Filmkritik: Michael Manns Miami Vice (2006) zwischen Tropennacht, Traumbild und Abschied

Es gibt Filme, die man wegen ihrer Handlung liebt. Filme, die man zitiert, weil sie witzig oder klug sind. Und dann gibt es Filme wie Michael Manns Miami Vice (2006): Filme, die sich nicht erzählen lassen, weil sie nicht in Worten, sondern in Temperaturen, Geräuschen und Blicken existieren. Filme, die weniger ein Werk als ein Zustand sind.

Miami Vice ist eine Einladung, für zwei Stunden in ein fremdes, verschwommenes, brennendes Jetzt einzutauchen. Es ist ein Film, der uns weniger die Geschichte von zwei Undercover-Ermittlern erzählt als vielmehr das Gefühl gibt, zwischen Hitze, Adrenalin und Kontrollverlust zu existieren.

Michael Mann, der präzise Architekt urbaner Einsamkeit (Heat, Collateral), inszeniert hier nicht einfach ein Remake der berühmten 80er-Serie, deren visuelles Erbe er selbst einst geprägt hat. Vielmehr unternimmt er den radikaleren Versuch, die Oberfläche des digitalen Films auszuloten – nicht als technisches Werkzeug, sondern als Ausdrucksform eines neuen Realismus. Miami Vice ist kein Thriller im klassischen Sinn, sondern ein Film über die Porosität der Identität. Über die Auflösung von Grenzen: zwischen Gut und Böse, zwischen Rolle und Realität, zwischen Subjekt und Oberfläche.

Als ich den Film sah, war ich mitten in meiner Jugend. Wir waren zwar zu jung für das Original, das spät nachts auf Arte oder RTL II lief, aber wir kannten es trotzdem – über große Brüder, Väter, Memes, Soundtracks. Die Serie lief ursprünglich im ZDF, wo sie in den 80er-Jahren für viele Zuschauer ein Fenster in eine andere Welt war – sonnengebleicht, musikalisch, modern. wurde aber in den USA konzipiert, um dem neu gegründeten MTV etwas entgegenzusetzen – visuell, musikalisch, rhythmisch. Sie war eine Art Antwort des Fernsehens auf den Clip. Retro-Gold war das für uns allemal, aber Manns Film war Gegenwart. Und für mich war es so, dass er sich wie eine Nacht anfühlte, in der man zu tief drin steckt, um noch zurückzukehren. Er hat etwas Taumelndes, Unscharfes, aber zugleich Elektrisches. Etwas, das nicht erklärt, sondern gespürt werden wollte.

Crockett und Isabella

Oberflächlich betrachtet ist Miami Vice ein Actionfilm. Es gibt Schießereien, schnelle Autos, verdeckte Ermittlungen, Explosionen. Die Handlung? Geschenkt. Sie dient lediglich als Gefäß: Crockett und Tubbs schleusen sich tief in ein Drogenkartell ein, treffen auf den gefährlich höflichen Jesús Montoya und dessen Finanzchefin Isabella, mit der Crockett eine gefährliche Affäre beginnt. Alles Weitere ist Staffage. Was bleibt, ist Atmosphäre. Der Film ist eine Textur, eine Erinnerung, kein Bericht. Er ist wie ein Tag in den Tropen – flirrend, fließend, drückend, und doch voll Schönheit. Er atmet Miami, saugt dessen Hitze, dessen Licht, dessen Rhythmus auf und verwandelt alles in pures Kino.

Und dann ist da der Killer des Kartells – der eiskalte Disco-Besitzer Yero, gespielt von John Ortiz. Wortkarg, effizient, gnadenlos. Eine Figur wie aus einem Sergio-Leone-Film gefallen, aber in digitaler Geschwindigkeit. Sein Gesicht bleibt leer, seine Bewegungen präzise. Er wirkt wie die algorithmische Entsprechung von Gewalt: emotionslos, berechenbar, tödlich. Er spricht selten, handelt schnell und verschwindet im Dunkel – ein Phantom, das sich nie erklärt. In ihm verdichtet sich die klinische Kälte des Systems, das Mann zeigt: Nicht das Böse ist gefährlich – sondern seine Organisation.

2006 war ein seltsames Jahr für das Kino. Children of Men erschien, ein Film über die Auslöschung der Zukunft. Babel von Iñárritu zersplitterte die Welt in Kommunikationskrisen. The Departed brachte uns den klassischen Verratsplot zurück, aber in einer Welt, in der keiner mehr weiß, wer zu wem gehört. Und mitten in all dem: Miami Vice. Kein politisches Statement, kein Weltuntergangsfilm – sondern ein ästhetisches Ereignis. Als wollte dieser Film sagen: Die Welt geht nicht mit einem Knall unter, sondern in einem Soundtrack aus Synths, Schweiß und Schweigen.

Musik als Atmosphäre, nicht als Kulisse

Der Soundtrack von Miami Vice ist mehr als ein klangliches Gerüst – er ist eine narrative Kraft, ein emotionaler Kompass, eine zweite Kamera. Die Auswahl reicht von elektronischen Ambient-Texturen bis zu dramatisch aufgeladenem Rock. Besonders das Stück „One of These Mornings“, geschrieben und produziert von Moby, mit der Stimme von Patti LaBelle, begleitet die ikonische Bootsfahrt nach Havanna wie ein stilles Gebet. Wind im Haar, das Boot schneidet durchs Meer, keine Worte – nur Musik und Haut und Licht. Das ist keine Szene. Das ist ein Zustand.

Aber auch Mogwai prägt mit „Auto Rock“ und „We’re No Here“ das tonale Grundrauschen des Films – unheilvoll, treibend, lautlos gefährlich. Moby kehrt mit „Anthem“ in Momenten wieder, in denen die Handlung sich beinahe verliert – der Ton hält, was das Bild verflüchtigt. Audioslave steuert mit „Shape of Things to Come“ und „Wide Awake“ den düsteren Rock-Entwurf bei, der perfekt zum brodelnden Inneren der Figuren passt – besonders zu Crocketts fiebriger Orientierungslosigkeit.

Der Remix von Phil Collins’ „In the Air Tonight“, hier interpretiert von Nonpoint, mag für manche Puristen ein Sakrileg sein – doch in Manns Händen wird der Song zu einer neuen Erzählung: rohe Energie trifft auf melancholische Vorahnung. Und Goldfrapps „Strict Machine“ sowie Freaky Chakras „Blacklight Fantasy“ liefern die kühle Clubästhetik der Miami-Nächte, in denen Körper wie Datenströme zirkulieren.

India Arie bringt mit „Ready for Love“ eine flüchtige Zärtlichkeit ins Spiel, während Nina Simone in der Felix-Da-Housecat-Version von „Sinnerman“ eine fiebrige Transzendenz entfesselt – ekstatisch und entrückt. Jay-Z und Linkin Park verbinden mit „Numb/Encore“ Welten, die in Miami Vice ohnehin nur durch Risse getrennt sind. Und Blue Foundation mit „Sweep“ sorgt für jenen weichen, schwebenden Klang, der das Digitale fast sinnlich erscheinen lässt.

Der Soundtrack ist damit keine Untermalung, sondern ein bewusst eingesetztes Erzählmittel. Eine Mischung aus Beklemmung und Weite, aus Distanz und Intimität. Aus all dem, was diesen Film zu dem macht, was er ist: ein Zustand, ein Rausch, ein Klangraum im Tropenlicht.

Mit dem Speedboot nach Kuba.

Gedreht mit der Viper-Filmkamera – ein Novum 2006 – wird Licht zur Sprache. Die Nacht ist real. Poren, Schweiß, die Unebenheiten von Haut und Beton – alles bekommt Gewicht. Mann malt mit Pixeln, nicht mit Licht. Das Digitale ist hier kein Stilmittel, sondern ein Wahrnehmungsorgan. Kein Film hat je zuvor die tropische Hitze Floridas so spürbar gemacht. Das Bild ist kein Träger – es ist Temperatur.

Colin Farrells Crockett ist ein Schatten seiner selbst. Die Ray-Ban eine Maske. Der Blick leer. Er ist kein cooler Cop, sondern ein Mann, der in seiner Rolle zu weit gegangen ist und nicht mehr zurückfindet. Seine Liebe zu Isabella ist keine Flucht – sie ist ein kurzes Blinzeln im grellen Licht. Ihre Beziehung ist keine romantische Projektion, sondern körperlich, spürbar, erotisch. Zwei Körper, die einander erkennen, weil sie sich in der Bewegung verstehen. Gong Li spielt keine Klischee-Figur. Sie ist keine Muse, sondern ein Spiegel. Sie verwaltet Milliarden, liebt kontrolliert, und hat jederzeit die Zügel in der Hand. Ihre Rolle ist nicht die der Verführten – sondern der Getarnten. Die Szene, in der sie und Crockett schweigend auf Havanna zufahren, während sich das Wasser in goldene Schlieren auflöst, ist mehr als Liebe. Es ist Erlösung auf Zeit.

Dass Farrell hier so überzeugend einen zerrissenen, innerlich ausgebrannten Ermittler spielt, ist kein Zufall. Privat kämpfte er zu dieser Zeit mit Alkoholproblemen und einer persönlichen Krise. Die Müdigkeit in seinem Blick, das unrasierte Gesicht, die spröde Körperlichkeit – das ist nicht gespielt, das ist gelebt. Farrell selbst sagte später in Interviews, dass Miami Vice ihn an seine Grenzen gebracht habe – emotional wie körperlich.

Und auch John Ortiz, der Darsteller des Disco-Besitzers Yero, bringt mehr mit als nur einen kühlen Blick. Der puertoricanische Schauspieler hatte sich schon in Independent-Filmen einen Namen gemacht und ist bekannt für seine kluge, kontrollierte Darstellung von Machtausübung. Yero ist bei ihm keine überzeichnete Karikatur, sondern eine kalkulierende Kraft – leise, wachsam, gefährlich. Eine Figur wie ein Schattenriss. Und fast beiläufig, aber mit umso größerer Wirkung, streift der Film auch eine andere Schattenwelt: die der „arischen Bruderschaft“. Eine ultrabrutale Gefängnisbande, deren ideologische Grausamkeit und kriminelle Netzwerke im Hintergrund des Drogengeschäfts mitschwingen. Mann zeigt sie nicht plakativ – aber er deutet an, wie tief die Risse im sozialen Gefüge gehen. Die weiße Vorherrschaft tarnt sich hier nicht in Parolen, sondern in ökonomischer Gewalt und strukturellem Zugriff. In einer der eindrücklichsten Szenen taucht der Chef der Bruderschaft auf – ein schmieriger, muskulöser Machtmensch mit SS-Tattoo, gespielt mit erschreckender physischer Präsenz von Tom Towles, der mit Kaugummi im Mund eine eiskalte Lässigkeit in die Rolle bringt. Kein brüllender Neonazi, sondern ein Mann, der an seine eigene Gewalt glaubt – und sie wie ein stilles Gebet ausführt. Besonders prägend: der Moment, in dem er einem Informanten direkt ins Gesicht sagt: „Hey Igor, mein Freund… sag mir, seit wann arbeitest du fürs FBI?“ Sekunden später ist der Mann tot. Kein Gericht, kein Zweifel, kein Erbarmen. Nur eine Frage – und ein Urteil, das in Blei mittel Maschinen-Gewehr-Salve geschrieben wird.

Tom Towles

Gong Li schließlich – die große Dame des chinesischen Kinos, bekannt aus den Filmen von Zhang Yimou – bringt mit ihrer Präsenz einen ganz anderen Takt in diesen Film. Sie spricht mit Akzent, ja. Aber das verstärkt nur ihren Status als Fremde in dieser Welt. Ihre Eleganz ist weltentrückt. Sie ist nicht Teil der Oberfläche – sie durchdringt sie. Ihre Szenen mit Farrell sind nicht nur erotisch – sie sind wie aus einer anderen Filmzeit gefallen. Kein Hollywood-Kitsch, sondern visuelle Poesie. Auch in der deutschen Fassung verliert diese Figur nichts von ihrer fremden, kühlen Schönheit. Meylan Chao, die Synchronsprecherin Isabellas, trifft mit ruhiger, fast beherrschender Stimme genau den Ton, den Gong Li vorgibt: kontrolliert, minimalistisch, aber mit einem Hauch Glut unter der Oberfläche. Ihre Stimme klingt nie süßlich oder unterwürfig – sie klingt wie ein letzter Schatten im Sonnenlicht. Eine akustische Entsprechung jener wortlosen Präsenz, die Isabellas Rolle im Film so besonders macht.

Sprache der Gewalt – Gewalt der Sprache

Luis Tosars Montoya ist kein Bösewicht. Er ist ein Konzept. Seine Höflichkeit ist unheimlicher als jede Brutalität. Er tötet mit Gesten. Mit Pausen. Mit Sätzen. „Sollten wir zusammenarbeiten, würde mich das freuen. Sollten wir es nicht tun – nun, dann ist das eben so.“ Und am Ende: „Grüßen Sie Ihre Familien von mir.“ Fünf Worte, die mehr Sprengkraft haben als ein Maschinengewehr. In seiner ruhigen Dominanz erinnert er mehr an einen Bankier als an einen Drogenlord – und vielleicht ist das die eigentliche Fratze der Macht.

Luis Tosar als Montoya

2006 – das letzte Jahr vor dem digitalen Tsunami. Keine Smartphones, keine Cloud. Die Welt in Miami Vice ist noch analog, körperlich, verschwitzter. Kommunikation funktioniert über Blickkontakt, nicht über Nachrichtentöne. Diese Welt wirkt heute wie eine verlorene Epoche – oder eine Zukunft, die wir nie hatten. Die Clubs sind laut, aber nicht durchgeplant. Die Gespräche sind flüchtig, nicht dokumentiert. Das Leben hat noch Spielräume. Der Film zeigt diese Welt nicht nostalgisch – sondern seismografisch.

Die Dreharbeiten waren geprägt von äußeren Widrigkeiten. Hurrikan Katrina zwang das Produktionsteam zur Unterbrechung, Teile des Films mussten an anderen Orten fortgesetzt werden. Was bei anderen Filmen zum Bruch geführt hätte, wurde bei Miami Vice zur Ästhetik: Unschärfe, Ortswechsel, Fragmentierung – all das spiegelt sich in der filmischen Sprache wider. Die Figuren stolpern voran, als wüssten sie selbst nicht, wie der nächste Schnitt aussieht. Der Film wirkt, als habe er selbst seine Balance verloren – und dadurch eine neue Tiefe gewonnen.

Das Ende verweigert sich jeder Form von Katharsis. Kein abschließender Handschlag, keine Gerechtigkeit, kein Pathos. Tubbs besucht seine schwer verletzte Freundin. Crockett bleibt allein. Die Sonne geht nicht auf. Es bleibt still. Dieses Ende ist radikal. Es sagt: Das war es nicht. Das war keine Erlösung. Keine Heldenreise. Nur eine Episode – vielleicht sogar ein Fehler. Dass es ausgerechnet mit Schweigen endet, ist nur folgerichtig in einem Film, der seine stärksten Momente nicht spricht, sondern atmet.

Heute, fast zwei Jahrzehnte später, wirkt Miami Vice nicht alt. Es wirkt auch nicht modern. Es wirkt zeitlos – weil es sich nicht anbiedert, nichts erklärt, nichts beweisen will. Weil es kompromisslos ist. Die Kameraarbeit hat das moderne Actionkino beeinflusst. Der Soundtrack ist legendär. Die Hauptfigur ein Archetyp: zerrissen, verloren, schön. Und weil dieser Film nie erklärt, wie man ihn zu lesen hat, bleibt er offen – wie ein offener Abendhimmel über tropischem Wasser.

Miami Vice ist kein Film, den man konsumiert. Er ist ein Film, den man durchlebt. Wer ihn sieht, wird ihn nicht erklären wollen – sondern erinnern. An eine Nacht. An ein Gefühl. An einen Blick. Es ist kein Remake. Kein Thriller. Kein Popcorn-Kino. Es ist eine melancholische Elegie auf die Moderne, erzählt in Pixeln und Beats. Ein Film wie eine verschwitzte Stirn im Morgengrauen. Wie das Rauschen des Meeres in einer heißen Nacht.

Michael Manns Miami Vice ist nicht cool – er ist kühl. Und in dieser Kühle liegt eine unendliche Schönheit.

Und vielleicht war dieser Film mehr als nur ein Abgesang. Vielleicht war er eine leise Verbeugung vor einer Ära, die gerade verging, ohne dass wir es in jenem Moment ganz begriffen hätten. 2006 – das war nicht nur ein Jahr des digitalen Aufbruchs, sondern auch das Ende einer bestimmten Art von Kinoerlebnis. Einer Intimität, die sich nicht in Echtzeit teilte. Einer Männlichkeit, die nicht lärmte, sondern schwieg. Einer Tiefe, die sich nicht erklärte, sondern unter der Oberfläche bebte.

Für viele Jüngere, die die 80er-Jahre nur aus Erzählungen, verschwommenen Fernsehbildern oder Soundtracks kannten, wurde Miami Vice zur Projektionsfläche: Es war Retro und Gegenwart zugleich. Für andere – jene, die in den 80ern aufwuchsen, deren Nächte von Neon und Synthesizerklängen durchzogen waren – war der Film ein Wiedersehen mit einer Zeit, die längst vergangen schien. Vielleicht lag darin seine eigentliche Magie: im Nachbild einer Ära, deren Ästhetik schon Mythos war, deren Figuren aus Rauch und Schatten bestanden, deren Gesten langsamer und bedeutungsvoller waren. Fast zeitgleich erschien auch Bad Boys II (2003), inszeniert von Michael Bay – ein anderer Blick auf Miami, lauter, exzessiver, greller. Kein Film von Michael Mann, aber ein Film aus derselben Dämmerungszone zwischen altem Kino und neuer Bildsprache. Während Bad Boys II die Stadt in greller Bewegung zeigte, hielt Miami Vice inne – und lauschte auf das, was unter der Oberfläche vibrierte: Es war Retro und Gegenwart zugleich. Es erinnerte an etwas, das man selbst nie erlebt hatte – aber zu kennen meinte. Vielleicht lag darin seine eigentliche Magie: im Nachbild einer Ära, deren Ästhetik schon Mythos war, deren Figuren aus Rauch und Schatten bestanden, deren Gesten langsamer und bedeutungsvoller waren.

Miami Vice war nie nur Stil. Es war ein Gefühl – melancholisch, kühl, unübersetzbar. Eine Ahnung davon, wie es gewesen sein könnte. Ein Blick zurück, nicht aus Nostalgie, sondern aus Sehnsucht. Und vielleicht auch aus Angst vor dem, was kommen würde.

In dieser Form war es das letzte seiner Art. Ein Film wie eine ferne Erinnerung – an etwas, das nie ganz greifbar war. Und gerade deshalb unvergesslich.


Kurzinhalt

Sonny Crockett und Ricardo Tubbs, Undercover-Ermittler der Drogenfahndung in Miami, tauchen tief in die Strukturen eines internationalen Drogenkartells ein, als ein FBI-Informant enttarnt und getötet wird. Im Zuge ihrer Operation begegnet Crockett der kühlen Kartell-Finanzchefin Isabella – und beginnt eine verhängnisvolle Affäre. Während sich Tubbs’ Team auf einen gefährlichen Schlagabtausch vorbereitet, verschwimmen für Crockett zunehmend die Grenzen zwischen Beruf und persönlichem Abgrund. Gewalt, Loyalität, Verrat – Miami Vice erzählt diese Themen nicht, es lässt sie spüren.

Der Film ist weniger klassische Handlung als dichte Stimmung, weniger Dialog als Zustand. Es ist eine Geschichte über Kontrolle – und über deren Verlust, über Nähe, die sich nicht mitteilen kann, und über eine Welt, in der die digitale Oberfläche das letzte bleibt, woran sich die Menschen halten.

Übersicht: Miami Vice (2006)

TitelMiami Vice
RegieMichael Mann
DrehbuchMichael Mann
ProduktionMichael Mann, Pieter Jan Brugge
KameraDion Beebe
SchnittWilliam Goldenberg, Paul Rubell
MusikJohn Murphy, Klaus Badelt; Soundtrack mit u. a. Moby, Audioslave, Mogwai, Nina Simone, Jay-Z, Linkin Park
ProduktionslandUSA
OriginalspracheEnglisch
Länge134 Minuten (Kinofassung), 140 Minuten (Director’s Cut)
Altersfreigabe (FSK)16
Erscheinungsjahr2006
Kinostart (USA)28. Juli 2006
Kinostart (Deutschland)24. August 2006
Budgetca. 135 Millionen US-Dollar
Einspielergebnisca. 164 Millionen US-Dollar weltweit

Besetzung (Auswahl)

RolleDarsteller
Det. Sonny CrockettColin Farrell
Det. Ricardo TubbsJamie Foxx
IsabellaGong Li
Jesús MontoyaLuis Tosar
Yero (Disco-Besitzer)John Ortiz
Aryan Brotherhood BossTom Towles
Trudy JoplinNaomie Harris
Gina CalabreseElizabeth Rodriguez
Lt. CastilloBarry Shabaka Henley

Kritik zur 80er Kult-Serie: Kir Royal oder die Eleganz des Verfalls

Ein feuilletonistischer Essay über Dekadenz, Literatur und die Illusion von Glanz in Helmut Dietls Fernsehserie „Kir Royal“ (1986). Lesezeit: 40 Minuten.

von Andreas Mathias Altmeyer

Die Idee zu Kir Royal – einer der ikonischsten deutschen Fernsehserien der 1980er Jahre – entsprang dem kongenialen Duo Helmut Dietl (oft „Diedl“ genannt) und Patrick Süskind, einem der sprachlich präzisesten Autoren seiner Generation. Was viele nicht wissen: Der Ursprung der Serie liegt in Dietls und Süskinds gemeinsamer Faszination für das Boulevardmilieu Münchens, gepaart mit einer tiefen Skepsis gegenüber Medienmacht, Selbstvermarktung und Scheinheiligkeit im Kulturbetrieb.

Die Ursprünge von Kir Royal

Münchens Glanz und Elend

Helmut Dietl, gebürtiger Münchner, war tief verwurzelt in der Stadt und ihrer Kulturszene. Schon mit seiner Serie Monaco Franze – Der ewige Stenz hatte er das Lebensgefühl des Münchner Leichtsinns eingefangen. Doch er wollte mehr: Er wollte tiefer bohren, hinter die Kulissen schauen – in die Welt der Schickeria, der Mächtigen, der Möchtegerns.

Patrick Süskind, zu diesem Zeitpunkt noch nicht weltberühmt durch Das Parfum, war Dietls langjähriger Freund und Weggefährte. Beide verband ein scharfer, fast zynischer Blick auf die Gesellschaft – und die Fähigkeit, sie mit Witz und sprachlicher Brillanz zu sezieren. Süskind war es, der Dietl mit seinen literarischen Miniaturen inspirierte – viele davon in der Tradition des Feuilletons, manchmal absurd, oft moralisch untergründig. Dieses intellektuelle Fundament floss später direkt in die Dialoge von Kir Royal ein.

Die Inspiration: Baby Schimmerlos hat ein reales Vorbild

Die Figur des Klatschreporters Baby Schimmerlos ist nicht frei erfunden. Dietl orientierte sich an Michael Graeter, einem echten Münchner Society-Reporter, der in den 1970er und 80er Jahren als „Klatschkönig“ bekannt war. Graeter schrieb für die Abendzeitung und später für die Bunte – immer nah an den Reichen, den Schönen, den Bizarren. Dietl kannte Graeter persönlich und war fasziniert von dessen Mischung aus Chuzpe, Naivität und Skrupellosigkeit.

Mit Kir Royal wollten Dietl und Süskind aber nicht nur eine medienkritische Satire schaffen – sondern ein Gesellschaftsporträt. Sie arbeiteten eng zusammen: Dietl entwickelte die Figuren und den dramaturgischen Bogen, Süskind schrieb die Dialoge, pointiert und oft mit tieferer Bedeutung. Der eine war der Mann des Bildes und der Szene, der andere der des Wortes.

Die Ästhetik: Opernhafte Dekadenz

Die beiden Schöpfer entschieden sich bewusst gegen das übliche Fernsehformat. Sie wählten eine filmische, fast opernhafte Inszenierung: überzeichnete Charaktere, barocke Ausstattung, pointierte Sprache. Kir Royal war nicht einfach eine Fernsehserie – es war eine Milieustudie, eine Farce, ein intellektuelles Spiel mit der Wirklichkeit.

Eine Freundschaft wird zum Meisterwerk

Die Idee zu Kir Royal war das Ergebnis einer einzigartigen Zusammenarbeit: Dietls Gespür für Atmosphäre und Süskinds schriftstellerisches Genie verschmolzen zu einem satirischen Meisterwerk, das bis heute Maßstäbe setzt. Es war ein Werk aus Beobachtung, Ironie – und aus der Lust am Demaskieren der eitlen Welt.

Die Kamera als Feder

Als Helmut Dietl 1986 mit der insgesamt sechsteiligen Serie Kir Royal die deutsche Fernsehlandschaft betrat, war schnell klar, dass hier etwas anderes geschah als die üblichen TV-Erzählmuster der Bundesrepublik. Die Serie war nicht nur bissige Gesellschaftssatire, nicht nur ein munteres Porträt der Münchner Schickeria oder gar ein feuilletonistisches Kleinod. Sie war Literatur. Oder besser: Sie dachte in Literatur.

Ihre Sprache, ihr Rhythmus, ihre Blickachse auf den Menschen waren durchtränkt von Anspielungen, Verweisen, Spiegelungen aus der deutschen und europäischen Literaturgeschichte. Und natürlich war da auch der Name: Kir Royal. Ein Champagnercocktail, den niemand trinkt, weil er Durst hat. Sondern weil er gesehen werden will. Ein Getränk, das wie ein Gesellschaftsspiel funktioniert. Formschön, süßlich, oberflächlich. Und damit der perfekte Titel für ein Werk, das sich mit jener Welt beschäftigt, die sich über Bedeutung erhebt, indem sie sie ignoriert.

Ich selbst habe die Serie erst vor Kurzem entdeckt – und bedaure es. Denn Kir Royal ist mit das Beste, was die Serienlandschaft der 1980er-Jahre an Ironie, Tiefgründigkeit und Persiflage zu bieten hatte. Sie wirkte auf mich wie aus einer anderen Welt. Während zur gleichen Zeit Serien wie Ich heirate eine Familie oder Diese Drombuschs das bürgerliche Glück und das Alltägliche feierten, war Kir Royal ein Blick hinter die Kulissen der Repräsentation – ein eleganter Verriss der Oberfläche.

Man hat das Gefühl, eine kunstvolle Miniatur der Bundesrepublik zu betrachten, die zwischen Welterklärung und Selbstparodie oszilliert. Diese späte Entdeckung wirkt fast wie ein intimes literarisches Erlebnis – wie das Wiederfinden eines Klassikers, der längst in den Kanon gehört, aber viel zu selten genannt wird.

Interpretation, Duktus, Sprache

Süskinds Duktus

Die Sprache der Serie trägt unverkennbar die Handschrift Patrick Süskinds. Sie ist zugleich hochmusikalisch und gnadenlos präzise. Scheinbar beiläufige Sätze enthalten ganze Charakterstudien. Die Dialoge leben von kunstvoller Andeutung, von Ellipsen, von einer eleganten Art der sprachlichen Zurückhaltung, die mehr sagt als sie ausspricht. Jeder Dialog wird zur Bühne, jede Pointe zur Waffe. Sprachlich ist Kir Royal ein Drama aus Schweigen und Spitze, aus Höflichkeit und Häme.

Das Auge trinkt mit: Bildsprache, Musik, Räume

Die Kamera meidet das Spektakel – sie beobachtet, rahmt, komponiert. Bildkompositionen erinnern oft an barocke Stillleben. Das Interieur der Schickeria ist kein bloßes Setting, sondern Metapher für ihre Welt: Messing, Glas, Spiegel, Marmor – Materialien, die blenden, aber keine Wärme spenden. Die Musik von Konstantin Wecker gibt dem Ganzen eine jazzige Eleganz, eine melancholische Ironie, die sich wie ein Schleier über die Bilder legt.

Räume, Musik, Sprache – alles spielt zusammen, um diese Welt zu entlarven, ohne sie zu diffamieren. Die Wohnung von Schimmerlos’ Mutter, das Redaktionsbüro, das Hotelzimmer, in dem Haffenloher sich entblößt – all das sind nicht nur Orte, sondern Seelenlandschaften. Die Kamera bewegt sich darin wie ein Butler: höflich, beobachtend, nie urteilend – aber stets wissend.

Zwischen Presse, Prestige und postfaktischer Prophetie: Die Medienkritik

Baby Schimmerlos ist kein klassischer Journalist. Er ist ein Architekt des Scheins, ein Manager der Wirklichkeit. Seine Kolumne ist kein Fenster zur Welt, sondern ein Rahmen, der bestimmt, was Welt ist. In Kir Royal sehen wir, wie Öffentlichkeit gemacht wird – mit Floskeln, Fotos, Erwähnungen, Gerüchten. Schimmerlos gibt Menschen Sichtbarkeit, aber nie Substanz. Er ist ein Priester der Prominenz, aber kein Gläubiger. Was zählt, ist nicht, was wahr ist, sondern was gelesen wird. Nicht, was passiert – sondern was berichtet wird.

In einer Szene wird das deutlich, als Schimmerlos darüber spricht, ob eine Geschichte „zieht“ – nicht, ob sie stimmt. Diese Haltung ist kein Einzelfall, sondern systemisch. Kir Royal zeigt bereits 1986, was heute Alltag ist: die Herstellung von Wirklichkeit durch Medien. Dietl und Süskind entlarven dabei nicht das Individuum, sondern das Milieu, das Spiel, die Regeln. Sie ahnen, was später unter dem Begriff „postfaktisch“ Furore machen sollte – und sie tun es mit lakonischer Eleganz.

Rezeption, Nachwirkung

Bei Erstausstrahlung wurde Kir Royal gefeiert – aber oft auch missverstanden. Viele Zuschauer lachten über die Dialoge, ohne ihre Tiefe zu erkennen. Andere hielten die Serie für übertrieben – dabei war sie oft nur präzise. Heute, mit medialem Abstand und kultureller Reflexion, wird klar: Kir Royal ist kein Sittengemälde, sondern eine Gesellschaftsanalyse in sechs (genauer: acht) Akten.

Die Serie wurde nie fortgesetzt – vielleicht, weil sie abgeschlossen war. Vielleicht, weil sie alles gesagt hatte. Ihr Einfluss ist dennoch spürbar: in der Art, wie später über Medien gesprochen wurde. In der Klarheit, mit der sie Mechanismen offenlegt. Und in der Unverwechselbarkeit ihrer Sprache. Kir Royal hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der deutschen Fernsehgeschichte eingebrannt – nicht als Event, sondern als Ereignis.

Literaturgeschichtliche Tiefenstruktur und Fernsehtradition

Literarisch ist Kir Royal eng verwandt mit Thomas Manns Zauberberg, mit Musils Mann ohne Eigenschaften, mit Brochs Schlafwandlern. Es ist ein Werk über das Unvermögen zur Authentizität, über die Trägheit des Bürgertums im Zeichen der Repräsentation. Auch Fontane ist zu spüren: Die genaue Beobachtung, die leise Ironie, das Wissen um das Gewicht des Unsagbaren.

Gleichzeitig steht die Serie in einer großen deutschen Fernsehtradition: neben Fassbinders Berlin Alexanderplatz, Edgar Reitz’ Heimat oder den frühen ZDF-Produktionen von Peter Beauvais. Sie gehört zu jenen wenigen Serien, die Literatur nicht nur zitieren, sondern verkörpern. Jede Szene, jeder Dialog, jede Pause atmet den Geist der Hochkultur – nicht als elitärer Anspruch, sondern als ästhetische Haltung.

Kir Royal als modernes Theaterstück: Einheit von Raum, Zeit, Handlung

Was Kir Royal darüber hinaus so einzigartig macht, ist seine fast klassische Dramaturgie. Die Serie funktioniert wie ein modernes Theaterstück – mit einer klaren Einheit von Raum, Zeit und Handlung. Viele Szenen spielen in geschlossenen Räumen, oft mit nur zwei oder drei Figuren. Es gibt kaum Schnitte, wenig Bewegung. Die Spannung entsteht nicht durch Action, sondern durch Sprache, durch Blickwechsel, durch Nuancen.

Die Serie nimmt sich Zeit – für Dialoge, für Schweigen, für Übergänge. Diese Langsamkeit ist kein Mangel, sondern Methode. Sie erzeugt Dichte, Tiefe, Atmosphäre. Man hat das Gefühl, man befindet sich in einem Bühnenraum – einer bürgerlichen Welt, die langsam kollabiert, ohne dass sie es merkt. Oder gerade deshalb.

Die Handlung ist dabei fast nebensächlich. Es geht nicht um „was passiert“, sondern „wie etwas wirkt“. Die Zeitung erscheint, die Kolumne wird geschrieben – doch das Entscheidende geschieht dazwischen: in den Begegnungen, in den Missverständnissen, in den Halbheiten. Kir Royal ist ein Theaterstück in Episodenform – und jede Folge ein kleiner Akt eines viel größeren Dramas.

Stil statt Handlung: Die Ästhetik des Zögerns

Ein weiteres zentrales Stilmittel ist das Zögern. Die Serie erzählt nicht im Tempo des Fernsehkrimis, sondern im Rhythmus des Nachdenkens. Es gibt Pausen, Verzögerungen, scheinbar belanglose Szenen, die erst später Sinn ergeben. Die Kamera bleibt oft stehen, wo andere längst geschnitten hätten. Das wirkt für heutige Sehgewohnheiten fast fremd – und genau deshalb so wohltuend.

Kir Royal ist ein Plädoyer für das Unfertige, das Offene, das Angedeutete. Es verlangt vom Zuschauer kein Urteil – es stellt ihn vor Fragen. Was ist wahr? Was ist gespielt? Wer ist echt? Die Serie liefert keine Antworten – sie schafft Räume für Deutung. Und das ist vielleicht ihre größte Stärke.

Die Serie als literarisches Gedicht

Kir Royal ist nicht nur ein Drehbuch in sechs Teilen, sondern ein literarisches Gedicht in sechs Episoden. Der Rhythmus, die Wiederholungen, die Motive – sie folgen einer Poetik, nicht einer Dramaturgie. Es gibt kein großes Finale, keine Auflösung, keine Katharsis. Es gibt nur Variationen eines Themas: Schein, Stil, Sprachkunst.

Man könnte sagen: Die Serie denkt wie ein Gedicht von Gottfried Benn. Klar, schneidend, formvollendet – und dabei radikal in der Weltverachtung. Aber auch zärtlich. Es gibt Momente der Nähe, der Wärme, der Sehnsucht. Und sie kommen meist dort, wo keiner hinsieht: in einer Geste von Mona, in einem Blick der Mutter, in einem Satz von Herbie. Dietl weiß: Wenn alles laut ist, wird das Leise zur Revolution.

Was uns „Kir Royal“ heute noch lehren kann

In einer Zeit, in der Serien oft auf Tempo, Reizüberflutung und schnelle Pointen setzen, wirkt Kir Royal wie ein entschleunigter Kontrapunkt – ein kulturelles Dokument, das gerade durch seine Langsamkeit, seine Sprachmächtigkeit und seine Ambivalenz besticht. Die Serie erinnert uns daran, dass Ironie kein Selbstzweck ist, sondern eine Form der Weltaneignung. Dass Satire nicht nur entlarvt, sondern auch schützt – vor dem allzu Simplen, vor dem allzu Moralisierenden.

Gerade heute, im Zeitalter der permanenten Verfügbarkeit, der algorithmischen Relevanzproduktion und der sozialen Selbstvermarktung, wirkt Kir Royal wie eine Warnung – und ein Trost. Es zeigt uns, dass Distanz eine Form von Stil ist. Dass man gesellschaftliche Prozesse besser versteht, wenn man sie mit einem Glas Kir Royal in der Hand betrachtet – lächelnd, wissend, erschüttert.

Schimmerlos badet in Informationen – aber er reinigt sich nicht. Er sonnt sich im Glanz – aber wärmt sich nicht. Die Szene zeigt: Wissen ist keine Erlösung mehr, sondern Ware. Und wer verkauft, verkauft sich.

Figuren, Strukturen, Stil

Kir Royal ist auf den ersten Blick eine Satire – auf den zweiten ein Kammerspiel. Die Räume sind eng, die Szenen lang ausgespielt, oft in salondurchwirkten Wohnungen, Redaktionszimmern, Lounges und Hotelbars. Der Zuschauer fühlt sich nicht wie Beobachter, sondern wie Mitbewohner einer durchironisierten Welt, in der alles gesagt wird und nichts geglaubt. Die Figuren sind wie Spielfiguren auf einem dekadenten Schachbrett: Baby Schimmerlos, Herbie, Mona, Striezel, Haffenloher – sie alle bewegen sich in einem Ritual der Wiederholung, das Enthüllung verspricht und Leere enthüllt. Dietl und Süskind nutzen die Enge der Räume als Spiegel der inneren Enge dieser Welt.

Franz Xaver Kroetz als Schimmerlos verkörpert nicht den heroischen Reporter, sondern den zynisch-tragischen Antihelden: einer, der schreibt, um vergessen zu werden. Seine Welt ist eine Welt des Konsums – auch emotional: Er konsumiert Freundschaften, Körper, Informationen. Selbst seine Mutter ist Teil einer innerlich abgeschlossenen Choreografie aus Zigarettenrauch und ungesagten Sätzen. Ihre lakonische Weisheit ist keine Lebenshilfe, sondern ein bürgerliches Echo.



Frauenfiguren in Kir Royal: Mona, Mutter, Mätressen

So männlich dominiert das Spielfeld von Kir Royal scheint – so entscheidend sind die Frauenfiguren als moralische und emotionale Koordinaten. Mona, gespielt von Senta Berger, ist keine bloße Partnerin. Sie ist das still mitlaufende Gewissen der Serie. Ihre Blicke kommentieren, was nicht gesagt wird. Ihre Zurückhaltung spricht mehr als alle Pointen.

Mona liebt Schimmerlos, aber nicht blind. Sie kennt seine Schwächen, seine Eitelkeiten, seine Defizite – und bleibt dennoch bei ihm. Warum? Nicht aus Abhängigkeit, sondern aus Würde. Ihre Liebe ist nicht naiv, sondern wissend. Und ihre Treue ist keine Schwäche, sondern eine Art persönlicher Haltung. Mona ist diejenige, die nicht zynisch wird – und damit die stärkste Figur von allen.

Ähnlich bemerkenswert ist Schimmerlos’ Mutter. Eine Figur, die scheinbar aus der Zeit gefallen ist – mit Tee, Zigaretten, bürgerlicher Weisheit. Doch gerade sie verkörpert jene Art von Souveränität, die den anderen fehlt. Sie urteilt nicht, sie ordnet ein. Ihre Sätze sind lakonisch, aber unerschütterlich. In ihrem Wohnzimmer herrscht eine andere Grammatik – nicht der Medien, sondern der Menschlichkeit.

Und auch die Nebenfiguren – Schauspielerinnen, Wirtinnen, Geliebte – sind nie nur Staffage. Sie sind Spiegel, Kontraste, Korrektive. In einer Serie über Männer, die sich selbst inszenieren, sind es die Frauen, die Wahrheit ausstrahlen. Oft leise. Aber immer verlässlich.

Die Mutter: Wärmflasche, Würde, Weltfremdheit

Kaum eine Szene in Kir Royal ist so still und doch so beredt wie der Moment, in dem Schimmerlos’ betagte Mutter mit der silbernen Warmhaltekanne und einem schwerfälligen Koffer am Münchner Flughafen entlangschreitet. Über ihr donnern die Flugzeuge, sie senkt den Blick, während der Asphalt zittert. Es ist ein Bild von poetischer Prägnanz – fast wie eine gemalte Parabel: Die Mutter bleibt auf dem Boden, buchstäblich. Die Welt ihres Sohnes rauscht über sie hinweg, hoch oben, abgehoben – eine Welt, in die sie nie aufsteigen kann und in der sie auch nie wirklich vorgesehen war.

Sie ist der moralische Gegenentwurf zu Baby Schimmerlos: einfach, genügsam, sorgend, voller Milde – aber mit einem festen Kompass. Und obwohl sie seine Maßstäbe nicht teilt, schützt sie ihn, versorgt ihn, bleibt seine Mutter. Doch eben nur das. Keine Mitspielerin, keine Komplizin. Sie sieht, aber sie gehört nicht dazu. Ihre Fürsorge ist leise, nicht glamourös. Ihre Liebe verlangt nichts. Es ist eine mütterliche Präsenz, die nicht drängt, nicht urteilt – aber auch nie eingeladen wird, an der dekadenten Tafel ihres Sohnes Platz zu nehmen.

Was Schimmerlos dabei nicht auffällt – und worin gerade die Kälte seines Kosmos liegt – ist, dass er nie auf die Idee kommt, ihr zu helfen. Dass seine Mutter in ärmlichen Verhältnissen lebt, scheint ihn nicht zu stören. Die Aufmerksamkeiten, die er Frauen in Champagnerbars zuteilwerden lässt, bleiben ihr verwehrt. Nicht aus Bosheit, sondern aus Gedankenlosigkeit – einer kalten Form von Ignoranz, die gerade in ihrer Unbedarftheit verletzend wirkt.

Und dann ist da diese finale Szene: Der Tod der Mutter fällt zusammen mit einem Moment, der ins Grotesk-Schöne kippt. Sie sieht ihren Sohn auf dem Empfang der Bayerischen Staatskanzlei – sein Auftritt in der Welt der Repräsentation, der Scheinrealitäten. Im Fernseher erklingt das Goethe-Zitat: „Augenblick, verweile doch, du bist so schön.“ In diesem Moment stirbt sie. Als hätte ihr Herz noch gewartet auf diese letzte Vision des Sohnes, ehe es zur Ruhe kommen darf. Es ist ein letzter stiller Liebesdienst – und zugleich ein bitterer Kommentar auf die Leere dieser „schönen“ Augenblicke.

Noch bitterer jedoch ist der Umstand, dass die Mutter in ihren letzten Minuten verzweifelt versucht, diesen einen flüchtigen Moment für sich festzuhalten. Sie müht sich ab, den Videorekorder anzuschließen, will das Bild ihres Sohnes im Glanz der Macht konservieren, ihm – und sich selbst – eine Form von Dauerhaftigkeit geben. Doch die Technik versagt, oder sie versagt an der Technik. Der Versuch scheitert. Der Augenblick vergeht. Kein Band läuft. Nichts wird festgehalten. Und so stirbt sie – in der verzweifelten Geste, dem flüchtigen Glanz Dauer zu verleihen. Doch Kir Royal lässt keine Dauer zu. Alles bleibt Oberfläche. Alles ist Transit. Selbst der Tod.

Wie Baby Schimmerlos dem Tod entgeht – und nichts davon versteht

In der zweiten Folge von Kir Royal, lapidar „Muttertag“ betitelt, verdichtet sich auf engstem Raum das, was Helmut Dietls Erzählweise so besonders macht: seine Fähigkeit, das moralische Defizit einer Gesellschaft in beiläufigen, fast übersehenen Momenten sichtbar zu machen. Im Zentrum steht eine Szene, deren Tragweite sich erst beim zweiten Hinsehen erschließt – und die doch alles sagt über den Zustand der Welt, in der sich Baby Schimmerlos bewegt.

Mona, langjährige Geliebte des Society-Reporters, erscheint auf dem Sommerempfang des Ministerpräsidenten mit einem Entschluss. In ihrer Handtasche trägt sie ein Messer. Die Geste ist nicht überzogen, sondern im Gegenteil: vollkommen kühl. Keine Eifersucht, keine Hysterie. Nur eine Frau, die weiß, dass sie genug gegeben hat – und genug ertragen. Baby hat sie betrogen, belogen, beiseitegeschoben. Jetzt soll es Konsequenzen geben.

Doch dazu kommt es nicht.

Kurz bevor Mona handelt, erreicht Baby die Nachricht vom Tod seiner Mutter. Ein Herzinfarkt. Ausgelöst – so will es die Ironie der Erzählung – durch den Schock, ihren Sohn in der Liveübertragung des Empfangs zu sehen, umringt von Politik, Prominenz und der Lüge einer Welt, in der sie nie heimisch war. Die Mutter, Putzfrau, emotionale Konstante, moralisches Korrektiv, bricht vor dem Bildschirm zusammen.

Und Mona lässt ab.

Nicht aus Liebe. Auch nicht aus Sentimentalität. Sondern weil der Tod der Mutter – dieser letzten realen Verbindung zu etwas Menschlichem – alles andere überlagert. Ein Mord in diesem Moment wäre nicht gerecht, sondern theatralisch. Übertrieben. Vielleicht auch schlicht: unnötig. So bleibt Schimmerlos am Leben. Nicht trotz, sondern wegen des Todes.

Es ist diese Umkehrung der natürlichen Ordnung, die Dietl so präzise beherrscht: Der Zyniker überlebt, weil jemand stirbt, der längst am Rand der Handlung stand. Die Tragödie trifft die Falsche. Der Schaden bleibt beim Zuschauer zurück, nicht bei der Figur.

Denn Baby Schimmerlos begreift nichts. Er nimmt die Nachricht auf wie eine Schlagzeile. Kurzes Innehalten, dann weiter im Text. Keine Reue, kein Wandel, keine Läuterung. Es ist das Markenzeichen der Dietl’schen Figuren: Sie sind nicht bösartig im klassischen Sinne – sondern schlicht nicht in der Lage zur Selbstreflexion. Die moralischen Strukturen, in denen sie handeln, sind brüchig geworden. Reaktionen ersetzen Entscheidungen, Abläufe verdrängen Verantwortung.

Mona hingegen bewahrt in diesem Moment eine Würde, die Baby längst verloren hat. Ihr Verzicht auf die Tat ist kein Schuldeingeständnis, sondern Ausdruck von Klarheit. Sie weiß, dass ihr Gegenüber weder die Strafe verstehen noch den Verlust begreifen wird. Es wäre, in einem fast antiken Sinn, ein nutzloser Mord. Und so zieht sich die Geschichte still zurück – wie bei Dietl üblich – ohne Auflösung, ohne Abrechnung. Nur mit der bitteren Gewissheit, dass der Falsche weitermachen darf.

Diese Szene steht exemplarisch für Dietls Figurenkonzeption. Seine Protagonisten sind oft Getriebene, die keine Ahnung haben, was sie da eigentlich treiben. Und wenn die Welt sie verschont, dann nicht aus Gnade, sondern weil der Zufall schneller ist als das Urteil. Dietls Kosmos kennt keine moralische Ordnung im klassischen Sinn. Was bleibt, ist die absurde, fast beckett’sche Einsicht: Das Leben geht weiter. Weil nichts passiert. Oder weil zu viel passiert ist. Und am Ende bleibt einer übrig, der es nicht verdient hat.

„Weil die Mutter stirbt“ – das ist nicht nur eine bittere Wendung, sondern eine gesellschaftliche Diagnose: Der Preis für das Überleben der Gleichgültigen wird nicht selten von jenen gezahlt, die noch etwas fühlten. Und Dietl, der Menschenbeobachter mit satirischer Schärfe und melancholischem Blick, wusste genau, wie man das zeigt – ohne es je auszusprechen.

Die Tragik des Dr. Haffenloher – Mario Adorf in Höchstform

Dr. Heribert Haffenloher, gespielt von einem hinreißend nuancierten Mario Adorf, ist auf den ersten Blick eine Karikatur des reichen Industriellen: zu laut, zu mächtig, zu peinlich. Er produziert Kleber – ein schlichter, aber symbolisch aufgeladener Werkstoff. Er klebt – aber nichts hält. Nicht die Menschen, nicht die Beziehungen, nicht die Zugehörigkeit, die er so verzweifelt sucht.

Adorf spielt ihn nicht einfach als Parodie. Er verleiht ihm eine Tiefe, eine Verletzlichkeit, eine fast shakespearesche Würde. Hinter der Lautstärke steckt Leere. Hinter dem Geltungsdrang – Einsamkeit. Hinter dem Vermögen – Verzweiflung. In einer der zentralen Szenen sagt Haffenloher, mit bebender Stimme:

„Ich will auch dazugehören.“

Dieser Satz ist kein Ausruf. Er ist ein Bekenntnis. Ein Hilferuf. Ein Echo der Menschlichkeit inmitten einer Welt der Etikette. Haffenloher kauft Champagner, Anzeigen, Artikel – doch niemand trinkt mit ihm. Niemand liest ihn. Niemand besucht ihn freiwillig. Und so wird aus dem mächtigen Unternehmer eine Figur von tragischer Würde.

Die Szenen, in denen Adorf allein gezeigt wird – im Bademantel, auf der Terrasse, im Gespräch mit sich selbst – zählen zu den stärksten Momenten der Serie. Sie zeigen, was Kir Royal jenseits der Satire leistet: die große Kunst der Empathie mit den Verlorenen. Haffenloher ist nicht Opfer der Medien – er ist Opfer seiner selbst. Und Mario Adorf spielt das mit einer zarten Wucht, die unvergesslich bleibt.

„Ich scheiß dich so was von zu mit meinem Geld“
Haffenlohers Monolog als Totentanz des entkernten Kapitalismus

Kaum ein Satz aus der deutschen Fernsehgeschichte hat sich so unauslöschlich ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt wie Dr. Heribert Haffenlohers Ausbruch in der ersten Folge von Kir Royal. Es ist nicht nur ein Wutausbruch, nicht nur ein Monolog – es ist ein existenzielles Manifest. Und ein entlarvendes.

„Ich scheiß dich so was von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr hast. Irgendwann nimmst du es, dann bist du mein Knecht, dann mach ich mit dir, wat ich will.“

Was hier sprachlich auf den ersten Blick wie ein grotesker Entgleisungsversuch wirkt, ist in Wahrheit von hoher literarischer Dichte – und von tragischer Tiefe. Haffenloher spricht nicht aus einer Position souveräner Macht, sondern aus dem Abgrund radikaler Verunsicherung. Sein Geld ist nicht Ausdruck innerer Stärke, sondern letzter Rettungsring einer entleerten Existenz. In seinem Monolog vermischt sich der Gestus eines Oligarchen mit der Seele eines ausgestoßenen Kindes.

Die Kraft des Monologs liegt in seiner Widersprüchlichkeit. Der Satz „Ich scheiß dich zu mit meinem Geld“ ist keine Drohung – es ist ein Gebet. Haffenloher bettelt. Er bettelt um Nähe, um Freundschaft, um Zugehörigkeit. Seine Sprache ist überdeutlich, vulgär, ja pornografisch – nicht im sexuellen, sondern im ökonomischen Sinn: Sie stellt das Intimste zur Schau, das in seiner Welt noch existiert – das Kapital.

Denn in Haffenlohers Wirklichkeit ist Geld nicht mehr Mittel, sondern Substanz. Es ersetzt Gefühl, Geschichte, Gewissen. Wenn er mit Geld „zukleben“ will, dann klebt er in Wahrheit seine eigene seelische Leerstelle zu. Er will Besitz, weil er nicht geliebt wird. Und weil er nicht geliebt wird, will er besitzen. Ein Teufelskreis – ganz im goetheschen Sinne. Hier spricht ein Faust ohne Gretchen. Ein Mephisto im Bademantel.

Die Wortwahl – „zukleben“, „reinstecken“, „ruinieren“ – ist von brutaler Körperlichkeit. Haffenloher denkt nicht relational, sondern invasiv. Geld ist bei ihm nicht Transaktion, sondern Penetration. Besitz bedeutet für ihn nicht Sicherheit, sondern Macht über den anderen. Und genau in dieser Logik offenbart sich die perverse Sexualität eines Systems, das alles ökonomisiert – auch das Zwischenmenschliche.

Dabei ist die Szene in höchstem Maße spenglersch: Sie zeigt den Typus des zivilisatorischen Endmenschen, der in der völligen Äußerlichkeit lebt. Was bei Spengler als „spätrömischer Mensch“ bezeichnet wird – jener, der nur noch in Symbolen, Repräsentationen, Geldströmen und Statuscodes denkt –, das kulminiert in Haffenlohers Auftritt. Seine Worte sind nicht Ausdruck innerer Tiefe, sondern letzter Versuch, sich in der postheroischen Welt des Fernsehens einen Platz zu erkaufen.

Und genau darin liegt die Tragik: Haffenloher weiß um seinen Ausschluss. Er weiß, dass er in der Welt der kulturellen Distinktion, der wechselseitigen Ironie und der urbanen Codes nur als Geldgeber akzeptiert wird – niemals als Mitspieler. Deshalb der Zorn. Deshalb die Vulgärgewalt. Deshalb die Eskalation.

Dass Mario Adorf diesen Monolog nicht als bloße Replik eines Cholerikers, sondern mit einer fast sakralen Körperlichkeit spielt, gibt der Szene ihre Tiefe. Sein Gesicht verzerrt sich nicht in Wut, sondern in Trauer. Seine Stimme droht nicht, sie fleht. Und als er am Ende sagt:

„Ich will doch nur dein Freund sein – und jetzt sag Heini zu mir.“

– da zerbricht alles. Die Drohung, die Gewalt, die Maskerade. Was bleibt, ist ein einsamer Mann im Designerbademantel, der weiß: Niemand wird jemals freiwillig „Heini“ zu ihm sagen.

Diese Szene ist das emotionale Epizentrum von Kir Royal. Sie zeigt nicht nur die Tragik einer Figur, sondern die Entmenschlichung eines ganzen Milieus. Haffenloher ist nicht der Karikierte – er ist der Wahrhaftige unter den Maskierten. In seiner Verzweiflung liegt mehr Wahrheit als in all den ironisch gewendeten Posen der übrigen Gesellschaft. Und damit ist er, so grotesk es klingt, vielleicht die einzige Figur in dieser Serie, die noch zum Fühlen fähig ist.

Was er fühlt, ist das große Nichts.

Die Unsichtbaren: Herbie, der Fotograf – und die Macht der Perspektive

Oft übersehen wird die Rolle von Herbie, dem Fotografen. Er ist ständig dabei – doch selten im Zentrum. Und genau das ist seine Funktion. Er ist der stille Beobachter, der Mitwisser, der immer einen Schritt hinter Schimmerlos bleibt. Ohne Herbie gäbe es keine Bilder, keine Beweise, keine Sichtbarkeit. Doch er kommentiert nicht. Er protokolliert.

Herbie ist das Gewissen ohne Urteil. Er sieht alles – und sagt nichts. Man könnte sagen: Er ist der Zuschauer in der Serie. Einer, der das Spiel kennt, aber nicht mitspielt. Der weiß, was läuft, aber nicht hineinläuft. Er steht für eine Form von Moral, die sich nicht durch Worte, sondern durch Haltung ausdrückt. Seine Loyalität ist leise, aber unerschütterlich.

Und auch darin zeigt sich die literarische Struktur von Kir Royal: Jede Figur hat eine Funktion. Und jede Funktion ist durchdacht. Herbie ist nicht nur der Mann mit der Kamera. Er ist die Kamera – im doppelten Sinne. Er sieht. Und er zeigt. Und oft sieht man durch ihn – ohne es zu merken.

Die Nebenrollen in „Kir Royal“ – Randfiguren mit Tiefenschärfe

Es sind die Nebenrollen, die Randerscheinungen, die Halbgesichter im Halbdunkel der Hotelbars, Fahrgastzellen und Empfangshallen, die das gesellschaftliche Tableau nicht bloß säumen, sondern in ihrer Stille erden. Und in dieser Stille sprechen sie. Vielleicht leiser, aber nicht weniger klar. Ganz im Gegenteil: Ihre Stimme hallt nach – als ironischer Nachsatz, als humane Fußnote, als leises Gewissen einer brüllenden Epoche.

Da ist Rudolf Wesselys Sedlacek, der Portier im Bayerischen Hof, ein Mann, der aus einer anderen Zeit herüberzureichen scheint. In seiner Haltung liegt etwas Erhabenes, beinahe Sakrales. Er ist nicht bloß ein Hotelangestellter, sondern ein Hüter der Form, ein Zeremonienmeister des Taktgefühls, das sich der Rest der Serie längst abgewöhnt hat. Sein Lächeln ist diskret, sein Blick wach, seine Sprache knapp und durchweht von einer Bildung, die niemals prahlt, sondern stets bescheidet. Sedlacek ist das personifizierte Wissen um die verborgene Würde der Dienenden, ein standhafter Rest jenes Europas, das sich noch nicht vollständig dem Lärm und der Gier verschrieben hat. In einer Welt, in der sich die Gäste des Hauses täglich neu entwürdigen, ist er der letzte Gentleman.

Püppi, von Harald Leipnitz mit morbider Grandezza gespielt, gleicht einem melancholischen Refrain aus längst verklungenen Nächten. Man sieht ihn, diesen alternden Beau, und begreift sofort: Hier sitzt ein Mann, der von seiner Vergangenheit lebt wie andere von Dividenden. Sein Blick schweift, seine Stimme flattert, sein Körper ist noch immer präsent, doch sein Zentrum scheint bereits abgedankt zu haben. Püppi ist Erinnerung in Menschengestalt, eine wandelnde Reminiszenz an Champagnernächte und die erotische Währung des Charmes. Und doch haftet ihm nichts Lächerliches an – im Gegenteil. Sein Verfall ist eine Chiffre für das ganze Milieu: glänzend von außen, brüchig im Innern, auf ewig dem Glanz vergangener Tage verpflichtet.

Ganz anders Paula, kongenial verkörpert von Peter Kern, jene explosive Figur, die zwischen Travestie und Tragödie oszilliert. Paula ist kein Mensch wie jeder andere – sie ist Provokation und Poesie zugleich, ein leuchtendes Gegenbild zur bürgerlichen Erstarrung. In ihren Bewegungen liegt etwas Rebellisches, in ihrer Sprache eine zärtliche Unverschämtheit. Sie ist ein Wesen außerhalb der Ordnung, aber nicht außerhalb der Wahrheit. Während andere sich in Konventionen verkriechen, lebt Paula – kompromisslos, laut, sichtbar. Sie ist nicht nur queer, bevor das Wort seinen politischen Klang bekam, sondern vor allem: ehrlich. In einer Welt der Masken ist sie die einzige, die sich zeigt. Ihr Schmerz ist offen, ihr Humor scharf, ihre Existenz eine permanente Aufforderung zur Selbstprüfung.

Und dann ist da der Taxifahrer, gespielt von Walter Kraus – ein kantiger Mann, der mehr weiß, als ihm lieb ist. Er fährt, er hört zu, er schweigt. In seinem Wagen treffen die Welten aufeinander: Glamour und Gosse, Macht und Verfall, Anmache und Abrechnung. Sein Humor ist trocken wie das Streusalz auf Münchens Winterstraßen, seine Beobachtungen treffen wie Hiebe mit der Fliegenklatsche. Er ist ein Chronist ohne Notizblock, ein Seismograph der Eitelkeiten. Während er seine Fahrgäste durch die Nacht chauffiert, begleitet er auch das Publikum durch die Abgründe der Hochglanzwelt. Er ist das grobkörnige Schwarzweiß-Foto im Album der Farbfotos – wahrer, ehrlicher, näher.

Edgar Selges Oberkellner wiederum verkörpert jene stille Autorität, die in Zeiten der Lautstärke beinahe verschwunden scheint. Sein Gesicht ist schmal, sein Gang präzise, seine Sprache messerscharf dosiert. Er weiß um die Regeln des Spiels, aber er spielt nicht mit. Er agiert – diskret, souverän, unangreifbar. Er steht an der Grenze zwischen Küche und Bühne, zwischen Dienst und Distanz. In seinem Blick liegt eine Weltläufigkeit, die nicht protzt, sondern prüft. Der Oberkellner ist das lebende Korrektiv einer Szene, die sich im Selbstlob verliert. Er serviert keine Meinung, aber seine Präsenz kommentiert alles. Er ist der letzte Vertreter einer Kultur des Dienens, die man heute gerne als nostalgisch belächelt – zu Unrecht.

Corinna Drews‘ Lisa, das blonde Ornament der Serie, ist auf den ersten Blick nichts als ein hübsches Gesicht – und auf den zweiten ein tragisches Symbol. Sie ist schön, ja, aber diese Schönheit ist keine Waffe, sondern eine Last. In ihrer stummen Präsenz liegt eine ganze Bibliothek unausgesprochener Monologe. Sie ist das Mädchen, das zu oft übergangen wurde, die Frau, die man betrachtet, aber nie wirklich sieht. Lisa existiert in der Schwebe – zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Dekoration und Bedeutung. Ihre Einsamkeit schimmert hinter dem Lächeln wie kaltes Neonlicht. Man will ihr helfen – aber man weiß nicht wie. Und vielleicht ist das ihr größter Triumph: dass sie unter all dem Silikon der Oberfläche doch verletzlich bleibt.

Martin Wimbush als Dr. Carl Friedmann bringt eine ganz andere Farbe in das Tableau: die kühle Effizienz des angelsächsischen Geschäftssinns. Friedmann ist kein Spieler, er ist der Regisseur. Ein Mann, der Medien nicht liebt, sondern nutzt. In seiner Sprache liegt keine Leidenschaft, sondern Logik. Er betritt die Bühne wie ein Analyst ein Labor: nüchtern, präzise, mit klarer Agenda. Friedmann ist die Zukunft der Kommunikation – entpersonalisiert, durchrationalisiert, unberührbar. Er verkörpert den Moment, in dem Journalismus zur Ware wird, zur kalkulierbaren Rendite. Kein Pathos, kein Zögern, kein Staunen – nur Strategie. Und gerade dadurch wird er zur gefährlichsten Figur im Ensemble.

Und schließlich Wolfi, der Barkeeper, meisterlich verkörpert von Heinz Werner Kraehkamp. Wolfi ist das stille Herz der Nacht, ein Mann, der mehr Seelen gestreichelt hat als Gläser poliert. Er hört zu, er gießt nach, er schweigt – und genau darin liegt seine Kraft. Sein Tresen ist ein Ort der Beichte, sein Blick ein Trostpflaster, seine Gestalt die letzte Humanität in einem Zirkus der Zyniker. Wolfi ist der Einzige, der nichts will – und dadurch alles gibt. In seinen Gesten liegt kein Kalkül, sondern Wärme. Er ist der Zuschauer im Stück, der doch nicht nur Zuschauer bleibt. Ein stiller Verbündeter, ein Schutzheiliger der Gestrandeten.

In der Summe sind diese Nebenrollen weit mehr als Staffage. Sie sind das fein gezeichnete Ornament an den Säulen einer Gesellschaft, die längst rissig ist. Sie verleihen der Serie ihre Tiefe, ihren Ton, ihre Wahrheit. Denn dort, wo die Schlagzeilen enden, beginnt die Literatur – und Kir Royal ist, im besten Sinne, beides.

Stichflammen am Rand der Schickeria

Konstantin Wecker, Dieter Krebs und Dirk Bach als subtile Miniaturen im grellen Gesellschaftspanorama

In den kleinen Rollen – oft nur wenige Minuten lang – liegt eine stille, manchmal gnadenlose Präzision. Sie kommentieren das große Schauspiel, ohne selbst mitspielen zu wollen. Drei dieser Figuren, gespielt von Konstantin Wecker, Dieter Krebs und Dirk Bach, sind keine Karikaturen, sondern sorgfältig platzierte Spiegel: Sie reflektieren die Farce, die sie umgibt – mal lakonisch, mal boshaft, mal resigniert.

Konstantin Wecker, sonst als moralischer Liedermacher bekannt, tritt hier nicht als Protestfigur auf, sondern als stoisch-unbeeindruckter Tonmeister im Aufnahmestudio. Während Hanna Schygullas Schlagersirene Sissi Gohlke vokal entgleist und Schimmerlos das Projekt mit der ganzen Würdelosigkeit des Boulevards befeuert, sitzt Wecker reglos hinter dem Mischpult. Keine Pose, kein Pathos – nur die kühle Gelassenheit eines Mannes, der das Showgeschäft besser kennt, als ihm lieb ist. In seinem Schweigen liegt ein ganzes Urteil über die Seichtheit der Unterhaltungsbranche.

Dieter Krebs, zu Lebzeiten einer der klügsten Komiker des Landes, spielt den Friseur von Mona – und tut das mit einer Mischung aus ironischer Eleganz und fein dosierter Herablassung. Seine Figur ist eitel, zickig, wunderbar überdrüssig – eine Karikatur des Schöngeists im Dienst der Bussi-Bussi-Gesellschaft. Unter dem seidig-professionellen Ton liegt eine kaum verhohlene Verachtung für das Getue der Kundschaft. Der Salon wird so zur Bühne, Krebs zum Chorführer des stillen Spottes.

Und dann ist da noch Dirk Bach, jung, leise, fast stumm – aber unvergesslich. Als Empfangschef irgendwo im Luxuskosmos verkörpert er mit einem einzigen höflichen Lächeln die ganze Anpassungsleistung des kleinen Rades im großen Getriebe. Sein devoter Gestus, die unterwürfige Freundlichkeit – das ist die stille Infrastruktur der Dekadenz, die dafür sorgt, dass die High Society sich reibungslos selbst feiert. Bach zeigt in Sekunden, wie man mit Haltung Haltung verliert.

Transatlantische Spiegel: Kir Royal, Californication und das Fernsehen der Männlichkeitskrise

Kir Royal, Serie 1980er Jahr, Porsche
Baby Schimmerlos fährt einen Porsche, so wie Hank Moody in Califrnication.

Ein naheliegender Vergleich – nicht nur stilistisch, sondern strukturell – ist der zwischen Kir Royal und der US-Serie Californication. Beide haben zentrale männliche Figuren, die gleichermaßen ironisch, verletzt, intellektuell und hedonistisch gezeichnet sind. Baby Schimmerlos und Hank Moody, gespielt von David Duchovny, könnten Brüder sein – im Geiste, im Scheitern, im Charme.

Beide fahren Porsche. Beide trinken zu viel. Beide lieben Frauen – und verlieren sie. Beide schreiben – und haben das Schreiben irgendwie verloren. Und beide wissen, dass sie kaputt sind – und machen doch weiter. Doch bei aller Ähnlichkeit gibt es einen zentralen Unterschied: Während Hank Moody noch auf eine Art Erlösung hofft, auf eine Art Vergebung, hat Schimmerlos längst resigniert. Er lebt nicht gegen das System, sondern mit ihm – als Teil, als Nutznießer, als Ermüdeter.

Darin liegt die eigentliche Tragik. Der amerikanische Held – so gebrochen er auch ist – trägt noch den Glanz der Möglichkeit in sich. Der deutsche Held von Kir Royal hingegen ist längst ein Wiedergänger. Er lebt nicht, er zitiert sich selbst. Nicht als Pose – sondern aus Überzeugung. Und das macht ihn unendlich vielschichtiger.

Kir Royal und die politische Tiefe hinter dem Glamour

Oberflächlich betrachtet ist Kir Royal eine Serie über die Münchner Gesellschaft der 1980er – über Schauspielerinnen, Werbeleute, Geschäftsleute, Würdenträger. Doch bei genauerem Hinsehen wird deutlich: Dietl und Süskind zeichnen auch ein politisches Sittenbild. Denn hinter jeder Glanzfassade steckt die Frage nach Einfluss, nach Macht, nach öffentlicher Meinung.

Der Kardinal, der diskret seine Missbilligung äußert. Der Industrielle Haffenloher, der Sichtbarkeit kaufen will. Der Redakteur Wagerl, der lieber schweigt, um keinen Anruf aus dem Verlag zu riskieren. All das sind keine Nebenstränge, sondern Kernmotive. Sie zeigen: Öffentlichkeit ist nicht neutral. Sie ist ein Feld der Kräfte. Und Kir Royal ist ein frühes, aber präzises Fernsehstück über eben dieses Machtfeld.

Die Rolle Münchens – Stadt als Spiegel

Kir Royal München
Mehr als Kulisse in Kir Royal, sondern urbanes Szenenbild: München

München ist nicht nur Schauplatz. Die Stadt ist eine Figur. Sie ist mehr als Kulisse – sie ist Symbol. In Kir Royal zeigt sich die bayerische Landeshauptstadt nicht als „Weltstadt mit Herz“, sondern als urbane Bühne der Eitelkeit. Die Cafés, die Kanzleien, die Theaterfoyers – das alles sind Milieus der Repräsentation. Und wer nicht repräsentiert, existiert nicht.

Die Stadt strahlt eine gepflegte Kälte aus. Alles ist schön – aber nichts ist warm. Dieses München ist keine Heimat, sondern ein Laufsteg. Und so wird die Stadt zur Bühne für das große Spiel des Scheins. Dietl zeigt uns eine Metropole der Masken – viel Licht, viel Glas, wenig Nähe. Und gerade dadurch wird München zur Metapher für die westdeutsche Gesellschaft der 1980er-Jahre: wohlhabend, müde, funktionsfähig – aber leer.

Die Wohnung des notorischen Boulevardschriftstellers Baby Schimmerlos befand sich im sogenannten Wappenhaus – einem Bau, der selbst noch im Spätnachmittag der Monarchie Eindruck zu schinden wusste. An der Ecke Nymphenburger- und Maillingerstraße thronte das Gemäuer wie eine ironische Reverenz an vergangene Pracht: stattlich, würdevoll und ein wenig aus der Zeit gefallen – wie sein Bewohner. Dort residierte Schimmerlos, halb Bohémien, halb Barhocker, zwischen Manuskript und Minibar, stets am Rande eines Leads und am Rande eines Katers. Die Wohnung war lichtdurchflutet, elegant verwohnt, mit jener gewissen Patina, die sich nicht imitieren lässt – ein Innenleben wie ihr Besitzer: etwas zerzaust, latent verkatert, aber stets von einer Aura der Wichtigkeit umweht.

Nicht weit davon entfernt logierte die Wirklichkeit der Macht – natürlich im Hotel Bayerischer Hof, jenem großen Stillleben aus Kristall, Teppich und diskreter Arroganz. Hier wurden Minister empfangen, Models verladen, Allianzen geschmiedet – und auch wieder aufgelöst. Der Bayerische Hof war nicht einfach ein Hotel, sondern ein Gesellschaftskatalysator. Die Lobby: halbes Wohnzimmer, halber Umschlagplatz für Gerüchte mit Restwärme. Der Sekt floss wie Wasser, das Lächeln war scharf geschliffen. Wer hier wohnte, wollte gesehen werden. Wer hier arbeitete, wusste mehr, als ihm lieb war.

Ein paar Straßenzüge weiter, in der Schulstraße Ecke Wilderich-Lang-Straße, verwandelte sich eine eher unscheinbare Gaststätte in das Champs Elysées – das Nachtlokal mit dem Glanz von Paris und der Realität von Neuhausen. Hier funkelte die Illusion wie ein schlecht kopiertes Cartier-Armband. Aber das störte niemanden. Denn wer im Champs Elysées saß, war längst Teil der Erzählung. Man musste dort nicht sprechen – es reichte, bestellt zu haben.

Noch eine Prise absurder wurde es in der Villa Medici, einem vorgeblich noblen Restaurant, das – und das ist kein Witz – in der Aussegnungshalle des Ostfriedhofs beheimatet war. Hier wurde nicht mehr getrauert, sondern getafelt. Und zwar mit all dem Pathos, das ein solcher Ort hergibt: hoher Raum, tiefer Sinn, gepaart mit bester Weißweinschorle. Der Tod wurde zur Tapete, das Menü zur Messe. Dietl, der große Ironiker, hätte den Ort kaum treffender wählen können. Wer dort speiste, ahnte: die Dekadenz ist kein Zustand – sie ist ein Stilmittel.

In der dritten Folge besucht man den exaltierten Kunstmaler Schildkraut. Angeblich lebt er am Starnberger See – tatsächlich aber ist seine Villa ein verwunschenes, leicht angeschlagenes Prachtstück am Hochufer der Isar in Pullach: die Villa Bellemaison. Sie wirkt wie eine Diva, die ihren letzten großen Auftritt vergessen hat – und gerade deshalb perfekt. Schildkraut, halb Genie, halb Schnapsidee, passt sich diesem Ambiente an wie ein vergilbtes Ölgemälde an die Wandverkleidung.

Für die gepflegte Staatsnähe wählte Dietl das Aubergine am Maximiliansplatz – jenen legendären Gourmettempel, in dem einst Feuilletons geschrieben wurden, bevor der Hauptgang serviert wurde. Hier tafelte Schimmerlos mit dem Polizeipräsidenten, als ginge es um ein außenpolitisches Gipfeltreffen – aber eben mit Dessert. Gespräche wurden dort nicht geführt, sie wurden angerichtet. Und jedes Glas trug den Subtext gleich mit auf dem Tablett.

Der Empfang für die Königin von Mandalien – ein Stück surrealer Protokoll-Klamauk, wie ihn nur Dietl inszenieren konnte – sollte in der ehrwürdigen Glyptothek stattfinden. Jene klassizistische Stätte antiker Statuen wurde kurzerhand zum diplomatischen Schauplatz – mit ironischem Sprengstoff. Denn natürlich platzte der Empfang, wie es sich für eine Satire von Weltformat gehört: nicht laut, aber mit Stil.

Auch der Ministerpräsident bekam seinen Auftritt. Er residierte im Prinz-Carl-Palais, wo er mehr repräsentierte als regierte, und mehr nickte als entschied. Aber dafür ist das Palais auch gemacht: Es trägt das Gewicht der Bedeutung, ohne sich selbst zu verbiegen. Von hier aus nahm er Schirmherrschaften entgegen – etwa beim sommerlichen Empfang unter der Bavaria, dieser bronzenen Wuchtfigur, die wie eine Mischung aus olympischer Göttin und bayerischer Bierkönigin über die Szene wachte. Wer hier stand, hatte es geschafft. Oder war zumindest im Bild.

Für den betuchten, leicht ranzigen Kolonial-Industriellen Konsul Dürkheimer, der am liebsten mit Whisky in der einen und Zigarrenrauch in der anderen Hand sprach, fand man eine treffende Residenz: das Schloss Au in der Hallertau. Es war nicht bloß ein Ort, sondern ein Statement – barock, entrückt, anmaßend schön. Wer hier lebte, sprach nicht mehr – er ließ sprechen.

Selbst die Ankunft der Königin wurde zum ironischen Masterstroke: Sie landete nicht etwa im protokollarischen Stillstand eines Großflughafens, sondern auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck – ein Ort mit historischer Schwere, dem hier mit filmischer Leichtigkeit begegnet wurde. Der Pathospegel sank, der Spottpegel stieg. So geht Dietl’sche Entladung.

Und zuletzt Monas Gesangsauftritt, jener bittersüße Moment zwischen Gänsehaut und Fremdscham, fand in der ehrwürdigen Lach- und Schießgesellschaft statt. Jenem Kabaretttempel, in dem einst politischer Witz geschmiedet wurde – und nun eine Sängerin stand, die mehr Pathos als Stimme hatte. Doch genau darum ging es. Mona singt nicht für Ruhm – sie singt, weil man sie lässt. Oder weil niemand Nein sagt.

So ergibt sich eine Karte von München, die mehr erzählt als jeder Reiseführer. Ein München aus Glanz und Gier, aus Schein und Sein. Dietls Drehorte sind keine Kulissen – sie sind Koordinaten einer Gesellschaft, die sich selbst im Spiegel betrachtet und dabei fragt: Ist das noch echt – oder schon Fernsehen?

Die Ausstattung als Subtext: Kostüm, Kulisse, Symbol

Ein weiterer Aspekt, der Kir Royal so besonders macht, ist seine visuelle Dichte. Die Kostüme, das Interieur, die Requisiten – alles erzählt mit. Babys Anzüge – immer ein wenig zu glatt, zu modisch. Haffenlohers Bademantel – Symbol der Einsamkeit inmitten des Luxus. Striezels Accessoires – Ausdruck intellektueller Kontrolle. Und Monas Kleidung – zurückhaltend, unprätentiös, aber stilvoll.

Nichts in dieser Serie ist zufällig. Jede Lampe, jede Gardine, jedes Glas steht an seinem Platz – als Ausdruck einer inneren Haltung. Die Ästhetik der Räume ist keine Dekoration, sondern ein Spiegel der Figuren. So wie man in der Literatur von Raumsemantik spricht, kann man hier von einer Fernsehbild-Semantik sprechen. Die Wohnung der Mutter steht für ein anderes Jahrhundert – leise, würdevoll, verraucht. Der Zeitungskeller für die unterirdische Macht. Das Hotelzimmer für die Unverbindlichkeit der Begegnung.

Warum „Kir Royal“ nicht verfilmt werden könnte – heute

Viele Serien der 1980er sind schlecht gealtert. Kir Royal nicht. Aber sie könnte heute nicht mehr neu gedreht werden. Nicht in dieser Form. Nicht mit dieser Ruhe, dieser Sprache, dieser Ironie. Die Medienlandschaft ist heute schneller, aggressiver, schlichter. Und genau das zeigt, wie besonders diese Serie war – und bleibt.

Kir Royal ist ein Produkt seiner Zeit – aber kein Gefangener. Es ist ein Werk, das heute aktueller ist denn je. Gerade weil es sich der Geschwindigkeit verweigert. Gerade weil es nicht gefallen will. Gerade weil es keine Message hat – sondern Haltung. Dietl und Süskind haben etwas geschaffen, das bleibt. Und das ist vielleicht das Schönste, was man über eine Serie sagen kann.

Der Preis der Echtheit – Schimmerlos und der Ernstfall der Authentizität

In der fünften Folge von Kir Royal erreicht die Serie einen ihrer bittersten, ja fast tragischen Momente: Ausgerechnet der notorisch schillernde Klatschreporter Baby Schimmerlos, dieser geölte Gockel des Münchner Boulevardmilieus, handelt plötzlich – man mag es kaum glauben – authentisch. Nicht aus Kalkül, nicht aus Karrierehunger, sondern aus Überzeugung. Oder, präziser gesagt: auf Anweisung seiner Partnerin.

Was folgt, ist eine gesellschaftliche Exekution in Zeitlupe. Der Mann, der bislang durch jede noch so verlogene Soirée tänzelte wie ein satter Kater durch Sahne, erfährt, was es heißt, den moralischen Ernstfall zu proben. Die Konsequenzen sind ebenso rigoros wie entlarvend: Das Telefonschränkchen schweigt, die Aufträge bleiben aus, der stählerne Panzerschrank gesellschaftlicher Zugehörigkeit fällt krachend ins Schloss. Und nicht nur symbolisch: Auch sein Auto wird demoliert, seine Reputation mit kalter Präzision seziert – wie ein falscher Titel in der Abendzeitung.

Es ist die vielleicht aufschlussreichste Episode der ganzen Serie, weil sie dem Zuschauer gnadenlos vorführt, wie dünn die Membran ist, die Eitelkeit von Echtheit trennt. In dem Moment, in dem Schimmerlos versucht, sich selbst treu zu sein, verliert er alles, was ihm die Maskerade einst eingebracht hatte: Status, Einfluss, ja sogar die Gunst jener, die sich selbst doch längst dem Komödiantischen des öffentlichen Lebens verschrieben haben.

Authentizität, so lehrt uns Helmut Dietl in dieser Folge, ist im Kosmos der Schickeria kein Ideal, sondern ein Affront – eine Ungehörigkeit, die sofort geahndet wird. Wer den Pakt mit der Pose aufkündigt, steht schneller draußen, als man „Champagnerempfang“ sagen kann. Für Schimmerlos bedeutet das eine schmerzhafte Entzauberung – und für den Zuschauer einen Moment fast aristotelischer Katharsis: Mitleid mit dem Blender, Furcht vor der eigenen Kompromittierbarkeit.

Bussi links, Bussi rechts – und kein Gedanke dazwischen

Die Schickeria als Sinnbild einer entpolitisierten Gesellschaft im Vorabend ihres kulturellen Zusammenbruchs

Die Schickeria, wie sie in Kir Royal porträtiert wird – all diese geschmeidigen Gestalten zwischen Feuilleton und Föhnfrisur, zwischen Barockmöbel und Bussi-Bussi – sie steht sinnbildlich für eine Entpolitisierung, die in den 1980er-Jahren zur kulturellen Signatur der alten Bundesrepublik wurde. In ihrem weltvergessenen Hedonismus, in ihrer selbstgerechten Ironie und der Ablehnung jeder „großen Idee“ wurde diese Gesellschaftsschicht zum Resonanzraum einer Linken, die ihren Marsch durch die Institutionen längst abgeschlossen hatte.

Was sich äußerlich als mondäne Weltläufigkeit präsentierte – Designermode, Antifaschismus im Nebensatz, Lichterketten gegen Rechts auf dem Weg zum Opernball – war in Wahrheit die kulturalistische Maskerade einer Ideologie, die Politik durch Haltung, und Haltung durch Habitus ersetzt hatte. Der „linksliberale Humanismus“ der Schickeria war kein Weltbild mehr, sondern ein Konsumprodukt, das in Designhäusern inszeniert, auf Vernissagen gereicht und in der Lounge des Bayerischen Rundfunks verköstigt wurde.

Für eine neue rechte Perspektive offenbart sich in dieser Welt nicht nur der Verlust des Politischen, sondern der tiefere Niedergang eines ganzen Zivilisationszyklus. Kir Royal wird in dieser Lesart zum kulturellen Beweisstück für eine Diagnose, wie sie Oswald Spengler mit Der Untergang des Abendlandes 1918 grundgelegt hat. Spengler beschrieb eine Phase, in der Kultur zur Zivilisation degeneriert – ein Stadium, in dem alles Lebendige, Mythische, Glaubensstarke bereits abgetreten ist und durch kalte Formen, leere Rituale, ästhetische Selbstbespiegelung ersetzt wurde.

Die Münchner Schickeria erscheint in Dietls Serie als genau dieser zivilisatorische Endzustand: ein Ornament auf dem Grabstein der bürgerlichen Kultur. Ihre selbstgewisse Urbanität, ihre ironische Distanz zu allem Erhabenen, ihr Fetisch für das Modische – das ist nicht Aufklärung, sondern Erschöpfung. Nicht Freiheit, sondern Laxheit. Nicht Emanzipation, sondern Ermüdung.

Das Leere in dieser Gesellschaft wird dabei nicht mehr als Mangel empfunden, sondern als Chic. Der Verzicht auf Tiefe gilt als Beweis von Weltläufigkeit. Der Nihilismus wird Champagner-süß serviert – als Kir Royal. Und während die Gäste einander zuprosten auf sich selbst, vollzieht sich unbemerkt jener Epochenbruch, den Spengler einst so formulierte: „Zivilisation ist das unausweichliche Schicksal einer Kultur. Sie ist das Ende.“

So betrachtet, ist die Schickeria nicht nur ein Phänomen der 80er. Sie ist das Ornament einer untergehenden Welt. Ihre salbungsvolle Ironie, ihr unpolitisches Lächeln, ihr kultivierter Narzissmus – sie stehen am Ende einer Entwicklung, die von der metaphysischen Tiefe des Abendlandes zur Oberflächenästhetik der Clubkarte geführt hat. Und so liegt in der Serie Kir Royal, wenn man genau hinhört, ein Abgesang – keine Satire, sondern ein Requiem.

Warum mich „Kir Royal“ nicht mehr loslässt

Ich habe Kir Royal viel zu spät entdeckt. Und vielleicht war genau das der Grund, warum es mich so tief getroffen hat. In einer Zeit der Streaming-Dauerbeschallung, der Serienmassenware, des dramatisch überzeichneten Storytellings, fiel diese Serie wie ein altes, gut erhaltenes Manuskript in meine Gegenwart. Ein Werk, das sich nicht an den Zuschauer heranschmeißt, sondern ihn testet: auf Geduld, auf Sensibilität, auf Aufmerksamkeit. Und ich bestand diesen Test – und wurde reich belohnt.

Was mich fesselte, war nicht nur die Sprache, nicht nur die Musik, nicht nur die souveräne Kameraführung. Es war das Zusammenspiel all dessen – eine Ästhetik des Uneigentlichen, eine Ironie, die nie bloß zynisch, sondern immer auch melancholisch war. Kir Royal war für mich kein Zeitdokument, sondern ein Spiegel. Ich sah darin mich selbst: als Medienkonsument, als Mensch, als suchender Zeitgenosse.

Ich sah in Baby Schimmerlos einen Bruder im Geiste. Ich sah in Mona etwas, das in mir selbst zu lange zu wenig Raum bekam: Standhaftigkeit ohne Pose. Ich sah in Haffenloher die Tragödie der Zugehörigkeit – dieses ewige Streben nach „Dazugehören“, nach Anerkennung, das am Ende in Einsamkeit mündet. Und ich hörte in den Dialogen eine Sprachkunst, wie sie heute kaum noch gepflegt wird.

Kir Royal ist für mich zu einem inneren Maßstab geworden: für Stil, für Haltung, für Intelligenz im Erzählen. Und manchmal denke ich: Vielleicht ist es gut, dass ich es erst jetzt entdeckt habe. Denn früher hätte ich es konsumiert. Heute habe ich es verstanden.

Kir Royal, Starnberger See
Nebenschauplatz in Kir Royal: der Starnberger See

Im Schweigen liegt die Wahrheit – Der letzte Auftritt des Baby Schimmerlos

Die letzte Szene von Kir Royal schleicht sich nicht mit Pomp oder Pathos ins Gedächtnis – sie brennt sich leise ein. Inmitten des wohltemperierten Wahnsinns der Münchner Schickeria sitzt er, der Chronist dieser dekadenten Welt, plötzlich allein: Baby Schimmerlos. Mona, seine langjährige Vertraute und emotionale Instanz, hat ihn scheinbar verlassen. Ihr Abgang vollzieht sich beinahe beiläufig, und gerade darin liegt seine Brutalität. Was bleibt, ist ein Mann, der zum ersten Mal aus der Pose seiner Souveränität fällt.

Baby, der stets mit leichtem Zynismus, spitzer Feder und einem feinen Gespür für Macht und Eitelkeit durch das Biotop der Schönen und Einflussreichen manövrierte, ist nun auf sich selbst zurückgeworfen. Seine Welt, sonst so laut, grell und durchdrungen vom Klang klirrender Gläser und bedeutungsloser Konversationen, wird still. Die Zigarette in seiner Hand – einst Accessoire des selbstgewissen Flaneurs – wirkt nun wie ein letzter Halt in einer auseinanderbrechenden Kulisse.

Was diese Szene so erschütternd macht, ist ihr Understatement. Kein Ausbruch, kein Appell, keine Auflösung. Stattdessen: Schweigen. Ein Schweigen, das alles sagt. Babys Verstummen ist das Ende seiner narrativen Macht, seiner medialen Kontrolle – und zugleich der Beginn einer ungeschönten Wahrheit. Ohne Mona ist seine Welt nicht nur leerer, sie ist bedeutungslos. Ihre Beziehung – symbiotisch, ambivalent, aber tief – war das stille Rückgrat seiner Existenz. Sie bildete das emotionale Substrat, das seine Rolle als Beobachter überhaupt erst ermöglichte.

Dass er sprachlos bleibt, ist ein künstlerisches Statement. Es entzieht sich der Logik des Fernsehens, das gewöhnlich auf Auflösung drängt. Stattdessen erleben wir einen Moment reiner Kontemplation – das Bild eines gebrochenen Mannes, gefangen im Glanz der Oberfläche, der ihn einst nährte und nun zu verschlucken droht.

Diese Schlussszene ist keine bloße Finissage, sie ist ein Kommentar auf die Leere hinter der Maske der Prominenz. Sie fragt nicht nur, was von einem Menschen übrigbleibt, wenn das Spiel endet – sie zeigt es.

Schlusswort: Ein monumentales Fernsehereignis – und ein literarischer Kosmos

Mit Kir Royal ist Helmut Dietl (mit Patrick Süskind im Hintergrund) ein Werk gelungen, das über Jahrzehnte hinweg nichts an Relevanz verloren hat. Es ist nicht einfach eine Serie – es ist ein Sprachdenkmal. Ein Kammerspiel über Medien, Macht und Moral. Eine deutsche Tragikomödie über Geltung, Glanz und geistige Erschöpfung. Und vor allem: ein literarisches Werk in Bildern.

Kir Royal ist Fernsehen als Kunstform – mit Maß, Stil, Ironie und Tiefe. Eine Serie, die man nicht einfach schaut, sondern liest. Immer wieder. Mit Genuss. Mit Erkenntnis. Mit einer Zigarette in der Hand. Und vielleicht einem Glas Kir Royal.


Literaturverzeichnis

Primärquelle

Dietl, Helmut (Regie), Süskind, Patrick (Drehbuch): Kir Royal – Aus dem Leben eines Klatschreporters. München: Bayerischer Rundfunk / Bavaria Film, 1986. 6 Episoden. Erstsendung: BR Fernsehen.

Drehbuch / Literarische Edition

Süskind, Patrick / Dietl, Helmut: Kir Royal – Das Drehbuch. Zürich: Diogenes Verlag, 1987.

Sekundärliteratur / Gesellschaft, Philosophie, Literatur

Adorno, Theodor W.; Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am Main: Fischer, 1969 [Erstveröffentlichung 1944].

Baudrillard, Jean: Der symbolische Tausch und der Tod. München: Matthes & Seitz, 1991.

Fontane, Theodor: Effi Briest. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007 [Erstveröffentlichung 1895].

Goethe, Johann Wolfgang von: Faust. Der Tragödie erster Teil. Stuttgart: Reclam, 2000 [Erstveröffentlichung 1808].

Kubitschek, Götz: Provokation. Schnellroda: Antaios, 2007.

Lichtmesz, Martin: Rassismus – Ein amerikanischer Alptraum. Schnellroda: Antaios, 2018.

Lübbe, Hermann: Politischer Moralismus – Der Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft. Graz: Styria, 1987.

Mann, Thomas: Buddenbrooks – Verfall einer Familie. Frankfurt am Main:
Fischer Taschenbuch, 2002 [Erstveröffentlichung 1901].

Pfaller, Robert: Erwachsenensprache – Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur. Frankfurt am Main: Fischer, 2017.

Sloterdijk, Peter: Du musst dein Leben ändern. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2009.
Sloterdijk, Peter: Kritik der zynischen Vernunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1983.

Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. München: C.H. Beck, 1923 (2 Bände).

Süskind, Patrick: Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders. Zürich: Diogenes, 1985.

Film- und Medienanalyse

Antonioni, Michelangelo (Regie): Blow-Up. Großbritannien/Italien, 1966.

Büsching, Helmut: Fassbinder – Die Entdeckung des Lebens im Theater. Berlin: Theater der Zeit, 1992.

Hickethier, Knut: Fernsehen – Geschichte, Theorie und Analyse. Stuttgart: Metzler, 2005.

Kaul, Wolfgang: Helmut Dietl. Eine Biografie. München: C.H. Beck, 2018.

Kreile, Günter: Fernsehklassiker: Kir Royal. In: epd medien, Nr. 30/2006.

Krüger, Uwe: Mainstream – Warum wir den Medien nicht mehr trauen. Köln: PapyRossa, 2016.

Löffler, Sigrid: Scharf, aber nicht bösartig: Die Kunst des Gesellschafts-Porträts. In: Die Zeit, Nr. 15/1986.

Reichel, Ingo: Helmut Dietl – Zwischen Komik und Kulturkritik. In: Filmkritik heute, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung, 2011.

Onlinequellen (Stand: Juni 2025)

Kellerhoff, Sven Felix: Der Mann, der Baby Schimmerlos erfand. In: Welt.de, 20. Januar 2015. URL: https://www.welt.de/vermischtes/article136600358/Der-Mann-der-Baby-Schimmerlos-erfand.html

Münchenblogger: Kir Royal vs. Zettl – Ich scheiß dich so was von zu mit meinem Geld. URL: https://www.muenchenblogger.de/kultur/kir-royal-vs-zettl-ich-scheiss-dich-sowas-von-zu-mit-meinem-geld

ND-Aktuell: Und jetzt sag Heini zu mir. Artikel vom 10. Juli 2014. URL: https://www.nd-aktuell.de/artikel/966637.und-jetzt-sag-heini-zu-mir.html

Wikipedia: Kir Royal (Fernsehserie). In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Zuletzt bearbeitet am 15. Juni 2025, 11:42 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Kir_Royal_(Fernsehserie)

Literatur & Quellen (Auswahl)

Dietl, Helmut / Süskind, Patrick: Kir Royal – Aus dem Leben eines Klatschreporters. Fernsehserie, Bayerischer Rundfunk, 1986.

Wecker, Konstantin: Auftritt als Tonmeister in Folge 4 („Wer reinkommt, ist drin“) der Serie.

Krebs, Dieter: Rolle als Friseur in Folge 3 („Die dunkle Seite der Macht“), subtile Parodie auf das Schönheits- und Dienstleistungsgewerbe der Schickeria.

Bach, Dirk: Kurzauftritt als Empfangschef, beispielhaft für das stille Funktionieren der Luxuswelt.

von Bülow, Loriot: Gesammelte Prosa. Zürich: Diogenes Verlag, 1988 – zur Kontextualisierung des deutschen Medienhumors der 1980er Jahre.

Reckwitz, Andreas: Die Gesellschaft der Singularitäten. Berlin: Suhrkamp, 2017 – zum Verständnis spätmoderner Sichtbarkeit und Medienlogik.

Klotz, Volker: Geschlossene und offene Formen im Drama. 2. Auflage. Stuttgart: UTB, 1999 – als theoretischer Rahmen für die Strukturanalyse serieller Dramaturgie

Eine kleine Filmkritik zu „Mad Max Fury Road“

Wer beim neuen Streifen von George Miller viel Handlung erwartet, kann sich den Kauf der Kino-Karten sparen. Dafür ist „Mad Max – Fury Road“ das, was man einen dunklen, oder eher: sandigen, Endzeit-Action-Film nennt. Dazu machen ihn all jene scharfen Zutaten, mit denen wir im Zeitalter der all gegenwärtiger Digitalisierung kaum noch in einer Filmküche rechnen würden: echte Manpower, echte Stunts und düstere, handgemachte Masken. Was der Australier da vor unseren Augen entstehen lässt, wirkt durchgeknallt, skuril, comic-like und wie ein kurzweiliger Videoclip, dessen Charkteren allesamt eine Zwangseinweisung ausgestellt gehört, feiern sie ihr persönliches Memento Mori und die Apokalypse der Welt doch auf allerhöchstem Level.


Immortan Joe in Action

Wir werden hinein katapultiert in eine Wüstenlandschaft, die von verschiedenen Clans und Warlords beherrscht wird. Die wertvollste Ressource ist – wie könnte es auch anders sein – Wasser, einzig reichlich vorhanden in der vom Tyrannen Immortan Joe bewohnten Saline. Mad Max wird von Anhängern des Bösewichts, den Warboys, gefangen genommen. Denen dient er als lebendiges Blutreservoir, kann aber entkommen und schließt sich, gemeinsam mit dem leicht morbiden Warboy Nux, Imperator Furiosa an. Furiosa war früher Teil von Immortan Joes Fangemeinde, flieht aber jetzt vor ihm in einem 2000-PS-starken Truck-Monstrum. Ach ja – an Bord sind da auch noch Joes fünf junge Frauen, die ihm eigentlich als Zwangs-Gebärerinnen für seine kleinen Nachwuchs-Krieger dienen sollten. Na ja. Natürlich kriegt der böse Junge am Ende sein Fett weg und der wortkarge Mr. Mad Max verschwindet irgendwo im Nirgendwo.


Epische Aufnahmen gehören bei Fury Road dazu.

Die rund 110-Millionen-Dollar-Produktion sollten Action-Fans auf keinen Fall verpassen. Denn, dass in diesem Film ausnahmsweise mal viel Handgemachtes steckt, fühlt und sieht der Zuschauer in jeder Sekunde. Da fliegen Menschen an riesigen Dynamit-Speeren in hohem Bogen durch die Luft. Da pauken die Bösewichte auf archaischen Trommeln zur Schlacht und leisten sich mit den Protagonisten waghalsige Verfolgungsjagden in selbst gebauten Teufelskisten, die auch Vin Diesel in „Fast and Furious“ hätten neidig werden lassen. Es riecht nach Benzin, Wahnsinn, Chrom und Sand in diesem Film und das macht ihn besonders – eine nihilistische mit Gewalt gespickte Endzeit-Atmo.

Im Nachhinein betrachtet, ist es wohl gut, dass sich Fury Road in einem scheinbar nie enden wollenden Vorproduktions-Trauma befand, denn, so denke ich, die lange Phase der Reifung endete für uns gnenau zur richtigen Zeit. Es tut einfach mal wieder gut, handgemachte Effekte, jenseits des Digitalisierungs-Overkills zu sehen, bei denen die Schauspieler nicht vor einem Bluescreen stehen, sondern wahrhaftig mitten in der Wüste vor echten Autos mit blubbernden V8-Motoren, bei 40 Grad im Schatten.

Erste Pläne für „Fury Road“ lagen schon 2003 auf dem Tisch. Nachdem die Dreharbeiten in Namibia aufgrund politischer Konflikte damals nicht durchgführt werden konnten, wurde das gesamte Projekt zunächst gecancel und schlummerte tief in der Filmemacher-Schublade, bevor Miller dann 2011 in Australien den erneuten Startschuss für die Dreharbeiten gab, ohne Mel Gibson. Der sprang nämlich ab. Für ihn kam Tom Hardy. Aber dieses Genre-Meisterwerk lebt ohnehin nicht von seinen Darstellern. Die sind, mit Verlaub gesagt, austauschbar. Daher ist es auch völlig Wurscht, ob Charlize Theron den Truck fährt, oder ob Hella von Sinnen das getan hätte, ob Tom Hardy Mad Max ist, oder eben nicht. Es tut auch nichts zur Sache, dass das, was wir da sehen, mit den alten Mad Max-Filmen nichts zu tun hat, bis auf ein kleines, aber feines Detail vielleicht. Immortan Joe wird von Hugh Keays-Byrne gespielt, der schon in Mad Max II den Bösewicht „Toecutter“ verkörperte. Als Joe erkennt man ihn wegen seiner diabolischen Maske nicht wirklich, aber okay. Und wenn ich jetzt schon dabei bin, mich in Details zu verlieren: Die Filmmusik vom niederländischen DJ „Junkie XL“, den kennen Sie vielleicht noch aus dem Jahr 2002 vom Elvis- Remix „A little less conversation“, ist einfach mega.


Auf der Flucht.

Ehrlich gesagt, hatte ich Bedenken, dass der Film das Tempo und den Stil des super gemachten Trailers nicht würde halten können. Zu Unrecht: Das, was wir sehen und hören, ist atemberaubend, Action geladen und einfach der pure Wahnsinn! 9 von 10 Punkte.

Bildrechte: Warner Bros. Entertainment

Viel Stoff zum Träumen: „Dior and I“

Die alten, schweren Türen öffnen sich und geben den Blick frei in ein Treppenhaus, das schon viele Menschen hat kommen und gehen sehen. An den Wänden prangern Graffiti-Schriftzüge, lautstark protestierend gegen System und das Establishment, Flyer überall. Es mutet schon ein wenig seltsam an, dass sich in dieser Hinterhof-Atmo, ein Kinosaal verbergen soll. Und noch viel seltsamer ist es wohl, sich gerade hier, in einer linken Entclave, Frédéric Tchengs neuestes filmisches Meisterwerk „Dior and I“ anzuschauen und einen Blick auf und vielleicht auch hinter die oberflächliche Maske der Haute Couture, diesen schillernden Salon der Eitelkeiten, zu werfen.

Ich erwartete von „Dior and I“ eine Art cineastisches Denkmal für den großen Meister und Wegbereiter der Haute Couture, für Dior eben. Doch der tritt nur zu Beginn des Films in Rückblenden und alten Ausschnitten als personifiziertes Über-Ich in Erscheinung. Nein, in diesem Film geht es nicht nur um die Vergangenheit eines der wohl legendärsten Modehäuser der Welt. Es geht nicht nur um die Huldigung einer Legende, um die Glorifizierung eines Mythos. Vielmehr entfaltet sich seine Dynamik im sensiblen Porträt von Raf Simons, der seine erste Haute Couture-Kollektion für Dior kreieren muss – in nur acht Wochen und für den die Aufgabe Herausforderung und schwere Bürde zugleich ist. Raf Simons zählt zu den renommiertesten Modeschöpfern unserer Zeit, hat sein eigenes Label, war Kreativdirektor bei Jil Sander, trat im Jahr 2012 die Nachfolge von John Galliano im Hause Dior an und betrat damit den Weg ins Allerheiligste der Modebranche: in ein magisches Reich, in dem nur edelste Stoffe und feineste Materialien verwedet und in unzähligen Arbeitsstunden zu Ikonen der Catwalks verwandelt werden. In diesen heiligen Hallen sind die Worte Konfektion und Prêt-à-porter verpöhnt.


Raff Simons @work

Nun ist es der Schaffensort von Raf Simons. Seine Augen haben etwas Gütiges, aber man spürt sie in ihm, die Nervosität, die Fäden in der Hand und die Verantwortung für eine der größten, schönsten und schillerndsten Modeschauen der Saison auf seinen Schultern zu tragen. Tcheng blickt hinter die Kulissen des Modezirkus, ohne zu kommentieren, ohne einzuschrenken. Der US-amerikanische Regisseur hatte mit seinem Film „Valentino – The last Emporer“ im Jahr 2008 bereits einen ersten Berührungspunkt mit der Modewelt.

Und das Auge der Kamera führt uns auch dieses Mal mitten ins Epizentrum des Schaffensprozesses und zeigt, wie aus einer Idee Mode wird. Wir sehen die tausenden Hände, die schneidern, nähen und Pailleten auf Träume aus Samt platzieren . Die Hände sind der Saum der Kollektion, arbeiten Tag und Nacht, während Monsieur le Creative-Directeur sich Diors Strandhaus aus dem Heli ansieht. Ich sage das jedoch ohne Sarkasmus. Denn, auch wenn ein Haus wie Dior seinen Chefdesigner huldigt und ihn verwöhnt, geschieht das nur aufgrund einer Hoffnung: Dass sich alle Kosten in einer einzigen Schau amortisieren und das teure Investment zu einem Goldesel machen mögen.

Simons spielt virtuos auf der Klaviatur der Kreativität und wir dürfen ihm dabei zusehen. Er ist scheu, dominant, wegweisend, inspirierend und, ja, vielleicht auch dekadent. Aber er ist vor allem leidenschaftlich. So hat „Dior and I“ etwas durch und durch Cleanes, etwas Kantenloses wie Simons Hang zum Minimalismus. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die elektronischen Klangfarben des Soundtracks. Wenn Simons auf dem Dach eines Pariser Herrenhauses sitzt, flankiert von einem Butler und zu schüchtern, um sich der Presse zu stellen, so kauft man ihm das zweifelsohne ab.

Der Höhepunkt des Films ist die Schau, zu der natürlich wieder mal alles rechtzeitig fertig wird, gerade so. Diese Harmonie der Schnitte, Farben und Formen wird umrahmt von einem traumhaften Meer duftender Blumen. Es ist fast ein wenig wie im Märchen und blickt man man in Simons Augen, so sieht man ihn weinen, vor Freude, während sich unten im Saal die versammelt haben, die das kostspielige Vergnügen finanzieren sollen. Das Who ist Who der echten High Society ist da. Auch Anna Wintertour von der Vogue, bien sûr. Sie versteckt ihren kritischen Blick hinter einer schwarzen Sonnenbrille – wie immer zu einem solchen Anlass. Und die Kleider? Die sind fantastisch, schön und für Normalsterbliche einfach unbezahlbar. Aber wer wird an einem solchen Tag denn ans Geld denken, außer der Vorstandsvorsitzende von Dior, Monseieur Sidney Toledano, vielleicht? Fazit: ein Must-see für alle Vogue-Leser/Innen.

Ex Machina – Eine kleine Filmkritik

Der schon am 21. Januar in den britischen Kinos angelaufene Streifen von Alex Garland „Ex Machina“ hat im April 2015 sein Deutschland-Debut gefeiert. Die Handlung des Films ist schnell erzählt. Das 26-jährige Programmierer-Ass Caleb gewinnt als Mitarbeiter der riesig-großen – und sicherlich an Google angelehnten – Firma Bluebook einen Proggi-Wettbewerb und wird auserwählt, seinen exzentrischen Firmenboss Nathan zu besuchen. Dieser lebt abgeschieden inmitten einer rauhen und eindrucksvollen Landschaft, wo er sich – Money Money Money sei Dank – eine Art Forschungsstation in einer Luxus-Villa eingerichtet hat. Ziel des Ganzen: Nathan erschafft künstliche Intelligenz in Form von weiblich-humanoiden Robotern, die – nebenbei bemerkt – noch ganz attraktiv sind. Caleb macht Bekanntschaft mit Ava, der neuesten Schöpfüng Nathans, um die Authentizität ihrer Emotionen zu überprüfen. In Gesprächen, die von Nathan per Videokamera überwacht werden, soll Caleb Ava befragen. Ava fingiert Stromausfälle, während denen folglich keine Videoüberwachung möglich ist. Sie überzeugt Caleb, der sich nach und nach in sie verliebt, davon, dass Nathan böse und unehrlich ist. In einem Gespräch mit seinem Boss erfährt Caleb, dass Nathan plane, Ava nach der Testwoche abzuschalten. Caleb, dessen Hormone mittlerweile Salto schlagen, will Ava vor ihrem Roboter-Tod bewahren. Da sich Nathan regelmäßig dem Alkohol hingibt, ist es für ihn kein Problem, Nathans Keycard zu klauen und die Software zur Türöffnung umzuprogrammieren. Sesam öffne Dich. Ava ist frei, killt ihren Schöpfer Nathan, lässt den verdutzten und leicht naiven Caleb im abgeschiedenen Luxus-Domizil zurück und fliegt davon. That’s the way love goes.

„Ex Machina“ ist das Regie-Debut von Alex Garland. Wir kennen den Briten sonst eher als Drehbuchautor. So verdanken wir ihm Werke wie „The Beach“ oder „28 Days later“. Das Budget des Films war mit 11 Mio. Euro niedrig. Produziert wurde der Streifen von den Pinewood-Studios bei London. Ach ja – Pinewood, das muss ich noch unbedingt loswerden – hat 1962 „James Bond jagt Dr. No“ produziert.

Die Low-Budget-Sparflamme, auf der der Film köchelt, merkt man ihm nicht an. Einer seiner positiven Aspekte ist die Art, wie er fotografiert wurde. Ein ruhiger Schnitt und poetische Flashbacks entschleunigen das cineastische Erlebnis auf angenehme Art und Weise und erinnerten mich ein wenig an Streifen aus den 80ern. Die beindruckende Landschaft, Gletscher, Wasserfälle in schönen Totalen tun da ihr Übriges. Es ist die Abgeschiedenheit, die kontrapunktische Inszenierung von rauher Natur auf der einen, und die Gegenwart von technokratischer High-End-Wissenschaft auf der anderen Seite, die den Film nähren. Im klinisch-klaustrophobischen Setting von Nathans Villa entwickelt sich eine Art Kammerspiel, das sich entfaltet zwischen Nathan, Caleb und Ava. Geprägt von einer gewissen Ironie, sind es aber besonders die Dialoge zwischen Caleb und Nathan, die Ex Machina Würze verleihen.

Der Film lebt nicht von den eher langweiligen Gesprächen zwischen Ava und Caleb. Die Befragungen Calebs wirken zuweilen lächerlich. Das aus den faden Verhören dann auch noch (zumindestes seitens Caleb) eine Verliebtheit resultiert, mag man kaum glauben. Was hätte Caleb Ava nicht alles fragen, und welche Antworten aus der Perspektive ihres artifiziellen Seins hätte sie ihm geben können? Wir werden es nie erfahren, weil in diesen Gesprächen alles, aber auch alles, auf die banalsten zwischenmenschlichen Komponenten reduziert wird. Attraktive Frau verdreht naivem Mann den Kopf. Hatten wir nicht den Bad Girl-Effekt schon mal?

Der seichten Love-Story steht die dominant-exzentrische Personality Nathans gegenüber. Sein archaisches Erscheinungsbild mit Vollbart und Kurzhaarfrise, gepaart mit einem Lifestyle, den man (bzw. ich) zunächst nicht hinter einem Multi-Milliarden-Dollar-CEO vermuten würde, macht den Streifen aus. Über diesen Menschen will man eigentlich noch sehr viel mehr erfahren. Nathan der Weise hat mit 13 Jahren den Quellcode seiner Suchmaschine programmiert, es bleibt offen, ob die Namensgebung sich an Lessings Bühnenstück anlehnt. Erkennbar sind die Parallelen zur Hauptfigur allemal. Einen biblischen Bezug haben wir, zumindest phonologisch betrachtet, bei „Ava“ und explizit bei „Caleb“. Caleb stammt aus dem Hebräischen und bedeutet „alles“, „treu und voller Hingabe“.

Oscar Isaac als Nathan macht zweifelsohne den besten Job und sticht seine Kollegen deutlich aus, die neben ihm nur blass wirken. Der aus Guatemala stammende Isaac wurde mit der Bibelverfilmung „Es begab sich aber zu der Zeit“ als Joseph bekannt. Für dessen Darstellung erhielt er 2007 den Grace Award.

Eine der größten Schwächen des Films ist sein eindimensionlaer Handlungsstrang. Ich meine: Vergegenwärtigen wir uns mal, um was es da geht. Da kommt jemand daher und hat einen ultra-coolen humanoiden Roboter geschaffen, und alles, was daraus resultiert, ist eine langweilige „fingierte“ Liebesgeschichte zwischen einem verklemmten Programmierer und einer ausgebufften Roboter-Ladie, die natürlich, wer hätte das gedacht, am Ende noch böse ist. Das finde ich echt schade, denn so gibt der Film all sein Potential zugunsten einer gähnend-langweiligen Robo-Romanze auf. Der Mainstream wirds mögen. Auch wenn Nathan noch gerade so mit Anspielungen auf Wittgenstein und Chomskys „Innateness Hypothesis“ (Chomsky ging davon aus, dass die Anlagen zum Erlernen von Sprache im menschlichen Geiste immer schon von Geburt an vorhanden sind und das Kind nur noch ihre Anwendung lernen müsse *ja, ich hör ja schon auf*) die philosophische Kurve kriegt, macht das die Oberflächlichkeit des Films auch nicht mehr wett.

Alicia Vikander macht in der Rolle der Ava das, was sie gut kann. Sie sieht hübsch aus, mehr aber auch nicht. Sie ist eben eine Darstellerin, keine echte Schauspielerin. Ach, wie unfreundlich, aber erfrischend ehrlich ich wieder mal bin. Vikander trat in Stockholm in verschiedenen Musicals auf, bekannt wurde sie in der schwedischen Serie „Andra Avenyn“. Auf der Berlinale im Jahr 2011 erhielt sie den „European Shooting Star Award“, der ihr endgültig den internationalen Durchbruch verschaffte. So spielte sie beispielsweise schon neben Jude Law und Keira Kneightly in „Anna Karenina“.

Domhnall Gleeson, was soll ich zu ihm sagen? Ja, man kauft ihn ihm ab, den Proggi-Nerd. Vikander und er kennen sich übrigens seit dem gemeinsamen „Anna Karenina“-Dreh.

Und nun machen wir, last but not least, noch weiter mit dem Verriss. Neben der Eindimensionalität des Films, seinem sachten Dahinplätschern, sind es auch die dramaturgischen Lücken, die die Gesamt-Performance des Streifens schwächen. Man stelle sich vor: Ein einzelner Mann baut in aller Abgeschiedenheit eines der tollsten Dinge, die die Menschheit seit der Handyflatrate gesehen hat. Ohne Helfer und erst recht ohne Mitwisser. Merken Sie was? Das alles ist schon ein wenig unlogisch, weit hergeholt und hat etwas vom Frankenstein-Faktor, wenn auch netter verpackt.

Obendrein ist Nathans Ermordung gegen Ende ein wenig unnötig und dürfte dem mit toter Robo-Haushälterin und Mega-CEO alleine zurückgelassenen Caleb ganz schön auf den Magen schlagen. Spätestens wenn die Polizei auftaucht.

Ach ja, das Ende. Ava haut ab, ohne Caleb, und was für sie viel schlimmer ist: ohne Akku-Station, die sie eigentlich dringend bräuchte. Na,vielleicht ist dem Storyboard ja jenseits von Minute hundert endgültig der Saft ausgegangen – so wie Ava wohl spätestens in Minute tausend. Der Zuschauer fühlt sich da jedenfalls ebenso allein gelassen wie Caleb in seinem Verließ. Wieso wundert sich der Heli-Pilot, der Ava völlig selbstverständlich in die Zivilisation fliegt, nicht mal? Immerhin sollte ja Caleb an Avas Platz stehen. Was macht Ava? Muss die Menscheit sich vor der schärfsten Cyber-Braut seit Brigitte Nieslsen (oder ist die etwa echt???) in Acht nehmen? Doch an die Stelle von Antworten tritt der Abspann… What a pitty.

Fazit: Kann man mal sehen, muss man aber nicht. Ich gebe dem Film ganz durchschnittliche 5 von möglichen 10 Punkten.

Danke an M. Reeb für den cineastischen Austausch.

The Purge: Anarchy – Eine kleine Filmkritik

Gestern habe ich mir im örtlichen Cinestar „The Purge: Anarchy“ angesehen. Die Fortsetzung des im Jahr 2013 so erfolgreich durchgestarteten Teil eins – damals noch mit Ethan Hawk und Lena Headey in den Hauptrollen – kann sich meines Erachtens nach durchaus sehen lassen. In einer Zeit, in der eine alljährliche „Säuberung“ von einer Regierung erlaubt, ja sogar gewünscht ist, wird für eine Nacht jegliche Form von Moralität außer Kraft gesetzt. Und eben diese permanente Bedrohung ist es, die den Zuschauer von der ersten Minute an in eine Atmosphäre der Angst hineinwirft und ihn durch einen metertiefen Sumpf von Gewalt und Hass warten lässt. So bedient sich der Film wohlbekannter Elemente à la „Running Man“ und auch an den ein oder anderen Zombie-Streifen musste ich durchaus öfter denken.

Aber dennoch ist es vielmehr die gesellschaftliche Dimension, das Schranken-fallen-lassen-für-eine-Nacht, die dem Streifen sein Eigenleben verleiht. Eine Regierung, die die Armen tötet, die das Töten selbst als „Säuberung“ deklariert, da werden gewisse Parallelen zu zeitgeschichtlichen Ereignissen spürbar. Denn wo jeder für eine Nacht lang gottgleich über Leben und Tod bestimmen kann, dort wird das menschliche Biest entfesselt und wütet ganz unverhohlen zum Wohle des Systems, das jene, die scheinbar ihre Freiheit ausleben, doch nur als Sklaven für seine Zwecke verwendet.

Die grausame Dekadenz, die selbst beim Tötungsritual noch Klassenunterschiede erwachsen lässt, betont das Irrspiel, dessen Akteure sogleich Täter und Opfer sind. Denn während die Armen um ihr Leben fürchten, lassen sich die Reichen ihre elesenen Opfer quasi nach Hause liefern, um sie dann im trauten Heim abzumetzeln. Frei Nach Oscar Wilde: Jeder von uns ist sein eigener Teufel und wir machen uns diese Welt zur Hölle. Fazit: Nicht gerade tiefgründig, nichts was man mit der Realismus-Brille analysieren sollte, aber durchaus sehenswert und kein Sujet für weichgespülte Soap-Fans.

Alles nur geträumt? Meine Meinung zu „Inception“

Gestern habe ich mir „Inception“ angesehen. Das siebte Werk von Christopher Nolan (Batman the Dark Night) hat eine interessante Grundidee. Im Kollektiv kann man letztendlich in das Unterbewußtsein von Träumenden eindringen, um denen auf diese Weise die geheimsten Geheimnisse (entschuldigen Sie an dieser Stelle, dass ich diesen Pleonasmus verwende) zu entlocken. Das Leitmotiv finde ich fantastisch, denn es bietet Raum für großes Popcorn-Kino.

Auch Freud hätte das wohl „gefreut“. Immerhin geht es da um die Kreation ganzer Welten, also um Konstruktivismus par excellence sozusagen. Allerdings erschöpft sich der Film an seinem eigentlichen Sujet. Wie kann man, so frage ich mich, Wirtschaftsspionage zum Inhalt eines solchen Streifens machen? Sind Bergstationen bzw. Vans wirklich die Orte, die man da als Locations erwartet? Das einzig Fantastische an diesem Film ist tatsächlich das zum Sandwich geklappte Paris (siehe dazu die TAZ-Kritik weiter unten). Durch die Einführung diverser Zeit-Ebenen wird dieser Film pseudo-verkompliziert. Auch die Einführung einer Liebes-Storyline wirkt konstruiert. Schließlich hat dann auch die Eigenlogik der Handlung ein paar Schönheitsfehler…

Da hätte ich mir mehr erwartet. Wieder einmal ein Beispiel dafür, dass 160 Millionen Dollar Produktionskosten nicht gleich Qualität bedeuten müssen.

Fazit: Der Raum für’s Fantastische wird nicht ausgenutzt. Grundidee super, Umsetzung mangelhaft, macht zusammen: 3+.

Die TAZ hat das Ganze sehr treffend formuliert:
„Die Traumwelten des Films sind vergleichsweise klar strukturiert, funktional, Fantasien vom Reißbrett. Was möglich wäre, bleibt mit der aus dem Trailer bekannten Sequenz, in der Paris zum Sandwich geklappt wird, bloße Andeutung: verrückter wird’s nicht. Höchstens, dass später mal unfahrplanmäßig die Bahn kommt.“