Vergessene Todbringer…

Bei aller Kritik an den Kosten des päpstlichen Deutschlandbesuches wurde mir bei der Lektüre eines älteren SPIEGEL-Artikels wieder schlagartig bewusst, wie sehr es doch andere, wichtigere Fragen gäbe, mit denen sich die Massen beschäftigen sollten. Der Deal des Bundessicherheitsrates, der Saudi Arabien mehr als 200 Panzer des Typs „Leopard 2A7+“ bescherte und der leider schon längst aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein verschwunden zu sein scheint, zum Beispiel. Hier also noch einmal die harten Fakten, für alle die, die glauben, der Papstbesuch sei das Schlimmste, über das man sich zurzeit empören könne: Deutschland ist nach den beiden kapitalistischen und post-kapitalistischen Imperialstaaten USA und Russland immerhin noch die Nummer 3 der Rüstungsexportöre, was wiederum den damit tief verwurzelten todbringenden deutschen Traditionsfirmen wie Krauss-Maffai satte Milliardengewinne sichert. Auch Carl Zeiss, bekannt dafür, besonders scharfen Durchblick schaffen zu können, hat in diesem schmutzigen Geschäft die Hände mit im Spiel, stellt beispielsweise Zieloptiken für Waffensysteme her. Aber auch Firmen wie Siemens und SAP beliefern die Millitärs mit Software und sorgen für das nächste Rüstungsupdate.

Weltweit stiegen die Rüstungsausgaben im Jahre 2010 auf 1630 Milliarden Dollar – jeder zehnte davon wird in deutsche Kassen gespült. Dass unsere Mainstream Parteien das dulden und sogar das „C“ überhaupt noch im Namen tragen dürfen, ist für mich blanker Hohn und stellt einmal mehr deren programmatisches Scheitern unter Beweis. Ganz im Gegenteil wird man auch in Zukunft davon ausgehen können, das Heckler & Koch, KMW, Diehl und wie sie alle heißen zukünftig auf stärkeres Engagement für ihre Interessen seitens der noch schwarz-gelben Regierung rechnen können. Man mag vom Papst halten, was man will, aber dieser Sachverhalt verdient der echten Empörung. Also ihr Massen: „Empört Euch!“*

* „Empört Euch“ ist ein Essay des ehemaligen französischen Widerstandskämpfers Stéphane Hessel, in dem er sich gegen den Finanzkapitalismus richtet und für den Pazifismus einsetzt.

Angela Merkel auf der Wies’n

Das grenzt schon an Ironie des Schicksals: Nachdem Philipp Rösler mit seiner Ankündigung, der Austritt Griechenlands aus der Eurozone sei immerhin denkbar, ein liberales Heilversprechen zur Überwindung der Fünf- Prozent-Hürde in Berlin machte, schließt sich ihm jetzt auch noch Herr Seehofer von der CSU an. Gut – vielleicht lässt auch der Beginn des Oktoberfestes mit all seinen gesellschaftspolitischen Verfpflichtungen die Zunge des bayerischen Landesoberhauptes a Bissl lockrer werden. Auch die Kanzlerin würde sich ja eventuell bei einem Besuch des Bier-Events auf der Theresienwiese zu unverkrampften Äußerungen hinreißen lassen, um in diesen Zeiten die lang ersehnte politische Kante gegenüber dem (immer noch) ungezügelten Casino-Kapitalismus zu zeigen.

Selbst Josef Ackermann räumte ein: Man (die Banken) müsse wieder seinen „genuinen Aufgaben als Diener der Realwirtschaft nachkommen“. Wieder ein Heilsversprechen? Immerhin lässt diese Aussage des Schweizers hoffen. Also Frau Merkel, ich schließe mich den Forderungen von Hans-Ulrich Jörges (Stern-Ausgabe No. 38) an. Sprengen Sie sich endlich frei von den Ketten der Finanzmärkte und beginnen Sie damit, die Bankenaufsicht zu stärken, Hedgefonds zu kontrollieren, Finanzderivate genehmigungspflichtig zu machen bzw. ganz zu verbieten, Kreditversicherungen zu Spekulationszwecken unmöglich zu machen und schließlich das Abwälzen des Kreditrisikos der Banken durch Verbriefungen radikal einzudämmen.

Der Masspreis knackt mit rund 9,20 € in diesem Jahr die 9-Euro-Marke – aber Frau Merkel: Wenn Sie Hopfen und Malz zu mehr Risikobereitschaft gegenüber den Bankern veranlasst, finde ich, dann ist das eine durchaus lohnende Investition. Für Europa, den Euro und für uns: Prost!

Die motzige Motsi

Gestern Abend war es wieder einmal so weit: Das Supertalent lockte Millionen sensations-hungriger TV-Junkies vor ihre Flachbildschirme. Ich muss gestehen: Mich auch. Also ließ ich mich von dem nett gemachten Vorspann einlullen und begann mich gemütlich auf der Couch zurückzulehnen. „Harren wir mal der Dinge, die da kommen“, war mein Credo. Und sogleich stellte sich mir da eine Frage: Wer zur Hölle ist eigentlich Motsi Mabuse? Gesagt – gegoogelt: Motsi Mabuse war demnach mehrmals Finalistin bei Weltranglisten-Tanzturnieren. Na toll. Also wieder einmal so ein D-Klasse-Promi-Jury-Mitglied. Noch dazu wirkt diese Dame alles andere als sympathisch – eher muffig und oftmals angewiedert. Das könnte ihr zwar grundsätzlich niemand verübeln, immerhin bekam sie wirklich allerhand Trash zu sehen: Vom Donald Duck-Verschnitt bis hin zum Ekel-Grimassen-Schneider. Aber wie kann man sich denn bitteschön so geekelt von einem eigentlich ganz niedlichen Äffchen abwenden, Frau Mabuse? Selbst Herr Bohlen fand das putzige Kerlchen ok.

Immerhin hatten sich 42.000 (!) Menschen bei dem Castings für das TV-Format beworben – mehr als je zuvor. Mein persönlicher Favorit der ersten Folge steht übrigens fest: Sebastian Stamm bewies eindrucksvoll und gewaagt sein Können an der Chinesischen Stange. Leider wurden solch einzigartigen Entertainment-Momente dann hin und wieder durch Auftritte à la Ekel-TV getrübt. So spielten Ingo Frasch und Stefan Häusler ihr Penis-Klavierstück mit ihrem ‚besten Stück‘ und ließen uns so teilhaben an einer seltsam-anmutenden Unten-Ohne-Einlage. Unweigerlich musste ich da an die Klötentaler Bimmelbuam denken…

Dass man auf dem Klavier auch echte Klangwunder vollbringen kann, bewies dann der junge Schweizer Punk Jörg Perreten, der mit seinen Klaviervariationen einen zauberhaft-samtigen Klangteppich webte und damit wohl millionen Menschen verzauberte. Auch Sven Müller zog mit seiner eindrucksvoll-einfühlsamen Stimme die Menschen in seinen Bann: Bei „Can you feel the love tonight“, wussten wir: Ja Sven, das können wir.

Was bleibt also von dieser ersten Show der 5. Staffel? RTL setzt wieder auf ein alt-bewährtes Konzept: Auf die Lust der Massen nach Sensationen. Der Kölner Sender vermischt dabei gekonnt Privates der Künstler mit ihrem Können oder Nichtkönnen und verzahnt somit den TV-Auftritt zu einem emotionalen Gemisch, dem sich wohl leider nur die Wenigsten entziehen können. Die Intros scheinen noch emotionaler, die Zeitlupen-Einstellungen noch ausgeprägter und leider machen sie die Gesamtheit der einzelnen Auftritte leider brüchiger.

Alles zielt auf die Gefühlsregung der Zuschauer ab – gleich ob diese angewiedert oder fasziniert sind – was zählt, ist die große Emotion. Das krampfhafte Bemühen der Kölner, bei den TV-Rezipienten eine Reaktion zu erhaschen, geht dabei zulasten der Künstler, denn diese kehren nicht nur ihr Innerstes vor einem Millionenpublikum nach außen, sondern ziehen ihre Begabung und sich selbst in ein persönliches Zerrlicht. Das drängt die Wahrnehmung der ZuseherInnen schon vor dem Auftritt danach, eine Kategorisierung zu treffen. Noch dazu sind die Talente, wenn überhaupt vorhanden, so unterschiedlich, dass sie sich ihrer Natur nach garnicht erst vergleichen lassen. Also sehen wir die Show doch besser als klassischen Lean-Back-Device und tun das, was wir am besten können: zurücklehnen, entspannen und teilhaben am Fegefeuer der Peinlichkeiten.

Mälzer und Co. – Fernsehköchen auf die Finger geschaut

Der Hype der Kochshows scheint noch immer ungebrochen. Was finden nur so viele Menschen daran, den verschiedenen Herdakrobaten bei der Zubereitung ihrer Speisen zuzusehen? Einer im Auftrag des Fernsehsenders VOX schon im Jahre 2007 durchgeführten Studie entnehme ich, dass damals immerhin mehr als jeder zweite Deutsche dem fröhlichen Treiben in den Studioküchen zusah. Von denen, die sich da am Bildschirm Anregungen holten, kochten immerhin 69 Prozent gar täglich. 72 Prozent derer, die mehr als 3mal wöchentlich in eine Kochsendung zappten, probierten regelmäßig neue Rezepte aus.

Interessant scheint mir der im Jahre 2007 noch äußerst mittelmäßige Bekanntheitsgrad eines Horst Lichter: Mit 19 Prozent kannte den damals nämlich gerade mal nur jeder fünfte Deutsche – das dürfte sich mittlerweile wohl geändert haben. Was ist es nun, was die Attraktivität der Kochshows ausmacht? Wenn wir in der jüngeren Fernsehgeschichte wühlen, lässt sich der Trend vom Solo-Cooking eines meist mit Sternen dekorierten Patrons à la Witzigmann hin zum gemeinsamen Kollektiv-Erlebnis mit Show-Faktor und ganzer Koch-Armada erkennen.

Kennen Sie beispielsweise noch die Sendung „Essen wie Gott in Frankreich“ mit Eckart Witzigmann? Deren größtes Manko bestand darin, dass man – wollte man das, was da gekocht wurde selber nachkochen – die in der Sendung präsentierten durchaus vorzüglichen Rezepte möglichst schnell auf einen Block abkrizzeln musste, denn sie wurden nur relativ kurz eingeblendet. Bedenken Sie: Das Internet war noch unbekannt und einen frankierten Rückumschlag an die Sendeanstalt schicken? Das Geld wollte man sich sparen… Eckart Witzigmann steht als „Koch des Jahrhunderts“ ohnehin über den Dingen.

Nachdem der Gault Millau ihm diesen Titel zuteil werden ließ, fand er sich fraglos wieder in einer Reihe mit den größten Köchen dieser Welt. Vor ihm hatten diesen Adelsschlag übrigens nur Paul Bocuse, Joel Robouchon und Fredi Girardet erhalten. 1979 wurde Witzigmanns legendäres Münchener Lokal „Aubergine“ als erstes Restaurant in Deutschland mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet. Nun aber zurück in die Welt des TVs.

Alfred Biolek reformierte das Fernsehkochen als solches, indem er aus dem formals singulären Erlebnis ein duales werden ließ: Weit weg vom Normalzuseher war man freilich noch immer, denn wer da mitkochen durfte, der war prominent oder man hielt ihn dafür. Die wichtigste Erkenntnis dieser Sendung war die, dass zum Kochen auch der richtige Küchenwein gehört. Ich frage mich ernsthaft, ob dieses Wort mittlerweile schon im Duden aufgenommen wurde. Biolek rückte also langsam, aber sicher, ab von der gediegenen Seriosität der großen Meister und fokusierte, statt Kochhandwerk, in seiner Sendung auf die Konversation mit und um den Gast.

Schließlich nahmen sich auch die privaten Sender dem Thema Kochen an und das, was dem geneigten Fernsehzuschauer zunächst vorzugsweise nachmittags serviert wurde, kam noch mal mit jüngeren Gesichtern daher: Ralf Zacherl, Tim Mälzer und der Brite Jamie Oliver brachten frischen Wind in verstaubte Küchen und erschlossen den privaten Medienkonzernen längst verlorenen geglaubte neue, junge Zielgruppen. Credo: Mit einfachen Mitteln, Leckeres kochen.

Das fand Anklang – auch bei den mikrowellen-geschädigten Geschmacksknospen der damaligen Twens – und Kochen als solches wurde langsam trendy. Scheinbar sensibilisierte diese junge Kochschule mit ihren coolen Lehrenden die Menschen wieder für eine kulinarische Lust am Genießen, was nicht zuletzt auch einem gut inszinierten Auftritt zu schulden ist. Die alte Kochmütze – vormals Statussymbol ganzer Koch- und Köchinnen-Generationen – hatte ausgedient und es folgte das Bruzzeln in nett anzusehenden Klamotten.

Die Küchenmeister sind mittlerweile aber auch zu echten Restaurant-Managern und gar Marketing-Experten geworden, die dann kommen, wenn die Hütte und die Kasse leer bleiben. Das Mantra „Frisch-Ist-Besser-Als-Konserve“ beten sie allesamt vor sich her und dass die Dunstabzugshaube einer Großküche mal sauber gemacht werden muss, das habe auch ich verstanden. Es drängt sich die Frage auf, was denn die unzähligen Restaurantbetreiber gemacht haben, als es noch keine gut bezahlten Task-Force-Einheiten für Kochanfänger oder Nichtkönner gab…

Ich persönlich denke, wir finden in den verschiedenen Sendeformaten rund ums Thema Kochen eine gewisse appolaustische Ablenkung von den Wesentlichen Dingen des Lebens. Unsere Augen erblicken auf dem Bildschirm das, was wir eigentlich gerne essen würden, aber vor uns steht noch immer meist die Tiefkühlpizza – bei 12 Minuten auf 220 Grad erwärmt.

Mit der medialen Aufbereitung des Phänomens Kochen findet auf mehreren Ebenen dessen gleichzeitige Trivialisierung statt, die sich einerseits auf die immer einfacheren Gerichte, und andererseits in der Pseudo-Witzelei der TV-Köche am Herd zeigt.

Wohlgemekt: Mit Sterneküche hat das, was da gezeigt wird, selten etwas zu tun. Kochshows rangieren in ihrer intellektuellen Anspruchslosigkeit gleich hinter dem Sommerfest der Volksmusik. Ungern erinnere ich mich da an die krampfhaft-humoristischen Einlagen eines Herrn Lichter, der sich mit Johann Lafer verbale Pseudo-Gefechte lieferte – banal, dümmlich, vorurteilsbelastet. Jedoch: Das Studiopublikum grölte vor Lachen und ich dachte unweigerlich an das römische Credo panem et circenses, Brot und Spiele, das wohl noch immer Gültigkeit besitzt…

Vielleicht, ja vielleicht, sind diese Sendungen auch deshalb für den Durchschnittsbürger so wichtig, um damit zurecht zu kommen und zu kompensieren, dass er den Eingang in echte Gourmet-Tempel à la Wohlfahrt oder Bourgueils selten oder wohmöglich nie finden wird – alleine schon des dafür benötigten finanziellen Polsters wegen. Merklich nimmt auch die echte Sterneküche fühlbare Distanz zu dem ein, was den Massen da via die verschiedenen Kochanimateure serviert wird. Man bleibt unter sich, schweigt und widmet sich dem, was Kochen wirklich ausmacht: Der Leidenschaft für die Sache selbst.

Kubicki: FDP hat ‚verschissen‘. Die liberale Odysee…

Was war denn da bloß loß, Herr Kubicki? Aus Ihrem erhrlichen, wenngleich neoliberalen Munde, musste ich Worte vernehmen, die ich sonst nie und nimmer Ihrer Sprach-Attitude zugeordnet hätte. So stellten Sie fast schon subsumtionslogisch fest: Die FDP als Brand, ja als Marke habe „generell verschissen“. Ich würde noch weiter gehen: Die FDP hat sich ihrer politischen Sinnhaftigkeit beraubt und zwar, indem sie sich nicht zuletzt auf bundespolitischer Ebene völlig demontiert. Im Mai noch votierten auf dem Rostocker Parteitag 619 Abgeordnete pro Rösler – immerhin 93 Prozent. Heute sind die damaligen Röslerianer wohl schlauer. Auch wenn Rösler sich damals noch in der Rolle eines dynamisch-passionierten Mannschaftsführers sah, so muss man (und er) sich heute eingestehen, dass er es nicht geschafft hat, die Partei zu reformieren. Ob es nun der strategisch oftmals unkluge Kurs eines selbstherrlichen noch Außenministers oder letztlich Röslers eigenes zu mildes Krisenmanagement war, die dem FDP-Chef das politische Genick brachen, sei dahingestellt. Die Sehnsucht nach Struktur und politischem Halt besteht bei den Liberalen jedenfalls weiter, denn eine politische Galionsfigur ist er nicht gerade, der stille Philipp.

Mit dem Programmpunkt der neuen „bürgerlichen Mitte“ sucht er verbissen und scheinbar zunehmend hilfloser nach inhaltlichen Eckpunkten, während die Wähler diesen Selbstfindungsprozess per Votum abstrafen. Fragt sich, ob man bei den Berliner Landtagswahlen die Trias der landespolitischen Wahlniederlagen vervollständigen wird: 3 Niederlagen in 4 Monaten – das wäre fast schon Rekord. Auch die Umfragewerte in Bayern lassen die 5-Prozent-Marke scheinbar in unerreichbare Distanz rücken. Einzig in Hamburg konnte man mit 6,7 % den Einzug ins Landesparlament feiern – immerhin.

Ein Philipp Roesler tut sich jedenfalls merklich schwer in diesen Tagen und liefert nicht das, was sich potentielle Wähler seiner Partei wünschten. Vielleicht aber, offenbart die politische Odysee auch weit mehr: Könnte es nicht sein, dass die FDP, die jahrelang eine sogenannte Klientel-Partei war und noch ist – nach und nach ihren politischen Nährboden verliert? Immerhin waren es die großen Steuersenkungsversprechen, die großen Mittelstandsentlastungen, die man sich von den Liberalen versprochen hatte. Diese Versprechen wurden gebrochen, die Wählerschaft desillusioniert. Die Koalition mit dem ehemaligen Wunschpartner CDU brachte der sich selbst so dynamisch einschätzenden Partei den hausgemachten Macht- und Imageverlust ein. Auf großem Regierungsbankett bewegte man sich unbeholfen und zuweilen provinziell.

Damals – noch vor der Bundestagswahl – auf dem Hannoverschen Parteitag warb ein kämpferischer Guido Westerwelle für eine gemeinsame Koalition mit der CDU und verteufelte nebenbei die Abwrackprämie als ein Denkmal gescheiterter Politik. Schon diese Polemik im Kleinen bewies dem geneigten Zuhörer, dass man sich in der FDP schon da wohl nicht ganz über die eigene potentielle Wählerschaft bewusst war: Die deutschen Autohersteller dürften über Westerwelles Urteil jedenfalls nicht gerade sehr erfreut gewesen sein, spülte die Geld-für-Schrott-Prämie doch endlich wieder Geld in deren „klammen Kassen“ – und zwar alleine bei BMW rund anderthalb mal soviel, wie man ursprünglich erwartet hatte.

Zum bundespolitischen Wahlgewinner 2009 wurde die FDP jedoch nicht durch eigenes Zutun, weitmehr hatte sie die 14 plus einem Umstand zu verdanken, der eigentlich ihrem eigenen Verstädnis eines freien, liberalen Marktes geschuldet war: Die Wirtschaftskrise rollte wie eine neurotische Lawine über das Land hinweg und trieb einige Menschen, die das Wahlprogramm der FDP wohl nicht gelesen hatten, in deren offene liberalen Arme. Übrigens: In ihrem konzeptionellen Grundwerk, dem FDP-Wahlprogramm, hätte man sie schon damals lesen können, die wirtschaftlichen Zielsetzungen der FDP: So hatte man auf dem 60. ordentlichen Parteitag mal wieder ordentlich dagegen gewettert, dass die Bundesregierung aus einem falschen Verständnis umfassender Staatsfürsorge heraus (…) immer mehr Aufgaben [übernimmt], die ihr nicht zukommen, und sich im Etatismus des Interventionsstaates [verstrickt]. Kurz: In der Zeit, in der die freien Märkte ihre Radikalität und zerstörerische Macht eindrucksvoll unter Beweis stellten, mahnte die FDP zu noch weiterer Zurückhaltung. Ganz nach liberalem Laisser-Faire-Prinzip würden sich die Märkte schon selber irgendwie regulieren, irgendwo, irgendwann… Umso unverständlicher wird aus meiner Sicht das damalige Glanz-Ergebnis bei den Bundestagswahlen.

Vielleicht, ja vielleicht, sind die damaligen Wähler nun endlich aufgewacht aus ihrer Schockstarre und haben verstanden, dass mit einem solchen um Selbstdefinition bemühten Verein wie dem der FDP, kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist. Was der Partei droht, ist ihre Auflösung und politische Pulverisierung – daran können auch Alt-Liberale wie Brüderle und Niebel wenig ändern. Und da sind wir wieder bei Herrn Kubicki und können ihm nur zustimmen, denn in der Tat: Für die FDP sieht es generell beschissen aus.

SPD gewinnt in Meck Pomm

Meisterstück gelungen! Die SPD geht aus den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern als klarer Wahlsieger hervor. Eine Partei der Widersprüche bleibt sie damit zwar – aber sie beweist auch ihre Fähigkeit des „Gewinnen Könnens“: 36 bis 36,4 Prozent neuesten Hochrechnungen zufolge – das wird bei einigen Genossen Lust auf mehr machen.

Das Ergebnis der FDP allerdings schockiert: 2,8 Prozent – Einzug in den Landtag verpasst. Die desaströse Bundespolitik und das innerparteiliche Zinnober scheinen auch auf landespolitischer Ebene immer weitere Kreise zu ziehen und werden von den Wählern konsequent abgestraft. Honi soit qui mal y pense, ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Berlin calling

An dieser Stelle wieder einmal eine kleine Filmkritik meinerseits. Letzten Freitag strahlte Einsfestival den Film Berlin Calling mit Paul Kalkbrenner alias Ickarus (mit „ck“) aus. Ickarus, aka Martin Karow, ist ein Berliner Elektrokomponist, der um die Welt tourt und immer mehr seinem Drogenkonsum verfällt. Letztlich diagnostiziert ihm die Ärztin Prof. Dr. Petra Paul (Corinna Harfouch) drogeninduzierte geistige Verwirrtheit. Martins Leben wird in seinen Grundfesten erschüttert, der groß angekündigte Release-Termin für sein neues Album scheint in Gefahr.

Nach einem mäßigen Fernsehabend hat mich dieser Streifen völlig in seinen Bann gezogen: Neurotisches Großstadt Feeling, Berlins neue elektronische Avantgard mit viel Gefühl, Drogen und Sinn für Haus(ouse)musik. Kalkbrenner verkörpert den neurotisch-dümpelnden Künstler hervorragend und lässt den Zuseher teilhaben an seinem morbiden Innen- und Außenleben. Nicht zuletzt durch seine einfühlsamen musikalischen Untermahlungen wird dieser Film zur stimmungshaften Momentaufnahme Berliner Jugendkultur – im Schatten des Brandenburger Tores und pseudo-intellektuellen Polit-Gewäschs. Meisterhaftes junges deutsches Kino, das den Beweis dafür liefert, dass Sentimentalität auch in einer von Bässen durchzuckten Industrial-Szenerie nicht zu kurz kommen muss.

Einige weitere Kritiken:

„Auch das lebendige Gefühl von Authentizität, das sich vor allem bei den an Originalschauplätzen während regulärer Partys gedrehten Clubaufnahmen einstellt, unterscheidet „Berlin Calling“ von manchen genreverwandten Werken.“ Spiegel Online (Christoph Cadenbach)

„Paul Kalkbrenners wunderbarer Soundtrack spricht eine andere Sprache. Vielleicht ist es der sentimentalste Techno aller Zeiten, aber er liefert dem Film eine nuancierte emotionale Struktur. Und Kalkbrenners zurückgenommenes Schauspiel ist dem ebenbürtig. Aber auch Rita Lengyel als Freundin Mathilde ist nicht zu übersehen. Sie ist ebenso glaubhaft in ihrem Zustand konservierter Mädchenhaftigkeit.“
– Frankfurter Rundschau (Daniel Kothenschulte)

Musik: Paul Kalkbrenner
Kamera: Andreas Doub
Buch und Regie: Hannes Stoehr

Alte Gewohnheiten…

… gehen über Bord. Schneller als einem wirklich lieb ist. Beispielhaft merkte ich das wieder mal daran, dass ich vorzugsweise mein Handy nutze, um online zu gehen, während mein Rechner in der Ecke nur noch ein jämmerliches Dasein fristet. Web 2.0, das verkommt immer weiter zum „Facebook-Anschau-Web“. Eigener Content wird kaum noch produziert, das Individuelle geht m. E. immer mehr verloren. Obendrein hat Facebook sogar noch seine Privacy Einstellungen angepasst – noch mehr Daten, noch mehr kommerzielle Kernbotschaften, die auf den User unversehens einhämmern. Nun gut: Wollen wir mal nicht zu sehr den Schwarzseher markieren. Gleichzeitig entwickeln sich ja neue Synergien, die Medienkonvergenz schreitet voran.

Medienkonvergenz – das nennen wir [die Marketer] die Annäherung verschiedener Einzelmedien zueinander. Wohl wird es darauf hinauslaufen, dass es „das Netz“ als losgelöste Surfinstanz bald nicht mehr geben wird. Viel mehr wird sich das Web 3.0 zu einer alltagsrelevanten Kerngröße entwickeln, die letztlich omnipräsent ist – beim Fernsehen, beim Lesen, immer und überall. Und da haben wir auch wieder die Parallele zu meinem Surfverhalten: Um sich weiter zu entwickeln, um echtes Mitmach-Web zu werden, wird sich das Netz noch weiter öffnen müssen. Da ist es mit einer 500 MB-Limitierung für das MobileNetz noch nicht getan, liebe Mobilfunkkonzerne. Das wird dann auch der Zeitpunkt sein, an dem Unternehmen erkennen, dass sich Synergieeffekte nicht gänzlich steuern lassen, denn Zugangsschranken zu senken, heisst gleichzeitig noch schneller ein Feedback erhalten zu können, sei es positiv oder negativ.

Gadhafi: Vom Geschäftspartner zum Feind

Zu dem Libyen-Konflikt möchte ich mal festhalten: Vor dem Krieg war für die westlichen Staaten die Terror-Herrschaft des Diktators humanitär gesehen überhaupt kein Problem. Nun begehrt das libysche Volk auf und besteht auf seine Autonomie – völlig zurecht. All die großen Staatsmänner, die vormals Gadhafi mit großem Tamtam empfingen, distanzieren sich plötzlich von ihm und haben moralische Gewissensbisse.

Doch ob Schröder, Berlusconi oder Blair: Es klebt Blut an ihren Händen. Sie haben sich längst schuldig gemacht durch Nichtstun und Unterlassung. Einmal mehr beweist die Bühne der Weltpolitik in diesen Tagen, wie launenhaft sie sein kann. Wer heute als gut und tendenziell „vertrauenswürdig“ eingestuft wird, ist morgen böse und vice versa. Beispielhaft wurde das bei Libyen nach dem fallen gelassenen Handelsembargo zelebriert, als die Großen dieser Welt sogleich das big business witterten – obwohl das libysche Volk schon Jahrzehnte lang unter dem supressiven Regime gelitten hatte. Doch da konnte man weg sehen und hatte die Moral-Brille einfach mal beiseite gelegt…

Eigentlich sollten die sogenannten Diplomaten sich dafür allesamt schämen – erklärten sie sich doch lange Zeit dazu bereit, mit dem Führungsstil Gadhafis konform zu gehen – den eigenen Geschäftsinteressen zuliebe.

In Libyen wurden im Jahr 2010 77,5 Millionen Tonnen Erdöl gefördert – da lockt es wieder: Das Big Business.

Merkel die gefährlichste Frau Europas?

Wie sich die Dinge doch gleichen. Oskar Lafontaine bezeichnet Merkel in einem Interview als gefährlichste Frau Europas. Noch im Jahr 1998 war er es, den die britische „Sun“ als den gefährlichsten Mann Europas betitelt hatte. Nun kritisiert er Mekels Unfähigkeit in Sachen Finanzverständnis und fordert unablässig die Einführung einer Finanztransaktionssteuer. Gut – über deren Implementierung ist man sich, neuesten Medienberichten zufolge, zumindest im deutsch-französischen ‚Bussi-Bussi“-Verhältnis Merkel-Sarkozy einig. Aber was tun mit dem griechischen Schuldenhaushalt? Auch darauf gibt Lafontaine eine unmissverständliche und klare Antwort: Millitärausgaben streichen, einen mehr oder minder freiwilligen Finanzobolus der 200 reichsten griechischen Familienclans einforden, grundsätzliche Abkopplung der Krisenländer vom Finanzmarkt und direkte Kreditvergabe durch öffentlich-rechtliche Banken. Lafontaine: „Würden die Reichen Europas die Hälfte ihres Vermögens abgeben, wären die Schulden deutlich reduziert und die Reichen wären immer noch reich.“

Frankreich denkt derzeit übrigens über die Einführung einer Reichensteuer nach. – Lieber Herr Lafontaine, recht bzw. links so.