I’m not aNEWSt

Es ist wieder einmal an der Zeit, über die Sensations-Sehnsucht der Medien zu richten. Wobei ich vielleicht genauer skizzieren sollte, um was es mir geht. Wissen Sie, es ist dieses ewige Warmkochen und heiß Servieren von eigentlichen Selbstverständlichkeiten, was mir gelinde gesagt ziemlich auf die Nerven geht. Ach heiß servieren, was sag ich, am liebsten noch köchelnd, brodelnd, im siedenden Newssaft. Ein Beispiel gefällig? Da der Winter sich zur Zeit anschickt, das zu tun, was Winter nun mal am liebsten tun, nämlich Winter sein und uns mal ordentlich eine mit Schnee und mit to much Matsch und Eis zu verbraten, wittern auch die Götterboten der deutschen Medienlandschaft wieder ihre Chance auf schnell generierte Nachrichten-Hysterie. Denn sobald Frau Holle ein wenig ihre Bettchen ausschüttelt, ist in den Sendeanstalten die Rede vom Verkehrschaos, der Eispartie und es werden regelrechte Lageberichte in die Sendewellen der Hörfunknetze posaunt. Ach, it’s a little bit like CNN, isn’t it? Und kaum tanzt die ganze Hörerschaft den synthetischen Schneewalzer, bevor überhaupt ein Schneeflöckchen zu sehen ist und die Alterskohorte zwischen 65 und 85 hat sich mit Hamsterkäufen und Grippeimpfungen eingedeckt, ist auch schon aus dem Schnee von heute der kalte Kaffee von gestern geworden. Denn das vermutete Chaos blieb aus und es war doch mal wieder alles halb so schlimm. Bis die nächste wichtige Neuigkeit ins kollektive Bewusstsein implementiert wird. Oder sollte ich sagen: Eine breite Masse ist eben froh über solch belangloses Zeugs, denn darüber lässt es sich beim Bäcker von Nebenan einfach besser plaudern. Hey, sind wir nicht alle schon ein wenig Bluna?

„Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“ Theodor W. Adorno, aus Minima Moralia, Suhrkamp, 1994.

Was ich mich in meinem Elfenbeinturm dann frage, ist, wo bleibt eigentlich die journalistische Distanz? Wo sind die Nachrichtensprecher der 70er und 80er, die mit energisch-geföhntem Seitenscheitel, schlecht sitzendem Anzug, aber vor allem auch ruhiger, gelassener Stimme sagten „Achtung. Es kann glatt werden“? Das war’s. Fertig aus. Keine Befragungen von Menschen auf den Straßen, wie sie zur Arbeit kamen, kein Life-Bericht aus dem Schneepflug. Und ja: Den Konjunktiv hatte man damals tatsächlich noch in Gebrauch.

So pflanzen sich die Wellen der gehypten Newsfeeds fort. Alles ist einmalig und doch austauschbar und beliebig. Aus einem Sommer wird ein MegaSommer, aus einer Flutwelle eine Jahrhundertflut. Das mediale Schneller-Höher-Weiter macht selbst vor wirklichen Katastrophen nicht halt. Letzte Woche noch wollten alle Charlie sein und was kommt morgen? So wichtig Solidarität auch ist, so wenig bleibt ihr an Nachhaltigkeit, wenn auf uns ein ständig köchelnder Brei an Neuigkeiten einströmt, von dem jeder Bissen den Anspruch erhebt, der köstlichste zu sein, wenn wir uns verführen lassen, von der Süße seines Geschmacks.

Es mutet schon seltsam an, wenn heute noch der Bildzeitung das Gesicht eines im Kugelhagel erschossenen Polizisten als Aufmacher dient und morgen schon die debil-grinsenden Fratzen der Dschungel-Kamp-Kandidaten. Aber manchmal, wenn das kollektive Bewusstsein an die Grenzen seiner von Natur aus gegebenen Sehnsucht nach Harmonie stößt, ersticken die Medien mit der Macht eines Dampfhammers wieder den Funken der fremderworbenen Mündigkeit. Dann sind wir nicht mehr empört oder machen uns Gedanken über die Entwicklungen in der Ost-Ukraine, sondern hängen an den Lippen des Bachelors, gucken Frauentausch oder Musikantenstadl. Ach, welch rosige Aussichten. Will noch jemand Kartoffelchips?

Kleiner Kommentar
Ist es nicht so, dass Medien unmittelbar die Wahrnehmung unserer Realität und der damit verbundenen, uns umgebenden Lebenswelt bestimmen, nie aber die Realität widerspiegeln? Wie sicher sind Nachrichtenquellen, die uns Aufnahmen von Schießereien präsentieren, deren Kontext für uns nicht nachvollziehbar und deren Echtheit nicht prüfbar sind? Sind Medien mittlerweile zu einem Großteil zu dem geworden, was noch in der Antike die Spiele der Gladiatoren waren, nach dem Motto: Panem et circenses? Es geht wohl nicht minder darum, uns eine wohl-portionierte Dosis an Schock, Kummer und Not zu verabreichen, über die wir dann in Talkshows symbolträchtig diskutieren, nur um sie dann wieder vergessen zu machen. Wobei sich auch „die Medien“ sicherlich nicht über einen Kamm scheren lassen, denn es gibt sie noch, die echten investigativen Journalisten. Vielleicht ist es auch einfach das Überangebot an dem, was an Informationen zur Verfügung steht, was die Medien dazu zwingt, einen dramaturgischen Bogen zu spannen, der jegliche Sujets bis zum Crescendo sukzessive aufbereitet. Vielleicht sind es auch die perfiden Vernetzungen der großen Medienunternehmen und deren Verflechtungen mit der Wirtschaft, die den inszenierten Einheitsbrei kochen. Sicher ist, dass wir und insbesondere unsere Kinder eine Medienkompetenz erlernen müssen, um vor all dem gewappnet zu sein, was uns da als „echt“ und „wichtig“ verkauft wird. In Verbindung mit dem Web 2.0 stellt das Eltern vor herausfordernde Aufgaben, müssen sie doch ihre Kinder für einen maßvollen und sensiblen Umgang mit dem unendlichen Universum „Internet“ sensibilisieren, gleichzeitig aber ohne entmündigende Verbote auskommen.

Autor: Andreas Altmeyer

Autor, Werbetexter, Gegen-den-Strom-Schwimmer

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