Kalter Krieg 1983: So rettete ein Mann namens Petrow die Welt

Wie sich die Dinge doch gleichen: Als Ronald Reagan im Jahre 1983 die UdSSR nach dem versehentlichen Abschuss eines koreanischen Jumbos mit den Worten „Evil Empire“ bezeichnete, konnte niemand ahnen, dass rund 18 Jahre später ein gewisser George W. Bush ebenfalls eine sentimentale Schwäche für derlei metaphorische Wortkreationen hegen würde. Diesmal war es allerdings nicht die UdSSR, die den gottesfürchtigen Präsidenten zum weltpolitischen Dichter machte – Mütterchen Russland hatte sich seines obsoleten, pseudo-kommunistischen Erbes längst entledigt. Nach dem 11. September 2001 fühlte sich der damalige US-Regierungschef berufen, eine noch wuchtigere Vokabel für die mutmaßliche geographische Position der Drahtzieher der Nine-Eleven-Anschläge in den Ring zu werfen. Aus dem „Reich des Bösen“ war nun die „Achse des Bösen“ geworden, womit die Pauschalierung eines nicht unerheblichen Teils der Weltbevölkerung eigentlich nicht mehr zu überbieten war.

Richten wir unser Augenmerk allerdings wieder auf das instabile, leicht entzündliche politische Klima des Jahres 1983. Damals handelte man nach einer Maxime, die ihrer Natur nach zutiefst apokalyptisch war: Nach der Logik der atomaren Abschreckung. Diese Prämisse ging davon aus, dass es Frieden zwischen den USA und der Sowjetunion nur durch gegenseitige Aufrüstung und dem daraus resultierenden Gefühl der Angst vor einem Gegenschlag geben könne. Die zwei Supermächte beäugten sich also mit Argwohn und witterten bei jeder Bewegung des Gegenübers ein untrügliches Anzeichen des drohenden atomaren Vernichtungsschlages. Deutschland war durch die amerikanische Nachkriegspolitik längst zum Verbündeten und damit zum Spielball US-amerikanischer Interessen geworden. Auch im Herbst dieses Jahres musste man also die alljährliche Truppenübung des US-Millitärs wieder über sich ergehen lassen: Panzerlärm, Geschützfeuer und kaputte Straßen gehörten damals zum deutschen Alltag. Die US-Führung hatte sich in diesen Tagen jedoch ein ganz besonderes Szenario ausgedacht: Durch eine möglichst realistisches Trockenübung, getarnt unter dem Codenamen „Fähiger Schütze“ (Able Archer), sollte der Angriff sowjetischer Truppen auf die USA und deren Verbündete dargestellt werden, was einen noch höheren Soldaten- und Waffenbedarf als üblich bei dem NATO-Herbstmanöver notwendig machte und den russischen Geheimdienst folglich in Aufruhr geraten ließ.

Sogar die Agenten des eigens installierten US-Atom-Geheimnachrichtennetzes mit dem bezeichnenden Namen Cemetery Network waren in dieses Vorhaben eingeweiht und verwoben alle (Des-)Informationen des konspirativen Sandkastenspiels kommunikativ zu einem realistisch wirkenden Nachrichtenteppich. Das weltpolitische Geschehen spitzte sich auch andernorts weiter zu: Nach der Landung von US-Marines auf Grenada wurden dort zwar keine Massenvernichtungswaffen gefunden, aber erneut die Stärke der US-Truppen offen demonstriert. Auch hier sind gewisse historische Parallelen unverkennbar. Sie erinnern sich vielleicht noch an den Irak, Sadam Hussein und die vermeintlichen Gründe, einen Krieg anzufangen. Die Stationierung von Pershing-II-Raketen und rund 4000 Atomsprengköpfen auf deutschem Boden trugen nicht gerade zur weltpolitischen Entspannung bei. Kurz: Das alles mag für die Kreml-Führungselite im Jahre 1983 ein bedrohlich dunkles Gemälde mit chauvinistisch-atomarem US-Anstrich gezeichnet haben.

Ein gewisser Oberst Petrow verrichtete in diesen explosiven Herbsttagen wie üblich seinen Dienst. Petrov war mit seiner Mannschaft verantwortlich für die Überwachung jeglicher Atom-Aktivitäten des Gegners. Hätte ein atomarer Raketenabschuss stattgefunden – in dieser Leitzentrale hätte man es bemerkt. Dienst schieben, das hieß: Rauchen, einen Teller Suppe – und dann wieder stundenlanges Starren auf Monitore. An diesem Abend werden die Männer von einen gellenden Alarmsignal aufgeschreckt: „Atomarer Angriff“, heißt es da auf Russisch. Petrov starrt wie gebannt auf seinen Monitor und ist mit einem Male wieder hell wach. Alle blicken zu ihm – erwarten den Befehl für den Gegenschlag, denn die sowjetische Befehlskette ist straff gespannt – ein sogenannter „Vergeltungsschlag“ hat unmittelbar zu erfolgen – das fordern die Regularien. Petrow überlegt. Da ertönt das Signal noch einmal. Das System meldet mittlerweile mehre US-Raketen in der Luft und im Anflug auf russisches Gebiet. Petrov bleibt nicht viel Zeit. Telefone klingeln – die Gesichter seiner Untergebenen sind wie erstarrt. Was machte dieser Mann, dessen Namen die meisten Menschen noch nicht einmal kennen, in einer solchen ausweglosen Situation? Wie handelte er? Er handelte weise. Auch wenn alle politischen Zeichen auf eine nahende Konfrontation deuteten, unterbrach Oberst Petrov durch sein Nicht-Tun die rigide atomare Ablaufmaschinerie und entscheidet: „Kein Gegenschlag.“ Er zweifelte von Anfang an: Die geringe Anzahl der Atomraketen, die da in der Luft sein sollten, machte für ihn aus millitärischer Sicht keinen Sinn. Für einen validen Erstschlag der Amerikaner wären weitaus mehr der strahlenden Todesbringer notwendig gewesen.

Auch wenn sich Petrov durch seinen Alleingang bei den alten Herren im Kreml unbeliebt und sogar verhasst machte, war seine Entscheidung die richtige. Wie später heraus kam, verbarg sich hinter dem vermeintlichen Atomangriff eine kleine Ursache: Die fehlerhafte Software eines russischen Cosmos Satelliten hatte Sonnenstrahlen als Blitze von Atompilzen interpretiert und dies an die Computer im Überwachungszentrum entsprechend weitergemeldet. Petrov mutiert für mich mit seinem Ausbruch aus der Befehl-Gehorsam-Idiotie, trotz Wissen um die ihm drohenden Konsequenzen, zum ersten und einzigen Kriegshelden, den der Kalte Krieg je hervorbrachte. Danke, Oberst Petrov!

Ronald Reagan erkannte irgendwann, dass er mit seinen militärischen Muskelspielchen den Gegner in Angst versetzte und die Existenz unserer Welt damit in Gefahr brachte… Welch naheliegende Erkenntnis. Man fragt sich, wann solche Einsichten unsere Politiker ereilen… In einem Moment tiefster Besinnung vielleicht, indem man seine moralische Grundhaltung noch einmal überdenkt? In der Kirche beim Gebet? Nun: Bei Reagan war der Moment seines Sinneswandels ein weitaus banalerer. Gemeinsam mit seiner Frau Nancy sah er sich den Film „The day after“ an, der die Folgen einer Atombomben-Explosion aufzeigt und entschloss sich daraufhin, langsam, ganz langsam und nach vielen unterzeichneten Verträgen später, die atomare Abrüstungspolitik einzuleiten. Ich frage mich, wo wir heute wären, wenn Reagan sich diesen ‚gemütlichen‘ TV-Abend nicht gemacht hätte…

Autor: Andreas Altmeyer

Autor, Werbetexter, Gegen-den-Strom-Schwimmer

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