Die Moral am Mittelkreis

Es ist schon eine merkwürdige Sache mit dem Mainstream. Und nein, das Wort ist hier weder Kampfbegriff noch Beschimpfung. Mainstream bezeichnet zunächst einmal das, was in einem bestimmten gesellschaftlichen Milieu als weitgehend akzeptierter Deutungsrahmen gilt. Interessant wird es dort, wo dieser Rahmen beginnt, sich selbst für moralische Erkenntnis zu halten.

Der moderne politische Gestus eignet sich dafür hervorragend. Er kostet wenig, ist in wenigen Sekunden verständlich und erzeugt Bilder, die sich ausgezeichnet verbreiten lassen. Eine Armbinde hier, ein gesenkter Kopf dort, ein verweigerter Handschlag. Die komplizierte Weltpolitik schrumpft für einen Augenblick auf die Fläche eines Fußballplatzes.

Beim Nations-League-Spiel zwischen Irland und Israel war dieses Prinzip besonders gut zu beobachten. Die irischen Spieler trugen schwarze Armbinden, verzichteten auf die üblichen Handschläge und senkten während der israelischen Nationalhymne die Köpfe. Kapitän Dara O’Shea hielt beim Münzwurf seinem israelischen Gegenüber Manor Solomon demonstrativ die Hände hinter dem Rücken. Man kann das für Haltung halten. Man kann darin aber auch eine bemerkenswerte Verwechslung erkennen: die Verwechslung von moralischer Geste mit moralischer Klarheit.

Denn wem verweigert man hier eigentlich den Handschlag? Nicht Benjamin Netanyahu. Nicht einem General. Nicht einem Mitglied des israelischen Kabinetts. Sondern einem Fußballspieler.

Plötzlich ist der Einzelne nicht mehr Individuum, sondern Träger einer Nationalität, die ihm politisch zugerechnet wird. Der Israeli auf dem Fußballplatz wird zum Stellvertreter seiner Regierung gemacht. Ausgerechnet jene politische Kultur, die sonst unablässig vor Kollektivzuschreibungen warnt, entdeckt hier die Kollektivhaftung wieder. Das sollte zu denken geben.

Man könnte darin eine Form von nationalem Tribalismus erkennen – gerade dort, wo man ihn sonst der politischen Rechten vorwirft: hier die „bösen Russen“, dort die „guten Ukrainer“, hier die „bösen Israelis“, dort die „guten Palästinenser“. Komplexe Gesellschaften werden so wieder zu moralisch sortierten Völkern – und der einzelne Mensch verschwindet hinter seiner Nationalität.

Die Geschichte beginnt nicht in Gaza
Natürlich muss man über Gaza sprechen. Man muss über die Zehntausenden getöteten Palästinenser sprechen, über zerstörte Städte, über Hunger, Flucht und über die Frage, ob Israels militärisches Vorgehen völkerrechtlich gerechtfertigt war oder Grenzen überschritten hat. Nur beginnt die Geschichte dieses Krieges eben nicht mit der israelischen Antwort.

Am 7. Oktober 2023 drangen mehr als tausend Angehörige der Hamas und anderer bewaffneter palästinensischer Gruppen nach Israel ein. Nach Feststellungen der unabhängigen UN-Untersuchungskommission wurden mehr als 1.200 Menschen getötet, mindestens 809 davon Zivilisten. Mindestens 40 Kinder kamen ums Leben. 252 Menschen wurden als Geiseln nach Gaza verschleppt, darunter 36 Kinder.

Das waren keine abstrakten „Kollateralschäden“. Die UN-Kommission dokumentiert Familien, die in ihren Häusern erschossen oder verbrannt wurden. In Nir Oz wurden Eltern getötet und ihre drei Kinder starben durch Rauch, nachdem das Haus in Brand gesetzt worden war. Eine andere Familie wurde samt einem vierjährigen Jungen und einem neun Monate alten Baby verschleppt. Auf dem Nova-Festival wurden nach der Untersuchung 364 Besucher getötet und etwa 40 Menschen entführt.

Und während all dessen begann der Angriff mit einem massiven Raketen- und Mörserbeschuss israelischer Städte. Allein rund um den 7. Oktober mussten etwa 150.000 Israelis ihre Wohnungen im Süden verlassen.

Wer darüber heute spricht, spricht also nicht über einen theoretischen Konflikt zwischen zwei politischen Programmen. Er spricht über Menschen, die erlebt haben, dass Bewaffnete morgens in ihre Orte eindringen können. Über Familien, deren Kinder ermordet oder entführt wurden. Über eine Bevölkerung, für die Sirenen, Schutzräume, Raketenabwehr und die Frage, ob ein Geschoss abgefangen wird, über viele Jahre Teil der Realität geworden sind.

Das bedeutet nicht, dass jede israelische Reaktion richtig ist. Es bedeutet aber, dass ein europäischer Blick, der Israel nur als militärisch überlegene Macht und Palästinenser ausschließlich als Opfer betrachtet, einen wesentlichen Teil der Wirklichkeit ausblendet.

Eine alte antiisraelische Tradition
Die heutige Israel-Feindseligkeit in Teilen der Linken ist kein neues Phänomen. Seit den späten 1960er Jahren verbanden Teile der westdeutschen radikalen Linken ihren Antiimperialismus zunehmend mit einer aggressiven Ablehnung Israels. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt dabei ausdrücklich Übergänge bis hin zum offenen Antisemitismus.

Besonders deutlich wurde das nach dem Münchner Olympia-Attentat 1972. Ulrike Meinhof bezeichnete die Tat, bei der elf israelische Sportler ermordet wurden, als zugleich „antiimperialistisch, antifaschistisch und internationalistisch“.

Schon drei Jahre zuvor zeigte sich, wohin dieses Denken führen konnte: Am 9. November 1969 deponierten die linksradikalen „Tupamaros Westberlin“ während einer Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht eine Bombe im Jüdischen Gemeindehaus in Berlin. Sie explodierte nur wegen eines technischen Defekts nicht. Die Täter rechtfertigten ihren Angriff ausdrücklich mit ihrer Solidarität mit den Palästinensern und dem Kampf gegen den vermeintlichen „zionistischen Imperialismus“.

Bestimmte Denkmuster – Israel als imperialistischer Aggressor, palästinensische Gewalt als „Widerstand“, israelische oder sogar jüdische Opfer als Repräsentanten eines politischen Systems – besitzen also eine lange Vorgeschichte. Und genau deshalb sollte man heutige Gesten nicht so betrachten, als seien sie erst mit dem Gaza-Krieg entstanden.

Die erstaunliche Selbstgewissheit Europas
Vielleicht liegt hier überhaupt ein europäisches Problem. Von Dublin, Berlin, London oder Paris aus lässt sich leicht erklären, wie ein Land reagieren soll, dessen Bürger von bewaffneten Islamisten überfallen, verschleppt und ermordet wurden. Wir sitzen nicht im Schutzraum. Unsere Kinder werden nicht morgens aus einem Kibbuz entführt. Wir müssen nicht entscheiden, ob eine Rakete auf unsere Wohngegend zufliegt. Und trotzdem ist der Ton europäischer Debatten häufig von einer geradezu beeindruckenden Gewissheit geprägt.

Europa hat sich daran gewöhnt, seine eigenen politischen Kategorien für universell zu halten. Opfer und Täter müssen sauber verteilt sein. Privileg und Unterdrückung müssen erkennbar sein. Minderheiten besitzen moralisches Kapital, Staaten mit militärischer Stärke zunächst einen Rechtfertigungsbedarf. Der Nahostkonflikt widersetzt sich dieser einfachen Dramaturgie.

Israel ist militärisch stark – und zugleich ein Land, dessen Bevölkerung in einem existenziellen Sicherheitskonflikt lebt. Palästinenser erleiden Leid – und zugleich existieren mit Hamas und dem Palästinensischen Islamischen Dschihad Organisationen, die gezielt israelische Zivilisten angegriffen haben. Beides kann gleichzeitig wahr sein.

Gerade diese Gleichzeitigkeit scheint einer politischen Kultur schwerzufallen, die ihre Haltung gern auf Plakate druckt.

Und dann wäre da noch eine unbequeme Frage
Besonders merkwürdig wird es dort, wo ausgerechnet progressive Milieus Israel zum bevorzugten Objekt ihrer moralischen Empörung machen. Denn Israel ist – bei allen gesellschaftlichen Konflikten und keineswegs vollständiger Gleichstellung – in vielen gesellschaftspolitischen Fragen fundamental anders organisiert als das von der Hamas regierte Gaza.

Einvernehmliche gleichgeschlechtliche Beziehungen sind in Israel legal. Diskriminierung wegen sexueller Orientierung ist unter anderem im Arbeitsleben und bei Dienstleistungen gesetzlich eingeschränkt. Gleichgeschlechtliche Paare können gemeinsam adoptieren; im Ausland geschlossene gleichgeschlechtliche Ehen werden registriert. Tel Aviv ist seit Jahren für eine große öffentliche Pride-Kultur bekannt.

Im von Hamas beherrschten Gaza existiert dagegen weiterhin ein aus der britischen Mandatszeit stammendes Strafgesetz, nach dem bestimmte gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen mit bis zu zehn Jahren Haft bedroht sind. Das ist kein Argument dafür, palästinensische Zivilisten weniger zu schützen.

Aber es ist ein erstaunlicher Widerspruch unserer politischen Gegenwart.

Manche jener westlichen Milieus, die Regenbogenflaggen zu einem zentralen Symbol ihrer politischen Identität gemacht haben, demonstrieren heute Seite an Seite mit Bewegungen, in deren ideologischem Umfeld genau jene gesellschaftliche Freiheit kaum existiert, die sie zuhause mit großer moralischer Dringlichkeit verteidigen. Wer diesen Widerspruch anspricht, betreibt keine Propaganda. Er stellt eine Frage nach intellektueller Konsequenz.

Die selektive Moral
Wenn israelische Fußballer zum Symbol der Politik ihres Landes gemacht werden, müsste dieser Maßstab konsequenterweise überall gelten. Müsste man iranischen Spielern wegen der Repression im Iran den Handschlag verweigern? Chinesischen wegen Xinjiang? Saudi-arabischen wegen der Menschenrechtslage ihres Landes? Müsste jede Sportveranstaltung zu einer Prüfung der moralischen Zulässigkeit des Gegners werden? Natürlich nicht.

Denn wir wissen intuitiv, dass der iranische Fußballspieler nicht das iranische Regime ist. Wir wissen, dass ein Saudi nicht Mohammed bin Salman ist. Wir wissen, dass ein Chinese nicht Xi Jinping ist. Nur beim Israeli scheint diese intellektuelle Trennung plötzlich erstaunlich schwerzufallen. Und hier wird die Sache unangenehm.

Die Meldestelle RIAS registrierte für Deutschland im Jahr 2025 insgesamt 8.725 antisemitische Vorfälle – durchschnittlich 24 pro Tag. Bei 68 Prozent spielte israelbezogener Antisemitismus eine Rolle. Das zeigt sehr wohl, dass das bequeme Selbstbild nicht mehr funktioniert, Antisemitismus existiere ausschließlich bei glatzköpfigen Neonazis am rechten Rand.

Antijüdische Ressentiments können heute andere Vokabeln benutzen. Sie können akademischer klingen. Sie können sich antikolonial nennen. Sie können von „Zionisten“ statt von Juden sprechen. Und sie können sich selbst sogar für besonders humanistisch halten. Genau das macht die Sache nicht harmloser.

Vor diesem Hintergrund ist eine politische Ironie zumindest bemerkenswert: Ausgerechnet die AfD verfügt seit 2018 mit „Juden in der AfD“ über einen eigenständigen Verein jüdischer Parteimitglieder. Gegründet wurde er von 24 jüdischen AfD-Mitgliedern. Auch programmatisch positioniert sich die AfD demonstrativ gegen Antisemitismus: In ihrem Bundestagswahlprogramm 2025 fordert sie unter anderem eine konsequente strafrechtliche Verfolgung antisemitischer Angriffe und Beleidigungen und stellte sich gegen Veranstaltungen, auf denen die Zerstörung Israels gefordert wird (Seite 124 des AfD-Bundestagswahlprogramms 2025). In ARD und ZDF hört man davon nichts.

Die Inflation der Haltung
Unsere Zeit leidet nicht an einem Mangel an Haltung. Sie leidet an ihrer Inflation. Haltung wird getragen. Haltung wird gepostet. Haltung wird fotografiert. Haltung wird in Profilbilder eingefärbt und auf Stoffarmbinden gedruckt. Und hier sei eine persönliche Beobachtung erlaubt, gerade weil sie sich statistisch kaum messen lässt.

Es scheint einen bestimmten Typus des öffentlichen Mitläufertums zu geben, der weniger durch eine bestimmte politische Meinung auffällt als durch die erstaunliche Geschwindigkeit, mit der jeweils die gesellschaftlich erwartete Meinung übernommen wird.

Das waren während der Pandemie jene, die aus einer medizinischen Entscheidung beinahe einen moralischen Zugehörigkeitstest machten. Die Impfung wurde zum Bekenntnis, Skepsis zum Charakterfehler.

Und es sind jene meist akademisch gebildeten oder zumindest bürgerlichen Milieus, in denen Regenbogenfahnen geschwenkt und Begriffe aus Gender- und Queertheorien mit großer Selbstverständlichkeit verwendet werden, obwohl die theoretischen Debatten dahinter erheblich komplizierter sind als das Symbol auf einer Fahne. Kaum jemand muss Judith Butler gelesen haben. Doch wer heute mit Regenbogenflagge, Identitätspolitik und moralischer Gewissheit durch gesellschaftliche Debatten zieht, sollte zumindest wissen, aus welcher Gedankenwelt vieles davon stammt. Butler hat die Regenbogenflagge nicht erfunden. Aber keine Denkerin hat die spätere akademische und politische Vorstellung von Geschlecht, Identität und gesellschaftlichen Machtverhältnissen so stark geprägt wie sie. Und diese Theorie kommt nicht aus einem politisch neutralen Raum: Butler vertritt selbst dezidiert anti-zionistische Positionen und deutet auch den Nahostkonflikt durch ein festes Raster von Macht, Unterdrückung und Widerstand. Wer solche Denkmuster heute als moralischen Mainstream übernimmt, sollte deshalb wenigstens wissen, welche politischen und ideologischen Voraussetzungen darin stecken.

Die Schnittmenge in Butlers Thesen und den Mainstream-Corona-Aposteln liegt jedoch woanders. Es ist die Neigung, gesellschaftliche Wirklichkeit über fertige moralische Chiffren zu konstruieren. Maske. Armbinde. Flagge. Hashtag. Das richtige Profilbild. Der richtige Satz zur richtigen Stunde. Man könnte es einen politischen Konformismus der Individualisten nennen. Eine Gesellschaft, die ununterbrochen Authentizität beschwört, produziert bemerkenswert standardisierte Bekenntnisse.

Und das eigentlich Interessante daran ist nicht einmal, welche Meinung jeweils vertreten wird. Es ist die Geschwindigkeit, mit der sie zur Selbstverständlichkeit erklärt wird. Wer gestern nicht sofort die richtige Position zur Pandemie formulierte, galt als verdächtig. Wer heute die falsche Nuance zu Migration benutzt, steht schnell außerhalb des akzeptierten Rahmens.

Wo die vielbeschworene Vielfalt endet, zeigt sich besonders deutlich, sobald politische Überzeugungen ins Spiel kommen. Herkunft, Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Geschlecht, Lebensstil – möglichst alles soll als Ausdruck individueller Vielfalt respektiert werden. Doch wer mit der AfD sympathisiert, bewegt sich plötzlich in einer ganz anderen Welt: Dann wird aus dem stolzen Bekenntnis zur eigenen Identität nicht selten ein Versteckspiel. Was sage ich den Kollegen? Was darf der Arbeitgeber wissen? Kann ich offen erzählen, wen ich wähle oder auf welche Veranstaltung ich gehe, ohne berufliche oder soziale Konsequenzen befürchten zu müssen?

Und genau hier wird der Widerspruch interessant. Die AfD ist keine verbotene Untergrundorganisation, sondern eine zugelassene Partei, sitzt im Deutschen Bundestag und wird von Millionen Menschen gewählt. Man muss ihre Positionen nicht teilen – man kann sie entschieden ablehnen. Aber wenn Menschen glauben, ihre politische Sympathie lieber verschweigen zu müssen, weil ihnen andernfalls gesellschaftliche Ächtung, Freundschaftsverlust oder berufliche Nachteile drohen könnten, bekommt das große Versprechen von Vielfalt einen bemerkenswert engen Rand.

Dann heißt Vielfalt offenbar: Sei, wer du willst – nur denke besser nicht das Falsche.

Alexander Gauland hat in einem Interview mit der NZZ selbst beschrieben, wie sehr ihn die gesellschaftliche Ächtung und der Verlust persönlicher Beziehungen im Zuge seines politischen Weges belastet hätten. Gerade dieses Beispiel legt einen Widerspruch offen: Eine Gesellschaft kann Diversität zum zentralen moralischen Wert erklären und zugleich Menschen aufgrund ihrer politischen Haltung sozial aussortieren. Dann lautet die unausgesprochene Regel nicht mehr: Du darfst anders sein. Sondern: Du darfst anders sein – solange du das Richtige denkst.

Und wer im Nahostkonflikt daran erinnert, dass israelische Kinder ermordet, Menschen verschleppt und Städte mit Raketen beschossen wurden, gerät mitunter bereits unter Rechtfertigungsdruck, bevor die eigentliche Diskussion begonnen hat. Das ist kein aufgeklärter Pluralismus. Es ist ein Milieu, das Vielfalt gern dort feiert, wo sie äußerlich sichtbar ist – und sie gelegentlich erstaunlich schlecht aushält, wenn sie im Denken beginnt.

Vielleicht erklärt das auch die Faszination für politische Gesten. Eine Geste erspart die Zumutung des Arguments. Sie verlangt keine Kenntnis von Geschichte. Keine Lektüre von Parteiprogrammen. Keine Auseinandersetzung mit Butler, Foucault oder den Gegenpositionen dazu. Keine Beschäftigung mit den verschiedenen palästinensischen Organisationen, den israelischen Parteien, den Kriegen von 1948, 1967 und 1973, Oslo, Intifadas oder dem innerisraelischen Streit.

Man muss nur wissen, welches Zeichen gerade das richtige ist. Und schon gehört man zu den Guten. Das ist bequem. Aufklärung war einmal etwas anderes. Bei der Weltmeisterschaft in Katar hielt sich die deutsche Nationalmannschaft beim Mannschaftsfoto demonstrativ den Mund zu. Nancy Faeser saß mit One-Love-Binde auf der Tribüne. Man kann all das sympathisch finden.

Man darf aber fragen, warum diese demonstrative moralische Entschlossenheit so zuverlässig dort auftaucht, wo sie sozial wenig kostet.

Manchmal wäre ein wenig weniger Politik humaner
Der Handschlag auf einem Fußballplatz ist kein außenpolitischer Vertrag. Er bedeutet nicht: Ich unterstütze deine Regierung. Er bedeutet nicht: Ich billige einen Krieg. Er bedeutet auch nicht: Wir teilen dieselbe Sicht auf Gaza.

Er bedeutet etwas viel Schlichteres. Du bist mein Gegner. Aber du bist nicht dein Staat. Du bist nicht deine Regierung. Du bist nicht deine Armee. Du bist ein Mensch.

Gerade eine Gesellschaft, die unablässig von Individualität, Diversität und der Überwindung von Stereotypen spricht, müsste diesen Gedanken eigentlich verstehen.

Vielleicht besteht die eigentliche politische Aufgabe des Sports deshalb gerade darin, nicht politisch zu sein.

Menschen gegeneinander spielen zu lassen, die sich außerhalb des Stadions vielleicht über fast alles streiten würden. Sich danach die Hand zu geben. Und nach Hause zu gehen. Das klingt banal. In einer Zeit, in der selbst ein Handschlag zum politischen Bekenntnis geworden ist, ist es das längst nicht mehr.

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