I’m not aNEWSt

Es ist wieder einmal an der Zeit, über die Sensations-Sehnsucht der Medien zu richten. Wobei ich vielleicht genauer skizzieren sollte, um was es mir geht. Wissen Sie, es ist dieses ewige Warmkochen und heiß Servieren von eigentlichen Selbstverständlichkeiten, was mir gelinde gesagt ziemlich auf die Nerven geht. Ach heiß servieren, was sag ich, am liebsten noch köchelnd, brodelnd, im siedenden Newssaft. Ein Beispiel gefällig? Da der Winter sich zur Zeit anschickt, das zu tun, was Winter nun mal am liebsten tun, nämlich Winter sein und uns mal ordentlich eine mit Schnee und mit to much Matsch und Eis zu verbraten, wittern auch die Götterboten der deutschen Medienlandschaft wieder ihre Chance auf schnell generierte Nachrichten-Hysterie. Denn sobald Frau Holle ein wenig ihre Bettchen ausschüttelt, ist in den Sendeanstalten die Rede vom Verkehrschaos, der Eispartie und es werden regelrechte Lageberichte in die Sendewellen der Hörfunknetze posaunt. Ach, it’s a little bit like CNN, isn’t it? Und kaum tanzt die ganze Hörerschaft den synthetischen Schneewalzer, bevor überhaupt ein Schneeflöckchen zu sehen ist und die Alterskohorte zwischen 65 und 85 hat sich mit Hamsterkäufen und Grippeimpfungen eingedeckt, ist auch schon aus dem Schnee von heute der kalte Kaffee von gestern geworden. Denn das vermutete Chaos blieb aus und es war doch mal wieder alles halb so schlimm. Bis die nächste wichtige Neuigkeit ins kollektive Bewusstsein implementiert wird. Oder sollte ich sagen: Eine breite Masse ist eben froh über solch belangloses Zeugs, denn darüber lässt es sich beim Bäcker von Nebenan einfach besser plaudern. Hey, sind wir nicht alle schon ein wenig Bluna?

„Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“ Theodor W. Adorno, aus Minima Moralia, Suhrkamp, 1994.

Was ich mich in meinem Elfenbeinturm dann frage, ist, wo bleibt eigentlich die journalistische Distanz? Wo sind die Nachrichtensprecher der 70er und 80er, die mit energisch-geföhntem Seitenscheitel, schlecht sitzendem Anzug, aber vor allem auch ruhiger, gelassener Stimme sagten „Achtung. Es kann glatt werden“? Das war’s. Fertig aus. Keine Befragungen von Menschen auf den Straßen, wie sie zur Arbeit kamen, kein Life-Bericht aus dem Schneepflug. Und ja: Den Konjunktiv hatte man damals tatsächlich noch in Gebrauch.

So pflanzen sich die Wellen der gehypten Newsfeeds fort. Alles ist einmalig und doch austauschbar und beliebig. Aus einem Sommer wird ein MegaSommer, aus einer Flutwelle eine Jahrhundertflut. Das mediale Schneller-Höher-Weiter macht selbst vor wirklichen Katastrophen nicht halt. Letzte Woche noch wollten alle Charlie sein und was kommt morgen? So wichtig Solidarität auch ist, so wenig bleibt ihr an Nachhaltigkeit, wenn auf uns ein ständig köchelnder Brei an Neuigkeiten einströmt, von dem jeder Bissen den Anspruch erhebt, der köstlichste zu sein, wenn wir uns verführen lassen, von der Süße seines Geschmacks.

Es mutet schon seltsam an, wenn heute noch der Bildzeitung das Gesicht eines im Kugelhagel erschossenen Polizisten als Aufmacher dient und morgen schon die debil-grinsenden Fratzen der Dschungel-Kamp-Kandidaten. Aber manchmal, wenn das kollektive Bewusstsein an die Grenzen seiner von Natur aus gegebenen Sehnsucht nach Harmonie stößt, ersticken die Medien mit der Macht eines Dampfhammers wieder den Funken der fremderworbenen Mündigkeit. Dann sind wir nicht mehr empört oder machen uns Gedanken über die Entwicklungen in der Ost-Ukraine, sondern hängen an den Lippen des Bachelors, gucken Frauentausch oder Musikantenstadl. Ach, welch rosige Aussichten. Will noch jemand Kartoffelchips?

Kleiner Kommentar
Ist es nicht so, dass Medien unmittelbar die Wahrnehmung unserer Realität und der damit verbundenen, uns umgebenden Lebenswelt bestimmen, nie aber die Realität widerspiegeln? Wie sicher sind Nachrichtenquellen, die uns Aufnahmen von Schießereien präsentieren, deren Kontext für uns nicht nachvollziehbar und deren Echtheit nicht prüfbar sind? Sind Medien mittlerweile zu einem Großteil zu dem geworden, was noch in der Antike die Spiele der Gladiatoren waren, nach dem Motto: Panem et circenses? Es geht wohl nicht minder darum, uns eine wohl-portionierte Dosis an Schock, Kummer und Not zu verabreichen, über die wir dann in Talkshows symbolträchtig diskutieren, nur um sie dann wieder vergessen zu machen. Wobei sich auch „die Medien“ sicherlich nicht über einen Kamm scheren lassen, denn es gibt sie noch, die echten investigativen Journalisten. Vielleicht ist es auch einfach das Überangebot an dem, was an Informationen zur Verfügung steht, was die Medien dazu zwingt, einen dramaturgischen Bogen zu spannen, der jegliche Sujets bis zum Crescendo sukzessive aufbereitet. Vielleicht sind es auch die perfiden Vernetzungen der großen Medienunternehmen und deren Verflechtungen mit der Wirtschaft, die den inszenierten Einheitsbrei kochen. Sicher ist, dass wir und insbesondere unsere Kinder eine Medienkompetenz erlernen müssen, um vor all dem gewappnet zu sein, was uns da als „echt“ und „wichtig“ verkauft wird. In Verbindung mit dem Web 2.0 stellt das Eltern vor herausfordernde Aufgaben, müssen sie doch ihre Kinder für einen maßvollen und sensiblen Umgang mit dem unendlichen Universum „Internet“ sensibilisieren, gleichzeitig aber ohne entmündigende Verbote auskommen.

Wundervoll weichgespielt: Ein Plädoyer für die Love-Songs dieser Welt

Es erstaunt mich doch immer wieder, wie sehr uns manche Musiktitel – oder cooler, denn so alt bin ich ja noch nicht: Tracks – durch das Leben begleiten. Jedenfalls geht das mir so. Nehmen wir mal den Kuschel-Rock-Evergreen von Bryan Adams „Please forgive me“. Ach ja, hat sich genau das nicht jeder von uns schon gewünscht? Noch schmalziger geht’s natürlich immer. Ich hab da noch einen Klassiker. Nazareth mit „Love hurts“. Wie ernüchternd, dass Rocker echte Gefühle haben, auch wenn wir alle wissen, dass „Love“ manchmal ganz schön „hurten“ kann, ist’s immer wieder schön, wie „beautiful“ sie ist, weil sie – oder vielmehr – „she“ – eben den „look“ hat. Roxette. Ebenso ein Garant weichgespülter Liebes-Hymnen. Nein, ich meine das nicht ironisch, im Gegenteil. Immer wenn ich „It Must have been love“ höre, dann mache ich das Autoradio ein wenig lauter – so ein kleines bisschen – und ertappe mich beim Träumen. Es muss Liebe gewesen sein, Schweigen füllte den Raum…. Wie das die gute Marie singt, ist wirklich herzzereissend schön. Kitschalarm, richtig! Aber genau davon lebt die große, weite Welt des Pop. Weil’s dabei um viel Geld geht, werden Sie sagen. Aber, und das verkennen wir gerne: Weil wir’s hören wollen.

Ob Abba, Bon Jovi, Christina Aguilera, Britney Spears oder Michael Jackson: Richtig große Hits wurden meist dann geboren, wenn sie die watteweiche ideale Liebe à la Humphrey Bogart thematisierten. Selbst der Make-up Artist und giftige Grummel-Rocker Alice Cooper startete erst mit „Poison“ so richtig durch – harte Schale, weicher Kern.

Irgendwas mit Herzschmerz, garniert mit viel Melodie und viel L.O.V.E obendrauf – fertig ist der Radio-Dauerbrenner, der den Herzschlag außer Takt und die Kasse zum klingeln bringt. Und das ist eigentlich auch gut so. Denn indem uns die zart geknüpften und sachte durchkämmten Klangteppiche umhüllen, stellen sie uns einen auditiven Schonraum zur Verarbeitung dessen bereit, was in realitas die tägliche Routine gerne verhindern würde. Zahnpasta zumachen, Mineralwasser aus dem Keller holen und Wocheneinkauf: „What’s love got to do with it?“, fragt Tina Turner. Nix, aber auch garnix!

Ergo: Auch wenn wir selbst nicht unbedingt „atemlos durch die Nacht“ hechten, sondern schon die grünen Ampelphasen morgens in der Rushhour als Höchstmaß der großen Freiheit betrachten, stiftet uns beispielsweise das Fischer’sche Hit-Prinzip zumindest genügend Identifikationspotential, um es uns vorzustellen – frei zu sein, ganz für die Liebe. In der Musik dürfen wir voll und ganz aufgehen im samtig-gefühlsduseligen Liebes-Topos, dessen Wurzeln verankert sind in unserem von Hollywood-Filmen durchsiebten Bewusstein.

Und für alle, die dann enttäuscht wurden, denn sowas soll ja vorkommen, habe ich gehört, ist dann Andrea Berg (Zielgruppe: Hausfrau, um die vierzig, 1000 mal belogen, (unglücklich) verheiratet) da – zumindest rund 3 Minuten, 20 Sekunden lang. Auch wenn die Liebe beim Schlager oft plumper daherkommt als bei Depeche Mode’s „Enjoy the Silence“: Eigentlich geht’s um Dasselbe – um das Erleben der Leidenschaft in allen ihren Farben und Formen. Denn wir alle – gucken Sie nicht so, Sie auch! – haben uns doch schon gefragt „Do you really want to hurt me?“, oder wenn’s mal ganz dicke kam „What is love?“.

Wie beschließen wir jetzt diesen Artikel? Vielleicht mit dem Hit-Zitat, dass die Liebe ein seltsames Spiel ist? Das wäre zu einfach. Nein, Sie bekommen jetzt mal was ganz Persönliches von mir. In diesem Sinne: all you need is … Sie wissen schon.

Meine drei Lieblings-Love-Songs (ich stehe wenigstens dazu!)

1. Münchener Freiheit: „Herz aus Glas“

2. Rod Stewart: „Don’t want to talk about it“

3. The Verve: „Bitter Sweet Symphony“

Ein Kind der 80er

Als Kind der Achtziger Jahre des vorherigen Jahrhunderts – mein Gott wie old-fashioned das klingt – frage ich mich oft, ob damals alles besser war. Dann fallen mir wieder die Tage ein, an denen meine Freunde und ich draußen spielten. Ja, so etwas machte man früher tatsächlich. Wir streiften durch die umliegenden Wiesen, die für uns ein magischer Erlebnis-Dschungel waren. Ob es regnete oder die Sonne schien, war uns einerlei. Meine Welt war damals eine kleine, und reichte nur einen Kilometer herum um unser Haus. Doch hier spielte sich das Leben ab, gab es fantastische Riesenschlangen, die in Straßenkanälen lauerten, Banden (das meinte damals noch was anderes als „Gang“) und jede Menge Freunde. Handys gab es noch nicht.

Nachdem die Schulaufgaben erledigt waren und gestärkt mit dem Mittagessen im Bauch, wartete ich für gewöhnlich darauf, dass einer meiner Kumpel bei uns zu Hause klingelte. Auch ganz ohne Handy und WhatsApp – einfach an der Haustür. Draußen sein, das hieß für uns frei zu sein, Kind sein zu dürfen. Damals sah man tatsächlich noch Kinder auf der Straße spielen – ein Bild, das man heute kaum noch kennt. Im Sommer kickten wir nebenan Fußball bis die Sonne unterging, bauten Staudämme und brausten mit unseren Skateboards die Straßen des Wohngebiets hinab. Wisst ihr: Wir verletzten uns auch manchmal, schlugen uns die Knie und Ellenbogen auf, und obwohl wir mit acht Jahren schon ganz schön harte Kerle waren, lief uns manchmal eine salzige Träne die Wange hinab, was natürlich keiner sehen durfte.

Die Garagen unserer Eltern waren unsere geheimen Stützpunkte, unsere eigene Area 51. In Regalen lagerten unsere Schätze. Ja, damals hatten wir sogar Plastik-Gewehre, und schossen uns damit im Spiel ab. Für pädagogisch unklug hielt das nämlich keiner. Neben mit Steinen gefüllten Marmeladen-Gläsern, Plastikringen und Fußbällen in allen erdenklichen Größen gab es damals noch Rollschuhe und orangene Kettcars, mit denen wir uns wilde Verfolgungsjagden in der Garagen-Einfahrt lieferten. Aber das Wichtigste, das wirklich Wichtigste, stand ganz weit hinten an die Wand gelehnt: Das eigene Fahrrad, unsere Rakete, unser Helfer, mit dem wir schnell wie der Wind von A nach B brausten. Wer von euch spielte auch mal nach, Michael Night zu sein, und hat in seine Uhr rein gesprochen, nur um KITT zu rufen, der dann natürlich nicht kam?

Auch wenn wir heute als Erwachsene wissen, dass Songs wie „99 Luftballons“ unmittelbar auf den Kalten Krieg anspielen: Wir Kinder (nicht: Kids!) fanden die Melodie schön (nein: nicht cool!) und mochten die , Luftballons, über die das junge Mädchen mit dem Stirnband sang. Und wenn das auch empirisch nicht ganz nachzuweisen ist: Ja, ich hatte das Gefühl, dass die Sommer damals heißer und die Winter kälter waren. Vielleicht lag es ja auch am Wetter, dass wir noch auf den Straßen Federball und Tennis spielten, und im Winter Schlitten fuhren.

Dann, Ende der 80er, gab es die ersten Rechner – groß, klobig und völlig leistungsschwach. Und wollte man ein Spiel spielen, musste man Zeit mitbringen, denn der Floppy lud und lud, blinkte uns machte komische Geräusche. Wer kennt das noch: „Insert Disk 2“? Und manchmal stürzte das Ding sogar ab. Aber Spaß gemacht hat’s trotzdem. Wir zockten damals mit Joystick, der hatte zwei fette rote Knüpfe und musste manchmal erst „justiert“ werden: Falcon, Giana Sister, Maniac Mansion. Ach, die gute alte Zeit eben.

Und erst das TV: Damals eröffnete sich mir mit RTL eine völlig neue Welt. Denn vorher hatten wir nur drei Programme: in Worten D.R.E.I. Und sogar Hans Meiser war jung zu der Zeit. Samstags sahen wir bei meiner Oma immer Schwarzwaldklinik, und ich konnte als Kind echt nicht verstehen, was an Sascha Hehn so toll sein soll. Sonntag Abend saß dann die komplette Familie vorm Fernseher und hat „Ein Tag wie kein anderer“ oder „Der große Preis“ mit Wim Thoelke geguckt. Wenn man damit auch heute keinen Blumentopf gewinnen würde: Hey, damals waren das echte TV-Highlights. Und dann die Serien: Knight Rider, Ein Colt für alle Fälle, Hart aber herzlich, Ein Engel auf Erden. Wie hab ich die geliebt und den Soundtrack dazu hab ich heute noch im Ohr.

Nun ist aber genug mit der romantischen Gefühlsduselei, oder? Ich meine, was war denn damals anders? Nun, ich glaube, die Welt war keine andere. Vielleicht waren es einfach andere Zeiten auf die wir heute mit einem Hauch Melancholie schauen. Es war schwer, mindestens so schwer wie heute, der Kalte Krieg schwebte als latente Gefahr immer in der Luft. Die USA und die Sowjets übten sich im Wettrüsten und die atomare Bedrohung machte mir als Kind damals schon Angst. Pershing-Raketen, der Name war mir bekannt, wenn ich auch nicht wusste, was das genau war, so war es wohl nichts Gutes. Genau so, wie die Militärkonvois, die über die Autobahnen rollten nichts Gutes sein konnten – laut, in Tarnfarben und irgendwie gespenstisch.

Doch rückwirkend würde ich sagen, dass das, was ich da erlebte, die schönste Kindheit war, die man sich vorstellen kann. Ein großes Abenteuer, die kindliche Entdeckung der Welt. Und gerade deshalb macht es heute noch Spaß in dieses Zauberreich einzutauchen, Kind sein zu dürfen, ganz nach dem Motto eines 80er-Jahre-Slogans: „Ich will so bleiben, wie ich bin.“

The Purge: Anarchy – Eine kleine Filmkritik

Gestern habe ich mir im örtlichen Cinestar „The Purge: Anarchy“ angesehen. Die Fortsetzung des im Jahr 2013 so erfolgreich durchgestarteten Teil eins – damals noch mit Ethan Hawk und Lena Headey in den Hauptrollen – kann sich meines Erachtens nach durchaus sehen lassen. In einer Zeit, in der eine alljährliche „Säuberung“ von einer Regierung erlaubt, ja sogar gewünscht ist, wird für eine Nacht jegliche Form von Moralität außer Kraft gesetzt. Und eben diese permanente Bedrohung ist es, die den Zuschauer von der ersten Minute an in eine Atmosphäre der Angst hineinwirft und ihn durch einen metertiefen Sumpf von Gewalt und Hass warten lässt. So bedient sich der Film wohlbekannter Elemente à la „Running Man“ und auch an den ein oder anderen Zombie-Streifen musste ich durchaus öfter denken.

Aber dennoch ist es vielmehr die gesellschaftliche Dimension, das Schranken-fallen-lassen-für-eine-Nacht, die dem Streifen sein Eigenleben verleiht. Eine Regierung, die die Armen tötet, die das Töten selbst als „Säuberung“ deklariert, da werden gewisse Parallelen zu zeitgeschichtlichen Ereignissen spürbar. Denn wo jeder für eine Nacht lang gottgleich über Leben und Tod bestimmen kann, dort wird das menschliche Biest entfesselt und wütet ganz unverhohlen zum Wohle des Systems, das jene, die scheinbar ihre Freiheit ausleben, doch nur als Sklaven für seine Zwecke verwendet.

Die grausame Dekadenz, die selbst beim Tötungsritual noch Klassenunterschiede erwachsen lässt, betont das Irrspiel, dessen Akteure sogleich Täter und Opfer sind. Denn während die Armen um ihr Leben fürchten, lassen sich die Reichen ihre elesenen Opfer quasi nach Hause liefern, um sie dann im trauten Heim abzumetzeln. Frei Nach Oscar Wilde: Jeder von uns ist sein eigener Teufel und wir machen uns diese Welt zur Hölle. Fazit: Nicht gerade tiefgründig, nichts was man mit der Realismus-Brille analysieren sollte, aber durchaus sehenswert und kein Sujet für weichgespülte Soap-Fans.

Hinter Amazons Lächeln

Wer die Diskussion um den amerikanischen Online-Riesen Amazon ein wenig mitvervolgt, wird Zeuge von allerlei Unstimmigkeiten hinter den Kulissen des selbsternannten „Erverything Stores“. Da sind zum einen die Beschäftigten, die unter den Gängel-Methoden des Unternehmens und unter den hohen Erwartungen in Sachen „Performance“ leiden. Zur Erinnerung: Während einer Schicht legt ein „Picker“, also derjenige, der die Ware komissioniert, rund 20 Kilometer zurück. Wird fünf Minuten nichts über den Handscanner gezogen, dürfen sich Mitarbeiter auf ein Gespräch mit dem „Lead“, dem Abteilungsleiter, freuen. Überhaupt spielt das amerikanische Wording beim Versand-Riesen eine große Rolle. So wird dort nicht verladen, sondern „geshipt“, morgens „badged“ man sich mit der Zeitkarte ein und so weiter und so weiter.

Hinter all dem stehen harte Fakten. Waren letztes Weihnachten noch 4100 Menschen allein am Standort Koblenz beschäftigt, sind es heute noch gerade mal 1200, wovon die meisten Ketten-Befristungen erhalten und Saisonkräfte sowie Leiharbeitskräfte sind. (ver.di Publik, Ausgabe 4, 2014).

Zum anderen lodert unter der Oberfläche des Versandhauses mit dem Smily auf dem Paket auch ein handfester Rechtsstreit mit namhaften Verlagen. So gingen die Verlagsgruppen Hachette und Bonnier an die Öffentlichkeit, nachdem Amazon still und leise die Preise für Hachette-Bücher erhöht hatte. Auch der von J.K. Rowling unter dem Namen Robert Galbraith verfasste Roman „The Silkworm“ ist seltsamer Weise zurzeit nicht verfügbar. Aber auch deutsche Verlage leiden unter den Amazons Geschäftspraktiken – darunter Carlsen, Ullstein und Piper. Ja, da werden selbst Bestellbuttons entfernt.

Bei der ganzen Debatte geht es um ein gwinnträchtiges literarisches Neuland, genauer: um E-Books. Denn Amazon fordert von den Verlagen satte 50 Prozent Provision (üblich sind hingegen 30 Prozent). Das gleicht einem Donnerschlag und ist kaum tragbar, denn gerade die Autoren sind es, die eine solch invasiven Maßnahme zu spüren bekommen. Träumte Amazon mit der Einführung des Kindle im Jahr 2007 noch von einem Festpreis von 9,99 Dollar pro E-Book, musste es sich durch die Einführung des iBook-Stores von Apple notgedrungen mit dem Agency-Modell – der Verlag legt den Verkaufspreis fest, Amazon erhält davon 30 Prozent – zufrieden geben. Auf Betreiben Amazons verklagte das US-Justizministerium im Jahr 2012 daraufhin Apple, die großen Verlage kauften sich durch riesige Zahlungen frei, Aplle wurde zur Zahlung von 840 Millionen Dollar verurteilt und, wer hätte das gedacht, Amazon darf zu seiner alten Geschäftspraxis – der „flexiblen“ Preisstategie – zurückkehren. Auch in Europa kam es zu einer solchen Klage, bei der die EU-Komission gegen Apple und diverse Verlage ermittelte.

Nun könnte man ja denken, dass Amazons Zutun mit einer überaus kundenzentrierten Taktik zu begründen ist, immerhin geht es um den niedrigsten Preis für den Verbraucher. Aber hinter dem Betreiben des US-Unternehmens steckt jedoch viel mehr, eine Tendenz nämlich, die wir bei allen großen Web-Companies entdecken können: die Ausdehnung des Herrschaftsanspruchs. Denn der geht dem Unternehmen über alles. So wird heftig dazu gekauft, gerne auch zulasten des Gewinns. Dieser Lag bei einem im Jahr 2013 verzeichneten Umsatz von 75 Milliarden Dollar gerade mal bei 274 Millionen Dollar.

Die Gefahr, dass hierunter eine ganze Branche leiden könnte, ist dabei unbedeutend für Amazon. Ich will hier nicht den moralischen Zeigefinger heben, denn natürlich zählt für uns Verbraucher unterm Strich der Preis. Doch wenn sowohl Beschäftigte als auch Autoren durch die repressiven Maßnahmen eines Unternehms unter Druck geraten, dann sollte zumindest in Grundzügen ein gewisses Umdenken einsetzen. Denn Amazon will nicht nur verkaufen, sondern auch auch die Verlage aus dem Weg räumen. Welche kulturellen Einbußen das bedeuten könnte, wäre kaum auszumachen und den Einfluss, den Amazon auf die Werke zur Optimierung des Verkaufs nehmen könnte, käme dann wohl einer Zensur gleich – angefangen vom diktierten Buchtitel bis hin zum Streichen ganzer Kapitel. Aber die Aktionäre wollen schließlich mal Gewinne sehen, und ob dann, wenn diese erst eingefahren werden, der Smily auf der Pappkiste noch angebracht ist, wage ich zu bezweifeln.

Es ist Zeit zu überdenken, ob wir uns wirklich langfristig in eine solche Abhängigkeit begeben möchten. Ich gebe zu: Die Verlockung ist groß, denn der nächste Artikel steht ja schon zur Auslieferung bereit. Aber selbst ich als Everytime-Onliner musste feststellen: Hey, der nächste Buchladen ist ja garnicht so weit weg…

Facebook-Rollout Mai 2014


Auch wenn Facebook-Seiten-Administratoren in den letzten Monaten nicht mehr viel Neues zu Gesicht bekamen, muss ich sagen, dass das aktuelle Facebook-Rollout und die damit verbundene Layout-Anpassung deutlich gelungener erscheint, als so manch anderer zwanghafter Umstyling-Versuch. Du hast noch keine Veränderung bemerkt? Das hat eben damit zu tun, dass die Anpassungen sukzessive vorgenommen werden. Hier nun die auffälligsten Changes auf einen Blick.

Lästiges „Im Namen von“-Umswitchen entfällt
Wer kennt das nicht? Wollte der Administrator etwas auf seiner Seite posten, musste er immer daran denken, zuvor den Button „Posten im Namen von“ anzuklicken. Ansonsten postete er nämlich gradewegs in seinem Namen – und zwar an die Chronik der von ihm verwalteten Seite. Dieses Problem, das in der Mobile-Version schon länger nicht mehr besteht – wurde jetzt endlich auch für die Desktop-Version gelöst. Einfach auf die Seite gehen und posten. I like!

Verbesserung der Übersichtlichkeit
In Sachen Übersichtlichkeit hat Facebook für Seiten-Admins wohl bisher keinen Blumentopf gewonnen. Nun hat sich das – zumindest ein wenig – verbessert. Auf der rechten Seite erhaltet ihr nun ganz bequem eine Übersicht über neue Likes, Beitragsreichweite, Nachrichten (also Kommentare und Co.) sowie Nachrichten (also Unternehmensnachrichten). Das empfinde ich jedenfalls als eine schöne Veränderung. Auch hierfür ein fettes Like!

Vier Reiter gegen den Rest der Welt
Nun stehen vier Reiter da, wo man sich zuvor mühsam durchklicken musste – namentlich „Seite“, „Aktivität“, „Statistiken“ und „Eintstellungen“. Während wir beim Reiter „Seite“ die von uns verwaltete Seite sehen, gelangen wir bei „Aktivität“ zu den Unternehmensnachrichten. Den Begriff „Aktivität“ finde ich hier daher etwas unpassend. „Postfach“ hätte es wohl auch getan. Unter „Statistik“ findet ihr nach wie vor alles zum Thema „Likes“, „Reichweite“, „Zielgruppe“ usw. Hier ist nun auch jene Beitragsübersicht aufgeführt, die zuvor auf der Haupt-Admin-Seite zu sehen war. Das reicht meiner Meinung nach auch voll aus. Beim Reiter „Seiteninfo“ bleibt fast alles unverändert. Nun gut. Ich sagte fast… Denn als Betreiber eines Restaurants könnt ihr nun unter „Seinteninfo“ das PDF einer Menukarte hochladen. Auch eine nette Sache.

Unterseiten und Apps
Habt ihr mithilfe einer App Unterseiten erstellt? Nun, diese findet ihr jetzt – weit weniger prominent – auf der linken Seite wieder. Dass sie dort dann auch noch unter der Überschrift „Apps“ stehen, finde ich unpassend, gerade dann, wenn Sie noch Online-Buchungs-Tools usw. verwenden, die dem Nutzer einen direkten Mehrwert bringen. Zwar kann neben „Info“, „Chronik“ und „Fotos“ noch eine individuelle App in der Hauptnavigationsleiste aufgeführt werden, dennoch verlieren diese durch diesen Schritt deutlich an Bedeutung. Auch Willkommensseiten dürften damit wohl endgültig im Sumpf der Vergessenheit verschwinden.

Feedback-Elemente
Na ja. Grundsätzlich sind die Meinungen von Nutzern als „Aktivitäten auf der Seite“ nun links unten aufgeführt. Zuvor waren diese prominenter auf der rechten Seite zu finden. Einzig direkte Bewertungen gewinnen an Bedeutung – und zwar bei tatsächlich existierenden Locations. Sie sind jetzt links oben zu finden.

Neues Facebook-Rollout- mein Fazit
Insgesamt sagte ich ja schon, dass die Veränderungen eine Verbesserung sind. Dennoch nerven die zunehmenden Monetarisierungs-Tendenzen schon ein wenig. So wird man überall damit bedrängt, einen Beitrag hervorzuheben und die Reichweite zu erhöhen. Zusätzlich wird die organische Reichweite der Beiträge verringert. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Die jungen Alten

Immer wieder werden wir in diese unsägliche Diskussion reingezogen: Die Rente mit 63 Jahren – Top oder Flop? Ich möchte das jetzt garnicht so sehr werten. Was ich jedoch fesstelle, ist, dass es immer mehr der sogenannten „jungen Alten“ gibt, die prinzipiell top fit in ihren neuen, nicht mehr vom Rhythmus der Lohnarbeit diktierten Lebensabschnitt durchstarten. Und wenn wir in Deutschland von einer Verarmung vieler Rentner sprechen – denn diese Tendenz nimmt fraglos zu – so sollten wir uns dennoch auch vegergenwärtigen, dass noch eben genügend gut situierte Rentner an der anderen Seite der Messskala sitzen. So weit, so gut, haben diese sich das ja auch verdient. Neben netten Urlauben und so fort sind es aber auch meist jene dynamischen Rentner, die der Freizeit mehr als überdrüssig sind und ihr Glück nicht im nachmittäglichen Kaffeekränzchen mit Tante Käthe suchen, sondern in einer sinnstiftenden Tätigkeit.

Und jene finden viele von ihnen im Rasenmähen, Tapezieren, Gärtnern und Co. Zunächst mal in den eigenen vier Wänden und dann, hat sich der Einsatz dort gelohnt, vielleicht bei den Müllers, Schmitts und Beckers nebenan. Und aus dem bisschen Werkeln wird faktisch ein Fulltime-Job. Glauben Sie mir: So erlebe ich das in meinem Umfeld. Und spätestens wenn sich das Wissen um die handwerklichen Fertigkeiten von Herbert K. vom einen Ende des Ortes zum anderen verbreitet hat, und die kleinen Gefälligkeiten von einem netten Stundenlohn versüßt werden, finde ich, dass diese Entwicklung bedenklich ist. Schmälert sie doch echten Kleinunternehmern und 450-Euro-Kräften die Chance, Aufträge zu erhalten.

Und dass das, was Herbert K. da treibt, Schwarzarbeit ist, daran stört sich selbst Tante Käthe nicht, denn der Herbert arbeitet ja günstig und gut. Nur, dass der Herbert als Rentner eben jetzt noch öfter in Urlaub fahren kann als früher, wenn es denn die Arbeit zulässt. Na: Hat er sich ja auch verdient, der Gute…

Muttertag – Scheinheiligkeit mit floralem Akzent

Heute ist Muttertag. Und ich muss ehrlich sagen: Eigentlich nerven mich diese gesellschaftlichen Pflicht-Termine ziemlich. Wissen Sie, es ist weit weniger die Grundaussage, als vielmehr die sich daraus ergebenden Obligationen, die ich als ziemlich unsinnig empfinde. Klar: Mütter sind toll, Mütter haben ihre Kinder groß gezogen, ja, ja, ja…. Aber brauchen wir wirklich irgendwelche Fix-Punkte im Kalender, die uns dazu verleiten sollen, ihnen, unseren Müttern, mal was Gutes zu tun? Ist es nicht vielmehr der gegenseitige Respekt, das „Nicht-Aus-den-Augen-Verlieren“, auf das es wirklich ankommt – und das, während des ganzen Jahres und nicht nur punktuell? Ich persönlich glaube schon.

Nun ergeben sich jedoch aus der schieren Existenz solcher Tage seltsame Auswüchse. So erinnere ich mich daran, dass es in meiner Kindheit zu einem echten Streit zwischen meiner Mutter und ihrer Mutter kam. Und das nur, weil diese sich erdreistete, an just jenem Tage zunächst bei ihrer Schwiegermutter Kaffee zu trinken. Tränen floßen, ‚Nettigkeiten‘ wurden ausgetauscht, ich ins Auto gepackt… Oh wie schön ist Panama…

Und wenn dir dann noch deine fast 90jährige Großmutter einen gefühlten Monat vor dem gesellschaftlichen Großereignis souffliert, dass du doch bitte an den Happy-Mothers-Day-Pflicht-Call denken sollst, spätestens dann wird dir klar, dass zumindest deine Wurzeln im sumpfigen, doppelmoraligen, spießbürgerlichen Mileu zuhause sind, bei dem der schöne Schein einfach mehr zählt als das Sein.

Besonders prekär ist das Ganze, wenn eigenlich gestörte Mutter-Sohn- bzw. Mutter-Tochter-Beziehungen mit einem scheinheiligen Geschenk gekrönt werden (müssen), weil das eben nun mal so erwartet wird …

Wobei: Selbst das süßeste Milka-Herz kann ein gebrochenes Kinderherz nicht mehr heilen. Vergessen wir nicht: Die Tatsache allein eine Mutter zu sein, macht noch lange keine gute Mutter aus. Es gibt eben auch bösartige, gewalttätige und hasserfüllte Mütter, die ihrem Kind nachhaltigen Schaden zufügen. Die Sprösslinge, die in den daraus resultierenden restrektiven Lebenswelten aufwachsen und sozialisiert werden, müssen sich im Erwachsenenleben mit allerlei Selbstzweifeln, Neurosen etc. herumplagen und finden sich nicht selten im Dunst des „Eigentlich hatte sie es ja nur gut gemeint“-Credos wieder, dass einen eigentlichen Katharsis-Effekt in die mütterlich verschuldete Leidensgeschichte verhindert.

Jeder Topf findet seinen Deckel und für alles scheint es einen Feiertag zu geben. Vatertage, an denen sich die schlechtesten Väter und Noch-Nicht-Väter dieser Welt die Birne zudröhnen, Welt-Nichtrauer-Tage, Namenstage und so weiter. Aber eigentlich ist einer davon so unnötig wie der andere, wenngleich sie auch eine Tendenz unserer Gesellschaft deutlich aufzeigen: Den Wunsch, durch Fremdbestimmung Emotionen zu erwecken. So musst du an Muttertag dankbar, an Weihnachten besinnlich und an Karneval verflixt nochmal fröhlich drauf sein. Auch und gerade dann, wenn du’s eigentlich garnicht bist. Was für ein Quatsch.

Ich will jetzt garnicht mal so sehr auf die kommerzielle Bedeutung des Muttertags hinweisen. Aber: Dass gerade der Verband Deutscher Blumengeseschäftsinhaber diesen Tag in Deutschland im Jahr 1922 eingeführt hat, spricht doch Bände, oder? Ja, und die Floristenverbände haben eben einen Sonntag im Mai zum Muttertag festglegt. Vielen Dank dann für die Blumen.

Putin auf Kriegszug: Im Osten nichts Gutes.

Da schaue ich mir dieser Tage das Treiben auf der weltpolitischen Bühne an, und spüre in mir unweigerlich ein klammes, kaltes Zittern hochsteigen. Im Osten – von den unendlichen Weiten der sibierischen Steppe bis zur quirligen Metropole Moskau – brauen sich dunkle Wolken zusammen. Der kalte Nordwind malt ein düsteres Bild, das mich an eine Situation meiner Kindheit erinnert, in der der Konflikt zwischen Ost und West, zwischen Kommunismus und Kapitalismus auf seinen brandgefährlichen Höhepunkt zusteuerte. Damals spielte ich auf dem Fußboden unseres Wohnzimmers mit Bauklötzen, der Fernseher lief und ein Nachrichtensprecher berichtete in fast schon millitärischem Ton, dass ein amerikanisches Schiff – oder war es ein U-Boot? – in russische Gewässer eingedrungen sei – aus Versehen. So hieß es damals. Ich hatte echte Angst, denn auch wenn ich nicht zuordnen konnte, was hätte geschehen können, so erahnte ich schon als Kind, dass es nichts Gutes sein würde.

„Armes Russland“, titelt der ehemalige Professor für Betriebswirtschaft und Marketing, Hermann Simon, in der FAZ. Und ja, unter der Führung der lustigen Gesellen von Osero, jenem Ort, an dem Wladimir Putin einst eine Datschensiedlung gründete und das feine Netz aus Machenschaften und mafiösen Strukturen knüpfte, scheint Mütterchen Russland ins Verderben zu steuern. Da lässt mich auch das Wissen darum, dass Russland im Jahr 2013 ein erbärmliches Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 2,12 Billionen Dollar erwirtschaftet hat – zum Vergleich: die USA erwirtschafteten im gleichen Zeitraum 16,72 Billionen Dollar – nicht gerade aufatmen. Wirschaftlich gesehen mag Mütterchen Russland am Boden liegen, aber wer weiß schon, wo die Großmacht-Fantasien des Herrn Putin uns und die gesamte Welt noch hinführen. Meine Prognose: Die Krim ist erst der Anfang, die Ost-Ukraine wird folgen. Anderen (noch) unabhängigen Republiken in russischer Nachbarschaft wie beispielsweise Moldawien kann es Angst und Bange werden.

Es ist so eine leise Vorahnung, so ein unruhiges Gefühl, wissen Sie. Die USA und Russland, ging das nicht schon viel zu lange gut? War es nicht ein wenig wie die Ruhe vor dem Sturm? Und nun schlägt Putin mit eiserner Faust auf den Tisch, und repräsentiert das, was viele Russen einst mit Stolz erfüllte: ein starkes, mächtiges Land mit territorialen Ansprüchen.

Fest steht: Die Gräben sind wieder tiefer geworden zwischen Ost und West. Und während ich mich an die guten alten James Bond-Filme erinnert fühle, in denen der Spion mit der Lizenz zum Töten den böse Kommunisten bekämpft, mag ich kaum glauben, dass da ganz leise ein realer Krieg apokalyptischen Ausmaßes heraufzieht.

Seltsame Filmfetzen spielen sich in meinem Kopfkino ab. Ich denke an einen kleinen Mann aus dem österreichischen Braunau, der mit seinen irren Allmachtsfantasien den größten Vernichtungsfeldzug entfachen sollte, den die Menschheit im letzten Jahrhundert je gesehen hatte. Doch zuvor lag Deutschland am Boden. Auch damals erzeugten vermeintlich weltoffene olympische Spiele ein trügerisches Bild von einem Land, in dem längst die Tyrannei Einzug gehalten hatte. Vielleicht sollten sie die Welt in Sicherheit wiegen vor dem längst beschlossenen Inferno.

Es ist der giftige Cocktail aus Hunger und Not, der nationalen Gedanken den Weg bereitet – damals wie heute – und von dessen verheißungsvollem todbringenden Rezept auch Putin profitiert. Doch es geht dem gebürtigen Leningrader nicht darum, die Krim heimzuführen, sondern, so denke ich, um die Entfesselung eines Krieges an sich.

Nein, ich glaube nicht daran, dass sich die Risse dieses Mal auf diplomatischem Parkett kitten lassen. Es wird der erste Krieg sein, der unsere Generation im Mark erschüttern wird, von dem wir nicht nur aus den Nachrichten erfahren. Denn dieses Mal werden wir ihn spüren, ihn fühlen, ihn riechen mit all seinem Blut und Tod. Und alles wird sich ändern – einfach alles.

Ein Mann namens Putin hat sich angeschickt, die Weltordnung zu verändern. Die USA führen erste Luftwaffen-Manöver über Polen durch. Der Republikaner John McCain sprach sich unlängst dafür aus, die Ukraine mit Waffen zu versorgen. „Was wäre, wenn Hitler damals im Besitz der Atombombe gewesen wäre?“, frage ich mich. Putin und die USA haben jedenfalls einige, das ist sicher.

Ja, ich habe Angst und wünschte, wieder Kind zu sein, nichtsahnend und unbesorgt. Und ich denke an die bedrückende Stimmung in Büchners Woyzeck:


WOYZECK: Andres, wie hell! Ueber der Stadt is alles Glut! Ein Feuer faehrt um den Himmel und ein Getoes herunter wie Posaunen. Wie’s heraufzieht! – Fort! Sieh nicht hinter dich!

ANDRES: Woyzeck, hoerst du’s noch?

WOYZECK: Still, alles still, als waer‘ die Welt tot.

aus Georg Büchners „Woyzeck“

Facebook – oder die Sehnsucht zu gefallen

Wenn ich mir das Gesicht der neuen digitalen Welten ansehe, ist es unverkennbar: Die Maschen des Netzes werden zunehmend enger geknüpft – determiniert von der vorgegebenen Schlagzahl globaler Datenriesen, die nach der Prämisse jedes wirtschaftlich denkenden Unternehmens durch den Netzstrom segeln. Gut ist, was Geld bringt. Und Geld, das bringen vor allem Userdaten. Die Spurensuche der Unternehmen beginnt beim nachmittäglichen Online-Ausflug in die unerschöpflichen Shopping-Tempel à la Amazon und Ebay und endet bei den bevorzugten Youtube-Videos von Lieschen Müller. Wir hinterlassen bei unseren digitalen Streifzügen Fragmente, und die wollen gesammelt und verfolgt werden. Was sich daraus ergibt, ist weit mehr, als der in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts befürchtete „Gläserne Mensch“. Es ist ein digitales Abbild unserer Persönlichkeit, unserer Ängste und unserer Bedürfnisse.

Und an diejenigen, die immer noch glauben, das alles geschehe auf freiwilliger Basis: Zunächst einmal gilt es festzuhalten, dass mit der Erschaffung sozialer Netzwerke ein zutiefst unsoziales Medium geboren wurde. Denn mit zunehmender Verbreitung und wachsender Akzeptanz der Social Newsfeeds stieg auch der individuelle Druck, in dieser „brave new world“ miteinander vernetzt zu sein. Gruppenpsychologisch war und ist es äußerst schwer, einem solchen Massenphänomen wie Facebook zu widerstehen. Denn alle Welt ist drin und Menschen sind bekanntlich Herdentiere, wollen nicht außen stehen.

Soziale Netzwerke setzen an dem menschlichen Bedüfnis zur Kommunikation an, ihre samtene Verheißung ist zu süß, um ihr offline standzuhalten. Wo egozentrische Selbstdarstellung die Wichtigkeit des eigenen Seins suggeriert, ist die Jagd nach dem „Gefällt mir“ zum längst verzerrten Sinnbild falscher Freundschaft geworden. Haben einst dialogischer Austausch und gemeinsame Erlebnisinhalte zu einer persönlichen Bindung geführt, reicht nun ein Klick, um User zu adden oder aus dem surrealen Bekanntenkreis zu verbannen. Wer braucht da noch Lagerfeuer und Staudämme an ungezähmten Waldbächen?

Soziale Showrooms bieten uns den großen Auftritt im Kleinen, die Präsentation unseres Lebens nach unseren Vorstellungen. Und ist eine Impression mal nicht ganz stimmig, legen wir einfach den passenden Instagram-Filter darüber. So verschmelzen die Rollen vom Protagonisten und Zuschauer zu einer seltsamen Online-Symbiose, in der jeder alles beurteilen, kommentieren und liken kann. Grenzen von privat und öffentlich, von nah und fern brechen, und die Privatsphäre weicht auf in einem scheinbaren Schonraum, der von gut gewillten Bekannten beölkert wird, die ja nur das Beste wollen. Aber in dieser Arena der Eitelkeiten zählt nur das Sehen und Gesehen werden. Und so verkommt der mitteilsame Datenstrom, die Teilnahme an Veranstaltung X und Foto Y zu einem unruhigen Grundrauschen in der Weite des Netzes, das nur obeflächlich an das große Publikum harantritt.

Ja, wir zahlen einen hohen Preis für jedes Like, nämlich die Aufgabe unserers inneren Selbst, wollen lieber nur noch äußerlich gefallen, als zu polarisieren und gegen den Strom zu schwimmen. Der Transaktionsanalytiker Eric Berne beschrieb bei seinem an die Psychoanalyse angelehnten Therapiemodell, dass jedem Mensch das Bedürfnis nach seelischen Streicheleinheiten, nach den sogenannten Strokes, innewohne. Und sind es nicht diese Strokes, das positiv konnotierte Feedback-Erlebnis in Form von „Likes“, die uns Menschen in der Sphäre des Netzes zu der Illusion verleiten, einzigartig und wahrhaftig zu sein?

Hier schließt sich der Kreis zum Kommerz. Denn wo Menschen sich produzieren um zum Feedback zu provozieren, werden aus dem Wunsch nach Anerkennung und Sinnhaftigkeit stets verwertbare Online-Portfolios vieler Milliarden Leben.

Dabei stehen wir erst ganz am Anfang. So wird der „Gefällt mir“-Button längst als Indikator für Werbende genutzt, um die werberelevante Zielgruppe mit einschlägigen Botschaften zu befeuern. Die großen Online-Unternehmen wissen um ihre Macht und nutzen ihren Vorsprung durch Technik unverholen aus. Nicht erst seit der NSA-Affäre werden Userdaten an Drittunternehmen weitergereicht, ziehen wirtschaftliche Interessen auf die vernetzte Spielwiese ein. Die Effekte gleichen denen auf weltpolitischer Bühne. So erstreben einige wenige große Unternehmen in einem digitalen Imperialismus die Weltherrschaft an.

Dabei ist das Internet der Dinge das nächste zu erobernde Brachland. Ob Augenlinse, die den Blutzuckerspiegel misst, künstliche Intelligenz oder zentral gesteuertes Heizungsthermostat: Auch der Gigant Google arbeitet kontinuiertlich daran, den Sprung von dem Bildschirm ins echte Leben und in unser Zuhause zu schaffen. Dabei möchte ich dem Konzern im kalifornischen Mountain View garnicht mal eine böse Absicht unterstellen – jedenfalls noch nicht. Vielmehr möchte ich mich für einen maßvollen und kompetenten Umgang mit den uns zur Verfügung stehenden Online-Ressourcen aussprechen. Denn für jedes „Gefällt mir“ zahlen wir einen hohen Preis.