Zwischen Moral und Nation: Höcke fordert deutsche Souveränität

Es war kein Ausbruch, kein kalkulierter Skandal. Björn Höckes Rede im Thüringer Landtag war leise im Ton – und doch scharf in der Aussage. In einer Debatte über den Nahostkonflikt sagte er jenen Satz, der in der politischen Landschaft Deutschlands wie ein Fremdkörper wirkt:

„Ich habe keinen israelischen und keinen iranischen Standpunkt – ich habe einen deutschen Standpunkt zu formulieren.“

In diesem einen Satz verdichtet sich eine Forderung, die weit über den aktuellen Konflikt hinausgeht. Es geht um Deutschland – um seine Rolle, seine Interessen, seine Würde. Höcke formuliert nichts weniger als eine Absage an eine Politik, die sich moralisch überhöht, dabei aber ihre eigene Substanz preisgibt.

Zwischen Bündnistreue und Selbstverleugnung

Was Höcke infrage stellt, ist nicht Solidarität mit Israel oder das Nachdenken über Sicherheit im Nahen Osten. Was er infrage stellt, ist die Unmündigkeit der deutschen Außenpolitik – ihre Hörigkeit, ihre reflexhafte Bündnistreue, ihre Unfähigkeit, das Eigene zum Maßstab zu machen.

In Zeiten, in denen politische Statements zu Israel in Berlin fast ritualisiert wirken, wirkte Höckes Satz wie ein Tabubruch – und gleichzeitig wie eine Selbstverständlichkeit, die lange verschüttet war.

Ein Ringen um das Eigene

Höckes Auftritt war kein populistisches Wüten, sondern ein nach innen gerichteter Weckruf. Er forderte nicht das Gegenteil dessen, was derzeit geschieht – er forderte das Dritte: eine deutsche Außenpolitik, die sich nicht an Schuld, nicht an Hegemonie, sondern an Realismus und nationalem Interesse orientiert.

Das ist kein Rückfall in Nationalismus – es ist das Bemühen um Normalität. Wer immer nur fremde Maßstäbe anlegt, kann das Eigene nicht erkennen. Höcke ruft dazu auf, diesen Blick wiederzugewinnen.

Ein Satz, der bleibt

Sein Satz hallt nach, weil er mehr ist als ein Standpunkt. Er ist ein Prüfstein: für politische Selbstachtung, für Ernsthaftigkeit, für Unabhängigkeit. Höcke spricht nicht für Israel, nicht für Iran – er spricht für ein Land, das sich selbst wiederfinden will.

Der Kanal, die Kanonen und die Kabale des Zelotismus

Zwischen Betongier, Blut und politischem Narzissmus.

Die Welt verengt sich auf eine Linie. Keine gedachte, keine symbolische, sondern eine physische – gezogen mit Lineal und politischem Willen. Sie schneidet durch Gaza, zieht sich vom Golf von Aqaba bis zum Mittelmeer und markiert eine Schneise der Ambition: den Ben-Gurion-Kanal. Ein Projekt, das aus den staubigen Archiven der israelischen Staatsgeschichte hervorgeholt wurde und nun – inmitten einer der blutigsten Phasen des Nahostkonflikts – plötzlich wieder auf dem Tisch liegt.

Es ist ein Plan, der die Geografie des Nahen Ostens neu ordnen soll. Ein Projekt, das den Suezkanal – jenen ägyptischen Korridor des Welttransits – herausfordert, wenn nicht entwertet. Und es ist ein Plan, der nicht nur mit Baggern und Beton operiert, sondern mit Raketen, Rhetorik und einer entmenschlichten Idee von Fortschritt.

Gaza, in diesem Szenario, ist kein Siedlungsgebiet, kein kultureller Raum, kein Ort gelebter Geschichte. Gaza ist Korridor, Durchgangszone, strategische Verfügbarkeitsmasse. Der Mensch wird zur geografischen Störung degradiert. Dort, wo heute Kinder durch Schuttfelder stolpern, soll morgen das Containerschiff verkehren. In den Visionen der Technokraten wird Leid zur Notwendigkeit, Zerstörung zur Vorleistung.

Währenddessen schweigen die Baupläne nicht. Und auch die Waffen nicht. Denn während die Welt über Waffenlieferungen an die Ukraine diskutiert, hat sich still eine neue Front geöffnet: TAURUS-Marschflugkörper aus deutscher Fertigung, präzise, tiefgreifend, gebaut für das Durchbrechen gehärteter Ziele, scheinen den Weg nach Israel gefunden zu haben.

Nicht öffentlich, nicht offiziell. Aber politisch möglicherweise geduldet. CDU-Chef Friedrich Merz, der sich zuletzt mit klarer Positionierung zur Ukraine profilierte, erklärte vor wenigen Wochen, eine Lieferung an Israel sei „im Bereich des Denkbaren“. Es war kein Befehl, kein Antrag, kein Gesetz. Aber es war ein Fenster, das sich öffnete. In einem Raum, in dem militärische Notwendigkeit und politische Deutung verschwimmen, genügt ein solches Fenster, damit Taten folgen. Es heißt inzwischen, dass erste Taurus-Systeme Israel bereits erreicht haben könnten – eine brisante Realität, die sich wie ein Damoklesschwert über den diplomatischen Beziehungen Europas erhebt.

Denn wenn Russland davon erfährt – und es wird davon erfahren –, dann gerät ein fragiles globales Gleichgewicht ins Wanken. Nicht nur, weil Deutschland mit einem Mal zwei Konfliktparteien hochrüstet. Sondern weil es die letzte politische Reserve an Neutralität und Glaubwürdigkeit verspielt. Was als Solidarität verkauft wird, könnte sich als strategischer Offenbarungseid entpuppen.

Was dort durchgelassen wird, ist nicht nur Munition. Es ist ein Paradigmenwechsel. Deutschland, jahrzehntelang zögerlich, wägt nun nicht nur ab, sondern kalkuliert – auch im Hinblick auf Israel. Der moralische Imperativ der deutschen Geschichte steht in Spannung zur realpolitischen Verstrickung in neue Kriege.

Und dann, am Rande dieser Schattenlandschaft, taucht er auf: Donald Trump, der Präsident, inzwischen gezeichnet von den Jahren, gesundheitlich angeschlagen, in Berichten als Katheter-tragend beschrieben, doch politisch noch immer ein Phantom von beachtlicher Wirkmacht.

Man stelle sich ihn vor, in Mar-a-Lago, mit trübem Blick, aber messerscharfem Gedächtnis. Umgeben von Erinnerungen an Deals, an Abkommen, an geopolitische Seifenblasen. An seiner Seite: Jared Kushner, Schwiegersohn, Nahost-Architekt, Immobilienstratege. Der Mann, der Frieden in Quadratmeter übersetzt und den Gazastreifen als Wirtschaftsraum mit Potenzial entwarf. Jetzt, wo Bomben den Boden begradigen, wird aus der Vision ein „Projektgebiet“.

Und über Trump selbst? Vieles bleibt im Dunkeln – doch unter Analysten wird zunehmend laut, was bislang nur hinter vorgehaltener Hand gemurmelt wurde: Der Mossad könnte belastende Akten über Trump besitzen. Ein Druckmittel? Vielleicht. Ein Grund, weshalb sich der einstige Präsident so konsequent israelischen Interessen unterordnet? Möglich. Denn der „Persilschein“, den Trump Netanjahu immer wieder ausstellt – selbst entgegen den Einschätzungen amerikanischer Nachrichtendienste – lässt sich anders kaum mehr erklären.

Der Westen schaut zu. Vielleicht mit Irritation, vielleicht mit klammheimlicher Zustimmung. In Brüssel redet man von „Stabilität“. In Berlin von „Solidarität“. Doch zwischen den Zeilen liegt ein unausgesprochener Handel. Die Gleichung lautet:

  • Israel schafft Fakten – und träumt offen von einem Groß-Israel,
  • die USA sichern die Rückendeckung und erhalten im Gegenzug den Zugang zu iranischem Öl,
  • Deutschland liefert Präzision,
  • und der Iran – so wird gemunkelt – öffnet diskret seine Ölhähne.

Israel ist in diesem Szenario nicht der Verteidiger, sondern der Angreifer – mit langfristigem Plan, mit geostrategischem Kalkül, mit visionärer Rücksichtslosigkeit. Die Strategie lautet: militärische Überlegenheit, territoriale Ausdehnung, wirtschaftliche Kontrolle. Und all das unter dem Mantel eines Westens, der lieber strategisch wegsieht als moralisch einzugreifen.

Ein Kanal für den Westen. Ein Krieg für den Osten. Ein Deal für alle, die ihn aushalten.

Was bleibt? Vielleicht eines Tages ein Schiff, das durch Gaza fährt. Beladen mit Containern, flankiert von Sicherheitsdrohnen. Vielleicht Jared Kushner, der zur Eröffnung das Band durchschneidet. Vielleicht ein Donald Trump, der trotz Katheter eine Rede hält, die sich um Wirtschaft dreht, um Fortschritt, um Größe. Niemand wird dann fragen, woher der Beton kommt. Oder die Stille. Oder die Tränen.

Denn dieser Kanal ist nicht nur ein Bauwerk. Er ist ein Schnitt durch Weltbilder, durch Gerechtigkeitsgefühle, durch das, was einmal als „humanitär“ galt.

Quellenverzeichnis:

  1. The New Arab (2024): „Israel’s Ben-Gurion Canal: An old idea revived?“
  2. Israel Hayom (2023): „Israel’s canal plan aims to challenge Egypt’s Suez“
  3. Fair Observer (2023): „Could Israel build a canal through Gaza?“
  4. YouTube: „Israel Is Building A $55 BILLION Canal Through Gaza!?“
  5. Tagesschau.de (Juni 2024): „Merz zur Taurus-Frage: Lieferung an Israel nicht ausgeschlossen“
  6. Frankfurter Rundschau (2024): „Merz und die Taurus – gefährliche Rhetorik“
  7. Middle East Eye (2023): „Kushner and the business of peace“

Krah verrät das Eigene – Eine Abrechnung mit dem neuen Anpassungskurs

Maximilian Krah, die Remigrationsfrage und ein ideologischer Bruch in den Reihen der Rechten

Maximilian Krahs kurzer Text „Alle werden glücklich!“ beginnt harmlos. Keine dramatische Rhetorik, kein kulturkämpferischer Ton. Stattdessen: Technokratie, Statistik, stille Zuversicht. Mobilität werde’s regeln, die Attraktivität der deutschen Kultur werde sich von selbst wieder einstellen, Fertilitätsraten gleichen sich an, problematische Gruppen verhielten sich bald ohnehin kooperativ. Am Ende: Alle werden glücklich. Doch diese vermeintliche Gelassenheit verdeckt eine gefährliche strategische Wende – eine Abkehr vom politischen Ethnos, wie er in der identitären Rechten grundgelegt ist.

Denn was Krah hier skizziert, ist nicht bloß eine neue Perspektive auf Integration – es ist die schleichende Preisgabe eines Kernsatzes rechter Theorie: dass jedes politische Gemeinwesen auf einem organischen, historisch gewachsenen Volk beruht. Remigration, ursprünglich gedacht als Mittel kollektiver Selbstbehauptung, wird von Krah auf eine sozialtechnische Maßnahme reduziert. Der Ethnos wird zum Randaspekt – und damit verschwindet er leise, nicht durch Feindeshand, sondern durch strategische Nachgiebigkeit.

Dabei waren Ethnos und Demos über Jahrtausende deckungsgleich. Vom attischen Stadtstaat über das Heilige Römische Reich bis zum ethnonationalen Denken des 19. Jahrhunderts: Wer zum Volk gehörte, war Teil eines Blutes, einer Sprache, einer Religion, einer Geschichte. Die politische Zugehörigkeit ergab sich aus der kulturellen – nicht umgekehrt. Erst die liberale Moderne, dann die multikulturelle Ideologie, haben diese Ordnung aufgelöst. Krahs Text steht – bewusst oder nicht – in dieser Entwicklungslinie.

Was Krah dagegen entwirft, ist kein realistisches Zukunftsmodell, sondern ein idealisierter Gesellschaftstopos. Er beschreibt einen Zustand imaginierter Harmonie – ein Staatsvolk, das sich homogenisiert, weil Mobilität, Geburtenzahlen und kulturelle Verflachung das irgendwie regeln würden. Der Grundton ist: Gelassenheit statt Gestaltung, Hoffnung statt Diagnose.

Doch diese Gelassenheit ist trügerisch. Denn sie ignoriert, was jeder kennt, der in urbanen Brennpunkten lebt oder den Migrationsbericht mit offenem Blick liest: Ethnische Spannungen existieren. Sie nehmen zu. Und sie folgen, anders als von Krah suggeriert, keinem planbaren Integrationsfahrplan, sondern der Logik soziologischer Kipppunkte. Der französische Demograf Michèle Tribalat oder auch Renaud Camus haben mehrfach gewarnt: Ein Zusammenleben ist nicht beliebig skalierbar. Ab einer gewissen kritischen Masse wandelt sich Koexistenz in Parallelgesellschaft, Kultur in Konkurrenz, Präsenz in Dominanz.

Dass Krah diese Dynamik weder benennt noch reflektiert, sondern stattdessen auf „kooperatives Verhalten“ und ein allgemeines „Absorbieren“ vertraut, ist nicht intellektuell naiv – es ist politisch folgenreich. Denn es verschleiert den Ernst der Lage. Wer Kipppunkte nicht erkennt, erkennt sie oft erst, wenn sie unumkehrbar geworden sind.

Wenn er schreibt, das Staatsvolk „absorbiere“ das ethnische Volk, dann akzeptiert er nicht nur diese Trennung – er macht sie zur Tugend. Die gewachsene Einheit wird durch ein funktionales Konstrukt ersetzt. Der Staat wird nicht mehr als Ausdruck des Volkes verstanden, sondern als Raum, in dem Bevölkerung verwaltet wird. Es ist der Übergang von Nation zur Bevölkerungseinheit mit Pass, von Geschichte zu Governance, von Politik zur Sozialtechnik.

Damit vollzieht Krah etwas, das in seiner Tragweite kaum zu überschätzen ist: Er entkoppelt das Staatsvolk vom ethnisch gewachsenen Volk. Das ist nicht bloß ein semantischer Kunstgriff – es ist ein gefährliches gedankliches Experiment. Denn in dem Moment, in dem das Staatsvolk nicht mehr an gemeinsame Herkunft, Sprache, Geschichte und Erinnerung gebunden ist, verliert es jede organische Qualität. Es wird zur abstrakten Hülle, zur juristischen Funktion, zur Ansammlung von Verwaltungsfällen.

Doch ein Volk ist keine Aktenlage. Es ist eine gelebte Kontinuität – ein Kollektiv mit Bewusstsein, mit Instinkt, mit Geschichte. Wer diese Klammer auflöst, ersetzt das Subjekt durch die Statistik – und bereitet damit den Weg für die endgültige Entkernung der Nation.

Diese Verschiebung – weg von gewachsener ethnischer Ordnung hin zu juristischer Konstruktion – ist kein Zufall, sondern Programm. Krah stellt die gesetzliche Zugehörigkeit über die ethnische Herkunft. Er übernimmt damit eine Linie, wie sie in Teilen der Rechten zunehmend vertreten wird, etwa bei Benedikt Kaiser oder Karl-Gustav Graf, und wie sie auch dort zu finden ist, wo behauptet wird, die Etnia spiele für die Konstitution des Staates „kaum eine Rolle“ – und habe sie womöglich nie gespielt.

Doch das ist nicht nur ein Irrtum – es ist eine ideologische Geschichtsfälschung. Denn natürlich entstanden Nationalstaaten, Monarchien und Reiche historisch immer auch im Angesicht geografisch-ethnischer Realitäten. Grenzen folgten Sprachräumen, Kulturen, konfessionellen Trennlinien – oft grob, aber nie beliebig. Die Vorstellung, ein Staat sei losgelöst vom ethnischen Zusammenhang, ist ein Produkt der liberalen Entwurzelung, nicht der politischen Tradition Europas.

Carl Schmitt formulierte es unmissverständlich:

„Das Volk ist kein leerer Begriff, keine abstrakte Allgemeinheit. Es ist ein konkret geordnetes und geschichtlich gewachsenes Ganzes.“

Vor allem aber: Krah absolutiert das Recht. Er erhebt es zur obersten Instanz politischer Ordnung – nicht mehr als Ausdruck eines kollektiven Willens, sondern als Ersatz für gewachsene Identität. Das Recht wird damit nicht mehr als Mittel zur Bewahrung des Eigenen verstanden, sondern als ein Prinzip, das das Eigene selbst ersetzt. Damit verkehrt sich der politische Sinn des Rechts: Es wird nicht mehr dem Volk vorgelagert, sondern an seine Stelle gesetzt. Das ist nicht konservativ – das ist entleerte Legalität.

Krah verwechselt juristische Setzungen mit geschichtlicher Wahrheit. Die krassen juristischen Wahrheiten, wie sie in einem entethnisierten Staat produziert werden, sind nicht gleichbedeutend mit absoluten Wahrheiten. Das Gesetz ist wandelbar, korrumpierbar, parteilich. Das Volk hingegen ist gewachsen, geprägt, organisch. Es hat ein Gedächtnis. Es hat eine Würde. Und es hat ein Recht auf Kontinuität, das nicht durch Paragraphen aufgehoben werden kann.

Was in Krahs Text vollständig fehlt, ist jene tiefe historische Einsicht, dass politische Zugehörigkeit nicht durch juristische Gleichstellung, sondern durch Blut und Herkunft bestimmt wurde – und das über Jahrtausende hinweg. Die Römer nannten es ius sanguinis – das Recht des Blutes. Nicht der Boden, nicht der Ort der Geburt (ius soli) bestimmte, wer ein Bürger war – sondern die Abstammung, der Eintritt in eine über Generationen gewachsene Linie.

Dieses ius sanguinis war mehr als ein Verwaltungsprinzip – es war Ausdruck einer intuitiven Wahrheit: dass Volk keine Willensentscheidung ist, sondern ein Band, das vor dem Einzelnen existiert und ihn überdauert. Der Mensch gehört seinem Volk nicht durch Unterschrift, sondern durch Herkunft, durch Sprache, durch Geschichte.

In nordischer Überlieferung war dieses Prinzip unter dem Namen Thung bekannt – ein ungeschriebenes Gesetz der Blutsverbundenheit, der Treue, der natürlichen Zugehörigkeit. Das Thung lebt nicht in Paragraphen, sondern in der Sphäre des Selbstverständlichen. Es entscheidet sich nicht in Anhörungen, sondern in der Stille zwischen Herkunft und Heimat. Indem Krah nun das juristische Konstrukt über dieses organische Prinzip stellt, entleert er nicht nur das politische Denken – er setzt das Staatsvolk gegen das Blutvolk, das gens sanguinis, wie man es in römischer Terminologie sagen könnte.

Krah entpolitisiert das Volk. Er ersetzt Geschichte durch Governance, Gemeinschaft durch Verwaltung, Kultur durch Statistik. Carl Schmitt warnte einst vor dieser Aushöhlung:

„Der Begriff des Staates setzt den Begriff des Politischen voraus. Der spezifische politische Unterschied […] ist der Unterschied von Freund und Feind.“

Wer das Volk entwirklicht, verliert die Fähigkeit zur Unterscheidung – und damit zur Selbstbehauptung.

Und er wird – ob gewollt oder nicht – zum Vollstrecker liberaler Entleerung. Denn, so Schmitt:

„Die liberalen Neutralisierungen und Entpolitisierungen aller entscheidenden Begriffe der staatlichen Ordnung führen nicht zur Humanisierung, sondern zur Vernebelung.“

Noch gravierender ist jedoch der Subtext, der sich durch Krahs Argumentation zieht. Denn wer genau liest, erkennt darin nicht nur eine politische Strategie, sondern eine tief verankerte Annahme: dass es die deutsche Ethnie im eigentlichen Sinne heute gar nicht mehr geben dürfe – oder könne. Krah argumentiert nicht für das Volk – er argumentiert für seine Verflüchtigung. Er sucht nach ordnungspolitischen Formeln, die seine Auflösung als natürlich erscheinen lassen.

Das aber ist nichts anderes als eine Rationalisierung des Verlusts – eine nachträgliche Rechtfertigung dessen, was nicht hätte geschehen dürfen. Damit wird Krah, bewusst oder unbewusst, Teil jenes Schuldkomplexes, der nach 1945 das politische Denken in Deutschland vergiftet hat. Anstatt dem Ethnos wieder Legitimität zu geben, unternimmt er das Gegenteil: Er dramatisiert seine bloße Existenz als Problem. Wo das historisch Gewachsene als Gefahr erscheint, wird das juristisch Beliebige zur vermeintlichen Rettung.

Dass Krah diesen Weg einschlägt, hat offenkundig auch taktische Gründe. Indem er den ethnisch-blinden Staat als Ideal entwirft, will er nicht zuletzt dem drohenden Verbotsverfahren gegen die AfD rhetorisch entgegenwirken. Ein Staatsvolk, das sich selbst entethnisiert, gilt als ungefährlich; eine Partei, die diesem Modell folgt, verliert das Stigma des „völkischen“.

Doch diese Verteidigungsstrategie führt in eine Falle. Denn was geopfert wird, ist nicht nur ein Begriff – sondern die Substanz der politischen Idee selbst. Wer das Volk aus der politischen Sprache tilgt, entzieht sich dem Verdacht – aber auch der eigenen Wahrheit.

Jean Raspail hat in „Das Heerlager der Heiligen“ diesen Moment literarisch vorweggenommen. Er schrieb: „Das größte Problem war nicht der Ansturm – sondern die Seelenlosigkeit der Verteidiger.“

Und diese Seelenlosigkeit zeigt sich heute in Texten wie dem von Krah. Nicht, weil sie feindlich wären – sondern weil sie müde sind. Müde, das Eigene zu behaupten. Müde, Remigration als ernsthafte Option zu denken. Müde, sich gegen das zu stellen, was ansteht – nicht irgendwann, sondern jetzt.

Vielleicht ist all das am Ende weniger Strategie als Selbstschutz. Krah absolutiert das Recht zur absoluten Wahrheit, weil ihm das Recht die letzte Legitimität verspricht in einem Staat, der alles Nationale verdächtig macht. Er tut alles, um sich vom Ethnos zu distanzieren – nicht aus Überzeugung, sondern womöglich aus Furcht. Furcht vor Missverständnissen, vor moralischer Ächtung, vor einem möglichen Parteienverbot.

Doch wer sich aus Angst von der Wahrheit entfernt, wird nicht frei – er wird funktional. Er passt sich ein in ein System, das ihn duldet, solange er nichts Wesentliches mehr zu sagen hat. Die Neue Rechte aber darf sich nicht dulden lassen. Sie muss unbequem bleiben. Sie muss Widerspruch erzeugen. Denn nur wer stört, bleibt sichtbar.

„Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“
(Carl Schmitt)

Souverän ist nicht, wer sich anpasst – sondern wer verteidigt.

Die Rückbindung an den Ethnos – wie sie hier eingefordert wird – bedeutet nicht biologische Starrheit, sondern politische Zielklarheit. Sie ist keine fixistische Ontologie, sondern eine Entscheidung über Richtung, Verantwortung und Zugehörigkeit. Das Ethnos ist nicht Ausschlussmechanismus, sondern Bezugspunkt für politische Kohärenz, kulturelle Form und soziale Ordnung. Wer Volk sagt, meint nicht nur Herkunft – sondern auch Verpflichtung.

Das Bekenntnis zum Ethnos ergibt sich aus politischer Motivation, nicht aus metaphysischer Abgrenzung. Es ist Ausdruck eines Willens zur Ordnung, zur Identität, zur Selbstbehauptung. Und gerade deshalb ist es möglich – ja, notwendig – dass der parlamentarische Arm einer rechten Bewegung auch offen bleibt für jene, die sich in Sprache, Kultur, Loyalität und Lebensweise vollständig mit dem Gastvolk identifizieren. Nicht aus taktischen Gründen, sondern weil Assimilation in seltenen, aber realen Fällen gelingen kann.

Das ändert nichts am Primat der Zugehörigkeit – aber es verhindert ideologische Verhärtung. Denn das Ziel ist nicht Blutreinheit, sondern politische Selbstbehauptung. Und die verlangt Klarheit – aber auch Augenmaß. Was ausgeschlossen wird, ist nicht der Einzelne – sondern die Vorstellung, dass man Völkern ihre Grenzen nehmen könne, ohne ihre Seele zu verlieren.

Die Neue Rechte ist nicht stark, wenn sie angepasst ist. Sie ist stark, wenn sie unverwechselbar ist. Und sie bleibt nur dann politisch wirksam, wenn sie nicht das sagt, was alle hören wollen – sondern das, was gesagt werden muss.

Am Ende bleibt der bittere Eindruck: Krah hat sich mit dem System arrangiert, in dem sich der politische Gegner längst eingerichtet hat. Er übernimmt nicht nur dessen Sprache – er akzeptiert dessen Spielregeln, dessen Kategorien, dessen Moral. Was als strategische Anpassung erscheinen mag, ist in Wahrheit eine schleichende Unterwerfung. Denn wer in einem feindlich gesinnten System überleben will, indem er sich dessen Logik unterordnet, verliert nicht nur seine Feinde – sondern sich selbst.

Diese Selbstaufgabe tarnt sich als Realismus, als Staatskunst, als taktischer Weitblick. Doch in Wahrheit ist sie ein stiller Abschied vom Eigenen. Krah ringt nicht mehr um Deutungshoheit, sondern um Anschlussfähigkeit. Und genau darin liegt der eigentliche Bruch mit einer Rechten, die das Eigene nicht relativiert, sondern begründet.

Ein Wort, das alles sagt: „Drecksarbeit“ und die moralische Implosion der politischen Sprache

Ein Interview, ein Halbsatz, ein Wort: „Drecksarbeit“. Es fiel nicht in der Hitze des Gefechts, nicht im affektiven Überschwang eines Wahlkampfauftritts, sondern im kühlen Licht eines öffentlich-rechtlich inszenierten Gesprächs, moderiert von Shelly Kupferberg. Die Frage zielte auf Israels Angriff auf iranisches Staatsgebiet – eine heikle, komplexe Lage, die nach Bedachtsamkeit verlangt hätte. Stattdessen servierte Kupferberg eine Formulierung, die alles entlarvte: Ob es nicht gut sei, dass Israel „die Drecksarbeit“ übernehme. Friedrich Merz, CDU-Vorsitzender, griff das Wort ohne Zögern auf, machte es sich zu eigen: „Ja. Wir müssen diese Drecksarbeit machen – und wir machen sie.“

In dieser Szene offenbart sich mehr als eine rhetorische Entgleisung. Sie ist das Symptom eines viel tiefer reichenden Prozesses: der fortschreitenden Entkopplung politischer Sprache von Verantwortung, Maß und Ethos. Der Begriff „Drecksarbeit“ mag auf den ersten Blick nach Realismus klingen – nach der Notwendigkeit, das Unangenehme zu tun, das sich keiner zu erledigen traut. Doch in seinem semantischen Kern ist er verheerend. Denn hier wird Gewalt nicht problematisiert, sondern verwaltet. Sie wird entmoralisiert, funktionalisiert, sprachlich neutralisiert – als wäre Krieg nichts als die Vollziehung politischer Hygiene. Als müsse halt jemand aufräumen im geopolitischen Dreck.

Ein solcher Sprachgebrauch wäre erschütternd, selbst wenn er unbedacht gefallen wäre. Doch hier liegt der Fall anders. Die Formulierung kam von der Journalistin – nicht als Zitat, nicht als distanzierter Kommentar, sondern als aktiv gesetzter Begriff im Fragekontext. Die politische Rhetorik wurde ihr gewissermaßen vorformuliert, mit freundlicher Genehmigung des öffentlich-rechtlichen Rahmens. Und Merz? Er folgte der Einladung. Dankbar, bereitwillig. Kein Widerspruch. Kein Differenzieren. Kein Versuch, der Sprache Gewicht oder Würde zu verleihen.

So wird ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen. Denn „Drecksarbeit“ ist nicht bloß ein misslungenes Wort – es ist ein Begriff, der implizit entlastet. Wer Drecksarbeit verrichtet, ist nicht Täter, sondern Vollstrecker. Nicht Täter, sondern notwendiger Operator. Nicht schuldig, sondern systemrelevant. Und damit wird Gewalt – staatlich legitimierte, mitunter völkerrechtswidrige Gewalt – semantisch aus dem moralischen Diskurs herausgenommen. Sie wird verwaltet wie ein unvermeidlicher Teil des politischen Betriebs. Ohne Ethik. Ohne Tragik. Ohne Wahrheit.

Der Unterschied zu anderen Konflikten liegt offen zutage. Als Russland 2022 die Ukraine überfiel, war das Urteil einstimmig und moralisch eindeutig: ein Angriffskrieg, ein Bruch des Völkerrechts, ein Rückfall in imperiale Denkmuster. Man rief nach internationaler Solidarität, nach Prinzipientreue, nach einer Weltordnung, die auf Regeln basiert. Nun, im Fall Israels, hören wir andere Begriffe: „Präventivschlag“, „Verteidigung“, eben – „Drecksarbeit“. Dass es sich auch hier um einen Angriff über Staatsgrenzen hinweg handelt, dass auch hier Menschen starben, Recht gebrochen wurde – das spielt offenbar eine untergeordnete Rolle. Es ist der Freund-Feind-Code, der das Sprechen bestimmt.

Diese doppelte semantische Ordnung ist keine Lappalie. Sie ist das Ende jeder kohärenten Außenpolitik. Denn wer dasselbe Handeln unterschiedlich benennt, verliert die Fähigkeit zur objektiven Analyse – und damit zur politischen Urteilskraft. Sprache wird zum bloßen Werkzeug geopolitischer Loyalität. Der Maßstab verschwindet, das Prinzip wird durch Zweckmäßigkeit ersetzt. Carl Schmitt wusste: „Wer die Begriffe hat, beherrscht die Wirklichkeit.“ In diesem Fall zeigt sich: Die Wirklichkeit wird umcodiert – durch Begriffspolitik im Gewand öffentlicher Debatte.

Dass Dieter Hallervorden – ein altgedienter Satiriker, dem man intellektuelle Klarheit nicht absprechen kann – als einer der ersten öffentlich reagierte, spricht Bände. Seine Aussage, Merz gehöre „wegen Volksverhetzung ins Gefängnis“, war zweifellos überzogen. Aber sie war Ausdruck einer intuitiven Grenzempfindung, die vielen fehlt: Hier ist etwas überschritten worden. Nicht durch eine Meinung, sondern durch einen Begriff. Durch das, was er ausklammert. Durch das, was er normalisiert.

Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet im öffentlich-rechtlichen Raum eine solche Sprachentgleisung entstehen konnte. Denn dort, wo einst die politische Kultur gepflegt, kritisiert und ausbalanciert wurde, herrscht heute ein technokratischer Ton: glatt, effizient, auf Wirkung getrimmt – aber ohne moralischen Tiefgang. Die Sprache folgt nicht mehr dem Ernst der Lage, sondern dem Rhythmus der Schlagzeilen. Das Denken weicht der Formulierung. Der Diskurs wird zur Verpackung.

Es wäre leicht, Merz allein zu kritisieren. Doch er ist nur Symptom. Die eigentliche Krise liegt tiefer. Sie liegt in der Bereitschaft einer ganzen Schicht von Politikern, Journalisten und Intellektuellen, die Grundkategorien des Politischen preiszugeben – Verantwortung, Maß, Urteilskraft – zugunsten einer Sprache des Vollzugs, der Operations-Logik, der moralfreien Notwendigkeit. Wer Gewalt als „Drecksarbeit“ bezeichnet, führt keine Auseinandersetzung mehr. Er hat sich eingerichtet – im Zustand des Postpolitischen.

Doch die Reaktionen zeigen: Es regt sich Widerstand. Nicht organisiert, nicht laut – aber spürbar. Menschen, die noch wissen, was Worte bedeuten. Die sich nicht abfinden mit einer Welt, in der das Töten zum Pflichterfüllungsakt degradiert wird. Die spüren: Sprache ist nicht neutral. Sie schafft Wirklichkeit. Oder zerstört sie.

Ernst Jünger wusste: „Das Wort ist ein Schwert.“ Wer es führt, trägt Verantwortung. Wer es aufgibt, macht sich selbst bedeutungslos. Und wer anderen das Formulieren der Wirklichkeit überlässt, hat bereits verloren. Deshalb ist es kein Nebensatz, kein unglücklicher Ausdruck, kein Medienmissverständnis. Es ist ein Bruch. Und er muss benannt werden. Klar. Deutlich. Unmissverständlich.

Denn wo „Drecksarbeit“ zur Ehrenpflicht erklärt wird, ist das Politische schon zur Exekutive moralischer Verwahrlosung geworden. Wer das nicht mehr erkennt, hat bereits in der Sprache kapituliert.

Waffen der Wahrheit – warum Deutschland endlich ehrlich werden muss

Was, wenn das moralische Gerüst unserer Außenpolitik auf Sand gebaut ist – selektiv, scheinheilig, emotional? Wenn das Wort „Völkerrecht“ nur dann fällt, wenn es gegen unsere erklärten Feinde geht – und schweigt, wenn unsere Verbündeten bombardieren? Willkommen in der deutschen Realität des Jahres 2025: ein Land, das seine politische Stimme längst verkauft hat – im Namen von Staatsraison, Bündnistreue und einer moralischen Selbstverzwergung, die jeden unabhängigen Gedanken zur Gefahr erklärt.

Israel hat den Iran bombardiert. Wieder einmal. „Präventiv“, heißt es. Weil der Iran angeblich kurz vor der Atombombe stehe. Premierminister Netanjahu verkündete, es gebe „klare Informationen“, Teheran stehe „unmittelbar davor, eine Nuklearwaffe zu bauen“. Und wie so oft wird das Wort „Holocaust“ bemüht – als moralische Keule, als rhetorischer Schutzschild gegen jede Form kritischer Rückfrage. Doch was, wenn dieser Schlag nicht auf Fakten beruht, sondern auf politischem Kalkül?

Denn Fakt ist: Der Iran ist ein sogenannter „Threshold State“ – also ein Schwellenstaat mit atomtechnischer Kapazität, aber ohne derzeit aktives Waffenprogramm. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) bestätigt: Der Iran besitzt Uran, das zu 60 Prozent angereichert ist – technisch betrachtet ein Schritt vor waffenfähigem Material, das bei 90 Prozent beginnt. Doch zwischen diesem Material und einer tatsächlich einsatzfähigen Bombe liegen noch erhebliche technische, metallurgische und logistische Hürden. Die Anlagen stehen unter IAEA-Überwachung. Selbst nachdem das Atomabkommen (JCPOA) de facto gescheitert ist, akzeptierte Teheran weiterhin internationale Inspektoren. Man muss das nicht gutheißen. Aber man muss es anerkennen – als Realität.

Und dennoch fliegen Raketen. Ohne UN-Mandat. Ohne international abgesegnete Rechtsgrundlage. Mit vollem Risiko, eine atomare Eskalation auszulösen. Die IAEA warnte zuletzt eindringlich: Ein Angriff auf zivile Nuklearanlagen könne „katastrophale Folgen“ haben – nicht nur für die Region, sondern weit darüber hinaus.

Israel begründet seine Operationen als „gezielte Maßnahmen zur Selbstverteidigung“. In Wahrheit ist es ein Angriffskrieg, der erneut mit wohlkalkulierter moralischer Begleitmusik verkauft wird. Und Berlin? Schweigt. Oder sekundiert mit wortreicher Passivität. Eine „gezielte Operation“, wie es aus dem Auswärtigen Amt heißt – das klingt klinisch, präzise, legitim. In Wahrheit ist es ein Euphemismus für Gewalt mit politischer Rückendeckung.

Für Israel ist der Iran nicht einfach ein weiterer Gegner – er ist der Hauptfeind, ideologisch wie geopolitisch. Der Iran gilt als Zentrum einer „Achse des Bösen“, vergleichbar mit der Rolle Afghanistans für die USA nach dem 11. September. Und ja – der Iran unterstützt die Hisbollah im Libanon und die Hamas in Gaza. Diese Verbindungen sind real, aber sie rechtfertigen nicht jede Eskalation. Wer so denkt, legitimiert den permanenten Ausnahmezustand – und den Präventivkrieg als außenpolitische Normalität.

Diese Strategie hat in Israel eine lange Geschichte. Seit seiner Gründung 1948 hat der jüdische Staat fast in jedem Jahrzehnt einen größeren Krieg geführt: 1948 der Unabhängigkeitskrieg, 1956 die Suez-Krise, 1967 der Sechstagekrieg, 1973 der Jom-Kippur-Krieg, 1982 der Libanonkrieg, 2006 erneut Libanon, 2008, 2012, 2014, 2021 massive Einsätze gegen Gaza. Hinzu kommen regelmäßige Luftschläge in Syrien, dem Irak – und nun dem Iran. Fast immer unter dem Banner der Verteidigung. Und doch: In vielen Fällen war es Israel, das zuerst zuschlug. Die Militärdoktrin des Landes basiert auf Dominanz, frühzeitiger Ausschaltung potenzieller Bedrohungen, technologischer Überlegenheit – und internationaler Rückendeckung. Ein Geflecht aus Drohnenkrieg, Cyberkrieg, gezielten Tötungen und diplomatischer Immunität.

In den vergangenen Tagen war diese Strategie besonders sichtbar: Über 300 israelische Luftschläge trafen iranische Kommandozentralen, Nuklearstandorte, Ölraffinerien, Regierungseinrichtungen. Parallel agierte der Mossad mit Sabotageakten im Inland, mit der Ermordung iranischer Atomwissenschaftler, mit der gezielten Lahmlegung militärischer Kommunikation. All das geschieht außerhalb jeder UN-Ordnung – und ohne nennenswerte Kritik aus Berlin oder Brüssel.

Der Iran reagierte mit über 370 Raketen und Drohnen. Die israelische Luftabwehr fing viele ab, doch es gab Tote – in Tel Aviv, in Haifa. Ein asymmetrischer Gegenschlag. Brutal, aber vorhersehbar. Die Eskalationsspirale dreht sich weiter.

Und Deutschland? Urteilt nicht nach Recht – sondern nach Nähe. Israel liegt emotional näher. Der Iran war uns stets fremd, schiitisch, unverständlich, unbequem. Man hat gute Gründe, das iranische Regime zu kritisieren: wegen Unterdrückung, Folter, der Ermordung von Oppositionellen. Aber daraus ein legitimes Kriegsziel zu machen? Das ist gefährlich. Regimewechsel funktionieren nicht. Nicht im Irak, nicht in Libyen, nicht in Afghanistan. Warum also jetzt?

Wir können nicht Russland für seinen Angriffskrieg in der Ukraine verurteilen und zugleich Israel für völkerrechtswidrige Luftangriffe auf den Iran unterstützen oder gar feiern. Das ist moralisch beliebig – und politisch brandgefährlich. Wie viele Staaten besitzen Atomwaffen? Pakistan, Indien, Nordkorea, Israel selbst – ohne jede NPT-Bindung. Müssen wir dort auch einmarschieren?

Außenminister Johann Wadephul sagte: „Israel hat das Recht zur Selbstverteidigung“, doch ergänzte: „Niemand profitiert von weiterer Eskalation.“ Und: „Wir rufen alle Seiten auf, jetzt ernsthaft die Spirale der Gewalt zu unterbrechen.“ Ein richtiger Ton – aber ohne Konsequenz. Ohne Handlung. Ohne Richtung.

Die israelische Regierung argumentiert anders. Verteidigungsminister Gallant erklärte: „Jeder, der Israels Vernichtung anstrebt, wird selbst zur Zielscheibe.“ Netanjahu sprach von einem „strategischen Fenster, das sich nicht wieder öffnet“. Die israelischen Hardliner glauben: Jetzt oder nie. Jetzt soll die iranische Bedrohung ein für alle Mal neutralisiert werden. Doch das Risiko ist hoch. Für alle.

Ein besonders perfides Beispiel ideologischer Verzerrung: das berühmte Ahmadinedschad-Zitat. Er habe Israel „von der Landkarte wischen“ wollen, hieß es. Tatsächlich sagte er sinngemäß: „Dieses Regime, das Jerusalem besetzt hält, muss aus den Seiten der Geschichte verschwinden.“ Das ist problematisch – ja. Aber es ist keine militärische Vernichtungsdrohung, wie der Westen es jahrelang behauptete. Wer es trotzdem so deutet, betreibt Propaganda – nicht Aufklärung.

Peter Scholl-Latour warnte schon vor Jahrzehnten: „Im Orient ist nichts so, wie es scheint – und alles ist möglich.“ Wer diesen Raum verstehen will, muss ihn mit den Augen seiner Bewohner sehen – nicht durch das Prisma unserer Wunschbilder.

Und auch nicht durch das Prisma unserer Schuld. Die islamische Revolution 1979 war nicht nur ein iranisches Ereignis – sie war auch ein westliches Versäumnis. Khomeini wurde aus dem Exil in Frankreich zurückgeholt, nicht trotz, sondern wegen westlicher Interessen. Der Schah, einstiger Bündnispartner, wurde fallen gelassen. Man glaubte, man könne den revolutionären Islam kontrollieren. Heute wissen wir: Man hat ihn befördert.

Wir stehen an einem Wendepunkt. Deutschland hat die Wahl: Zuschauer oder Gestalter. Souverän oder Mitläufer. Ehrlich oder heuchlerisch. Wir könnten – wir sollten – eine neue Rolle einnehmen: die eines Friedensstifters. Nicht als Richter. Nicht als Brandbeschleuniger. Sondern als Brückenbauer – zwischen Fronten, zwischen Völkern, zwischen Wahrheiten.

Denn eines ist nicht nur gewiss – es ist unübersehbar: Das Völkerrecht wird mit zweierlei Maß gemessen. Tagtäglich. Ohne Scham, ohne Erklärung, ohne Einsicht. Was Russland in der Ukraine zum „Bruch der Weltordnung“ macht, wird bei Israel zur „verantwortungsvollen Verteidigung“. Was bei Moskau Sanktionen, Waffenlieferungen und Gerichtsrufe nach Den Haag auslöst, wird bei Tel Aviv mit Solidaritätsadressen, Rechtfertigungen und Schweigen beantwortet.

Ein und derselbe Maßstab wird gebrochen – je nachdem, wer ihn in der Hand hält. Wenn Russland völkerrechtswidrig ein Land angreift, nennen wir es, was es ist: ein Angriffskrieg. Wenn Israel ohne UN-Mandat ein Nachbarland bombardiert, sprechen wir von „militärischer Notwendigkeit“. Das ist keine Rechtsauslegung – das ist politische Beliebigkeit. Das ist Heuchelei in diplomatischer Verpackung.

Und schlimmer noch: Diese Doppelmoral frisst das Völkerrecht von innen auf. Es macht es zu einem Werkzeug der Mächtigen. Zu einer Kulisse für geopolitische Interessen. Zu einem Spiel, dessen Regeln man sich schreibt, wie man sie gerade braucht.

Wer so agiert, darf sich nicht wundern, wenn autoritäre Regime das Völkerrecht selbst nicht mehr ernst nehmen. Denn sie sehen genau hin. Sie sehen, wie selektiv wir urteilen. Wie laut wir rufen, wenn es uns passt – und wie leise wir flüstern, wenn es uns stört. Sie sehen, wie wir unsere Werte zu Werkzeugen machen – und unser Recht zu einer rhetorischen Staffage.

Das ist nicht nur moralisch verlogen – es ist strategisch töricht. Denn es delegitimiert alles, wofür wir angeblich stehen: Gerechtigkeit, Gleichheit vor dem Recht, universelle Normen. Wer diese Prinzipien nur für Freunde gelten lässt, hat sie bereits verraten.

Wenn Deutschland also wirklich eine wertebasierte Außenpolitik will – dann beginnt sie genau hier: bei der Anerkennung, dass Völkerrecht nicht relativ ist. Dass Gewaltverbot nicht optional ist. Dass Angriff nicht zur Verteidigung wird, nur weil uns der Angreifer sympathischer ist.

Deutschland muss sich entscheiden: Für Rechtsstaatlichkeit – oder für Parteilichkeit. Für Prinzipien – oder für Opportunismus. Für Ehrlichkeit – oder für diplomatische Lyrik.

Wer glaubt, das Völkerrecht sei nur dann relevant, wenn Russland es verletzt, macht sich selbst unglaubwürdig. Und wer meint, Israel stehe außerhalb dieser Ordnung – der schafft keine Solidarität. Der schafft einen Präzedenzfall für Anarchie unter Freunden.

Echte Friedenspolitik braucht keine doppelten Maßstäbe. Sie braucht Mut zur Konsequenz. Auch, wenn sie unbequem ist. Auch, wenn man dafür keinen Applaus erhält.

Deutschland muss sich entscheiden: Für Prinzipien oder für Interessen. Für gefühlige Empörung oder für nüchterne Diplomatie. Für das Ideal der Weltrettung – oder für die Realität eigener geopolitischer Verantwortung.

Wir brauchen keine Außenpolitik der Betroffenheit, sondern eine der Besonnenheit. Keine Moralphilosophie auf diplomatischem Briefpapier, sondern eine klare Interessenpolitik im Dienst unserer Sicherheit, unseres Wohlstands, unserer globalen Handlungsfähigkeit.

Wir haben keine historische Verpflichtung, jeden Krieg im Nahen Osten zu erklären, zu verurteilen oder moralisch zu bewerten. Unsere Aufgabe ist es nicht, Partei zu ergreifen in einem religiös, politisch und geschichtlich aufgeladenen Konflikt, dessen Wurzeln tief reichen – und dessen Lösung nicht in Berlin liegt.

Was wir brauchen, ist außenpolitische Souveränität. Deutschland muss aufhören, außenpolitische Moral zu exportieren – und stattdessen seine diplomatischen Interessen schützen: Energiesicherheit, Stabilität der Handelswege, Schutz europäischer Grenzen, Zusammenarbeit mit Staaten, die unsere Eigenständigkeit respektieren.

Und genau deshalb darf auch das Völkerrecht nicht als moralischer Rammbock dienen – sondern muss als strategisches Ordnungsprinzip ernst genommen werden. Nicht aus Ideologie, sondern aus kluger Vorsicht. Wer Regeln einfordert, muss sie selbst achten. Wer Legitimität will, darf nicht selektiv urteilen. Wer handlungsfähig bleiben will, muss Glaubwürdigkeit wahren.

Denn Völkerrecht ist nicht nur Moral – es ist auch Methode. Wer es willkürlich anwendet, zerstört es als Werkzeug. Und damit auch die Ordnung, von der wir selbst profitieren.

Außenpolitik ist kein moralisches Seminar – sie ist ein Wettstreit von Interessen. Wenn wir darin bestehen wollen, dürfen wir uns nicht länger von Schuldgefühlen, Slogans und Symbolpolitik leiten lassen.

Es ist Zeit für eine nüchterne, souveräne, realpolitische Außenpolitik. Für Deutschland – und für das, was wir in der Welt zu verlieren haben.

Aktuelle Entwicklung

Die Krise zwischen Israel und dem Iran spitzt sich dramatisch zu – und zieht nun die USA in eine gefährliche Dynamik hinein, die nicht nur regionalen Sprengstoff birgt, sondern auch das politische Gefüge innerhalb der Vereinigten Staaten selbst erschüttert. US-Präsident Donald Trump verließ das G7-Treffen demonstrativ vorzeitig und kehrte eilig nach Washington zurück, wo er im Situation Room eine Sondersitzung des Nationalen Sicherheitsrates einberief. Kurz darauf folgte eine martialische Botschaft auf seiner Plattform Truth Social: „Iran kann keine Atombombe haben … jeder soll Teheran sofort verlassen.“

Parallel dazu wurde die USS Nimitz, ein nuklear betriebener Flugzeugträger und Symbol amerikanischer Machtprojektion, aus dem Indopazifik abgezogen und in die Nähe des Persischen Golfs verlegt – gemeinsam mit der USS Carl Vinson. Die Kampfgruppen tragen Dutzende F‑35‑Jets, Aufklärungsdrohnen und Begleitschiffe. Auch über 30 Tankflugzeuge der US Air Force wurden nach Europa verlegt, um Langstreckeneinsätze in den Nahen Osten zu ermöglichen. Die USA rüsten sich – nicht nur rhetorisch, sondern operativ.

Doch Trumps Konfrontationskurs trifft zunehmend auf Widerstand – und zwar aus den eigenen Reihen. Bereits im März hatten amerikanische Geheimdienste erklärt, es gebe keine konkreten Hinweise darauf, dass der Iran aktiv an einer Atombombe baue. Diese Einschätzung steht im klaren Widerspruch zu Trumps öffentlicher Rhetorik, in der er vom „unmittelbaren Risiko“ eines atomar bewaffneten Iran spricht. Dennoch hält er unbeirrt an seinem Eskalationskurs fest – Fakten scheinen dabei zweitrangig.

Diese Haltung sorgt für wachsende Brüche im republikanischen Lager. Selbst innerparteilich wird Trumps Linie zunehmend infrage gestellt. Der prominente Kommentator Tucker Carlson warf Trump öffentlich vor, sich blind in einen Krieg treiben zu lassen: „Wir wurden in Irak und Afghanistan belogen – sollen wir uns jetzt in einen dritten Krieg stürzen, der auf denselben Halbwahrheiten basiert?“ Auch konservative Stimmen aus dem anti-interventionistischen Flügel der Republikaner, etwa um Senator Rand Paul, melden sich kritisch zu Wort. Ein Krieg mit dem Iran, so heißt es, liege nicht im amerikanischen Interesse und gefährde die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität der Vereinigten Staaten.

Trump reagierte wie gewohnt: mit Trotz. „Jemand soll dem verrückten Tucker Carlson erklären, dass der Iran keine Atomwaffen haben darf!“ ließ er verlauten. Doch die innerparteilichen Differenzen sind da – offen, tief und unübersehbar.

Es ist eine brandgefährliche Mischung: Ein Präsident, der militärisch eskaliert, obwohl seine eigenen Nachrichtendienste widersprechen. Ein militärischer Aufmarsch, der längst begonnen hat. Und ein wachsender innerparteilicher Widerstand, der die Bruchlinien in Washington offenlegt. Was einst als gezielte Warnung begann, droht nun zur Vorstufe eines regionalen – und möglicherweise globalen – Flächenbrandes zu werden.

Staat oder Bewegung? Die Neue Rechte im Selbstgespräch

Rittergut Schnellroda. Kein Ort wie jeder andere. Hier wird gedacht, gedruckt, gestritten – lange bevor die Neue Rechte zur Projektionsfläche wurde, war sie hier Idee, Haltung, Leben. Ellen Kositza sitzt am Tisch, vor ihr Wasser, Block, Stift. Ihr gegenüber: Maximilian Krah. Zwischen ihnen kein Begrüßungsritual, keine inszenierte Geste. Er ist einfach da – ruhig, regungslos, vollständig präsent.

Götz Kubitschek sitzt seitlich, flankierend. Nicht als Moderator, nicht als Vermittler – sondern als Verleger. Als jemand, der Raum gibt, aber nicht erklärt. Der beobachtet, nicht kommentiert. Und doch steht er mit im Raum, ganz und gar – denn mit Krah verbindet ihn mehr als nur ein Buchvertrag. Es ist ein Versuch. Vielleicht ein Risiko.

Krah, der Politiker, der unter Beschuss steht. Kubitschek, der Verleger, der entscheidet, wem er Plattform gibt – und warum. Zwischen beiden: keine Kameraderie, keine demonstrative Nähe. Was sie eint, ist nicht Gefühl, sondern Ernst. Kein Zweckbündnis, sondern ein Prüfstein.

Dieses Gespräch ist kein Schulterschluss. Es ist ein Moment der Klärung. Vielleicht auch der Grenzziehung. Doch eines ist spürbar: Hier begegnen sich zwei Männer und eine Frau, die wissen, was auf dem Spiel steht. Und es trotzdem wagen.

Krahs Art zu sprechen – diszipliniert, klar, methodisch – steht in scharfem Kontrast zur geistigen Temperatur des Hauses Schnellroda. Denn während Kubitschek mit Reibung denkt und Kositza mit glühender Sympathie für die Gegenkultur fragt, bleibt Krah auf der Tonspur der Staatslogik. Er argumentiert rechtspositivistisch. Der Staat ist, was geschrieben steht. Die Grenzen dessen, was gesagt werden darf, ergeben sich aus Gesetzen, nicht aus der Wirklichkeit der Straße. Für Krah ist der Staat ein funktionales Gebilde – legitimiert durch die Verfassung, getragen von Rechtssicherheit, definiert durch Institutionen.

Doch in Schnellroda sieht man das anders. Dort gilt nicht das Gesetz als oberste Instanz, sondern das Volk – nicht in der abstrakten Form eines Staatsvolkes, sondern als geschichtlich gewachsener, kulturell verwurzelter Organismus. Kubitschek stellt die entscheidende Gegenfrage: Kann ein Staat, der das eigene Volk austauschbar macht, überhaupt noch Legitimität beanspruchen? Und was bedeutet Staatsbürgerschaft, wenn sie bloß auf Papieren beruht, aber nicht auf Zugehörigkeit, Abstammung, Loyalität?

Diese Frage trifft den Nerv des Gesprächs. Denn Krah und Kubitschek sprechen über denselben Staat – aber meinen völlig verschiedene Dinge. Für Krah ist Staatsbürgerschaft ein juristisches Verhältnis: Ein Vertrag zwischen Bürger und Republik. Für Kubitschek ist sie ein Band: gewachsen, nicht gemacht. Ein Deutscher sei nicht deshalb Deutscher, weil es ein Gesetz erlaubt – sondern weil er Teil einer kulturellen Erbfolge sei. Wer diesen Unterschied ignoriere, verkenne die Tragweite der gegenwärtigen Krise.

Diese Spaltung durchzieht das gesamte Gespräch. Und sie zeigt sich auch im Umgang mit staatlicher Repression. Die Festnahme von Jugendlichen, Aktivisten der Neuen Rechten, die nach Lissabon reisen wollten, wird zum Symbol. Für Krah ist sie ein juristisches Warnsignal – für Kubitschek ein politischer Offenbarungseid. Der Staat, so Krah, überschreitet hier erstmals offen die Grenze zwischen präventivem Schutz und repressiver Ideologie. Kubitschek hingegen sagt: Dieser Staat zeigt endlich, was er ist – eine Verwaltungsmaschinerie ohne Volk, ein Machtapparat, der gegen die eigenen Kinder operiert.

Krah verweist in diesem Zusammenhang mehrfach auf das sogenannte Gutachten zur AfD – ein Konvolut von Argumentationslinien und juristisch aufbereiteten Annahmen, das in weiten Teilen auf Prognosen, Verdachtsmomenten und ideologisch aufgeladenen Deutungen basiert. Drei Punkte seien dabei zentral, so Krah: Erstens, die Behörden hätten eine „hinreichende Wahrscheinlichkeit“ gesehen, dass von Teilen der Bewegung eine Gefahr für die freiheitlich-demokratische Grundordnung ausgehe. Zweitens, der Begriff „Remigration“ wurde vom Gericht selbst als „ethnisch aufgeladen“ interpretiert – und damit zur Chiffre politischer Radikalität umgedeutet. Drittens, und das sei besonders perfide, werde der AfD eine pauschale, generelle Islamfeindlichkeit unterstellt – nicht differenziert, nicht als Position in einer offenen Debatte, sondern als unantastbares Indiz einer verfassungswidrigen Gesinnung. Damit, so Krah, werde aus Meinung ein Verbrechen gemacht.

Für Krah ist das ein Beleg dafür, dass der Rechtsstaat in einen Deutungsstaat übergeht – und dass sprachliche Präzision das einzige Mittel ist, um nicht zerrieben zu werden. Doch Kubitschek hält dagegen: Wer dieses Gutachten ernst nimmt, verleiht ihm bereits Legitimität. Für ihn ist das Papier kein Sachtext, sondern ein ideologisches Manifest – verfasst von Feinden, nicht von Juristen. Und es geht ihm nicht darum, einzelne Passagen zu widerlegen. Es geht ihm darum, das ganze Paradigma zu verwerfen: den Staat als moralische Instanz, als pädagogischen Leviathan, der seine Kritiker nicht widerlegt, sondern klassifiziert, katalogisiert, kriminalisiert.

Dabei geht es Kubitschek auch um die Reinheit der Lehre. In einem seiner früheren Essays formulierte er: „Wir dürfen keine Bewegung werden, die sich schämt, wo sie steht.“ Und: „Das Vorfeld ist der Ort, an dem die Begriffe geschärft werden.“ Schnellroda versteht sich nicht als pragmatische Flanke, sondern als geistige Instanz, als Ort der Sammlung und Auslese. Die Begriffe sind nicht bloß Werkzeuge – sie sind Symbole. Und wer sie relativiert, verwässert das Ganze. Das ist mehr als ein semantischer Streit – es ist ein Ringen um die Grundrichtung der Bewegung, der AfD. Um das, was von der konservativen Revolution geblieben ist – und was davon noch Zukunft hat.

Denn wie damals steht auch heute die Rechte zwischen dem Versuch politischer Machtoptionen und der Forderung nach geistiger Souveränität. Die konservative Revolution wollte nie Verwaltung – sie wollte Umwälzung. Zwischen Moeller van den Brucks visionärem Pathos und Karl Schmitts Entscheidungstheorie liegt ein Spannungsfeld, das sich heute in der Debatte um die AfD und Schnellroda erneut entfaltet. Gemeinsam ist beiden Strängen die Ablehnung der liberalen Neutralität – doch während Krah innerhalb der Institutionen agiert, besteht Kubitschek auf einer revolutionären Distanz.

Vielleicht spürt man in diesem Gespräch auch die unterschwellige Angst – oder zumindest eine Ahnung –, dass sich eine Partei wie die AfD, so sie sich an den Rädern der Institutionen zu lange reibt, abschleifen könnte. Kubitschek und Kositza, seit 25 Jahren im politischen Kampf, wissen um die Gefahr des langsamen Verschleißes. Das Unbeugsame, Unbequeme, das sie verkörpern, wirkt wie ein letzter Schutzwall gegen die Versuchung des Arrangements. Ihr Haus ist kein Amtssitz – es ist eine Bastion.

Und Kositza ergänzt: „Wir sind nicht da, um Begriffe zu säubern – wir sind da, um Begriffe zu setzen.“ Was Kubitschek mit Pathos auflädt, formuliert sie als poetische Trotzformel. Für sie ist der Begriff Remigration keine juristische Variable – sondern ein kultureller Kampfbegriff, dem seine Sprengkraft nicht genommen, sondern bewusst erhalten bleiben muss.

Es geht um mehr als Remigration. Es geht um das Verhältnis von Staat, Volk und Bürger. Um das Spannungsverhältnis zwischen juristischer Zugehörigkeit und kultureller Identität. Krah will den Staat nutzen – Kubitschek will ihn neu denken. Der eine will das Spiel besser spielen – der andere stellt das Spiel selbst infrage. Und irgendwo dazwischen steht ein ganzes Milieu, das nicht weiß, ob es in den Bundestag oder auf die Barrikade gehört.

Was diesen Abend so bedeutsam macht, ist nicht der Konflikt allein. Es ist seine Form. Und mehr noch: Dieses Ringen selbst – dieses unablässige, manchmal schmerzhafte Austarieren von Begriffen, Richtungen, Prinzipien – ist vielleicht das Fruchtbarste, was die Neue Rechte derzeit besitzt. Denn es zeugt von Lebendigkeit, von geistiger Bewegung, von einer Weigerung, in ideologischer Starre zu verharren. Wo andere sich im Funktionieren erschöpfen, ringt man hier noch um das Richtige, um das Eigene (vgl. Lichmesz), um das Zukünftige. Man ringt, aber man bleibt im Gespräch. Man konfrontiert, aber man bricht nicht. Das ist selten in einer politischen Szene, die so oft in Lager und Linien zerfällt. Und doch ist klar: Hier endet keine Debatte – hier beginnt ein Klärungsprozess. Der Rechtspositivist steht dem revolutionären Rest gegenüber. Der Bürokrat dem Bohemien. Der Staatsmann dem Grenzgänger.

Und dazwischen: die Jugend. Die Jugend, für die Schnellroda mehr war als ein Ort. Für die es ein Versprechen war – auf Deutung, auf Tiefe, auf Identität. Diese Jugend hört in Krah nicht den Verräter, aber sie hört den Technokraten. Sie spürt, dass sein Blick auf den Staat nicht ihr Blick ist. Sie will nicht nur wählen – sie will verändern. Und zwar nicht juristisch, sondern kulturell, seelisch, metaphysisch.

Arthur Moeller van den Bruck hatte einst geschrieben: „Wir sind nicht das Volk von heute, wir sind das Volk von morgen.“ Dieser Satz hängt wie ein unsichtbares Echo über der Debatte. Schnellroda – das ist nicht nur ein Ort, sondern ein Horizont. Und seine Bewohner wissen: Es geht nicht um Anpassung, sondern um Gestaltung. Nicht um Legalität – sondern um Legitimität.

Was bleibt nach diesem Abend? Eine Szene, die sich fragen muss, was sie sein will. Eine Bewegung, die nicht zwischen Vernunft und Leidenschaft wählen darf – sondern beides integrieren muss. Eine AfD, die entscheiden muss, ob sie ein parlamentarischer Arm bleibt oder auch ein geistiger. Ein Maximilian Krah, der klüger ist als seine Gegner glauben – aber distanzierter, als es sich viele wünschen. Ein Götz Kubitschek, der nicht vergibt, aber auch nicht aufgibt – und der das politische Vorfeld, das Unbeugsame, das Unbequeme verkörpert. Und ein Zuschauer, der begreift: Die Entscheidung fällt nicht in Talkshows. Sie fällt in Gesprächen wie diesem.

Denn wenn Schwarzweißbilder mehr Wahrheit transportieren als jede Farbe, dann war dieser Abend ein Dokument der Selbstvergewisserung. Ein Beweis, dass wir noch reden.

Kanzler Merz im Oval Office – Erinnerungslücke und das devote diplomatische Schauspiel

Ein Bild geht um die Welt: Friedrich Merz, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, steht im Oval Office an der Seite von Donald J. Trump. Die Presse überschlägt sich in Lob. Man spricht von einem „diplomatischen Meisterstück“, von „strategischer Staatskunst“, von einer „neuen konservativen Ära der transatlantischen Vernunft“. Was viele für einen Triumph halten, ist in Wahrheit eine peinliche Farce – und eine tief entlarvende Szene in der Tragikomödie der Berliner Republik.

Denn Merz überreichte dem US-Präsidenten – so berichten verschiedene Medien – die Geburtsurkunde von Trumps Großvater, Friedrich Trump, geboren im pfälzischen Kallstadt. Eine Geste mit vermeintlicher Tiefe, inszeniert als Zeichen historischer Verbundenheit und persönlicher Achtung. Was Merz dabei offenbar nicht wusste oder bewusst ignorierte: Diese symbolische Urkunde hatte Donald Trump bereits erhalten – Jahre zuvor, überreicht von Kai Diekmann, dem ehemaligen BILD-Chef und CDU-nahen Medienstratege. Ein PR-Stunt, damals viel beachtet, heute anscheinend vergessen.

Die Folge: Der Kanzler überreicht einem US-Präsidenten ein symbolträchtiges Dokument, das längst überreicht wurde – und verkauft diesen Akt als originellen Staatsgestus. Ob aus Unwissenheit, Nachlässigkeit oder Opportunismus: Es offenbart das politische Kurzzeitgedächtnis eines Systems, das auf bloße Wirkung statt Substanz setzt.

Und es offenbart noch mehr: die doppelte moralische Buchführung unserer politischen Öffentlichkeit. Denn hätte ein AfD-Politiker Trumps deutsche Abstammung thematisiert, gar mit Urkunde bekräftigt, wäre das mediale Urteil vernichtend gewesen. Man hätte geschrien: „völkische Symbolpolitik“, „ethnisch motivierte Außenpolitik“, „Blut-und-Boden-Romantik“. Der Vorwurf: Die Ethnie werde zum politischen Kriterium erhoben. Doch wenn es ein CDU-Kanzler tut – oder vielmehr: wenn er eine symbolische Geste wiederaufwärmt, die bereits im politmedialen Raum kursiert –, dann ist es plötzlich eine freundliche Reminiszenz an gemeinsame Wurzeln. Dann wird nicht geschrien, sondern geschwelgt.

Diese Doppelmoral entlarvt sich selbst: Es geht nicht darum, ob über Herkunft gesprochen wird. Es geht nur darum, wer es tut. Ethnie als Bezugspunkt ist erlaubt – solange sie folgenlos bleibt, solange sie von den „richtigen Leuten“ erwähnt wird, solange sie nicht politisch aufgeladen wird mit Forderungen nach kultureller Selbstbehauptung oder gar Remigration. Dann ist es plötzlich nur Folklore, ein bisschen Provinz-Charm, ein Schmunzeln über den deutschen Opa im fernen Kallstadt.

Währenddessen saß Merz vor amerikanischen Kameras und erklärte, die „Remigrationswende“ greife in Deutschland. Eine Aussage, die – freundlich formuliert – dreist ist. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Von einem staatlichen Umdenken in Sachen Migration kann keine Rede sein. Abschiebungen finden nur in symbolischen Einzelfällen statt, die Asylverfahren bleiben träge, die Rückführung Hunderttausender Ausreisepflichtiger wird systematisch blockiert – nicht zuletzt durch Merz’ eigene Regierung, die sich lieber mit Kooperationsabkommen zur „Fachkräftegewinnung“ schmückt, als tatsächliche Rückführungen zu organisieren. Merz lügt – ins Gesicht des US-Publikums, und auch vor seinem Gastgeber.

Dass er im selben Atemzug auch noch die Erhöhung der deutschen Rüstungsausgaben auf fünf Prozent des BIP ankündigt, rundet das Bild ab: Ein Kanzler, der die militärischen Wünsche Washingtons erfüllt, während er seinem Volk vorgaukelt, bei der Migrationsfrage handle die Bundesregierung nun entschlossen. Dabei funktioniert der deutsche Staat – wie schon so oft – vor allem dort, wo es nicht um die Interessen des eigenen Volkes geht.

Was bleibt, ist ein Bild der politischen Schieflage: Ein Kanzler mit einer alten Urkunde in der Hand, als wäre sie neu. Eine Lüge über eine „Remigrationswende“, die nicht existiert. Und ein symbolischer Kniefall vor der westlichen Vormacht, finanziert mit Milliarden deutscher Steuergelder. Das alles verkauft als Staatskunst.

Nein – das war kein diplomatisches Meisterstück. Es war die Fortsetzung des politischen Selbstbetrugs mit anderen Mitteln. Und eine Mahnung: Wer das Eigene vergisst, hat keine Souveränität mehr – nur noch eine Rolle.

Florian Schröder – Kabarettist oder Kommunikations-Kommissar?

Florian Schröder live zu erleben, ist in der Regel ein Schauspiel aus Wortwitz, Bühnenpräsenz und intellektuellem Scharfsinn. Doch was ich dieser Tage auf einem Marketing-Gipfel zum Thema „Interne Kommunikation“ erleben durfte, hatte mit einer offenen Diskurskultur wenig zu tun. Statt Anregungen für betriebliche Kommunikationsprozesse erwartete die Teilnehmenden eine halbstündige Polit-Inszenierung, in der sich Schröder nicht als Brückenbauer, sondern als moralisch aufgeladener Alleinunterhalter inszenierte – mit klarer Frontstellung gegen alles, was außerhalb eines linksprogressiven Meinungskorridors liegt.

Dabei ist Schröder nicht grundsätzlich ein politischer Kabarettist. In seinen eigenen Bühnenprogrammen pflegt er durchaus das klassische Repertoire des feinsinnigen Satirikers – pointiert, selbstironisch, oft angenehm vielschichtig. Doch sobald er auf öffentlichen Bühnen auftritt, auf denen er entweder Zustimmung erwartet oder gezielt Konfrontation sucht, schlägt seine Tonlage um. Dann verwandelt sich der Entertainer in einen Prediger – mit klarer Stoßrichtung gegen jene, die sich dem medialen Mainstream entziehen oder ihm offen widersprechen.

Er wählt seine Bühnen nicht nur dort, wo er sich vom ideologischen Konsens seines Publikums getragen wähnt. Im Gegenteil: Er sucht mitunter gezielt die Konfrontation – etwa im Gespräch mit dem ehemaligen BILD-Chefredakteur Julian Reichelt in dessen Format „Achtung, Reichelt!“. Auch dort trat Schröder nicht auf, um Brücken zu schlagen, sondern um sich als Verteidiger einer vermeintlich bedrohten Demokratie zu inszenieren. Reichelt ließ ihn sprechen, stellte kritische Fragen, blieb dabei weitgehend sachlich – doch Schröder nutzte die Bühne vor allem, um sich rhetorisch zu überhöhen. Er präsentierte sich als jemand, der argumentativ und moralisch über dem steht, was er selbst sinngemäß als rechtsintellektuelle Provokation einordnet.

Dabei sprach er nicht mit Reichelt, sondern über ihn – über das, was seiner Meinung nach in dieser Gesellschaft zu viel Raum bekomme, obwohl es vermeintlich formal noch sagbar sei. Besonders aufschlussreich war in diesem Zusammenhang Schröders Aussage, dass die AfD nicht etwa als Reaktion auf politische Versäumnisse der Altparteien entstanden sei, sondern ein Produkt von Menschen mit einem „genuinen rechtsradikalen Weltbild“. Damit sprach er die sogenannten Kartellparteien vollständig von jeder Mitverantwortung frei – für ihn sind es nicht politische Fehlentwicklungen oder ein wachsendes Misstrauen gegenüber dem etablierten Diskurs, die zur Gründung und zum Aufstieg der AfD führten, sondern einzig und allein ein ideologisch verfestigter Hang zur Demokratiefeindlichkeit. Diese Sicht blendet Ursachen wie Vertrauensverlust, massenhafte Migration, soziale Entfremdung oder die Verengung des Sagbaren vollständig aus – zugunsten einer Erklärung, die bequem in sein moralisches Raster passt.

Bezeichnend ist auch, dass Schröder im Gespräch Reichelt vorwarf, „grünen Bashing“ zu betreiben – ein Ausdruck, der deutlich macht, wie schnell Schröder in die Rolle des moralischen Zensors schlüpft. Er definiert, was als legitime Kritik gilt – und was in seinen Augen bereits inakzeptabel ist. Damit übernimmt er eine Rolle, die eher an eine Art Sprachpolizei erinnert als an einen Kabarettisten, der sich dem freien Denken verpflichtet fühlt.

Und doch zeigte sich im Verlauf des Gesprächs eine bemerkenswerte Entwicklung: Während Schröder anfangs souverän wirkte, ließ seine Rhetorik gegen Ende spürbar nach. Reichelt blieb sachlich, stellte konkrete Rückfragen, hielt dem Moralkonstrukt Schröders nüchterne Realität entgegen. Schröder wich zunehmend aus, verlor an Präzision, verteidigte sich über Haltung statt über Argument. Der Punkt, so waren sich viele Beobachter in den sozialen Medien einig, ging letztlich an Reichelt.

Diese moraline Haltung zeigte sich auch in jenem Auftritt bei einer Querdenker-Demo, den er selbst immer wieder erwähnt. Schröder schildert mit Stolz, wie er sich zunächst als scheinbarer Mitstreiter unter die Demonstrierenden mischte, um dann mit kalkulierter Überraschung öffentlich gegen sie zu sprechen. Dass er sich für diesen Auftritt von zwei Securities begleiten ließ, zeigt nicht nur sein Sicherheitsbedürfnis, sondern auch sein Selbstbild: Er tritt nicht als einer unter vielen auf, sondern als Überlegener, als intellektuelle Autorität, die den Unwissenden entgegentritt.

Und genau so sieht er seine Rolle im politischen Diskurs: nicht als Gleichrangiger in der Debatte, sondern als Lehrer im Raum der moralischen Wahrheit. Der Subtext seiner Haltung ist klar: Die Rechten sind dumm oder irregeleitet, während er als gebildeter, aufgeklärter Humanist aus der Höhe argumentiert. Es ist eine Asymmetrie der Haltung, die sich hinter Ironie und Bühnengewandtheit tarnt, aber letztlich ein zutiefst hierarchisches Menschenbild verrät.

Die AfD ist in Schröders Welt keine demokratisch gewählte Partei mit Millionen Wählern, sondern ein politisches Feindbild. Gleich zu Beginn seines Vortrags griff er die bekannte „Vogelschiss“-Aussage Alexander Gaulands auf – nicht etwa, um sie kritisch einzuordnen, sondern um sie als moralische Diskreditierung der gesamten Partei zu nutzen. Dass Gauland längst erklärt hat, dass seine Aussage keineswegs die Naziverbrechen verharmlosen sollte, sondern die zwölf Jahre Diktatur im Verhältnis zur deutschen Geschichte historisch verorten wollte, interessiert Schröder nicht. Es geht ihm nicht um Differenzierung – es geht um Wirkung.

Besonders deutlich wurde Schröders Haltung, als er sinngemäß erklärte, man müsse die Meinung von AfD-Wählern nicht akzeptieren – und könne die Kommunikation mit ihnen abbrechen. Für einen Moment wich das Bild eines Kabarettisten dem eines moralischen Schiedsrichters, der darüber entscheidet, wer noch Teil des Gesprächs sein darf. Schröder betonte mehrfach, dass er auf der moralisch richtigen Seite stehe. Diese Selbstverabsolutierung ersetzt die offene Debatte durch ein Schwarz-Weiß-Denken, in dem es keine Grautöne mehr gibt.

Besonders entlarvend für das Selbstverständnis Florian Schröders als meinungsbildender Publizist war seine pauschale, hasserfüllte Aussage, dass „jeder AfD-Wähler ein Nazi“ sei. Diese radikale Zuschreibung, gefallen in einem öffentlichen Video auf seinem eigenen YouTube-Kanal, markiert den Punkt, an dem politische Auseinandersetzung zur moralischen Auslöschung mutiert. Schröder tritt hier nicht als Satiriker auf, der Zuspitzung mit Ironie tarnt, sondern als politischer Kommentator, der unmissverständlich urteilt. Seine Worte richten sich nicht gegen einzelne Positionen, sondern gegen ein ganzes Wählersegment – Millionen Bürger, die er unter den Generalverdacht der Menschenfeindlichkeit stellt. Damit gibt Schröder sich nicht nur als Verteidiger der Demokratie aus, während er deren pluralistischen Kern verrät – er degradiert auch den Begriff „Nazi“ zu einer Waffe im Meinungskampf. In späteren Interviews, etwa mit dem Hamburger Abendblatt, versucht er, seine Aussage als rhetorische Provokation zu relativieren. Doch der Duktus bleibt: Wer sich dem linken Meinungskorridor nicht fügt, gilt als gefährlich. Wer anders wählt, wird entmenschlicht. Und wer widerspricht, wird ausgegrenzt.

Was er dabei ausblendet: Auch in seinem Publikum – also auf dem Marketing-Gipfel – saßen mit Sicherheit Menschen, die AfD wählen oder mit deren Positionen sympathisieren. Schröder sprach über ihre Köpfe hinweg – als gehörten sie nicht dazu. Der zögerliche Applaus zu Beginn seines Vortrags zeigte deutlich: Nicht alle im Saal waren bereit, seine einseitige Haltung unwidersprochen zu beklatschen. Dieses Signal nahm er entweder nicht wahr – oder wollte es nicht wahrnehmen.

Er sagt, alles sei in Deutschland sagbar. Doch die Liste derer, die berufliche, soziale oder juristische Konsequenzen für abweichende Meinungen tragen mussten, ist lang. Ulrike Guérot verlor ihren Lehrauftrag. Gunnar Kaiser wurde aus dem Literaturbetrieb gedrängt. Roland Tichy wurde aus Gremien entfernt. Dietrich Murswiek wurde diffamiert. Tellkamp, Bhakdi, Sarrazin – Namen, die für viele stehen, die nicht in den gesellschaftlichen Rahmen passten und deshalb ins Abseits gestellt wurden. Schröder kennt diese Fälle – aber er spricht nicht über sie.

Und man spürt es längst im Alltag. Wer Zweifel an der Impfkampagne äußerte oder sich kritisch zur Migrationspolitik äußert, wird schnell zur Zielscheibe. Misstrauen, Ablehnung, Ausgrenzung – nicht selten im eigenen Umfeld. Schröder spürt davon offenbar nichts. Er lebt in einer Welt, in der der Applaus der Redaktionen Sicherheit bietet – und das öffentliche Wohlwollen als Bestätigung genügt.

Dabei ist Schröder tief verwoben in das öffentlich-rechtliche System. Geboren 1979 in Lörrach, studierte er Philosophie und Literaturwissenschaft. Seine Karriere begann beim SWR3, später folgten eigene Formate wie die Florian Schröder Satireshow, regelmäßige Auftritte bei Spätschicht, Nuhr im Ersten, Mitternachtsspitzen, 3sat Festival und anderen. Schröder ist ein Systemakteur – professionell, geschmeidig, anschlussfähig. Doch wer in diesem System bestehen will, muss Haltung zeigen. Nicht unbedingt Haltung im klassischen Sinne – sondern die richtige Haltung. Schröder liefert.

Dass Schröder in einem gut situierten Viertel wie dem Berliner Prenzlauer Berg lebt, rundet das Bild ab. In einem Kiez, in dem die Realität von Migration meist nicht mehr ist als ein Thema der Abendnachrichten, lebt es sich bequem mit klarer Haltung. Die echten gesellschaftlichen Bruchlinien – ob in Neukölln, Duisburg-Marxloh oder im ländlichen Raum – sind von dort aus nur schwer zu erkennen. Die alltägliche Unsicherheit, die viele Menschen in Bahnhöfen, auf Straßen oder in Innenstädten spüren – sie dringt in Schröders Lebenswelt kaum vor.

Er spricht nicht über Messerangriffe, die in deutschen Städten deutlich zugenommen haben. Er erwähnt keine importierte Clan-Gewalt, keine Gruppenvergewaltigungen, keine antisemitischen Übergriffe auf deutschen Schulhöfen. Er schweigt zu den Ursachen der gesellschaftlichen Entwurzelung – und ersetzt sie durch den bequemen Glauben an ein aufgeklärtes Narrativ. Wer auf diese realen Gefahren hinweist, wird von Schröder schnell in das Lager der Angstmacher und Demokratieverächter verbannt.

So wird der Kabarettist, der sich gern als unabhängiger Geist gibt, letztlich zum Büttel der Regierungsparteien. Er verteidigt die politischen Verhältnisse nicht mit Analyse, sondern mit Attitüde. Was früher Kabarett war – Kritik der Macht – ist heute Affirmation der Macht unter dem Deckmantel von Haltung. Und Schröder liefert: für die Ampel, für die Öffentlich-Rechtlichen, für eine Klasse, die es sich leisten kann, den Abstand zur Realität mit moralischer Arroganz zu überbrücken.

Er spricht gern von Meinungsfreiheit, aber meint: für die einen. Er fordert Debatte, aber führt Monologe. Er glaubt, die Demokratie zu verteidigen, indem er sie durch Gesinnung ersetzt. Und er hält sich für intellektuell überlegen – und andere für zu einfach, um ihm zu folgen. Schröder lebt in seiner Welt. Die Realität draußen – in den Köpfen, im Alltag, in der stiller werdenden bürgerlichen Mitte – ist längst weiter.

Verweichlicht, gleichgemacht, entmündigt? Ein Appell an die neue Generation

Es fällt mir nicht leicht, das zu sagen. Wirklich nicht. Zu oft habe ich mich dagegen gewehrt, in den typischen Kanon der Älteren einzustimmen: „Früher war alles besser“, „Die Jugend von heute…“ – das klang immer nach verbitterten Rückzugsgefechten gegen den Lauf der Zeit. Doch mittlerweile beobachte ich Entwicklungen, die mir keine andere Wahl lassen, als laut zu werden. Nicht aus Ressentiment, sondern aus Sorge. Aus Verantwortung.

Denn was ich sehe, ist eine Generation, die zunehmend in Watte gepackt wird. Ein Heer junger Menschen, denen man – aus falsch verstandener Fürsorge – jede Hürde aus dem Weg räumt, bevor sie überhaupt gelernt haben, zu springen. Der Anspruch vieler Eltern scheint sich darauf zu reduzieren, dass es den Kindern „gut gehen“ soll. Doch was bedeutet das? Meist: materieller Komfort, ständige Verfügbarkeit, emotionaler Seelenbalsam ohne jede Reibung.

Wir reden von „Stärke“, „Resilienz“, „Selbstverwirklichung“ – aber wir entziehen der Jugend genau jene Situationen, an denen man wächst. Ein Kind, das nie stürzt, lernt nicht laufen. Und ein Jugendlicher, dem man jede Entscheidung abnimmt, wird kein freier Erwachsener.

„Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein Seil über einem Abgrunde,“ schrieb Nietzsche. Doch heute machen wir aus diesem Seil ein Trampolin. Hauptsache, niemand fällt.

Diese Entwicklung hat auch eine zeitliche Komponente. Die heutige Generation von Eltern – also etwa die zwischen 1975 und 1990 Geborenen – ist oft selbst in einem Klima materieller Behütetheit aufgewachsen. Sie kennt Verzicht kaum noch aus eigener Erfahrung. Der wirtschaftliche Aufschwung, das soziale Netz, die Verbreitung des Wohlstands: All das hat dazu geführt, dass der Verzicht, der Mangel, das Unbequeme aus dem Alltag verschwunden sind. Und mit ihm das Verständnis dafür, dass Reibung zum Leben dazugehört.

Richard David Precht hat diese Entwicklung mehrfach kritisiert. In einer Gesellschaft, in der Eltern ihre Kinder als Projekt begreifen, in der Glück mit Sicherheit verwechselt wird, wird der Mensch zur Funktion: optimiert, geschützt, überwacht – aber nicht erzogen zur Freiheit. Precht schreibt: „Was wir unseren Kindern heute antun, ist die Illusion, dass Glück planbar ist.“ Damit wird die Unfähigkeit zum Scheitern zur Tragödie.

Die Folge? Der Übergang ins Arbeitsleben wird für viele zum Schock. Zum ersten Mal müssen sie Leistung bringen, sich Kritik anhören, durchhalten. Und sie brechen. Arbeitgeber klagen über mangelnde Belastbarkeit. Azubis hören nach wenigen Wochen auf, weil es mal unbequem wird. Die Fähigkeit, Druck auszuhalten, wird zur Ausnahme.

Diese Unfähigkeit zur Selbstständigkeit wirkt sich auch auf den Arbeitsmarkt aus. Der Fachkräftemangel ist nicht nur ein demografisches Problem. Er ist ein Mentalitätsproblem. Statt solide Berufe zu erlernen, flüchten sich viele in vermeintlich prestigeträchtige Studiengänge. Hauptsache, man studiert. Ob das Ergebnis dann ein Abschluss in transkultureller Ästhetik oder Postcolonial Gender Studies ist, scheint zweitrangig.

Damit verbunden ist das Phänomen der Scheinbildung. In vielen akademischen Milieus wird Wissen nicht mehr um seiner selbst willen erworben, sondern als soziale Währung. Bildung wird zur Pose. Begriffe wie „Diskurs“, „Dekonstruktion“ oder „intersektional“ zirkulieren inflationär, ohne wirklich verstanden oder kritisch durchdrungen zu werden. Statt auf Substanz setzt man auf Symbolik. Statt Erkenntnis dominiert das Zurschaustellen moralischer Überlegenheit.

Besonders sichtbar wird das im sogenannten akademischen Prekariat – einem Milieu von Menschen, die von befristeten Verträgen, Drittmittelprojekten, Lehraufträgen und NGO-Jobs abhängig sind. Ihre ökonomische Unsicherheit übersetzen viele in eine überzogene Moral, in politische Linientreue, in Aktivismus, der häufig mehr mit Selbsterhaltung als mit Wahrheitssuche zu tun hat. Wer bezahlt, bestimmt mit, was gedacht und gesagt werden darf. Das gilt nicht nur für Universitäten, sondern zunehmend auch für Medien, Kulturinstitutionen und selbst den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Ortega y Gasset sprach vom „Aufstand der Massen“, vom Verlust der kulturellen Elite durch eine Gesellschaft, in der jeder glaubt, alles zu können, nur weil er existiert. Heute erleben wir eine neue Form dieser Hybris: eine Generation, die Anspruch erhebt, aber keine Verantwortung übernimmt. Die nicht mehr weiß, wie man eine Glühbirne wechselt, aber sich in gesellschaftlichen Narrativen verliert, ohne je das reale Leben berührt zu haben.

Doch es ist nicht nur das Zuwenig an Reibung, das mir Sorgen macht – sondern auch das Zuviel an Gleichförmigkeit. Früher war es ein Reichtum der Jugend, dass sie in Subkulturen aufblühte. Da war Individualität kein Lippenbekenntnis, sondern Haltung. Heute begegnet man in den Innenstädten einer Armee aus urbanem Einerlei: Sneaker, Hoodie, Crossbody-Bag. Die Uniform ist allgegenwärtig.

Die vermeintliche Freiheit schlägt in Einheitsbrei um. Und das betrifft nicht nur Äußerlichkeiten. Auch das Denken, das Fühlen, das Weltbild unterliegt der Normierung. Wer heute auffällt, provoziert – oder schweigt. An Schulen und Universitäten finden Diskussionen nur noch innerhalb ideologischer Leitplanken statt. Wer zu sehr aus der Reihe tanzt, wird etikettiert, gecancelt oder ausgegrenzt.

Diese Gleichmacherei endet nicht an der Kleidung. Sie durchzieht das gesamte Bildungssystem, in dem Schüler und Studierende zunehmend in eine ideologische Richtung ausgesteuert werden. Themen wie LGBTQ, Klimagerechtigkeit oder „Handeln in Verantwortung“ sind wichtig – zweifellos. Doch sie werden oft instrumentalisiert, nicht zur Aufklärung, sondern zur Steuerung. Wer sich nicht konform äußert, gerät ins gesellschaftliche Abseits. Es ist eine subtile Form von Umerziehung, die nicht durch Zwang, sondern durch moralischen Druck geschieht. Ein Kulturkampf, der mit Begriffen wie Toleranz und Vielfalt geführt wird, in Wahrheit aber auf mentale Homogenität zielt.

Ein besonders drastisches Beispiel für diesen ideologischen Irrweg ist die sogenannte „Letzte Generation“. Sie beansprucht für sich, moralisch überlegen zu handeln – durch Straßenblockaden, Sabotage und öffentliche Störaktionen –, doch tatsächlich bewegt sie sich in einem geistigen Korsett aus Weltuntergangsrhetorik und missionarischem Eifer. Ihre Aktionen wirken nicht aufklärerisch, sondern spaltend. Sie sind nicht Ausdruck politischer Reife, sondern Ausdruck eines Aktivismus, der sich von Argument und Dialog längst verabschiedet hat. Tragisch ist dabei, dass diese Gruppe nicht im luftleeren Raum agiert, sondern politisch geduldet, ja bisweilen sogar instrumentalisiert wird. Sie wird zur Projektionsfläche für eine Politik, die selbst keine Lösungen hat, aber umso lieber mit moralischen Symbolen operiert, in dem Schüler und Studierende zunehmend in eine ideologische Richtung ausgesteuert werden. Themen wie LGBTQ, Klimagerechtigkeit oder „Handeln in Verantwortung“ sind wichtig – zweifellos. Doch sie werden oft instrumentalisiert, nicht zur Aufklärung, sondern zur Steuerung. Wer sich nicht konform äußert, gerät ins gesellschaftliche Abseits. Es ist eine subtile Form von Umerziehung, die nicht durch Zwang, sondern durch moralischen Druck geschieht. Ein Kulturkampf, der mit Begriffen wie Toleranz und Vielfalt geführt wird, in Wahrheit aber auf mentale Homogenität zielt.

Das Tragische: Viele Jugendliche verhalten sich in diesem ideologischen Spiel erstaunlich unpolitisch. Sie nehmen Narrative an, wiederholen Schlagwörter, aber hinterfragen kaum. Diese Haltung geht häufig mit einem Rückzug ins Private einher – mit einem hedonistischen Kreisen um das eigene Ich, um Selfcare, Selbsterfahrung, Selbstinszenierung. Das große Ganze – die Gesellschaft, das Politische, gar die Weltlage – wird ausgeblendet. Dabei leben wir in einer der fragilsten Zeiten seit Jahrzehnten: Die Weltordnung wankt, Kriege kehren zurück nach Europa, ein Atomkonflikt ist längst kein undenkbares Szenario mehr. Und dennoch: Wo früher Hofgarten-Demonstrationen, Sit-ins und gesellschaftskritische Bewegungen waren, herrscht heute oft Desinteresse oder digitale Ersatzhandlung. Der politische Ernst unserer Zeit scheint an vielen vorbeizugehen – aus Überforderung, aus Ablenkung, oder weil das Private längst zum politischen Rückzugsort geworden ist. Sie sind oft mehr Symptom als Subjekt der Umwälzung – Mitläufer eines Kulturkampfes, der ihnen vorgaukelt, Befreiung zu sein, in Wirklichkeit aber neue Abhängigkeiten schafft.

Hinzu kommt ein wachsendes Missverständnis in der Arbeitswelt. Die Forderung nach Work-Life-Balance, nach der 4-Tage-Woche, nach mehr Freizeit ist grundsätzlich legitim. Aber in vielen Fällen wird sie zur Flucht vor Verantwortung. Und Unternehmen nutzen diesen Trend längst – nicht, um Menschen glücklicher zu machen, sondern um Personal wegzurationalisieren. Was nach Wohlstand klingt, ist oft bloß der Übergang in eine neue Form der Leistungsreduktion – oder sogar das schleichende Ende qualifizierter Arbeit.

Ein weiteres Symptom dieser mentalen Wohlstandsgesellschaft ist der inflationäre Begriff des „Nebenjobs“. Was früher ein notwendiges Mittel war, um sich das Studium, die Miete oder das Leben leisten zu können, ist heute oft nur noch ein Wohlstandsbooster. Viele junge Menschen arbeiten nicht, weil sie müssen – sondern weil sie sich damit ein noch bequemeres Leben leisten wollen. Die finanzielle Rückendeckung durch das Elternhaus ist dabei so stark, dass existenzielle Not selten eine Rolle spielt. Der Nebenjob wird zur Freizeitgestaltung mit Lohn – zur Nebentätigkeit, um Markenklamotten, Festivalbesuche, Food-Delivery und den nächsten Trip nach Lissabon zu finanzieren. Das mag harmlos erscheinen, offenbart aber eine tiefere Schieflage: Wer nie lernt, aus echter Notwendigkeit zu handeln, wird auch später Mühe haben, Verantwortung zu übernehmen. Die Arbeitswelt wird dann zur Zumutung, nicht zur Chance.

Parallel dazu schreitet die Digitalisierung voran – unaufhaltsam, fundamental. Doch weder die Jugendlichen noch ihre Eltern, noch das Bildungssystem scheinen die Tragweite dieser Veränderung wirklich zu begreifen. Digitalisierung ist kein technisches Add-on. Sie ist ein Strukturwandel der gesamten Gesellschaft. Und wer heute nicht vorbereitet wird auf den Umgang mit KI, Datenkompetenz, Medienkritik und digitaler Selbstbestimmung, der wird morgen nicht mehr teilhaben können. Auch hier: viel Gerede, wenig Substanz.

In diesem Zusammenhang habe ich mir vor kurzem einige Dokumentationen von Elisabeth T. Spira angesehen – Werke, die größtenteils aus den 1990er- und frühen 2000er-Jahren stammen. Diese Filme sind mehr als nur Zeitdokumente: Sie sind Spiegel menschlicher Tiefe. Was mir dort besonders auffiel, war der Facettenreichtum der porträtierten Menschen – ein Reichtum an Lebensentwürfen, Meinungen, Eigenheiten und Biografien, der in scharfem Kontrast zu dem steht, was viele junge Menschen heute als Normalität erleben. Diese Menschen wirkten nicht perfekt, nicht medial geschult, nicht inszeniert – sondern einfach echt. Die Vielfalt echter Persönlichkeiten ist berührend – gerade weil sie so selten geworden ist. Es wäre zu wünschen, dass mehr junge Menschen solche Dokumentationen sehen und erkennen, wie viel mehr möglich ist, als das, was ihnen der Mainstream vorlebt.

Peter Sloterdijk sprach von „Trainingslagern für Zynismus in Komfortzonen“. Und tatsächlich: Die Bildungsinstitutionen, die einst zur Mündigkeit führen sollten, produzieren heute oft Output-Massen, die gelernt haben, zu funktionieren, nicht zu denken. Es ist keine Bildung mehr, es ist Formatierung. Precht nennt das „ein Bildungssystem, das Menschen anpasst, aber nicht entfaltet“.

Und genau deshalb ist es kein Wunder, dass sich viele junge Menschen Parteien zuwenden, die auf Gleichheit ohne Freiheit setzen. Die Linke verspricht eine Welt ohne Unterschiede – doch meint in Wahrheit eine Welt ohne Ecken und Kanten. Eine Welt, in der jeder gleich sein muss. Nicht nur im Haben, sondern auch im Denken.

„Wer mit der Herde geht, kann nur den Ärschen folgen“, sagte Heinz Erhardt einmal. Dahinter steckt bitterer Ernst. Was wir brauchen, ist das Gegenteil: Charaktere. Kontraste. Menschen mit innerer Standfestigkeit und Rückgrat.

Wir brauchen eine Jugend, die wieder stolpert, weil man ihr den Raum dazu lässt. Die scheitert, weil sie etwas wagt. Die arbeitet, nicht weil sie muss, sondern weil sie etwas schaffen will. Die denkt, nicht weil man es ihr gesagt hat, sondern weil sie gelernt hat, zu hinterfragen.

Und vielleicht ist das die wichtigste Lektion unserer Zeit: Nicht jede Fürsorge ist Liebe. Manchmal ist Loslassen die größte Form davon.

Maximilian Krah – Der Mann, der das System das Fürchten lehrt

Er polarisiert, provoziert und packt den Finger genau in jene Wunden, die das Establishment allzu gern unter glitzernden Narrativen versteckt: Maximilian Krah ist kein Leisetreter. Wer ihn kennt, weiß – hier spricht kein Opportunist, sondern ein Überzeugungstäter. Ein Mann, der nicht im Wind der Umfragewerte segelt, sondern auf Kurs bleibt. Unbeirrt. Pointiert. Patriotisch.

Vom Jurastudium in Sachsen zur Stimme Europas

Geboren 1977 in Räckelwitz bei Bautzen, in der noch real existierenden DDR, wuchs Krah in einer Welt auf, in der die Identität durch sozialistische Gleichmacherei erstickt werden sollte. Doch der junge Maximilian sog die Geschichte seiner Heimat wie ein Schwamm auf – die kulturelle Tiefe Sachsens, die Verwurzelung im Volkstum, der Stolz auf das Eigene. Nach dem Mauerfall verschlug es ihn ins Jurastudium, später nach Paris und Taiwan – ein Mann mit Weitblick, aber festem Standort.

Krah war nie ein Mitläufer. Seine Zeit in der CDU war ein kurzes Intermezzo – zu angepasst, zu faul im Denken, zu sehr in der Merkel’schen Wohlfühlblase gefangen. Der Wechsel zur Alternative für Deutschland war kein Zufall, sondern Notwendigkeit. Dort konnte er sagen, was er dachte – und endlich gehört werden.

Ein Konservativer mit tragischer Tiefe

Doch wer nur die politische Bühne sieht, verkennt die persönliche Tiefe dieses Mannes. Maximilian Krah ist Witwer. Seine Frau starb früh, nach schwerer Krankheit, und hinterließ ihn mit der Verantwortung für mehrere Kinder. Es ist ein Schicksalsschlag, der ihn nicht gebrochen hat – aber geformt. Wer Krah persönlich begegnet, spürt eine gewisse Ernsthaftigkeit, einen inneren Kern aus Verantwortung und tiefem Pflichtgefühl.

Diese Erfahrung von Verlust und Alleinsein, das Wissen um die Zerbrechlichkeit des Lebens, lässt ihn nicht in die Pose des kalten Rationalisten verfallen – sondern macht ihn zu einem Verteidiger von Familie, Heimat und Bindung. Für ihn sind das keine abstrakten Begriffe, sondern gelebte Wirklichkeit. Konservatismus ist für Krah nicht Theorie, sondern Erfahrung.

Europa – aber souverän!

Seit 2019 sitzt er im Europäischen Parlament – ein Ort, den er „eine Pseudo-Demokratie mit Technokratenkostüm“ nennt. Im März 2025 wechselte er in den Deutschen Bundestag, nachdem er als Direktkandidat in Sachsen gewählt wurde. Seine Reden  haben Biss, sind rhetorisch geschliffen und treffen den Nerv einer ganzen Generation von Politikverächtern, die wieder glauben wollen – an ihr Volk, an ihr Land, an ihre Zukunft.

Krah ist kein Feind Europas. Er ist ein Feind dieser EU. Das ist ein Unterschied, den seine Gegner gern verwischen. Für ihn bedeutet Europa nicht das Diktat von Brüssel, sondern das freie Miteinander souveräner Vaterländer. Vielfalt durch Grenzen, nicht durch Auflösung. Kultur durch Abgrenzung, nicht durch Verdünnung. Identität statt Austauschbarkeit.

Der Schuldkult – und seine Überwindung

„Wir sind das einzige Volk, das Stolz mit Schuld verwechselt“, sagte Krah einmal. Ein Satz, der sitzt. Der Schuldkult ist für ihn das ideologische Fundament des moralisch entwaffneten Deutschlands. Die Neue Rechte sagt: Wir brauchen ein Ende der Dauerbuße. Ein Neubeginn braucht ein klares Bewusstsein über die Vergangenheit – ohne Selbstverleugnung, ohne Dauerunterwerfung.

Schnellroda, Kubitschek – und die geistige Rebellion

Dass Krah als intellektuelle Figur wirkt, kommt nicht von ungefähr. Er ist seit Jahren eng verbunden mit dem Institut für Staatspolitik in Schnellroda – dem Herzstück der Neuen Rechten in Deutschland. Hier, in der Abgeschiedenheit von Sachsen-Anhalt, formiert sich eine geistige Opposition, die Begriffe wie Volk, Nation und Identität zurückerobern will. Nicht laut, nicht plakativ, sondern metapolitisch – im Sinne Antonio Gramscis, nur eben in konservativer Umkehrung.

Mit Götz Kubitschek verbindet Krah mehr als nur politische Sympathie – es ist ein gemeinsamer Geist. Die beiden eint der Wille, der Rechten nicht nur Inhalte, sondern Stil und Format zu geben. Ob im „Sezession“-Magazin oder bei Tagungen in Schnellroda – Krah ist dort nicht nur gern gesehener Gast, sondern Teil eines geistigen Netzwerkes, das weit über Parteigrenzen hinauswirkt. Dort wird nicht nur gedacht, sondern auch gefühlt, gelebt, gerungen – um ein anderes Deutschland.

Spionageskandal? Oder mediale Hinrichtung?

Im Frühjahr 2024 explodierte die Nachricht: Ein Mitarbeiter aus Krahs Umfeld wurde unter dem Verdacht verhaftet, für China spioniert zu haben. Jian G., ein deutsch-chinesischer Mitarbeiter, soll Informationen aus dem Europäischen Parlament weitergeleitet haben. Die Empörungsmaschine lief auf Hochtouren – mit dem klaren Ziel, nicht nur den Mitarbeiter, sondern auch Krah selbst zu beschädigen.

Tatsächlich gab es bis heute keinerlei belastbaren Beweis, dass Krah selbst in die Affäre verwickelt war. Doch das interessierte kaum jemanden. Was zählte, war die Schlagzeile. Die mediale Exekution folgte prompt – orchestriert von Journalisten, die längst nicht mehr berichten, sondern regieren wollen.

Die Distanzierung der AfD – ein Kotau ans System

Inmitten des Skandals ging die AfD auf Distanz zu ihrem Spitzenkandidaten. Die Parteiführung – ohnehin zerrissen zwischen Systemopposition und bürgerlicher Anschlussfähigkeit – nutzte die Gunst der Stunde, um einen unbequemen Kopf loszuwerden. Krah wurde von der Bühne gedrängt, als sei er ein Risiko, nicht ein Kapital. Die parteioffizielle Linie: Keine aktive Rolle mehr im Wahlkampf.

Doch viele an der Basis sahen das anders. Für sie war die Distanzierung ein Verrat – an einem der wenigen Denker in der Partei, der noch wusste, wofür die AfD ursprünglich angetreten war. Für Wahrheit. Für Souveränität. Für Deutschland.

Krah als metapolitischer Katalysator

Maximilian Krah ist kein Parteisoldat – er ist ein geistiger Soldat. Seine Verbindung zu Denkern wie Martin Sellner, Götz Kubitschek oder Benedikt Kaiser zeigt: Hier geht es um mehr als Parteitaktik. Hier geht es um Deutungshoheit, um Begriffe, um Kultur. Krah ist ein Teil jener metapolitischen Offensive, die nicht bloß protestieren, sondern prägen will.

In seinen Reden und Schriften klingt immer wieder eine Botschaft durch:
Das Eigene ist nicht verhandelbar. Heimat ist keine Meinung, sondern Ursprung.

Ein Mann, ein Buch, ein Bekenntnis

Es gibt Momente im politischen Leben, in denen Worte plötzlich mehr sind als Argumente – sie werden zu Waffen. Zu Signalen. Zu Fundamenten. Als Maximilian Krah sein Buch Politik von rechts veröffentlichte, war das kein kalkulierter PR-Schachzug. Es war ein intellektuelles Bekenntnis – zum Eigenen, zum Konservativen, zur geistigen Rebellion.

Krah wollte nicht mehr nur reagieren, nicht mehr nur widerlegen, nicht mehr nur gegenhalten. Er wollte vordenken. Und so legte er mit Politik von rechts den Grundstein für eine rechte Politik, die mehr ist als Protest – nämlich Weltanschauung, Gestaltungswille und geistige Ordnung.

Wer verstehen will, warum Krah mehr ist als ein Politiker – warum er als Denker, als Vordenker der Neuen Rechten gilt –, muss dieses Buch lesen. Oder zumindest begreifen, wofür es steht: Für eine Rechte, die sich nicht schämt, nicht zögert, nicht duckt. Sondern aufsteht. Und spricht.

Politik von rechts ist kein Parteibuch. Es ist eine Streitschrift. Ein Ruf zur Ordnung in einem Land, das sich in Wohlstandsverwirrung, linker Kulturdominanz und liberalem Werteverlust verloren hat. Maximilian Krah will die Rechte nicht neu erfinden – er will sie entstauben, erden und ermächtigen. Und er beginnt bei den Grundlagen.

Die Nation – mehr als ein Pass

Für Krah ist die Nation keine technische Verwaltungseinheit, sondern ein Organismus, gewachsen über Jahrhunderte, geprägt durch Kultur, Sprache, Religion und Herkunft. Die Linke hat aus der Nation ein Schimpfwort gemacht. Der Liberalismus hat sie aufgelöst in „Verfassungspatriotismus“. Doch Krah sagt klar:

„Ein Volk ist nicht verhandelbar.“

Er plädiert für einen neuen Nationalbegriff – einen, der wieder identitär ist. Nicht rassistisch, aber auch nicht beliebig. Wer dazugehören will, muss sich mit dem Eigenen identifizieren. Die deutsche Geschichte sei nicht nur Schuld, sondern auch Leistung, Größe und Auftrag.

Geschichte als Verantwortung – nicht als Fessel

Der Umgang mit der Vergangenheit ist für Krah zentral. Er attackiert den Schuldkult als geistige Geißel der Gegenwart.

Ein Volk, das sich schämt zu sein, wird nicht bestehen.“

Er verlangt einen selbstbewussten, aber ehrlichen Umgang mit der Geschichte – ohne Dämonisierung, ohne Heiligsprechung. Geschichte ist für ihn nicht dazu da, um uns zu entwaffnen, sondern um uns zu erinnern, wer wir sind.

Ordnung statt Beliebigkeit

Krah kritisiert den Liberalismus nicht, weil er Freiheit verspricht – sondern weil er sie ins Beliebige verdreht. Freiheit ohne Bindung, ohne Verantwortung, ohne Hierarchie sei kein Fortschritt, sondern Dekadenz. Der moderne Liberalismus schaffe kein erfülltes Leben – sondern ein verinseltes Ich, das sich verliert in Konsum, Zerstreuung und Sinnkrisen.

Stattdessen fordert er eine Politik, die Ordnung schafft – nicht im Sinne von Zwang, sondern als geistige Rückbindung:

an Familie,

an Nation,

an Transzendenz.

Denn ohne diese Fundamente, so Krah, werde Politik zu bloßem Management – ohne Richtung, ohne Herz, ohne Seele.

Religion – das Rückgrat des Abendlands

Der Glaube ist für Krah keine Privatsache. Er ist das Rückgrat Europas. Christentum – und zwar nicht im lauwarmen Sinne einer Weltethik, sondern als konkreter Glaube an eine höhere Ordnung – sei Grundlage der westlichen Kultur. Wer Europa retten will, muss das Christliche wieder ernst nehmen: als Ethos, als Halt, als geistige Grenze gegen Nihilismus und Beliebigkeit.

Er schreibt:

Unsere Zivilisation ist nicht säkular entstanden – sie wurde säkularisiert. Wer sie retten will, muss sie zurückführen.“

Macht ist kein Verbrechen

Krah verachtet den bürgerlichen Reflex, Macht immer als schmutzig zu betrachten. Für ihn ist Macht notwendig, um Ordnung zu schaffen, um das Eigene zu schützen, um Zukunft zu sichern. Deshalb ruft er zu einer Rechten auf, die nicht mehr klagt, sondern kämpft.

„Politik beginnt nicht mit Moral, sondern mit Entscheidung.“

In Carl Schmitts Tradition denkt Krah die Politik vom Konflikt her. Vom Ernstfall. Vom Freund-Feind-Verhältnis. Wer rechts ist, muss erkennen: Das politische Feld ist kein Debattierklub, sondern ein Ort der Auseinandersetzung. Und wer sich dem verweigert, bleibt Zuschauer – während andere über uns bestimmen.

Eine Rechte mit Stil und Geist

Schließlich fordert Krah eine Rechte, die nicht nur Recht hat, sondern auch Stil besitzt. Kein dumpfer Populismus, keine bloße Wut, keine Selbstverzwergung durch taktisches Klein-Klein. Stattdessen: Haltung. Bildung. Format. Ein geistiger Habitus, der die kulturelle Hegemonie zurückerobert.

Fazit: Der Funke, der bleibt

Maximilian Krah ist keine perfekte Figur – aber das muss er auch nicht sein. Er ist unbequem, kantig, streitbar – aber gerade das macht ihn für viele zum Hoffnungsträger. Für die Neue Rechte ist klar: Wer Krah ausschließt, verliert nicht nur einen brillanten Redner, sondern einen Denker, einen Vater, einen Kämpfer, der weiß, was es heißt, zu verlieren – und trotzdem zu stehen.

Vielleicht ist es genau diese Mischung aus persönlichem Leid, geistiger Schärfe und politischer Unbeugsamkeit, die Krah zu dem macht, was er ist:
Ein Funke in dunkler Zeit. Einer, der brennt, damit andere nicht erlöschen.