Alles Klimakrise oder was?

Umweltschutz, so viel kann man wohl festhalten, war und ist etwas Gutes. Problematisch wird es dann, wenn dieser auf eine Weise von politischer Seite instrumentalisiert wird, die die gesellschaftliche Spaltung fördert. Ein Kommentar von A. M. Altmeyer

Werbebotschaften müssen stringent und einheitlich sein, damit sie von den Rezipienten verstanden werden. In der Welt der Werbung gilt das als ungeschriebenes Gesetz. Genauso wie das Credo: Sende nie mehr als eine Werbebotschaft auf einmal, denn dies, so die Annahme der Kommunikationswissenschaft, würde den Nutzer und damit den potentiellen Kunden überfordern. Ich persönlich glaube, dass diese Annahme stimmt, obgleich sie stark simplifiziert, da jeder Nutzer ja anders tickt, einen sehr individuellen Bildungs- und Sozialisationshintergrund mitbringt und damit schneller – oder eben weniger schnell – verstehen kann, worum es geht.

Was für Werbebotschaften gilt, scheint auch auf Nachrichten übetragbar zu sein. Denn wir leben, medial gesehen, in einem schier monothematischen Zeitalter, in dem die Medien die Menschen von Narrativ zu Narritv lenken, um ihre Aufmerksamkeit buhlen und sie im dauerhaften Alarmzustand halten. Ein Zeitalter, in dem, damit die Medien-Konsumenten es auch wirklich verstehen, oder vielmehr aufsaugen wie ein Schwamm, thematisch immer wieder eine andere Sau – nicht gar zwei oder drei Sauen – durchs Dorf getrieben wird. Corona und die mit dem Virus einhergehende Berichterstattung sind da wohl eine kleine Ausnahme, denn der Zeitraum, in dem die Zuhörer und -seher mittels emotionsgeladenen Sprachegebilden in Angst, Schrecken und Ahnungslosigkeit versetzt wurden, erstreckte sich summa summarum über fast zwei Jahre und war außerordentlich lang. Will sagen: Die Aufmerksamkeit sind. Es muss was Neues her.  

Nun aber, da das Virus und selbst seine weit tückischeren Delta- und Lambada- – oder wie hieß sie nochmal? – -Varianten mittels Impfstoff weitestgehend unschädlich gemacht und damit medial aus dem Fokus rücken, steht schon die nächste Sau bereit, um mit allerlei Tamtam und Schingderassabumm gejagt zu werden. We proudly present (again): the Klimawandel. Klimawandel. Sickert das Wort langsam in Ihr Gedächtnis ein, wandert es schon von Synapse zu Synapse, übermittelt von den fleißigen Neurotransmittern, die ihren Job machen? Klimawandel – am Morgen im Radio – Klimawandel am Abend bei den Tagesthemen. Überall ist der Klimawandel angekommen. Das Wort, und die mit ihm verbundenen Assoziationen, wecken in uns Emotionen – ganz abstrakt, und doch, so scheint es, spür- und erlebbar. Wer wäre nicht für eine saubere, grünere Welt, in der die Vögel überall zwitschern, in der die Bäche kristallklar plätschern und die Luft so sauber wie auf der Zugspitze an einem Wintermorgen ist? Und je öfter wir vom Klimawandel hören – je öfter dieser Begriff bis zum Erbrechen (die alten Griechen nannten dies in der Rhetorik „ad nauseam“) auftaucht, desto klarer appelliert eine innere Stimme in uns: „Da musst du, da müssen wir was tun“. Was kann daran falsch sein?

Erst mal nichts. Denn Umweltschutz ist wichtig. War er immer schon. Als Kind der 1980ger Jahre erinnere ich mich noch an die Bilder vom damals so schmutzigen Rhein, dessen Wasser – ich glaube in Ludwigshafen war es – sich in eine blubbernde, schaumige Plörre verwandelt hatte. Ich erinnere mich auch an Greenpeace-Aktivisten, die in Schnellboten sehr aufmerksamkeitsstark waghalsige Manöver vor japanischen Walfangboten vollführten. Ich fand das sehr beeindruckend als Kind.

Umweltschutz, so viel kann man wohl festhalten, war und ist etwas Gutes. Problematisch wird es dann, wenn dieser auf eine Weise von politischer Seite instrumentalisiert wird, die die gesellschaftliche Spaltung fördert. Und dies beginnt dort, wo er nur durch enorme finanzielle Einbußen für den Einzelnen, von oben herab, diktiert wird.

Ich bin der Meinung, dass dieses Vorhaben „on the way“ ist – und zwar parteiübergreifend, zumindest in Deutschland. Eine Vielzahl der Maßnahmen, die seitens der realitätsfernen EU-Aristokraten, allen voran von der umtriebigen Aufsteigerin Ursel von der Leyen, befehligt werden, werden in erster Linie zwei Gruppen ökonomisch belasten, die ohnehin schon auf dem sinkenden Ast sitzen: Mittelstand und Mittelschicht.

Denn während die Energie-Preise voraussichtlich drastisch steigen, tun dies die Reallöhne keineswegs. Einen kleinen Vorgeschmack auf das, was uns erwartet, können Sie bekommen, wenn Sie mal wieder Ihr Auto auftanken müssen – mit gewöhnlichem Benzin, nicht mit dem Strom aus der Steckdose. Für Pendler, Speditionen, Taxifahrer, Pizzaboten und so fort, das muss ich Ihnen leider sagen, wird es langfristig noch viel schlimmer kommen.

Mehr Steuern sollen es richten, sollen uns, einer Ablasszahlung gleich, rauskaufen aus dem Dilemma, in das uns jene, die jetzt die Steuern fordern, erst hineinmanövriert haben. So einfach ist das – zumindest für jene, die eigentlich unsere Interessen wahren und durchsetzen sollten. Dabei lenkt der plötzliche „grüne Gesinnungswandel“ der Parteien von einer Sache ab: von ihrem jahrzehntelangen Versagen und vom Kuschel-Kurs, den die jeweils regierende Kaste mit den Energie-Konzernen und anderen großen Industriezweigen, darunter vor allem die Autoindustrie, pflegte.

Nur mit diesem Kuschelkurs, andere würden es Fetternwirtschaft nennen, ist es zu erklären, dass jene Technologien, die angeblich so sauber sind, (noch) nur einer elitären und finanzstarken Klasse zugänglich sind, bzw. dass sich nur diese überhaupt ein E-Auto leisten kann. Nach Alternativen – und vor allem nach der kostengünstigen industriellen Fertigung derselben – wurde lange nicht gefragt. Die Renditen flossen ja.  

Doch gehen wir noch einen Schritt zurück: Muss vor einem elementaren Kurs-Wechsel in der Umweltpolitik, der über zig Jahre verschlafen wurde, zuvor nicht über eine umfassende Analyse nachgedacht werden? Eine Analyse des klimatischen Ist-Zustandes, in deren Rahmen  verschiedenste Wissenschaftler zu Wort kommen? Wo ergebnisoffen diskutiert wird, bevor einschneidende Maßnahmen gegen die Bevölkerung „verhängt“ werden? Eine solche Analyse, die natürlich nicht ewig dauern darf, müsste zweifelsfrei klären, ob es den „Klimawandel“, und zwar den durch den Menschen verursachten, gibt, welche Folgen vermeidbar sind und mit welchen wir leben müssen. Dies wären Planspiele, zugegeben, aber immerhin würden sie zur faktischen Untermauerung eines Narrativs beitragen, dessen Folgen (noch) nicht abschätzbar sind. Fakten müssen her.

Denn wenn wir diese Faktenbasis nicht schaffen, wenn elementare Entscheidungen nicht aufgrund von Fakten getroffen und einzig allein aus Aktionismus Maßnahmen abgeleitet werden, laufen wir Gefahr, Emotionalität walten zu lassen, statt Vernunft. Bei der gegenwärtigen Berichterstattung hat man schnell den Verdacht, dass eben diese Emotionalität bewusst geschürt wird. Da nehmen sich Klima und Corona nicht viel.

Es darf obendrein auch die Frage gestellt werden, wie sehr der polititischen Elite wirklich am Klima gelegenen ist, wenn sie einerseits für die Nutzer fossiler Brennstoffe Steuerpakete schnürt, andererseits aber an darauf wurzelnden Großprojekten wie Northstream 2 auf der einen Seite und Fracking-Gas auf der anderen Seite ungebremst festhält. Auch die Militärausgaben werden sukzessive steigen, zumindest, wenn Deutschland das 2 Prozent-Ziel des BIP anstrebt, was ja im Sinne der Amerikaner wäre. Das bedeutet: Noch mehr Großmanöver, noch mehr Schüsse und noch mehr Dreck – zu Land, zu Wasser und in der Luft. Gut für die Umwelt ist die nicht. So viel ist sicher.

Der vom Menschen gemachte „Klimawandel“ – ganz egal, ob es ihn nun gibt oder nicht – ist jedenfalls ein PR-trächtiges Wort. So viel ist ebenfalls sicher. Ein Wort, das Fakten schafft, doch diese sind in erster Linie vorerst mehr von monetärer Natur: mehr Steuern, mehr Abgaben, mehr Einmischung des Staates in die Wirtschaft und mehr Kontrolle. Obendrein bietet dieses aufgewärmte Narrativ den Herrschenden viel Potential, ihre Vorliebe für autokratisches Regierungshandeln unter dem Deckmantel des „Gutes tun für die Umwelt“ ungehemmt ausleben zu dürfen. In Zeiten von Corona hat man Blut gelegt, nun will man mehr. Macht ist eben verführerisch.

Sollte der Bundesregierung – und allen Regierenden dieser Erde – nicht daran gelegen sein, Alternativen bereitzustellen? Denn die Stimme in unserem Inneren, die an unsere Vernunft appelliert, hören wir eigentlich doch alle. Aber nicht jeder, der diese Stimme hört, hat das Geld, in Sachen Umwelt moralisch zu handeln.

Das verkennt die Politik bei ihrem Regieren „von oben herab“ vollends. Was es bräuchte, ist keine weitere Gängelung, kein Ausquetschen der Bürger, keine überteuerten E-Autos, die zwar staatlich, also von uns, subventioniert werden, aber immer noch für die meistenMenschen viel zu teuer sind.

Nun könnte man mir unterstellen, ich will am Alten, am Überholten festhalten. Nein, darum geht es nicht. Es geht darum, gangbare Wege zu beschreiten, auf denen jene, die sich keinen E-Porsche leisten können und keine Solarzellen auf dem Dach haben, weil sie kein eigenes Dach haben, nicht auf der Strecke bleiben. Es geht darum, dass nachhaltiger Umweltschutz nur „mit der Bevölkerung“ funktioniert, nicht indem man ihn als Größe „gegen sie“ verwendet.

Die Klimafrage ist eigentlich eine Umweltfrage, die schon früh gestellt wurde – deren finale Beantwortung allerdings noch aussteht. Eine solche Antwort jedoch darf wesentliche Teile der Gesellschaft nicht übergehen. Dies ist es, was jene verkennen, die lauthals auf den Straßen ihre Forderungen nach „Future“ postulieren. Viele von ihnen, und das sage ich, obgleich ich politisches Engagement bei Jugendlichen sehr schätze, finden sich nach der Demo in genau jener materiellen Filterblase wieder, die ihnen Mama und Papa finanziert haben: mit Playstation im Einfamilienhaus.

Ein Weg zur Nachhaltigkeit sieht anders aus, und setzt nicht nur ein individuelles, sondern ein systemisches Umdenken voraus.

Wir müssen zuallererst weg vom Gedanken der „Erbschuld“ in Sachen Umweltschutz, denn ein schlechtes Gewissen ist keine Basis für positives Handeln. Nicht jeder von uns ist ein Vielflieger, nicht jeder fährt einen SUV. Aber wir alle leben in einer ambivalenten Welt, in der jene, die dies tun, geschmäht und gleichzeitig bewundert werden, während medial schamloses Konsumverhalten propagiert wird, das mit Nachhaltigkeit nichts zu tun hat. Das ist der Kern des Pudels.

Eines kann ich Ihnen versichern: Eine Wirtschaftsordnung, die auf die Ausbeutung von Ressourcen ausgerichtet ist, hält auf die Frage, wie wir unseren Planeten dauerhaft schützen können, keine Antwort bereit. Wo die Klimafrage zur Interessen-Frage wird, laufen wir allerdings Gefahr, dass die soziale Schere durch eine noch supressivere Abgabenpolitik und mangelnde kostengünstige Alternativen immer stärker auseinandergeht. Das ist weder gut fürs Klima, noch für uns Menschen.

Autor: Andreas Altmeyer

Autor, Werbetexter, Gegen-den-Strom-Schwimmer

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