisch. Haffenlohers Bademantel – Symbol der Einsamkeit inmitten des Luxus. Striezels Accessoires – Ausdruck intellektueller Kontrolle. Und Monas Kleidung – zurückhaltend, unprätentiös, aber stilvoll.

Nichts in dieser Serie ist zufällig. Jede Lampe, jede Gardine, jedes Glas steht an seinem Platz – als Ausdruck einer inneren Haltung. Die Ästhetik der Räume ist keine Dekoration, sondern ein Spiegel der Figuren. So wie man in der Literatur von Raumsemantik spricht, kann man hier von einer Fernsehbild-Semantik sprechen. Die Wohnung der Mutter steht für ein anderes Jahrhundert – leise, würdevoll, verraucht. Der Zeitungskeller für die unterirdische Macht. Das Hotelzimmer für die Unverbindlichkeit der Begegnung.

Warum „Kir Royal“ nicht verfilmt werden könnte – heute

Viele Serien der 1980er sind schlecht gealtert. Kir Royal nicht. Aber sie könnte heute nicht mehr neu gedreht werden. Nicht in dieser Form. Nicht mit dieser Ruhe, dieser Sprache, dieser Ironie. Die Medienlandschaft ist heute schneller, aggressiver, schlichter. Und genau das zeigt, wie besonders diese Serie war – und bleibt.

Kir Royal ist ein Produkt seiner Zeit – aber kein Gefangener. Es ist ein Werk, das heute aktueller ist denn je. Gerade weil es sich der Geschwindigkeit verweigert. Gerade weil es nicht gefallen will. Gerade weil es keine Message hat – sondern Haltung. Dietl und Süskind haben etwas geschaffen, das bleibt. Und das ist vielleicht das Schönste, was man über eine Serie sagen kann.

Der Preis der Echtheit – Schimmerlos und der Ernstfall der Authentizität

In der fünften Folge von Kir Royal erreicht die Serie einen ihrer bittersten, ja fast tragischen Momente: Ausgerechnet der notorisch schillernde Klatschreporter Baby Schimmerlos, dieser geölte Gockel des Münchner Boulevardmilieus, handelt plötzlich – man mag es kaum glauben – authentisch. Nicht aus Kalkül, nicht aus Karrierehunger, sondern aus Überzeugung. Oder, präziser gesagt: auf Anweisung seiner Partnerin.

Was folgt, ist eine gesellschaftliche Exekution in Zeitlupe. Der Mann, der bislang durch jede noch so verlogene Soirée tänzelte wie ein satter Kater durch Sahne, erfährt, was es heißt, den moralischen Ernstfall zu proben. Die Konsequenzen sind ebenso rigoros wie entlarvend: Das Telefonschränkchen schweigt, die Aufträge bleiben aus, der stählerne Panzerschrank gesellschaftlicher Zugehörigkeit fällt krachend ins Schloss. Und nicht nur symbolisch: Auch sein Auto wird demoliert, seine Reputation mit kalter Präzision seziert – wie ein falscher Titel in der Abendzeitung.

Es ist die vielleicht aufschlussreichste Episode der ganzen Serie, weil sie dem Zuschauer gnadenlos vorführt, wie dünn die Membran ist, die Eitelkeit von Echtheit trennt. In dem Moment, in dem Schimmerlos versucht, sich selbst treu zu sein, verliert er alles, was ihm die Maskerade einst eingebracht hatte: Status, Einfluss, ja sogar die Gunst jener, die sich selbst doch längst dem Komödiantischen des öffentlichen Lebens verschrieben haben.

Authentizität, so lehrt uns Helmut Dietl in dieser Folge, ist im Kosmos der Schickeria kein Ideal, sondern ein Affront – eine Ungehörigkeit, die sofort geahndet wird. Wer den Pakt mit der Pose aufkündigt, steht schneller draußen, als man „Champagnerempfang“ sagen kann. Für Schimmerlos bedeutet das eine schmerzhafte Entzauberung – und für den Zuschauer einen Moment fast aristotelischer Katharsis: Mitleid mit dem Blender, Furcht vor der eigenen Kompromittierbarkeit.

Bussi links, Bussi rechts – und kein Gedanke dazwischen

Die Schickeria als Sinnbild einer entpolitisierten Gesellschaft im Vorabend ihres kulturellen Zusammenbruchs

Die Schickeria, wie sie in Kir Royal porträtiert wird – all diese geschmeidigen Gestalten zwischen Feuilleton und Föhnfrisur, zwischen Barockmöbel und Bussi-Bussi – sie steht sinnbildlich für eine Entpolitisierung, die in den 1980er-Jahren zur kulturellen Signatur der alten Bundesrepublik wurde. In ihrem weltvergessenen Hedonismus, in ihrer selbstgerechten Ironie und der Ablehnung jeder „großen Idee“ wurde diese Gesellschaftsschicht zum Resonanzraum einer Linken, die ihren Marsch durch die Institutionen längst abgeschlossen hatte.

Was sich äußerlich als mondäne Weltläufigkeit präsentierte – Designermode, Antifaschismus im Nebensatz, Lichterketten gegen Rechts auf dem Weg zum Opernball – war in Wahrheit die kulturalistische Maskerade einer Ideologie, die Politik durch Haltung, und Haltung durch Habitus ersetzt hatte. Der „linksliberale Humanismus“ der Schickeria war kein Weltbild mehr, sondern ein Konsumprodukt, das in Designhäusern inszeniert, auf Vernissagen gereicht und in der Lounge des Bayerischen Rundfunks verköstigt wurde.

Für eine neue rechte Perspektive offenbart sich in dieser Welt nicht nur der Verlust des Politischen, sondern der tiefere Niedergang eines ganzen Zivilisationszyklus. Kir Royal wird in dieser Lesart zum kulturellen Beweisstück für eine Diagnose, wie sie Oswald Spengler mit Der Untergang des Abendlandes 1918 grundgelegt hat. Spengler beschrieb eine Phase, in der Kultur zur Zivilisation degeneriert – ein Stadium, in dem alles Lebendige, Mythische, Glaubensstarke bereits abgetreten ist und durch kalte Formen, leere Rituale, ästhetische Selbstbespiegelung ersetzt wurde.

Die Münchner Schickeria erscheint in Dietls Serie als genau dieser zivilisatorische Endzustand: ein Ornament auf dem Grabstein der bürgerlichen Kultur. Ihre selbstgewisse Urbanität, ihre ironische Distanz zu allem Erhabenen, ihr Fetisch für das Modische – das ist nicht Aufklärung, sondern Erschöpfung. Nicht Freiheit, sondern Laxheit. Nicht Emanzipation, sondern Ermüdung.

Das Leere in dieser Gesellschaft wird dabei nicht mehr als Mangel empfunden, sondern als Chic. Der Verzicht auf Tiefe gilt als Beweis von Weltläufigkeit. Der Nihilismus wird Champagner-süß serviert – als Kir Royal. Und während die Gäste einander zuprosten auf sich selbst, vollzieht sich unbemerkt jener Epochenbruch, den Spengler einst so formulierte: „Zivilisation ist das unausweichliche Schicksal einer Kultur. Sie ist das Ende.“

So betrachtet, ist die Schickeria nicht nur ein Phänomen der 80er. Sie ist das Ornament einer untergehenden Welt. Ihre salbungsvolle Ironie, ihr unpolitisches Lächeln, ihr kultivierter Narzissmus – sie stehen am Ende einer Entwicklung, die von der metaphysischen Tiefe des Abendlandes zur Oberflächenästhetik der Clubkarte geführt hat. Und so liegt in der Serie Kir Royal, wenn man genau hinhört, ein Abgesang – keine Satire, sondern ein Requiem.

Warum mich „Kir Royal“ nicht mehr loslässt

Ich habe Kir Royal viel zu spät entdeckt. Und vielleicht war genau das der Grund, warum es mich so tief getroffen hat. In einer Zeit der Streaming-Dauerbeschallung, der Serienmassenware, des dramatisch überzeichneten Storytellings, fiel diese Serie wie ein altes, gut erhaltenes Manuskript in meine Gegenwart. Ein Werk, das sich nicht an den Zuschauer heranschmeißt, sondern ihn testet: auf Geduld, auf Sensibilität, auf Aufmerksamkeit. Und ich bestand diesen Test – und wurde reich belohnt.

Was mich fesselte, war nicht nur die Sprache, nicht nur die Musik, nicht nur die souveräne Kameraführung. Es war das Zusammenspiel all dessen – eine Ästhetik des Uneigentlichen, eine Ironie, die nie bloß zynisch, sondern immer auch melancholisch war. Kir Royal war für mich kein Zeitdokument, sondern ein Spiegel. Ich sah darin mich selbst: als Medienkonsument, als Mensch, als suchender Zeitgenosse.

Ich sah in Baby Schimmerlos einen Bruder im Geiste. Ich sah in Mona etwas, das in mir selbst zu lange zu wenig Raum bekam: Standhaftigkeit ohne Pose. Ich sah in Haffenloher die Tragödie der Zugehörigkeit – dieses ewige Streben nach „Dazugehören“, nach Anerkennung, das am Ende in Einsamkeit mündet. Und ich hörte in den Dialogen eine Sprachkunst, wie sie heute kaum noch gepflegt wird.

Kir Royal ist für mich zu einem inneren Maßstab geworden: für Stil, für Haltung, für Intelligenz im Erzählen. Und manchmal denke ich: Vielleicht ist es gut, dass ich es erst jetzt entdeckt habe. Denn früher hätte ich es konsumiert. Heute habe ich es verstanden.

Kir Royal, Starnberger See
Nebenschauplatz in Kir Royal: der Starnberger See

Im Schweigen liegt die Wahrheit – Der letzte Auftritt des Baby Schimmerlos

Die letzte Szene von Kir Royal schleicht sich nicht mit Pomp oder Pathos ins Gedächtnis – sie brennt sich leise ein. Inmitten des wohltemperierten Wahnsinns der Münchner Schickeria sitzt er, der Chronist dieser dekadenten Welt, plötzlich allein: Baby Schimmerlos. Mona, seine langjährige Vertraute und emotionale Instanz, hat ihn scheinbar verlassen. Ihr Abgang vollzieht sich beinahe beiläufig, und gerade darin liegt seine Brutalität. Was bleibt, ist ein Mann, der zum ersten Mal aus der Pose seiner Souveränität fällt.

Baby, der stets mit leichtem Zynismus, spitzer Feder und einem feinen Gespür für Macht und Eitelkeit durch das Biotop der Schönen und Einflussreichen manövrierte, ist nun auf sich selbst zurückgeworfen. Seine Welt, sonst so laut, grell und durchdrungen vom Klang klirrender Gläser und bedeutungsloser Konversationen, wird still. Die Zigarette in seiner Hand – einst Accessoire des selbstgewissen Flaneurs – wirkt nun wie ein letzter Halt in einer auseinanderbrechenden Kulisse.

Was diese Szene so erschütternd macht, ist ihr Understatement. Kein Ausbruch, kein Appell, keine Auflösung. Stattdessen: Schweigen. Ein Schweigen, das alles sagt. Babys Verstummen ist das Ende seiner narrativen Macht, seiner medialen Kontrolle – und zugleich der Beginn einer ungeschönten Wahrheit. Ohne Mona ist seine Welt nicht nur leerer, sie ist bedeutungslos. Ihre Beziehung – symbiotisch, ambivalent, aber tief – war das stille Rückgrat seiner Existenz. Sie bildete das emotionale Substrat, das seine Rolle als Beobachter überhaupt erst ermöglichte.

Dass er sprachlos bleibt, ist ein künstlerisches Statement. Es entzieht sich der Logik des Fernsehens, das gewöhnlich auf Auflösung drängt. Stattdessen erleben wir einen Moment reiner Kontemplation – das Bild eines gebrochenen Mannes, gefangen im Glanz der Oberfläche, der ihn einst nährte und nun zu verschlucken droht.

Diese Schlussszene ist keine bloße Finissage, sie ist ein Kommentar auf die Leere hinter der Maske der Prominenz. Sie fragt nicht nur, was von einem Menschen übrigbleibt, wenn das Spiel endet – sie zeigt es.

Schlusswort: Ein monumentales Fernsehereignis – und ein literarischer Kosmos

Mit Kir Royal ist Helmut Dietl (mit Patrick Süskind im Hintergrund) ein Werk gelungen, das über Jahrzehnte hinweg nichts an Relevanz verloren hat. Es ist nicht einfach eine Serie – es ist ein Sprachdenkmal. Ein Kammerspiel über Medien, Macht und Moral. Eine deutsche Tragikomödie über Geltung, Glanz und geistige Erschöpfung. Und vor allem: ein literarisches Werk in Bildern.

Kir Royal ist Fernsehen als Kunstform – mit Maß, Stil, Ironie und Tiefe. Eine Serie, die man nicht einfach schaut, sondern liest. Immer wieder. Mit Genuss. Mit Erkenntnis. Mit einer Zigarette in der Hand. Und vielleicht einem Glas Kir Royal.


Literaturverzeichnis

Primärquelle

Dietl, Helmut (Regie), Süskind, Patrick (Drehbuch): Kir Royal – Aus dem Leben eines Klatschreporters. München: Bayerischer Rundfunk / Bavaria Film, 1986. 6 Episoden. Erstsendung: BR Fernsehen.

Drehbuch / Literarische Edition

Süskind, Patrick / Dietl, Helmut: Kir Royal – Das Drehbuch. Zürich: Diogenes Verlag, 1987.

Sekundärliteratur / Gesellschaft, Philosophie, Literatur

Adorno, Theodor W.; Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am Main: Fischer, 1969 [Erstveröffentlichung 1944].

Baudrillard, Jean: Der symbolische Tausch und der Tod. München: Matthes & Seitz, 1991.

Fontane, Theodor: Effi Briest. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007 [Erstveröffentlichung 1895].

Goethe, Johann Wolfgang von: Faust. Der Tragödie erster Teil. Stuttgart: Reclam, 2000 [Erstveröffentlichung 1808].

Kubitschek, Götz: Provokation. Schnellroda: Antaios, 2007.

Lichtmesz, Martin: Rassismus – Ein amerikanischer Alptraum. Schnellroda: Antaios, 2018.

Lübbe, Hermann: Politischer Moralismus – Der Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft. Graz: Styria, 1987.

Mann, Thomas: Buddenbrooks – Verfall einer Familie. Frankfurt am Main:
Fischer Taschenbuch, 2002 [Erstveröffentlichung 1901].

Pfaller, Robert: Erwachsenensprache – Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur. Frankfurt am Main: Fischer, 2017.

Sloterdijk, Peter: Du musst dein Leben ändern. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2009.
Sloterdijk, Peter: Kritik der zynischen Vernunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1983.

Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. München: C.H. Beck, 1923 (2 Bände).

Süskind, Patrick: Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders. Zürich: Diogenes, 1985.

Film- und Medienanalyse

Antonioni, Michelangelo (Regie): Blow-Up. Großbritannien/Italien, 1966.

Büsching, Helmut: Fassbinder – Die Entdeckung des Lebens im Theater. Berlin: Theater der Zeit, 1992.

Hickethier, Knut: Fernsehen – Geschichte, Theorie und Analyse. Stuttgart: Metzler, 2005.

Kaul, Wolfgang: Helmut Dietl. Eine Biografie. München: C.H. Beck, 2018.

Kreile, Günter: Fernsehklassiker: Kir Royal. In: epd medien, Nr. 30/2006.

Krüger, Uwe: Mainstream – Warum wir den Medien nicht mehr trauen. Köln: PapyRossa, 2016.

Löffler, Sigrid: Scharf, aber nicht bösartig: Die Kunst des Gesellschafts-Porträts. In: Die Zeit, Nr. 15/1986.

Reichel, Ingo: Helmut Dietl – Zwischen Komik und Kulturkritik. In: Filmkritik heute, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung, 2011.

Onlinequellen (Stand: Juni 2025)

Kellerhoff, Sven Felix: Der Mann, der Baby Schimmerlos erfand. In: Welt.de, 20. Januar 2015. URL: https://www.welt.de/vermischtes/article136600358/Der-Mann-der-Baby-Schimmerlos-erfand.html

Münchenblogger: Kir Royal vs. Zettl – Ich scheiß dich so was von zu mit meinem Geld. URL: https://www.muenchenblogger.de/kultur/kir-royal-vs-zettl-ich-scheiss-dich-sowas-von-zu-mit-meinem-geld

ND-Aktuell: Und jetzt sag Heini zu mir. Artikel vom 10. Juli 2014. URL: https://www.nd-aktuell.de/artikel/966637.und-jetzt-sag-heini-zu-mir.html

Wikipedia: Kir Royal (Fernsehserie). In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Zuletzt bearbeitet am 15. Juni 2025, 11:42 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Kir_Royal_(Fernsehserie)

Literatur & Quellen (Auswahl)

Dietl, Helmut / Süskind, Patrick: Kir Royal – Aus dem Leben eines Klatschreporters. Fernsehserie, Bayerischer Rundfunk, 1986.

Wecker, Konstantin: Auftritt als Tonmeister in Folge 4 („Wer reinkommt, ist drin“) der Serie.

Krebs, Dieter: Rolle als Friseur in Folge 3 („Die dunkle Seite der Macht“), subtile Parodie auf das Schönheits- und Dienstleistungsgewerbe der Schickeria.

Bach, Dirk: Kurzauftritt als Empfangschef, beispielhaft für das stille Funktionieren der Luxuswelt.

von Bülow, Loriot: Gesammelte Prosa. Zürich: Diogenes Verlag, 1988 – zur Kontextualisierung des deutschen Medienhumors der 1980er Jahre.

Reckwitz, Andreas: Die Gesellschaft der Singularitäten. Berlin: Suhrkamp, 2017 – zum Verständnis spätmoderner Sichtbarkeit und Medienlogik.

Klotz, Volker: Geschlossene und offene Formen im Drama. 2. Auflage. Stuttgart: UTB, 1999 – als theoretischer Rahmen für die Strukturanalyse serieller Dramaturgie

Der Staat verliert, das Wort gewinnt

Ein feuilletonistischer Essay zum Leipziger Urteil über COMPACT

Es war ein warmer Dienstag im Juni, doch das, was an diesem 24. Juni 2025 in den ehrwürdigen Mauern des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig geschah, hatte nichts von Sommer, nichts von Leichtigkeit. Es war ein Tag des Ernstes, ein Tag des Scheidens – nicht zwischen Schwarz und Weiß, nicht zwischen Gut und Böse, sondern zwischen Freiheit und Herrschaft, zwischen Wort und Macht. Ein Urteil wurde gefällt, nüchtern und juristisch, und doch klang es in den Straßen, in den Herzen und Köpfen wie ein Glockenschlag der Gerechtigkeit: Das Verbot des COMPACT-Magazins ist rechtswidrig.

Jürgen Elsässer, der publizistische Grenzgänger, Grenzüberschreiter, Grenzbeschützer, trat vor die Kameras. Und sagte nicht viel. Er sagte: „Sieg.“
Mehr nicht. Denn in diesem einen Wort lag alles: Trotz, Triumph, Tragödie und Treue. Die Treue zu einem Land, das er liebt, auch wenn es ihn hasst. Die Treue zur Wahrheit, auch wenn sie verboten werden sollte. Und die Treue zum geschriebenen Wort – dem einzigen, das im Zeitalter staatlich verordneter Sentimentalität noch standzuhalten vermag.

Denn was war COMPACT anderes als das unbequeme Echo einer Nation, die sich selbst nicht mehr zuhört? Ein Magazin, das nicht gefällig sein wollte, nicht diplomatisch, nicht einordnend. Es war roh, ja. Es war hart, gewiss. Doch es war echt. Echt in seiner Leidenschaft, in seiner Kritik, in seiner Angst um das Eigene. COMPACT schrieb nicht für Preise. COMPACT schrieb für das, was blieb.

Und das sollte nun weg. Verschwinden. Ausradiert aus der Republik. Nancy Faeser, die Hüterin der doppelten Standards, hatte das Magazin im vergangenen Jahr verboten – als „Verein“, als ob das freie Wort in Deutschland neuerdings eine Strukturfehlerfrage sei. Die Begründung war dünn, die Absicht glasklar. Es ging nicht um Recht, es ging um Ruhe. Die Ruhe des Diskurses, den keiner mehr stören sollte.

Doch Leipzig störte. Leipzig sagte: Nein. Leipzig sagte: Das reicht nicht. Leipzig sagte: Auch wer schreit, darf sprechen.

Währenddessen tobte die intellektuelle Linke. Man hätte meinen können, der Staat sei gefallen. Der Spiegel, dieser einstige Fels der Aufklärung, titelte empört und im Ton der Enttäuschten: „Rechter Hetzer siegt vor Gericht.“ Keine Reflexion, kein Zweifel, keine Einsicht. Nur Sprachmüll im Dienst der Gesinnung. Man zürnte nicht über das Urteil, man zürnte über das Leben selbst – über die Tatsache, dass die Realität nicht immer dem Drehbuch folgt.

Es war, als hätte man in den Redaktionsräumen der alten Medien zum letzten Mal begriffen, was ihnen wirklich droht: nicht Verbot, sondern Bedeutungslosigkeit. Denn COMPACT – dieses oft beschmähte, stets geschmähte Heft – hatte Leser, hatte Wirkung, hatte Leidenschaft. Nicht trotz der Reibung, sondern wegen ihr. Und das Urteil gab ihm nun etwas zurück, was man ihm nicht geben wollte: Legitimierung. Nicht moralisch. Rechtlich.

Man spürte es in den Reaktionen: Die Maske der Toleranz war gefallen. Ausgerechnet jene, die sich stets auf der Seite der Freiheit wähnten, forderten nun – mit steinerner Miene – mehr Überwachung, mehr Kontrolle, mehr Verbote. Der alte Witz vom „wehrhaften Staat“ wurde zum bitteren Ernst. Doch das Gericht erinnerte: Auch Wehrhaftigkeit hat Regeln. Und zu diesen Regeln gehört, dass man nicht jeden Widerspruch als Sprengsatz behandelt.

Elsässer, dessen biografischer Weg selbst ein Dokument der deutschen Wendezeiten ist, war in seinem Element. „Wir haben das Recht, dieses Land zu lieben“, sagte er. „Und niemand kann uns das verbieten.“ Es war keine Verteidigungsrede. Es war ein Bekenntnis. Zu Deutschland, zum Streit, zur Verantwortung. Und es war – das ist das Erschütternde – von einer Würde getragen, die man heute selten hört.

Denn COMPACT ist, was die anderen nicht mehr sind: eine Publikation, die sich traut. Die sich traut, Dinge zu sagen, die nicht gesagt werden sollen. Die sich traut, Fragen zu stellen, die anderen Angst machen. Die sich traut, ein „Wir“ zu formulieren, das nicht durch Diversitätsformulare gegängelt wird. Das ist ihr Verbrechen. Und das ist ihr Verdienst.

Man kann über COMPACT denken, was man will. Man kann sich an seiner Tonlage stören, an seinen Titelbildern, an seiner Dialektik. Doch wer es verbieten will, sagt mehr über sich als über das Heft. Er sagt: Ich halte das nicht aus. Ich halte andere Meinungen nicht aus. Ich halte Meinungsfreiheit nur aus, wenn sie meiner Meinung entspricht. Und das, in Wahrheit, ist der Beginn der Tyrannei.

Das Urteil von Leipzig ist darum mehr als ein juristischer Vorgang. Es ist ein poetischer Akt. Es ist das Eingeständnis, dass selbst in der späten Bundesrepublik, in dieser müde gewordenen Demokratie, noch etwas lebt, das nicht vom Zeitgeist erstickt werden kann: der freie Gedanke. Das ungeschönte Wort. Das Recht, falsch zu liegen.

Was COMPACT aus diesem Urteil macht, bleibt abzuwarten. Doch eines ist sicher: Das Heft ist zurück – und es wird nicht leiser. Es wird nicht sanfter. Es wird nicht kleiner. Es wird größer. Denn es hat nun, was man ihm nehmen wollte: den rechtlichen Segen.

Und wir, die wir es lesen, die wir es tragen, die wir es verteidigen – wir haben nun einen Moment der Klarheit. Es ist der Moment, in dem wir wissen: Sie können viel tun. Sie können verleumden, zensieren, löschen, ächten. Aber sie können nicht alles. Sie können das Denken nicht töten. Und sie können das Wort nicht besiegen.

Man wird sich erinnern. An dieses Bild. An diesen stillen, fast gespenstischen Morgen im Spätsommer 2024, als der Staat sich entblößte – nicht in der Pose der Stärke, sondern in jener nervösen Selbstgerechtigkeit, die stets dann auftritt, wenn das Wort gefährlicher wird als jede Waffe. Damals – kurz nach dem Verbot – trat Jürgen Elsässer aus der Tür seines Hauses. Nicht erhoben, nicht provozierend, sondern im Bademantel. Grau. Schlicht. Menschlich.

Kein Mikrofon. Kein Podium. Nur Stille, Polizei, Blitzlicht.

Die Szene, so absurd wie entlarvend, sollte eine Demütigung sein – doch sie wurde zum Porträt einer demokratischen Farce. Denn wer war es, der hier lächerlich wirkte? Der Mann, der morgens in seinem eigenen Haus schlief? Oder jener Apparat, der meinte, man müsse den Herausgeber eines oppositionellen Magazins wie einen Mafiaboss abführen, als habe er Bomben gebaut und nicht bloß Zeitschriften herausgegeben?

Es war die große Inszenierung des kleinen Geistes. Eine Machtdemonstration, die nichts demonstrierte außer Angst. Die Angst vor dem Wort, vor dem Bild, vor dem Denken. Die Angst vor dem freien Bürger.

Denn was war Jürgen Elsässer in diesem Moment anderes als das, was er immer war? Ein Mann mit Haltung. Ein Publizist, der das, was er dachte, auf Papier brachte. Und der dafür bezahlen sollte. Nicht mit einem Urteil, sondern mit einer Inszenierung. Mit öffentlicher Beschämung. Mit dem Bild des Unterlegenen, das am Ende keiner mehr glaubt.

Er selbst kommentierte diese Szene mit der ihm eigenen Mischung aus Sarkasmus und Stolz: „Sie holen mich im Morgenmantel, wie weiland Ulbricht seine Dissidenten. Nur dass ich nicht nach Bautzen muss, sondern ins Studio. Wir sind nicht tot – wir senden weiter.“

Und da war sie wieder, diese Stimme. Diese Stimme, die nicht bricht, sondern sich erhebt. Die nicht trotzig ist, sondern wach. Eine Stimme, die weiß, dass Repression nie das letzte Wort hat.

Denn was tun, wenn der Dissident nicht mit Gewalt kommt, sondern mit Worten? Wenn seine Waffen Sätze sind und seine Strategie Klarheit? Dann bleibt nur noch der Versuch, ihn lächerlich zu machen – und dieser Versuch scheitert immer an sich selbst. Die Lächerlichkeit bleibt nicht beim Angegriffenen hängen. Sie klebt an den Händen der Angreifer.

In diesem Sinne war die Morgenmantel-Szene ein unfreiwilliger Moment der Wahrheit. Eine Wahrheit, die sich nicht mehr zurücknehmen lässt. Man wollte zeigen: Seht her, wir haben ihn. Was man zeigte, war: Seht her, so fürchtet man das Wort.

Und genau deshalb war dieses Urteil, das nun folgte, nicht nur eine juristische Entscheidung. Es war eine späte Wiedergutmachung. Eine stille Geste der Gerechtigkeit – nicht nur an ein Medium, sondern an einen Mann, dem man nicht vergeben wollte, dass er unbequeme Dinge ausspricht.

Die Rückkehr von COMPACT ist nicht das Ende einer Debatte. Es ist ihr Anfang. Ein Anfang, bei dem klar sein sollte: Wir lassen uns nicht mehr einschüchtern. Nicht vom Spiegel. Nicht vom Staat. Nicht von denen, die glauben, die Wahrheit gepachtet zu haben. Denn die Wahrheit gehört niemandem. Und sie ist niemals bequem.

Dieses Urteil war ein Lichtstrahl. Wir werden ihn weitertragen. Mit Worten. Mit Mut. Und mit Liebe zum Land.

Der moralische Imperativ der Marschflugkörper

Vom westlichen Bedürfnis, den Iran zu zerschlagen – eine geopolitische Betrachtung

In der dunklen Stunde zwischen zwei Tagen, als der Himmel noch nichts von der kommenden Hitze wusste, durchbrachen silbern lackierte Schatten die Stille des Luftraums über Persien. Es waren keine gewöhnlichen Kampfjets, keine flüchtigen Geister moderner Luftüberlegenheit – es waren B-2 Spirit Bomber, fliegende Kathedralen der Gewalt, die, unsichtbar für Radar und Mitgefühl, eine Nachricht sendeten: Amerika ist bereit.

Die Bomben, die sie trugen – GBU-57, sogenannte „Massive Ordnance Penetrators“ – sind nicht einfach Waffen. Sie sind Manifestationen einer Haltung, Projektile einer über Jahrzehnte kultivierten Überlegenheit. Sie graben sich, elf Tonnen schwer, mit mathematischer Kälte durch Fels und Beton, durch Forschungszentren und unterirdische Träume – bis dorthin, wo die Substanz einer Zivilisation zittert.

Was war geschehen?

Der Iran, so berichten israelische Quellen, hatte wenige Stunden zuvor Raketen auf ein Wohngebiet im Norden Israels abgefeuert – auf Kiryat Shmona, wo Familien wohnen, Kinder lachen, Gärten blühen. Eine klare Aggression, eine unverhohlene Grenzüberschreitung – ein Verbrechen, das nicht bagatellisiert werden darf. Doch auf eine Rakete folgt keine Diplomatie, sondern die Antwort des Imperiums. Kein Tribunal, sondern Sprengkraft. Kein Ausgleich, sondern Exempel.

Diese Asymmetrie ist nicht nur militärisch. Sie ist moralisch.

Denn was in jener Nacht geschah, war weit mehr als Vergeltung. Es war ein choreografierter Zugriff auf die Zukunft eines Staates, eine techno-strategische Offenbarung, die sagt: Wir entscheiden, wer Kernenergie haben darf. Wir entscheiden, wann jemand gefährlich ist. Wir entscheiden, wann die Schwelle vom Kalten Frieden in den heißen Zugriff überschritten wird.

Der Westen, insbesondere die Vereinigten Staaten, sieht den Iran nicht bloß als Gegner. Er sieht in ihm eine Unverfügbarkeit. Eine Entität, die sich der Einschreibung in westliche Ordnungsmuster verweigert. Und diese Verweigerung – religiös aufgeladen, nationalistisch gehärtet, strategisch herausfordernd – wird als Provokation erlebt.

Ein schwacher Iran hingegen – wirtschaftlich stranguliert, militärisch kastriert, diplomatisch isoliert – ist ein bequemer Iran. Ein Iran, der verkauft, aber nicht bestimmt. Der liefert, aber nicht lenkt. Der pariert – und dabei den Zugriff auf Ressourcen, Handelswege und Einflussräume öffnet.

Auch Israel hat seine Lektionen gelernt. Ein destabilisiertes Persien ist ein entlastetes Levante-Israel. Ein Iran im Taumel ist ein Libanon ohne Rückgrat, eine Hisbollah ohne Patron. Wer in Teheran das Licht löscht, verdunkelt auch Damaskus, Bagdad, Gaza.

Und vielleicht noch mehr: In der geopolitischen Dämmerung, wenn der große Gegenspieler wankt, öffnen sich Fenster – für Träume, die bislang nur flüsterten: der Traum vom Groß-Israel, der nie ganz verschwand. Nicht in Karten, nicht in Köpfen. Siedlungen als Vorposten des Faktischen, Sicherheitszonen als Vorformen neuer Grenzen.

Inmitten all dessen: Europa. Still. Oder schlimmer: verständnisvoll. Während in Washington über militärische Notwendigkeit doziert wird, während in Tel Aviv gejubelt, in Riad getuschelt wird – schweigt Berlin. Ein Schweigen, das nicht neutral, sondern feige ist. Eine Ohnmacht, die sich als Ausgewogenheit tarnt.

Paul Ronsheimer steht bei n-tv vor einer Kulisse aus Blaulicht und Betroffenheit. Er spricht von Entschlossenheit, von israelischem Rückhalt, von der Klarheit, mit der eine Demokratie sich verteidigt. Was er nicht sagt: dass auch der Gegner eine Gesellschaft ist. Dass dort nicht nur Mullahs herrschen, sondern Menschen leben. Kinder. Alte. Zweifelnde. Dissidenten.

Donald Trump, inzwischen wieder Stimme mit Mikrofon, nennt die eingesetzten Bomber „wunderbar“. Sie fliegen tief, sagt er, sie fliegen lautlos – und sie erledigen den Job. So spricht man über Staubsauger. Oder Börsen. Nicht über Maschinen, die Städte öffnen wie Dosen.

Er hat recht – auf seine Weise. Die B-2 ist das schönste Sinnbild einer Weltordnung, die Schönheit nur in Funktion erkennt. Ihre Linienführung ist elegant, ihr Rumpf ein Triumph aus Leichtbau und Zerstörung. Sie bringt nichts – außer Wirkung.

Und so stehen wir am Vorabend einer neuen Ordnung. Oder der finalen Auflösung der alten. Denn was aus taktischen Schlägen erwächst, ist nicht selten strategische Revolution. Ein Regimewechsel, sei er offen oder maskiert, bringt nicht nur neue Gesichter. Er bringt Verträge, Investoren, Märkte. Und er bringt Zugriff – auf Öl, auf Gas, auf Transitachsen von Indien bis zum Mittelmeer.

Ein verändertes Teheran – gesäubert von Revolutionsgarden, geöffnet für westliche Diplomatie – wäre ein neuer Spielball. Und für die Vereinigten Staaten ein Gewinn. Für Israel ein Geschenk. Für Europa ein Beweis, dass man auch ohne eigenes Handeln noch profitieren kann – solange man nicht stört.

Doch wer mit Marschflugkörpern die Welt ordnet, der ordnet sie nicht. Er verletzt sie. Und wenn aus technischer Überlegenheit eine moralische Selbstermächtigung wird, dann beginnt ein Zeitalter, in dem das Recht nicht mehr durch das Gesetz geschützt wird, sondern durch den Besitz von Durchschlagskraft.

Der Iran hat wahrscheinlich Rakten auf ein israelisches Wohngebiet gefeuert. Ja. Doch was der Westen getan hat, war mehr. Es war eine Operation am offenen Herzen der politischen Welt. Und das Echo wird nicht lange auf sich warten lassen.

Vielleicht nicht heute. Vielleicht nicht morgen. Aber eines Tages werden wir zurückblicken – auf diese Nacht, in der wir zum ersten Mal sahen, wie der Frieden nicht stirbt, sondern chirurgisch entfernt wird.

Zwischen Moral und Nation: Höcke fordert deutsche Souveränität

Es war kein Ausbruch, kein kalkulierter Skandal. Björn Höckes Rede im Thüringer Landtag war leise im Ton – und doch scharf in der Aussage. In einer Debatte über den Nahostkonflikt sagte er jenen Satz, der in der politischen Landschaft Deutschlands wie ein Fremdkörper wirkt:

„Ich habe keinen israelischen und keinen iranischen Standpunkt – ich habe einen deutschen Standpunkt zu formulieren.“

In diesem einen Satz verdichtet sich eine Forderung, die weit über den aktuellen Konflikt hinausgeht. Es geht um Deutschland – um seine Rolle, seine Interessen, seine Würde. Höcke formuliert nichts weniger als eine Absage an eine Politik, die sich moralisch überhöht, dabei aber ihre eigene Substanz preisgibt.

Zwischen Bündnistreue und Selbstverleugnung

Was Höcke infrage stellt, ist nicht Solidarität mit Israel oder das Nachdenken über Sicherheit im Nahen Osten. Was er infrage stellt, ist die Unmündigkeit der deutschen Außenpolitik – ihre Hörigkeit, ihre reflexhafte Bündnistreue, ihre Unfähigkeit, das Eigene zum Maßstab zu machen.

In Zeiten, in denen politische Statements zu Israel in Berlin fast ritualisiert wirken, wirkte Höckes Satz wie ein Tabubruch – und gleichzeitig wie eine Selbstverständlichkeit, die lange verschüttet war.

Ein Ringen um das Eigene

Höckes Auftritt war kein populistisches Wüten, sondern ein nach innen gerichteter Weckruf. Er forderte nicht das Gegenteil dessen, was derzeit geschieht – er forderte das Dritte: eine deutsche Außenpolitik, die sich nicht an Schuld, nicht an Hegemonie, sondern an Realismus und nationalem Interesse orientiert.

Das ist kein Rückfall in Nationalismus – es ist das Bemühen um Normalität. Wer immer nur fremde Maßstäbe anlegt, kann das Eigene nicht erkennen. Höcke ruft dazu auf, diesen Blick wiederzugewinnen.

Ein Satz, der bleibt

Sein Satz hallt nach, weil er mehr ist als ein Standpunkt. Er ist ein Prüfstein: für politische Selbstachtung, für Ernsthaftigkeit, für Unabhängigkeit. Höcke spricht nicht für Israel, nicht für Iran – er spricht für ein Land, das sich selbst wiederfinden will.

Der Kanal, die Kanonen und die Kabale des Zelotismus

Zwischen Betongier, Blut und politischem Narzissmus.

Die Welt verengt sich auf eine Linie. Keine gedachte, keine symbolische, sondern eine physische – gezogen mit Lineal und politischem Willen. Sie schneidet durch Gaza, zieht sich vom Golf von Aqaba bis zum Mittelmeer und markiert eine Schneise der Ambition: den Ben-Gurion-Kanal. Ein Projekt, das aus den staubigen Archiven der israelischen Staatsgeschichte hervorgeholt wurde und nun – inmitten einer der blutigsten Phasen des Nahostkonflikts – plötzlich wieder auf dem Tisch liegt.

Es ist ein Plan, der die Geografie des Nahen Ostens neu ordnen soll. Ein Projekt, das den Suezkanal – jenen ägyptischen Korridor des Welttransits – herausfordert, wenn nicht entwertet. Und es ist ein Plan, der nicht nur mit Baggern und Beton operiert, sondern mit Raketen, Rhetorik und einer entmenschlichten Idee von Fortschritt.

Gaza, in diesem Szenario, ist kein Siedlungsgebiet, kein kultureller Raum, kein Ort gelebter Geschichte. Gaza ist Korridor, Durchgangszone, strategische Verfügbarkeitsmasse. Der Mensch wird zur geografischen Störung degradiert. Dort, wo heute Kinder durch Schuttfelder stolpern, soll morgen das Containerschiff verkehren. In den Visionen der Technokraten wird Leid zur Notwendigkeit, Zerstörung zur Vorleistung.

Währenddessen schweigen die Baupläne nicht. Und auch die Waffen nicht. Denn während die Welt über Waffenlieferungen an die Ukraine diskutiert, hat sich still eine neue Front geöffnet: TAURUS-Marschflugkörper aus deutscher Fertigung, präzise, tiefgreifend, gebaut für das Durchbrechen gehärteter Ziele, scheinen den Weg nach Israel gefunden zu haben.

Nicht öffentlich, nicht offiziell. Aber politisch möglicherweise geduldet. CDU-Chef Friedrich Merz, der sich zuletzt mit klarer Positionierung zur Ukraine profilierte, erklärte vor wenigen Wochen, eine Lieferung an Israel sei „im Bereich des Denkbaren“. Es war kein Befehl, kein Antrag, kein Gesetz. Aber es war ein Fenster, das sich öffnete. In einem Raum, in dem militärische Notwendigkeit und politische Deutung verschwimmen, genügt ein solches Fenster, damit Taten folgen. Es heißt inzwischen, dass erste Taurus-Systeme Israel bereits erreicht haben könnten – eine brisante Realität, die sich wie ein Damoklesschwert über den diplomatischen Beziehungen Europas erhebt.

Denn wenn Russland davon erfährt – und es wird davon erfahren –, dann gerät ein fragiles globales Gleichgewicht ins Wanken. Nicht nur, weil Deutschland mit einem Mal zwei Konfliktparteien hochrüstet. Sondern weil es die letzte politische Reserve an Neutralität und Glaubwürdigkeit verspielt. Was als Solidarität verkauft wird, könnte sich als strategischer Offenbarungseid entpuppen.

Was dort durchgelassen wird, ist nicht nur Munition. Es ist ein Paradigmenwechsel. Deutschland, jahrzehntelang zögerlich, wägt nun nicht nur ab, sondern kalkuliert – auch im Hinblick auf Israel. Der moralische Imperativ der deutschen Geschichte steht in Spannung zur realpolitischen Verstrickung in neue Kriege.

Und dann, am Rande dieser Schattenlandschaft, taucht er auf: Donald Trump, der Präsident, inzwischen gezeichnet von den Jahren, gesundheitlich angeschlagen, in Berichten als Katheter-tragend beschrieben, doch politisch noch immer ein Phantom von beachtlicher Wirkmacht.

Man stelle sich ihn vor, in Mar-a-Lago, mit trübem Blick, aber messerscharfem Gedächtnis. Umgeben von Erinnerungen an Deals, an Abkommen, an geopolitische Seifenblasen. An seiner Seite: Jared Kushner, Schwiegersohn, Nahost-Architekt, Immobilienstratege. Der Mann, der Frieden in Quadratmeter übersetzt und den Gazastreifen als Wirtschaftsraum mit Potenzial entwarf. Jetzt, wo Bomben den Boden begradigen, wird aus der Vision ein „Projektgebiet“.

Und über Trump selbst? Vieles bleibt im Dunkeln – doch unter Analysten wird zunehmend laut, was bislang nur hinter vorgehaltener Hand gemurmelt wurde: Der Mossad könnte belastende Akten über Trump besitzen. Ein Druckmittel? Vielleicht. Ein Grund, weshalb sich der einstige Präsident so konsequent israelischen Interessen unterordnet? Möglich. Denn der „Persilschein“, den Trump Netanjahu immer wieder ausstellt – selbst entgegen den Einschätzungen amerikanischer Nachrichtendienste – lässt sich anders kaum mehr erklären.

Der Westen schaut zu. Vielleicht mit Irritation, vielleicht mit klammheimlicher Zustimmung. In Brüssel redet man von „Stabilität“. In Berlin von „Solidarität“. Doch zwischen den Zeilen liegt ein unausgesprochener Handel. Die Gleichung lautet:

  • Israel schafft Fakten – und träumt offen von einem Groß-Israel,
  • die USA sichern die Rückendeckung und erhalten im Gegenzug den Zugang zu iranischem Öl,
  • Deutschland liefert Präzision,
  • und der Iran – so wird gemunkelt – öffnet diskret seine Ölhähne.

Israel ist in diesem Szenario nicht der Verteidiger, sondern der Angreifer – mit langfristigem Plan, mit geostrategischem Kalkül, mit visionärer Rücksichtslosigkeit. Die Strategie lautet: militärische Überlegenheit, territoriale Ausdehnung, wirtschaftliche Kontrolle. Und all das unter dem Mantel eines Westens, der lieber strategisch wegsieht als moralisch einzugreifen.

Ein Kanal für den Westen. Ein Krieg für den Osten. Ein Deal für alle, die ihn aushalten.

Was bleibt? Vielleicht eines Tages ein Schiff, das durch Gaza fährt. Beladen mit Containern, flankiert von Sicherheitsdrohnen. Vielleicht Jared Kushner, der zur Eröffnung das Band durchschneidet. Vielleicht ein Donald Trump, der trotz Katheter eine Rede hält, die sich um Wirtschaft dreht, um Fortschritt, um Größe. Niemand wird dann fragen, woher der Beton kommt. Oder die Stille. Oder die Tränen.

Denn dieser Kanal ist nicht nur ein Bauwerk. Er ist ein Schnitt durch Weltbilder, durch Gerechtigkeitsgefühle, durch das, was einmal als „humanitär“ galt.

Quellenverzeichnis:

  1. The New Arab (2024): „Israel’s Ben-Gurion Canal: An old idea revived?“
  2. Israel Hayom (2023): „Israel’s canal plan aims to challenge Egypt’s Suez“
  3. Fair Observer (2023): „Could Israel build a canal through Gaza?“
  4. YouTube: „Israel Is Building A $55 BILLION Canal Through Gaza!?“
  5. Tagesschau.de (Juni 2024): „Merz zur Taurus-Frage: Lieferung an Israel nicht ausgeschlossen“
  6. Frankfurter Rundschau (2024): „Merz und die Taurus – gefährliche Rhetorik“
  7. Middle East Eye (2023): „Kushner and the business of peace“

Krah verrät das Eigene – Eine Abrechnung mit dem neuen Anpassungskurs

Maximilian Krah, die Remigrationsfrage und ein ideologischer Bruch in den Reihen der Rechten

Maximilian Krahs kurzer Text „Alle werden glücklich!“ beginnt harmlos. Keine dramatische Rhetorik, kein kulturkämpferischer Ton. Stattdessen: Technokratie, Statistik, stille Zuversicht. Mobilität werde’s regeln, die Attraktivität der deutschen Kultur werde sich von selbst wieder einstellen, Fertilitätsraten gleichen sich an, problematische Gruppen verhielten sich bald ohnehin kooperativ. Am Ende: Alle werden glücklich. Doch diese vermeintliche Gelassenheit verdeckt eine gefährliche strategische Wende – eine Abkehr vom politischen Ethnos, wie er in der identitären Rechten grundgelegt ist.

Denn was Krah hier skizziert, ist nicht bloß eine neue Perspektive auf Integration – es ist die schleichende Preisgabe eines Kernsatzes rechter Theorie: dass jedes politische Gemeinwesen auf einem organischen, historisch gewachsenen Volk beruht. Remigration, ursprünglich gedacht als Mittel kollektiver Selbstbehauptung, wird von Krah auf eine sozialtechnische Maßnahme reduziert. Der Ethnos wird zum Randaspekt – und damit verschwindet er leise, nicht durch Feindeshand, sondern durch strategische Nachgiebigkeit.

Dabei waren Ethnos und Demos über Jahrtausende deckungsgleich. Vom attischen Stadtstaat über das Heilige Römische Reich bis zum ethnonationalen Denken des 19. Jahrhunderts: Wer zum Volk gehörte, war Teil eines Blutes, einer Sprache, einer Religion, einer Geschichte. Die politische Zugehörigkeit ergab sich aus der kulturellen – nicht umgekehrt. Erst die liberale Moderne, dann die multikulturelle Ideologie, haben diese Ordnung aufgelöst. Krahs Text steht – bewusst oder nicht – in dieser Entwicklungslinie.

Was Krah dagegen entwirft, ist kein realistisches Zukunftsmodell, sondern ein idealisierter Gesellschaftstopos. Er beschreibt einen Zustand imaginierter Harmonie – ein Staatsvolk, das sich homogenisiert, weil Mobilität, Geburtenzahlen und kulturelle Verflachung das irgendwie regeln würden. Der Grundton ist: Gelassenheit statt Gestaltung, Hoffnung statt Diagnose.

Doch diese Gelassenheit ist trügerisch. Denn sie ignoriert, was jeder kennt, der in urbanen Brennpunkten lebt oder den Migrationsbericht mit offenem Blick liest: Ethnische Spannungen existieren. Sie nehmen zu. Und sie folgen, anders als von Krah suggeriert, keinem planbaren Integrationsfahrplan, sondern der Logik soziologischer Kipppunkte. Der französische Demograf Michèle Tribalat oder auch Renaud Camus haben mehrfach gewarnt: Ein Zusammenleben ist nicht beliebig skalierbar. Ab einer gewissen kritischen Masse wandelt sich Koexistenz in Parallelgesellschaft, Kultur in Konkurrenz, Präsenz in Dominanz.

Dass Krah diese Dynamik weder benennt noch reflektiert, sondern stattdessen auf „kooperatives Verhalten“ und ein allgemeines „Absorbieren“ vertraut, ist nicht intellektuell naiv – es ist politisch folgenreich. Denn es verschleiert den Ernst der Lage. Wer Kipppunkte nicht erkennt, erkennt sie oft erst, wenn sie unumkehrbar geworden sind.

Wenn er schreibt, das Staatsvolk „absorbiere“ das ethnische Volk, dann akzeptiert er nicht nur diese Trennung – er macht sie zur Tugend. Die gewachsene Einheit wird durch ein funktionales Konstrukt ersetzt. Der Staat wird nicht mehr als Ausdruck des Volkes verstanden, sondern als Raum, in dem Bevölkerung verwaltet wird. Es ist der Übergang von Nation zur Bevölkerungseinheit mit Pass, von Geschichte zu Governance, von Politik zur Sozialtechnik.

Damit vollzieht Krah etwas, das in seiner Tragweite kaum zu überschätzen ist: Er entkoppelt das Staatsvolk vom ethnisch gewachsenen Volk. Das ist nicht bloß ein semantischer Kunstgriff – es ist ein gefährliches gedankliches Experiment. Denn in dem Moment, in dem das Staatsvolk nicht mehr an gemeinsame Herkunft, Sprache, Geschichte und Erinnerung gebunden ist, verliert es jede organische Qualität. Es wird zur abstrakten Hülle, zur juristischen Funktion, zur Ansammlung von Verwaltungsfällen.

Doch ein Volk ist keine Aktenlage. Es ist eine gelebte Kontinuität – ein Kollektiv mit Bewusstsein, mit Instinkt, mit Geschichte. Wer diese Klammer auflöst, ersetzt das Subjekt durch die Statistik – und bereitet damit den Weg für die endgültige Entkernung der Nation.

Diese Verschiebung – weg von gewachsener ethnischer Ordnung hin zu juristischer Konstruktion – ist kein Zufall, sondern Programm. Krah stellt die gesetzliche Zugehörigkeit über die ethnische Herkunft. Er übernimmt damit eine Linie, wie sie in Teilen der Rechten zunehmend vertreten wird, etwa bei Benedikt Kaiser oder Karl-Gustav Graf, und wie sie auch dort zu finden ist, wo behauptet wird, die Etnia spiele für die Konstitution des Staates „kaum eine Rolle“ – und habe sie womöglich nie gespielt.

Doch das ist nicht nur ein Irrtum – es ist eine ideologische Geschichtsfälschung. Denn natürlich entstanden Nationalstaaten, Monarchien und Reiche historisch immer auch im Angesicht geografisch-ethnischer Realitäten. Grenzen folgten Sprachräumen, Kulturen, konfessionellen Trennlinien – oft grob, aber nie beliebig. Die Vorstellung, ein Staat sei losgelöst vom ethnischen Zusammenhang, ist ein Produkt der liberalen Entwurzelung, nicht der politischen Tradition Europas.

Carl Schmitt formulierte es unmissverständlich:

„Das Volk ist kein leerer Begriff, keine abstrakte Allgemeinheit. Es ist ein konkret geordnetes und geschichtlich gewachsenes Ganzes.“

Vor allem aber: Krah absolutiert das Recht. Er erhebt es zur obersten Instanz politischer Ordnung – nicht mehr als Ausdruck eines kollektiven Willens, sondern als Ersatz für gewachsene Identität. Das Recht wird damit nicht mehr als Mittel zur Bewahrung des Eigenen verstanden, sondern als ein Prinzip, das das Eigene selbst ersetzt. Damit verkehrt sich der politische Sinn des Rechts: Es wird nicht mehr dem Volk vorgelagert, sondern an seine Stelle gesetzt. Das ist nicht konservativ – das ist entleerte Legalität.

Krah verwechselt juristische Setzungen mit geschichtlicher Wahrheit. Die krassen juristischen Wahrheiten, wie sie in einem entethnisierten Staat produziert werden, sind nicht gleichbedeutend mit absoluten Wahrheiten. Das Gesetz ist wandelbar, korrumpierbar, parteilich. Das Volk hingegen ist gewachsen, geprägt, organisch. Es hat ein Gedächtnis. Es hat eine Würde. Und es hat ein Recht auf Kontinuität, das nicht durch Paragraphen aufgehoben werden kann.

Was in Krahs Text vollständig fehlt, ist jene tiefe historische Einsicht, dass politische Zugehörigkeit nicht durch juristische Gleichstellung, sondern durch Blut und Herkunft bestimmt wurde – und das über Jahrtausende hinweg. Die Römer nannten es ius sanguinis – das Recht des Blutes. Nicht der Boden, nicht der Ort der Geburt (ius soli) bestimmte, wer ein Bürger war – sondern die Abstammung, der Eintritt in eine über Generationen gewachsene Linie.

Dieses ius sanguinis war mehr als ein Verwaltungsprinzip – es war Ausdruck einer intuitiven Wahrheit: dass Volk keine Willensentscheidung ist, sondern ein Band, das vor dem Einzelnen existiert und ihn überdauert. Der Mensch gehört seinem Volk nicht durch Unterschrift, sondern durch Herkunft, durch Sprache, durch Geschichte.

In nordischer Überlieferung war dieses Prinzip unter dem Namen Thung bekannt – ein ungeschriebenes Gesetz der Blutsverbundenheit, der Treue, der natürlichen Zugehörigkeit. Das Thung lebt nicht in Paragraphen, sondern in der Sphäre des Selbstverständlichen. Es entscheidet sich nicht in Anhörungen, sondern in der Stille zwischen Herkunft und Heimat. Indem Krah nun das juristische Konstrukt über dieses organische Prinzip stellt, entleert er nicht nur das politische Denken – er setzt das Staatsvolk gegen das Blutvolk, das gens sanguinis, wie man es in römischer Terminologie sagen könnte.

Krah entpolitisiert das Volk. Er ersetzt Geschichte durch Governance, Gemeinschaft durch Verwaltung, Kultur durch Statistik. Carl Schmitt warnte einst vor dieser Aushöhlung:

„Der Begriff des Staates setzt den Begriff des Politischen voraus. Der spezifische politische Unterschied […] ist der Unterschied von Freund und Feind.“

Wer das Volk entwirklicht, verliert die Fähigkeit zur Unterscheidung – und damit zur Selbstbehauptung.

Und er wird – ob gewollt oder nicht – zum Vollstrecker liberaler Entleerung. Denn, so Schmitt:

„Die liberalen Neutralisierungen und Entpolitisierungen aller entscheidenden Begriffe der staatlichen Ordnung führen nicht zur Humanisierung, sondern zur Vernebelung.“

Noch gravierender ist jedoch der Subtext, der sich durch Krahs Argumentation zieht. Denn wer genau liest, erkennt darin nicht nur eine politische Strategie, sondern eine tief verankerte Annahme: dass es die deutsche Ethnie im eigentlichen Sinne heute gar nicht mehr geben dürfe – oder könne. Krah argumentiert nicht für das Volk – er argumentiert für seine Verflüchtigung. Er sucht nach ordnungspolitischen Formeln, die seine Auflösung als natürlich erscheinen lassen.

Das aber ist nichts anderes als eine Rationalisierung des Verlusts – eine nachträgliche Rechtfertigung dessen, was nicht hätte geschehen dürfen. Damit wird Krah, bewusst oder unbewusst, Teil jenes Schuldkomplexes, der nach 1945 das politische Denken in Deutschland vergiftet hat. Anstatt dem Ethnos wieder Legitimität zu geben, unternimmt er das Gegenteil: Er dramatisiert seine bloße Existenz als Problem. Wo das historisch Gewachsene als Gefahr erscheint, wird das juristisch Beliebige zur vermeintlichen Rettung.

Dass Krah diesen Weg einschlägt, hat offenkundig auch taktische Gründe. Indem er den ethnisch-blinden Staat als Ideal entwirft, will er nicht zuletzt dem drohenden Verbotsverfahren gegen die AfD rhetorisch entgegenwirken. Ein Staatsvolk, das sich selbst entethnisiert, gilt als ungefährlich; eine Partei, die diesem Modell folgt, verliert das Stigma des „völkischen“.

Doch diese Verteidigungsstrategie führt in eine Falle. Denn was geopfert wird, ist nicht nur ein Begriff – sondern die Substanz der politischen Idee selbst. Wer das Volk aus der politischen Sprache tilgt, entzieht sich dem Verdacht – aber auch der eigenen Wahrheit.

Jean Raspail hat in „Das Heerlager der Heiligen“ diesen Moment literarisch vorweggenommen. Er schrieb: „Das größte Problem war nicht der Ansturm – sondern die Seelenlosigkeit der Verteidiger.“

Und diese Seelenlosigkeit zeigt sich heute in Texten wie dem von Krah. Nicht, weil sie feindlich wären – sondern weil sie müde sind. Müde, das Eigene zu behaupten. Müde, Remigration als ernsthafte Option zu denken. Müde, sich gegen das zu stellen, was ansteht – nicht irgendwann, sondern jetzt.

Vielleicht ist all das am Ende weniger Strategie als Selbstschutz. Krah absolutiert das Recht zur absoluten Wahrheit, weil ihm das Recht die letzte Legitimität verspricht in einem Staat, der alles Nationale verdächtig macht. Er tut alles, um sich vom Ethnos zu distanzieren – nicht aus Überzeugung, sondern womöglich aus Furcht. Furcht vor Missverständnissen, vor moralischer Ächtung, vor einem möglichen Parteienverbot.

Doch wer sich aus Angst von der Wahrheit entfernt, wird nicht frei – er wird funktional. Er passt sich ein in ein System, das ihn duldet, solange er nichts Wesentliches mehr zu sagen hat. Die Neue Rechte aber darf sich nicht dulden lassen. Sie muss unbequem bleiben. Sie muss Widerspruch erzeugen. Denn nur wer stört, bleibt sichtbar.

„Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“
(Carl Schmitt)

Souverän ist nicht, wer sich anpasst – sondern wer verteidigt.

Die Rückbindung an den Ethnos – wie sie hier eingefordert wird – bedeutet nicht biologische Starrheit, sondern politische Zielklarheit. Sie ist keine fixistische Ontologie, sondern eine Entscheidung über Richtung, Verantwortung und Zugehörigkeit. Das Ethnos ist nicht Ausschlussmechanismus, sondern Bezugspunkt für politische Kohärenz, kulturelle Form und soziale Ordnung. Wer Volk sagt, meint nicht nur Herkunft – sondern auch Verpflichtung.

Das Bekenntnis zum Ethnos ergibt sich aus politischer Motivation, nicht aus metaphysischer Abgrenzung. Es ist Ausdruck eines Willens zur Ordnung, zur Identität, zur Selbstbehauptung. Und gerade deshalb ist es möglich – ja, notwendig – dass der parlamentarische Arm einer rechten Bewegung auch offen bleibt für jene, die sich in Sprache, Kultur, Loyalität und Lebensweise vollständig mit dem Gastvolk identifizieren. Nicht aus taktischen Gründen, sondern weil Assimilation in seltenen, aber realen Fällen gelingen kann.

Das ändert nichts am Primat der Zugehörigkeit – aber es verhindert ideologische Verhärtung. Denn das Ziel ist nicht Blutreinheit, sondern politische Selbstbehauptung. Und die verlangt Klarheit – aber auch Augenmaß. Was ausgeschlossen wird, ist nicht der Einzelne – sondern die Vorstellung, dass man Völkern ihre Grenzen nehmen könne, ohne ihre Seele zu verlieren.

Die Neue Rechte ist nicht stark, wenn sie angepasst ist. Sie ist stark, wenn sie unverwechselbar ist. Und sie bleibt nur dann politisch wirksam, wenn sie nicht das sagt, was alle hören wollen – sondern das, was gesagt werden muss.

Am Ende bleibt der bittere Eindruck: Krah hat sich mit dem System arrangiert, in dem sich der politische Gegner längst eingerichtet hat. Er übernimmt nicht nur dessen Sprache – er akzeptiert dessen Spielregeln, dessen Kategorien, dessen Moral. Was als strategische Anpassung erscheinen mag, ist in Wahrheit eine schleichende Unterwerfung. Denn wer in einem feindlich gesinnten System überleben will, indem er sich dessen Logik unterordnet, verliert nicht nur seine Feinde – sondern sich selbst.

Diese Selbstaufgabe tarnt sich als Realismus, als Staatskunst, als taktischer Weitblick. Doch in Wahrheit ist sie ein stiller Abschied vom Eigenen. Krah ringt nicht mehr um Deutungshoheit, sondern um Anschlussfähigkeit. Und genau darin liegt der eigentliche Bruch mit einer Rechten, die das Eigene nicht relativiert, sondern begründet.

Ein Wort, das alles sagt: „Drecksarbeit“ und die moralische Implosion der politischen Sprache

Ein Interview, ein Halbsatz, ein Wort: „Drecksarbeit“. Es fiel nicht in der Hitze des Gefechts, nicht im affektiven Überschwang eines Wahlkampfauftritts, sondern im kühlen Licht eines öffentlich-rechtlich inszenierten Gesprächs, moderiert von Shelly Kupferberg. Die Frage zielte auf Israels Angriff auf iranisches Staatsgebiet – eine heikle, komplexe Lage, die nach Bedachtsamkeit verlangt hätte. Stattdessen servierte Kupferberg eine Formulierung, die alles entlarvte: Ob es nicht gut sei, dass Israel „die Drecksarbeit“ übernehme. Friedrich Merz, CDU-Vorsitzender, griff das Wort ohne Zögern auf, machte es sich zu eigen: „Ja. Wir müssen diese Drecksarbeit machen – und wir machen sie.“

In dieser Szene offenbart sich mehr als eine rhetorische Entgleisung. Sie ist das Symptom eines viel tiefer reichenden Prozesses: der fortschreitenden Entkopplung politischer Sprache von Verantwortung, Maß und Ethos. Der Begriff „Drecksarbeit“ mag auf den ersten Blick nach Realismus klingen – nach der Notwendigkeit, das Unangenehme zu tun, das sich keiner zu erledigen traut. Doch in seinem semantischen Kern ist er verheerend. Denn hier wird Gewalt nicht problematisiert, sondern verwaltet. Sie wird entmoralisiert, funktionalisiert, sprachlich neutralisiert – als wäre Krieg nichts als die Vollziehung politischer Hygiene. Als müsse halt jemand aufräumen im geopolitischen Dreck.

Ein solcher Sprachgebrauch wäre erschütternd, selbst wenn er unbedacht gefallen wäre. Doch hier liegt der Fall anders. Die Formulierung kam von der Journalistin – nicht als Zitat, nicht als distanzierter Kommentar, sondern als aktiv gesetzter Begriff im Fragekontext. Die politische Rhetorik wurde ihr gewissermaßen vorformuliert, mit freundlicher Genehmigung des öffentlich-rechtlichen Rahmens. Und Merz? Er folgte der Einladung. Dankbar, bereitwillig. Kein Widerspruch. Kein Differenzieren. Kein Versuch, der Sprache Gewicht oder Würde zu verleihen.

So wird ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen. Denn „Drecksarbeit“ ist nicht bloß ein misslungenes Wort – es ist ein Begriff, der implizit entlastet. Wer Drecksarbeit verrichtet, ist nicht Täter, sondern Vollstrecker. Nicht Täter, sondern notwendiger Operator. Nicht schuldig, sondern systemrelevant. Und damit wird Gewalt – staatlich legitimierte, mitunter völkerrechtswidrige Gewalt – semantisch aus dem moralischen Diskurs herausgenommen. Sie wird verwaltet wie ein unvermeidlicher Teil des politischen Betriebs. Ohne Ethik. Ohne Tragik. Ohne Wahrheit.

Der Unterschied zu anderen Konflikten liegt offen zutage. Als Russland 2022 die Ukraine überfiel, war das Urteil einstimmig und moralisch eindeutig: ein Angriffskrieg, ein Bruch des Völkerrechts, ein Rückfall in imperiale Denkmuster. Man rief nach internationaler Solidarität, nach Prinzipientreue, nach einer Weltordnung, die auf Regeln basiert. Nun, im Fall Israels, hören wir andere Begriffe: „Präventivschlag“, „Verteidigung“, eben – „Drecksarbeit“. Dass es sich auch hier um einen Angriff über Staatsgrenzen hinweg handelt, dass auch hier Menschen starben, Recht gebrochen wurde – das spielt offenbar eine untergeordnete Rolle. Es ist der Freund-Feind-Code, der das Sprechen bestimmt.

Diese doppelte semantische Ordnung ist keine Lappalie. Sie ist das Ende jeder kohärenten Außenpolitik. Denn wer dasselbe Handeln unterschiedlich benennt, verliert die Fähigkeit zur objektiven Analyse – und damit zur politischen Urteilskraft. Sprache wird zum bloßen Werkzeug geopolitischer Loyalität. Der Maßstab verschwindet, das Prinzip wird durch Zweckmäßigkeit ersetzt. Carl Schmitt wusste: „Wer die Begriffe hat, beherrscht die Wirklichkeit.“ In diesem Fall zeigt sich: Die Wirklichkeit wird umcodiert – durch Begriffspolitik im Gewand öffentlicher Debatte.

Dass Dieter Hallervorden – ein altgedienter Satiriker, dem man intellektuelle Klarheit nicht absprechen kann – als einer der ersten öffentlich reagierte, spricht Bände. Seine Aussage, Merz gehöre „wegen Volksverhetzung ins Gefängnis“, war zweifellos überzogen. Aber sie war Ausdruck einer intuitiven Grenzempfindung, die vielen fehlt: Hier ist etwas überschritten worden. Nicht durch eine Meinung, sondern durch einen Begriff. Durch das, was er ausklammert. Durch das, was er normalisiert.

Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet im öffentlich-rechtlichen Raum eine solche Sprachentgleisung entstehen konnte. Denn dort, wo einst die politische Kultur gepflegt, kritisiert und ausbalanciert wurde, herrscht heute ein technokratischer Ton: glatt, effizient, auf Wirkung getrimmt – aber ohne moralischen Tiefgang. Die Sprache folgt nicht mehr dem Ernst der Lage, sondern dem Rhythmus der Schlagzeilen. Das Denken weicht der Formulierung. Der Diskurs wird zur Verpackung.

Es wäre leicht, Merz allein zu kritisieren. Doch er ist nur Symptom. Die eigentliche Krise liegt tiefer. Sie liegt in der Bereitschaft einer ganzen Schicht von Politikern, Journalisten und Intellektuellen, die Grundkategorien des Politischen preiszugeben – Verantwortung, Maß, Urteilskraft – zugunsten einer Sprache des Vollzugs, der Operations-Logik, der moralfreien Notwendigkeit. Wer Gewalt als „Drecksarbeit“ bezeichnet, führt keine Auseinandersetzung mehr. Er hat sich eingerichtet – im Zustand des Postpolitischen.

Doch die Reaktionen zeigen: Es regt sich Widerstand. Nicht organisiert, nicht laut – aber spürbar. Menschen, die noch wissen, was Worte bedeuten. Die sich nicht abfinden mit einer Welt, in der das Töten zum Pflichterfüllungsakt degradiert wird. Die spüren: Sprache ist nicht neutral. Sie schafft Wirklichkeit. Oder zerstört sie.

Ernst Jünger wusste: „Das Wort ist ein Schwert.“ Wer es führt, trägt Verantwortung. Wer es aufgibt, macht sich selbst bedeutungslos. Und wer anderen das Formulieren der Wirklichkeit überlässt, hat bereits verloren. Deshalb ist es kein Nebensatz, kein unglücklicher Ausdruck, kein Medienmissverständnis. Es ist ein Bruch. Und er muss benannt werden. Klar. Deutlich. Unmissverständlich.

Denn wo „Drecksarbeit“ zur Ehrenpflicht erklärt wird, ist das Politische schon zur Exekutive moralischer Verwahrlosung geworden. Wer das nicht mehr erkennt, hat bereits in der Sprache kapituliert.

Waffen der Wahrheit – warum Deutschland endlich ehrlich werden muss

Was, wenn das moralische Gerüst unserer Außenpolitik auf Sand gebaut ist – selektiv, scheinheilig, emotional? Wenn das Wort „Völkerrecht“ nur dann fällt, wenn es gegen unsere erklärten Feinde geht – und schweigt, wenn unsere Verbündeten bombardieren? Willkommen in der deutschen Realität des Jahres 2025: ein Land, das seine politische Stimme längst verkauft hat – im Namen von Staatsraison, Bündnistreue und einer moralischen Selbstverzwergung, die jeden unabhängigen Gedanken zur Gefahr erklärt.

Israel hat den Iran bombardiert. Wieder einmal. „Präventiv“, heißt es. Weil der Iran angeblich kurz vor der Atombombe stehe. Premierminister Netanjahu verkündete, es gebe „klare Informationen“, Teheran stehe „unmittelbar davor, eine Nuklearwaffe zu bauen“. Und wie so oft wird das Wort „Holocaust“ bemüht – als moralische Keule, als rhetorischer Schutzschild gegen jede Form kritischer Rückfrage. Doch was, wenn dieser Schlag nicht auf Fakten beruht, sondern auf politischem Kalkül?

Denn Fakt ist: Der Iran ist ein sogenannter „Threshold State“ – also ein Schwellenstaat mit atomtechnischer Kapazität, aber ohne derzeit aktives Waffenprogramm. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) bestätigt: Der Iran besitzt Uran, das zu 60 Prozent angereichert ist – technisch betrachtet ein Schritt vor waffenfähigem Material, das bei 90 Prozent beginnt. Doch zwischen diesem Material und einer tatsächlich einsatzfähigen Bombe liegen noch erhebliche technische, metallurgische und logistische Hürden. Die Anlagen stehen unter IAEA-Überwachung. Selbst nachdem das Atomabkommen (JCPOA) de facto gescheitert ist, akzeptierte Teheran weiterhin internationale Inspektoren. Man muss das nicht gutheißen. Aber man muss es anerkennen – als Realität.

Und dennoch fliegen Raketen. Ohne UN-Mandat. Ohne international abgesegnete Rechtsgrundlage. Mit vollem Risiko, eine atomare Eskalation auszulösen. Die IAEA warnte zuletzt eindringlich: Ein Angriff auf zivile Nuklearanlagen könne „katastrophale Folgen“ haben – nicht nur für die Region, sondern weit darüber hinaus.

Israel begründet seine Operationen als „gezielte Maßnahmen zur Selbstverteidigung“. In Wahrheit ist es ein Angriffskrieg, der erneut mit wohlkalkulierter moralischer Begleitmusik verkauft wird. Und Berlin? Schweigt. Oder sekundiert mit wortreicher Passivität. Eine „gezielte Operation“, wie es aus dem Auswärtigen Amt heißt – das klingt klinisch, präzise, legitim. In Wahrheit ist es ein Euphemismus für Gewalt mit politischer Rückendeckung.

Für Israel ist der Iran nicht einfach ein weiterer Gegner – er ist der Hauptfeind, ideologisch wie geopolitisch. Der Iran gilt als Zentrum einer „Achse des Bösen“, vergleichbar mit der Rolle Afghanistans für die USA nach dem 11. September. Und ja – der Iran unterstützt die Hisbollah im Libanon und die Hamas in Gaza. Diese Verbindungen sind real, aber sie rechtfertigen nicht jede Eskalation. Wer so denkt, legitimiert den permanenten Ausnahmezustand – und den Präventivkrieg als außenpolitische Normalität.

Diese Strategie hat in Israel eine lange Geschichte. Seit seiner Gründung 1948 hat der jüdische Staat fast in jedem Jahrzehnt einen größeren Krieg geführt: 1948 der Unabhängigkeitskrieg, 1956 die Suez-Krise, 1967 der Sechstagekrieg, 1973 der Jom-Kippur-Krieg, 1982 der Libanonkrieg, 2006 erneut Libanon, 2008, 2012, 2014, 2021 massive Einsätze gegen Gaza. Hinzu kommen regelmäßige Luftschläge in Syrien, dem Irak – und nun dem Iran. Fast immer unter dem Banner der Verteidigung. Und doch: In vielen Fällen war es Israel, das zuerst zuschlug. Die Militärdoktrin des Landes basiert auf Dominanz, frühzeitiger Ausschaltung potenzieller Bedrohungen, technologischer Überlegenheit – und internationaler Rückendeckung. Ein Geflecht aus Drohnenkrieg, Cyberkrieg, gezielten Tötungen und diplomatischer Immunität.

In den vergangenen Tagen war diese Strategie besonders sichtbar: Über 300 israelische Luftschläge trafen iranische Kommandozentralen, Nuklearstandorte, Ölraffinerien, Regierungseinrichtungen. Parallel agierte der Mossad mit Sabotageakten im Inland, mit der Ermordung iranischer Atomwissenschaftler, mit der gezielten Lahmlegung militärischer Kommunikation. All das geschieht außerhalb jeder UN-Ordnung – und ohne nennenswerte Kritik aus Berlin oder Brüssel.

Der Iran reagierte mit über 370 Raketen und Drohnen. Die israelische Luftabwehr fing viele ab, doch es gab Tote – in Tel Aviv, in Haifa. Ein asymmetrischer Gegenschlag. Brutal, aber vorhersehbar. Die Eskalationsspirale dreht sich weiter.

Und Deutschland? Urteilt nicht nach Recht – sondern nach Nähe. Israel liegt emotional näher. Der Iran war uns stets fremd, schiitisch, unverständlich, unbequem. Man hat gute Gründe, das iranische Regime zu kritisieren: wegen Unterdrückung, Folter, der Ermordung von Oppositionellen. Aber daraus ein legitimes Kriegsziel zu machen? Das ist gefährlich. Regimewechsel funktionieren nicht. Nicht im Irak, nicht in Libyen, nicht in Afghanistan. Warum also jetzt?

Wir können nicht Russland für seinen Angriffskrieg in der Ukraine verurteilen und zugleich Israel für völkerrechtswidrige Luftangriffe auf den Iran unterstützen oder gar feiern. Das ist moralisch beliebig – und politisch brandgefährlich. Wie viele Staaten besitzen Atomwaffen? Pakistan, Indien, Nordkorea, Israel selbst – ohne jede NPT-Bindung. Müssen wir dort auch einmarschieren?

Außenminister Johann Wadephul sagte: „Israel hat das Recht zur Selbstverteidigung“, doch ergänzte: „Niemand profitiert von weiterer Eskalation.“ Und: „Wir rufen alle Seiten auf, jetzt ernsthaft die Spirale der Gewalt zu unterbrechen.“ Ein richtiger Ton – aber ohne Konsequenz. Ohne Handlung. Ohne Richtung.

Die israelische Regierung argumentiert anders. Verteidigungsminister Gallant erklärte: „Jeder, der Israels Vernichtung anstrebt, wird selbst zur Zielscheibe.“ Netanjahu sprach von einem „strategischen Fenster, das sich nicht wieder öffnet“. Die israelischen Hardliner glauben: Jetzt oder nie. Jetzt soll die iranische Bedrohung ein für alle Mal neutralisiert werden. Doch das Risiko ist hoch. Für alle.

Ein besonders perfides Beispiel ideologischer Verzerrung: das berühmte Ahmadinedschad-Zitat. Er habe Israel „von der Landkarte wischen“ wollen, hieß es. Tatsächlich sagte er sinngemäß: „Dieses Regime, das Jerusalem besetzt hält, muss aus den Seiten der Geschichte verschwinden.“ Das ist problematisch – ja. Aber es ist keine militärische Vernichtungsdrohung, wie der Westen es jahrelang behauptete. Wer es trotzdem so deutet, betreibt Propaganda – nicht Aufklärung.

Peter Scholl-Latour warnte schon vor Jahrzehnten: „Im Orient ist nichts so, wie es scheint – und alles ist möglich.“ Wer diesen Raum verstehen will, muss ihn mit den Augen seiner Bewohner sehen – nicht durch das Prisma unserer Wunschbilder.

Und auch nicht durch das Prisma unserer Schuld. Die islamische Revolution 1979 war nicht nur ein iranisches Ereignis – sie war auch ein westliches Versäumnis. Khomeini wurde aus dem Exil in Frankreich zurückgeholt, nicht trotz, sondern wegen westlicher Interessen. Der Schah, einstiger Bündnispartner, wurde fallen gelassen. Man glaubte, man könne den revolutionären Islam kontrollieren. Heute wissen wir: Man hat ihn befördert.

Wir stehen an einem Wendepunkt. Deutschland hat die Wahl: Zuschauer oder Gestalter. Souverän oder Mitläufer. Ehrlich oder heuchlerisch. Wir könnten – wir sollten – eine neue Rolle einnehmen: die eines Friedensstifters. Nicht als Richter. Nicht als Brandbeschleuniger. Sondern als Brückenbauer – zwischen Fronten, zwischen Völkern, zwischen Wahrheiten.

Denn eines ist nicht nur gewiss – es ist unübersehbar: Das Völkerrecht wird mit zweierlei Maß gemessen. Tagtäglich. Ohne Scham, ohne Erklärung, ohne Einsicht. Was Russland in der Ukraine zum „Bruch der Weltordnung“ macht, wird bei Israel zur „verantwortungsvollen Verteidigung“. Was bei Moskau Sanktionen, Waffenlieferungen und Gerichtsrufe nach Den Haag auslöst, wird bei Tel Aviv mit Solidaritätsadressen, Rechtfertigungen und Schweigen beantwortet.

Ein und derselbe Maßstab wird gebrochen – je nachdem, wer ihn in der Hand hält. Wenn Russland völkerrechtswidrig ein Land angreift, nennen wir es, was es ist: ein Angriffskrieg. Wenn Israel ohne UN-Mandat ein Nachbarland bombardiert, sprechen wir von „militärischer Notwendigkeit“. Das ist keine Rechtsauslegung – das ist politische Beliebigkeit. Das ist Heuchelei in diplomatischer Verpackung.

Und schlimmer noch: Diese Doppelmoral frisst das Völkerrecht von innen auf. Es macht es zu einem Werkzeug der Mächtigen. Zu einer Kulisse für geopolitische Interessen. Zu einem Spiel, dessen Regeln man sich schreibt, wie man sie gerade braucht.

Wer so agiert, darf sich nicht wundern, wenn autoritäre Regime das Völkerrecht selbst nicht mehr ernst nehmen. Denn sie sehen genau hin. Sie sehen, wie selektiv wir urteilen. Wie laut wir rufen, wenn es uns passt – und wie leise wir flüstern, wenn es uns stört. Sie sehen, wie wir unsere Werte zu Werkzeugen machen – und unser Recht zu einer rhetorischen Staffage.

Das ist nicht nur moralisch verlogen – es ist strategisch töricht. Denn es delegitimiert alles, wofür wir angeblich stehen: Gerechtigkeit, Gleichheit vor dem Recht, universelle Normen. Wer diese Prinzipien nur für Freunde gelten lässt, hat sie bereits verraten.

Wenn Deutschland also wirklich eine wertebasierte Außenpolitik will – dann beginnt sie genau hier: bei der Anerkennung, dass Völkerrecht nicht relativ ist. Dass Gewaltverbot nicht optional ist. Dass Angriff nicht zur Verteidigung wird, nur weil uns der Angreifer sympathischer ist.

Deutschland muss sich entscheiden: Für Rechtsstaatlichkeit – oder für Parteilichkeit. Für Prinzipien – oder für Opportunismus. Für Ehrlichkeit – oder für diplomatische Lyrik.

Wer glaubt, das Völkerrecht sei nur dann relevant, wenn Russland es verletzt, macht sich selbst unglaubwürdig. Und wer meint, Israel stehe außerhalb dieser Ordnung – der schafft keine Solidarität. Der schafft einen Präzedenzfall für Anarchie unter Freunden.

Echte Friedenspolitik braucht keine doppelten Maßstäbe. Sie braucht Mut zur Konsequenz. Auch, wenn sie unbequem ist. Auch, wenn man dafür keinen Applaus erhält.

Deutschland muss sich entscheiden: Für Prinzipien oder für Interessen. Für gefühlige Empörung oder für nüchterne Diplomatie. Für das Ideal der Weltrettung – oder für die Realität eigener geopolitischer Verantwortung.

Wir brauchen keine Außenpolitik der Betroffenheit, sondern eine der Besonnenheit. Keine Moralphilosophie auf diplomatischem Briefpapier, sondern eine klare Interessenpolitik im Dienst unserer Sicherheit, unseres Wohlstands, unserer globalen Handlungsfähigkeit.

Wir haben keine historische Verpflichtung, jeden Krieg im Nahen Osten zu erklären, zu verurteilen oder moralisch zu bewerten. Unsere Aufgabe ist es nicht, Partei zu ergreifen in einem religiös, politisch und geschichtlich aufgeladenen Konflikt, dessen Wurzeln tief reichen – und dessen Lösung nicht in Berlin liegt.

Was wir brauchen, ist außenpolitische Souveränität. Deutschland muss aufhören, außenpolitische Moral zu exportieren – und stattdessen seine diplomatischen Interessen schützen: Energiesicherheit, Stabilität der Handelswege, Schutz europäischer Grenzen, Zusammenarbeit mit Staaten, die unsere Eigenständigkeit respektieren.

Und genau deshalb darf auch das Völkerrecht nicht als moralischer Rammbock dienen – sondern muss als strategisches Ordnungsprinzip ernst genommen werden. Nicht aus Ideologie, sondern aus kluger Vorsicht. Wer Regeln einfordert, muss sie selbst achten. Wer Legitimität will, darf nicht selektiv urteilen. Wer handlungsfähig bleiben will, muss Glaubwürdigkeit wahren.

Denn Völkerrecht ist nicht nur Moral – es ist auch Methode. Wer es willkürlich anwendet, zerstört es als Werkzeug. Und damit auch die Ordnung, von der wir selbst profitieren.

Außenpolitik ist kein moralisches Seminar – sie ist ein Wettstreit von Interessen. Wenn wir darin bestehen wollen, dürfen wir uns nicht länger von Schuldgefühlen, Slogans und Symbolpolitik leiten lassen.

Es ist Zeit für eine nüchterne, souveräne, realpolitische Außenpolitik. Für Deutschland – und für das, was wir in der Welt zu verlieren haben.

Aktuelle Entwicklung

Die Krise zwischen Israel und dem Iran spitzt sich dramatisch zu – und zieht nun die USA in eine gefährliche Dynamik hinein, die nicht nur regionalen Sprengstoff birgt, sondern auch das politische Gefüge innerhalb der Vereinigten Staaten selbst erschüttert. US-Präsident Donald Trump verließ das G7-Treffen demonstrativ vorzeitig und kehrte eilig nach Washington zurück, wo er im Situation Room eine Sondersitzung des Nationalen Sicherheitsrates einberief. Kurz darauf folgte eine martialische Botschaft auf seiner Plattform Truth Social: „Iran kann keine Atombombe haben … jeder soll Teheran sofort verlassen.“

Parallel dazu wurde die USS Nimitz, ein nuklear betriebener Flugzeugträger und Symbol amerikanischer Machtprojektion, aus dem Indopazifik abgezogen und in die Nähe des Persischen Golfs verlegt – gemeinsam mit der USS Carl Vinson. Die Kampfgruppen tragen Dutzende F‑35‑Jets, Aufklärungsdrohnen und Begleitschiffe. Auch über 30 Tankflugzeuge der US Air Force wurden nach Europa verlegt, um Langstreckeneinsätze in den Nahen Osten zu ermöglichen. Die USA rüsten sich – nicht nur rhetorisch, sondern operativ.

Doch Trumps Konfrontationskurs trifft zunehmend auf Widerstand – und zwar aus den eigenen Reihen. Bereits im März hatten amerikanische Geheimdienste erklärt, es gebe keine konkreten Hinweise darauf, dass der Iran aktiv an einer Atombombe baue. Diese Einschätzung steht im klaren Widerspruch zu Trumps öffentlicher Rhetorik, in der er vom „unmittelbaren Risiko“ eines atomar bewaffneten Iran spricht. Dennoch hält er unbeirrt an seinem Eskalationskurs fest – Fakten scheinen dabei zweitrangig.

Diese Haltung sorgt für wachsende Brüche im republikanischen Lager. Selbst innerparteilich wird Trumps Linie zunehmend infrage gestellt. Der prominente Kommentator Tucker Carlson warf Trump öffentlich vor, sich blind in einen Krieg treiben zu lassen: „Wir wurden in Irak und Afghanistan belogen – sollen wir uns jetzt in einen dritten Krieg stürzen, der auf denselben Halbwahrheiten basiert?“ Auch konservative Stimmen aus dem anti-interventionistischen Flügel der Republikaner, etwa um Senator Rand Paul, melden sich kritisch zu Wort. Ein Krieg mit dem Iran, so heißt es, liege nicht im amerikanischen Interesse und gefährde die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität der Vereinigten Staaten.

Trump reagierte wie gewohnt: mit Trotz. „Jemand soll dem verrückten Tucker Carlson erklären, dass der Iran keine Atomwaffen haben darf!“ ließ er verlauten. Doch die innerparteilichen Differenzen sind da – offen, tief und unübersehbar.

Es ist eine brandgefährliche Mischung: Ein Präsident, der militärisch eskaliert, obwohl seine eigenen Nachrichtendienste widersprechen. Ein militärischer Aufmarsch, der längst begonnen hat. Und ein wachsender innerparteilicher Widerstand, der die Bruchlinien in Washington offenlegt. Was einst als gezielte Warnung begann, droht nun zur Vorstufe eines regionalen – und möglicherweise globalen – Flächenbrandes zu werden.

Staat oder Bewegung? Die Neue Rechte im Selbstgespräch

Rittergut Schnellroda. Kein Ort wie jeder andere. Hier wird gedacht, gedruckt, gestritten – lange bevor die Neue Rechte zur Projektionsfläche wurde, war sie hier Idee, Haltung, Leben. Ellen Kositza sitzt am Tisch, vor ihr Wasser, Block, Stift. Ihr gegenüber: Maximilian Krah. Zwischen ihnen kein Begrüßungsritual, keine inszenierte Geste. Er ist einfach da – ruhig, regungslos, vollständig präsent.

Götz Kubitschek sitzt seitlich, flankierend. Nicht als Moderator, nicht als Vermittler – sondern als Verleger. Als jemand, der Raum gibt, aber nicht erklärt. Der beobachtet, nicht kommentiert. Und doch steht er mit im Raum, ganz und gar – denn mit Krah verbindet ihn mehr als nur ein Buchvertrag. Es ist ein Versuch. Vielleicht ein Risiko.

Krah, der Politiker, der unter Beschuss steht. Kubitschek, der Verleger, der entscheidet, wem er Plattform gibt – und warum. Zwischen beiden: keine Kameraderie, keine demonstrative Nähe. Was sie eint, ist nicht Gefühl, sondern Ernst. Kein Zweckbündnis, sondern ein Prüfstein.

Dieses Gespräch ist kein Schulterschluss. Es ist ein Moment der Klärung. Vielleicht auch der Grenzziehung. Doch eines ist spürbar: Hier begegnen sich zwei Männer und eine Frau, die wissen, was auf dem Spiel steht. Und es trotzdem wagen.

Krahs Art zu sprechen – diszipliniert, klar, methodisch – steht in scharfem Kontrast zur geistigen Temperatur des Hauses Schnellroda. Denn während Kubitschek mit Reibung denkt und Kositza mit glühender Sympathie für die Gegenkultur fragt, bleibt Krah auf der Tonspur der Staatslogik. Er argumentiert rechtspositivistisch. Der Staat ist, was geschrieben steht. Die Grenzen dessen, was gesagt werden darf, ergeben sich aus Gesetzen, nicht aus der Wirklichkeit der Straße. Für Krah ist der Staat ein funktionales Gebilde – legitimiert durch die Verfassung, getragen von Rechtssicherheit, definiert durch Institutionen.

Doch in Schnellroda sieht man das anders. Dort gilt nicht das Gesetz als oberste Instanz, sondern das Volk – nicht in der abstrakten Form eines Staatsvolkes, sondern als geschichtlich gewachsener, kulturell verwurzelter Organismus. Kubitschek stellt die entscheidende Gegenfrage: Kann ein Staat, der das eigene Volk austauschbar macht, überhaupt noch Legitimität beanspruchen? Und was bedeutet Staatsbürgerschaft, wenn sie bloß auf Papieren beruht, aber nicht auf Zugehörigkeit, Abstammung, Loyalität?

Diese Frage trifft den Nerv des Gesprächs. Denn Krah und Kubitschek sprechen über denselben Staat – aber meinen völlig verschiedene Dinge. Für Krah ist Staatsbürgerschaft ein juristisches Verhältnis: Ein Vertrag zwischen Bürger und Republik. Für Kubitschek ist sie ein Band: gewachsen, nicht gemacht. Ein Deutscher sei nicht deshalb Deutscher, weil es ein Gesetz erlaubt – sondern weil er Teil einer kulturellen Erbfolge sei. Wer diesen Unterschied ignoriere, verkenne die Tragweite der gegenwärtigen Krise.

Diese Spaltung durchzieht das gesamte Gespräch. Und sie zeigt sich auch im Umgang mit staatlicher Repression. Die Festnahme von Jugendlichen, Aktivisten der Neuen Rechten, die nach Lissabon reisen wollten, wird zum Symbol. Für Krah ist sie ein juristisches Warnsignal – für Kubitschek ein politischer Offenbarungseid. Der Staat, so Krah, überschreitet hier erstmals offen die Grenze zwischen präventivem Schutz und repressiver Ideologie. Kubitschek hingegen sagt: Dieser Staat zeigt endlich, was er ist – eine Verwaltungsmaschinerie ohne Volk, ein Machtapparat, der gegen die eigenen Kinder operiert.

Krah verweist in diesem Zusammenhang mehrfach auf das sogenannte Gutachten zur AfD – ein Konvolut von Argumentationslinien und juristisch aufbereiteten Annahmen, das in weiten Teilen auf Prognosen, Verdachtsmomenten und ideologisch aufgeladenen Deutungen basiert. Drei Punkte seien dabei zentral, so Krah: Erstens, die Behörden hätten eine „hinreichende Wahrscheinlichkeit“ gesehen, dass von Teilen der Bewegung eine Gefahr für die freiheitlich-demokratische Grundordnung ausgehe. Zweitens, der Begriff „Remigration“ wurde vom Gericht selbst als „ethnisch aufgeladen“ interpretiert – und damit zur Chiffre politischer Radikalität umgedeutet. Drittens, und das sei besonders perfide, werde der AfD eine pauschale, generelle Islamfeindlichkeit unterstellt – nicht differenziert, nicht als Position in einer offenen Debatte, sondern als unantastbares Indiz einer verfassungswidrigen Gesinnung. Damit, so Krah, werde aus Meinung ein Verbrechen gemacht.

Für Krah ist das ein Beleg dafür, dass der Rechtsstaat in einen Deutungsstaat übergeht – und dass sprachliche Präzision das einzige Mittel ist, um nicht zerrieben zu werden. Doch Kubitschek hält dagegen: Wer dieses Gutachten ernst nimmt, verleiht ihm bereits Legitimität. Für ihn ist das Papier kein Sachtext, sondern ein ideologisches Manifest – verfasst von Feinden, nicht von Juristen. Und es geht ihm nicht darum, einzelne Passagen zu widerlegen. Es geht ihm darum, das ganze Paradigma zu verwerfen: den Staat als moralische Instanz, als pädagogischen Leviathan, der seine Kritiker nicht widerlegt, sondern klassifiziert, katalogisiert, kriminalisiert.

Dabei geht es Kubitschek auch um die Reinheit der Lehre. In einem seiner früheren Essays formulierte er: „Wir dürfen keine Bewegung werden, die sich schämt, wo sie steht.“ Und: „Das Vorfeld ist der Ort, an dem die Begriffe geschärft werden.“ Schnellroda versteht sich nicht als pragmatische Flanke, sondern als geistige Instanz, als Ort der Sammlung und Auslese. Die Begriffe sind nicht bloß Werkzeuge – sie sind Symbole. Und wer sie relativiert, verwässert das Ganze. Das ist mehr als ein semantischer Streit – es ist ein Ringen um die Grundrichtung der Bewegung, der AfD. Um das, was von der konservativen Revolution geblieben ist – und was davon noch Zukunft hat.

Denn wie damals steht auch heute die Rechte zwischen dem Versuch politischer Machtoptionen und der Forderung nach geistiger Souveränität. Die konservative Revolution wollte nie Verwaltung – sie wollte Umwälzung. Zwischen Moeller van den Brucks visionärem Pathos und Karl Schmitts Entscheidungstheorie liegt ein Spannungsfeld, das sich heute in der Debatte um die AfD und Schnellroda erneut entfaltet. Gemeinsam ist beiden Strängen die Ablehnung der liberalen Neutralität – doch während Krah innerhalb der Institutionen agiert, besteht Kubitschek auf einer revolutionären Distanz.

Vielleicht spürt man in diesem Gespräch auch die unterschwellige Angst – oder zumindest eine Ahnung –, dass sich eine Partei wie die AfD, so sie sich an den Rädern der Institutionen zu lange reibt, abschleifen könnte. Kubitschek und Kositza, seit 25 Jahren im politischen Kampf, wissen um die Gefahr des langsamen Verschleißes. Das Unbeugsame, Unbequeme, das sie verkörpern, wirkt wie ein letzter Schutzwall gegen die Versuchung des Arrangements. Ihr Haus ist kein Amtssitz – es ist eine Bastion.

Und Kositza ergänzt: „Wir sind nicht da, um Begriffe zu säubern – wir sind da, um Begriffe zu setzen.“ Was Kubitschek mit Pathos auflädt, formuliert sie als poetische Trotzformel. Für sie ist der Begriff Remigration keine juristische Variable – sondern ein kultureller Kampfbegriff, dem seine Sprengkraft nicht genommen, sondern bewusst erhalten bleiben muss.

Es geht um mehr als Remigration. Es geht um das Verhältnis von Staat, Volk und Bürger. Um das Spannungsverhältnis zwischen juristischer Zugehörigkeit und kultureller Identität. Krah will den Staat nutzen – Kubitschek will ihn neu denken. Der eine will das Spiel besser spielen – der andere stellt das Spiel selbst infrage. Und irgendwo dazwischen steht ein ganzes Milieu, das nicht weiß, ob es in den Bundestag oder auf die Barrikade gehört.

Was diesen Abend so bedeutsam macht, ist nicht der Konflikt allein. Es ist seine Form. Und mehr noch: Dieses Ringen selbst – dieses unablässige, manchmal schmerzhafte Austarieren von Begriffen, Richtungen, Prinzipien – ist vielleicht das Fruchtbarste, was die Neue Rechte derzeit besitzt. Denn es zeugt von Lebendigkeit, von geistiger Bewegung, von einer Weigerung, in ideologischer Starre zu verharren. Wo andere sich im Funktionieren erschöpfen, ringt man hier noch um das Richtige, um das Eigene (vgl. Lichmesz), um das Zukünftige. Man ringt, aber man bleibt im Gespräch. Man konfrontiert, aber man bricht nicht. Das ist selten in einer politischen Szene, die so oft in Lager und Linien zerfällt. Und doch ist klar: Hier endet keine Debatte – hier beginnt ein Klärungsprozess. Der Rechtspositivist steht dem revolutionären Rest gegenüber. Der Bürokrat dem Bohemien. Der Staatsmann dem Grenzgänger.

Und dazwischen: die Jugend. Die Jugend, für die Schnellroda mehr war als ein Ort. Für die es ein Versprechen war – auf Deutung, auf Tiefe, auf Identität. Diese Jugend hört in Krah nicht den Verräter, aber sie hört den Technokraten. Sie spürt, dass sein Blick auf den Staat nicht ihr Blick ist. Sie will nicht nur wählen – sie will verändern. Und zwar nicht juristisch, sondern kulturell, seelisch, metaphysisch.

Arthur Moeller van den Bruck hatte einst geschrieben: „Wir sind nicht das Volk von heute, wir sind das Volk von morgen.“ Dieser Satz hängt wie ein unsichtbares Echo über der Debatte. Schnellroda – das ist nicht nur ein Ort, sondern ein Horizont. Und seine Bewohner wissen: Es geht nicht um Anpassung, sondern um Gestaltung. Nicht um Legalität – sondern um Legitimität.

Was bleibt nach diesem Abend? Eine Szene, die sich fragen muss, was sie sein will. Eine Bewegung, die nicht zwischen Vernunft und Leidenschaft wählen darf – sondern beides integrieren muss. Eine AfD, die entscheiden muss, ob sie ein parlamentarischer Arm bleibt oder auch ein geistiger. Ein Maximilian Krah, der klüger ist als seine Gegner glauben – aber distanzierter, als es sich viele wünschen. Ein Götz Kubitschek, der nicht vergibt, aber auch nicht aufgibt – und der das politische Vorfeld, das Unbeugsame, das Unbequeme verkörpert. Und ein Zuschauer, der begreift: Die Entscheidung fällt nicht in Talkshows. Sie fällt in Gesprächen wie diesem.

Denn wenn Schwarzweißbilder mehr Wahrheit transportieren als jede Farbe, dann war dieser Abend ein Dokument der Selbstvergewisserung. Ein Beweis, dass wir noch reden.

Kanzler Merz im Oval Office – Erinnerungslücke und das devote diplomatische Schauspiel

Ein Bild geht um die Welt: Friedrich Merz, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, steht im Oval Office an der Seite von Donald J. Trump. Die Presse überschlägt sich in Lob. Man spricht von einem „diplomatischen Meisterstück“, von „strategischer Staatskunst“, von einer „neuen konservativen Ära der transatlantischen Vernunft“. Was viele für einen Triumph halten, ist in Wahrheit eine peinliche Farce – und eine tief entlarvende Szene in der Tragikomödie der Berliner Republik.

Denn Merz überreichte dem US-Präsidenten – so berichten verschiedene Medien – die Geburtsurkunde von Trumps Großvater, Friedrich Trump, geboren im pfälzischen Kallstadt. Eine Geste mit vermeintlicher Tiefe, inszeniert als Zeichen historischer Verbundenheit und persönlicher Achtung. Was Merz dabei offenbar nicht wusste oder bewusst ignorierte: Diese symbolische Urkunde hatte Donald Trump bereits erhalten – Jahre zuvor, überreicht von Kai Diekmann, dem ehemaligen BILD-Chef und CDU-nahen Medienstratege. Ein PR-Stunt, damals viel beachtet, heute anscheinend vergessen.

Die Folge: Der Kanzler überreicht einem US-Präsidenten ein symbolträchtiges Dokument, das längst überreicht wurde – und verkauft diesen Akt als originellen Staatsgestus. Ob aus Unwissenheit, Nachlässigkeit oder Opportunismus: Es offenbart das politische Kurzzeitgedächtnis eines Systems, das auf bloße Wirkung statt Substanz setzt.

Und es offenbart noch mehr: die doppelte moralische Buchführung unserer politischen Öffentlichkeit. Denn hätte ein AfD-Politiker Trumps deutsche Abstammung thematisiert, gar mit Urkunde bekräftigt, wäre das mediale Urteil vernichtend gewesen. Man hätte geschrien: „völkische Symbolpolitik“, „ethnisch motivierte Außenpolitik“, „Blut-und-Boden-Romantik“. Der Vorwurf: Die Ethnie werde zum politischen Kriterium erhoben. Doch wenn es ein CDU-Kanzler tut – oder vielmehr: wenn er eine symbolische Geste wiederaufwärmt, die bereits im politmedialen Raum kursiert –, dann ist es plötzlich eine freundliche Reminiszenz an gemeinsame Wurzeln. Dann wird nicht geschrien, sondern geschwelgt.

Diese Doppelmoral entlarvt sich selbst: Es geht nicht darum, ob über Herkunft gesprochen wird. Es geht nur darum, wer es tut. Ethnie als Bezugspunkt ist erlaubt – solange sie folgenlos bleibt, solange sie von den „richtigen Leuten“ erwähnt wird, solange sie nicht politisch aufgeladen wird mit Forderungen nach kultureller Selbstbehauptung oder gar Remigration. Dann ist es plötzlich nur Folklore, ein bisschen Provinz-Charm, ein Schmunzeln über den deutschen Opa im fernen Kallstadt.

Währenddessen saß Merz vor amerikanischen Kameras und erklärte, die „Remigrationswende“ greife in Deutschland. Eine Aussage, die – freundlich formuliert – dreist ist. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Von einem staatlichen Umdenken in Sachen Migration kann keine Rede sein. Abschiebungen finden nur in symbolischen Einzelfällen statt, die Asylverfahren bleiben träge, die Rückführung Hunderttausender Ausreisepflichtiger wird systematisch blockiert – nicht zuletzt durch Merz’ eigene Regierung, die sich lieber mit Kooperationsabkommen zur „Fachkräftegewinnung“ schmückt, als tatsächliche Rückführungen zu organisieren. Merz lügt – ins Gesicht des US-Publikums, und auch vor seinem Gastgeber.

Dass er im selben Atemzug auch noch die Erhöhung der deutschen Rüstungsausgaben auf fünf Prozent des BIP ankündigt, rundet das Bild ab: Ein Kanzler, der die militärischen Wünsche Washingtons erfüllt, während er seinem Volk vorgaukelt, bei der Migrationsfrage handle die Bundesregierung nun entschlossen. Dabei funktioniert der deutsche Staat – wie schon so oft – vor allem dort, wo es nicht um die Interessen des eigenen Volkes geht.

Was bleibt, ist ein Bild der politischen Schieflage: Ein Kanzler mit einer alten Urkunde in der Hand, als wäre sie neu. Eine Lüge über eine „Remigrationswende“, die nicht existiert. Und ein symbolischer Kniefall vor der westlichen Vormacht, finanziert mit Milliarden deutscher Steuergelder. Das alles verkauft als Staatskunst.

Nein – das war kein diplomatisches Meisterstück. Es war die Fortsetzung des politischen Selbstbetrugs mit anderen Mitteln. Und eine Mahnung: Wer das Eigene vergisst, hat keine Souveränität mehr – nur noch eine Rolle.