Requiem auf unsere verlorenen Ideale

„Der Traum ist aus.“ (Rio Reiser)

Sagen Sie mir: In welchen Zeiten leben wir eigentlich? Oder um die Frage weniger rhetorisch klingen zu lassen: Ist Ihnen nicht längst schon bewusst, dass irgendwas, wie dieses irgendwas auch immer aussehen mag, fehlt? Wir leben in einer Welt des Scheins, in der das Produkt selbst wichtiger geworden ist als jene, die es konsumieren. Gleichzeitig sind wir, wenn überhaupt, nur wichtig als Konsumenten, als getreue Produktevangelisten, die in ein System hineinsozialisiert werden, das die absolute Freiheit suggeriert, ohne nur eine Ahnung davon zu haben, was echte Freiheit eigentlich ist und was sie bedeuten würde. Denn der Wert Freiheit wird verklärt zugunsten eines dem gerade gültigen Narrativ folgenden Beißreflexes, der weder reflektiert, noch mit echten Werten daherkommt. Das Narrativ selbst entlarvt sich bei genauerem Hinsehen als eine plumpe Erzählung – von Corona, vom Ukraine-Krieg, von der Klimakrise und so fort – die auf Emotionalität und Verkürzung, statt auf Objektivität und Erklärung setzt. Die Erzählung wird zum Produkt, zur komischen Oper, mit Anfang, Mittelteil und einem Ende. Erzählt wird diese Erzählung von gleichgeschalteten Medien, die ihre Aufgabe darin sehen, den gesellschaftlichen Status Quo zu erhalten und zu stabilisieren. Sie bestimmen das, was erzählt wird genauso wie die Art des Erzählens selbst. Es geht ums Erzählen, nicht um die Wahrheit.  

Die Tragik in unserer Zeit ist nun, dass wir selber völlig verlernt haben, dieses Schauspiel des Gesamten zu entlarven. Die Mehrheit erkennt nicht, dass das Leben in der materialistischen Warenwelt, in der alles eine Ware und eine Ressource darstellt, alles verfügbar, immer und zu jeder Zeit, ein Trugbild ist. Wir hechten ihm nach wie einer Fata Morgana, ohne dies selbst wahrzunehmen, außer vielleicht, wenn wir eine tiefe innere Leere spüren, die uns manchmal übermannt.

Wir wissen es längst nicht mehr und haben vergessen. Vergessen wie eine authentische Welt aussehen könnte – eine Welt, in der nicht der Konsum zum goldenen Kalb ernannt wird und wir alle dessen gläubige Jünger sind. Dieser Konsum ist so sehr in unser Innerstes vorgedrungen, dass wir ihn zur neuen Religion erwählen ließen und wir nehmen die Folgen billigend in Kauf.

Wissen wir denn überhaupt noch, wer wir sind oder sind wir längst Getriebene innerhalb eines Strudels der Oberflächlichkeit, in dem Besitz und Prestige mehr zählen als die Ratio, als das menschliche Sein und die Sinnlichkeit? Denn die Sinnlichkeit als unmittelbares Erleben und als Erfahrung unserer Umwelt, als die Wahrnehmung dessen, was uns umgibt, ist uns ebenfalls abhandengekommen, wurde ersetzt von einem Bildschirm, der uns Lebendigkeit vorgaukelt. Eine stupides Surrogat ist das – mit Influencern, den im Enddarm der kapitalistischen Produktionskette steckenden  Seelenverkäufern, die selbst die Opfer einer sich von sich selbst entfremdenden Scheinwelt sind. Übersättigt und realitätsfern, weit weg vom Leben selbst, spiegeln sie nur die Idee eines „Lebens von“, eines surrealen Entwurfs, überzeichnet wie in einem Gemälde von Salvador Dali. Doch möchten wir wirklich in einem Gemälde, in einem mit Filtern weich gezeichnetem Stilleben leben, in dem immer gelacht und – wenn – nur öffentlich geweint wird?

Wir verharren und verkrusten in einem „Immer weiter so“, in einem gesellschaftspolitischen Perpetuum mobile, mit politischen Repräsentanten, die keine Ahnung von dem haben, was ihr Tun oder Nicht-Tun bewirkt, weil sie weder moralisch noch gesellschaftlich verantwortungsvoll, stattdessen eindimensional und verantwortungslos handeln. Was repräsentieren sie, wen repräsentieren sie? Das Volk und dessen Interessen sind es nicht. Denn ferngesteuert von einem entrückten Global-Kapitalismus sind Warenströme und der Dauernachschub von A nach B und von West nach Ost wichtiger als jedes politisch vernünftige Ziel. Inklusive all der vielen transatlantischen Verflechtungen und Obligationen, die die zahnlose Riege der berufspolitischen Heerestreiber einging, um bittend und bettelnd an der Zitze des US-imperialistischen Systems zu saugen. Treu doof. Treu bis in den Tod der eigenen Soldaten. Opportun, flach und ohne hehre Ziele, außer dem der eigenen wirtschaftlichen Vollversorgung.  

Doch die Menge wählt sie trotzdem, weil auch die Polit-Darsteller Produkte der Medienindustrie sind, Produkte, die konsumiert werden: morgens beim Zeitungskauf oder abends im Internet. Aber eigentlich ist jedes Wort, das über sie, z. B.  eine Frau Baerbock, gesagt wird, verloren, weil dieses Personal austauschbar und unsagbar verräterisch ist. Unter seiner Ägide wird das Volk verraten und verkauft, und die Menge applaudiert und meint „he/she did a great job“, wenn Frontbesuche abgestattet werden und mit aufgesetzter Miene Traurigkeit vorgetäuscht wird, während andernorts Deutschland als bestens organisierter Rüstungsexporteur Frauen, Kinder und Männer ins Jenseits schießt und bombt. Eine pseudo-politische Kaste ist das, die Politik nicht macht, sondern in einem bereits vorgegebenen, in einem abgesteckten Claim der wirklich Mächtigen agiert und vorgibt, selbst mächtig zu sein.  

So zutiefst verlogen und amoralisch ist dieses System, dass es an einer Stelle von Moralität spricht, die es an anderer Stelle mit den Füßen tritt. Wichtig ist, dass wir alle mitmachen, dass wir alle betroffen sind, wenn diese Betroffenheit im Sinne der Regierenden ist. Einmal wieder die Ukrainische Flagge hochhalten, bitteschön, und am besten noch zig Tonnen Waffen liefern. Selbst eingefleischten Pazifisten wird das Putin’sche Feindbild so lange mit Hammer und Meißel in den Kopf gehämmert, bis diese bei einem Ringtausch an eine Heirat denken. Putin ist Böse, Selenskyj ist gut: Dieses zweigeteilte Weltbild ist es, was der schnöde Pöbel versteht und was man ihm vorsetzt als lauwarmes Kantinenessen.

Doch, wer kann ihm diesen Konformismus zum Vorwurf machen? Die Menschen der westlichen Hemisphäre  wurden ja reinsozialisiert in dieses System der „schönen neuen Welt“, wir wurden im Frontalunterricht nach wilhelminischem Vorbild auf Kurs gebracht. Zweigeteilt war die Welt für die meisten Rezipienten unseres Bildungssystems doch schon immer. Ein Bildungssystem, das die akademische Ausbildung als oberstes Ziel ansieht, gleichzeitig das Individuum so schnell wie möglich dem Markt zuführen möchte – als Human Ressource Mensch. Ausbildung statt Bildung, Gleichschaltung statt Individualität: Da schadet zu viel Freigeist nur, denn in einer Welt des globalisierten Konkurrenzdenkens sind andere Skills gefragt. 

Ganz egal was, das Kind soll studieren. Erst mal. Kein Wunder, dass die Bildungsindustrie allerlei phantasiereiche Studiengänge aus der Retorte hob. Vorbei die Zeiten, in denen man sich einer Profession oder einem altgedienten Fach oder einem Lehrberuf verschrieb. Alles und jeder soll heutzutage studieren, ob er will oder nicht, egal, ob er es weiß oder nicht, und wenn der Studiengang auch „Historisch orientierte Kulturwissenschaft“ oder gar Betriebswirtschaftslehre heißt. Es gilt, sich durch die akademische Bildungslandschaft zu mäandern, im vorberuflichen Wartesaal der verlorenen Träume, komme, was wolle. Wer braucht da schon Handwerk, wer braucht da schon Verkäufer, wer braucht da schon Pfleger? Das ist wohl der größte bewusst herbeigeführte Irrsinn unseres Bildungssystem: die einseitige Ausrichtung auf eine universale Akademisierung – von der Grundschule an. Dies führt nicht nur zu einer Verflachung der Lehre wie Adorno schon feststellte, sondern zwangsläufig auch zu Nachwuchssorgen – in allen anderen Berufsfeldern. Die Geister, die man rief. Und importieren müssen wir die echten Fachkräfte – so geht ja die Mär – von anderswo her.  

Sind wir erst einmal in dem bildungspolitischen Hamsterrad, hat uns die daraus resultierende Gesellschaftsordnung sehr schnell vereinnahmt. Eine Sozialisation zum Egomanen, zum Narzissten ist die Folge. Die „Zöglinge“ gehen so inhaltsleer und teilnahmslos aus dieser hervor wie die Generationen der letzten achtzig Jahre. Dieses Individuum kämpft für nichts als sich selbst, vertritt vielleicht nur einen schalen Beigeschmack der Werte, die früher, irgendwann einmal, gelebt worden waren. Die große Symbolik wird nur auf Social Media gelebt, die große Symbolik setzt an der Oberfläche an – und verharrt auch dort. Denn die „Jungen“ lassen sich wunderbar instrumentalisieren und vor den machtpolitischen Karren spannen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Ganz nach dem Motto: Sind wir mal gegen Autorennen, weil das nicht gut fürs Klima ist, aber so ein bisschen Krieg gegen einen russischen Bösewicht, das muss sein.

Wer sagt, Teile der Jugend seien politischer als früher, dem kann ich nur entgegnen: Das, was da als politisch daherkommt, ist nichts anderes als ein realitätsfernes postpubertäres Aufbegehren, eine Haltung der Vorhaltung, ohne eigene positive Impulse. Größtenteils jedenfalls. Oder denken Sie, die juvenilen Krieger fürs Klima würden auch dann noch Abstriche bei sich selbst machen, wenn sie es wären, die die Steuern zahlen müssten, die sie fordern, wenn sie es wären, die eine Frau und fünf Kinder ernähren müssten, wenn sie es wären, die auf einen Arbeitsplatz in der Industrie angewiesen wären? Kurz gesagt ist es eine übersättigte Kaste an Wohlstandskindern, die sich das Fordern überhaupt erst leisten kann.

Doch was ist eigentlich deren Ziel? Wollen sie die Gesellschaft wirklich zum Guten verändern – Ansätze davon gibt es einige – oder geht es ihnen eher um das Schock-Momentum, darum, der breiten Masse den moralischen Zerrspiegel vorzuhalten, damit sich die alten weißen Männer mal richtig betroffen fühlen? Ich denke, es geht den Demonstrierenden jedenfalls nicht wirklich um das „Wohl der Menschheit“, sondern darum, sich selbst moralisch reinzuwaschen. Ihnen ist nicht oder nur teilweise bewusst, dass sie sich damit zu den Erfüllungsgehilfen globaler Konzerne machen, die nun endlich die Chance sehen, durch das Greenwashing ihrer Produkte, noch mehr Gewinne zu erwirtschaften.  Das Öko-Narrativ als Gelddruckmaschine, als Möglichkeit, die Masse zu Drangsalieren.  So einfach ist das.

Wir sind entrückt von uns selbst und merken es nicht mal, gefangen in einer Gegenaufklärung, die sich nur um sich selbst dreht – feingranular, irreführend, betäubend. Der Schutz der gesellschaftlichen Minderheiten ist in den Fokus gerückt, während dem Schutz des gesellschaftspolitischen Ganzen kein Platz mehr eingeräumt wird. Wir alle müssen so tolerant sein, ob wir wollen oder nicht. Ist das nicht zutiefst intolerant? Gendern wir uns irgendwann alle zu Tode?

Was, wenn ich nicht auf der Regenbogen-Welle mitsurfen wollte, wenn ich eine gewisse Form des Konservatismus durchaus guthieße, wenn ich nicht nur Putin als den einzig Schuldigen im Ukraine-Konflikt betrachtete, wenn ich fände, dass ein Staat Grenzen braucht, wenn ich der Meinung wäre, dass die Corona-Politik Deutschlands in weiten Teilen falsch und suppressiv gewesen wäre? Na, dann sollen Sie aber mal sehen, wie tolerant unsere Gesellschaft wirklich ist. 

Es kommen enorme gesellschaftliche Verwerfungen auf uns zu und zeigen sich bereits in ihren Anfängen. Dass jene, die sich da Regierende nennen, nicht mit adäquaten Antworten und – was wichtiger wäre – mit Problemlösungen reagieren, attestiert ihnen einmal mehr ihre Unfähigkeit. Indem jeglicher Prozess als monokausal (z. B. „die Inflation haben wir wegen des Ukrainekrieges“) und unausweichlich („alternativlos“ sensu Merkel)  „von außen“ kommend deklariert wird, spricht man sich als politisch Agierender von jeglicher Verantwortung frei und kann ungestört weiter in seiner Machtblase tönen. Und der Pöbel lässt es  zu.

Lässt es zu, als Bärbock’scher und Habeckscher Prellbock herzuhalten, für hohe Steuern, für unsinnige Sanktionen, die uns schaden, für Benzinpreise, für schwindende Sozialleistungen, die niedrigsten Renten in Europa, für ungebremste Zuwanderung, für Auslandseinsätze der eigenen Soldaten in Ländern, in denen sie nichts verloren haben.  Denn eigentlich ist uns das ja alles egal, wir sind träge, gesättigt, degeneriert und leer. So leer sind wir, dass wir nicht mehr erkennen, wer uns gut gesonnen ist und wer nicht, längst können wir die Welt nur noch in Schwarz und Weiß wahrnehmen – es gibt keine Nuancen dazwischen.

Alles, was inhaltlich ein Talk-Show-Format übersteigt, können wir nicht mehr erfassen, wir sind angewiesen auf gut bezahlte Tagesschau-Kommentatoren, die uns ihre Welt erklären, aufs Polarisieren, aufs Diskreditieren und auf das gedankenlose Wiederkäuen der Standpunkte der anderen, ohne eine Haltung zu etwas zu haben, die auf Erkenntnis fußt. Anne Will es, dann soll sie es haben und wenn Markus eine Lanze fürs Establishment bricht, so ist der TV-Abend mal wieder gerettet. Da darf auch ruhig einmal ein Schlipsträger über die Möglichkeit eines Atomkrieges sinnieren, ohne unmittelbar und aus gutem Grund aus der Sendung geschmissen zu werden. Let us entetain you – auch wenn aus der Unterhaltung schnell Ernst werden könnte.

Mit der Materialisierung der Welt ging ihre Entgeistigung einher – und damit wiederum die Verbannung der unmittelbar sinnlichen Erfahrung des Seins. Wir haben verlernt, auf unsere innere Stimme zu hören, auf eine in uns gereifte und evolutionsgeschichtliche Instanz der Vernunft. Eine Entnaturalisierung hat Einzug gehalten, ein inneres Vakuum sich gebildet, das mit Ersatz gefüllt werden will – mit dem Kick, dem Happening, dem Event, dem Amüsement als Mittel der Zerstreuung. Wir verlieren uns und haben sogar Spaß daran, denn eigentlich wollen wir uns gar nicht finden. Religion – ein Vakuum. Bindung – lästig. Beziehung – nur bei schönem Wetter.

Alles und jeder will frei sein, doch in Wahrheit ist jeder halt- und bindungslos, gefangen in einem gottlosen Paradies, in das wir gar nicht wollten. Und vielleicht ist es ja diese Gottlosigkeit, die uns die Träume geklaut hat oder die Idee davon, wie ein besseres Leben hätte aussehen können. „Der Traum ist aus“, sang Rio Reiser damals, aber was, wenn wir ihn schon längst aufgegeben haben zu träumen?

Wir sind Getriebene, die es nicht mal mehr wissen, wohin die Reise geht, ist uns völlig egal. Anders lässt sich diese echte politische Teilnahmslosigkeit der breiten Masse, die selbstgerecht im eigenen Sud dahinköchelt, wirklich nicht mehr erklären. Politische Teilhabe meint dabei nicht einmal, das Philosophien im akademischen Elfenbeinturm, sondern ein echtes Interesse zu haben, was uns umgibt, was wir uns und unseren Kindern aufbürden und die Bereitschaft, dies selbst zu verändern. Nichts ist im Leben alternativlos, außer der Tod. Doch wollen wir schon zu unseren Lebzeiten die Walking Dead sein? Zeigt uns nicht ein Blick ins politische Tagesgeschehen, dass dies, was hier passiert nicht „gut“ sein kann? Doch außer einem stillen Groll in uns selbst und einer weiteren repräsentativen Demo wird nichts geschehen. Wir verharren, statt zu handeln, reden, statt zu tun.   

Was wäre also nun, wenn an die Stelle dieses Vakuums ein wirklich starker neuer „Führer“ treten würde? Wie auch immer diese Macht aussähe? Wären wir für dessen Worte nicht empfänglich? Würden wir ihn nicht genauso gewähren lassen wie  unsere sogenannten Politiker jetzt? Das scheint wohl unsere Natur zu sein, der Wunsch zur Unterordnung, die Degradierung zum Befehlsempfänger – das hat ja nicht erst Corona gezeigt. Wir wollen aufgehen in der Menge, ein Teil von ihr sein, individuell nur im Kleinen, uniform im Großen. Wir verharren. Was da auch kommt. Wer da auch kommt. Wir sind die Walking Dead. Laufen wie die Duracell-Hasen von da nach dort, ohne Heimathafen, immer auf der Suche nach Geborgenheit in einer verlorenen Welt der Masken, in einer Welt der Waren, in einer Welt, in der wir uns fremd und zugleich zu Hause fühlen. Alles ein Surrogat, Artefakte einer dekadent gewordenen Zeit, die sich selbst in ihren Superlativen überholt. The dream is over before it has started.

Generation „Happy!“

Nein, ich will nicht in den verklärenden Sumpf des „Die Jugend von heute“ abtauchen. Auch liegt es mir fern, diese Jugend von heute einer generellen Kritik zu unterziehen. Denn wenn ich mir die Generation zwischen fünfzehn und zwanzig betrachte, so sehe ich größtenteils aufgeklärte Menschen. Nun schwingt wohl schon in diesem Satz ein kleines „aber“ mit. Denn was mir an eben dieser Peer Group, an dieser Generation der Alles-Könner und Alles-Erreicher auffällt, ist ein partieller Verlust von Kritikfähigkeit. Wie schon der Existenzphilosoph Martin Buber feststelle, ist ja alles Leben Begegnung. Und jene jungen Leuten, denen ich begegne, fällt es zunehmend schwer, mit ernstgemeinter, sogenannter konstruktiver Kritik umzugehen. Richtig: Sie stellen Fragen: Warum ist das so und so? Warum verhält sich das nicht anders? Doch die Motivation für diese Fragen speist sich weit weniger aus einer Kritik am Sachverhalt oder an dessen normativen Beschränkungen als aus einer Bewältigungsstrategie für die subjektiv erfahrene Kränkung. Diese zu erfahren und dazu noch mit ihr umzugehen, fällt jungen Menschen zunehmend schwer. Nun sind die Gründe dafür weit komplizierter auszumachen als die Phänomene, die jene nach sich ziehen.

Eine Ursache sehe ich persönlich in der Interaktion zwischen Erzieher und Zögling, in deren Setting versucht wird, das System von Allzeit-Belohnung zu etablieren, und jenes der Sanktionierung zu vermeiden. Dazu kommt ein fehlgeleiteter Diskurs in der Interaktion zwischen Eltern und Kind, in dessen Rahmen alles und jedes ausdiskutiert wird, bei gleichzeitiger immanenter empathischer Anteilnahme seitens der Erziehungsberechtigten. Es scheint, als habe die Generation der heute Mitvierziger all jene Kränkungen, welche ihnen Ihre Eltern angedeihen ließen, in einem weichgespülten Erziehungs-Protektorat kompensiert. Gleichzeitig sind es jene Mitvierziger, die als Kind meist in materiellem Überfluss lebten, keinen Krieg und Hunger oder sonstige existentielle Nöte kannten und somit weitestgehend systemkonform daherkommen. Wer nun aber als Kind den Konformismus der Welt sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen hat, der gibt jenen auch an seine Kinder weiter. So kommt es, dass wir in Zeiten leben, in denen die radikale Privatheit, der Hedonismus des einzelnen, zur Religion erhoben wird, was in einem blinden Konsumismus gipfelt. Dieser bezieht sich auf alle gesellschaftlichen Bereiche, alles wird konsumierbar, aufkündbar, sobald es kein individuelles Glücksmoment mehr verschafft, angefangen bei Beziehungen bis hin zu ArbeitsverhältnissenDas Konzept des unverbindlichen Glücks unerbittlich und um jeden Preis zu verfolgen, ist somit das ureigenste Ziele der jungen Leute. Dabei erliegen sie dem Irrglauben, sie hätten dieses Glück verdient, nur um ihrer selbst willen. Der Glücksoverkill soll dabei am besten 24 Stunden am Tag dauern.

Beziehung soll glücklich machen. Arbeit soll glücklich machen. Konsum soll glücklich machen. Und man mag schon fragen, welche Leere durch die Glücklich-Seins-Inflation überwunden werden muss, nur um sich der illusorischen Allmachtsphantasie des „What you see is what you get“ hinzugeben.

Vorbei die Zeiten, in denen die Stones feststellten, that „you cant’t always get what you want„. Unsere Kinder wissen, dass sie alles kriegen können, mehr noch: dass sie alles kriegen werden, dank der Hochglanz-Verheißungen im Prime-Time-TV, dank Sozialer Medien, die eigentlich unsozial sind, dank einer Pseudo-Realität und dem Faschismus der Verblendung.

So wird, ganz wie bei Instagram, für jeden Bedarf der passende Filter auf das Leben gelegt, mit dem Ziel, möglichst gut dabei auszusehen. Hauptsache glücklich.

Problematisch wird das Konzept des individuellen Glücks, das im quasi-uterinen Schutzraum des Elternhauses wurzelt, wenn es auf Gemeinschaft trifft. Denn dort entstehen, gerade in funktionellen Gruppen, Prozesse des Erleidens (Alfred Schütze et. al.), wenn es um Restrinktionen und um Empathie dem anderen gegenüber geht. Diese Prozesse werden umso mehr als zerstörerisch erlebt, als dass eine adäquate Strategie für sie nie gelernt und eingeübt werden konnte. Innerpsychisch bietet jener Sturz in eine Krise hinein genügend Nährboden für neurotische Konfliktverarbeitungen (Mentzos et. al.), die im Spannungsfeld zwischen egozentrischer Kindeswahrnehmung und gesellschaftlich erwarteten Normen zu finden sind.

Es bedarf der sprichwörtlichen Enttäuschung, um aus einem „Ich bin der Mittelpunkt der Welt“ ein „Wir“ werden zu lassen, das in der Lage ist, hinter die Fassade der mittels Kleinkrediten finanzierten Bling-Bling-Welt zu blicken und die Realität anzuerkennen. Nur auf diese Weise, durch eine sukzessive Sensibilisierung durch die Sozialisationsinstanzen, kann m. E. ein emanzipatorisches Potential entfaltet werden. Dazu gehören Lob, Empathie, aber auch das Aufzeigen und die Akzeptanz der eigenen Grenzen.

Wer echte Mündigkeit will, muss erkennen, dass Glück nicht für alle und jeden zu jeder Zeit zu haben ist. Es ist brüchig, näher als wir ahnen und weiter weg als wir wollen. Wer ihm um jeden Preis nachjagt, der wird es kaum bekommen, wer es sucht, wird es nicht finden. Und wer es als Selbstverständlichkeit betrachtet, wird erkennen, dass es alles andere als das ist!

Überlegungen zu Martin Heidegger und der Seinsvergessenheit

Martin Heidegger kategorisiert das Wesen unserer Zeit durch eine Tendenz zur Seinsvergessenheit. Das Sein als mythologischer Wesensgrund gilt ihm als basales Fundament, auf das das Topos Menschheit fußt, ja, das es seinem Wesen nach ‚beseelt“ und gar belebt. Das Sein des Seienden zu ergründen, ist folglich sein innerstes Ziel. Das setzt die Verschiebung des interpretativen Deutungshorizonts, dessen sich die abendländische Philosophie bis dato bediente, voraus. Und zwar hin zu einer exzentrischen Interpretation dessen, was das Wesen der Welt, um mit Goethes Faust zu sprechen, im Innersten zusammenhält. Die Entdeckung dieser neuen Innenheit, des tiefgründigen Sinnesgrunds, bedingt zwangsläufig die Dekonstruktion der Welt, und zwar in der Form, als dass sie als ein in sich selbst zusammengesetzes Wirkprinzip verstanden wird, dessen Gesetzmäßigkeiten uns nur rudimentär offenkundig sind. Ebendann, wenn es uns mittels Wahrnehmung gewahr wird, erkennen wir das Seiende an, ohne uns jedoch der Macht des Seins, das die emanzipatorische Kraft des Seienden in sich bündelt, bewusst zu sein. Das Sein ist als mystische Größe sinngebend, in dem es dem Seienden ein höheres, metaphysisches Prinzip zuteil werden lässt. Um das Wesen des Seins selbst zu ergründen, um sich ihm in so weit anzunähern, dass es sich dem menschlichen Verstand zumindest tendenziell erschließt, bräuchte es eine analytische Schnittstelle, die den Einstieg hin zu den Tiefen der Deutunghorizonte erlaubt, nur um an jenem mythischen Ort das zu erkennen, was alle Qualität des Seins erst ausmacht. Eine solche analytische Schnittstelle, in der sich die menschliche Innen- und Außennwelt gleichzeitig begegnen, könnte meiner Meinung nach die Sprache sein, und zwar indem man sie dem Gehalt nach untersucht, sie von dem in unserer Zeit gängigen Grundrauschen befreie und über alles, was man nichts sagen kann, schweigt. Ja, dieser Satz stammt von einem Zeitgenossen Heideggers und ja, Wittgenstein hat Recht, wenn er seinen durch analytische Betrachtung der Sprachspiele geleiteten Versuch zur Standortbestimmung der Philosophie unternimmt. Sprache versinnbildlicht, als mit Deutungen besetzes System von gegenseitig ausgehandelten Symbolen, doch die Schnittstelle zwischen ontho- und phylogenetischer Seinswerdung, und indem sie Sprechakte gebiert, gibt sie dem Seienden nicht nur einen Namen, sondern auch ein „Bild von“ und einen „Bezug auf“. Nun könnte man, wenn man die Sprache als evolutions-historischen Akt der Menschwerdung begeift, einwenden, dass sie selbst sich in den Jahrtausenden so glatt an den Klippen der Geschichte abgeschliffen hat, dass ein Erkennen des Wesensgrundes verborgen bleiben könnte, wenn man sich ihrer als Medium zur tieferen Seins-Erkenntnis bedient. Doch, so meine ich, ist ihr noch immer das Prinzip des Seins gemein, da sie sich nämlich, ihrer Natur nach, ein Bild von der Welt macht und Begriffe schafft. Sie ist der geeignete modus operandi, um einen Vorstoß hin zu dem vorzunehmen, was Kant „das Ding an sich“ nannte, und zwar einzig, um uns der leeren Begriffschablonen zu entledigen, die uns tagtäglich in eine Sprachwüste führen, die uns dort mit illosorischen Bildern von der Wirklichkeit zu entfremden, die, sensu Heidegger, in die Seinsvergessenheit münden. Das „Sehen, was ist“ erfordert gleichsam eine Schärfung des Begriffs, eine Rückbesinnung auf dessen ureigensten Kern, namentlich die Begreiffbarmachung der Welt, ohne Umschweife, dafür mit analytischer Präzision. Ulrich Oevermann hat eben diese onthologische Bedeutung der Sprache als Medium zum Verständnis objektiver Sinnstrukturen herausgearbeitet, da nämlich die Ausdruckgestalten der Sprache durch generative Algorithmen erzeugt werden, und deren objektive Bedeutungen dem subjektiven Intentionen konstitutionslogisch vorausliegen. Indem die Objektivität der Sprache vorausgesetzt, und ihre latenten Sinnstrukturen entblößt werden können, kann Sprache auch der Einstieg zum Ergründen des Heideggerschen Seins-Verständnisses sein, freilich nur, wenn man sich Oevermanns Glaube an die Sequentialität menschlicher Lebenspraxis zueigen macht, und Sprache als Mittel zur Rekonstruktion generalisierbarer Handlungsstrukturen begreift. Sprache offenbart demnach sinnlogische Erzeugungsregeln und bietet gleichsam Handlungsmaximen, die das Subjekt gleichsam zum Agieren in der Welt, namentlich innerhalb seiner Lebenspraxis zwingen und idealtypisch in eine autonome Lebenspraxis entlassen.

In Sprache wird Handeln offenbar. Aus Kommunikation wird Interaktion geboren. Hier sehen wir, wie die sprachliche Ebene und jene der Interaktion gleichsam zusammenfließen und Handeln quasi via Sprache konstituiert und zur Lebenwirklichkeit des Seienden wird. Sprache offenbart folglich den Willen des Menschen im Sinne Schoppenhauers, und zwar indem sie sein Innerstes nach außen kehrt.

Wenn dem so ist, so lässt sich auch aus dem kommunikativen Akt, also dem Verschmelzen von Sprechakt dem sichtbaren Handeln, wieder zurückgehen zum eigentlichen Kern dessen, was das Sein selbst bedingt, sprich: die innere Natur des Seins selbst. Dieses Zurückgehen, was man auch als ein „Auf den Grund gehen von“ bezeichnen kann, vollzieht ebenfalls Oevermanns Verfahren durch das Hinein- und Herangehen in die soziale Lebenswirklichkeit des materialisierten Textes, und zwar, mittels der interdisziplinären Verschmelzung der Erkenntnisse aus allen Erfahrungswissenschaften und der Herausarbeitung einer generalisierbaren Struktur, sprich: der Fallstruktur, die sich aus dem Spannungsverhältnis von „token“ (Einzelelement) und „type“ (Typisierung) des jeweiligen Falls erst ergibt. Diese strukturlogische Ableitung, hin zum Sein, dieser Weg von der Sprache zur Rekonstruktion der Lebenspraxis, ist der richtige und zwar auch dann, wenn Overmanns Verfahren erst dort ansetzt, wo die Routine zur Krise und damit zum Fall wird.

Vielmehr plädiere ich für eine Anwendung der Methodologie auch auf Sprach- und Sinngehalte sowie Texte, die die Alltagsroutine von Subjekten spiegeln und diese schließlich zum Untersuchungsgegenstand macht. Die hermeneutische Auslegung des Textes im Sinne Gadamers, das Herausbringen der Wahrheit und ihre Entfesselung schließlich soll dabei die oberste Prämisse sein, denn sie führt, zumindest partiell, heran an das Sein, indem sie die „Enttäuschung“ der Begriffe, und zwar dem Wortsinn nach, zu ihrem Credo macht.

Über das Sprachverständnis können, beispielsweise mittels Psychologie und Sozio-Lingustik, Aussagen über die Welt getroffen werden, die qualitative, in diesem Sinne subjektive, Attribute des sozialen Arrangements berücksichtigen und dennoch objektivierbar sind. Nehmen wir das Beispiel der Worthülse X, die aus den Komponenten A, B,C besteht. Demnach müsste eine Seins-Analyse zunächst die Komponenten A, B, C offenlegen, dann jedoch auch den sozialen Kontext berücksichtigen, in dem das Produkt entstehen konnte, und müsste auch die Variablen Raum und Zeit aufgreifen. Dann würde eine solche Herangehensweise für das Wort „Kugelschreiber“ bedeuten, dass die Bezeichnung bzw. der Begriff im historischen Kontext des 19. Jahrhunderts eingebettet ist, was gleichsam den sich materialisierenden Gegenstand in jenen zeitlichen Rahmen rückt und sich inhaltlich auf ein Schreibgerät bezieht, das mittels einer Kugel Tinte auf Papier übeträgt. Das meine ich mit Präzision des Begriffs: eine Dekonstruktion des Sachverhalts, um eine stichhaltige Rekonstruktion zur Seins-Erinnerung durchführen zu können.

Nun sollte jedoch bei allem Erinnern nicht vergessen werden, dass die Hermeneutik als solche es vermag, die subjektiv-menschlichen Bedeutungsgehalte zutage zu bringen und Begriffe zu Inhalten wissenschaftlicher Auslegung zu machen, doch wir werden uns auch damit abfinden müssen, dass es abstrakte, vielleicht metaphysische Aspekte gibt, deren Bedeutungsgehalte uns gänzlich verschlossen bleiben. Eben weil wir vielleicht anderer Werkzeuge bedürften, um sie aus dem Wust der Wörter zu bergen. Um dem Sein auf die Spur zukommen, muss also die absolute Realität desselben geborgen und seine Struktur entfesselt werden. Ich will an dieser Stelle die Objektive Hermeneutik zwar als eine mögliche Methode zum Beschreiten dieses Weges anführen, aber nicht zur ultima ratio erheben. Denn eine Methode, die von sich behauptet, objektiv zu sein, nur weil sie subjektive Bedeutungsgehalte wiederspiegelt, mag vergessen, dass der Forscher, der forscht, immer in dem Moment zum Teil der Lebenswelt des Subjekts wird, wenn er das Spielfeld der Feldforschung betritt und er die Lebenswelt im Moment der Interaktion schon verändert.

Ausgeglichen: Ein Waldspaziergang

Als ich heute Morgen mit meinem Hund durch den Wald ging, da wurde mir wieder einmal bewusst, wie wesentlich das vermeintlich Unwesentliche sein kann: Wann nehmen wir uns eigentlich noch die Zeit dafür, das was uns umgibt, tatsächlich und mit allen Sinnen zu erfahren? Genau das ist es, was echten Luxus m. E. überhaupt erst aus macht. Und dieses Abschweifen in die Natur, in die Einsamkeit, kann – wenn man einmal davon absieht, dass unsere Landschaften natürlich meistens in irgendeiner Form vom Menschen kultiviert und somit beeinflusst wurden – ganz neue Horizonte eröffnen. Mit der Brille eines Kindes die Welt zu entdecken, das soll an dieser Stelle keinerlei romantisierende Gefühlsduselei sein, heißt doch, voll und ganz wahrzunehmen, das Auge für die schönen und bezaubernden Kleinigkeiten dieser Welt nicht zu verlieren. Wie konnte man sich früher über die blühende Hecke am Wegesrand oder einen neu entdeckten Kletterbaum freuen. Und brachte diese Form der infantilen Freude und Arglosigkeit uns damals nicht einen Mehrgewinn, eine besondere Form des unmittelbaren Erlebens?

Genau so war es heute im Wald: Die Blätter fielen getragen von einer seichten Brise sanft zu Boden, die Sonne durchfuhr mit ihren goldenen Strahlen die Baumwipfel, die sich dem tiefblauen Himmel entgegenstreckten. Goldenes Laub bedeckte den Waldboden und federte jeden meiner Schritte im Hall, sodaß nur ein dumpfes, kaum wahrnehmbares Geräuch beim Aufsetzen und Abrollen meines Fußes zu fernehmen war. Ein Birkenhain säumte den Weg, dessen Ausläufer mit ihrer schwarz-weißen Rinde einen starken Kontast zu dem prächtig-warmen Farbenspiel seiner hölzernen Nachbarn bildeten. Diese Auszeit, diese Form der inneren Einkehr, sollte man sich öfter gönnen.

Wie sagte schon Tucholsky: „Die größte Sehenswürdigkeit, die es gibt, ist die Welt – sieh sie dir an.“ Und auch Muriel Barbery formuliert in ihrem Meisterwerk Die Eleganz des Igels ein Plädoyer für des Blickes für die bezaubernden Kleinigkeiten des Lebens:

„Die Kamelie auf dem Moos des Tempels, das Violett der Berge von Kyoto, eine Tasse aus dem blauen Porzellan, dieses Aufblühen der reinen Schönheit inmitten vergänglicher Leidenschaften, ist es nicht das, wonach wir alle streben? Und was wir, die Zivilisationen des Westens, nicht zu erreichen vermögen? Die Betrachtung der Ewigkeit in der Bewegung des Lebens.*

* Barbery, M., Die Eleganz des Igels, S. 108, dtv (2010).