Spielhallen – die neuen, alten Enclaven des (Un)Glücks

Immer mehr glitzernde und funkelnde Spielhallen säumen die Innenstädte. Sie scheinen sich dabei quasi viral zu verbreiten, bevölkern derweil längst verlassene Ladenlokale oder werden in städtischen Randgebieten aus dem Boden gestampft. Während für mich, der ich noch nie ein echter Spieler war, diese Orte immer eine Art Tabuzone mit Suchtpotential darstellen, scheinen sie sich gerade jetzt wachsender Beliebtheit zu erfreuen. Oder wie ist ihre Allgegenwart, ihr Einnisten in jegliche urbane Nische, sonst zu erklären? Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass aus diesen halbdunklen Lokalitäten nie irgendwelche Menschen kommen – geschweige denn dort hinein gehen? Und doch scheinen die sogenannten Spielstätten auf eine gesellschaftliche Randgruppe eine gewisse Faszination auszuüben.

Das Spiel mit dem Glück – oder vielmehr das Glück im Spiel zu suchen – dieses Phänomen ist ja längst schon so alt wie die Menschheit. Gefunden haben es derweil längst nicht alle. Schon als Caesar am 10. Januar 49 v. Chr. mit seiner Armee den Rubikon überschritt und die unwiderruflichen sowie unklaren Rechtsfolgen dieser Grenzüberschreitung bewusst in seine Überlegungen mit einkalkulierte, wurde eine der bekanntesten Spiele-Metaphern geboren: Alea iacta est, was umgangssprachlich so viel heißt wie „Die Würfel sind gefallen“, oder genauer: Was jetzt geschieht, liegt nicht mehr in unserer Hand.

Menschen sehnten sich allerorten und zu allen Zeiten danach, ‚zu spielen‘. Dabei geht es meist – anders als es das unschuldige Wort „Spiel“ vermuten lässt – um weit mehr als einen Spaß – nämlich um viel Geld, um Sehnsüchte, Adrenalin und die Hoffnung, endlich doch den Funken Glück zu erhaschen, den man so lange schon verdient hätte. Der schnelle Gewinn lockt und nährt nicht selten die Illusion, den Ausgang des Spiels beeinflussen zu können. Aus Gelegenheitsspielern werden so Vielspieler und schlimmstenfalls sogar Spielsüchtige, deren pathologisches Verhalten sie und ihre Familien in den finanziellen Ruin und in die soziale Isolation treibt.

Was das Würfelspiel in der Antike und die Casinos in den letzten 200 Jahren waren, das sollen nun also die Spielhallen sein, die solch vermeintlich unschuldige Namen wie „Freizeit-Treff“ oder „Glückswelt“ tragen, womit beim arglosen Betrachter sicher auch der Anschein einer gepflegten Unterhaltungs-Alternative erweckt werden soll. Doch Spielhalle ist nun mal Spielhalle, und um vom billig, ramschigen Sucht-Image weg zu kommen, bedarf es an mehr, als dem Kind lediglich einen neuen Namen zu geben. Oder?

Während Casinos den oberen Zehntausend vorbehalten waren und ein Dresscode sowie strenge Kontrollen am Eingang den spielerischen Klassenerhalt garantierten und vor allem reglementierten, bieten die städtebaulichen Münzgräber den vormals gescholtenen Spielern immerhin Enclaven des (Un)Glücks. Diese sind bequem zu erreichen, man findet sofort einen Parkplatz und Zuhause wird der kleine Ausflug in die Welt der Sonderspiele und der blinkenden LEDs erst via Kontoauszug oder Mahnbescheid offenkundig.

An diesen Orten, fernab des Alltags, wird geschwiegen. Einige Spieler ziehen nervös an ihren Zigaretten und das einzige, was die bohrende Stille durchbricht, sind die synthetischen Sounds der Automaten und der Klang der begrabenen Münzen. Nach Uhren sucht man hier vergebens: Es gibt Orte, an denen hat Zeit keinerlei Bedeutung und dies ist so einer. Alles fließt im monotonen Rhythmus des Spiels, das für einige schon längst zum Spiel um ihr Leben geworden ist, langsam – zäh – bergab.

Was bliebt von staatlicher Seite aus zu tun? Grundsätzlich täte unser Staat gut daran, den vermeintlichen Glücks-Oasen äußerst kritisch gegenüber zu stehen und die freizügige Bautätigkeit der Betreibergesellschaften an bestimmte Bedingungen zu knüpfen und bei Bedarf auch einzuschränken. Klar ist: Solange die Erreichbarkeit der Spielhallen tendenziell verbessert wird, kann auch eine größere Zahl an Menschen mit dem Phänomen des Gewinnspiels und damit mit dem der Spielsucht konfrontiert werden.

An dieser Stelle wäre auch eine stärkere Intervention hinsichtlich weiterer gesundheitspolitischer Schritte, wie beispielsweise die Durchführung von speziellen Präventions-Programmen, wünschenswert und notwendig.

Doch wie ich in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL (9/2012) lese, denkt man von staatlicher Seite nicht an solche Dinge. Im Zuge der Novellierung derGlücksspielverordnung will das Bundeswirtschaftsministerium vielmehr einen Entwurf verabschieden, der die Liberalisierung der Glücksspiel-Branche vorsieht und den Betreibern wohl endgültig wie ein Jackpot-Gewinn vorkommen mag. So sollen weiterhin pro Spiel bis zu tausend Euro verzockt werden dürfen und die Überprüfung der Automaten durch unabhängige Sachverständige endgültig entfallen. Verwundert reibt man sich über soviel Freimut die Augen und kann es nur als logische Konsequenz ansehen, wenn mehrere Spielsuchtexperten der Anhörung am Mittwoch aus Protest fernbleiben wollen. Wie die Vorsitzende des Fachverbandes Glücksspielsucht, Ilona Füchtenschnieder, verlauten lässt: „Das Papier greift keine einzige Forderung der Suchtforschung auf.“ Alea iacta est…

Autor: Andreas Altmeyer

Autor, Werbetexter, Gegen-den-Strom-Schwimmer

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