Kurt Krömer möchte keine AfD-Wähler in seinem Publikum. Ihr Geld stinke, sie selbst ebenso. Von der Bühne aus wolle er nicht in „Schweinegesichter“ blicken. Man könnte diese Entgleisung als gewöhnliche Geschmacklosigkeit eines Komikers abtun, dessen Geschäftsmodell von kalkulierter Provokation lebt. Doch sie verrät einiges über die geistige Verfassung eines bestimmten deutschen Kulturbetriebs.
Der von mir hochverehrte Marcel Reich-Ranicki hat sich sinngemäß einmal darüber mokiert, wie wenig Erhellendes herauskommt, wenn man Künstler nach ihrer Meinung fragt. Krömer liefert dafür eine bemerkenswerte Illustration. Künstlerische Begabung ist schließlich keine intellektuelle Qualifikation. Und erst recht kein moralischer Adelstitel.
Hinzu kommt ein Missverständnis, das sich im deutschen Kulturbetrieb offenbar hartnäckig hält: die Vorstellung, Künstler müssten sich zu jeder gesellschaftlichen und politischen Frage öffentlich positionieren. Nein, das müssen sie nicht. Niemand erwartet von einem Schauspieler, Sänger oder Komiker, dass er neben seinem künstlerischen Schaffen auch noch als moralischer Wegweiser der Nation auftritt. Selbstverständlich darf er es. Die Meinungsfreiheit gilt schließlich auch für Künstler. Sie beinhaltet allerdings weder einen Anspruch auf intellektuelle Bewunderung noch eine Befreiung von Kritik.
Denn auch Künstler haben das uneingeschränkte Recht, Unsinn zu reden. Und ihr Publikum hat das ebenso uneingeschränkte Recht, diesen Unsinn als solchen zu bezeichnen.
Ein ausverkaufter Konzertsaal ersetzt kein Argument. Eine gefeierte Bühnenkarriere macht aus einer banalen Parole keine gesellschaftliche Erkenntnis. Und der Umstand, dass jemand ein Mikrofon besitzt, bedeutet noch lange nicht, dass er auch etwas Kluges hineinzusagen hat.
Vielleicht täte dem Kulturbetrieb deshalb etwas mehr intellektuelle Bescheidenheit gut. Nicht jede politische Empörung ist mutig, nicht jede öffentliche Stellungnahme relevant und nicht jeder Künstler, der sich zum Gewissen der Republik aufschwingt, verfügt auch über die geistige Flughöhe, die er dabei für sich reklamiert.
Eines sei deshalb ausdrücklich vorangestellt: Selbstverständlich darf Krömer sagen, was er denkt. Er darf sein Publikum aussuchen, politische Abneigungen kultivieren und provozieren. Diese Freiheit verteidige ich ausdrücklich und ohne jede Ironie. Die Freiheit, seine Meinung zu äußern, ist ein demokratisches Grundrecht. Die Pflicht, diese Meinung für klug zu halten, existiert glücklicherweise nicht.
Interessanter ist, was sich hinter dieser Pose verbirgt.
Da wäre zunächst die hedonistische Selbstüberhöhung eines pseudo-intellektuellen Milieus, das politische Gesinnung zur gesellschaftlichen Distinktion erhoben hat. Man gehört zu den Guten, weil man sich zu den Guten zählt. Die eigene Haltung wird zum Statussymbol, die Verachtung des Andersdenkenden zur öffentlichen Tugendübung. Man genießt seine moralische Überlegenheit wie andere einen guten Bordeaux. Nur mit dem Unterschied, dass der Rausch hier von der eigenen Selbstgerechtigkeit herrührt.
Hinzu kommt eine bemerkenswerte Umdeutung dessen, was einmal als künstlerischer Nonkonformismus galt. Künstler sollten unbequem sein, gegen den Strom schwimmen, Autoritäten hinterfragen. Heute drängt sich bei Teilen des Kulturbetriebs ein anderer Eindruck auf. Ob Kurt Krömer oder Herbert Grönemeyer: Öffentliche politische Bekenntnisse werden gerne als mutiger Widerstand inszeniert. Dabei stellt sich die Frage, wie viel Mut es eigentlich kostet, Positionen zu vertreten, für die man im eigenen kulturellen Umfeld zuverlässig Beifall erhält.
Links sein bedeutet dort nicht zwangsläufig Opposition. Es kann auch heißen, sich im wohltemperierten Mainstream des eigenen Milieus einzurichten. Die Zustimmung der Kollegen ist gewiss, die nächste Einladung wahrscheinlich und die Aussicht auf weitere Auftritte kaum gefährdet. Ob solche Überlegungen einzelne Künstler tatsächlich antreiben, lässt sich von außen nicht beurteilen. Die bequeme Übereinstimmung von Haltung, öffentlicher Anerkennung und wirtschaftlichem Interesse bleibt dennoch bemerkenswert.
Gratismut par excellence: Man gibt den Rebellen und steht dabei auf der Seite des eigenen Establishments.
Noch aufschlussreicher ist allerdings der sprachliche Niedergang. Wo das Argument versagt, beginnt die Fäkalsprache. Menschen stinken, werden zu Schweinegesichtern, zu Objekten des Ekels. Das ist keine besondere Form intellektueller Zuspitzung. Es ist die Bankrotterklärung eines Diskurses, der sich selbst für aufgeklärt hält.
Die Geschichte lehrt, wie gefährlich eine politische Sprache werden kann, die Menschen auf abstoßende Eigenschaften oder tierische Bilder reduziert. Totalitäre Ideologien haben solche sprachlichen Mechanismen systematisch eingesetzt, um gesellschaftliche Ausgrenzung vorzubereiten und zu legitimieren. Daraus folgt keineswegs eine Gleichsetzung Krömers mit totalitären Akteuren. Wohl aber eine grundsätzliche Mahnung: Die Würde des Menschen darf nicht von seiner politischen Gesinnung abhängig gemacht werden.
Und damit zum eigentlichen Skandal: Eine Partei, die in Umfragen auf annähernd ein Drittel der Wählerstimmen kommt, ist längst Ausdruck einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, die man nicht einfach wegbeschimpfen kann. Wer Millionen Bürger pauschal verächtlich macht, widerlegt keine einzige ihrer Überzeugungen. Er demonstriert lediglich die eigene Unfähigkeit, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.
Besonders pikant wird diese Haltung dort, wo Künstler zugleich Teil des öffentlich-rechtlichen Kulturbetriebs sind. Denn dessen Finanzierung erfolgt durch die Allgemeinheit, nicht durch einen exklusiven Zirkel politisch Gleichgesinnter. Auch jene Bürger, deren Ansichten man zutiefst ablehnt, finanzieren über ihre Haushalte den Rundfunkbeitrag. Ob es sich um 30, 35 oder 40 Prozent der Bevölkerung handelt, ist für das Prinzip unerheblich: Wer öffentliche Mittel in Anspruch nimmt, bewegt sich in einem System, das gerade nicht nach politischer Gesinnung zwischen erwünschten und unerwünschten Beitragszahlern unterscheidet.
Natürlich verpflichtet das keinen Künstler zur politischen Neutralität. Aber es wirft Fragen nach einem Selbstverständnis auf, das gesellschaftliche Vielfalt gerne beschwört, während es Teile derselben Gesellschaft demonstrativ verachtet.
Natürlich darf man die AfD entschieden kritisieren. Auch ihre Wähler müssen Widerspruch aushalten. Aber politische Gegnerschaft legitimiert keine pauschale menschliche Herabwürdigung.
Es ist dieser bemerkenswerte Widerspruch, der einen Teil des selbsternannten aufgeklärten Milieus kennzeichnet: Man predigt Vielfalt und erträgt kaum Abweichung. Man beschwört Toleranz und zelebriert Verachtung. Man spricht von gesellschaftlichem Zusammenhalt und empfindet offenkundiges Vergnügen daran, Menschen aus der eigenen moralischen Gemeinschaft auszuschließen.
Krömer wird dafür Applaus bekommen. Vornehmlich von jenen, die ohnehin seiner Meinung sind. Das mag das Selbstwertgefühl stärken. Einen intellektuellen Beitrag leistet es nicht.
Vielleicht beginnt wirkliche Aufklärung gerade dort, wo die eigene moralische Gewissheit endet. Wo man begreift, dass der Andersdenkende nicht automatisch ein schlechterer Mensch ist.
Und dass es kein besonderer Ausdruck von Zivilcourage ist, sich unter dem tosenden Beifall der eigenen Anhängerschaft zum Widerstandskämpfer zu erklären.
Denn wer mit dem Strom schwimmt und sich dabei als Rebell feiern lässt, beweist vor allem eines: wie komfortabel Nonkonformismus geworden ist.
