You can’t always get what you want …

Haben noch nichts aus ihren Fehlern gelernt: Wie Mainstream-Schulen zur Stabilisierung des gesellschaftlichen Status-Quo beitragen und wie das unseren Kindern schadet.

You can’t always get what you want, das ist nicht nur ein altbekannter Titel der Rolling Stones. Es ist vielmehr ein Credo, eine Formel, die tatsächlich wahr zu sein scheint, aber in unserer derzeitigen kapitalistischen Gesellschaft immer weniger beachtet wird. Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Wenn ich so nachmittags durch die Stadt schlendere, sehe ich gefühlt mehr Sportwagen, mehr schwarze SUVs, kurz: mehr Luxuskarossen als früher. Und tatsächlich scheint das, was sich die meisten leisten können, vordergründig mehr geworden zu sein. Ja, was für den deutschen Mainstream selbstverständlich geworden ist – kleines Häuschen, netter Vorgarten in einer verkehrsberuhigten Straße, zwei Autos und Riesen-Fernseher – all das hat im Zeitalter der 0-Prozent-Finanzierung den Zenit der Dekadenz noch längst nicht überschritten. Denn bei den meisten Menschen in Deutschland ist, soweit man Studien vertrauen mag, nicht das Geld mehr geworden, sondern sind die Ansprüche an den Komfort gewachsen, genauso wie die Bereitschaft, sich dafür zu verschulden.

Von finanzierten Pauschalurlauben bis hin zu Kids, die in Markenklamotten großgezogen werden, hat sich ein Großteil der Menschen dem kapitalistischen Konsumverhalten vollends untergeordnet. Weitestgehend unkritisch. Und das ist es, was mich sehr schockiert. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob das früher schon genauso war und ich es nur nicht wahrnahm. Aber die Saat der unzähligen Werbebotschaften ist im Zeitalter von Product Placement und Influencern wohl doch aufgegangen. Mit ihnen konstituiert sich eine Generation, für die Materialität selbstverständlich ist und Geld als Mittel zur Glückseligkeit verklärt. Aber der Werbung alleine die Schuld dafür zu geben, ist verfehlt. Dieses Problem stellt sich vielmehr, wie sagt man so schön, multifaktoriell dar, wird befeuert von Schulen, Eltern und selbst von Universitäten, also quasi von allen Sozialisationsinstanzen. Bis auf wenige Ausnahmen, vermitteln sie dem Individuum das, was Adorno einst als Halbbildung entlarvte, ohne es zu echtem systemkritischem Denken anzuhalten.

Die Verkürzung der Schulzeit, die stoffliche Verdichtung und zahlreiche Vertretungsstunden tun ihr Übriges, kappen die Kindheit zugunsten eines kompetitiven Leistungsdrills, der gar nicht erst darauf ausgerichtet ist, den Einzelnen ganzheitlich zu fördern. Zugegeben: Akademisierung ist wichtig, aber sie als Königsweg zu verkaufen, führt zwangsläufig auf den Holzweg.

Führen wir die gegenwärtigen Lehrpläne einer Gymnasialklasse als Beispiel an, so wird klar, auf was Schule fokussiert: auf Gleichschaltung, Systemstabilisierung und möglichst rasche Marktintegration. Denn die Lehrpläne sind weder individuell auf den einzelnen abgestimmt, noch sollen durch sie Talente gefördert werden. Wäre dem so, so fänden sich darauf auch Fächer wie „Allgemeine Friedenskunde“, „Wie schreibe ich ein Buch“ und „Anleitung zum systemkritischen Denken“. Doch stattdessen ist die gegenwärtige Schullandschaft ein Musterbeispiel für eine auf eine akademische Laufbahn fokussierte Vita. Daraus resultieren verunsicherte Eltern, die meinen, dass das Studieren das Non plus Ultra sei. Welche Fehleinschätzung, denn in Wahrheit akademisiert sich unsere Gesellschaft gerade zu Tode, was man an den immer obskurer anmutenden Studiengängen sehen kann, die angeboten werden. Ganz nach dem Motto „Hier findet jeder Topf seinen Deckel“, sind sie meist nichts weiter als besonders fantasievolle akademische Warteschleifen für jene, die eigentlich nicht studieren wollen, es aber dann doch besser sollen.

Ergebnis ist einerseits die Verflachung akademischer Inhalte gerade in den Geisteswissenschaften, da sie massentauglich gemacht werden müssen und anderseits ein durch und durch schulischer Habitus der Studierenden, die ja nie gelernt haben, selbständig im Humboldt’schen Sinne zu studieren – und vor allem zu denken. Gelernt wird das, was für die Prüfung wichtig ist. Und zwar auf Gedeih und Verderb. Das ist es, was Prof. Gerald Hüther und Co. als Bulimie-Lernen bezeichnen. Genau diese  pathologische Lernform ist es, die nicht nur nachhaltiges Lernen verhindert, sondern auch der zukünftigen Offenheit dem Lernen gegenüber im Wege steht.

Folgt man der kapitalistischen Doktrin, so sind sie am Ende ihres Studiums im Idealfall allesamt „Master“, wenn auch „Master of Desaster“ – konformistisch, unkritisch und, was das Wichtigste ist: nicht ausgefüllt von dem, was sie tun. Kurz: die Nine-to-Fiver von morgen. Und das nur, weil über allem bildungspraktischen Handeln das unsichtbare Damokles-Schwert des „Du musst mal ordentlich Geld verdienen“, schwebt.

Dabei wird allzu oft vergessen, dass die wenigsten akademischem Jobs so gut bezahlt werden, dass der SUV ohne Finanzierung wirklich drin wäre. Viel mehr noch: Antworten auf die wirklich essentiellen Fragen werden bewusst ausgeklammert – wie die, wo all die gezüchteten Akademiker denn mal arbeiten sollen und was uns im Zuge der Digitalisierung an Massenentlassungen blüht. Während auf der einen Seite zwangsakademisiert wird, werden weite Teile der Bevölkerung quasi ausgeklammert. Früher als „sozial schwach“ gebrandmakt, stigmatisiert man sie heute mit dem Begriff „bildungsfern“, nur um zu kaschieren, dass man sie aufgrund fehlender Chancen und Verwertbarkeit längst abgeschrieben hat. Denn: Wenn sie bildungsfern wären, läge es ja an den Bildungsträgern, näher an sie heranzukommen.

Der Starrsinn der Politik und der an ihr beteiligten Institutionen zeigt auf, dass den meisten Parteien nicht an zukunftsweisenden Konzepten, sondern an der Stabilisierung ihres Machtmonopols sowie der gesellschaftlichen Umstände gelegen ist. Und genau dieser Plan kann letztlich nur aufgehen, wenn der potentielle Wähler die Rolle des stumpfsinnigen Konsumenten einnimmt, der nichts hinterfragt und lieber Netflix schaut, statt für seine Überzeugungen Flagge zu zeigen. Indem Konzepte wie das Maria Montessoris nur einer elitären Minderheit zugänglich gemacht wird, während die Schulmaschinerie weiter auf Verschleiß fährt, wird dieses Soll erfüllt.

Was folgt also daraus? Es geht um nichts weniger als um ein echtes Umdenken, jetzt und hier. Das müssen wir vollziehen, wenn wir diesen Planeten für zukünftige Generationen lebenswert machen wollen. Denn aus dem Denken erwächst Handeln und nur das vermag uns in eine Zukunft zu führen, die weniger bedrohlich daherkommt, wie die, die sich beispielsweise der maschinell-industrielle Komplex für uns erdacht hat. Das geht nur dann, wenn wir bei uns selbst ansetzen – das ist hart, wirklich hart. Aber die Politik, so wie die großen Kartell-Parteien betriebt, wird uns dabei nicht helfen. Denn ihr liegt nichts, aber auch gar nichts daran. Wir müssen die kapitalistische Doktrin entlarven als das, was sie ist: zerstörerisch und zutiefst inhuman. Dazu muss auch die Schule ihren Beitrag leisten.

Fakt ist: Wir müssen zurückfinden zu alternativen Schulformen, die ohne ideologische Inhalte auf das Leben selbst vorbereiten und den Einzelnen zu einem mündigen Menschen erziehen. Dazu gehört neben basalen Fähigkeiten (Prozentrechten, Dreisatz, Lesen, Schreiben), auch die Vermittlung von weichen Kompetenzen, wie z. B. der Umgang mit Medien, das Erarbeiten von Konzepten in einem Team, die Rückbesinnung auf die Natur, die Wertschätzung des Lebens und die Entlarvung propagandistischer Sprache. Dazu gehören aber auch echte gesellschaftliche Teilhabe und Homeschooling, das in Deutschland quasi nicht möglich ist, nicht zu vergessen die Reformierung der Lehrerausbildung. Die Möglichkeiten im Digitalzeitalter sind schier grenzenlos. Und nur wenn wir sie nutzen, können wir unsere Kinder stark machen.

Vielleicht erkennen wir dann endlich, dass es nicht der teure SUV ist, den wir haben wollen und nicht wirklich bekommen, sondern dass wir das wirklich Wesentliche bereits in uns tragen.

Warum Sie kein Soldat werden sollten

Es gibt, und das möchte ich in aller Deutlichkeit sagen, keinen Grund, Soldat zu werden – und zwar in keiner Armee der Welt. Denn Krieg ist das Falscheste, was von Menschenhand je verübt wurde und leider noch wird.

Das Wort Soldat stammt vom lateinischen Verbum soldus ab und bezeichnet „die Münze“, im Plural also die „solidi“. Soweit der kurze ethymologische Abstecher in die Welt der Sprache. Dieser ist wichtig, weil schon die Klärung des Begriffs aufzeigt, um was es beim Soldat sein geht. Um die Besoldung, d. h. ums Erhalten von Geld für etwaige Handlungen im Sinne des militärischen Machtapparates. Und nein: Das hat mit einem normalen Beruf, mit Normalität im Sinne eines aufgeklärt denkenden Menschen nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Auch dann nicht, wenn unsere Bundesregierung und mit ihr die am Erhalt des Status Quo sehr interessierten Medien nicht müde werden, zu kommunizieren, dass es doch nichts Besseres gäbe, als Karriere beim Bund zu machen, also: ein Soldat zu sein. Ihr Tenor: Da kannste Krieg spielen. Da kannste in real ego-shooten und lernst ganz nebenbei deinen Mann oder deine Frau zu stehen. „Ja: Komm zum Bund. Hier wirst du gebraucht“, so klingt die sirenenähnliche und immer wiederholte Marketing-Botschaft der Truppe. Soldat zu sein soll schließlich wieder cool werden – spätestens seitdem die Wehrpflicht am 1. Juli 2011 abgeschafft wurde, die Anzahl der out-of-area-Einsätze aber stark angestiegen ist.

Ein Soldat, so will uns die Werbung Glauben machen, ist sowas wie ein Survival-Kämpfer, der Brunnen baut, sich super cool vom Hubschrauber abseilt und mit seinem Panzer dem Sonnenuntergang entgegen rollt, fast wie der Marlboro-Cowboy einst selbigem entgegenritt – nur eben ohne Lungenkrebs. All das ist natürlich geplant und ein wohl kalkulierter Euphemismus in einer Zeit, in der vom deutschen BIP zukünftig zwei Prozent für Aufrüstung abgezwackt werden sollen und ein Großmanöver nach dem anderen vorangetrieben wird. Zuletzt marschierten im Rahmen des größten NATO-Sandkastenspiels namens Trident Juncture in Norwegen 50.000 Soldaten auf, 10.000 Panzer rollten an, 250 Flugzeuge und 65 Schiffe wurden mobil gemacht.

Simuliert wurde der Angriff eines (räusper) „fiktiven“ Gegners. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt – denn welcher Gegner so nah an Russlands Grenzen gemeint war, sollte sich selbst dem geneigten Dauer-BILD-Zeitungsleser erschließen. Ein Tipp für Ahnungslose: Das Land fängt mit ‚R‘ an. Richtig ist auch, dass Russland in diesem Fall zuvor die Muskeln spielen ließ und im Rahmen des Manövers „Wostok-2018“ 297.000 Mann, darunter auch Chinesen, zusammenzog. Doch actio ist bekanntlich gleich reactio. Betrachten wir nämlich die NATO-Osterweiterung als Ganzes mit den Beitritten von Polen, Tschechien und Ungarn 1999, gefolgt von Estland, Lettland, Litauen sowie das Tauziehen um die Ukraine, so wird offensichtlich, dass gerade die NATO seit Jahren eine expansive Akquise-Politik betreibt, von der sich Russland nachhaltig in seiner Souveränität bedroht fühlt. Zu jenen Bemühungen der NATO zählt der vorangetriebene Ausbau von Panzer-festen Straßen in Polen genauso wie die Überwachung der östlichen Außengrenzen mit Luftaufklärern des Typs E-3A-Awacs.

Ja, man könnte glatt den Eindruck gewinnen, dass die NATO unter der Ägide des Angriffskoordinators und Möchtegern-Imperators Jens Stoltenberg es wirklich ernst meint mit der viel beschworenen pro amerikanischen Bündnistreue, dass es so langsam mal ernst wird in Sachen Krieg. So wirbt Herr Stoltenberg offensiv für die sogenannte Nukleare Teilhabe Europas – im Klartext heißt das, dass US-Atomwaffen, z. B. die zwanzig im Fliegerhorst Büchel (Eifel), für teures Geld modernisiert werden, statt sie endlich abzuziehen. Würde dann der NATO-Bündnisfall eintreten, müssten sprichwörtlich deutsche Piloten den totbringenden roten Knopf drücken. Töten für Uncle Sam.

Doch die Feinbildmaschinerie fährt noch größere Geschütze auf. So soll in Ulm ein neues NATO-Hauptquartier entstehen, durch das Europa auf die „veränderte Bedrohungslage“ reagieren möchte. Bedrohung. So so. Dazu kommen das Raketenabwehrsystem in Polen – das ganz schnell zu einem Angriffssystem umfunktioniert werden kann, Handelssanktionen gegen Russland, das Nordstream-2-Dilemma, der von Rammstein aus koordinierte Drohnenkrieg der USA sowie eine Politik, die statt auf Einigung mit Russland auf Spaltung setzt und sich damit zum Handlanger US-imperialistischer Interessen macht.

Ganz unabhängig davon wie man zu der gegenwärtigen geostrategischen Gemengelage steht, so werden Soldaten in ihr zukünftig wieder eine gewichtigere Rolle spielen. Denn: Sie werden von den Eliten als Bauernopfer und willfährige Erfüllungsgehilfen ihrer perfiden Machtinteressen gebraucht. Und genau aus diesem Grund ist es wichtig, das „Soldat sein“ als das zu entlarven, was es ist. Frei nach Eugen Drewermann ist es nämlich das, was ein Mensch am wenigsten sein sollte. Mit ihm geht zwangsläufig die Aufgabe der menschlichen Autonomie einher, hin zur einer Befehls-Empfänger-Hierarchie, die nur einem Zweck dient: Der Wahrung von ideologischen und territorialen Herrschaftsinteressen zugunsten einer kleinen Machtelite. Wir müssen jedem einzelnen jungen Menschen klarmachen, dass es nichts Erstrebenswertes ist, einen Tarnoverall zu tragen, dass jedes einzelne Abzeichen für vermeintliche Tapferkeit nur der Ablenkung und Maskierung der wahren Kriegsmotive dient. Das hat nichts, aber auch gar nichts mit Ehre oder Pathos zu tun.

Es gibt, und das möchte ich in aller Deutlichkeit sagen, keinen Grund, Soldat zu werden – und zwar in keiner Armee der Welt. Denn Krieg ist das Falscheste, was von Menschenhand je verübt wurde und leider noch wird. Soldat sein ist unmenschlich, weil es bedeutet, nicht nur potentiell zum Mörder, sondern auch selbst getötet werden zu können. In solch einem destruktiven, inhumanen Prozess etwas Erstebenswertes zu sehen, ist pervers im wahrsten Sinne des Wortes! Ja, es ist ein Irrglaube, dass am Hindukusch die Freiheit Deutschlands verteidigt wird, genauso wie es ein Irrglaube ist, die Freiheit eines Landes könnte jemals irgendwo durch einen Krieg verteidigt werden – ob in Vietnam, im Irak oder in Frankreich. Krieg ist laut, brutal, unerbittlich, stinkt, lügt und bringt den Tod. Immer.

Daher hat es schon etwas mit Massenpsychose zu tun, wenn ein Mensch glaubt, er handele als Bewaffneter-Söldner im Namen der Gerechtigkeit. Doch genau dieses Spiel um Ruhm und Ehre missbrauchen die USA und alle anderen militärischen Apparate seit jeher für ihre Zwecke. So verwundert es auch nicht, dass in allen sogenannten Antikriegs-Filmen der Krieg trotz allen Leids dann doch ein wenig „cool“ daherkommt – mit Wagners „Ritt der Walküren“ oder eben mit altbekannten Oldies, die die Wahrheit ein Stückweit übertönen. Marketing eben.

Von 1992 bis heute starben 110 Bundeswehrsoldaten im Einsatz. Viele andere Soldaten und Zivilisten sterben und werden dahingerafft, schreiend und voller Qualen, oder ganz schnell und unerbittlich. Gegen diesen evolutionären Rückschritt, gegen jede einzelne der Lügen des Pentagons, seiner weltweiten PR-Berater und gegen alle anderen propagandistischen Medien und Meinungsmacher müssen wir, die Friedenbewegung, entschieden vorgehen. Wir müssen ihn entzaubern den Mythos vom gerechten Krieg. Jeden Tag. Immer wieder aufs Neue. Es geht um Leben und Tod. Und das ist weder eine Karriereperspektive, noch ein Spiel.

Von Gelbwesten und wo sie zu finden sind

Lodernde Feuer auf Verkehrs-Kreiseln, gestapelte Paletten und LKW-Reifen, die als Barrikade dienen sollen, dazu die aufgestaute Wut derer, die sich abgehängt fühlen: All das sind die Zutaten der „Gelbwesten-Bewegung“, die sich dieser Tage in Frankreich formiert hat. Ja: Die ehemals so schillernde „on marche“-Gallionsfigur Macron, sie hat längst Risse bekommen. Denn unter der vermeintlichen Patina echter Erneuerung, so mussten viele Franzosen ernüchtert feststellen, verbarg sich der Habitus eines vom globalen Finanzkapital Getriebenen, eines knallharten Real-Politikers, der offen zu Rüstungsdeals mit Saudi-Arabien steht und sich vor den massiven Attacken seiner Gegner nicht mal weg duckt. Das macht ihn vielleicht sogar authentischer als viele unserer Regierungspolitiker, die sich immer wieder gerne dem Orwell’schen „Neusprech“ bedienen, Verteidigung sagen, wenn sie Angriff meinen. Doch sympathischer, das macht es eben nicht. So sinken Macrons Beliebtheitswerte zusehends – 70 Prozent der Franzosen halten seine Politik für sozial ungerecht.

Aber Nomen ist für Macron Omen. Und so marschiert er immer weiter: Hin zu einer europäischen Verteidigungsarmee, die unabhängig von Trump sein soll und hin zu einem Frankreich, in dem das Soziale zukünftig deutlich kleiner geschrieben werden dürfte. Die Utopie des Sozialismus, sie scheint endgültig ausgeträumt in Gallien.

Und das hätte man freilich ahnen können, hätte man sich nicht täuschen lassen vom Helden-Pathos, vom Bonapartismus, derer sich Macron geschickt bedient, von all seiner Jugendlichkeit und seiner durchchoreografierten Werbe-Wahl-Kampagne. Denn letztlich steht er, Monsieur Macron, nicht für das Neue, sondern für das Konservative, das Systemerhaltende im eigentlichen Wortsinn. Ein Blick in seine Vita hätte schon ausgereicht, um das zu erkennen. Er, der Diener der Investment-Banken, will vor allem eines: Dass die Eliten eine Dividende erhalten, die sich gewaschen hat. Und ja: Auch das stand mehr oder minder offen auf seiner Agenda, denn Macron war und ist quasi der Friedrich Merz von Paris.

Doch alles im Leben hat bekanntlich zwei Seiten. Und vielleicht sind es ja genau solche Enttäuschungen des Volkes, die zu neuen Impulsen führen, zu einer Wiederbelebung des Gemeinwesens, von der Straße eben – alleine deshalb, weil die Polit-Interessenvertreter schon lange nicht mehr die Interessen derer vertreten, die sie vertreten sollen. Und das zeigt sich nun mal nicht nur im extrem hohen Benzinpreis, an dem Staat und Raffinerien gleichermaßen gut verdienen, sondern an der immer weiter auseinanderklaffenden Gerechtigkeitsschere als Resultat des systematisch von unten nach oben geschaufelten Kapitals und der Ausbeutung ökologischer Ressourcen.

Doch immer noch scheinen wir so weit weg von alledem zu sein, machen uns vor, dass ein stetiges „Weiter-so“ uns vor dem Schlimmsten bewahre. Aber dieser Denkansatz hat weit mehr mit psychischer Kompensation als mit echten Antworten auf komplizierte Fragen zu tun.

Hier der Versuch einer Lösungsskizze: Das System und seine Repräsentanten horcht nur auf, wenn es wirklich weh tut. Und weh tut dem Kapitalismus nur eines – materieller Verlust. Auch wenn die Erkenntnis, sich jenseits von Parteiprogrammen zu organisieren, richtig und zu unterstützen ist: Blockaden alleine reichen längst nicht aus, damit dieses Vorhaben gelingen kann. Vielmehr geht es um die Initiierung einer humanen grenzübergreifen Bewegung fernab von Ismen und Dogmen, einer Form des humanen, nachhaltigen Umdenkens und Handelns für alle Menschen – gegen Faschismus, Rassismus, Lobbyismus, Kriegstreiberei, Neoimperialismus, Monopolismus und Marktradikalismus. Zu dieser neuen politischen Kraft gehört direkte Demokratie und ernst gemeinter Diskurs genauso wie Werteneutralität. Und nein: Wir dürfen diesen Grundgedanken nicht sofort als utopischen Wunschtraum abtun.

Grundbedingung für eine solche Kraft ist die echte Solidarisierung mit jenen, die sozial benachteiligt sind – über Ländergrenzen und Nationalitäten hinweg. Der Weg dahin ist in Deutschland noch lang – vor allem weil es dazu ein gehöriges Maß an Empörung und Mut bräuchte, wie das schon der Philosoph Stéphane Hessel festgestellt hat. Denn anders als unsere französischen Nachbarn wagen wir uns in Deutschland noch viel zu selten hinaus aus unserer Komfortzone, aus unserer bequemen Spießbürger-Echokammer und frieren die Nacht hindurch, um unserem politischen Willen Taten folgenden zu lassen. Doch wenn wir genau das nicht wirklich endlich tun, dann dürfen wir uns niemals mehr zu Wort melden an den Stammtischen dieses Landes und den Hobby-Politiker geben, der die Antworten auf alle Fragen der Zeit kennt.

Anfangen muss es im Kleinen, im Bewusstmachen der Missstände, in einem Wissen darum. Mit anderen Worten: durch den Willen zur Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Verhältnissen. Erst nach dieser Auseinandersetzung, die mit einer politischen Willensbildung unmittelbar einhergeht, setzt Veränderung an. Kurz: Um die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Veränderung hin zu einer humaneren pluralistischen Wertgemeinschaft erst erkennen zu können, braucht es Erkenntnis, derer sich der Mensch subjektiv bemächtigen muss, um sie auf markropolitischer Ebene schließlich umzusetzen.

Wenn wir von einem Konzept der Gewaltlosigkeit ausgehen, und dafür trete ich ein, so kann sich diese Veränderung nur dann vollziehen, wenn alle Sozialisationsinstanzen wie Schule und Familie nicht bewusst und unbewusst das Individuum zu einem konformistischen Systemdiener erziehen, der sich trotz seiner Schein-Individualität den kapitalistischen Produktionsverhältnissen unterordnet.

Repräsentative Demokratie ist keine echte Demokratie, sie ist nichts weiter als eine Farce.

Solidarität zu leben ist daher keine abstrakte Frage, sondern eine moralische Verpflichtung, wenn wir an eine gemeinsame Zukunft glauben.

Marketing meets Social-Hedonism

Influencer sind die neuen Stars am Social-Media-Himmel. Nie waren die bezahlten Lifestyle-Experten gefragter, auch wenn den hippen Hedonisten mit Selfie-Stick eine wesentliche Eigenschaft fehlt, die für soziale Medien zentral ist: Authentizität.

In Zeiten des Streuverlusts und des zunehmenden Machtmonopols der Social-Media-Kartelle war es für die Vermarkter längst an der Zeit, einen neuen, „coolen“ Marketing-Kanal zu erschließen. Doch wie sich in die Lebenswelt der Nutzer hineinmogeln, wie ihre Herzen, und: viel wichtiger, ihre Kaufkraft nutzen? Die Antwort schien so simpel wie naheliegend. Durch die, denen die Nutzer freiwillig auf Instagram und Co. folgen, weil eben die, denen da gefolgt wird, für sie von Interesse sind: die sogenannten Influencer, die „Beeinflusser“, jene also, die Verhalten vermeintlich lenken und damit zum kapitalistischen Viehtreiber werden. Waren das zuvor meist mehr oder weniger bekannte Sternchen und Stars des Showbizz, hat sich mittlerweile längst eine Influencer-Szene etabliert bzw. monetarisiert, die davon lebt, ihre gefilterten Urlaubstraum- und Essens-Aufnahmen zu kommunizieren, meist in Verbindung mit einem Produkt oder einer Location, die der Influencer – wenn er denn „influenct“ und das Produkt oder die Urlaubslocation in seinem Post erwähnt – kostenlos genießen darf.

Nun sagt eine solche Werbestrategie einiges aus – sowohl über den Empfänger als auch über den Sender. Neben dem materiellen Mehrwert, den er aus seiner propagandistischen Tätigkeit zieht, kann und darf dieser durch die neue Marketing-Masche seinen Drang nach Anerkennung, nach dem so ersehnten Feedback der Massen stillen, indem er scheinbar authentische Momentaufnahmen bis ins kleine arrangiert, sein Leben vermarktet und damit selber zum Produkt wird. Wer im DSM, dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, nachschaut, würde bei einem nicht ganz unbeträchtlichen Teil dieser „selbstdarstellenden“ Selbstvermarkter jene psychische Störung ausmachen, die unter dem Punkt 301.81 aufgeführt ist: die Narzisstische Persönlichkeitsstörung.

Ja: Der Narzisst ist für das Influencer-Dasein wie geschaffen, denn bei der Inszenierung seines Lebens mit ihm als egozentrischem Fixpunkt fühlt er sich wie der Fisch im Wasser. „Lob und Likes“ als Nährstoff zum Seelenheil und dazu noch die Aussicht auf kleine Geschenke machen ihn zum willigen und billigen Erfüllungsgehilfen einer perfiden Verkaufsmaschinerie, als deren Teil er sich nur insofern bewusst erlebt, als dass er durch sie den „Fame“ bekommt, den er doch so dringend braucht. Ganz nach dem Motto: „Fühlen wie ein Star“, wird das eigene Instagram-Profil quasi zur digitalen Bühne, auf der er sein Publikum an den gestellten Szenen seines Lebens teilhaben lässt – immer mit dem einen Ziel: der bewussten Zurschaustellung eines Lifestyles wie ihn sich die große weite Welt des Marketings erdacht hat.

Während der Fashion-, Travel- und wie sie sonst noch alle heißen -Blogger sich nichts sehnlicher wünscht, als einzigartig zu sein und sich von „den Anderen“ abzuheben; verkennt er eine Tatsache voll und ganz: dass er mit jedem Posting näher an den genormten Zeitgeist heranrückt, dessen unausgesprochene Message ungefähr so lautet: Gutaussehend. Gesund. Jung. Sportlich. Erfolgreich.

Dieses Ideal ist in der Werbung nicht neu, dennoch wird es durch das sogenannte „Influencer-Marketing“ auf das nächst höhere Level katapultiert und schafft damit nicht – wie man meinen könnte – mehr Nähe zum Follower, sondern größere Distanz und statt Individualität „hedonistische Prototypen“ gutaussehender Karrieristen, die morgens joggen, mittags mit dem Vorstand lunchen, abends Gewichte stemmen und bei alledem noch munter den Selfie-Stick hochhalten, um in die Kamera zu grinsen. Alle Welt soll sehen: Mein Life is‘ ja sowas von nice! Und das, obwohl sich die allermeisten Postings nur um einen drehen: den, der sie gepostet hat und sie mit Oberflächlichkeiten und Plattitüden garniert. Zugegeben: Der Wunsch, sich präsentieren zu wollen, ist nur menschlich. Aber die Zahl der „Müsli essenden Marken-Junkies“, die uns in Echtzeit mitteilen, welches Szene-Restaurants sie besuchen, ist doch in letzter Zeit rasant angestiegen, oder?

Was entsteht, ist eine klebrige Melange aus kommerziellen und privaten Inhalten, die nicht nur für die Kids von heute kaum noch zu durchschauen ist. Wo fängt Werbung an, wo hört sie auf? Was bedeutet es, wenn Menschen, die zur digitalen Lebenswelt gehören,zu Markenbotschaftern werden und in ihren Followern Bedürfnisse wecken, von denen diese vorher nicht mal wussten, dass es sie gibt? Könnte die permanente Bombardierung mit Werbung, die als solche nicht mehr zu erkennen ist, zu einer Reizüberflutung, und schlimmstenfalls zur Egozentrierung in ihrem Wortsinn führen, weg von den wirklich wichtigen Dingen des Lebens? Das alles sind offene Fragen, um deren Beantwortung sich beispielsweise die Soziologie, insbesondere die Sozialisationsforschung, kümmern muss.

Zugegeben: In einer immer komplexer werdenden Gesellschaft ist die Sehnsucht nach Einfachheit und „Fun“ groß. Was das Geschäftsmodell „Influencer-Marketing“ jedoch erst so richtig erfolgreich macht, ist, die Werber glauben zu machen, dass sie nur durch „Influencer“ up-to-date sind. Doch selbst das Wort „up-to-date“ ist heutzutage schneller obsolet, als man „Hashtag“ sagen kann. Wahr ist stattdessen: Noch immer lässt das „Involvement“, also das Nutzerengagement, bei vielen Unternehmen zu wünschen übrig, auch wenn das die meisten Social-Media-Beratungs-Agenturen ihren Kunden verschweigen.

Genau diese Agenturen treiben immer wieder eine neue „eierlegende Wollmilchsau“ durchs Dorf, sozusagen um das Klientel wachzuhalten. Mal heißt sie „Content-“, mal „Influencer Marketing“, aber eines haben alle Floskeln gemeinsam: Sie sollen deutlich machen, dass es ganz wichtig ist, auf den großen Social-Media-Zug aufzuspringen, koste es, was es wolle. Bezahlte Lifestyle-Sklaven, die mittels ausgeklügelter Do’s and Don’t-Listen kontrollierbar sind, den Anschein von Authentizität wahren und noch dazu viele Fans haben, scheinen da für die Big Player eine gute Alternative zu sein. Und so passiert, was immer passiert, wenn die große Werbebranche einen „Trend“ entdeckt: Alle Bedenken werden über Bord geworfen. Die Unternehmen vergessen, dass diese ach so „hippe“ Werbestrategie meist nicht authentisch ist und die hippen Blogger vergessen, dass sie als Teil des kapitalistischen Systems letztlich jene Authentizität aufgeben, die sie bei ihren Fans so beliebt gemacht hat. So wird der Influencer-Hype vor allem eines: auf lange Zeit nicht die Erwartungen erfüllen, die die unzähligen Marketing-Experten in ihn setzen.

Aber was macht man nicht alles für eine Hand voll Dollar … Und so produzieren sich die Hedonisten dieser Welt weiter vor den Kamera-Objektiven, räkeln sich an Traumstränden und hippen Locations, bis sie eines Tages vielleicht feststellen, dass sie nicht nur Produkte, sondern auch sich selbst verkauft haben.

Zeit für Individualismus, aber bitte im Gleichschritt!

Das Schöne am Kapitalismus ist, dass er uns ein Wohlgefühl verschafft. Zumindest denen, die im kapitalistischen Auenland und nicht auf seiner Schattenseite im dunklen Mordor leben. Sie, damit meine ich die sogenannte Mittelschicht, fühlt sich sicher.

Und Sicherheit braucht jeder Mensch. Auch dann, wenn das, was dem ahnungslosen Durchschnittsbürger da als Sicherheit verkauft wird, in doppelter Hinsicht teuer bezahlt – respektive: erkauft – werden muss. Niemand anderes als der „Mittelschichtler“ selbst ist es nämlich, der sich durch seinen Lohn, der noch oberhalb der „working poor“-Dumping-Subventionen des Arbeits-Prekariats liegt, ein Leben in der wohlig-warmen Filterblase zu leisten vermag – inklusive sorgsam gehacktem Vorgarten, Solarzellen auf dem Dach des Eigenheims und Zweitwagen. Doch leider geht diese Finanzierung individuellen Glücks in den meisten Fällen mit der Entsolidarisierung mit jenen Bevölkerungsgruppen einher, die die „dunkle Seite der Macht“, das Leben von Hartz IV, das Multi-Jobbing und den ermüdenden Alltag in den Arbeitsvermittlungs-Bunkern schon kennenlernen durften. Entsolidarisierung ist den Eliten ein probates Mittel, um die Toleranzschwelle gegenüber dem Leid „der Anderen“ zu erhöhen, aber auch um Feindbilder zu erschaffen. Ganz gleich, ob es nun um „Hartzis“ im eigenen Land oder „die Russen“ etwas weiter östlich geht.

Die Entsolidarisierung ist der elitäre Schlüssel, um machtpolitische Ziele überhaupt erst durchsetzen zu können, die Massen zu steuern und sie zu instrumentalisieren. Als geeignete Multiplikatoren dieser „quasi Entschmenschlichung“ erweisen sich immer wieder die einseitigen Medien, entweder ganz offenkundig wie im Fall der BILD-Zeitung, oder eben latent, aber genauso gefährlich, wie es die Tagesschau vorzieht.

Dabei geht es weit weniger um die Verbreitung der allseits verurteilten harten „Fakenews“ als vielmehr um die Darstellung falscher Kontexte, um süffisante Zwischentöne und die Verwendung einer Sprachklaviatur, die den elitären Kräften dient. Und das neoliberale Framing wirkt. Ob nun in sogenannten Polit-Talkshows Scheindebatten zu Scheinthemen geführt, oder gar bei einer gut choreografierten Kanzlerinnen-Sprechstunde Scheinfragen abgehandelt werden: All dieses pseudo-investigativen Features dienen nur einem Zweck: der Stärkung des kollektiven „Es-ist-gut-so-wie-es-ist“, der Wahrung einer Pseudo-Diskursivität, die in Wahrheit entmündigen will. Ganz nach dem Motto: Vielseitigkeit der Meinungen, ja, aber nur auf dem vorgegebenen Kurs. Dieser wiederum führt mit Volldampf gen Marktradikalisierung, Monopolbildung und Aufrüstung.

Um dieser neuen Oberflächlichkeit noch zusätzlich Schwung zu verleihen, wird eine Gesellschaftsstruktur propagiert, in der das Erleben eines „Events“ zum Höchstmaß an Freiheit verklärt wird: Angefangen beim Pauschalurlaub über das Open-Air-Konzert bis hin zum Stadtfest: Das alte römische Motto „Panem et circenses“ funktioniert auch heute noch, leider. Ja, Spaß muss bekanntlich sein, problematisch nur, wenn eine Generation der „Event-Hopper“ entsteht, deren Lebensziel einzig der Konsum, und zwar auf allen Ebenen, darstellt.

Denn: Was bei all dem höchst uniformen Individualismus des Einzelnen auf der Strecke bleibt, ist das gemeinschaftliche Ganze, oder anders formuliert: das Gemeinwohl. Denn gesellschaftliche Teilhabe, Empathie und das tiefe Empfinden von Menschlichkeit zerfallen in ihre Bestandteile und werden mittels „Erlebenssucht“ und Sehnsucht nach Materialität kompensiert. Deutlicher formuliert: Der Halt des Menschen an sich selbst geht verloren, er wird im wahrsten Sinne des Wortes zu haltlosem Humankapital degradiert, das man nach Belieben einsetzen oder gar „verheizen“ kann. Und das ist gewollt. Exemplarisch zeigt das der sogenannte „Beruf“ Soldat auf. Ganz egal, wer sich für den Schritt hin zum staatlich subventionierten Söldner entscheidet: Er gibt den Glauben an Menschlichkeit und Moral in dem Moment auf, wenn er den Kasernenhof betritt.

Früh schon sollen identitätsstiftende Mechanismen aufgebrochen werden. Nehmen wir die Sozialisationsinstanz Schule als Beispiel, so verfolgt diese keineswegs die Idee einer umfassenden Heranbildung des Kindes zu einem autonomen Erwachsenen. Eher das Gegenteil ist der Fall: Gewollt sind gesellschaftskonforme Ja-Sager, die sich im kapitalistischen Produktionsprozess ausbeuten und verwerten lassen, oder eben zu neurotischen Karriere-Egomanen werden, ohne Rücksicksicht auf Verluste. Statt das Humboldt’sche Bildungsideal zu fördern, wird die Kindheit sukzessive verkürzt, kompetitive Dynamiken befeuert, und alles, was jenseits des verwertbaren Wissens wichtig wäre, bleibt im eigentlichen Sinne „ungelernt“. Bildung verkommt somit immer mehr zur Ausbildung, was schon ein kurzer Blick in die deutschen Universitäten beweist. Man vergleiche nur die kärgliche Ausstattung und das marode Ambiente mancher geisteswissenschaftlicher Fakultäten mit dem Erscheinungsbild der „Applied Science“, gesponsert nicht selten von Pharma- und Technologiekonzernen.

So entsteht letztlich das Gegenteil von dem, was Adorno einst das mündige Subjekt nannte. Vielmehr sind es die schweigsamen Lohn-Soldaten, die entweder auf den Billig-Lohn-Galeeren oder eben als Kapital-Vermehrer der Privatwirtschaft ihren Dienst verrichten, ohne nach links oder rechts zu schauen. Echte Individualität sieht anders aus …

Sondieren geht übers Regieren

Die Ergebnisse des „Sondierungs-Marathons“ von CDU und SPD machen deutlich: Jene, die sich anschicken, die Bundesrepublik Deutschland in Zukunft zu regieren, sind nicht nur plan-, sondern auch völlig visionslos. Dabei geht es keineswegs um die wahnhaften Visionen, auf die sich Helmut Schmidt bezog, als er einst meinte, der, der Visionen habe, solle zum Arzt gehen. Vielmehr geht es um ein Konzept, das die gesellschaftlichen Veränderungen ernstnähme – und zwar mit allem, was dazugehört. Digitalisierung, Automatisierung, Klimawandel, Entschärfung der Agenda 2010 und Nato-Austritt: All das wären Eckpfeiler einer solchen Agenda gewesen, wenn da eben nicht jene Engstirnigkeit, Egomanie und Machtversessenheit der Industrie-Sprecher wären, die sich als Politiker bezeichnen.

Statt des großen gesellschaftlichen Ganzen ging es, wie sollte es auch anders sein, wieder mal um ein machtpolitisches Klein-Klein, um ein Weiter-so, nur eben mit einer größeren Mannschaft. Allein die Spielführer haben sich nicht geändert: Während Merkel und Seehofer sich weigern, den Ball abzugeben, begnügt sich die SPD mit ihrer Rolle als Auswechsel-Crew auf der Ersatzbank – inklusive Gejammer und Leidensmiene. Die Sozis führen die Sozialdemokratie damit endgültig in eine neoliberale Abseitsfalle, fernab von sozialer Gerechtigkeit und dem, was die Sozialdemokratie so stark gemacht hat. Daran haben auch die Sondierungsgespräche nichts geändert, denn summa summarum konnte die CDU all ihre Vorhaben durchsetzen, die da lauten: Spitzensteuersatz einfrieren, de facto Obergrenze einführen, Bürgerversicherung verhindern und die Erreichung der Klimaziele bis 2020 aufweichen.

Auch kleinere Augenwischereien – wie die Einführung der Grundrente (von der niemand leben kann), der halbseidene Erhalt des Rentenniveaus bis 2025 und die Abschaffung des Soli – vermögen am neoliberalen Kurs nichts zu ändern und sind die sprichwörtlichen Tropfen auf den heißen Stein, die schneller verdampfen werden als Martin Schulz „GroKo“ sagen kann.

Neben allem innenpolitischen Geplänkel benötigte es dringend außenpolitischen Weitblick. Denn in einer Welt, in der die Krisenherde täglich mehr befeuert werden und sich Deutschland alleine schon aufgrund seiner geostrategischen Lage im permanenten Spannungsfeld zwischen einer hegemonialen Weltmacht – namentlich den USA – und einem krisengeschüttelten Nahen Osten befindet, würde ein klares Bekenntnis zur Abrüstung und der damit verbundenen Annäherung an Russland Not tun.  Doch auch davon ist auf den 28 Seiten Sondierungs-Gequassel nichts zu finden.

Man wird den Verdacht nicht los, dass es bei dem, was dem „Volk“ als hart erkämpfte Ergebnisse verkauft wird, um Mechanismen der Machtsicherung geht und nichts weiter. Würde ein Arbeitnehmer so arbeiten, sich so viel Zeit lassen und bei seinem Chef schließlich mit so wenig Inhalt dastehen, flatterte ihm wohl unweigerlich eine Abmahnung ins Haus, während die Herren und Damen der zukünftigen Bundesregierung sich noch immer über satte Diätenerhöhungen freuen dürfen.

Was bleibt also, außer einem enttäuschten Blick in die Zukunft? Die Erkenntnis, dass das parlamentarische System, so wie wir es kennen, versagt hat. Solange sich Eliten mit aller Macht und mit den abenteuerlichsten Farbkombinationen Mehrheiten sichern können, solange wird der Wählerwille weder respektiert, noch ernstgenommen werden. Das wird sich auch in den nächsten vier Jahren nicht ändern – leider.

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Gesellschaftstheoretische Überlegungen zur neuen Linken und zur Friedensbewegung im Kontext einer medialen Emanzipation

Ausgangslage
Das Problem der neuen Linken, damit meine ich die linkstheoretische sowie linkspraktische Konzeption und Programmatik der letzten Jahre, wurzelt keineswegs in mangelnden Inhalten. Vielmehr werden diese ja hervorragend aufgearbeitet, teilweise durch unabhängige Kommunikations-Plattformen, teilweise durch engagierte  Wissenschaftler, wie Chomsky, Ganser et. al. Dabei bietet gerade das Internet als Mittel der Multiplikation sowie Distribution enorme Chancen, wenngleich auch Risiken. Chancen bestehen a priori in einem freien Meinungsaustausch, gleichwohl auch in einem emanzipatorischen Prozess der Meinungsbildung, durch den eine breite Masse, jedenfalls breiter als in den vorherigen Dekaden, die Möglichkeit erhält, sich von der Repräsentanz der Mainstream-Medien zu distanzieren.

In dieser Emanzipation sehe ich enorme positive Aspekte, indem sie nämlich, ganz im Sinne Adornos Erziehung zur Mündigkeit, die Rezipienten zur Meinungsbildung in einer relativ autonomen Weise befähigt. Durch mediale Emanzipation können potentiell Prozesse des Verstehens in Gang gesetzt werden, die sich in einem „Bewusstsein von“ manifestieren und so schließlich in eine subjektiven Erkenntnis münden, die ohne diese medialen Repräsentanzen nur schwer oder kaum möglich gewesen wäre.

Nun sind gleichzeitig mit diesem Erkenntnisprozess auch Risiken verknüpft, da nämlich, nach der medialen Bewusstbarmachung folgende Ausgangssituation entsteht:

  1. Generell gilt es die Quellenlage des Sachverhalts, auf den sich der Repräsentant bezieht, zu hinterfragen bzw. zu überprüfen. Da dies aber nur unzureichend geschieht, ist generell die Gefahr der Fehlinformation gegeben.
  2. Da die Medien, die der Empfänger konsumiert, immer auch einen Teil seiner Lebenswirklichkeit spiegeln, wird er nach einer Erfahrung, die sein Weltbild positiv bestätigt, diese Erfahrungen verstärken und wiederholen wollen, ganz nach dem Motto: mehr Desselben.
  3. Digitale Plattformen, wie Facebook, werden den Effekt „mehr Desselben“ alleine dadurch verstärken, indem ihre Algorithmen dem Empfänger eine Vielzahl ähnlicher Inhalte vorschlagen („Echokammer“).

Die von mir aufgezeigten Punkte gelten freilich für alle Medieninhalte, denn die Grenzen zwischen autarker Berichterstattung, soweit diese überhaupt noch möglich ist, zur meinungsbildenden Propaganda sind fließend. Dies hat ganz einfach immer mit dem zu tun, was Schulze von Thun die Selbstoffenbarungs-Ebene nannte: Der mediale Gestalter ist immer nur so objektiv, wie seine innere Welt es ihm selber gestattet und es vor allem auch seine Sprachwelt zulässt. Denn schon Wittgenstein verwies darauf, dass die Grenzen der Sprache immer auch die Grenzen der menschlich wahrnehmbaren Welt sind.

Man mag also zurecht die Frage stellen, inwieweit Objektivität in dem Moment, wenn das Wechselspiel sich zwischen Inhaltgeber (Journalist, Wissenschaftler) und Inhaltnehmer (Rezipient) vollzieht, überhaupt noch möglich ist. Denn nicht nur der Inhaltgeber ist gefangen in seinem individuellen Setting aus Deutungsmustern, sondern so auch der Inhaltnehmer. Wenn dem aber so ist, so wird deutlich, dass Prozesse des Verstehens, so wie sie der große Hans-Georg Gadamer konzipierte, sich nur durch sich selbst heraus entwickeln können. Nur durch ein „Bewusstsein von etwas“ kann ich ein „Verständnis von etwas“ erlangen, das Verstehen ist somit die Basisvariable für die Erkenntnis, deren Eigenschaft ihre Emergenz ist, indem nämlich erst durch diesen innerpsychischen  Grundstock Neues überhaupt entstehen kann.

Insofern bieten zuverlässige mediale Inhalte immer nur einen Rahmen zur Bewusstbarmachung, ihre Existenz allein setzt aber noch keinen Erkenntnisprozess in Gang.

Prozess, statt Propaganda
Nun bleibt die Frage offen, wie wir die neue Linke (besser: die Friedensbewegung), die sich möglichst objektiven Medien bedienen sollte, auf neue programmatische Füße stellen. Um dies letztlich zu tun, ist, genau wie ich es weiter oben mit dem dyadischen Prozess zwischen Inhaltgeber und Inhaltnehmer aufgezeigt habe, eine inhaltliche, aber auch eine sprachliche Emanzipation von Nöten.

Dabei geht es nicht darum, die „linke Denke“ in einem schwammigen Sammelbecken für jene aufzulösen, die grundsätzlich gegen das System und seine Repräsentanten sind. Nein: Es geht um eine begriffliche Neudefinition und zwar jenseits von Ideologiengläubigkeit und Dogmatismus. Um die linke Denke zu etablieren, müssen jene, die von ihren Ideen überzeugt sind, in sich gehen und jene Aspekte, die nützlich, verwertbar, aber auch für den Mainstream verstehbar sind, selektieren, anpassen und neu präsentieren.

Durch die Begreifbarmachung, die sprichwörtlich in der begrifflichen Neukonzeption der linken Sache aufgeht, lassen sich jenseits von esoterischen Ideenmodellen langfristige Modi Operandi entwickeln, die die breite Masse der Bevölkerung befürwortet. Worum es mir geht, ist die Verabschiedung von jenem selbstverliebten Hedonismus, wie er gerade in links-liberalen Kreise gerne auftrat und noch immer auftritt. Am Beispiel des Klassenkampfes festgemacht, heißt das, dass ich vor der breiten Bevölkerung nicht jenen alten Begriff bemühen muss, um gesellschaftliche Ungleichheit aufzuzeigen. Vielmehr geht es um die Initiierung eines Prozesses, eine  Bewusstbarmachung von Ungerechtigkeit, die jeden einzelnen von uns angeht.

Dabei darf die Kritik am System und am Status Quo sich aber nicht in sich selber erschöpfen, sondern muss schöpferische, konkrete Wege aufzeigen, wie aus Problemlagen potentielle Lösungswege erwachsen können. Nicht selten liegt in der permanenten Negation, die sich bei vielen linksdenkenden Menschen in einer Art Wut-Depression entlädt, jene Abschreckung der „Anderen“, die potentiell für unsere Ideen offen wären. Systemisch gesehen, zieht die Partei DIE LINKE beispielsweise ihre gesamte Energie aus einer immanenten Systemkritik heraus und man kann sich schon fragen, inwieweit sie mit dieser Systemkritik längst zum Teil desselben geworden ist.

Es bleibt generell fraglich, ob sich die Idee von einer gerechten Gesellschaft überhaupt in einer repräsentativen Demokratie verwirklichen lässt. Doch wenn wir es damit ernst meinen, so müssen wir für sie kämpfen und zwar im bildungstheoretischen Sinn, der in der Praxis schließlich zu einer Mündigkeit jedes einzelnen Menschen führt. Dieser Prozess kostet auf beiden Seiten Zeit und Kraft. Konkret können die Bedingungen für diesen Erkenntnisprozess mittels eines Angebots

  1. an alternativen Medien verwirklicht werden, das die Lehrpläne offener gestaltet
  2. das die Kritik der Schülerinnen und Schülern fördert und gezielt entwickelt
  3. dessen Ziel einzig und allein der mündige Mensch ist, statt eines verwertbaren Subjekts


Das kritische Individuum als Schlüssel für ein kritisches Bewusstsein
Aus meinen Ausführungen wird deutlich, wie wichtig ein kritisches Bewusstsein des Individuums ist. Noch jedoch vollzieht sich gerade im schulischen Kontext ein Prozess der unkomplizierten Anpassung an den Status Quo und das, damit das Individuum sich schnellst- und bestmöglich in die Gesellschaft eingliedere. Abstrahiert man dies, so gelangt man schnell zu der Einsicht, dass es sich bei einem Großteil dessen, was wir Bildung nennen, eigentlich nur um die Festigung eines bestehenden Herrschaftsanspruches handelt. Damit das kritische Bewusstsein im Kinde überhaupt erst angelegt wird, geht es um eine gezielte Förderung innerhalb der Sozialisationsinstanzen, die nur durch ein emanzipiertes Lehramt-Studium letztlich erreicht werden kann.

Erst im Zusammenspiel zwischen den Sozialisationsinstanzen, der Familie und den entsprechenden funktionalen Gruppen (Arbeitskollegen etc.) wird in einem langfristigen Prozess der Adjustierung und Readjustierung Erkenntnis, im Sinne zumindest partieller Objektivität, erzeugt.

Medienkompetenz als Werkzeug des kritischen Individuums
Medienkompetenz meint das bewusste selbstständige Auswählen von medialen Inhalten, die sich nachweisbar auf seriöse Quellen berufen und deren Sinnhaftigkeit jenseits von interessengesteuerter Meinungsmache liegt. Medienkompetenz setzt immer den Glaube an ein mündiges, kritisches Individuum voraus und muss somit Ziel und zugleich Bedingung pädagogischer, im weitesten Sinne erzieherischer Intervention sein, da sie dem Menschen einen Referenzrahmen an die Hand gibt, mit dessen Hilfe er selbst propagandistische Praktiken entlarven kann und sich eigenständig gegen diese zu schützen vermag.

Insofern kann man die allgemeine Abneigung gegenüber der linken Idee, die sich für eine Aufweichung bestehender Machtstrukturen zugunsten eines gerechten Verteilungsschlüssels einsetzt, dem Funktionieren der propagandistischen Praxis der Systemmedien zuschreiben, die diese bewahren und schützen wollen. Dies ist nicht neu. Um dem Individuum den Selbstschutz der Medienkompetenz, denn um nichts anderes geht es, zu vermitteln, bedürfte es, wie oben in Ansätzen beschrieben, einer Reform des Bildungssektors, gleichwohl aber auch einer Reform der Medienlandschaft, die Nachrichtenschnipsel in systematische Gesamtzusammenhänge stellen müsste, erklärt und Stellung bezieht. Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, das sich wertneutraler Journalismus darin manifestiert, wichtige Informationen, was nun beispielsweise die Einnahme dieser oder jener Stadt, die Unruhen in diesem und jenem Staat angeht, einfach wegzulassen.  Denn auch durch das Weglassen von Informationen konstatiert sich Meinung und zwar im übelsten Sinne.

Medienkompetenz, so wie ich sie verstehe, ist insofern der Schlüssel, um eine gerechtere Gesellschaft überhaupt erst zu ermöglichen. Mit der Medienkompetenz soll und muss eine neue Beschäftigung mit der Sprache einhergehen, eine Enttäuschung der Begriffe im wahrsten Sinne des Wortes, die leere Begriffsschablonen, wie Freihandelsabkommen, Neoliberalismus, Arbeitsagenturen, Friedensmissionen und sofort, systematisch ihrem Gehalt nach untersucht und, wenn nötig, als semantische Lügengebäude entlarvt.

Die Allgegenwart der Medien in ihren unterschiedlichsten Formen macht ein neues Gesellschaftskonzept für sie unumgänglich. Dazu zählt ein speziell geschultes Lehrpersonal, das wirklich state of the art ist, aber auch Eltern, die wissen, wie sie sich mit den immer komplexeren Anforderungen der digitalen Welt auseinandersetzen und ihnen im Erziehungsprozess begegnen müssen.

Dies ist gerade auch der Tatsache geschuldet, dass die Beeinflussung junger Menschen, deren Identität langsam heranreift, noch nie einfacher war wie heute. So ist die Vermittlung von Medienkompetenz letztlich ein probates Mittel, um gesellschaftliche Strukturen zu erkennen und überhaupt erst zu verändern.

Foto: Faellanden.ch