Putin auf Kriegszug: Im Osten nichts Gutes.

Da schaue ich mir dieser Tage das Treiben auf der weltpolitischen Bühne an, und spüre in mir unweigerlich ein klammes, kaltes Zittern hochsteigen. Im Osten – von den unendlichen Weiten der sibierischen Steppe bis zur quirligen Metropole Moskau – brauen sich dunkle Wolken zusammen. Der kalte Nordwind malt ein düsteres Bild, das mich an eine Situation meiner Kindheit erinnert, in der der Konflikt zwischen Ost und West, zwischen Kommunismus und Kapitalismus auf seinen brandgefährlichen Höhepunkt zusteuerte. Damals spielte ich auf dem Fußboden unseres Wohnzimmers mit Bauklötzen, der Fernseher lief und ein Nachrichtensprecher berichtete in fast schon millitärischem Ton, dass ein amerikanisches Schiff – oder war es ein U-Boot? – in russische Gewässer eingedrungen sei – aus Versehen. So hieß es damals. Ich hatte echte Angst, denn auch wenn ich nicht zuordnen konnte, was hätte geschehen können, so erahnte ich schon als Kind, dass es nichts Gutes sein würde.

„Armes Russland“, titelt der ehemalige Professor für Betriebswirtschaft und Marketing, Hermann Simon, in der FAZ. Und ja, unter der Führung der lustigen Gesellen von Osero, jenem Ort, an dem Wladimir Putin einst eine Datschensiedlung gründete und das feine Netz aus Machenschaften und mafiösen Strukturen knüpfte, scheint Mütterchen Russland ins Verderben zu steuern. Da lässt mich auch das Wissen darum, dass Russland im Jahr 2013 ein erbärmliches Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 2,12 Billionen Dollar erwirtschaftet hat – zum Vergleich: die USA erwirtschafteten im gleichen Zeitraum 16,72 Billionen Dollar – nicht gerade aufatmen. Wirschaftlich gesehen mag Mütterchen Russland am Boden liegen, aber wer weiß schon, wo die Großmacht-Fantasien des Herrn Putin uns und die gesamte Welt noch hinführen. Meine Prognose: Die Krim ist erst der Anfang, die Ost-Ukraine wird folgen. Anderen (noch) unabhängigen Republiken in russischer Nachbarschaft wie beispielsweise Moldawien kann es Angst und Bange werden.

Es ist so eine leise Vorahnung, so ein unruhiges Gefühl, wissen Sie. Die USA und Russland, ging das nicht schon viel zu lange gut? War es nicht ein wenig wie die Ruhe vor dem Sturm? Und nun schlägt Putin mit eiserner Faust auf den Tisch, und repräsentiert das, was viele Russen einst mit Stolz erfüllte: ein starkes, mächtiges Land mit territorialen Ansprüchen.

Fest steht: Die Gräben sind wieder tiefer geworden zwischen Ost und West. Und während ich mich an die guten alten James Bond-Filme erinnert fühle, in denen der Spion mit der Lizenz zum Töten den böse Kommunisten bekämpft, mag ich kaum glauben, dass da ganz leise ein realer Krieg apokalyptischen Ausmaßes heraufzieht.

Seltsame Filmfetzen spielen sich in meinem Kopfkino ab. Ich denke an einen kleinen Mann aus dem österreichischen Braunau, der mit seinen irren Allmachtsfantasien den größten Vernichtungsfeldzug entfachen sollte, den die Menschheit im letzten Jahrhundert je gesehen hatte. Doch zuvor lag Deutschland am Boden. Auch damals erzeugten vermeintlich weltoffene olympische Spiele ein trügerisches Bild von einem Land, in dem längst die Tyrannei Einzug gehalten hatte. Vielleicht sollten sie die Welt in Sicherheit wiegen vor dem längst beschlossenen Inferno.

Es ist der giftige Cocktail aus Hunger und Not, der nationalen Gedanken den Weg bereitet – damals wie heute – und von dessen verheißungsvollem todbringenden Rezept auch Putin profitiert. Doch es geht dem gebürtigen Leningrader nicht darum, die Krim heimzuführen, sondern, so denke ich, um die Entfesselung eines Krieges an sich.

Nein, ich glaube nicht daran, dass sich die Risse dieses Mal auf diplomatischem Parkett kitten lassen. Es wird der erste Krieg sein, der unsere Generation im Mark erschüttern wird, von dem wir nicht nur aus den Nachrichten erfahren. Denn dieses Mal werden wir ihn spüren, ihn fühlen, ihn riechen mit all seinem Blut und Tod. Und alles wird sich ändern – einfach alles.

Ein Mann namens Putin hat sich angeschickt, die Weltordnung zu verändern. Die USA führen erste Luftwaffen-Manöver über Polen durch. Der Republikaner John McCain sprach sich unlängst dafür aus, die Ukraine mit Waffen zu versorgen. „Was wäre, wenn Hitler damals im Besitz der Atombombe gewesen wäre?“, frage ich mich. Putin und die USA haben jedenfalls einige, das ist sicher.

Ja, ich habe Angst und wünschte, wieder Kind zu sein, nichtsahnend und unbesorgt. Und ich denke an die bedrückende Stimmung in Büchners Woyzeck:


WOYZECK: Andres, wie hell! Ueber der Stadt is alles Glut! Ein Feuer faehrt um den Himmel und ein Getoes herunter wie Posaunen. Wie’s heraufzieht! – Fort! Sieh nicht hinter dich!

ANDRES: Woyzeck, hoerst du’s noch?

WOYZECK: Still, alles still, als waer‘ die Welt tot.

aus Georg Büchners „Woyzeck“

Autor: Andreas Altmeyer

Autor, Werbetexter, Gegen-den-Strom-Schwimmer

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