Am Ende keine Wahl

Klingt es zu fatalistisch, wenn ich sage, dass es nie einen langweiligeren Wahlkampf gab als diesen hier? Langweilig deshalb, weil alle drei sogenannten Spitzenkandidaten allesamt ähnlich sind – und zwar, was ihre Ausstrahlung – früher nannte man das Charisma –, ihre Motivation und zugleich ihr Programm angeht. Sollte man erstere mit einem Zahlenwert zwischen eins und zehn beziffern, wovon „1“ besonders schlecht und „10“ phänomenal bedeuten würde, so kämen die drei von der Tankstelle auf eine von mir verliehene „-10“. Da ist ein Scholz, der sich ob seiner „CumEx“-Affäre und sonstigen Skandälchen nicht vom Image des hanseatischen Kaufmanns zu lösen vermag und uns stoisch von den Wahlplakaten anklotzt. Mit einem Sozialdemokraten hat dieser stählerne Buchhalter genauso viel tun, wie Willi Brandt mit der CSU zu tun gehabt hätte: nöscht. Andererseits eine Annalena Baerbock, die es wunderbar verstanden hat, sich durch ihren Hang zur Selbstüberschätzung, aber auch ihre Neigung zum Lügen ins mehr oder minder politische Abseits zu schießen. Last but not least schließlich wäre da noch ein Armin Laschet, der Kinderschreck, der leicht dem Tolkien’schen Universum hätte entsprungen sein können, als Hobbit, aber als nicht besonders mutiger wohlgemerkt. Die Strahlkraft des Trios ähnelt dann auch eher der einer Zündkerze, denn diese strahlt ja bekanntlich nicht. Auch wenn man es uns glauben machen will, dass alles ganz anders, dass es spannend sei und so fort: Das gähnend öde Triell legte Zeugnis von der Wahrheit ab. Unmotivierte Kandidaten, die sich in allen wesentlichen Punkten ähnlich sind, profillos, antriebslos und gefangen in ihrer berufspolitischen Blase, die ihnen das wirtschaftliche Überleben garantiert und uns mit ideenlosen Zukunftskonzepten, falls überhaupt vorhanden, langweilt. Ja, es wäre alles zum Lachen, wenn es nicht so beschämend wäre. Denn während der Tagesschau-schauende Bürger noch davon ausgehen mag, dass sich durch den Gang an die Urne irgendwas ändert, sollten sich aufgeklärte Geister dieser Illusion nicht mehr hingeben.

Denn ganz egal, ob Baerbock, Laschet oder Scholz: Der Kurs der MS-Deutschland steht fest. NATO-Treue, mehr EU-Aristokratie, mehr Ausgaben und eine herzliche Willkommenskultur, die durch die Sozialkassen fegen wird, gepaart mit jede Menge Klima-schonenden Einschnitten, die vor allem Mittelstand und Mittelschicht belasten: So wird die kommende Legislatur aussehen. Komme an die Macht, wer wolle. Und wer dachte, dass dies mit der CDU etwas christlicher und den Grünen etwas grüner vonstattengeht, dem schmettere ich ein herzliches „Haha“ (Nelson, die Simpsons) entgegen. Und sollten überhaupt Unstimmigkeiten bestehen, werden diese dann geglättet, wenn es ans Schmieden der Koalitationsverträge und dem damit verbundenen Verteilen von Pöstchen und Ministerien geht, womit wir wieder bei Tolkien wären – mit den Worten: ein Vertrag, sie, das Volk, zu knechten, oder so ähnlich.  

Auf diese Weise zeigen uns unsere sogenannten berufspolitischen Eliten, dass die Crux an der parlamentarischen Demokratie, wie wir sie kennen, die „Entrücktheit“ der Herrschenden zum Volk ist. Ein Volk, für das es längst keine echten Volksparteien mehr gibt und dessen eigentliche Interessen leider mit Füßen getreten werden. Während der kleine Mann – respektive die kleine Frau – sich kaum noch leisten kann, als Pendler mit dem Auto auf die Arbeit – und im besten Falle wieder zurück – zu fahren, präsentieren sich grüne Partei-Funktionäre gerne in einer Luxuslimousine aus Ingolstadt, meist ohne den Benzinpreis zu kennen, denn vollgetankt wir ja vom Fahrer – beides finanziert aus Steuergeldern. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Wer profitiert von diesem Demokratieverständnis, bei dem sich der Volksvertreter selbst wichtiger als das Volk nehmen, von dem sie gewählt wurden? Es sind erstens die Altparteien, die sich auch bei niedrigen desaströsen Umfragewerten über Wasser halten können und schon bei Ergebnissen von fünfundzwanzig Prozent plus parlamentarische Luftsprünge machen, denn gerade die, die nicht wählen gehen, sichern ihnen das parasitäre Überleben im System. Andererseits profitieren davon konservative Parteien wie die AfD. Denn während sich die ehemals großen Parteien in ihrem programmatischen Ansatz vollends unterschieden haben, sind die zusehends nach links ausgerichteten Parteiprogramme selbst für eine CDU nichts mehr Ungewöhnliches. Kurz: Wer heute wirklich konservativ wählen möchte, dem bleibt – vielleicht leider – nur die eine Alternative.

Dass die Perspektivenlosigkeit und erlebte Passivität beim Bürger bestehen, das muss klar gesagt werden, hat letztlich in persona auch mit Angela Merkel zu tun, die ihr politischen Kernklientel in sechzehn Jahren Regentschaft in die parteiliche Diaspora getrieben hat. Gauland kann hier wohl als einer der bekanntesten Überläufer gesehen werden.

Wer die Ängste des eigenen Volkes nicht kennt, der kann auch nicht für dieses sprechen – auf diese einfache Formel kann man es herunterbrechen. Und derlei Ängste gibt es da viele – angefangen bei den wirtschaftlichen Disparitäten, ausgelöst durch die Corona-Pandemie, über die massiv gestiegene Inflationsrate bis hin zu den Folgen der Digitalisierung. Doch das monothematische Narrativ des Klimawandels dudelt keine anderen Götter neben sich.  So hat jeder Wähler zwar eine Stimme, aber die wird wohl ungehört in der Wahlurne am 26. September begraben werden – teils wegen Perspektivenlosigkeit, teils wegen machtpolitischen Geschachere in den Tagen danach. Am Ende ist es einerlei.